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Serie Heinrich (2): Alles wird gutgehen

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Heinrich (2): Alles wird gutgehen

Ich kam früh von der Schule. Ausnahmsweise mal keine Verfolger unterwegs. Oma lag auf der Couch, hatte die Augen zu. Opa war ebenso wie Mama arbeiten. In der Küche war alles sauber. Mehr als sauber. Also erledigte ich meine Hausaufgaben. Sätze schreiben. In der Schule ist es schön. Die Blumen sind nicht alle gelb. Manchmal kann es regnen. Oma kam in die Küche und sah über meine Schulter.
»Das machst du gut, Heinrich.«
»Hat meine Lehrerin auch gesagt, Oma. Aber ich brauch das nicht. Ich kann schon alles schreiben.«
»Es ist Übung. Üben ist immer gut. Wer viel übt und fleißig ist, bringt es weiter als andere«, erklärte sie.
»Dann hat Papa aber nicht viel geübt.«
Die Kopfnuss traf mich unvorbereitet. Der Stift rutschte über das Blatt. Oma zog das Heft weg und riss die Seite heraus.
»So! Noch mal von vorne anfangen«, befahl sie.
»Ja, Oma«, murmelte ich kleinlaut und setzte den Stift aufs Papier. Dann fingen die Sirenen an zu heulen. Elf Uhr. Probealarm, erklärte Opa eines Tages, erst Fliegeralarm, dann ABC-Alarm, dann Entwarnung. Oma schob mich beiseite, stürzte unter den Küchentisch und kroch zur Eckbank. Sie hielt sich die Ohren zu und öffnete den Mund. Opa sagte, ich solle sie lassen und abwarten. Das ginge vorüber.
‚Hast du keine Angst, Opa?‘, wollte ich damals wissen und wunderte mich. ‚Ich war in Russland. Da hab ich die Angst vergessen‘, erklärte er vielsagend. Ich überlegte. Vor was hatte ich Angst? Spinnen. 'Vielleicht kann ich die Spinnenangst auch mal vergessen, Opa. Was meinst du?‘ Er lachte.
Als ich den Bleistift spitzte, verstummten die Sirenen. Ich krabbelte unter den Tisch und zog Oma hervor. »Ich hab Hunger, Oma. Was gibt es heute?«
Sie blickte durch mich hindurch. Vielleicht auf die Tür hinter mir oder noch weiter weg.
»Tut mir leid, Heinrich. Ich war einfach zu müde, um zu kochen. Soll ich dir ein paar Arme Ritter machen?«
»Ist gut, Oma.«

~~~​
Ein Stoß gegen meine Brust und ein Bein hinter mir. Ich landete auf dem Teer des Bürgersteigs. Split drückte sich in meine Handflächen. Keine Zeit für Schmerz. Ein Strahl Urin plätscherte neben meinem Kopf in den Rinnstein. Ein zweiter Strahl folgte. Lachen und Schimpfworte. Nie mein Name. Vielleicht wussten sie ihn gar nicht, wollten ihn gar nicht wissen. Er interessierte sie nicht. Was mein Vater tat, das wussten sie.
»He, Sohn vom dreckigen Fensterputzer«, johlten alle. Wie viel waren ‚alle‘ an diesem Tag? Ich weiß es nicht. Manchmal vier, dann wieder fünf Jungs. Größer und älter. Was sonst. Mit ihren Händen an meinen Füßen, an meinem Hals, dem Schlag in den Magen. Sie drehten mich auf den Bauch. Mir wurde schlecht. Die gelbe Pisse lief den Straßenrand entlang, nahm eine verdorrte Tannennadel mit sich, Staub, den Dreck des Sommers.
»Los! Leck das auf!«, befahlen die Stimmen. Tat ich nicht. Niemals! Wo sind die Erwachsenen? Die Frauen und Männer, die Omas und Opas, die hier wohnten. Auf einem anderen Planeten? Ein Knie im Rücken, Finger um meinen Nacken. Jetzt kam der Schmerz durch.
»Trink, du Sau!«
Ich war zu schwach, meinen Kopf oben zu halten. So wanderte mein Mund in den Rinnstein. Zu Dreck und gelber Pisse. Es gab keinen Ausweg. Ich gab auf und leckte. Leckte dieses ekelhafte Zeug. Mir war es egal. Ab jetzt. Es entsetzte sie.
»Der leckt ja wirklich!«
»Boah, die Sau!«
»Dreckiger Fensterputzersohn!«
Ich spürte tief in mir das Entstehen einer ungeheuerlichen Magmakammer. Das Licht der Welt erblickte ich in diesem Augenblick ein zweites Mal. Nicht die Welt der Siku-Autos, der sonntäglichen Spaziergänge, der saftigen Kirschen auf den Bäumen meines Onkels. Ich wurde in einer Welt aus Wut wiedergeboren. Es folgte ein Tritt an meine Schläfe. Fast verschwand das Licht um mich herum. Helles Pfeifen füllte meinen Kopf. Die Stimmen entfernten sich. Lachen. Johlen.
~~~​
Auf dem Tisch standen Arme Ritter. Mal wieder. Oma spülte das Geschirr.
»Was ist passiert?«, wollte sie wissen und ließ das Wasser aus dem Steingutbecken ablaufen.
»Bin hingefallen.«
»Zeig mal deine Hände.«
Ich drehte die Handflächen nach oben. Dunkelblau angelaufene Striemen, kleinen Gräben gleich, an deren Enden steckte Split. Oma kratzte ihn mit dem Fingernagel raus. Das trieb mir die Tränen in die Augen. Aus einem Schrank holte sie ein braunes Fläschchen. Ich ahnte Unheil.
»Bitte nicht, Oma!«, flehte ich. »Es geht schon wieder.«
»Doch«, sagte sie harsch, fixierte eine Hand und kippte Jod drüber. Ich schrie auf. Schon folgte die nächste Hand. »Das muss sein. Wenn es sich entzündet, wird es viel schlimmer!«
Ich verstand es nicht. Was konnte schlimmer sein als Jod? Oder Pisse lecken?
»Jetzt ess dein Mittagessen. Dann mach deine Hausaufgaben.«
»Ja, Oma«, sagte ich und dachte darüber nach, wie ich eine Gabel oder den Stift halten sollte. Also aß ich mit den Fingern.

Samstag. Mama half Papa etwas zu putzen. Ein Büro oder so was. Sie waren einfach nicht da. Oma schickte mich nach draußen. Ich plünderte ihren Garten, zog ein paar Möhren aus der Erde, ein Kohlrabi, riss Petersilie ab und setzte mich neben die Stachelbeeren. Die Ameisen trugen emsig allerlei Fundsachen in ihren Bau. Etwas abseits kämpfte so ein Winzling mit einer Wespe. Niemand verprügelte ungestraft eine Ameise. Tat er es dennoch, fielen deren Freunde in Massen über den Störenfried her. Das gefiel mir.
Nach der ausgiebigen Mahlzeit zupfte ich noch zwei Handvoll der prächtigen Stachelbeeren und machte mich auf den Weg zu Markus. Er wohnte nur einige Minuten entfernt. Ein Klacks, wie mein Papa immer sagte. Aber dieser Klacks hatte es in sich. Mein Blick war stets wachsam. Jede Garageneinfahrt, jeder Busch im kleinen Park, überall konnten sie lauern. Die großen Jungs, denen so langweilig war, dass sie mich zu ihrem Spielzeug auserkoren. Das Glück war auf meiner Seite. Bei Markus angekommen, klingelte ich Sturm. Der Türöffner summte. Noch bevor ich im zweiten Stock ankam, hörte ich die Schreie seines Vaters. Wir würden wohl draußen spielen müssen. Vor der Wohnungstür stoppte ich und lugte durch den Spalt. Markus kleiner Bruder stand im Halbdunkel.
»Der ist auf Klo«, flüsterte er.
Ich nickte. Drinnen zerbrach Glas. Eine nicht minder laute Frauenstimme drohte, mit Kind und Kegel die Wohnung zu verlassen. Endgültig. Jemand rannte und stieß gegen etwas. Markus Bruder drückte sich an die Wand. Dunkelgrüne Tapete mit gelben Streifen. Mehr Löcher als Streifen. Dann hörte es sich an, als wäre der Teufel persönlich am Werk. Das Klatschen der Schläge versetzte mich in Panik. Markus tauchte auf und schob seinen Bruder durch die Tür.
»Wir müssen ihn mitnehmen, sonst ist er der nächste.«
Ich nickte und wir flohen in die warme Sommerluft. Hinaus ins wundervolle Licht unterm blauen Himmelszelt. Darauf hoffend, dass die großen Jungs nicht ebenfalls zum Spielplatz wollten.

~~~​
Ich hörte Mamas Schlüssel in der Tür. Sie kam in den ersten Stock zu Oma und Opa.
»Endlich Feierabend«, seufzte sie und begrüßte uns. Opa und ich saßen vor dem Fernseher und blickten gespannt, wie Captain Kirk sich wohl aus dieser misslichen Lage befreite, in die er reingeraten war. Mamas Hand strich über meinen Kopf.
»Gehen wir nach unten, Heinrich?«
Ich wollte protestieren und lieber weiter meinen Sehnsuchtsort auf dem Bildschirm betrachten. Aber ihr Blick war leer, die Bewegungen langsam. Ihre Hand zitterte leicht. Sie sagte ‚Hilfe‘ und schwieg doch.
»Ist gut, Mama.«
Ich gab Opa einen Kuss. Er drehte sich nur halb, denn Spock tauchte auf.
»Ade, Opa. Bis morgen.«
»Ade, Heinrich. Gute Nacht.«
Wir gingen in den Keller. Einliegerwohnung. Küche, Schlafzimmer, Wohnzimmer in einem Raum. Gemütlich eng. Mama stellte Schwarzbrot auf den Tisch, ein paar Scheiben Käse, Gewürzgurken. Schweigend verstrich sie die Butter, stoppte und schaute mich an. Dann machte sie weiter. Schweigen senkte sich wie ein dunkler Theatervorhang auf uns herab. Die Luft wurde knapp. Ich dachte so viel. Konnte so wenig sagen.
»Kommt Papa nicht?«, platzt ich heraus.
Mama holte mit der Gabel eine Käsescheibe und legte sie vorsichtig auf das Brot.
»Mama?«
»Doch, doch«, nickte sie. »Bald … später.«
»Wo ist er denn? Noch arbeiten?«
Ich wusste, dass Mama nie log. Für sie waren Lügen das Allerschlimmste, das Menschen sich antun konnten. Ihr Blick veränderte sich. Das Leben kehrte zurück, als wir uns in die Augen sahen.
»Er ist trinken mit seinen Kumpels.«
Ich nickte und war froh, Mama zu haben. Sie war meine Insel im weiten Ozean.
»Mama? Darf ich was fragen?«
»Natürlich. Alles.«
Mein Mut verschwand. Kehrte zurück. Eine Gewürzgurke hin und her drehend, versuchte ich krampfhaft an Markus zu denken.
»Können wir Markus helfen?«
»Was ist mit Markus?«
Nun war es raus. Obwohl ich Markus versprochen hatte, nie etwas zu irgendjemandem zu sagen. Ich fing an zu weinen und erzählte. Gar nicht mehr aufhören konnte ich. Mama stand auf und setzte sich neben mich. Den ganzen Tag säße der Papa von Markus daheim, berichtete ich. Er schickte alle in den Keller zum Bier holen und Markus Mutter mit einem Schlag auf den Boden. Manchmal schaffte sie es nicht von der Küche ins Bad, kam nur bis in den dunklen Flur und setzte sich zum Weinen auf den Hocker. Wir kauften für sie ein. Der kleine Bruder, Robert, schlich lautlos durch die Wohnung, von einem dunklen Eck ins nächste. Wir müssen Markus helfen, sagte ich mit heiserer Stimme. Mama drückte mich.
»Wir werden es versuchen, Heinrich.«
~~~​
Sie versuchte es. Beim Pfarrer. Der legte es in Gottes Hände. Bei der Polizei. Keine Anzeige, keine Polizei, sagte die Uniform vor uns. Mama erklärte mir ‚Anzeige‘.
»Wir zeigen an, dass da jemand schlägt. Also muss auch jemand kommen«, widersprach ich dem, was der Polizist von sich gab. Sein Lächeln war gütig. Dann schob er uns zur Tür hinaus. »Und jetzt?«, fragte ich zweifelnd; mir unklar darüber, ob Erwachsene wussten, was sie redeten und taten.
»Wir gehen zu Markus Mama«, sagte sie mit fester Stimme. Mir rutschte das Herz in die Hose. Das Versprechen gebrochen und nun wird alles rauskommen. Schon wieder schlich sich das Bauchweh an mich heran. Sie trug mir auf, herauszufinden, ob Markus Mama an irgendeinem Tag in der Woche etwas unternahm. Das war nicht schwer. Einmal im Monat ging sie samstags zum Friseur. Dahin nahm sie Markus und Robert mit, spendierte ein Eis oder fuhr in den Wildpark. Mama sagte: Finde heraus, wann dieser Samstag ist, indem du fragst, ob du mitgehen kannst. Dieser Samstag kam, und ich durfte mit.
An diesem Tag wartete Mutter im Park, folgte uns, und als wir die Wildschweine fütterten, Markus Mama auf der Bank saß und rauchte, setzte sich Mutter neben sie. Wir drei drehten uns um, die grunzenden Schweine im Rücken. Sie drückten ihre Steckdosennasen gegen unsere T-Shirts. Ich blickte auf den Boden. Wollte gar nicht wissen, was Markus jetzt dachte. Aber es gab keinen Ärger, keine Wut. Mutter sprach unentwegt, umarmte Markus Mama und die begann zu weinen. Ich sah kurz zu den Schweinen und staunte. Warum starren die uns alle an?
~~~​
Sein Papa sei nun anders, sagte Markus ein paar Wochen später. Er, Robert und ihre Mama wohnten bei der Oma. Der Papa komme jeden Tag mit Blumen und Geschenken, so Markus in der Schule. Nun sei alles wieder gut, sagte seine Mama. Sie gingen alle drei wieder zurück. Nach einer Woche hatte das Gute wohl keine Lust mehr. Ich ertappte mich dabei, gar nicht mehr zu meinem einzigen Freund gehen zu wollen, denn es war noch viel schrecklicher als zuvor. Und mein Schulweg wurde ebenfalls nicht sicherer. Aber inzwischen spürte ich die Dresche so gut wie nicht mehr. Pisse trinken täuschte ich durch Schlürfgeräusche und einem steten Auf und Ab der Zunge vor. Zudem pustete ich in die gelbe Brühe. So sah es aus, als leckte ich das Zeug auf. Ein Hund konnte das nicht besser. Doch die großen Jungs ließen sich neue Dinge einfallen. Eines Tages zogen sie mich in einen großen Haselnussbusch. Innen Platz für alle, von außen kaum einsehbar.
»Hose runter«, befahl der Größte.
Ich schüttelte den Kopf. Auf keinen Fall. Sie fackelten nicht lange, hielten mir den Mund zu, zogen meine Hose und Unterhose runter und drückten mich bäuchlings auf den Boden. Es wurde ruhig. Sie flüsterten. Kicherten. Ich dachte selten an Gott. Aber jetzt passierte es. Oma beteuerte, schwor, dass es ihn gab, betete neben mir am Bett, wenn das Fieber mich schüttelte. Er hatte wohl gerade auf der anderen Seite der Welt zu tun als jemand ein raues, hartes Etwas in meinen Hintern schob. Ich presste einen Schrei in die Hand vor meinem Mund und klemmte die Backen so fest zusammen, wie ich nur konnte. Aber es tat um so mehr weh. Dann kam vielleicht doch Gott, denn eine samtene Nacht legte sich über mich.

So erwachte ich. Auf dem Bauch. Alleine in diesem Haselnussbusch. Meine eigene Pisslache unter mir. Jede kleinste Bewegung versetzte mir einen schmerzenden Stich am Hintern. Ich begriff, dass dort noch etwas steckte. Langsam tastete ich die Stelle ab. Ein Zweig. Mir wurde so schlecht, dass ich mich erbrach und vielleicht war dies auch mein Glück, denn jedes Mal, wenn es mir hochkam, konnte ich den Zweig ein Stück herausziehen. Als ich ihn draußen hatte, wunderte ich mich, wie dünn er war. Wie mein kleiner Finger. Der Schmerz fiel mir ein und dass ich etwas viel Größeres vermutete. Sitzen ging nicht. Es blutete ein bisschen. Ich bekam Panik, zog mir die Hosen hoch und stolperte nach Hause.
Daheim setzte ich mich auf die Toilette, sagte immer wieder laut ‚Aua‘ und drückte ausgiebig auf die Klosettspülung. Oma kam herein.
»Oma, das hat so weh getan. Der war ganz hart«, log ich.
»Wie lange warst du schon nicht mehr auf Klo?«
»Ich weiß nicht.«
Meine Wangen glühten.
»Du hast Verstopfung. Ich geb dir Milchzucker.«
»Ich glaube, es blutet ein bisschen«, sagte ich leise.
»Zeig.«
Oma bog mich nach vorne und drückte meinen Hintern in alle Richtungen.
»Ja. Ein bisschen. Wasch dir den Po in der Wanne mit warmem Wasser. Dann mach ich dir Hametum-Salbe drauf.«
Ich nickte und fühlte eine tiefe Wut aufsteigen. In meinem Kopf gab es das Bild dieses Vulkans. Mama hatte von ihm erzählt. Vesuv, hieß er. Und er hatte auf einen Schlag eine ganze Stadt ausgelöscht. Ich wollte dieser Vesuv sein.

~~~​
Den ganzen Morgen saß Markus neben mir und starrte aus dem Fenster. Ich stieß ihn an, wenn die Lehrerin seinen Namen aufrief und eine Antwort erwartete. War sie nicht aufmerksam, flüsterte ich die Lösung in sein Ohr. Ich wusste nicht, was in seinem Kopf passierte. Was er dachte. Ob er mich nicht mehr mochte. Er schwieg.
»Gehen wir zusammen nach Hause?«, fragte ich ihn nach der Schule, obwohl sein Weg ein anderer war. Er nickte. Fünfzehn Minuten Schweigen. Die Sonne verdampfte den Regen der Nacht. Die Pfützen trockneten langsam und die Vögel badeten ausgiebig darin. Markus sagte nichts. Wir erreichten die Kreuzung. Er musste nach links, ich nach rechts. Dann hörte ich deutlich schnelle Schritte, Johlen, Schreie.
»He! Dreckiger Fensterputzer!« Dieses Mal waren es sechs.
»Lauf!«, rief ich und schubste Markus weg. Aber er blieb einfach stehen und starrte den Berg hinauf, der heranrückenden Meute entgegen. Meine Beine wollten fliehen. Aber ich blieb stehen.
»Markus …«, dann waren sie heran, umkreisten uns wie die Geier, zogen ihre Gürtel aus den Hosen. Je zwei hielten uns fest. Mit den Gürteln peitschten sie uns. Die Schnallen zogen Striemen auf unseren Gesichtern. Wir pressten Augen und Lippen zu. Es brannte wie verrückt. Ich roch Blut. Dann ein ‚Achtung!‘ und die Tortur stoppte. Sie ließen von uns ab, schubsten uns zu Boden. Von der Seite sah ich laut fluchend Oma kommen. Sie rannte. So gut es eben ging in ihrem Alter und mit den steifen Schuhen. Die sechs Jungs ließen sich nicht beeindrucken. Im Gegenteil. Oma wurde umkreist, rennend.
»Alte Schachtel!«, riefen sie. »Komm doch!«
Wir standen auf und ich fühlte den Vulkan, die aufsteigende Magma. Wenn sie noch im Vulkan ist, heißt sie Magma, sagte Mama, denn dann weiß keiner von ihr. Sie ist unsichtbar. Erst wenn sie hervorbricht, wird es Lava. Meine Wut war unbeschreiblich. Ungeheuerlich. Ich bekam Angst vor mir selbst und stürmte in die Runde der Sechs. Entgegen ihrer Laufrichtung. Der Aufprall warf einen um. Gegen den nächsten sprang ich und schlug ihm mit all der ausbrechenden Lava die Brille auf dem Gesicht entzwei. Splitter drückten sich in meine Hand und seine Haut, in Wange, Stirn, Nase. Er schrie und fiel auf die Knie. Ich vergaß mich. Vier blieben übrig. Starrten. Standen wie angewurzelt. Mein Schuh landete im Magen eines weiteren.
»Heinrich!«
Oma zog mich am Kragen zurück. Ich tobte. Markus Blick traf mich. Er rannte auf mich zu und umarmte Oma und mich. Seine Tränen liefen über mein Gesicht. All die Lava war verdampft. In meiner Hand steckten zwei Scherben. Das Blut tropfte auf die Straße. Niemand sagte etwas.
~~~​
Ich bekam keinen Ärger. Nicht von Mama und Papa. Der meinte: „Richtig so, Sohnemann! Wenn sie auf dich losgehen, musst du mindestens zwei oder drei mit ins Krankenhaus nehmen!« Er täuschte ein paar Boxerschläge an. Mama verdrehte die Augen und nahm mich auf die Seite, strich über meine geschwollenen Wangen, die Krusten auf Stirn und Nase und untersuchte die Schnittwunden.
»Tut es noch weh?«
Es tat verflixt weh. Ich schüttelte den Kopf.
»Tut nicht weh«, sagte ich.
»Richtig so«, freute sich Papa.
Mama zog mich ins Bad und rieb die Wunden mit einer Salbe ein.
»Heinrich …« Sie setzte sich auf den Toilettendeckel und stellte mich vor sich. »Ich möchte das nicht noch mal erleben. Ich habe Angst um dich. Verstehst du das?«
Nein. Aber ich nickte.
»Du bist erst acht Jahre, aber schon ziemlich kräftig. So stark …«, sie kniff in meinen Oberarm, »du kannst ganz leicht jemandem sehr weh tun.«
»Sie haben mir weh getan. Und Markus …« Oma fiel mir ein. »Und sie haben Oma ausgelacht!«
»Ja«, nickte Mama, »das haben sie und bestimmt ist da noch viel mehr passiert, von dem ich nichts weiß. Oder?«
Ich wurde rot. Ihr Blick war Antwort genug.
»Beim nächsten Mal kommst du gleich zu mir. Und ich werde mit dir zu den Eltern der anderen Kinder gehen.«
»Mama …«, ich dachte an Markus. »Markus und Robert sind aber wieder daheim. Da sind wir auch hingegangen und jetzt ist es viel schlimmer als vorher.«
Sie senkte den Kopf, vielleicht sah sie meine dreckigen Socken. Oder … sie wusste keine Antwort. Mein Herz pochte heftig. Als sie mich wieder anblickte, waren eine Menge Tränen in ihren Augen und rollten über die Sommersprossen in ihrem Gesicht.
»Ich weiß, Heinrich. Ich weiß.«
Sie presste mich an sich. Wir hielten uns fest.
~~~​
Zwei Wochen vor den Sommerferien klingelte es am Samstagmorgen. Opa öffnete und rief meinen Namen durchs Treppenhaus. Als ich die Kellertreppe hochstürmte, stand Markus vor mir. Robert an der Hand.
»Hallo! Toll! Können wir spielen?«
Sie sagten nichts. Beide zusammen waren noch nie zu Besuch gekommen, und Markus nur ein paar Mal, weil sein Vater ihn nicht zu anderen Leuten lassen wollte. Als ich darüber nachdachte, spürte ich, dass etwas nicht stimmte. Mama kam die Treppe hoch.
»Was ist? Wer ist es denn?«
Sie entdeckte die Beiden und lächelte.
»Das ist aber schön. Kommt mit. Ich mache euch einen Kakao.«
Sie drehte und ging runter. Markus und Robert folgten schweigend. Ein dicker Kloß wuchs in meinem Hals. Als wir am Tisch saßen, musterte Mama unsere Gesichter. Die Tassen blieben unberührt. Kleine Pulverinseln drehten sich auf der Milch.
»Was ist los, Markus? Du kannst alles erzählen, das weißt du.«
»Wir ziehen weg«, sagte er unvermittelt. Mitten hinein in mein Herz. Ich erstarrte. Mama ließ sich nichts anmerken. Ihr Lächeln war wie eine Sonne über kaltem Nebel.
»In eine andere Stadt?«, hakte sie nach.
Markus nickte.
»Nach Bochum, sagt Papa. Dort gibt es Arbeit. Dann wird alles besser.«
»Und wann zieht ihr um?« Mama war unermüdlich. Ich wollte das gar nicht wissen und trank einen Schluck Kakao.
»Am ersten Ferientag«, sagte Markus.«
»Wo ist Bochum?«, fragte Robert.
»Das ist im Ruhrgebiet. Man muss etwa vier Stunden mit dem Auto fahren«, wusste Mama. Ich stand auf und ging raus in den Garten, setzte mich auf die Wiese und zerdrückte Gänseblümchen. Ich fühlte die Wut kommen. Warum? Ich wusste es nicht. Mama kam, Markus und Robert an der Hand. Sie setzten sich mir gegenüber. Nichts geschah. Die Sonne wanderte langsam um das Haus. Der Schatten erreichte uns. Einen nach dem anderen. Ich wünschte mir, der Boden möge sich unter mir auftun. Vielleicht gab es dort unten eine andere Welt. Aber Mama zog uns alle an sich heran, umarmte uns wie eine Schlingpflanze den Jägerzaun meines Onkels. Jeder bekam einen Kuss auf die Stirn.
»Alles wird gutgehen«, flüsterte sie.

 
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Die Kurzgeschichte ist ein Klassiker ! Mir fehlt nur eine richtige Darstellung von Beziehung zwischen Vater und Sohn. Ebenso ist der Protagonist doch wirklich sehr jung für eine solche Schikane. Da passt das Alter 13 aus meiner Sicht schon eher.

 
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Guten Morgen @NicolasD.,

vielen Dank fürs nächtliche Lesen und Kommentieren.

Mir fehlt nur eine richtige Darstellung von Beziehung zwischen Vater und Sohn.
Das war ein Punkt, der gewollt ist und gut sichtbar sein sollte. Denn da gibt es keine. Es ist die Abwesenheit von Beziehung. Und dem kleinen Heinrich genügt vollkommen die eine Insel. Die aber ist kriegsentscheidend, sozusagen. Auch beim Alter bleibt nur zu sagen, dass es korrekt ist. Ich beschreibe in diesem Fall tatsächliches Geschehen von zwei Achtjährigen. Gewalterfahrung von Kindern, eingebettet in Gewalterfahrungen bspw. der Großeltern (Krieg), nehme ich das als Gewalt wahr (Pfarrer, Polizist), in dieser Zeit (Ende 60er, Anfang 70er), bin ich auf Augenhöhe mit Kindern (die Mutter) und respektiere sie als solche. In der Tat, spielen die Männer hier eine untergeordnete bzw. negative Rolle. All das fällt ja mitten hinein in die Zeit der aufbrechenden Krusten und Strukturen damals.

Ich freue mich, wenn sie dir gefallen hat und wünsche ein schönes Wochenende.

Grüße
Morphin

 
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Guten Morgen @NicolasD.,

vielen Dank fürs nächtliche Lesen und Kommentieren.

Mir fehlt nur eine richtige Darstellung von Beziehung zwischen Vater und Sohn.
Das war ein Punkt, der gewollt ist und gut sichtbar sein sollte. Denn da gibt es keine. Es ist die Abwesenheit von Beziehung. Und dem kleinen Heinrich genügt vollkommen die eine Insel. Die aber ist kriegsentscheidend, sozusagen. Auch beim Alter bleibt nur zu sagen, dass es korrekt ist. Ich beschreibe in diesem Fall tatsächliches Geschehen von zwei Achtjährigen. Gewalterfahrung von Kindern, eingebettet in Gewalterfahrungen bspw. der Großeltern (Krieg), nehme ich das als Gewalt wahr (Pfarrer, Polizist), in dieser Zeit (Ende 60er, Anfang 70er), bin ich auf Augenhöhe mit Kindern (die Mutter) und respektiere sie als solche. In der Tat, spielen die Männer hier eine untergeordnete bzw. negative Rolle. All das fällt ja mitten hinein in die Zeit der aufbrechenden Krusten und Strukturen damals.

Ich freue mich, wenn sie dir gefallen hat und wünsche ein schönes Wochenende.

Grüße
Morphin


Alles klar, dann wäre dies geklärt. Zum Alter... für mich ist das dann noch ein größerer Schock zu erfahren, dass man als Achtjähriger von älteren Kindern, einen solchen Schmerz zugefügt bekommt. Ich wünsche auch eine schönes Wochenende !


Lieben Gruß

Nicolas

 
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Oh, Mann, @Morphin

jetzt hab ich das Taschentuch in der Hand, kein Joke. Du bist ein guter Autor. Und irgendwie bist du auch ungebremst, wenn ich mir anschaue, was du hier so reinwirfst. Ich habe mal etwas ähnliches geschrieben; aber gegen dieses Leiden ist meine Story weichgespült. Dazu schreibe ich gleich noch etwas Kritisches, aber erst diese Kleinigkeiten:

Die Kopfnuss

Wollte dir nur rückmelden, dass, auch wenn es die richtige Bezeichnung ist, bei mir das Bild eines Kopfstoßes entsteht. Die Oma hat ihrem Enkel bei mir einen KOPFSTOß gegeben und das war super irritierend, hat mich rausgerissen. Ich vermute, ich bin nicht der einzige, bei dem dieses Bild entsteht; hat leider diese Doppeldeutigkeit in der Alltagssprache. Wenn du bei google-Bildern schaust, werden dir zu dem Begriff auch Kopfstöße angezeigt.


Leerzeichen zu viel

eine Kohlrabi

es ist der Kohlrabi, wenn auch die Kohlrübe. Also ein Kohlrabi. Oder ist das eine alte Umgangssprache?

Mehr Löcher als Streifen. Dann hörte es sich an, als wäre der Teufel persönlich am Werk. Das Klatschen der Schläge versetzte mich in Panik. Markus tauchte auf und schob seinen Bruder durch die Tür.
»Wir müssen ihn mitnehmen, sonst ist er der nächste.«
Ich nickte und wir flohen in die warme Sommerluft.

Oh Mann. Das hat mich ins Herz getroffen. Das passiert mir sonst hauptsächlich bei Filmen.

Der kleine Bruder, Robert, schlich lautlos durch die Wohnung, von einem dunklen Eck ins nächste. Wir müssen Markus helfen, sagte ich mit heiserer Stimme. Mama drückte mich.
»Wir werden es versuchen, Heinrich.«

Und das. Einfach furchtbar. Eine Träne war es mindestens.

--

Mach auf jeden Fall dein Ding und lass dich bloß nicht bremsen. Ich persönlich finde, dass das (nur!) zum Ende ein bisschen viel des Leides wird. Da rutscht das fast ins Komische, wenn sie dann gefühlt jeden Tag diese Nummer bei ihm abziehen. Da muss die Logik der Story auch einiges an Gewicht stemmen (in dem Alter? wo sind die Eltern? warum entzieht er sich nicht irgendwie? etc.), wenngleich du mit dieser Geschichte die suspension of disbelief voll auf deiner Seite hast, zumindest bei mir. Auch die

Vergewaltigung
war für mich hier ein grenzwertiges Element. Ich glaube, das wäre es nicht, wenn das mit dem routinierten Auflecken ausgespart bliebe oder irgendwie umgemünzt. Ist echt heftig. Und eigentlich sollte dieses Element stehenbleiben.

Definitiv starker Text. Noch eine Sache habe ich. Es kommt nie zum Wutausbruch. Das ist absolut unbefriedigend und vielleicht wolltest du darauf hinaus. Aber zum Ende fehlt mir was. Das könnte ich hinnehmen, wenn es in Bochum weitergeht und irgendwann holt ihn das ein und er verwandelt das in etwas.
Und noch ein drittes: Warum eigentlich? Es gibt diese eine Stelle: Sie wissen, was mein Vater macht. Ich habe irgendwie assoziiert: Deutsche in Belgien. Da habe ich mal jemandem zugehört, der von seiner Kindheit damals erzählte. Die wurden auf der Straße angespuckt und der hat das gar nicht verstanden zuerst. Aber nur, weil sie einen Deppen brauchen? So einfach ist es manchmal, das stimmt schon. Aber dafür ist die allgemeine Demütigung und Pein und das Ausbleiben jeglichen äußeren Beistandes (ohne Oma, Mama und dem kleinen Freund) schon arg.

Sieh mir das nach. Das sind erstmal auch einfach Fragen, ich will die angesprochenen Punkte nicht grundsätzlich infrage stellen; erstmal einfach ansprechen. Und nochmal: Vieles dieser Story hat mich wirklich ins Herz getroffen wie schon bei den Haferflocken.

Carlo

 
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Servus @Carlo Zwei,

der/die Kohlrabi, ja, das ist süddeutscher Slang. Und dieses Leerzeichen, das sieht nur so aus, weil Kursivsetzung so super viel Platz reinquetscht. Ich hab den Beistrich mal hochgesetzt, fällt es nicht so auf.

Aber erst mal vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren. Jetzt zu der Geschichte selbst. Und das ist nicht einfach. Das kannst du mir glauben. Aber es hilft ja am Ende nix. Den kleinen Markus gab es. So wie er da in Worten steht. Sein Leben verlief ... schräg. Unstet. Bis er sich eines Tages daraus verabschiedet hat. Und der kleine Heinrich hat die Dinge ebenfalls so erlebt, wie sie da stehen.

Versuch dir das so vorzustellen. Du bist nun alt genug, um dich als Beobachter so weit über die Geschehnisse zu erheben, dass du alles überblicken kannst - und beschreiben.

Das Perfideste, das Schrecklichste, das Nachhaltigste, was Menschen anderen Menschen antun können, ist Gewalt. Manchmal lesen wir etwas von sinnloser Gewalt. Gibt es sinnvolle Gewalt? Gleichzeitig können wir mit ihr nicht umgehen, wenn sie vor unseren Augen geschieht. Sie stößt uns ab. Sie widert uns an. Ich bin seit langem Fastveganer, esse ab und zu Käse und Eier vom Schwager. Warum? Weil ich als Landwirt und später im Schlachthof Tiere getötet habe. Und die Tiere sich teils gewehrt haben, also musste ich sinnlose Gewalt ausüben. Als ich ich mir dann eingestand, dass mich diese Gewalt anwiderte, beendete ich das. Aber es war ein Prozess.

Damit schreibe ich anderen Menschen NICHT vor, was sie tun sollen. Das gilt für mich, weil ich merkte, dass dieser Prozess des Nichtgewaltanwendens dazu führte, dass ich mich entwöhnte. Dass ich heute kaum noch Filme ansehe, die intensive Gewalt zeigen in realistischen Filmen (ich rede jetzt nicht von Hollywood-Choreographie). Meine Theorie ist, dass eine Entwöhnung von Gewalt die Hemmschwellen heben kann.

Der Bogen zur Geschichte ... Gewalt stößt uns ab. Und doch lassen wir sie geschehen. Schauen hin, ohne zu handeln, ohne einzugreifen. Hier in der Geschichte, das passierte zwischen Wohnhäusern. Zwar mit teils hohen Hecken, aber das haben sicher einige Menschen beobachtet. Und nicht gehandelt. Sicher auch, weil sie Angst vor der Gewalt hatten, unsicher waren.

Das Beschriebene ist passiert. Es ging über zwei Jahre. Und es ist nur die Oberfläche. Wie ich schon weiter oben schrieb, sind Oma, Opa ebenfalls in Gewalt eingebunden gewesen. Und sie hat was mit ihnen gemacht. Sie hat Auswirkungen bis ans Lebensende. Wie können Menschen mit Gewalterfahrung andere Menschen retten?

Der Vater? Nun, so wie charakterisiert, spärlich, war er. Kaum vorhanden. Unterwegs. Trinkend. Fensterputzer. Selbst ein Opfer von Gewalt.

Auch das ist wieder ein Text, der keine Lösungen parat hat. Was sind Lösungen? Beim Einzelnen, in einer Familie, Schule, Studium, Verein, Gesellschaft, in einem Land ... im Internet. Das voller Hass ist. Wie damals, auf der Straße.

Nun, es wird weitergehen mit der kleinen Reihe.

Bis dann und Grüße.
Morphin

 
Monster-WG
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Lieber @Morphin

Deine Geschichte hat mich grad sprachlos und sehr sehr traurig zurückgelassen. Was hab ich mit dem kleinen Heinrich mitgelitten. An einigen Stellen kamen mir Tränen. Die Geschichte hat mich vom Einstieg an in ihren Bann gezogen und ich konnte gar nicht mehr aufhören zu lesen. Ich hatte durchgängig Kopfkino (an einigen Stellen echt heftig). Dein Text geht in die Tiefe, er berührt das Herz, du baust Nähe auf, bringst Emotionen rüber. Von all Deinen Texten, die ich bisher von Dir gelesen hat, hat mich diese her am meisten geflasht.

Hier ein paar Anmerkungen:

Sätze schreiben. In der Schule ist es schön. Die Blumen sind nicht alle gelb. Manchmal kann es regnen. Oma kam in die Küche und sah über meine Schulter.
»Das machst du gut, Heinrich.«

Da konnte ich den Kleinen sofort vor mir sehen und dann die Oma. Ein schönes Bild.

»Dann hat Papa aber nicht viel geübt.«
Die Kopfnuss traf mich unvorbereitet.

Kicher. Und hier ein wenig Humor. Das finde ich gerade wegen der Dramatik der Geschichte sehr schön.

Als ich den Bleistift spitzte, verstummten die Sirenen. Ich krabbelte unter den Tisch und zog Oma hervor. »Ich hab Hunger, Oma. Was gibt es heute?«

Der kleine Heinricht kommt bei mir sehr tapfer rüber. Auch die Bindung zu der Oma hast Du schön beschrieben.

Ich plünderte ihren Garten, zog ein paar Möhren aus der Erde, ein Kohlrabi, riss Petersilie ab und setzte mich neben die Stachelbeeren. Die Ameisen trugen emsig allerlei Fundsachen in ihren Bau. Etwas abseits kämpfte so ein Winzling mit einer Wespe. Niemand verprügelte ungestraft eine Ameise. Tat er es dennoch, fielen deren Freunde in Massen über den Störenfried her. Das gefiel mir.

Auch dieser Abschnitt ist sehr gelungen. Die Metapher mit den Ameisen gefällt mir.

ch nickte und war froh, Mama zu haben. Sie war meine Insel im weiten Ozean.

Das hast Du toll ausgedrückt.

Nun war es raus. Obwohl ich Markus versprochen hatte, nie etwas zu irgendjemandem zu sagen. Ich fing an zu weinen und erzählte. Gar nicht mehr aufhören konnte ich. Mama stand auf und setzte sich neben mich.

Man spürt durchgehend, dass der kleine Heinrich eine sehr Bindung zu seiner Mama hat. Ich finde es sehr schön, dass er sich der Mutter anvertraut und auch, wie sie reagiert.

Sie versuchte es. Beim Pfarrer. Der legte es in Gottes Hände. Bei der Polizei. Keine Anzeige, keine Polizei, sagte die Uniform vor uns. Mama erklärte mir ‚Anzeige‘.

Da hab ich mitgelitten und musste den Kopf schütteln.

Wir drei drehten uns um, die grunzenden Schweine im Rücken. Sie drückten ihre Steckdosennasen gegen unsere T-Shirts.

Das ist schön beschrieben.

Ich dachte selten an Gott. Aber jetzt passierte es. Oma beteuerte, schwor, dass es ihn gab, betete neben mir am Bett, wenn das Fieber mich schüttelte. Er hatte wohl gerade auf der anderen Seite der Welt zu tun als jemand ein raues, hartes Etwas in meinen Hintern schob. I

Da hatte ich Tränen in den Augen. Was hab ich gelitten. Hatte ja fast befürchtet, dass so etwas passieren würde, hat mich dennoch härter getroffen als gedacht.

Ich nickte und fühlte eine tiefe Wut aufsteigen. In meinem Kopf gab es das Bild dieses Vulkans. Mama hatte von ihm erzählt. Vesuv, hieß er. Und er hatte auf einen Schlag eine ganze Stadt ausgelöscht. Ich wollte dieser Vesuv sein.

Toller Vergleich. Absolut glaubhaft und nachvollziehbar.

Wir standen auf und ich fühlte den Vulkan, die aufsteigende Magma. Wenn sie noch im Vulkan ist, heißt sie Magma, sagte Mama, denn dann weiß keiner von ihr. Sie ist unsichtbar. Erst wenn sie hervorbricht, wird es Lava. Meine Wut war unbeschreiblich. Ungeheuerlich. Ich bekam Angst vor mir selbst und stürmte in die Runde der Sechs.

Auch das ist toll beschrieben.

»Ja«, nickte Mama, »das haben sie und bestimmt ist da noch viel mehr passiert, von dem ich nichts weiß. Oder?«
Ich wurde rot. Ihr Blick war Antwort genug.

Hier spürt man wieder die enge Bindung der beiden.

Ganz liebe Grüße und einen tollen Wochenstart,
Silvita

 
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»So! Noch mal von vorne anfangen«, befahl sie.
»Ja, Oma«, murmelte ich kleinlaut und setzte den Stift aufs Papier. Dann fingen die Sirenen an zu heulen. Elf Uhr. Probealarm, erklärte Opa eines Tages, erst Fliegeralarm, dann ABC-Alarm, dann Entwarnung. Oma schob mich beiseite, stürzte unter den Küchentisch und kroch zur Eckbank. Sie hielt sich die Ohren zu und öffnete den Mund. Opa sagte, ich solle sie lassen und abwarten. Das ginge vorüber.
...
Niemand verprügelte ungestraft eine Ameise. Tat er es dennoch, fielen deren Freunde in Massen über den Störenfried her.

Gelebte Solidarität oder eher reiner Reflex, wäre da die Frage zu den Ameisen,

lieber Heinrich,

wir kennen uns ja schon von vorm Schrottplatz her (wird der Mensch, der den einsammelt, bei euch im Süden auch „Klüngelskerl“ genannt?, wie hierorts bis jenseits von Bochum?) Und Zufall, dass die Wiege der Ruhrindustrie, Opahausen die Buchstaben des Bochumer Kfz-Kennzeichens in umgekehrter Reihenfolge trägt?,

pardon, Morphin,

und – um das Zitat oben einfach mal weiter zu spinnen - mit einem Ameisenstaat wie die letzten „Volksrepubliken“ täten sich auch die Gründungsväter des sozialistischen Gedankens schwer, wenn auch nur Morus heilig gesprochen wurde.

„Waldan“ (nhd. „walten“) bedeutet schon bei den Goten „regieren, ver-walten“ und wird als „gawaldan“ zur Herrschaft über etwas/jemand und sie blüht bei denen da oben und denen ganz unten und oft suchen sich Schwache einen Schwächeren aus, um selbst mal „oben“ zu sein/bleiben und drei km Fußweg zur Volksschule konnten sich 1956 auch zum Abenteuer wandeln und immer trifft es zunächst die scheinbar schwächsten, die jüngsten und da der Fisch, der ich nun mal bin, in dieser Zeit, da zu Ostern das Schuljahr begann, zwangsweise einer der jüngsten bis zum Ende der Realschulzeit war, drohte die Rolle des Prügelknaben erhalten zu bleiben.

Da spielt manchmal auch die Rolle des schwarzen Schafes mit hinein, in die ich aber nicht geriet, weil 1958 der kleine Friedel „Geuse“ wurde, Wölfling (unter der Lilie im Griff des Fahrtenmessers lauerte noch das Hakenkreuz …) Warum ich das erzähl?

Schon Deine Eingangsszene (bzgl. der Sauberkeit) erinnert mich nun nicht so sehr an Oma und Opa, aber an die eigenen Eltern, zB Mama - wobei ich heute, mehr als 30 Jahre nach ihrem Tod - immer noch nicht weiß, ob sie bezüglich der Jagd nach Krümeln und Staub etc. Hypochonder war oder nicht.
Aber bei Gewitter gabs immer die Reaktion, ab in den Keller … und mein alter Herr - Stalingrad wegen Armdurchschuss’ und Nierenkolik entkommen, in frz. Gefangenschaft geraten und eine Abneigung nicht so sehr gegen Frankreich, als gegen Möhren entwickelte, die wohl täglich auf dem Speiseplan standen. Statt „leck mich …“ hatte er die Floskel entwickelt des ähnl. Klanges wegen „fromage!“ (erst mit 40 + lernte ich die Route de Fromage im Elsaß kennen).

An Schicksalsschläge wie die des Markus’ kann ich mich allerdings nicht erinnern.

Vllt. spielt da tatsächlich das Jahrzehnt des „Wiederaufbaus“ eine Rolle, selbst wenn es familiäre „Krisen“ gab, mein alter Herr (da noch Hilfsarbeiter, der aber mit 38 noch eine Ausbildung machte in der Chemischen Industrie, war bis zu zwölf Stunden weg und wenn er vonne Maloche kam groggy. Vllt. schwingt da auch noch die „vaterlose“ Gesellschaft mit … Insofern hat die florierende Gesellschaft des Wirtschaftswunders auch ihre negativen Seiten entwickelt, dass „man“ sich auf den Zwirn geht.
Aber eine vierstündige Autofahrt wird auch ihre Wirkung zeigen ...

Eine Fluse hätt ich nur anzubieten

Sie entdeckte die Beiden und lächelte.
„die beiden“ (eher ein Zahlwort oder – wie „ander“ [bis zu Luthers Reform „zwei“, was noch im anderthalb mitschwingt] und das „Paar“ Reste des Duals -
einem der germanistischer Zunge verloren gegangenen Falles zwischen Singular und Plural, irgendwo hierorts schwebt noch eine kleine Abhandlung über das "Dual" hierorts, von der sogar Dion beeindruckt war).

Aber wie immer -

gern gelesen vom

Friedel

 
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Verflixt, @Silvita,

ich habe deinen Kommentar doch glatt übersehen. Tut mir außerordentlich leid. :shy: Kommt nicht oft vor, dass ich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr erkenne. Am Alter kann es nicht liegen ... :Pfeif: In der Tat ist es wohl so, dass die Bindung zur Mutter das entsprechende Schutzschild war, um der Welt irgendwie begegnen zu können. Wie es das Leben so will, bekommen die Bilder der Eltern später zunehmend Risse. Als Folge beginnt dann die Betrachtung von außen, Zweifel wachen auf, die Abnabelung beginnt. Man muss es schaffen, sich in ein Verhältnis zu setzen, zu Mutter, Vater, vergangener bzw. erlebter Umwelt. Beginnt dieser Prozess der Selbst- und Fremdbeobachtung schon früher oder zu früh, kann das erheblich aufs Gemüt schlagen.

Danke fürs Lesen und Kommentieren. Schön, wenn der Text noch ein wenig nachschwingt.

Griasle
Morphin

Tach @Friedrichard,

auch Dir meinen Dank fürs Lesen und Kommentieren. Das mit dem kleinen Markus und auch noch anderen, die da noch kommen werden, hat viele Jahre später doch reichlich Auswirkungen gehabt. Mehr als vier oder fünf gute Kumpels möchte ich nicht auf der Haben-Seite verbuchen ... also Menschen mit tieferer Verbundenheit, einem stillen Einverständnis in vielen Situationen ... es lebt außer mir nur noch einer. Die anderen gingen freiwillig. Deswegen ist jedes Wort über sie auch immer für sie. Vielleicht ist es bedeutungslos im Mahlstrom von Werden und Vergehen. Bis zu meinem Ableben jedoch, ist es wichtig.
Ich habe seit geraumer Zeit das Gefühl, dass die 60er und 70er bedeutend für Vieles waren und sind. Und deshalb tauche ich ab, um zu sehen, was da alles war, was ich noch finde und welche Emotionen ich dabei noch entdecke. Das ist sehr interessant. Als blickte man auf sein Werk, um es nun beurteilen zu können. Eine Zeitreise.

Bis bald und gesund bleiben.
Griasle
Morphin

 

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