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Serie Heinrich (1): Fritz

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Heinrich (1): Fritz

Mein Weg zum Kindergarten war ein besonderer. Denn nur dort begegnete ich jenem Mann, der wie ein König auf einem Holzstuhl thronte, in einer schäbigen Baracke, mitten auf einem Schrottplatz, den ich für ein Wunderland hielt.
»Guten Morgen, mein Kleiner«, begrüßte er mich meist, lächelte und reichte mir ein Stück Pumpernickel mit Tomate.
»Danke«, sagte ich leise.
»Musst nicht so schüchtern sein. Kennst mich doch jetzt schon lange.«
Seine große Hand klopfte vorsichtig meine Schulter.
»Gehst mal wieder in den Kindergarten, was?«, fragte er, obwohl er wusste, dass es genau so war. Jeden Morgen um acht Uhr den Berg hinunter, vorbei an seinem Schrottplatz, ihm einen Besuch abstattend, um kurz nach zwölf wieder den Berg hoch, nachschauend, ob er noch lebte. Was immer der Fall war. So lernte ich ihn kennen.
»Wie heißt du eigentlich«, erkundigte er sich in den ersten Tagen unserer Zweisamkeit.
»Heinrich.«
»Oha, Heinrich …« Mit wasserblauen Augen starrte er durch die dreigeteilte Scheibe seines Kontors. »Was für ein wunderschöner Name. Ich dagegen habe nicht so einen tollen Namen. Meiner Mama ist nur Fritz eingefallen.«
»Fritz«, wiederholte ich, »mein Opa heißt Fritz.«
»Viele Männer in unserem Alter heißen so«, erklärte er. »Das war mal ganz modern.«
»Ich mag meinen Opa nicht«, stellte ich klar.
Fritz lachte so tief und laut, dass ich meinte, die Scheiben klirren zu hören.
»Das macht nichts, Heinrich. Ist wohl einfach nur ein alter Mann, dem Kinder nichts bedeuten.«
Ich nickte, aber so ganz begriff ich seine Worte nicht.

~​

Wir wurden zusammen älter, Fritz und ich. Morgens schenkte er mir Brot und Tomate, auf dem Nachhauseweg erzählte ich ihm vom Sandkasten, der dummen Sabine und dem geizigen Oliver. Fritz lachte. Sein enormer Bauch schwappte hin und her, wie eine Barkasse in der Dünung. Eines Morgens betrat ich voller Stolz seine schäbige Hütte. Fritz saß zusammengesunken auf dem Holzstuhl. So still und reglos, dass ich Angst bekam.
»Guten Morgen«, rief ich laut.
Fritz schlug die Augen auf und es freute mich, diese wasserblaue Farbe zu sehen.
»Einen wunderschönen guten Morgen, Heinrich.«
Ich deutete auf das mit schwarzer Farbe an die Tür gemalte Wort.
»Was heißt ‚Kontor‘
»Kontor ist das Büro«, meinte er und musterte mich für einen Moment schweigend. »Du kannst lesen?«, fragte er dann. »Moment …« Aus einer Schublade kramte Fritz eine vergilbte Zeitschrift. »Hier. Wie heißt die Zeitschrift?« Er hob sie vor mein Gesicht. Es ist das große Wort, hatte Mama erklärt. Immer das große Wort. Und es steht meist oben.
»Metall«, sagte ich.
Fritz ließ sich auf seinen Stuhl fallen. Der knackte und knirschte bedenklich.
»Puh, also ich bin jetzt wirklich platt. Wie alt bist du?«
»Fünf.«
Er knuffte mich auf die Brust. Seine enorme Faust war groß wie ein Fußball. »So einen Sohn hätte ich auch gerne gehabt«, meinte er und stand wieder auf.
»Hast du keine Kinder?«
»Nein, mein Junge. Meine Frau ist gestorben, bevor wir Kinder bekommen konnten.«
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. So packte ich zwei seiner Finger. Zu mehr reichte meine kleine Hand nicht. Fritz schwieg. Er vergaß mein Tomatenbrot.

~​

Jeden Morgen und Mittag musste ich Fritz nun ein paar Worte vorlesen und diese auf ein Blatt Papier schreiben, das er in seiner Schublade aufbewahrte. Er ging mit mir über seinen Schrottplatz, was mir bisher verboten war. Wegen all der vielen gefährlichen Sachen, erklärte Fritz.
»Das hier ist eine alte Waschmaschine. Und dort ein Borgward, den niemand mehr braucht.«
Mit Borgward konnte ich nichts anfangen. Aber ich sah, dass es ein Auto war.
»Und ich habe auch besondere Dinge. Aber da müssen wir hier um den Schrottberg herum.«
Die besonderen Dinge standen an der hinteren Betonwand und rosteten vor sich hin, zwischen Kabeln, Fässern und alten Traktoren.
»Was ist das?«, fragte ich und deutete auf ein krummes Etwas.
»Das ist eine PaK40«, sagte Fritz. »Allerdings mit stark verzogenem Rohr und fehlendem Verschluss.«
»Oh, also kaputt«, stellte ich fest und nahm an, dass PaK40 ziemlich kompliziert sein musste. Fritz lachte laut und deutete auf etwas unter einer schmutzig-braunen Teerplane. Langsam hob er die Ecke an. Viele Räder kamen zum Vorschein.
»Im Fernsehen habe ich schon mal so was gesehen«, sagte ich.
»Das ist ein Panzer III«, klärte er mich auf. »Allerdings nur die Wanne.«
»Die Wanne?« Ich dachte an eine Badewanne.
Fritz lachte wieder und setzte mich auf seine Schulter. So zeigte und erklärte er mir nach und nach all das, was die Menschen wegwarfen, weil sie es nicht mehr wollten. »Manchmal ist es einfach nur überflüssig, die Menschen sind es leid«, sagte Fritz.

~​

Eines Morgens entdeckte ich Fritz schon aus der Ferne vor seinem Kontor, mir zuwinkend, was wirklich das allererste Mal war. Ich begann zu rennen. Keuchend erreichte ich die Hütte und wir gingen hinein.
»Ich hab was für dich, Heinrich.« Er setzte sich und zog ein dickes Buch aus der Schublade. Es kribbelte in meinem Bauch, so gespannt war ich auf das, was er mir zeigen wollte. Fritz zog mich auf den Schoß und öffnete das Buch. Es war ein Fotoalbum. Auf der ersten Seite gab es nur ein Bild. Sehr groß und schwarzweiß, wie die meisten Fotos damals. Ich sah eine Frau, so schön wie Schneewittchen. Sie lächelte mich an.
»Ui, die Frau sieht aus wie Schneewittchen«, rutschte mir heraus.
Fritz lachte so laut wie noch nie. Fast wäre ich abgerutscht. Er zog mich wieder hoch.
»Schneewittchen«, wiederholte er, »das hätte ihr bestimmt gefallen.«
»Wer ist das?«
»Das, mein lieber Heinrich, ist meine Frau. Ihr Name war Emma.«
»Emma«, flüsterte ich und prägte mir jedes Detail ihres Gesichts ein. Dieses Foto schaffte es, mich zu verzaubern. »Wie schön sie ist«, sagte ich, ohne an Fritz oder sonst etwas zu denken. Dann durchzuckte mich eine Erinnerung. Sie war tot. Ich traute mich nicht, danach zu fragen und wurde still. Fritz drückte mich, legte seine große Hand auf meinen Kopf.
»Du musst keine Angst haben, Heinrich. Emma hätte dich sehr gerne gehabt. Ich bin sicher, sie schaut uns gerade zu und freut sich.«
Ich nickte. Und war neugierig.
»Warum ist sie gestorben?«
Er schluckte. Seine Stimme zitterte wie kleine Zweige im frühen Herbstwind.
»Du hast doch vom Krieg gehört, oder? Von den vielen Bomben.«
»Ja. Meine Oma erzählt viel davon. Alles war kaputt.«
»Emma war im Haus, als eine Bombe darauf fiel. Sie wurde nicht mehr gefunden.«
Ich stellte mir das Haus vor. Jemanden nicht mehr finden … das muss ein sehr kaputtes Haus gewesen sein.
»Vielleicht ist sie da noch irgendwo?«, überlegte ich laut. Fritz klappte das Buch zu, der Zauber verschwand. Schneewittchen verblasste vor meinen Augen und Fritz weinte dicke Tränen. Ich stand auf und hielt seine große, ölverschmierte Hand. Was konnte ich tun? Nicht in den Kindergarten gehen? Mein Bauch begann wehzutun.

~​

Der Schrottplatz war nicht sehr groß. Immer mehr Häuser wurden um ihn herum gebaut. Sie klemmten ihn ein und bald mutete die Schrottinsel wie eine schwärende Wunde inmitten heiliger Ordnung an.
»Sie wollen mich hier weg haben«, eröffnete mir Fritz eines Tages.
»Wer?«, wunderte ich mich.
»Na, mein Junge, jetzt schau mal all die schönen neuen Häuser hier. Die sind so weiß und sauber, da wollen die Menschen keinen dreckigen, stinkenden Schrottplatz mehr sehen.«
»Aber du tust ihnen doch nichts«, ereiferte ich mich. Fritz nahm mich auf den Schoß.
»Weißt du, die Zeiten ändern sich. Für Menschen wie mich ist da kein Platz mehr.«
Kein Platz? Ich dachte nach und drehte den Bleistift auf dem dreckigen Holztisch. Fritz schwieg. Seine großen Hände bedeckten meine Oberschenkel komplett. Die Haut so runzlig, kleine und große Narben zogen sich kreuz und quer über beide Handrücken. Ich war fasziniert und dachte an die Rinde vom alten Birnenbaum. So zerfurcht. Doch ich spürte die Hände kaum. Sie konnten bestimmt ganz leicht einen Faden durch ein Nadelöhr fädeln. Dann fiel mir ein, was ich Fritz sagen könnte.
»Du kannst vielleicht zu uns kommen. Mein Onkel hat einen großen Garten. Soll ich ihn mal fragen?«
Fritz klatschte mit beiden Händen auf meine Beine. Ich spürte seinen Atem im Nacken. Dann schüttelte es ihn und mich mit. Ich verstand, was hinter mir passierte. Fritz weinte. Ich wollte mich umdrehen, aber er hielt meinen Kopf gerade. So starrte ich aus dem Fenster auf einen kleinen Kran, mit dem er manchmal den Schrott auf einen Lastwagen lud und irgendwohin brachte. Wie konnte ein großer und starker Mann weinen? Was würde mein Vater sagen, wenn er uns jetzt so entdeckte. Indianer und Jungs weinen nicht, war der Befehl. Sollte ich Fritz sagen, dass man nicht weint? Dann kamen mir plötzlich selbst die Tränen, dabei wusste ich gar nicht, warum? Ich wollte nicht, dass Fritz weint. Und ich wollte selbst nicht weinen. Aber es half nichts. So saßen wir auf seinem ächzenden Holzstuhl und vergaßen die Zeit.

~​

Eines Tages kam ich vom Kindergarten und hörte von weitem Motorengeräusche, ein Krachen und Schleifen. Ich begann zu rennen, den kleinen Fußweg entlang, die schmale Staffel hoch und blickte die Straße runter. Zwei große Lastwagen und ein Bagger, so groß wie ich noch keinen gesehen hatte, verrichteten ihr Werk. Drehen, greifen, aufladen, ein paar Mal und ein Laster fuhr davon. Der zweite machte sich bereit. Kurze Zeit später war auch dieser voll, entfernte sich und weiter unten kam schon ein neuer angefahren. Langsam ging ich Richtung Schrottplatz. Ein Absperrband stoppte mich, der Fahrer im Lastwagen lächelte mir zu. Die Hütte war verschwunden, als hätte es sie nie gegeben, und der Platz schon zur Hälfte geräumt. Von Fritz weit und breit keine Spur. Etwas zerrte an mir. Ein Reißen wie an einem Handtuch, das sich, eingeklemmt in der Tür, keinen Millimeter bewegte, bis der Stoff mit einem hässlichen Geräusch entzweiging. Mir wurde schlecht und ich übergab mich auf die Straße. Der Fahrer im Lastwagen hupte. Mir kamen die Tränen. Ich dachte an Fritz. An einen Tod, den ich nicht kannte. Der Tod aus den Erzählungen. Aber war er überhaupt tot? Plötzlich sind Menschen weg, die man mochte. Was konnte ich nur tun? Alle Fäden rissen mit einem Ruck durch.

~​

Es dauerte nicht lange, da stand ein Kran auf der Straße und der Schrottplatz war nur noch eine große, tiefe Baugrube. Allerlei Geräte gab es zu entdecken. Eine Hütte auf Rädern, viele Steine, große Netze aus rostigem Eisen. Zwischen allem erhob sich der Kran in schwindelerregende Höhen. Meine Oma hatte mich beauftragt, im Edeka Joghurt und ein Netz Brötchen zu kaufen. Auf dem Heimweg wollte ich das Loch und den Kran anschauen. Niemand war da, die Baustelle völlig verlassen. Aber es war ja auch kein Kindergarten, sondern Samstag. Wie groß der Kran wohl sein mochte? Dann fiel mir Fritz ein. Und seine Emma, die vielleicht immer noch tot in einem kaputten Haus lag. Vielleicht war sie im Himmel. Meine Mutter glaubte ganz fest daran, an den Himmel. Mein Vater erklärte, das sei alles Blödsinn. Ich wollte selbst nachsehen.

Omas Einkaufstasche legte ich auf einen Stapel grauer Steine und kletterte auf den Kran, zwängte mich durch die Absperrung, war innerhalb des Turmes und stieg die Leiter hinauf. Den Blick stets nach oben gerichtet, erreichte ich keuchend das Ende des Turmes und kroch unter der Kette durch auf eine Plattform neben einem Häuschen. Darin war ein Stuhl mit allerlei Hebeln. Abgeschlossen. Dann stürmte die Höhe auf mich ein. Mein ganzer Körper kribbelte und ich gab mich diesem Gefühl hin, genoss es wie eine Achterbahnfahrt. Dies war bestimmt nicht der Himmel. Aber ich fühlte mich so leicht und weit weg von allem, dass ich weiter wollte.

Ein Steg führte entlang des Auslegers über die Grube. Ich hielt mich an dem dicken Seil fest und ging ein paar Schritte hinaus. Die Tiefe öffnete sich zu einem Schlund und zog mich wie ein Staubsauger nach unten. Eine Stimme kratzte sich durch meine Gedanken. Ich hörte Fritz. »Setz dich, bitte«, sagte er. Ich setzte mich auf den Steg und ließ die Beine baumeln.
»Die Menschen da unten sind so klein«, erklärte ich ihm. »Die haben dich weggeschickt. Dabei hast du keinem etwas gemacht«, fuhr ich fort.
»Das macht nichts, mein Heinrich. Ich habe mich auf die Suche nach Emma gemacht. Eines Tages werde ich sie finden.«
Er lachte und mit einem Mal kam ein leichter Wind auf. Unter mir begannen Menschen zu rufen, sogar ein Schrei war zu hören. Dann fiel mein Name. Ich sah hinunter und entdeckte meine Oma, die wild mit den Armen wedelte. Ich winkte zurück.
»Ich bleib noch hier oben, Oma. Ist viel besser als da unten!«, rief ich.

 
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Moin @Morphin,

abgefahren, wie viele Geschichten du zu erzählen hast! Habe spontan vorbeigeschaut, die ersten zwei Sätze gelesen und wollte nicht mehr aufhören.

Denn nur dort begegnete ich jenem Mann, der wie ein König auf einem Holzstuhl thronte, in einer schäbigen Baracke, mitten auf einem Schrottplatz, den ich für ein Wunderland hielt.
Ein sehr schöner Anfang, ich finde Fritz sofort sympathisch. Musste außerdem an ein Kinderbuch denken, das ich meinen Neffen vor kurzem vorgelesen habe: Die Olchis. Die leben nämlich auf dem Schrottplatz :)

und diese auf ein Blatt Papier schreiben, dass er in seiner Schublade

Ich traute mich nicht danach zu fragen und wurde still.
Vom Gefühl her kommt nach nicht ein Komma, vielleicht auch vor dem und?

»Vielleicht ist sie da noch irgendwo?«, überlegte ich laut.
Schön, diese Naivität, auch wenn sie Fritz zum Weinen bringt.

Indianer und Jungs weinen nicht, war der Befehl.
Na, zum Glück wird er von Fritz eines Besseren belehrt!

Etwas zerrte an mir. Ein Reißen wie an einem Handtuch, das sich, eingeklemmt in der Tür, keinen Millimeter bewegte, bis der Stoff mit einem hässlichen Geräusch entzwei ging.
Das gefällt mir sehr gut, diese Beschreibung, das passt.

Ein trauriges Ende, und doch musste ich schmunzeln über den kleinen Heinrich auf dem Kran.
Ich hätte gern noch weiter gelesen. Hat mir sehr gefallen. Auch die Namen, Fritz, Heinrich, Emma.

Beste Grüße,
rainsen

 
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Guten Abend @rainsen,

hoppla, so schnell ... einen herrlich schönen Abend und ein ruhiges Danke fürs Lesen und Kommentieren schick ich mal vorweg. Ich dachte, dieses "das/dass" bezieht sich auf das Papier im Halbsatz. (Brett vorm Kopf ... klar, ein 's' muss weg). Ändere ich mal. Un dat Komma.

Die Olchis ... ja, was haben wir das gelesen mit den Kindern. Die waren super. Rülpsen, furzen, bis die Balken sich biegen. He, und den Schrottplatz gab es wirklich. Und den Fritz. Und es wird weitergehen, zwar ohne Fritz, aber immerhin.

Bis dahin. Gesund bleiben und Geschichten aufs Papier bringen.

Griasle
Morphin

 
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»...
Ich möchte so gerne weinen
Doch weinen darf man nicht«
Bläck Fööss
»Indianer kriesche nit«​

Dann fiel mir Fritz ein. Und seine Emma, die vielleicht immer noch tot in einem kaputten Haus lag. Vielleicht war sie im Himmel. Meine Mutter glaubte ganz fest daran, an den Himmel. Mein Vater erklärte, das sei alles Blödsinn. Ich wollte selbst nachsehen.

Kann ein verhinderter Fritz,

lieber Heinrich,

an dieser gelungenen kleinen Erzählung über den „Wandel“ und erste Begegnungen mit Ende und Tod vorbeigehen?, wobei mir infolge des ersten Eindrucks des Mannes, der wie ein König auf einem Holzstuhl thronte, Dylan einfiel, “for the times, they are a-changin“ und dann doch bei Matthias Claudius’ „wenn einer eine Reise tut“ strande – denn sind nicht alle halbwegs intelligenten Leute Suchende, während Beton- und Holzköpfe glauben, schon alles gefunden zu haben und sei’s in der Einbettonierung der Welt.

»Fritz«, wiederholte ich, »mein Opa heißt Fritz.«
Bei het windje heißt jeder erstgeborene Sohnemann „Friedrich“ und wird „Fritz“ gerufen, nur der arme Friedel nicht während der (e)infaltionären Fritzen-Schwemme der Nachkriegszeit, der sich aber, bis er ihn entdeckte, bei dem von der Vogelweide "unter den Linden" ganz wohl fühlt ...

»Danke«, sagte ich schüchtern.
»Musst nicht so schüchtern sein.
Nix falsch - aber um der dem einen oder anderen gegen Wortwiederholung vorzubeugen: Schüchtern kömmt wahrhaftig etymologisch von der Scheu und - da fall selbst ich um - vom Verb "scheuchen", weil man ja als eher zurückhaltender Mensch sich am liebsten vom Platz zurückzieht, vor der Welt zurückscheu(ch)t

Die Hütte war verschwunden, als hätte es sie nie gegebenKOMMA und der Platz schon zur Hälfte geräumt.
Nebensatz (...als ...) zu Ende und die Konjunktion setzt den Hauptsatz fort

..., bis der Stoff mit einem hässlichen Geräusch entzwei ging.
Ein Wort, entzweigehen

Omas Einkaufstasche legte ich auf einen Stapel graue[r] Steine und kletterte auf den Kran,...

Ist es biografisch (und sei's nur zum kleinste Teil) ist es schön erzählt - und wenn nicht, auch noch schön erfunden, findet der

Fritz

 
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Guten Morgen, lieber @Friedrichard,

in der Tat bildet die Autobiographie ein stabiles Fundament in dieser Geschichte. Der gute Fritz brannte sogar Schnaps und war sein bester Kunde. Aber das wollte ich nicht hier anführen. Es ging mir um den Wandel, das Wegfallen von Bekanntem - und um den doch noch spürbaren Krieg und seine Folgen. Selbst in meiner 60er-Jahre-Kindheit sah man in Pforzheim noch einige zerbombte Häuser oder Schuttgrundstücke. Es waren sicher diese Erinnerungen und Erzählungen, die meine Generation zum großen Teil immunisiert haben. Viele der älteren Menschen damals waren Schatten ihrer selbst, gebeugt und lethargisch, einsam durch Verluste. Das war sehr prägend für mich. Der Krieg hat nicht nur ihnen etwas genommen, auch den Kindern den Teil der Freude, den die Alten verloren haben.

Fehler habe ich ausgebessert. Besten Dank fürs Lesen und Kommentieren und all die Gedanken.

Griasle
Morphin

 
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Der gute Fritz brannte sogar Schnaps und war sein bester Kunde.

Jo - als Laborant sollte ich froh sein, nach Januar 1981 aus der Übung gekommen zu sein ... Aber interessant wäre schon, ob ich noch eine Destille hinkriegte ...

Bleib gesund!

Friedel

 

CoK

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Hallo @Morphin

was für eine schöne Geschichte. Ich kann nur hoffen, du hast noch viele dieser Abende an denen du ein bisschen Autobiografisches erzählst.( Dieses Talent in so kurzer Zeit eine so tolle Geschichte zu schreiben ist beneidenswert.
Wie schön,dass diese beiden sich gefunden haben und wie traurig das Fritz Job dem Wandel der Zeit zum Opfer fiel. Eine Erfahrung, die heute sicher auch viele mit dem Teilen.

das große Wort
Ist aber nicht die Zeitschrift bei der Brecht gearbeitet hat oder?

Danke für diese schöne Geschichte
Liebe Grüße CoK

 
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Servus @CoK,

ne, meine Mutter hat mir nur erklärt, dass der Name einer Zeitschrift meist das größte Wort auf der Titelseite und normal oben gedruckt ist. Aber da du Brecht erwähnst ... sie hat mich mal in eine Theateraufführung mitgenommen (mein Pluspunkt war schon immer, stundenlang ruhig sitzen zu können = kein Zappelphilipp). Es war "Mutter Courage", was da gespielt wurde. So ganz hab ich das mit 7 noch nicht kapiert, aber immerhin wollte ich ab da Schauspieler werden.

Und ja, die Abende werden nicht ausgehen. Ich denke nicht, dass es Talent ist. Einfach Routine. Nach so vielen Jahren ... man bemerkt ja selbst Änderungen an seiner Schreibe. Man kann sie sogar bewusst in eine bestimmte Richtung drücken. Ein ewiger Prozess.

Also, bis denne und schönes Wochenende.
Griasle
Morphin

Verflixt, jetzt hab ich glatt vergessen, dir meinen Dank fürs Lesen und Kommentieren zu überreichen. Was ich hiermit nachhole. :shy:

 
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Ist mir ans Herz gegangen, deine Geschichte, lieber Morphin.
Das Leben ist doch von Anfang an ein ständiges Abschiednehmen. Von der Kindheit, von der Jugend, von den Eltern und anderen lieben Menschen, zuletzt sogar von sich selbst.
Sehr stimmungsvoll hast du diese Freundschaft eines alten, abgeklärten Menschen und einem kleinen Jungen dargestellt, an vielen sinnlichen Details festgemacht.

Zwischen allem erhob sich der Kran in schwindelige Höhen.
Schwindelerregend wäre präziser. Schwindelig ist ein menschlicher Zustand.


Meine Frau ist gestorben, bevor wir Kinder hätten bekommen können
Hier ist der Konjunktiv entbehrlich. ... bevor wir Kinder bekommen konnten.

Gerne gelesen. :)

 
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Salut @Manuela K.,

besten Dank fürs Lesen und Kommentieren. Änderungen übernommen. Das mit schwindelig ist so ein echter süddeutscher Sprachfehler, ähnlich wie und als. Da kommt noch der Badenser raus.

Ja, das Abschiednehmen ist nicht meine Stärke. Ich hab das leider ins Gegenteil verkehrt. Bin dann lieber innerhalb von 10 Sekunden weg und ward nie mehr gesehen. Immerhin bekam Fritz nun - 50 Jahre später - sein Denkmal.

Erkenntnis ist Mist.

Schönes Wochenende und gesund bleiben!
Griasle
Morphin

 
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Hi @Morphin,

ich habe das gerne gelesen, ich finde die Szene, als Fritz weint und den Kopf von Heinrich nach vorne festhält ganz großartig. Der Text liest sich gut, man merkt ihm auch Routine und eine Gleichmäßigkeit im Bezug auf Stil und Sujets im Vergleich zu deinen anderen Storys an, was ich positiv meine. Einziger Kritikpunkt ist das Verhältnis von Heinrich zu Fritz - dass ein Fünfjähriger alleine auf einen Schrottplatz zu einem älteren Herren läuft. Gab es das in den 60ern? Für mich fühlt sich das seltsam an, also, es müsste eine berechtigte Connection der beiden geben, dass er ein Freund der Familie ist oder ein Freund des Vaters oder etwas in die Art. Woher sollten sich die beiden ansonsten kennen? Heute würde das höchstwahrscheinlich einen seltsamen Touch haben, wenn ein Junge sich mit einem älteren Mann anfreundet. Ich hatte gehofft, dass deine Geschichte nicht in die Richtung geht, und finde diese Freundschaft wesentlich schöner. Aber ich frage mich trotzdem, wie die beiden eine Freundschaft schließen konnten, ob das früher einfach einfacher möglich war.

Beste Grüße
zigga

 
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Mahlzeit @zigga,

vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren. Gleich zu Beginn: die meisten meiner Texte sind autobiographisch oder haben wesentliche autobiographische Anteile. Der hier ist es zu 100%. Der Schrottplatz lag auf dem Weg zum Kindergarten. Jeden Tag sah ich diesen Mann, und eines Tages fragte er, wie ich heiße usw. usf.

Ich wurde nie hingebracht oder abgeholt vom KiGa oder der Schule. Meine Mutter war schon weg, wenn ich aufstand (bei Oma gepennt), mein Vater kam oft gar nicht nach Hause. Oma hatte es mit den Nerven, Opa war kriegstraumatisiert. Ich habe wie viele andere auch die Warnung Mann + Schokolade = Gefahr von Oma und Mama mitbekommen. Aber das sind sehr abstrakte Warnungen für kleine Kinder. Und die Leute drumherum haben ja auch nie was gesagt und kannten ihren Schrotthändler. Und dann kam erschwerend hinzu, dass ich daheim so gut wie nix erzählt habe. Blieb ich zu lange weg, machte sich Oma auf die Suche - wenn ihre kranken Beine mitmachten.

So hatte ich ein recht freies Leben.

Viele Grüße
Morphin

 
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02.01.2011
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Servus @Morphin,

vielen Dank für die Erläuterung. Dass Autobiografisches einen Großteil deiner Texte (aktuell?) ausmacht wusste ich bereits von deinen anderen Geschichten. Ich mein(t)e nur, dass es schön wäre, wenn diese Erklärung, die du in deiner Antwort an mich geschrieben hast, im Text mit eingebaut wäre. Ich persönlich fände die Geschichte dann noch besser, da ich die Beziehung der beiden besser hätte einordnen können und die Figuren und die Welt mir auch noch plausibler erscheinen würden. Was in deiner Antwort steht, klingt super authentisch und plausibel, das in Teilen im Text stehend würde für mich die Geschichte weiter aufwerten.

Beste Grüße
zigga

 
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Hallo @Morphin :-)

eine herzensgute Geschichte. Wieder autofiktiv, das merkt man klar – vielleicht auch mehr noch, wenn mans weiß. Aber ist ja logisch; wer dein Vorhaben ein wenig kennt, weiß das auch. Es sind Figuren, mit denen man gerne Zeit verbringt und das ist so² viel wert (zum Quadrat)! Das gleiche gilt für die Räume, in denen sich das abspielt. Ich musste an Rasmus und der Landstreicher denken. Ich finde mit den Texten von Lindgren haben deine einiges gemein, wenn ich dir dieses Kompliment machen darf. Es geht hier auch um Existenzielles, um große Verluste, aber ohne Hoffnung und Hilfestellung ist das nie. Viel mehr zeigt der Text mir etwas Schönes und etwas Trauriges und reicht mir dann aber die Hand und tröstet mich. Dieses Trösten halte ich auch für eine ganz große Qualität deiner Texte (zumindest einiger). Der Schmerz, die Trauer, die Einsamkeit; das sind Themen, die sich in deinen Geschichten durchweg abbilden. Wie geht man mit dem Verlust eines geliebten Menschen um? Was ist Liebe? (Was ist Freundschaft?) Die Palette der Fragen hierzu, die dein Text dem Leser stellt, lässt sich weit auffächern. Vor allem aber gibt er Antworten. Und noch wichtiger: es sind weise oder zumindest starke Antworten. Dennoch wirkt die Geschichte leicht und kein bisschen verkopft.
Vor allem wegen dieser starken und ja, auch weisen Antworten auf Tod, Schmerz und Verlust habe ich den Text sehr gerne gelesen.

mitten auf einem Schrottplatz, den ich für ein Wunderland hielt.

Ein schöner Ort – das ganz Allgemein. Ein literarischer Ort. Ein Wimmelbild. Und ja, ein Wunderland.

reichte mir ein Stück Pumpernickel mit Tomate.
Brot und Tomate

Hier ist es Pumpernickel später ist es Brot. Exkurs: Hinter Pumpernickel steckt die vielleicht beste etymologische Erklärung: Ein Pumper ist ein Pups; ein Nickel (Nigel) ein böser Mann. Pupsender, böser Mann. Ohne Witz. Daher kommt das. Eben weil das Zeug so grob ist, dass man davon Blähungen bekommt.
Aber das off-topic :D
Ich würde das mehr aufbauen, weil sich das wie ein Leitmotiv durchzieht. Es fällt an der Stelle heraus. Weil es in einer schlichten, eher zur Verallgemeinerung neigenden sprachlichen Umgebung als eine ganz bewusste Setzung auffällt. Nur das dann eben nichts dazu folgt. Dadurch wirkt es verkürzt. Warum Brot + Tomate? Fehlt da nicht irgendwie die Butter, der Käse? Ist die Tomate geschnitten oder draufgelegt? Ist das eine Supermarkttomate oder eine aus dem Schrottplatzgarten. Das ist auch so eine typische Morphin-Stelle, wo das Autobiografische auf eine bremsende Weise durchscheint. Du spielst da auf etwas an, das der Leser nicht kennt. Aber wir befinden uns hier in der Exposition. Morphin, ich will streng sein :D

nachschauend

zwei solche Partizipien in einem Satz und später nicht mehr wirklich. Das hier würde ich prädikativ auflösen --> "nachschauen" passt genauso

»Wie heißt du eigentlich«, erkundigte er sich in den ersten Tagen unserer Zweisamkeit.

Moment. Du hast zwei solche seltsamen Sprünge drin, später noch einen (als zum zweiten Mal geweint wird, aber Heinrich reagiert, als wäre es das erste Mal).
An dieser Stelle hier sind sie eigentlich schon vertrauter miteinander (es existiert bereits das Brot+Tomate-Ritual). Und "ersten Tagen unserer Zweisamkeit" widerspricht den Infos, die ich davor bekommen habe. Für mich war das ein täglicher Besuch; nicht viel länger – Heinrich muss ja in den Kindergarten. Also hier sehe ich Klärungsbedarf! Man merkt, dass da was (gedanklich) übersprungen oder umgangen wurde – da bin ich sicher nicht der Einzige, dem das auffällt.

»Oha, Heinrich …«

Das Oha hat mich ein wenig rausgehauen. Nur so als Rückmeldung. Das ist mittlerweile wieder ein jugendsprachlicher Ausruf "Oha". So ein bisschen was Prolliges. Das lässt mich als "jüngeren" Leser (mittelalt) stutzen.

Fritz lachte so tief und laut, dass ich meinte, die Scheiben klirren zu hören.

wunderbar

Das macht nichts, Heinrich. Ist wohl einfach nur ein alter Mann, dem Kinder nichts bedeuten.

das kommt mir zu ad hoc. Zu voreilig auch. Für mich repräsentiert Fritz trotz allem auch so eine alte, tiefwurzelnde Weisheit. So etwas Verzeihendes – auch wenn Fritz selbst irgendwo ein großes Kind ist (ein Baloo, der Bär). Diese Deutung von ihm ist so präzise, aber sie kommt so aus dem Nichts. Vielleicht könnte er das etwas mehr verallgemeinern, einen Witz draus machen vielleicht sogar.

Sein enormer Bauch schwappte hin und her, wie eine Barkasse in der Dünung

auch wunderbar. Aber für mich gibt es diese paar Stellen, wo der Tonfall nicht ganz passt für mein Ohr. Es geht um die markierten Worte. Du schreibst eigentlich in einem ganz lockeren, unkomplizierten Ton, der wunderbar zu dem Jungen passt. Barkasse und Dünung würden sich nur erlauben, wenn das zu Fritz Zeit Wörter gewesen wären, die so kleine Jungs kennen, weil sie eben die ganze Zeit nur in solchen Schiffszeitungen blättern, weils Internet und dergleichen (vielleicht auch kein Fernseh-Glück zu Hause) nicht gibt. Aber damit machst du den Text viel älter und zeitloser als er eigentlich ist, finde ich.

Ich deutete auf das mit schwarzer Farbe an die Tür gemalte Wort.
»Was heißt ‚Kontor‘

das weiß er ja zum Beispiel auch nicht.

Der knackte und knirschte bedenklich.

schön, dieses Adverb(?) "bedenklich" knirschen

»So einen Sohn hätte ich auch gerne gehabt«, meinte er und stand wieder auf.

Das ist für mich der Baloo-Moment. Sehr sehr schön :-)

»Nein, mein Junge. Meine Frau ist gestorben, bevor wir Kinder bekommen konnten.«

Ich finde es toll, wie beiläufig er das sagt. Sowieso ist diese ganze Szene einfach so richtig mit Herz geschrieben. Kein Kitsch. Einfach eine richtige Geschichte von Tod und Verlust und trotzdem auch so geschrieben, dass ein Kind es verstehen würde und damit umgehen könnte (auch wenn das in diesem Serien-Teil ja hauptsächlich der Perspektive geschuldet ist und nicht dem, dass du dir jetzt Kinder unter zwölf als lesende Zielgruppe überlegt hast)

Er vergaß mein Tomatenbrot.

Und das ist eine völlig angemessene Reaktion

Jeden Morgen und Mittag musste ich Fritz nun ein paar Worte vorlesen und diese auf ein Blatt Papier schreiben

Das finde ich auch ganz toll. Liebevoll. Was soll man da anderes sagen – mir fehlen grundsätzlich bei deinen Storys oft die Worte – da ist einfach diese gewisse Prise Liebe und Zauber, so kitschig das klingt. Das ist das, was wohl die meisten Schreibanfänger versuchen, weil es dem entspricht, was sie selbst so lieben – dann merken, dass sie sich bei dem Versuch, auch so etwas zu schaffen, in einem Dickicht aus Klischees, abgedroschenen Wendungen, Kitsch und handwerklichen Patzern verheddern; sie geben ihr ursprüngliches Ziel auf und lernen Geschichten zu schreiben. Mit viel Glück erinnern sie sich irgendwann noch einmal daran, dass dieses Gefühl von Wahrheit und der Konfrontation mit wirklich großen Fragen das war, was sie ganz am Anfang zu dieser Leidenschaft getrieben hat.

Wegen all der vielen gefährlichen Sachen, erklärte Fritz.

ja, so würde das ein Fritz einem Heinrich erklären :-)

»Wer ist das?«
»Das, mein lieber Heinrich, ist meine Frau. Ihr Name war Emma.«

finde ich auch sehr schön. Genau das, was ich weiter oben ausgeführt habe.

»Das ist eine PaK40«, sagte Fritz. »Allerdings mit stark verzogenem Rohr und fehlendem Verschluss.«
»Oh, also kaputt«, stellte ich fest und nahm an, dass PaK40 ziemlich kompliziert sein musste. Fritz lachte laut und deutete auf etwas unter einer schmutzig-braunen Teerplane. Langsam hob er die Ecke an. Viele Räder kamen zum Vorschein.

Ich muss streng sein, Morphin, ich muss! :D Diesen Teil finde ich einfach nicht gut. Sorry, wirklich nicht. Ich meine, schon okay, das PaK40 hier in Groß- und Kleinschreibung ausgeführt wird. Der Dialog könnte länger sein. Und warum muss es PaK40 sein, warum nicht etwas, womit alle Leser was anfangen können. Das, was du sonst so toll hinkriegst, diese universelle, emotionale Sprache, die geht doch in solchen autobiografischen, ganz unemotionalen Details verloren.

Wenn mir jemand so etwas schreiben würde, dann würde sich mir der Kopf spalten. Wegen dieser Frage: Wie kriege ich das Autobiografische an so gewissen Stellen aus meinem Text.
Eine sicher einfache Antwort: Gar nicht. Dafür braucht man das richtige Lektorat. Ein Lektorat, dass alle möglichen Leser im Kopf hat und nicht nur die, denen es egal ist.

Ich bin da einfach mal so forsch, weil ich mich seit anderen Geschichten von dir immer noch nicht damit zufrieden gebe, dass dir das wahrscheinlich Latte ist :D Ich protestiere!

Dann durchzuckte mich eine Erinnerung. Sie war tot.

Das finde ich auch stark. Die Fotografie – das hat Roland Barthes in "Die helle Kammer" gut beschrieben – da ist die sinnfälligste und bereits technisch bedingte Assoziation mit Fotografien das Spannungsfeld von Leben und Tod.
Boltanski geht so weit zu sagen, das Foto töte, weil es den Moment des Vergehens zementiere.

Fritz klappte das Buch zu, der Zauber verschwand. Schneewittchen verblasste vor meinen Augen und Fritz weinte dicke Tränen.

O je. Das berüht.

schwärende
inmitten heiliger Ordnung

Streng!!!!!! :D :D :D Das ist nicht derselbe Tonfall. Das ist nicht der Ton eines 5 Jährigen. Ist mir egal, wie alt der Erzähler ist. Ich finde den Ton ansonsten so auf 5-Jähriger gemünzt und dort einfach genau richtig. Unkompliziert, offen, einfach.

Kein Platz? Ich dachte nach und drehte den Bleistift auf dem dreckigen Holztisch. Fritz schwieg. Seine großen Hände bedeckten meine Oberschenkel komplett.

Da habe ich mich – warum dort ausgerechnet, weiß ich nicht genau – gefragt, ob Fritz denn eigentlich nie Kundschaft hat.

vom alten Birnenbaum.

Wieder so ein sicher autobiografisches Element, dass heraussticht. Das ist tiefes Wissen, dass ja auch extra mitgeteilt wird, in der Exposition aber nicht vorbereitet wurde.
Wie konnte ein großer und starker Mann weinen? Was würde mein Vater sagen, wenn er uns jetzt so entdeckte. Indianer und Jungs weinen nicht, war der Befehl.
Diese Frage hätte er sich dann auch schon beim ersten Mal als Fritz weinte stellen müssen. Dramaturgisch finde ich das auch nicht geschickt gemacht. Beim zweiten Mal verliert es logisch seine Wirkung. Und man fragt sich automatisch: Ist Fritz jetzt eigentlich dauernd am weinen. Ist Heinrich jetzt der starke. Versteh mich nicht falsch – die Fragen und Gedanken finde ich wichtig und gut; aber sie müssten für mich an der Stelle stehen, wo er bei Heinrichs toller lautgedachten Fragen, ob sie denn nicht vielleicht noch dort in den Trümmern sei, als Fritz dann weint, da müsste Heinrich sich diese Fragen stellen, nicht jetzt erst.

Fritz klatschte mit beiden Händen auf meine Beine. Ich spürte seinen Atem im Nacken. Dann schüttelte es ihn und mich mit. Ich verstand, was hinter mir passierte. Fritz weinte. Ich wollte mich umdrehen, aber er hielt meinen Kopf gerade. So starrte ich aus dem Fenster auf einen kleinen Kran, mit dem er manchmal den Schrott auf einen Lastwagen lud und irgendwohin brachte. Wie konnte ein großer und starker Mann weinen? Was würde mein Vater sagen, wenn er uns jetzt so entdeckte. Indianer und Jungs weinen nicht, war der Befehl. Sollte ich Fritz sagen, dass man nicht weint? Dann kamen mir plötzlich selbst die Tränen, dabei wusste ich gar nicht, warum? Ich wollte nicht, dass Fritz weint. Und ich wollte selbst nicht weinen. Aber es half nichts. So saßen wir auf seinem ächzenden Holzstuhl und vergaßen die Zeit.

Deswegen funktioniert dieser Absatz, so schön das gemeinsame Weinen auch ist, nicht. Vor allem der letzte Satz wirkt so aus einer ganz ganz anderen Stimmung. Für mich würde es reichen, wenn er dazu schweigt. Wenn er zwar nicht weint, aber ihm der Atem stockt. Klar kannst du ihn auch zwei Mal weinen lassen, wenn dir das sehr wichtig ist; aber dann passt es, wie gesagt, mit den Fragen nicht so ganz.

Eine Hütte auf Rädern, viele Steine, große Netze aus rostigem Eisen. Zwischen allem erhob sich der Kran in schwindelerregende Höhen

tolle Beschreibung

Und seine Emma, die vielleicht immer noch tot in einem kaputten Haus lag

Und das finde ich einen wunderbaren Dreh. Das würde fast verdienen, auf dieses Bild die Story enden zu lassen bzw. das noch kurz auszubauen. Das Wahnsinnige, Ungeheuerliche daran ist ja, diese Parallele. Beide verschwinden in Trümmern, die die Zeit über sie gebracht hat. Du lässt das nur aufblitzen, aber ich kann mir vorstellen, dass das stark ausbaubar wäre.

»Ich bleib noch hier oben, Oma. Ist viel besser als da unten!«, rief ich.

Das was du dann als eigentliches Ende vorsiehst, geht in eine andere Richtung, ist aber auch sehr schön, vor allem dieses Schlussbild. Vielleicht könntest du das andere Schlussbild, das Fritz betrifft noch etwas ausschmücken. Dann passt das zweite Schlussbild ja auch in seiner Offenheit gut, weil es ja eben auch weiter geht mit der Geschichte.

So. Morphin. Hat mir Spaß gemacht. Danke für die tolle Geschichte. Du schreibst mit Herz, das meine ich genau so einfach und ursprünglich wie dieses Herz-Symbol nun einmal ist.
Liebe Grüße
Carlo

 
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Oha, @Carlo Zwei,

okay, da hast Du aber mal einen Teppich ausgelegt! Da reiche ich gleich mal ne Kanne Kaffee rüber. Besten Dank für die enorme Mühe. Ich habe deinen Kommentar kopiert in eine Word-Datei und abgelegt unter: Carlo_Fritz_Anmerkungen

Der Grund ist: Roman. Ich bin mitten (im Sinne des Wortes) in einem Roman und schaue, so 8 - 10 Stunden am Tag diszipliniert dran zu sitzen, mit allem, was dazu gehört: Recherche vornehmlich, begleitendes Exposé, Charakter und Namen, lose Enden aufgreifen, Ideen ausprobieren und lassen oder wieder löschen und neu ansetzen. Weil das alles nix mit Heinrich zu tun hat sondern eine gänzlich andere Welt, ist das quasi Neuland. Zudem sind es Kapitel, die auch einzeln stehen sollen, aber doch zusammenhängen. Mein Zeitplan ist knapp. Selbst gesetzt. Ende Dezember will ich fertig sein.

Gut, also ich werde in einer ruhigen Stunde deine Anmerkungen durcharbeiten und sicher auch das Eine oder Andere einpflegen. Mich freut sehr, wie viele Gedanken du dir um einen Text machst. Um Literatur überhaupt. Ums Schreiben.

Was mir gleich ins Auge gefallen ist, die PaK40, das lässt sich in der Tat an den allgemeinen Leser anpassen. Latte hin oder her ... :D ... sind so Begriffe, die auch mein Russland-Opa immer verwendete, egal, ob ich die kapierte oder nicht. Das was ich nicht kapierte, schlug ich dann zuhause in den Büchern nach, hab mir die Begriffe also gemerkt. Bücher? Ja, wie auch immer man das bewerten will, aber Opas Ostern-Geburtstags-Weihnachts-Nikolaus-Zwischendurch-Geschenke, waren immer Kriegsbücher. Bildbände. Noch und nöcher. Ich besaß 4 Märchenbücher. Der Rest war so Zeug. Können wir mal PN schreiben, falls es dich interessiert.

Das mit "Kindern fällt auf" ... weinen z.B. ... es ist mir nicht immer aufgefallen. Wenn meine Antennen auf etwas anderes gerichtet waren, habe ich es weg gedrückt. Aber ... kann der allgemeine Leser das nachvollziehen, wenn er diese Erlebnisse nicht hatte? Hm ... und kann man es dem Lektorat recht machen (was ich persönlich gar nicht will und nicht vor habe)? Schwierige Frage. Schreiben ist Entwicklung? Durchaus. Aber wohin?

Also, versprochen, ich werde mich bemühen, deine Ideen aufzugreifen. Nur muss ich das im Moment hintanstellen. Sonst verliere ich den Faden, komme aus dem Fluss ... deswegen bin ich auch so selten hier momentan. Es sei denn, es passiert was im Projekt.

Bis bald. Schreib mich ruhig per PN an.

Grüße
Morphin

 

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