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Haferflocken

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10.02.2000
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Haferflocken

Auf dem Kühlschrank entdecke ich die Haferflocken. Eine 500g-Packung. Sie steht auf dem Abluftgitter und ich rücke sie einige Zentimeter nach vorne. Mir fällt plötzlich ein, was meine Oma mir fast täglich als Mittagessen auf den Tisch stellte, wenn ich gegen halb eins vom Kindergarten kam: Haferflocken mit Kondensmilch und Zucker. Der klebrig-süße Geschmack hängt mir heute noch im Mund und seitdem esse ich Haferflocken nur noch, wenn sie einen verschwindend kleinen oder unsichtbaren Anteil an der Speise einnehmen. Aus einem Reflex heraus zwirble ich den Drahtverschluss auf und schaue in die blaue Verpackung. Zwischen den Haferflocken tummeln sich Larven von Lebensmittelmotten und deren Spinngeflecht hat Flocken und Larvenhüllen zu einem kunstvollen Gebilde verbunden. Ich schmeiße die Packung in den Mülleimer und sehe auf die Uhr. Halb sieben. Der Radiowecker auf der Ablage springt an und im Flur höre ich Elisas Schritte. Sie tritt in die Küche und schaltet die Kaffeemaschine ein.

»Morgen«, sagt sie zum Hängeschrank vor ihrem Gesicht.
»Morgen«, antworte ich. »Da standen Haferflocken auf dem Abluftgitter vom Kühlschrank. Hab sie weggerückt. Die warme Luft muss ja weg.«
»Schön«, entgegnet sie. »Und wo sind die Haferflocken?«
»Im Mülleimer. Waren voller Motten.«
»Toll. Müsste man halt mal essen, die Haferflocken.«
»Ich esse keine Haferflocken. Das weißt du doch.«
»Was ich alles so weiß …«
Sie drückt auf den Knopf „Extra starker Kaffee“ und die Maschine beginnt zu mahlen. Ich schweige. Gegen die Maschine komme ich nicht an. Lieber schalte ich den Radiowecker aus.
»Warum schaltest du aus?«, will Elisa wissen und holt die Milch aus dem Kühlschrank.
»Zu viel Lärm. Kaffeemaschine und Radio. Ich hätte es gerne ruhig.«
Sie stellt die Milchpackung ein wenig zu laut auf den Kühlschrank, dreht sich kurz um und blickt mich mit eindringlichem Blick an. Ich kann förmlich die Unmenge an Gedanken hinter diesen Augen sehen und wie sie wilde Kombinationen formen, die mir ausgesprochen bestimmt nicht gefallen. Es klackt und die Maschine wirft das ausgepresste Kaffeepulver aus. Elisa gießt einen Schluck Milch in die Tasse. Sie setzt sich an den Tisch, knabbert einen Nagelfetzen von ihrem Daumen und trinkt einen Schluck Kaffee.
»Was machst du heute?«, will sie wissen. Es ist ihr Code, mit dem sie andeutet, dass sie arbeiten geht und ich zuhause rumsitze. Ich beschließe, das Spiel heute Morgen nicht mitzumachen, denn meistens antworte ich mit „Nichts“, was der Realität recht nahe kommt.
»Ich geh rüber zu Hartmanns und geb dem Jungen ein wenig Computerunterricht.«
Elisas Hand, in der sie die Tasse hält, stoppt auf halbem Weg zum Tisch.
»Warum das?«
»Na, Heinz hat mich gebeten, seinem Jungen zu helfen. Der braucht ja irgendwie mal ein paar Perspektiven. Hauptschule abgebrochen, von hier nach da durchgereicht, CJD, Caritas, AWO, alle verdienen sie Geld an ihm auf Staatskosten, aber er kommt immer in dieselben Kurse, die nichts bringen. Der Junge braucht individuelle Förderung.«
Elisas Blick ist seltsam ausdruckslos. Sie schlürft an ihrem Kaffee.
»Und du bist der individuelle Förderer?«, fragt sie mit spöttischem Unterton. Aber vielleicht bilde ich mir das nur ein. Trotzdem schweige ich.
»Wenn du für dich selbst oder mich oder uns genau so viel tätest, wäre das ja mal ein Lichtblick.«
Ich denke an die Haferflocken im Mülleimer. Ich muss später unbedingt den Müll runtertragen, bevor die Motten aus der Tüte entkommen.
»Hab schon verstanden«, sagt Elisa in ätzendem Tonfall. »Der Herr schweigt.«
Ich ziehe tief die Luft ein. Also doch im Spiel.
»Was soll ich deiner Meinung nach denn heute tun?«
Elisa verdreht die Augen.
»Was eben wichtig ist! Geh zum Venenarzt. Wie lange ist das schon her? Sechs oder sieben Jahre? Vielleicht hat sich ja was getan mit deinen Venenklappen. Da muss man doch mal wieder draufschauen!«
»Da hat sich aber nix getan. Sieht immer noch gleich scheiße aus. Tut immer noch gleich weh, wenn ich knie oder lange stehe. Was sollen die Ärzte mir Neues sagen?«
Ich stülpe ein wenig die Lippen vor und imitiere meinen Hausarzt. 'Joa, immer schööön de Strömp anzieje, damit et Wasser nit in de Beine bliev.'
Elisa schüttelt den Kopf.
»Und was ist mit der Klinik? Du wolltest doch eine andere Klinik aufsuchen und mal fragen, ob die mit deinen Dingens, deinen Depressionen umgehen können.«
»Das Dingens nennt sich Rezidivierende depressive Störung, mittelgradig
»So etwas kannst du dir merken. Aber wenn ich dich bitte, dieses oder jenes zu erledigen, das vergisst du immer.«
»Nicht immer«, erwidere ich, bereue es aber sofort. Wir sind schon wieder über die Linie hinaus. Also starre ich auf ihre Tasse. Ihre Hände, die schlanken Finger. Sie hat schöne Hände, denke ich. Immer noch. So etwas verschwindet wohl nicht. Auch wenn wir beide uns kurz vor den Sechzigern befinden.
»Ich muss gehen!«
Elisa steht mit einem Ruck auf, stopft Schlüssel und Handy in ihre Tasche und verschwindet im Flur. Kurz danach höre ich ihr „Tschüss“ und das Zuschlagen der Wohnungstür. Ich schalte das Radio wieder ein und wechsle von WDR II zum Deutschlandfunk.
»… ich verstehe gar nicht, was die Leute wollen?«, fragt der Interviewte. Der Morgenmoderator ist ziemlich schlecht. Der AfD-Mann, den Namen habe ich schon wieder vergessen, soll erklären, warum die AfD immer noch kein Rentenkonzept hat. Doch der Reporter bringt es nicht. Also drehe ich dem Radiowecker wieder den Saft ab und dem Küchenlicht ebenso. Vorsichtig stelle ich mich hinter den Vorhang des Küchenfensters und schaue hinunter auf die Straße. Nicht viel los. Merheimer Straße in Nippes, gegenüber der Luther-Kirche. Die Kastanien auf dem Kirchenvorplatz sind immer noch Wintergerippe. Mit Heinz habe ich ausgemacht, dass ich gegen zehn Uhr zu ihm rüberkomme. Zeit genug, um noch mal ins Bett zu gehen.

*​

Elisa kommt fluchend zur Tür herein. Es ist schon seit geraumer Zeit dunkel. Draußen und in der Küche. Sie macht ziemlich viele Geräusche, hustet, die Schuhe fliegen gegen die Sockelleiste, sie zieht die Nase andauernd hoch. Dann geht die Küchentür auf.
»Scheiße«, sagt sie und schaltet das Licht an.
Elisa stutzt als sie mich entdeckt. Sie atmet tief ein.
»Gott! Hast du mich jetzt erschreckt! Muss das sein?«
»Entschuldigung. War keine Absicht.«
»Warum sitzt du hier in der dunklen Küche?«, will sie wissen, wartet aber meine Antwort nicht ab. »Ist ja auch egal. Hilf mir wenigstens die Sachen einräumen.«
»Warst du einkaufen?«
Sie stemmt die Hände in die Hüften und fixiert mich.
»Ja! Ich war einkaufen. Du gehst ja nicht einkaufen und schleppst das Zeug nach Hause. Im Flur stehen zwei Taschen. Vielleicht kannst du den Kram ja einräumen.«
Ich nicke und hole die Taschen, stelle beide auf den Küchentisch und räume ein, was Elisa eingekauft hat. Es wäre jetzt falsch, ihr zu sagen, dass wir noch genug Papiertaschentücher haben und ich beim Kochen nie Gemüsebrühe verwende.
»Wie war es bei der Arbeit?«, frage ich sie.
Elisa schaltet den Wasserkocher an. Für einen kurzen Moment legt sie den Kopf zur Seite. Es hat den Anschein, als dächte sie über den Tag nach oder lauschte einer inneren Stimme. Mit zwei Pack Butter in meiner rechten Hand überlege ich kurz, ob ich sie berühren soll. Ich stelle mir vor, meine freie Hand an ihren Nacken zu führen und mit dem Daumen hin und her zu fahren. Es klackt und Elisa gießt Wasser in eine Tasse, hängt einen Beutel Fencheltee hinein und dreht sich um.
»Was ist? Haben wir noch Butter?«
»Nur ein Päckchen. War gut, dass du Butter gekauft hast.«
Sie setzt sich an den Tisch, stellt die Tasse vor sich und ich räume den Rest weg.
»Wie war es bei Heinz und seinem Jungen? Wie heißt er noch mal?«
»Heinz war da. Sein Junge aber nicht. Er heißt Christoph.«
Elisa lacht kurz, zieht am Teebeutel, lässt ihn wieder los, zieht ihn wieder hoch.
»Das war ja so klar«, flüstert sie.
»Der Junge ist abgehauen«, sage ich.
»Wie? Abgehauen? Wie alt ist er denn? Doch mindestens schon achtzehn oder neunzehn.«
»Neunzehn.«
»Mit neunzehn kann man abhauen. Was sagt Heinz?«
»Heinz ist …«
»Der ist doch schon ein paar Mal abgehauen, wenn ich mich recht erinnere. Oder?«
»Ja«, bestätige ich und vermeide zu sagen, dass wir schon mal gemeinsam nach Christoph gesucht haben, mit Heinz auf dem Rücksitz unseres Autos. Mir fällt gerade auf, wie oft ich Elisa in den letzten Monaten etwas NICHT sage, ihr NICHT antworte, NICHTS erwidere. Als wäre sie das stürmische Meer und ich ein Land ohne Deiche.
»Schon drei Mal in den letzten acht oder neun Jahren. Und Heinz geht es nicht gut. Er trinkt wieder.«
Elisa nimmt den Teebeutel aus der Tasse und wirft ihn ins Spülbecken. Sie schüttelt den Kopf.
»Was heißt ‚wieder‘? Hat er schon mal aufgehört mit trinken?«
»Er hatte es schon mal besser im Griff als im Moment. Ja.«
Elisa nickt und schlürft von ihrem Fencheltee.
»Hast du was zu essen gemacht? Ich habe Hunger.«
Ich nicke, nehme den Topf aus dem Kühlschrank und zünde ein Gasfeld.
»Was gibt es?«
»Ratatouille. Ist gleich fertig. Ruh dich ein wenig im Wohnzimmer aus. Ich bring dir dann eine Schüssel.«
Elisa nickt.

*​

Ich spüle beide Schüsseln und koste noch einige Löffel von der köstlichen Ratatouille direkt aus dem Topf, bevor ich ihn wieder in den Kühlschrank stelle. Es ist schon kurz nach einundzwanzig Uhr. Aus dem Wohnzimmer kommen gesetzte Stimmen. Das heute-Journal vielleicht, im Fernsehprogramm bin ich nicht so bewandert. Ich schalte das Licht aus und stelle mich ans Fenster. Alles sieht aus wie heute Morgen. Dunkel, ob früh oder spät, das macht wohl keinen Unterschied. Kastanien und Kirche sind wie aus einem Brei, kaum Konturen, wäre da nicht der gelb angeleuchtete Kirchturm. Ich muss mich setzen. Meine Beine tun weh. Wie ein dauernder Muskelkrampf. Vielleicht hat Elisa recht, und ich sollte mal wieder einen Arzt aufsuchen. Gut möglich, dass sich medizinisch was getan hat, so schnell wie sich die Medizintechnik seit einigen Jahren entwickelt. Ja, vielleicht, denke ich, eventuell nächste Woche, wenn ich mehr Zeit habe. Dann stehe ich auf und gehe ins Wohnzimmer.
»Ich habe doch Zeit«, flüstere ich leise.
Elisa schläft und schnarcht dabei wie ein Holzfäller. Der Hauptgrund, warum wir getrennte Schlafzimmer eingerichtet haben. Ich schnarche wohl auch, behauptet Elisa. Vorsichtig tippe ich auf ihre Schulter.
»Elisa. Aufwachen. Komm, geh ins Bett. Sonst bist du morgen früh wieder gerädert.«
»Hm.«
»Aufwachen. Elisa!«
Ungehalten dreht sie sich auf die Seite.
»Lass mich einfach. Ich geh dann schon ins Bett.«
Es noch einmal zu probieren, würde sie ziemlich reizen. Also lasse ich sie liegen. Wie meistens.
»Ich mach den Fernseher aus. Gute Nacht.«
»Hm.«
Das Licht dimme ich auf ein Minimum, schalte die Steckerleiste aus und mit einem Blick auf Elisa unter ihrer roten Steppdecke verlasse ich das Wohnzimmer.

Es war ein Fehler, die Kompressionsstrümpfe nicht auszuziehen. Manchmal kommt es vor, dass ich mich dazu beim Zubettgehen nicht aufraffen kann. Klasse-III-Strümpfe sind wie Stahlmanschetten. Die Uhr zeigt kurz nach zwei und ich bin wieder wach. Die Entwässerungstabletten sorgen dafür, dass ich wesentlich öfter pinkeln muss als noch vor Jahren. Aber Kompressionsstrümpfe im Bett nicht auszuziehen, verstärkt diesen Effekt noch. Seufzend stehe ich auf. Das Rollo ist noch offen und im schwachen Schein der Straßenlaterne zeichnet sich die blütenlose Orchidee auf dem Fensterbrett ab. Leise trete ich hinaus auf den Flur, werfe einen Blick in Elisas Schlafzimmer, aber das Bett ist leer. Dafür kommen aus dem Badezimmer Geräusche, die elektrische Zahnbürste. Licht fällt durch die nicht komplett geschlossene Tür. Ich räuspere mich laut, bevor ich hinein gehe, um sie nicht zu erschrecken. Elisa schaut in den Spiegel, schaltet die Zahnbürste aus. Ihr Blick geht durch mich hindurch.
»Ich habe versucht dich zu wecken«, erkläre ich ihr, »aber du bist nicht aufgestanden.«
»Mhm.«
Sie spuckt aus, spült nach und trocknet sich ab. Langsam setze ich mich auf den Rand der Badewanne. Elisa nimmt sich eine ihrer Cremetuben aus dem Spiegelschränkchen, drückt etwas auf ihre linke Hand und verreibt es im Gesicht.
»Warum schläfst du nicht?«, will sie wissen.
»Ich hab vergessen die Strümpfe auszuziehen. Jetzt muss ich wieder pinkeln.«
»Wie kann man vergessen, diese Folterinstrumente auszuziehen? Die schnüren doch alles ab!«
Ich hebe meine Unterschenkel an. Die Knöchel sind trotz allem noch ein wenig geschwollen.
»Du hattest einfach mal wieder keine Lust, nicht wahr?«, fährt sie fort.
»Kann gut sein.«
Sie zieht deutlich die Luft ein und verdreht ihre Augen. Die olivfarbene Creme steht ihr im gelben Licht des Spiegelschränkchens nicht sehr gut.
»Wird es wieder schlimmer mit dem Nichtaufstehen und der Unlust?«
»Langsam.«
»Du weißt, was ich davon halte. Du lässt dich hängen. Deswegen schaffst du es noch nicht mal mehr, den Ablauf unter der Spüle zu ersetzen, weil du dich nicht mehr hinknien kannst, ohne gleich Schmerzen zu bekommen. Wir müssen extra Geld ausgeben für den teuren Klempner.«
»Ich kann es eben nicht mehr.«
Elisa stellt Zahnpasta und Creme ins Schränkchen, fährt mit dem Handtuch über das Waschbecken und wirft es in den Wäschekorb.
»Du kannst gar nichts mehr«, sagt sie mit dem Rücken zu mir gewandt. Sie verlässt das Bad und das Licht geht aus. Bevor ich protestieren kann, schaltet sie es wieder ein. Mein Drang zu pinkeln ist verschwunden. Es riecht nach dieser olivfarbenen Creme.

*​

Es klingelt an der Wohnungstür, aber ich öffne nicht. Ich bin noch nicht mal aufgestanden. Vielleicht der Postbote oder Heinz von nebenan. Auf der Seite liegend, die Decke bis auf Höhe der Ohren gezogen, stelle ich mir vor, weit weg zu sein. Nicht auf diesem Planeten. Alleine vor einem der vielen Nebel draußen im All. Bis an mein Ende diese schweigende Schönheit genießen. Es klingelt wieder. Mehrmals hintereinander. Der Postbote kann es nicht sein. Einmal klingeln, dann die Karte. Vielleicht Heinz. Ich habe es ihm versprochen, denke ich. Also stehe ich auf, ziehe mich an und öffne die Tür. Aber es ist niemand zu sehen. Ich drücke mit dem Fuß die Schmutzmatte in den Falz und klingele bei Heinz gegenüber, aber es tut sich nichts. Wohl doch an der Haustür unten. Zurück im Flur drücke ich auf den Knopf für das Öffnen der Haustür und jemand kommt eilig die Treppe hoch. Ein junger Mann mit einer Werkzeugtasche und einem ungeöffneten Beutel voller Teile für den Küchenabfluss.
»Tag«, sagt er, »dachte schon, es sei niemand daheim. Anfahrt hätte dann 25 € gekostet.«
»Ich wusste nicht, dass Sie kommen.«
»Sie haben aber doch angerufen, oder?«
»Das war dann wohl meine Frau.«
»Hat sie die Hosen an, was?«, fragt er süffisant.
»Mir egal, wer die Hosen anhat. Kommen Sie rein.«
Er grinst und ich zeige ihm die Küche. Es dauert keine zehn Minuten.
»So! Wie neu«, meint er und hält mir ein Blatt vors Gesicht.
»Bitte unterschreiben.«
»Da steht, Sie waren 30 Minuten hier.«
»Natürlich stehen da 30 Minuten. So berechnen wir. Angefangene halbe Stunde immer voll.«
Ich unterschreibe.
»Rechnung kommt.«
»Das bezweifle ich nicht.«
Er reißt den Durchschlag ab, schaut mich an und grinst dabei bis über beide Ohren.
»Dafür nehme ich auch die alten Teile mit. Ist Service.« Sprachs und drehte sich um. Die Tür fällt ins Schloss. Stimmt, früher hätte ich es selbst gemacht. Aber ich kann ja nichts mehr. Der Radiowecker zeigt elf Uhr. Ich lege ich mich wieder ins Bett.

Es ist schon wieder dunkel, als ich einen Schlüssel in der Wohnungstür höre. Es ist Elisa mit ihren üblichen Geräuschen, das Hochziehen der Nase, Schuhe klappern an der Sockelleiste, sie geht in die Küche, dann ist es still. Ich drehe mich auf die andere Seite, der Wand zu, das wenige Licht von draußen lässt mich kaum etwas erkennen. Es müsste gegen neunzehn Uhr sein. An was soll ich denken? Welche meiner Erinnerungen ist es wert, hervorgeholt zu werden? Mir fällt nichts ein und denke lieber an Heinz und seinen verschwundenen Sohn. So viele Jahre wohnen wir schon nebeneinander, redeten auf dem Hof miteinander, aber nie kamen Elisa und besonders ich auf den Gedanken, dass mit seinem Sohn etwas nicht stimmen könnte. Die Tür geht leise auf. Ich atme ganz flach. Elisa sieht nach, wo ich bin, kurz nur, dann schließt sie die Tür wieder und ich höre sie ins Wohnzimmer gehen. Sie schaltet den Fernseher an und dank ihrer leicht verminderten Hörfähigkeit stellt sie ihn so laut, dass ich das Programm ebenfalls mitbekomme. Werbung, RTL, dann eine Soap mit seichten Dialogen und schmerzfreien Problemen. Ich spüre Tränen kommen. Das Licht eines vorbeifahrenden Autos streift durch mein kleines Zimmer.

Wieder ist es mitten in der Nacht. Da ist eine nasse Stelle auf meinem Kissen. Ich habe geweint, erinnere mich aber kaum daran. Dann bin ich wohl eingeschlafen? Etwas rumpelt im Flur. Elisa? Meine Blase drückt und das rechte Bein schmerzt, weil es etwas unglücklich auf dem anderen lag, während ich schlief. Druckstellen. Ich stemme mich hoch und seufze. Schon wieder halb drei. Ein großer Teil der Welt schläft, aber ich bin wach. Vorsichtig stelle ich mich auf die Füße, schlüpfe in die Hausschuhe und gehe ins Bad. Elisa steht vor dem Spiegel, die Hände auf dem Waschbecken. Sie stützt sich ab.
»Elisa? Was ist mit dir? Alles in Ordnung?«
Sie antwortet nicht, sieht mich auch nicht über den Spiegel an. Es ist, als stünde eine leere Hülle vor dem weißen Porzellan. Vorsichtig setze ich mich wieder auf den Wannenrand. Nach ein paar Sekunden lege ich eine Hand aufs Waschbecken.
»Elisa? Geht es dir nicht gut?«
Ein leichtes Zittern durchläuft ihren Körper. An der Tür hängt ihr Bademantel. Ich ächze beim Aufstehen. Das verdammte Bein! Mit einer Hand ziehe ich Elisas Bademantel vom Haken und hänge ihn über ihre Schultern.
»Die Firma macht nächste Woche zu«, sagt sie tonlos.
»Du meinst, sie machen dicht? Insolvent?«
Ich setze mich wieder und sie tut es mir nach, sitzt neben mir, so nah, wie schon lange nicht mehr. Ich ertappe mich bei einem Gefühl von Unbehagen, und doch mag ich das Frottee an meinem Oberarm.
»Ja. Insolvenz. Niemand hat irgendwas gesagt von denen da oben. Heute ist die Bombe geplatzt.«
»Wie lange bist du schon dort? Knapp dreißig Jahre, oder?«
»Vierunddreißig Jahre.«
»Ein halbes Leben.«
Elisa nickt.
»Ja, ein halbes Leben. Mein halbes Leben. An die erste Hälfte kann ich mich nicht mehr erinnern, und die zweite Hälfte haben sie mir jetzt genommen.«
Elisa steht auf und verlässt das Badezimmer.
Ich traue mich nicht, ihr zu folgen, leere meine Blase und gehe wieder ins Bett. Liege in der Dunkelheit, starre an die Decke.

*​

Elisa ist weg. Es ist kurz vor zehn Uhr am Morgen und die Türklingel im Flur schrillt. Ich öffne die Tür und Heinz lehnt wie ein Häuflein Elend am Geländer. Seine Wangen sind eingefallen.
»Heinz … komm rein.«
Er stemmt sich vom Metall weg und schleicht mehr als er geht in den Flur. Ich drücke ihn in die Küche.
»Setz dich, bitte!«
Die Tasse in der Kaffeemaschine fülle ich mit einem Espresso und stelle sie vor Heinz auf den Tisch.
»Trink mal einen kräftigen Schluck!«, fordere ich ihn auf. Aber Heinz ignoriert es.
»Mein Sohn hat Scheiße gebaut«, platzt es aus ihm heraus.
»Ist er denn wieder aufgetaucht?«
Heinz nickt.
»Mehr oder weniger. Bei der Polizei ist er wieder aufgetaucht. Er sitzt in U-Haft.«
»Wegen was?«
»Raubüberfall mit Körperverletzung.«
»Raubüberfall mit Körperverletzung?«, frage ich erstaunt, das Bild seines Sohnes vor Augen. »Das kann ich mir gar nicht vorstellen.«
»Es hat mit mir zu tun. Mit meiner Sauferei.«
Er wird noch ein Stückchen kleiner, fast liegt sein Kinn auf der Tischplatte.
»Sag das nicht … du hast dir immer Mühe gegeben. Das weiß ich. Mehr Mühe als manch dauernüchterne Pseudoeltern.«
Heinz schließt die Augen, atmet schwer und langsam die Luft aus. Fast sehe ich diese zentnerschwere Last auf seiner Brust, wie sie auf ihm klebt, seit Jahren. Es piept zwei Mal. Er holt sein Telefon aus der Hosentasche, tippt etwas hinein und steckt es wieder weg.
»Ich muss los«, sagt er und steht auf. »Ein Rechtsanwalt von der Anwaltshilfe will sich mit mir auf dem Revier treffen.«
Ich sehe zu ihm hoch.
»Lass es mich wissen, wenn ich dir irgendwie helfen kann.«
Er nickt und verschwindet. Die Tür fällt ins Schloss. Eine unangenehme Stille breitet sich in der Küche aus. Unerträglich fast. Als säße ich zwischen brennenden Holzscheiten und der einzige Weg ins Freie bestünde aus einem Berg Reißzwecken. Da steht immer noch der Espresso. Ich trinke ihn leer und gehe wieder ins Bett. Dieses Mal ziehe ich das Rollo nach unten. Es wird dunkel. Die Strümpfe lasse ich an, drehe mich auf die Seite und stelle mir Nebel und Galaxien vor, wie ich daran vorbeigleite, langsam, relativ. Jemand sagt, ich sei aber bis ans Ende aller Tage alleine. Schön, antworte ich, schmerzhaft schön.

Ein Auto hupt unten auf der Straße. Warum? Vielleicht eine Katze? Die Menschen in der Merheimer Straße haben viele Katzen. Wie viel Uhr ist es? Ich bin steif. Jeder Muskel tut weh. Das Umdrehen fällt mir wirklich schwer. Auf der Uhr ist es halb zwölf. Bald Mitternacht. Ich habe Elisa gar nicht gehört und auch nichts zu essen gemacht. Einfach gar nichts gemacht. Mich meinen Träumen hingegeben. Mühsam stehe ich auf und ziehe mich an, schlüpfe in die Filzschuhe. Meine Augen haben sich an die Dunkelheit gewöhnt. Im Flur brennt kein Licht. Die LEDs des Telefons schicken ein wenig Helligkeit an die Wände. Auch im Wohnzimmer ist es still und dunkel, in der Küche ebenso. Elisa muss im Bad sein. Ich klopfe, um sie nicht zu erschrecken und öffne die Tür. Elisa sitzt auf dem Boden, an die Wanne gelehnt. Fast ein wenig zu aufrecht, läge da nicht ihr Kopf auf der Brust, die Haare verdecken das Gesicht. Ihre Haut ist so fahl wie der elfenbeinfarbene Schimmer der Fliesen. Ich bleibe stehen, denn ich spüre die Kälte, die von ihr ausgeht. Vorsichtig drehe ich mich um und schalte das Licht aus, schließe leise die Tür.
»Ich gehe in die Küche, Elisa«, sage ich. »Was möchtest du essen?«
Es bleibt still. Nichts zu hören im Haus.
In der Küche schalte ich das Licht an. Elisa hat ein paar Sachen eingekauft. Kaffee, Tee, ein wenig Obst und Haferflocken. Eine 500g-Packung.
 
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Mitglied
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24.02.2005
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Hey Morphin,

du schreibst auch gut! Tief im Sinne vor psychologisch stimmig. Der erste Abschnitt war toll, weil wir das alle kennen und weil es so frühkindlich ist - Haferflocken, und wenn man dann die Larven darin sieht, diese Fäden zwischen den Flöckchen. Die gereizte Athmosphäre der beiden beschreibst du auch sehr genau.

Dann habe ich noch ein zwei Abschnitte weitergelesen und habe gemerkt, dass da jetzt weitergelitten wird. Vielleicht sollte besser etwas passieren?

Ich fände es geil, wenn sich stimmungsvolle und handlungspushende Abschnitte abwechseln würden.

BG
Nico

p.s: Lese ein andermal weiter, wenn ich mehr Zeit habe.
 
Monster-WG
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10.07.2020
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Hallo @Morphin,

ich habe deine Story in einem durchgelesen und finde sie sehr stark - "schön" wäre hier das falsche Wort, aber wie du hier langsam und detailliert das Puzzle einer Beziehungs- und Lebensmisere zusammensetzt, das ist sehr gekonnt und sehr beeindruckend.

Besonders sprachlich finde ich den Text - tja, "gelungen"? Jedenfalls passend: Die Sprache ist oft mehr berichtend, konstatierend, und wirkt träge, müde, hier manifestiert sich die Depression des Protagonisten im Text, das ist sehr stark.

Der Text ist lang, ja, aber ich finde, er braucht das. Ich musste an Filme von Ingmar Bergmann denken, langsame, detaillierte Psychogramme. So etwas machst du hier auch und ich finde, du machst es sehr gut.

Flusen habe ich nicht gefunden, dafür drei konkrete Fragen / Ideen:

- Das Alter der Figuren kam für mich zu spät; ich habe mich über die ersten Absätze in einer WG gewähnt. Vielleicht kannst du das irgendwie schon andeuten - vielleicht trägt dein Protagonist einen Bademantel und Pantoffeln oder so?
- Der Titel und die Klammer mit den Haferflocken erschließen sich mir nicht ganz. Haben die Haferflocken eine symbolische oder metaphorische Funktion? Falls ja, muss ich gestehen, dass ich sie nicht erkannt habe.
- Elisas Ende ... ist ein Suizid? So lese ich den Text. Falls ja: Ich glaube, es wäre interessant, Elisas eigene Überlastung etwas deutlicher zu machen. Da bin ich aber unsicher, vielleicht habe ich auch etwas unsensibel über sie hinweggelesen.

Alles in allem: Eine erzählerisch beeindruckende, inhaltlich bedrückende Geschichte. Ich bin froh, sie gelesen zu haben, sie ist nicht einfach, aber wertvoll.

Viele Grüße!

Christophe
 
Senior
Beitritt
10.02.2000
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2.067
Morsche @Nicolaijewitsch,

ja, es wird weitergelitten. Das stimmt. Nach meiner Erfahrung ist es so, dass meist nichts passiert. Das Leid kommt mit leisen Sohlen und schleicht sich in die Beziehungen, die man vielleicht besser nicht eingegangen wäre. Aber wer weiß das schon? Es gibt natürlich auch die Gegenbelege. Ist Weihnachten, da wollen wir nicht ZU pessimistisch sein. Danke fürs Lesen und Kommentieren und ...
... gesund bleiben!
Griasle
Morphin

Salü @Christophe,
in der Tat habe ich gestern das mit diesem Karpaten-Horror von dir angefangen zu lesen, bin aber nicht durchgekommen. Nicht weil es schlecht ist oder mies geschrieben, sondern weil es Horror ist. Ich guck ja nicht mal Horrorfilme. Horror ist ja für mich schon, in den Keller gehen und Kartoffeln holen. Mit King kannste mich scheuchen. Aber das liegt nicht an dir oder am Horror. Ist mein Problem. Muss mal deine Liste durchsehen, ob horrorfreies drin ist ...

Drum umso mehr mein Dank fürs Lesen und Kommentieren. Es werden noch mehr Geschichten mit dem Gevatter Tod folgen, weil es einen Band damit geben wird. Vor einigen Tagen habe ich in der Tat diesen Band geträumt, dass ich ihn mache und auch einige Storys daraus. Sehr seltsam. Aber gut, was raus muss, muss raus. Nein, Elisa hat keinen Suizid begangen. Sie war einfach leer. Den Abend vorher hielt sie sich ja am Waschbecken fest, wie eine leere Hülle. Klar, Insolvenz, Job weg, aber mehr noch ist dann der Sinn weg. Daheim in der Beziehung keinen Sinn mehr, der Sinnlosigkeit erlegen. Der Mensch gibt auf. Eigentlich hätte es IHN erwischen sollen, denke ich als Leser, Depris > Suizid. Aber die Strafe des Überlebens trifft nun ihn. Und er will sie noch nicht mal sehen.

Die Haferflocken, ja, die sind tatsächlich nur ein Anker in eine weit entfernte Realität. Damals, in der Kindheit, als das Leben noch Möglichkeiten bot ...

Mit dem Alter muss ich mir noch überlegen ...

Bis dann und gesund bleiben!
Griasle
Morphin
 
Mitglied
Beitritt
11.04.2020
Beiträge
44
Hi @Morphin

deine Geschichte ist schön tiefgründig. Der Schreibstil passt auch sehr gut zum Text.

Ein paar kleine Anmerkungen:
- zu viele: "will ... wissen". Ich bin da Purist und nehme lieber das schöne "fragen", wenn ein Inquit überhaupt sein muss.

»Und du bist der individuelle Förderer?«, fragt sie mit spöttischem Unterton
Die wörtliche Rede sagt doch alles, da braucht du den "spöttischen Unterton" nicht.

»Hab schon verstanden«, sagt Elisa in ätzendem Tonfall.
Dito. Den ätzenden Tonfall hört man aus dem Text heraus.


»Ich gehe in die Küche, Elisa«, sage ich. »Was möchtest du essen?«
Stark!


lg,
Abi
 
Mitglied
Beitritt
16.12.2020
Beiträge
17
Hi @Morphin,
gutes Bild am Ende, dieses in dem Elisa im Bad sitzt und er macht das Licht aus. Ich stelle mir vor, wie es weitergeht, wie lange sie dort sitzen wird. Vielleicht kommt Heinz irgendwann wieder und nimmt den komischen Geruch wahr. Vielleicht rafft er sich irgendwann auf und ruft einen Krankenwagen. Du bist das Thema gut angegangen, die Geschichte hat mir gefallen. Vielleicht hätte sie noch etwas schwermütger sein können, so das man als Leser anfängt den Protagonisten zu hassen, mit Elisa leidet und am Ende verzweifelt den Text weglegt und den Drang hat aufzustehen und dem eigenen Partner etwas nettes zu sagen, zärtlich eine Geste der Zuneigung zu machen oder einfach nur die kaputte Spüle repariert. Ich glaube Deine Geschichte hat das Potenzial genau dazu. Toll!

Schöne Grüße
Ebbe
 
Senior
Beitritt
10.02.2000
Beiträge
2.067
Moin @Abigail Rook,

besten Dank fürs Lesen und Kommentieren. Ich überdenke deine Vorschläge noch einmal bei der nächsten Überarbeitung. Zur ersten Tipp gehört ja noch ein Gedanke von ihm, der entfiele, wenn ich den Teilsatz rausnehme. Ich überlege ...

Tach @Ebbe Flut,
danke fürs Lesen und Kommentieren. Ich weiß, was du meinst, aber genau das will ich bei diesem Projekt - bei diesem Text - vermeiden. Das meiste draußen im Leben ist Durchschnitt. Potenziale liegen überall versteckt, aber der Alltag überdeckt es. Man denkt: JETZT aber ... und es passiert nicht. Und so ist es draußen in der Welt. Unerträglich, aber real. Das ist die Intention dieser Geschichte - und all der weiteren die noch folgen werden zum Thema.

Griasle an alle und gesund bleiben.
Morphin
 
Senior
Beitritt
12.04.2007
Beiträge
5.888
Was für ein Titel und welch ein Ortsname dazu!

Anfang unseres schönen neuen Jahrtausends war ich mal in Nippes zu einem Vorstellungsgespräch, aus dem ich als Franchisenehmer – das Ende sollte man in deutscher Lautfolge „...scheißnehmer“ wahrheitsgetreu aussprechen. Die angepeilte Adresse musste ich am Bahnhof erfragen und landete in einer Kraterlandschaft von Neubaugebiet. Da kann man nur zum Trinker werden …
Aber Haferflocken werden viel zu wenig beachtet, glutenarm (und somit auch für einen gluteninduzierten, zeitlebens untergewichtigen Enteropathen wie mich) und alles andere als laktoseintollerant und mit einem rohen Ei angereichert keine schlechte Kost gegen Kater, wenn man den Ekel gegen die feuchte Masse überwindet.

Über die Qualität Deiner Schreibe verlier ich kein Wort, ob ich das auf einen oderin einem Zug durchgelsen hab, darfstu mal raten und komme direkt zu den paar Flusen:

Was zuerst auffällt, ist eine Liebe zu dem reflexiven „sich“ wie hier
»Warum schaltest du aus?«, will Elisa wissen und holt sich die Milch aus dem Kühlschrank.
...
Elisa gießt sich einen Schluck Milch in ihre Tasse.
Wobei selbst die erste Nennung – wenn wir noch nicht wissen, dass die Milch drei oder vier Sätze später wieder im Kühlschrank verschwindet – entbehrlich erscheint. Denn das zwote Zitat zeigt doch im Possessivpronomen an, dass es allein für Elisa gedacht ist – und darum ist weiter unten eben das Reflexivpronomen begründet verwendet
Elisa gießt sich Wasser in eine Tasse, hängt einen Beutel Fencheltee hinein. Sie dreht sich um.
Ähnlich wie zu vorletzt weiter unten
Elisa nimmt sich eine ihrer Cremetuben aus dem Spiegelschränkchen,

Ich kann förmlich die Unmenge an Gedanken hinter diesen Augen sehen und wie sie wilde Kombinationen formen, die mir ausgesprochen bestimmt nicht gefallen würden.
Warum Konj. II wenn das schlichte Futur I in seiner binären Wertigkeit unbestimmt genug ist: Es wird ihm gefallen oder eben nicht!

Ich denke an die Haferflocken im Mülleimer. Ich muss später unbedingt den Müll runtertragen, denn für die Motten ist es ein Einfaches aus dem Eimer zu entkommen.
Warum die aufgeblasene Formel/Substantivierung, wenn es für Motten schlicht „einfach“ ist, aus dem Eimer zu kommen - wobei das neutrale "es" ja noch ein Subjekt aufbaut neben den Motten. Es werde Licht oder die altenativ Übersetzung aus den 1920er Jahren: Licht werde und Licht ward.

Es hat den Anschein, als denke sie über den Tag nach oder lausche einer inneren Stimme.
Da ist kein Konj. I, das ist hammerharter Konjunktiv irrealis, Schein statt Sein: „dächte … oder lauschte ...“
Und jetzt ein modischer Höhepunkt deutscher Lautmalerei.

»Hm.« [hm:]
Das Licht … verlasse ich das Wohnzimmer.
»Mhm.«
[m:]¿ (
Wie entfaltet sich das ans Dehnungs-h angeklebte stumme m?

»Ich wusste nicht, dass sie kommen.«
Höflichkeitsform

und da fordert die elf Gleichbehandlung!
Der Radiowecker zeigt 11 Uhr. Ich lege ich mich wieder ins Bett.
...
Es müsste gegen neunzehn Uhr sein.

»Setz dich, bitte.«
Klingt nach mehr als einem bloßen Aussagesatz!

Ähnlich hier
»Trink mal einen kräftigen Schluck«, fordere ich ihn auf.

So, genug geplaudert für heute vom

Friedel
 
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Mahlzeit @Friedrichard,

vielmaligen Dank fürs Lesen und Kommentieren. Zum "Hm-Mhm-Problem" lass uns mal telefonieren, damit ich Dir das vormachen kann.

Rest ist eingearbeitet oder neu geformt. "Franscheißnehmer", das gefällt mir. Nippes war nie ein Favorit unter den Stadtteilen. Agnesviertel, okay, aber dann ist Schluss.

Ich hoffe, alles ist gesund und wünsche ein astreines Wochenende.

Morphin
 
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Nippes war nie ein Favorit unter den Stadtteilen. Agnesviertel, okay, aber dann ist Schluss.

Moment. Du hast Ehrenfeld vergessen. Sülz. Und Deutz und Mülheim natürlich, um auch die Schäl Sick nicht zu diskriminieren. Zum Text sag ich später was.

Gruss, Jimmy
 
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Huch! @jimmysalaryman,

hab ich ja ganz übersehen. Ich meinte "unter meinen Stadtteilen". Jeder hat ja so seine persönlichen Favoriten. Ich bin eher ein Freund der südlichen Teile. Rechte Rheinseite ... wo ist das? :D

Griasle
Morphin
 

CoK

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Hallo @Morphin

Ich war in deiner Geschichte gefangen. Konnte die Küche sehn und den Rest der Mietwohnung. Lebte zwischen dem Ehepaar und konnte mitfühlen.
Ich ging mit ins Badezimmer und sah Elisa kraftlos ohne den Willen jemals wieder aufzustehen. Eine Hülle. Für mich hat sie Selbstmord begangen auch wenn sie noch atmet.
Ein Zombie mehr auf dieser Welt.

Mir hat diese Geschichte sehr gut gefallen. Ich fand sie einfühlsam und bedrückend geschrieben.
Dir gelingt es ein Leben, eine Stimmung in Worte zu fassen so das ich wie bei einem guten Film das Gefühl habe, ich bin dabei.
und am Ende traurig ,dass er schon aus ist.

Lieber Gruß CoK
 
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Hallo Hallöchen @CoK,

meinen besten Dank fürs Lesen und Kommentieren. Dass mit dem Film finde ich gut. Ich stehe auf Kaurismäki-Filme. Man ist dabei. Mittendrin. Leider. Ist oft wie ein Spiegel, und man kann nichts dagegen tun. Nur zusehen. Im Film wie im Leben. Im Zivildienst hab ich mal mit einer alten Dame (knapp 90) zusammen einen Film angeschaut. Wir ham Likörchen getrunken und Erdnüsse gemampft. Es war "La Strada". Ein ganz besonderer Film. Am Ende bedauerte ich, dass er schon vorbei ist und die alte Dame sagte: "Filme müssen enden. So wie das Leben."

Das war ein ganz ferner Gedanke mit 21. Heute nicht mehr.

Griasle
Morphin
 
Wortkrieger-Globals
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Hey @Morphin,

»irgendwo« habe ich heute schon hingeschrieben, dass ich die Geschichte sehr, sehr mag, jetzt bekommste auch noch einen Kommentar dazu, wenn auch wenig bis nichts Kritisches dabei ist. Schätze, damit kannste leben.

Ich stehe auf Kaurismäki-Filme.
Ja. Hier zieht auch alles so hübsch langsam vorüber wie seine Wolken ...

Das ist schon hart, man taucht ein in die Welt dieser beiden Leute und ab irgendwann weiß man, man ist mittendrin in dem Strudel und es gibt keinen Ausweg, da kommt keine Wende mehr, kein Ausgangsschild, kein gnädiger Autor, der in diese Hölle einen Lichtstrahl eindringen lässt, und man bleibt trotzdem oder deswegen dabei und schaut den beiden zu, wie sie vor die Hunde gehen. Und dann fühlt man sich schlecht, weil man weiß, die beiden sind nicht allein, es gibt so viele von ihnen da draußen und irgendwie ist das doch total beschissen und dann guckt man sich um und ist irgendwie froh, dass die eigene kleine Welt doch noch ziemlich intakt ist. Glücklich, wer dies von sich sagen kann. Aber weisste, was ich wirklich sehr geschätzt habe an deinem Text - das Du die beiden ehrlich und auf Augenhöhe miteinander/nebeneinander agieren lässt. Habe ich jedenfalls so empfunden. Beide »Opfer«, beide »Täter« - wenn man das überhaupt so formulieren kann oder darf, jedenfalls haben beide eine Motivation hinter ihrem Handeln und Tun und daraus wächst dann diese Figurendynamik, die am Ende die Geschichte ja trägt und füllt, und das finde ich einfach wirklich gut gemacht. Und es hat mich berührt. Und es ist gut, dass sich die Geschichte die Zeit nimmt, die sie sich nimmt.

»Morgen«, sagt sie zum Hängeschrank vor ihrem Gesicht.
»Morgen«, antworte ich. »Da standen Haferflocken auf dem Abluftgitter vom Kühlschrank. Hab sie weggerückt. Die warme Luft muss ja weg.«
»Schön«, entgegnet sie. »Und wo sind die Haferflocken?«
»Im Mülleimer. Waren voller Motten.«
»Toll. Müsste man halt mal essen, die Haferflocken.«
»Ich esse keine Haferflocken. Das weißt du doch.«
»Was ich alles so weiß …«
Und da ist man mittendrin und dabei und dieser Dialog, dieses morgendliche nicht-miteinanderreden das ahnt man hier schon, ist der Anfang vom Ende oder das Ende vor dem Ende, jedenfalls sind die beiden kaputt. Also die Beziehung. Das ist so trostlos ...

»Was machst du heute?«, will sie wissen. Es ist ihr Code, mit dem sie andeutet, dass sie arbeiten geht und ich zuhause rumsitze. Ich beschließe, das Spiel heute Morgen nicht mitzumachen, denn meistens antworte ich mit „Nichts“, was der Realität recht nahe kommt.
»Ich geh rüber zu Hartmanns und geb dem Jungen ein wenig Computerunterricht.«
Elisas Hand, in der sie die Tasse hält, stoppt auf halbem Weg zum Tisch.
»Warum das?«
Grandios! Da tut er, was sie sich wünscht, was irgendwie einen Funken Hoffnung versprühen könnte - und sie dann so - warum das? Krass.

»Nicht immer«, erwidere ich, bereue es aber sofort. Wir sind schon wieder über die Linie hinaus. Also starre ich auf ihre Tasse. Ihre Hände, die schlanken Finger. Sie hat schöne Hände, denke ich. Immer noch. So etwas verschwindet wohl nicht. Auch wenn wir beide uns kurz vor den Sechzigern befinden.
Ja, und irgendwo unter dem ganzen Sumpf ist eben doch noch was. Aber eben nur denken, nicht sagen. Die Spielregeln jetzt gehen anders.

Sie macht ziemlich viele Geräusche, hustet, die Schuhe fliegen gegen die Sockelleiste, sie zieht die Nase andauernd hoch.
Schön.

»Ja! Ich war einkaufen. Du gehst ja nicht einkaufen und schleppst das Zeug nach Hause. Im Flur stehen zwei Taschen. Vielleicht kannst du den Kram ja einräumen.«
Ich nicke und hole die Taschen, stelle beide auf den Küchentisch und räume ein, was Elisa eingekauft hat. Es wäre jetzt falsch, ihr zu sagen, dass wir noch genug Papiertaschentücher haben und ich beim Kochen nie Gemüsebrühe verwende.
Ich stelle mir das wirklich schwer vor, wenn der Partner durch Krankheit eine solche Persönlichkeitsänderung durchläuft. Auch bei Sucht und so. Ist eben nicht mehr die Person, in die man sich einst verliebt hat und man ist auch so wahnsinnig auf sich allein gestellt mit einem mal, fühlt sich verantwortlich für alles und jedes, und ist dabei so hilflos wie nur irgendwas. Man will ja helfen, aber man kann nicht. Sie wirkt bisher eigentlich nur genervt, aber ich kann sie so gut verstehen, es ist so klar, wo das herkommt und ich nehme es ihr eben auch überhaupt nicht übel. Und ja, er weiß, es ist nicht leicht für sie, und genau wie sie ihm nicht helfen kann, kann er ihr nicht helfen. Und dieses Wissen darum, das ist zermürbend.

Mir fällt gerade auf, wie oft ich Elisa in den letzten Monaten etwas NICHT sage, ihr NICHT antworte, NICHTS erwidere. Als wäre sie das stürmische Meer und ich ein Land ohne Deiche.
Des Pudels Kern, oder so.

Ich nicke, nehme den Topf aus dem Kühlschrank und zünde ein Gasfeld.
Sagt man das so bei Euch im Lande - zünde ein Gasfeld? Mir fehlt jedenfalls ein: an.

Ja, vielleicht, denke ich, eventuell nächste Woche, wenn ich mehr Zeit habe. Dann stehe ich auf und gehe ins Wohnzimmer.
»Ich habe doch Zeit«, flüstere ich leise.
Es muss wirklich übel sein. Man will so gern ... Ach, herr je!

»Elisa. Aufwachen. Komm, geh ins Bett. Sonst bist du morgen früh wieder gerädert.«
»Hm.«
»Aufwachen. Elisa!«
Ungehalten dreht sie sich auf die Seite.
»Lass mich einfach. Ich geh dann schon ins Bett.«
Es noch einmal zu probieren, würde sie ziemlich reizen. Also lasse ich sie liegen. Wie meistens.
»Ich mach den Fernseher aus. Gute Nacht.«
»Hm.«
Das Licht dimme ich auf ein Minimum, schalte die Steckerleiste aus und mit einem Blick auf Elisa unter ihrer roten Steppdecke verlasse ich das Wohnzimmer.
Ja, da hat jemand noch jemanden richtig gern.

»Wird es wieder schlimmer mit dem Nichtaufstehen und der Unlust?«
»Langsam.«
Der erste Satz von ihr, wo sie auch einen Schritt auf ihn zugeht ...

»Du weißt, was ich davon halte. Du lässt dich hängen. Deswegen schaffst du es noch nicht mal mehr, den Ablauf unter der Spüle zu ersetzen, ...
... um es dann doch gleich wieder kaputt zu machen.

»Du kannst gar nichts mehr«, sagt sie mit dem Rücken zu mir gewandt. Sie verlässt das Bad und das Licht geht aus. Bevor ich protestieren kann, schaltet sie es wieder ein.
Vielleicht lesen andere das ja anders, aber für mich ist ihre ganze Aggression schon irgendwie ein Zeichen von "aufgeben". Ihre Art in der Arena des Alltags mitzukämpfen. Ihn schütteln und treten und ja, es ist schwer nachzuvollziehen für Nichtbetroffene. Großes Thema ja auch.

»Elisa? Geht es dir nicht gut?«
Ein leichtes Zittern durchläuft ihren Körper. An der Tür hängt ihr Bademantel. Ich ächze beim Aufstehen. Das verdammte Bein! Mit einer Hand ziehe ich Elisas Bademantel vom Haken und hänge ihn über ihre Schultern.
»Die Firma macht nächste Woche zu«, sagt sie tonlos.
...
»Vierunddreißig Jahre.«
»Ein halbes Leben.«
...
Ich traue mich nicht, ihr zu folgen, leere meine Blase und gehe wieder ins Bett. Liege in der Dunkelheit, starre an die Decke.
Und jetzt bräuchte sie ihn, ganz dringend, aber er kann nicht. Es ist soo traurig.

»Lass es mich wissen, wenn ich dir irgendwie helfen kann.«
Keine Ahnung, ob das nur ne Floskel ist, oder ob er es wirklich tun könnte, sofern er gefragt wird, aber es dem Nachbarn anzubieten und es der Frau eben nicht - ach Meno!

... und stelle mir Nebel und Galaxien vor, wie ich daran vorbeigleite, langsam, relativ. Jemand sagt, ich sei aber bis ans Ende aller Tage alleine. Schön, antworte ich, schmerzhaft schön.
Ohne Worte. Das ist schon grausam.

Elisa sitzt auf dem Boden, an die Wanne gelehnt. Fast ein wenig zu aufrecht, läge da nicht ihr Kopf auf der Brust, die Haare verdecken das Gesicht. Ihre Haut ist so fahl wie der elfenbeinfarbene Schimmer der Fliesen. Ich bleibe stehen, denn ich spüre die Kälte, die von ihr ausgeht. Vorsichtig drehe ich mich um und schalte das Licht aus, schließe leise die Tür.
Weiß nicht, ob ich ihren Tod wirklich gebraucht hätte. Ich mein, Du schreibst das jetzt nicht expliziet, aber irgendwie eben doch. Kälte die von ihr ausgeht ... Also, dass fand ich schon fast nen Ticken drüber - aber wäre das nicht, könnte auch das nicht sein:

»Ich gehe in die Küche, Elisa«, sage ich. »Was möchtest du essen?«
Und das ist Hammer!

Beste Grüße, Fliege
 
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Oha @Fliege,

vielleicht ist das Erschreckendste daran, dass sich bestimmt nicht wenige Menschen in so einem Text wiedererkennen. Mitten drin in einem langen Ende bis zum wirklichen Ende. Als Ausweg Zynismus, Gewalt, Alkohol, Feigheit, Lethargie, Lügen.

Du hast viel herausgelesen und ich stimme dir in allem zu. Ihren Tod (kein freiwilliger) habe ich deshalb drin, weil das eine der Geschichten ist, die in ein Büchlein kommen, das Büchlein vom alltäglichen Tod. Dem physischen, dem zwischen uns, zwischen Freunden, Ehepartner*innen, Liebenden, Verzweifelten. Er ist immer da, als alter Freund. Der einzige, der uns nie im Stich lässt.

Vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren ... als Theaterstück könnte ich mir das gut vorstellen, übrigens ...

Bis die Tage, gesund bleiben und angenehme Stunden unterm Baum.
Morphin
 
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Hi @Morphin,

wow … Dein Text hat mich voll gepackt. Wegen der Länge war ich erst ein wenig abgeschreckt, ich lese echt nicht gerne am Bildschirm, aber dann ging's gar nicht anders, hab alles in einem Rutsch gelesen und dabei die Zeit völlig vergessen (was umso lustiger ist, erwähnt dein Protagonist doch immer wieder die Uhrzeit). Ich gehe mal davon aus, dass es anderen auch so erging und ergehen wird, und das sagt doch bereits einiges über den Text aus, denn es ist kein spannender Text im üblichen Sinne, aber doch erzeugst du einen Sog, dem man sich nur sehr schwer entziehen kann. Ein starker Text, aus dem ich – in vielerlei Hinsicht – viel mitnehmen werde und der mich auch beschäftigen wird.

Ich habe vor allem am Anfang ein paar Stellen markiert, doch mit dem Fortschreiten der Geschichte versank ich mehr und mehr und dachte irgendwann gar nicht mehr an die Zitat-Funktion. Und eigentlich wollte ich erst gar nichts schreiben, die Geschichte zuerst sacken und wirken lassen und die Tage wiederkommen, aber dann musste ich dir eben doch kurz mitteilen, wie verdammt gut ich deinen Text finde. Eine zweite Runde wird's bestimmt noch geben und das Wenige, das ich markiert habe, laße ich schon einmal da:

Mir fällt plötzlich ein, was meine Oma mir fast täglich als Mittagessen auf den Tisch stellte, wenn ich gegen halb eins vom Kindergarten kam: Haferflocken mit Kondensmilch und Zucker.
Die Uhrzeiten ziehen sich durch den gesamten Text, da ergibt es natürlich Sinn, auch hier mit einer Zeitangabe zu arbeiten. Hat mich an dieser Stelle aber ganz kurz rausgehauen, denn irgendwie passt für mich die Zeitangabe nicht zum Kontext. Vielleicht geht's nur mir so, aber im Kindergarten hatte ich noch überhaupt kein Gespür für bzw. Interesse an der Zeit. Halb eins gab's da nicht, nur den Gong oder die Klingel oder was auch immer. Klar, der Erzähler reflektiert hier, erinnert sich, aber irgendetwas sagt mir dennoch, dass die Zeitangabe und der Kindergarten hier nicht zusammengehören (bei "Schule" wär's wiederum kein Ding). Aber wie gesagt, das kann nur mir so gehen.

Ich ziehe tief die Luft ein.
Ich fände fast runder, wenn das "tief" nach der Luft käme.

Ich stülpe ein wenig die Lippen vor und imitiere meinen Hausarzt. 'Joa, immer schööön de Strömp anzieje, damit et Wasser nit in de Beine bliev.'
Nicht wirklich erwähnenswert, aber ich habe beim Lesen selbst die Lippen vorgestülpt an dieser Stelle :lol: Ich war echt total drin …

Es hat den Anschein, als dächte sie über den Tag nach oder lauschte einer inneren Stimme.
Ich kann mich irren, aber müsste es nicht "lausche" heißen?

Als wäre sie das stürmische Meer und ich ein Land ohne Deiche.
Als säße ich zwischen brennenden Holzscheiten und der einzige Weg ins Freie bestünde aus einem Berg Reißzwecken.
Diese zwei Vergleiche haben mir wahnsinnig gut gefallen. Starke Bilder!

Lieber @Morphin, mein Kommentar wird deinem Text so überhaupt nicht gerecht, aber ganz kommentarlos wollte ich nicht von hier gehen. Werde mir den Text ausdrucken und noch das eine oder andere Mal durchlesen und dann hoffentlich mehr dazu sagen können.

Genieß den Abend und die vorweihnachtlichen Tage.

Liebe Grüße
sevas
 
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Hallo Morphin,

Eine bedrückende Geschichte. Setting, Figuren und Details sind für mich auf eine Art miteinander verwoben, wie der beunruhigende Blick in die Haferflockenpackung. Die einfach vergessenen, weil ungeliebten, Haferflocken, voller Motten und Gespinste - das funktioniert sowohl als Metapher für eine "abgestandene" Beziehung, als auch als Minizusammenfassung der Geschichte, die auf symbolischer Ebene, das eigentlich vermeidbare, aber doch zwangsläufige Ende geschickt vorausdeutet. Schon der Einstieg zeigt: es wird noch mehr in den Müll wandern. Und die Art, wie es passiert, finde ich traurig und schockierend. Ich frage mich, ob E. am Ende tot ist oder in einer hilflosen Lage steckt, aber vielleicht kommt es auf das Gleiche hinaus. Sie wird keine Hilfe mehr erfahren. Dabei ist der Mann im Grunde kein "Schlechter", sondern eher unendlich müde und träge. Nicht zuletzt durch seine Krankheit. Er kann dem stürmischen Meer nicht mehr trotzen, er braucht nur noch Ruhe. Vielleicht legt er sich nach der Bad-Szene voll angezogen ins Bett und steht nie wieder auf.

Mir fällt gerade auf, wie oft ich Elisa in den letzten Monaten etwas NICHT sage, ihr NICHT antworte, NICHTS erwidere. Als wäre sie das stürmische Meer und ich ein Land ohne Deiche.
>> toll, besonders der letzte Satz.
Das Rollo ist noch offen und im schwachen Schein der Straßenlaterne zeichnet sich die blütenlose Orchidee auf dem Fensterbrett ab.
>> sehr feines Detail. Gefällt mir. Passt auch zu der alltäglichen Trostlosigkeit. Eine blütenlose Orchidee ist eine Zimmerpflanze im Pausenmodus, eigentlich immer noch schön und man müsste sie nur etwas in Ruhe lassen und danach gut pflegen und sie würde Monate lang weiterblühen. Auch das funktioniert für mich als Beziehungsmetapher. Eigentlich passen die Beiden schon gut zueinander, sie müssten nur lernen, mehr aufeinander einzugehen.
»Ich hab vergessen die Strümpfe auszuziehen. Jetzt muss ich wieder pinkeln.«
»Wie kann man vergessen, diese Folterinstrumente auszuziehen? Die schnüren doch alles ab!«
Ich hebe meine Unterschenkel an. Die Knöchel sind trotz allem noch ein wenig geschwollen.
»Du hattest einfach mal wieder keine Lust, nicht wahr?«, fährt sie fort.
»Kann gut sein.«
>> sehr realistisch und gut beobachtet.
, wenn ich gegen halb eins vom Kindergarten kam: Haferflocken mit Kondensmilch und Zucker. Der klebrig-süße Geschmack hängt mir heute noch im Mund und seitdem esse ich Haferflocken nur noch, wenn sie einen verschwindend kleinen oder unsichtbaren Anteil an der Speise einnehmen. Aus einem Reflex heraus zwirble ich den Drahtverschluss auf und schaue in die blaue Verpackung. Zwischen den Haferflocken tummeln sich Larven von Lebensmittelmotten und deren Spinngeflecht hat Flocken und Larvenhüllen zu einem kunstvollen Gebilde verbunden. Ich schmeiße die Packung in den Mülleimer und sehe auf die Uhr.
>> gefällt mir.

Viele Grüße, Petdays
 
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Senior
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10.02.2000
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Guten Tag @sevas,
Entschuldigung, das habe ich ganz übersehen in dem Rummel um Weihnachten (was für mich schon immer Stress bedeutete). Vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren. Sog heißt, du hast die Zeit vergessen, ja, die Umgebung, und vielleicht auch den einen oder anderen Ärger. Das ist - wie ich finde - ein sehr wichtiges Element. Die Alltäglichkeit mal vergessen und abschalten. NICHT ins Smartphone gucken. Sich den Buchstaben hingeben. Sowohl beim Schreiben als auch beim Lesen. Ich kommuniziere über die Geschichte mit den Lesenden. Eie uralte kulturelle Verbindung. Und wenn es dir gefallen hat, dann freue ich mich.

Gesund bleiben und 2021 möge gut werden für dich.

Hi @petdays,
sie ist tot. Als es noch den guten alten Zivildienst gab, und ich in den 1980ern diente, war ich oft zwischen und mit diesen Menschen unterwegs. Deren Trostlosigkeit war extrem ansteckend. Auch später, bei den Johannitern, als Fahrdienstleiter, kam ich in Wohnungen, die so waren wie diese, mit Haferflocken, Kompressionsstrümpfen, zwei sich fremden Menschen, gegenseitig verletzend ... bis zum Tod. Vor allem der Zivildienst hat mich sehr geprägt. Was Menschen sich antun, indem sie nichts mehr tun, hinter Fenstern, an denen man einfach so vorbeigeht.

Vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren und ich wünsche Gesundheit und ein ertragbares 2021.

Morphin
 
Senior
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02.01.2011
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Moin Morphin!

Mir gefällt der Text sehr gut. Glückwunsch auch zur verdienten Empfehlung. Ich mag die Authentizität, die man durch die Zeilen spürt, das Alltägliche, auch den Ton der Sprache. Das ist so ein langsames Schlittern der Figuren in einen grauen Dunst, da fand ich den Traum deines Prots sehr passend und authentisch, dass er von einem Dahingleiten träumt, einem Sterben letztendlich, und das auch herbei ersehnt.

Auch die Figur des Klempners und Heinz fand ich authentische und lebhafte Figuren, was viel wert ist, finde ich. Diese Streitereien des Ehepaars, das wirkt einfach sehr echt, auch, was Depression angeht.

Einziger Kritikpunkt meinerseits ist das Ende. Die Frau sitzt ja tot im Bad. Mir ist das zum Ersten für die Geschichte etwas zu theatralisch, nach dem Motto: Jetzt muss noch was Spannendes, Dramatisches passieren, damit die Geschichte spannend abschließt oder in Erinnerung bleibt. Für mich bräuchte es das gar nicht. Das Alltägliche, das Zwischenmenschliche und Authentische hat für mich genug Kraft, die Aufmerksamkeit des Lesers dauerhaft zu halten und auch ein intensives Gefühl zu erzeugen. Zum Zweiten spüre ich als Leser bei diesem "dramatischen Ende" für meinen Geschmack einen Tick zu viel Autor durch, der eben die gerade geschilderte Intention mir darlegen bzw. kommunizieren möchte. Also ich finde wirklich, hier wäre weniger mehr. Wäre die Frau einfach nur nervlich am Ende, kreidebleich am Wannenrand gelehnt und er sieht sie, schaut sie kurz an und läuft dann in der Küche und sagt das, was er in der jetzigen Fassung sagt, wäre das für mich wesentlich intensiver, als wenn sie tot ist. Drittens und letztens finde ich die Reaktion deines Prots auf das Finden seiner toten Frau auch unauthentisch. Ich kann mir vorstellen, wie du dir das gedacht hast und glaube auch, dass das authentisch vorkommen kann, aber für mich ist das etwas zu sehr gewollt bzw. etwas zu viel Autor. Also, ich meine, wenn man einem wirklichen Toten gegenübersteht, das macht was mit einem. Also, das macht enorm viel mit einem. Ich finde das etwas fiktiv, dass er dann so rausgeht, auch wenn man das unter Schock verkaufen möchte. Ich glaube das von einem Bauchgefühl her einfach nicht. Das ist mir ein wenig zu viel so, wie man den Tod in Filmen verkauft. Also diese letzte Szene "entschärft", aber gerne mit einem absoluten Tiefpunkt der Ehefrau, und dein Text würde mich rundum sehr gut gefallen. Ist aber natürlich nur meine persönliche Meinung mit meinen persönlichen Vorlieben.

Viele Grüße,
zigga
 
Senior
Beitritt
31.08.2008
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Moin Morphin,
Depressionen haben ja einen Sinn, sie schützen vor der Realität, vor der Angst, der man sich stellen müsste, wenn man aktiv wird, vor der Trennung ... Beziehungen mit Depressiven halten lange. Am Ende geht einer, zu einem neuen Partner, in eine schwere Krankheit, in den Tod, und immer erst dann, wenn der Tank leer ist. Eigentlich ist es ja ein Markenzeichen der Depressiven, abends im Bett die zarten Kölln-Flocken (blaue Packung) mit Milch und Zucker zu löffeln und danach nicht die Zähne zu putzen; dein Prot. lässt die Packung stehen, eigentlich ein Hoffnungsschimmer.
Sehr eindringlich beschrieben!
Gruß Set
 

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