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Herr Staupheimer tut Gutes

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01.10.2021
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Herr Staupheimer tut Gutes

Auf seinem Weg zur Arbeit beschloss Herr Staupheimer, etwas Gutes zu tun. Am wirkungsvollsten erschien ihm dazu ein Mord. Alles andere würde in endlosen Bemühungen dahindümpeln.
Er bog in die Straße ein, die einen halben Kilometer lang schnurgerade zur Haltestelle der Straßenbahn führte. Er hatte die Bahn um zehn nach nehmen wollen, hatte dafür aber zu spät das Haus verlassen. Getrödelt hatte er, so fiel es ihm ein. So lange in die Zeitung geschaut, dass es knapp geworden war, und jetzt würde er die Bahn verpassen und zehn Minuten auf die nächste warten.
Aber er beschleunigte seine Schritte. Er richtete sich auf, zog seine Jacke glatt und ließ vor seinem inneren Auge erscheinen, wie er die Bahn noch erreichen würde. Viel zu oft drückte er sich um die Verwirklichung seiner Entscheidungen. Heute war ein Tag des Handelns.

Herr Staupheimer bot einer älteren Frau seinen Platz an. Sie wollte nicht sitzen, danke, sie fahre nur zwei Stationen. Er betrachtete die anderen Fahrgäste. Sie wollten doch alle nur das Gute. Vom beginnenden Tag wünschten sie sich, dass er ihnen gut von der Hand gehe, sie wollten keinen Streit haben und keine unerwartete Rechnung im Briefkasten finden. Die Menschen waren bereit, einander zu helfen, zu vertrauen und anzulächeln. Man muss ihnen Gutes tun, dachte er. Aber wie viel Mühe es kosten würde, sich in einem wohltätigen Verein eine Position zu erarbeiten, dann Geld aufzutreiben, um nach Jahren, von Zeitungsfotografen umringt, einem Kindergarten einen Scheck zu überreichen! Da war er Realist, das würde er nicht durchhalten. Seine guten Taten mussten schnell, wirksam und unwiderruflich sein.
Die Straßenbahn ruckelte über die Brücke zur Innenstadt. Die ältere Frau stand immer noch an der Tür. Staupheimer gegenüber saß ein Mädchen mit blauen Haaren, versunken in der Musik aus ihren Kopfhörern. Zwei Reihen weiter ein Fahrgast mit offenem Hemd und Lederjacke. Ein Langweiler, dachte Herr Staupheimer. Er konnte seine Augen sehen. Sie schauten blitzschnell in der Gegend umher, hatten auch ihn zwei oder drei Mal angeschossen. Eine Kugel in den Kopf wäre sicher effektiv, es brauchte aber Schießerfahrung und natürlich eine Waffe. Puff und tot, das ging nur in Filmen. Einen angespitzten Pfahl durch den Hals zu treiben, wäre sicherlich tödlich, aber zu langwierig.
Der perfekte Mord muss eine Überraschung sein, dachte Herr Staupheimer. Vom Moment des Erkennens bis zur unwiederbringlichen Ausführung darf nur eine Sekunde vergehen, eben die Schrecksekunde. Danach darf höchstens Zeit für einen Aufschrei bleiben. Besser natürlich, die Tötung geschieht lautlos. Kampfschwimmer stechen so zu, dass die Lunge der Stimme keine Luft mehr liefert. Der Schrei bleibt stumm. Er war aber kein Kampfschwimmer.
Das Mädchen mit den blauen Haaren schrieb Textnachrichten. Hatte sie seine Gedanken gelesen und alarmierte jemanden?
„Glauben Sie, dass es einen gerechten Mord gibt?“, fragte er sie. Sie richtete ihre Augen auf ihn, ohne deren Ausdruck zu verändern.
Im Gang lehnte ein Jüngling an einer Haltestange. Er trug Jeans und ein schwarzes T-Shirt mit durchbrochenen weißen Lettern. Man konnte sehen, wie er den Mund verzog. Ihn hatte keiner gefragt. Dennoch antwortete er.
„Naja, Tyrannenmorde“, begann er. „das sind doch gerechte Morde oder? Also, der Anschlag auf Hitler, das war gerecht. Hat halt nicht geklappt.“ Herr Staupheimer hatte sich zu ihm umgedreht. Nun sah er erneut der blauhaarigen Frau ins Gesicht. Die setzte zu einem scheuen Grinsen an.
„Ja“, fistelte sie, als hätte ihr Lehrer sie zu einem Buch aufgerufen, das sie nicht gelesen hatte. „genau. Anschläge auf einen Diktator. Ist schon irgendwie gerecht.“
Die Bahn hielt pünktlich um kurz vor halb. Schräg gegenüber stand ein sehr dicker Junge von seinem Platz auf und bewegte sich zum Ausgang. Er ließ Herrn Staupheimer den Vortritt, der daraufhin überlegte, wie unmöglich sich in dieser Bahn ein Mord begehen ließe.
Zu viele freundliche Menschen, zu viele Schafe, die niemandem schadeten. Ihnen etwas zu tun, würde das Gute nicht voranbringen. Ein Mord müsste sich gegen eine Person richten, die dem Guten im Wege steht. Herr Staupheimer war begeistert von dieser Idee, gab dem Dicklichen einen Klaps auf den Oberarm und sagte: „Danke, Junge!“, aber der grunzte nur und schaute ihm von unten her ins Gesicht.

Herr Staupheimer verweilte an der Haltestelle und sah die Menschenmassen davonfließen. Wer kann das sein, der dem Guten im Wege steht, dachte er. Ihn ausfindig zu machen, den Bremser, den Zerstörer – den Bösen –, ihn aus dem Verkehr zu ziehen, das würde den Mord zur guten Tat machen.
Als er ganz allein war, brach er auf. Eigentlich führte der Weg zu seinem Büro über die breit abgehende Straße. Nun war sie für den Bau einer neuen U-Bahn-Linie über die Länge von zwei Fußballfeldern aufgerissen. An Stelle des vertrauten Wegs gähnte eine Baugrube, die so tief wie breit war.
Wer bequem laufen wollte, musste einen Umweg machen. Herr Staupheimer kannte eine Abkürzung. Durch eine Gasse ließ sich eine überdachte Holzkonstruktion mit Blick auf die Großbaustelle erreichen. Sie lief auf schmalem Grat zwischen Bebauung und Abgrund und führte bis zur nächsten Seitenstraße, wo sie beinahe bei Herrn Staupheimers Büro anlangte. Kaum einer nutzte den Behelfsweg. Dabei war er nicht schwer zu finden und anfangs sogar Gegenstand öffentlicher Diskussionen gewesen. Besorgte Bürger hatten sich empört, dass sie nun von den Kameras aufgenommen würden, die private Firmen zur Überwachung der Baustelle betrieben. Also hatte man die Kameras so ausgerichtet, dass der Weg und ein kleiner Teil der Baustelle nicht erfasst wurden.
Wenn der Behelfsweg also bekannt war, warum gingen die Menschen ihn nicht? Vielleicht trauten sie der Holzkonstruktion nicht, oder das Poltern der Bohlen war ihnen unheimlich. Durch die Fugen am Boden stach die Beleuchtung der Baugrube. Jeder ahnte, in welcher Höhe er dahinschritt. Manchmal stellte Herr Staupheimer sich vor, dass nicht nur die Fugen, sondern auch die Bohlen aus nichts bestünden und er durch die Luft spaziere. Er ließ die Furcht in sich aufsteigen hinabzustürzen, und diese gefahrlose Angst, die Abgeschiedenheit und das Gefühl, mit sich, dem Geräusch der Bohlen und dem Tosen der Baustelle allein zu sein, bereiteten ihm einen eigentümlichen Genuss. Aber nicht jeder hegt solche Gefühle. Die meisten gingen den Umweg, und Herr Staupheimer begegnete oft keinem einzigen Menschen.
Er betrat die kleine Gasse, und es wurde sehr ruhig. Die Bebauung schluckte jeden Lärm. Das ist ein guter Ort, seinen Gedanken nachzuhängen!, dachte er.

War es so schwer, Gutes zu tun? Warum nicht einfach etwas spenden? Das konnte er sich leisten. Sein Haus war fast abbezahlt, dafür hatte er sich auch angestrengt. Herr Staupheimer dachte an die Frau, die in seinem Haus wohnte und inzwischen das zweite Kind geboren hatte. Er kümmerte sich leidlich um seine Kinder, eigentlich konnten sie sich nicht beschweren, aber etwas Besonderes war das nicht. Niemand lobte ihn dafür. Genauso wäre es mit einer Spende. Ein Dankesschreiben, eine Bescheinigung, eine Steuererstattung. Am Ende würde eine unbekannte Person seinen Namen in einen Computer eingegeben haben. Niemand würde ihn sehen. Wenn man etwas haben wollte von seinen guten Taten, dann brauchte man Menschen, die davon zeugten, und durfte nicht auf Datenstrecken verhungern.

Er war fast an der Baustelle angelangt, da fädelte sich vor ihm ein weiterer Fußgänger in den Weg ein. Er kam aus einer Seitengasse, die Herrn Staupheimer noch nie aufgefallen war. Ein schmächtiges Männchen, das mit giftigen Schritten vor ihm herlief. Er trug eine schmale Umhängetasche, die sich mit einem Kurzmantel an seinen Körper schmiegte. Um die kahle Mitte des Kopfes waren ihm Haare geblieben, doch waren sie geschoren oder so blond, dass nur ein schwacher Glanz zu sehen war. Die Bewegungen des Fremden waren zackig und präzise. Doch war er bei geringer Körpergröße trotz energischen Voranschreitens nicht schneller als Staupheimer. Die Baugrube begann an den Häusern zu kratzen, der Weg wurde schmaler und wechselte in den hölzernen Laubengang. Herr Staupheimer folgte dem Fremden mit wenigen Metern Abstand.

Er dachte über Spuren nach. Sie waren ein wichtiges Thema, vielleicht das wichtigste. Was bringt ein gerechter Mord, wenn man gefunden und eingesperrt wird? Besser, nicht einmal die Tat wird entdeckt. Wer einen Mord plant, muss sich minutiös überlegen, welche Spuren er hinterlässt. Etwa an sich selbst. Schäden an der Kleidung, am eigenen Fahrzeug, Reste von Vorbereitungshandlungen oder gar ein Tatwerkzeug im eigenen Haus. Diese Dinge ließen sich noch beherrschen. Dann aber die Spuren, die in die Welt gesetzt werden. Die waren die gefährlichen: Vergessene oder verlorene Gegenstände am Tatort, die Fingerabdrücke, die Hautschuppen unter den Fingernägeln des Opfers. Sie erlaubten kein Eingreifen mehr und wurden, wenn man geschlampt hatte, allenfalls mit Glück übersehen. Das alles war nichts gegen die tiefste und eigenwilligste Spur, gegen den Abdruck, den die Tat in der Wahrnehmung von Menschen hinterließ. Mitwisser und Zeugen waren nicht kalkulierbar. Die Spuren in ihnen tauchten mal hier, mal dort auf. Der perfekte Mord musste ohne Komplizen auskommen und vollkommen unbeobachtet geschehen.
Der Laubengang war eng und verlief in einem weiten Bogen. Inmitten des langen Schlauchs blickte ihnen ein älterer Mann entgegen. Neben sich hatte er einen Rucksack stehen. Keine schlechte Idee, dachte Staupheimer, im Scheitelpunkt der Kurve um Geld zu betteln. So wird man erst spät bemerkt. Wer dem Bettler in die Arme läuft, kann nur umkehren, ihn zurückweisen oder ihm Geld geben. Sich totstellen und den Bettler übersehen, das ist ausgeschlossen.
Der Alte war mäßig ungepflegt. Seine grauen Strähnen umloderten den kahlen Schädel. Sein Gesicht glänzte. Er strahlte.
„Guten Morgen!“ tönte er in geschäftsmäßiger Fröhlichkeit. Die Baumaschinen röhrten, aber er war ein trainierter Sprecher. Der flinke Fremde hatte abrupt angehalten. Herr Staupheimer lief weiter, als habe er nichts mit der Szene zu tun, und blieb wie überrascht stehen, als er fast schon in die zwei anderen hineingelaufen war.
Offenbar hatte der Bettler unhörbar eine Antwort auf seinen Gruß erhalten, denn er wechselte zum Grinsen eines Kindes, das bei einem Fehltritt ertappt wird. „Ach Geld!“, sagte er betulich. „Sie sollen Gelegenheit haben, etwas Gutes zu tun!“ Dann ließ er seinen Blick finster werden. „Ich bin nicht schuld, dass ich hier stehe. Sie können mir glauben. Für die Wohnung haben sie mir dreihundertsechsunddreißig angerechnet, weil ich da angeblich umsonst gewohnt habe. Aber das war bei meiner Mutter, und ich kann Ihnen sagen, die wollte Geld. Immer schon. Dann musste ich raus, und jetzt hab ich gar nichts mehr!“
„Sehen Sie“, begann der schnelle Fremde. „ich würde Ihnen wirklich gerne etwas Gutes tun. Ich kann es nur nicht! Stellen Sie sich vor, ich drücke Ihnen einen Zehner in die Hand. Der ist heute Abend weg. Da haben Sie noch nicht mal gegessen. Höchstens getrunken.“
In einer Zehntelsekunde hatte sich der alte Mann aufgerichtet. „Was glauben Sie? Seit fünfzehn Jahren hatte ich keinen Tropfen! Mein Cousin lag da und ist gestorben, und vorher hat er zu mir gesagt“, und er kniff die Augen zusammen und verzog das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen. „er sagte: ‚Wenn du einen Schnaps trinkst, dann musst du dir vorstellen, wie er dir die Kehle runterläuft und sich in dir verteilt und die Eingeweide zersetzt und wie sich alles auflöst in Matsch.‘ Da bekam ich nichts mehr runter. Sobald ich Alkohol geschmeckt habe, musste ich würgen und alles ausspucken. Die haben mir Geld angeboten, wenn ich einen Schluck bei mir behalte, aber ich konnte nicht. Seitdem war Schluss. Wenn ich Geld übrighabe, wird gespart.“
Herr Staupheimer stand nun dicht neben dem Fußgänger und betrachtete ihn von der Seite. Harmlos ragte sein Gesicht in den Raum vor der Kulisse der Bauschlucht. Auf den Halbkreis des Profils war eine stumpfe, fast kindliche Nase gesetzt. Im schwachen Licht erschien die perlmutterne Gesichtsfarbe. Die Augen waren aufmerksam nach vorn gerichtet.
Bei den letzten Worten war das Gesicht des Mannes aus den Fugen geraten. Er brach in ein meckerndes Gelächter aus: „Das ist großartig. Fantastisch!“ Seine Stimme überschlug sich gekonnt. „Das muss ich mir merken. Was übrigbleibt, wird gespart. Wo ist es denn, das Gesparte? Sie sagten doch, Sie hätten nichts mehr.“ Aus seinem Singsang ließ er sich zurücksinken in eine vergiftet-mitfühlende Ansprache. „Wissen Sie, was ich bei Ihnen sehe? Einen glasigen Blick mit erweiterten Pupillen. Und irgendwie –“, er schloss die Augen und zog Luft durch die Nase ein. „habe ich das Gefühl, in diesen Duft nach Kleidung – die mal wieder eine Wäsche vertragen könnte – mischt sich eine leichte geistige Note. Was sagt uns das? Dass Sie Alkoholiker sind. Das ist völlig wertfrei. Sie sind krank und müssen behandelt werden. Das mit dem Ausspucken ist eine schöne Geschichte. Aber Ihr toter Cousin kann Ihnen nicht helfen. Geld ebenso wenig. Sie müssen zum Arzt gehen und sich sagen lassen, was hilft: Durchhalten, Verantwortung übernehmen.“ Er lächelte fürsorglich. „Seien wir mal ehrlich: Das wollen Sie doch gar nicht.“
Auf dem Blick des Alten zeigte sich Verunsicherung. Er schien seine Gedanken sortieren zu wollen, einen Halt zu suchen in irgendeinem Partikel des Wortschwalls, der über ihn hereinbrach. „Der Arzt, der Arzt“, nahm er einen Anlauf, ins Spiel zurückzukehren.
„Ich habe kein Problem damit, wirklich nicht!“, unterbrach ihn der Fremde freundlich. „Ihre Lebensweise habe ich nicht zu kritisieren. Wir haben alle unsere Freiheit. Aber – tut mir leid – mein Geld will ich da raushalten!“ Er musste Herrn Staupheimer im Augenwinkel längst bemerkt haben, denn nun wandte er kurz und ruckartig den Kopf zu ihm, ohne ihn näher anzusehen.
Von der Baustelle her heulten Maschinen auf. Am Rand der Baugrube gossen sie Streifenfundamente. Bei Herrn Staupheimers Garage waren die Streifenfundamente schlank und zierlich gewesen, hier waren sie meterbreit, auf die Entfernung kaum zu schätzen.
Der alte Mann schaute vor sich hin. Sein Gesicht zeigte keine Veränderung, die Augen sinnend geradeaus, der Mund entspannt. „Ich habe ein Attest“, begann er mit ungebrochener Stimme. „ich vertrage überhaupt keinen Alkohol. Kommen Sie, etwas Kleingeld! Ich muss von irgendwas leben. Ohne Leben keine Freiheit.“
„Von irgendwas!“, fuhr der Fremde ihn an. „Ich sage Ihnen, ‚von irgendwas‘ gibt es reichlich, auch ohne Betteln. Sie verschwinden nicht so schnell. Ihre Fortexistenz –“ damit stach er mit seinem Zeigefinger in Richtung des Bauches, den der alte Mann vor sich trug. „erscheint mir nicht gerade gefährdet.“ Er wiederholte sein abgehacktes Gelächter und wandte den Kopf zu Staupheimer, als solle der bestätigen, dass er den Witz verstanden habe.
Die Miene des Alten spannte sich nur mäßig an. Zugleich ging ein Leuchten über sein Gesicht. „Sie können wohl nicht oder? Sie haben gar nichts dabei. Oder sind so ganz allgemein – knapp bei Kasse?“
So durchsichtig die List war, so erstaunlich wirkte sie. Das Gesicht des Zackigen verlor seinen Ausdruck. Er atmete ein und ließ seinen Atem für eine Sekunde stehen. Dann zog er einen Mundwinkel nach unten, als genieße er ein Stück Schokolade, und sprach akzentuiert und freundlich. „Da schauen Sie sich einmal an!“, und schneller und höher fuhr er fort: „Ich meine, Sie müssten wirklich eine neue Jacke bekommen. Der Rucksack ist auch hinüber. Was ist denn mit Ihren Zähnen? Die sollten Sie sich dringend reparieren lassen, das sind ja Stumpen. Wirklich, so etwas habe ich noch nicht gesehen. Ich frage mich, wenn ich Ihnen ein Butterbrot gäbe, könnten Sie überhaupt davon abbeißen? Mir tut das wirklich leid, Sie könnten mehr erreichen, aber Sie schaffen es nicht. Nicht, weil Sie nichts haben.“ Nun ließ er seine Stimme anschwellen. „Weil Sie nichts tun, deswegen sind Sie nichts. Weil Sie sich um nichts kümmern. Keine Verantwortung übernehmen. Sie stehen hier und betteln.“ Seine Unterlippe zitterte. Der Gedanke, er könne nicht liquide sein, schien ihn getroffen zu haben. Er zog eine Börse hervor und klappte sie auf, so dass einige Geldscheine sichtbar wurden. Einen drückte er halb heraus. Eine Kreditkarte blitzte in der Morgensonne. „So“, und er drehte sich zu Staupheimer und wieder zurück, damit auch der das Beweisstück zur Kenntnis nehme. „sehen Sie nur, wie knapp ich bei Kasse bin! Ist so viel Ihr Tagessatz? Oder eher dieser hier?“ und er zückte einen anderen Schein. „Vielleicht noch mehr. Ihr Geschäftsmodell ist sicher einträglich, aber nicht einmal daraus machen Sie etwas. Sie sollten wirklich sparen, vielleicht eröffnet der Zahnarzt ein Konto für Sie.“
Herr Staupheimer fühlte sich eingeschüchtert von den Tiraden des Fremden. In Gedanken hatte er nach Worten gesucht, die er hätte herausrufen können. Auch er empfand nicht viel Achtung vor dem Bettler. Doch eigentlich interessierte ihn nur der geifernde Fremde. Dem war es ein Leichtes zu helfen. Aber er wollte nicht.
„Noch nie“, fuhr der jetzt fort und reckte einen Zeigefinger in die Höhe. „noch nie war ich in Geldnot. Noch nie habe ich eine offene Rechnung nicht bezahlt. Was meinen Sie, wie das geht? Meinen Sie, ich habe gebettelt? Ich habe verzichtet, habe nicht mehr ausgegeben als ich hatte. Ich habe was riskiert, habe Sachen ausprobiert, die mich weitergebracht haben. Oft genug habe ich nachts wachgelegen. Mir geht es gut, ja! Aber nicht, weil ich genug Geld habe. Weil ich jeden Tag kämpfe, deswegen. Sie kämpfen nicht, kein bisschen, und darum kann ich nichts für Sie tun. Ich kann es nicht, ganz richtig! Worin soll ich Sie denn unterstützen, was ist das, womit Sie sich gerade beschäftigen, was ist Ihr aktuelles Projekt, sagen Sie es mir! … Na, nichts?“ Damit senkte er die Augenbrauen und verkniff Augen und Mund. „Wissen Sie, was ich tue? Ich lasse Sie hier stehen und gehe. Sie bekommen nichts von mir, gar nichts!“
Über den ohnehin hohen Lärmpegel hinweg brauste überheiser der Motor eines schweren Baufahrzeugs. Das Heulen des Krans gesellte sich dazu. Eine Säge kreischte. Die Betonpumpen durchfurchten alles mit ihrem Grundgeräusch und ließen ein Streifenfundament nach dem anderen volllaufen. Herrn Staupheimer stach das Sonnenlicht in die Augen.
„Kämpfen Sie“, brüllte der Mann über das Heulen und Stampfen hinweg und klappte sein Portemonnaie zusammen. „dann sprechen wir uns wieder. Kämpfen Sie endlich!“
Herr Staupheimer sah die feindseligen Gesichtszüge sich entspannen, sah, wie der Fremde sich in Gedanken von dem armen Alten verabschiedete, sah ihn den Vorgang beiseitelegen und seine Gedanken auf das Tagwerk richten, sah ihn innerlich schon andere Angelegenheiten bearbeiten statt sich mit einer Laus im Pelz herumzuärgern. Auch der Alte schien sein Vorhaben als gescheitert auszubuchen, sein Gesicht leuchtete wie frisch abgebürstet, der Mund in sich gezogen, die Augen staunend auf den vergeblich beworbenen Passanten gerichtet. Es war vorbei.
Da straffte sich Staupheimer. Einmal sollte es nicht vorbei sein. Einmal musste die Geschichte gut ausgehen.
Hier war er, der Böse, nach dem er gesucht hatte! Der sich dem Fluss seines Vermögens zum Wohle der Menschheit entgegenstellte, der herausgenommen werden musste aus dem Spiel, damit andere mitspielen könnten. Der Fluss des Guten war bereit, den Obdachlosen zu überfluten, es musste nur einer die Schleusen öffnen. War es ein Zufall, dass der Böse ihm ausgerechnet jetzt zugeführt wurde, an dem Morgen, da er sich auf die Suche nach dem Guten gemacht hatte? Göttliche Fügung? Nichts davon. Das Böse war überall. Er hatte nur seinen Blick geschärft und es erstmals nicht übersehen.
Nun blieb nur Handeln. Kein Mensch war vor oder hinter ihnen zu sehen, alle hatten sie die breite Straße gewählt. Der Laubengang war überdacht, abgeschirmt, schlecht einsehbar, mit seinen glimmenden Neon-Röhren nur Halbdunkel gegen das erstarkende Licht der Morgensonne.

Herr Staupheimer war wenige Schritte zurückgetreten, er zog seine Lauflinie auf dem Bohlenboden vor, er berechnete den Zugriff, er berechnete die Diagonale, die ein siebzig oder achtzig Kilo wiegender Körper zur Brüstung nehmen müsste, um so weit vorangetrieben zu werden, dass sich das Übergewicht zur Baugrube neige. Er erwog den Angriffspunkt, den er brauchte, um nicht abzurutschen, kalkulierte die Hindernisse, die Geschwindigkeit, die Zeit, die ihm die Überraschung gewähren würde, fragte sich, ob sein Wille denn ausreichen würde, ob sich nicht zu viel lähmende Nervosität aufgebläht hätte, bis er endlich, als es fast schon zu spät war, alle Überlegungen und Vorausberechnungen fallen ließ und seinem Handeln nur noch zuschaute.
So sah er seinen Arm in die Höhe fahren und mit ausgestrecktem Zeigefinger an der Szenerie vorbei den engen Pfad des Fußgängerwegs entlang weisen, er spürte, wie seine Lungen sich aufblähten, wie er das Zwerchfell anspannte, wie der Sturm aus seinem Hirn in den Stimmwerkzeugen explodierte.
„Da!“ brüllte er langgezogen und voluminös.
Der Schmächtige riss den Kopf zu Staupheimer herum, und noch während er sich wieder zurückwendete, um der Weisung des ausgestreckten Fingers zu folgen, spürte Herr Staupheimer, wie die Muskeln seiner Beine sich anspannten, wie die Füße ihn vom Boden abstießen und ihn bei sich senkendem Oberkörper in den Laufzustand versetzten. Er sah den Menschen vor sich, der mit den Augen noch nicht ganz von ihm weg war, der seine Bewegung erkennen musste und trotzdem sein Abwenden fortsetzte, weil sein Gehirn die drohende Attacke noch nicht verarbeitet hatte, sondern mit Herrn Staupheimers schlichtem Ablenkungsmanöver beschäftigt war.

Schon spürte er, wie er vor dem Fremden niederging, dessen Beine umschlang, wie er sie mit aller Anspannung packte und emporzog. Es war schwer! Einen ganzen Menschen, auch von kleinem Gewicht, anzuheben, das braucht Kraft, selbst wenn viere ihn gemeinsam schleppen, ist die Anstrengung gewaltig. Aber der Moment verdiente die Anstrengung, er hatte ja nur den Moment, nur diesen einen Schuss, um zu treffen. Also ließ er sich mit seinen Kräften hineinfallen, ließ allen Willen einfließen und glaubte es kaum, als der Herr in seinem teuren Kurzmantel sich aufwärtsbewegte, mehr und mehr Abstand zum Boden gewann, wie er, der untrainierte Herr Staupheimer, einen ganzen Menschen mit allem, was er war und hatte, emporhob und ihn in Richtung der Brüstung drängte, um ihn in einem einzigen Schwung hinüberzubefördern.
Der Kurzmantel reagierte eigentümlich. Er gab nur einen schwachen kurzen Aufschrei von sich, kaum mehr als einen stimmhaften Seufzer. Das Portemonnaie flog mit einem Klatschen zu Boden. Ansonsten blieb es beim Dröhnen der Baustelle.
Der Schwung gelang. Staupheimer sah die Beine in den anthrazitfarbenen Stoffhosen und den braun glänzenden Schuhen an den Füßen hinauffahren an die Brüstung, es fehlte nur ein letzter Schub, da spürte er Fingerspitzen in seinem Rücken: Der Fremde hielt sich an ihm fest. Unerhört war das! Ausgerechnet in Herrn Staupheimer wollte er Halt gewinnen, in ihm, dessen ganze Anstrengung auf die Auslöschung dieses Menschen gerichtet war. Etwas musste geschehen. Sein Rücken, in den der Griff ging, war eine schwache Angriffsfläche. Doch spürte er, wie der todesangstgetriebene Griff sich im Stoff verkrampfte. Wenn er einen Fetzen herausriss, war das eine Spur, vielleicht eine zu viel. Da sah er seitlich den Stützbalken. Der wäre ein guter Halt gegen den Sturz, viel besser als sein bekleideter Rücken. Etwas näher heran, und der Kämpfende hätte ihn in Griffweite. Staupheimer drehte sich stückchenweise, nicht zu schnell, in die rettende Richtung, warf den tödlichen Köder aus. Die List gelang, das Opfer versuchte in seiner Not, von ihm abzulassen und nach dem Balken zu greifen. Als Staupheimer die Finger in seinem Rücken sich lösen spürte, war es soweit. Für einen Moment lag der Körper nur in seinen Händen. Ein letztes Mal streckte er sich mit aller Kraft und stieß ihn ins Nichts. Dann erst ertönte der Schrei, gemeinsam mit dem Aufheulen der Betonpumpe, als wolle die den Sturz musizierend in Szene setzen.
Der Schrei war hoch, durchdringend, wenn auch weniger dramatisiert als Staupheimer es aus Filmen kannte. Zugleich war er die dünne Oberstimme im Duett mit der Betonpumpe. Im Brummen der Großbaustelle jedoch, im Stampfen und Schleifen und Kreischen, da war er nur ein unbedeutender Zwischenruf, für Staupheimer gerade noch hörbar, für alle anderen verloren.
Der Körper sauste hinunter, meterweise, zehnmeterweise, die Fallkurve weiter herausgedrückt als erwartet. Nach einer Drehung schoss er mit dem Kopf voran schnurgerade auf ein werdendes Streifenfundament zu. Schließlich stach der Kopf wie eine Pfeilspitze in das weiche Bett ein. Der Körper verschwand immerhin bis über die Schultern im zähen Beton, verharrte für einen Moment in seiner Position, kippte dann zur Seite, um sachte auf das Fundament zu sinken. Der nachströmende Beton legte sich auf ihn wie eine Decke, die endlich als sich selbst glattziehende Oberfläche friedlich zum Ruhen kam.

Herr Staupheimer ließ seinen Blick über die Baustelle schweifen. Die zwei Arbeiter, die den Betonschlauch überwachten, waren mit der Steuerung beschäftigt. Der Kran schnurrte weiter seine Kreise. Es wurde gehämmert gebohrt, gefahren, gebaggert. Die Arbeiter bewegten sich kreuz und quer, als wollten sie einen Tanz aufführen, ein in sich fließendes Gedränge wie von tausenden Ameisen. Doch keine einzige Ameise nahm Notiz davon, dass eine der ihren vom Ameisenhügel vertilgt worden war. Wie mit einem spitzen Bleistift fuhr Staupheimer jedes Fenster der umgebenden Wohnhäuser ab. War nicht irgendwo ein erstarrtes Gesicht zu sehen, irgendjemand auf seinen Balkon gestürzt, irgendwo ein wild Gestikulierender mit dem Telefon am Ohr? Überall waren Menschen, alle mit dem beginnenden Tag beschäftigt, keiner mit Herrn Staupheimers Tat. Am Ende warf er zwei Blicke in den Laubengang – nach vorne wie nach hinten fand er ihn menschenleer. Unglaublich! Niemand hatte gesehen, was er getan hatte.
In der Mitte stand der alte Mann mit dem Rücken an einem Pfosten der Brüstung. Die Arme hatte er nach beiden Seiten ausgestreckt, die Hände presste er an das Geländer. Sein Mund war zu einem albernen Grinsen geöffnet. Er hatte wahrhaft Stümpfe anstelle der Zähne, die allesamt abgebrochen sein mussten. Die aufgerissenen Augen, die in Falten gedrängte Stirn und das erfrorene zahnlose Lachen machten sein Gesicht zur Clownsmaske.
Herr Staupheimer sah ihn freundlich an und bückte sich nach dem Portemonnaie, das der Verunfallte liegengelassen hatte. Er klappte es auf und zog eine Kreditkarte hervor.
„Schau an“, sagte er. „mit der kann man sich was leisten. Da steckt noch eine. Mit Bargeld sieht’s auch nicht schlecht aus, und dahinter ist noch mehr davon. Nicht schön, wie er sich Ihnen gegenüber verhalten hat, finden Sie nicht?“ “ Er packte das Portemonnaie zusammen und hielt es mit ausgestreckter Hand vor sich. „Ich würde sagen, damit lassen Sie es sich erstmal gutgehen.“ Der Alte lehnte weiter am Geländer und rührte sich nicht. Seine Grimasse war unverändert. „Nehmen Sie schon!“, versuchte Staupheimer es erneut. „Da ist nichts Schlechtes dabei. Es gehört sowieso Ihnen. Er hat es Ihnen nur vorenthalten.“
Herr Staupheimer sah sich um. Einen Meter neben dem Bettler schimmerte blau dessen Rucksack. An den Ecken war er abgeschabt. Graue Striemen und mehrere fingergroße Löcher zeichneten das Obermaterial. Herr Staupheimer ging vor dem Rucksack in die Knie, hob den Deckel und stopfte das Portemonnaie hinein. Es überraschte ihn etwas, als er seine Hände zittern sah. Er erhob sich.
„Für Sie kann es jetzt ganz neu losgehen“, sagte er zu dem alten Mann. „Sie haben da ein schönes Polster. Mit den Karten lässt sich nichts anfangen. Aber mit dem Bargeld. Sparen Sie es wirklich einmal! Und lassen Sie sich helfen! Sie haben viel mehr Möglichkeiten als Sie denken. Vielleicht kann sogar ich Ihnen helfen durchzustarten. Das muss nicht das einzige Gute bleiben, das ich Ihnen getan habe. Sprechen Sie mich an, wenn der Schuh drückt! Sie finden mich tagsüber in dem roten Bürogebäude gleich am Ausgang von diesem Tunnel.“ Herr Staupheimer zog seine Kleidung glatt und betastete vorsichtig seine Haare. „Ha!“ machte er dann. „Ich habe mich noch nicht einmal vorgestellt. Mein Name ist Staupheimer. Jörg Staupheimer. Mit ‚p‘, nicht mit ‚b‘! Eh ich’s vergesse, den hier bekommen Sie von mir dazu.“
Herr Staupheimer lächelte tief in die aufgerissenen Augen des Bettlers, zog einen Geldschein aus seiner eigenen Tasche und schob ihm den zwischen die Finger. „Alles Gute!“ lächelte er ihm zu und setzte seinen Weg zum Büro fort.
In ihm brach Jubel los. Er hatte es getan! Dabei hatte ihm das Glück die Perfektion einfach so zugespielt. Mitten in einer Großbaustelle mit hunderten Menschen war der Mord unbemerkt geblieben. Es gab nicht die geringste Spur. Den Körper hatte er auf brillante Weise rückstandslos verschwinden lassen. Alles hatte sich im toten Winkel der Überwachungskameras ereignet. Sollte man jemals auf die Leiche stoßen, wären im Beton alle Spuren zerstört. Er hatte einen Obdachlosen nach einer Demütigung rehabilitiert, ihm einen größeren Geldbetrag verschafft, er hatte ihm Hilfe angeboten, und er würde sie leisten. Er würde nachhaltig für den armen Mann da sein. Endlich war er nicht mehr nur für sich, sondern ließ seine Energie strömen, er spürte sein Leben reicher und bedeutungsvoller werden, spürte sich in seinem Handeln sichtbar werden, für sich und für die ganze Welt. Das musste es sein, was er gesucht hatte! Dass in Wirklichkeit niemand von seinen Taten erfahren würde, störte ihn nicht. Der alte Mann war sein Zeuge, das reichte.

Der Alte verharrte mehrere Minuten in seiner Position. Dann drehte er sich langsam zur Baugrube und warf einen Blick hinunter. Er betrachtete den reglos daliegenden Beton, an dem die Maschine längst nicht mehr arbeitete. Er zog das Portemonnaie aus dem Rucksack, nahm die Kreditkarte in die Hand, betrachtete sie von vorn und hinten, fühlte an den Geldscheinen, steckte alles wieder ein. Dann schulterte er den Rucksack, ging in die Richtung, in der Herr Staupheimer ihn verlassen hatte, bis zum Ende des Behelfswegs, sah das rote Bürogebäude, ging noch etwa fünfzig Meter weiter, bis er die kleine Polizeistation erreicht hatte.

*​

Die Vorsitzende Richterin war mit ihrer Urteilsbegründung fast am Ende.
„Es steht zur Überzeugung des Gerichts fest, dass Sie aus Habgier handelten. Die Wegnahme der Geldbörse ist dafür der zweifelsfreie Beleg. Es ist auch kein anderer Grund ersichtlich, aus dem die Tötungshandlung begangen wurde. Der Getötete musste sterben, weil Sie an sein Geld gelangen wollten.“
Staupheimer schaute auf seine Füße, auf seine Oberschenkel, dann auf seine Hände. Nichts verstanden die, rein gar nichts. Dann blickte er quer durch den Saal nach dem alten Mann. Er hatte sich rasiert, und der Haarkranz war ordentlich gelegt. Die stinkende Kleidung hatte er gegen saubere Sachen eingetauscht. Immerhin!
Die Richterin legte ein Blatt ihrer Aufzeichnungen beiseite und fuhr fort.
„Besondere strafschärfende Momente konnte das Gericht nicht erkennen. Der Hinweis der Staatsanwaltschaft, die spontane Tötung um einer Geldbörse willen sei ein besonders verwerflicher Akt der Feindseligkeit, mag zutreffen. Das gilt aber für jeden Mord. Die vorsätzliche Tötung eines Menschen ist von sich aus ein Akt der Feindseligkeit. Von sich aus ist ein Mord verwerflich. Das bildet sich im gesetzlichen Strafmaß bereits ab und kann nicht zur Strafschärfung führen.“
Staupheimer verkrampfte seine Hände ineinander, warf den Kopf in den Nacken, betrachtete mit verkniffenem Mund die Decke des Gerichtssaals. Er hätte aufschreien wollen, hätte die Menschen aus der Straßenbahn als Zeugen aufrufen wollen dafür, dass es den gerechten Mord gab. Aber er wusste, dass es nichts bewirken würde. Gerichte verstanden keinen Spaß, so viel hatte er gelernt.
„Wenngleich der Gesetzgeber die lebenslange Freiheitsstrafe vorgeschrieben hat, sind auch bei einer Verurteilung wegen Mordes die strafmildernden Umstände zu berücksichtigen, schon um deutlich zu machen, warum das Gericht davon abgesehen hat, die besondere Schwere der Schuld festzustellen. Sicherlich fällt auf, dass der Getötete eine Reihe respektloser Äußerungen getätigt haben soll. Demnach hatte er sich abfällig gegenüber Menschen in Armut ausgelassen und als Ausdruck des Hohns den Inhalt seines Portemonnaies präsentiert. Der Sachverhalt ist insofern nicht zweifelsfrei geklärt. Darauf kommt es aber nicht an, denn es bestünde dadurch kein Ansatz für eine Strafmilderung. Wir müssen damit leben, dass sich andere unangemessen und respektlos verhalten. Wir müssen damit leben, dass unpassende Äußerungen fallen. Wir müssen in einem gewissen Umfang sogar damit leben, dass uns die Rechtsordnung nur unvollkommen davor schützt. Mord ist nicht das Mittel, um sich gegen mangelnden Respekt zu wehren, daran muss sich auch die Strafzumessung halten. Alles andere würde der Selbstjustiz das Wort reden.“
Staupheimer hatte erneut den alten Mann im Visier. Der schaute kurz zurück. Mit einem erschöpften und bösen Blick. Jedenfalls war er jetzt ein gepflegter Mann. Und er war nicht mehr obdachlos. Vielleicht würde man ihm sogar die Zähne instandsetzen.
„Sehr wohl strafmildernd“, erläuterte die Richterin nun. „wirkt der Umstand, dass Sie sich selbst den Behörden gestellt haben. Dadurch haben Sie Ihre Haltung zur Rechtsordnung unter Beweis gestellt.“
Der Alte strich sich über den Kopf und ließ seine Hand im Nacken verharren. Er machte seine Augen groß, wendete den Kopf zu Herrn Staupheimer und starrte ihm quer durch den Gerichtssaal unverhohlen ins Gesicht.
„Dabei haben Sie die Polizei zwar zunächst mit einer ganz anderen Geschichte aufgesucht, der zufolge der Zeuge Staupheimer die Tat begangen haben sollte, und haben auf angebliche Fingerabdrücke auf einer Kreditkarte verwiesen. Doch haben weder Polizei noch Gericht das als ernsthafte Behauptung verstanden, weil es als solche keinen Sinn ergeben hätte. Ich habe das bei der Beweiswürdigung ja eingehend ausgeführt. So waren die Fingerabdrücke auf der Kreditkarte Ihre eigenen. Die Geldbörse befand sich in Ihrem Rucksack. Es hatte lediglich dieses Gespräch mit dem Zeugen gegeben, bei dem er Ihnen einen Geldschein aushändigte. Die Geschichte vom Mörder Staupheimer ist vollkommen unplausibel. Einen Mörder in geordneten finanziellen Verhältnissen, der für etwas Bargeld einen Menschen tötet, seinen einzigen Vorteil, den er davon hat, sofort aus der Hand gibt und Ihnen dann, statt unsichtbar zu bleiben, seinen Namen buchstabiert, kann man sich schwer vorstellen. Man kann Ihnen nicht vorwerfen, Sie hätten den Zeugen ernsthaft belasten wollen.“
Die Zuschauerin neben Herrn Staupheimer drehte sich zu ihm und flüsterte: „Abgefahren war das. Ich war hier an dem Tag, als Sie ausgesagt haben. Da wollen Sie ihm was Gutes tun, und er hängt Ihnen einen Mord an!“
Die Richterin hielt inne und überflog mit ihrem Blick die Zuschauerreihen. Die fremde Dame verstummte, und die Richterin sah wieder auf ihre Unterlagen. „Die Geschichte war Ihre Art, das Unfassbare zu kommunizieren und der Polizei Ihre eigene Tat mitzuteilen. Für das Gericht zählt dabei, dass die Tat unentdeckt geblieben wäre, wenn Sie sie nicht angezeigt hätten. Das muss man Ihnen zugutehalten. Auch wenn Sie sich nicht ausdrücklich als Täter kenntlich machten, Ihre Anzeige kommt für das Gericht einem Geständnis zumindest nahe.“
Die Sitzung war geschlossen. Der verurteilte alte Mann verließ in Begleitung von zwei Wachtmeistern durch einen gesonderten Eingang den Saal. Herr Staupheimer erhob sich und blieb stehen. Vor der grau umkränzten Glatze zog der Wachtmeister die Tür zu.
„Alles Gute!“, formte Herr Staupheimer mit den Lippen. Niemand sah ihn.

 
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Hallo @daedalus ,

ich muss ehrlich sagen, dass ich einige Passagen nur überflogen habe. Bei 'Krimi' erwarte ich Spannung (ich weiß, der tag ist nicht gesetzt). Da am Anfang so wenig Handlungstreibendes passiert und ich die wirklich sehr ausführlichen inneren Monologe des Protas nicht interessant fand, dachte ich, das Ganze liefe auf eine Pointengeschichte hinaus: also einen Text, bei dem sich das Gelesene irgendwann rechnet, weil man eine überraschende Wendung bekommt, die die Sicht auf das davor noch mal verändert. That said, finde ich Pointengeschichten meist sinnlos. Dann überflog ich einen Teil und las unten weiter, aber es geht auch nicht um eine Pointe.

Was mich außer den langgezogenen Monologen auch immer wieder rausgekickt hat:
1. Anschluß der wörtlichen Rede an Sprecher.
2. Wechsel von innerem Monolog (personaler Erzähler) zu einem ziemlich unwissenden, neutralen auktorialen Erzähler.

Zu 1: Das ist reine Formalität: Wenn du von einer Figur erzählst und lässt die dann sprechen, dann wieder etwas tun und dann spricht eine andere Figur, muss die wörtliche Rede dem jeweiligen Sprecher zugeordnet werden, d.h. in den Passagen mit einer Figur dürfen keine Zeilenumbrüche oder Absätze sei (außer, die Passagen ziehen sich sehr lang, - sowas jenseits der 30 Zeilen - selbstverständlich).
Einen Zeilenumbruch benötigst du aber dort, wo der Sprecher wechselt, das gilt auch, wenn du nicht mit wörtlicher Rede, sondern einem Redebegleitsatz oder einer Handlunsgbeschreibung beginnst.
Anders gehandhabt ist es extrem schwer nachzuvollziehen, wer was sagt und tut. Das umso mehr, als dass du alles im selben Duktus erzählst: die Erzähler und alle Figuren reden identisch. (Das an sich kann übrigens als handwerklicher Fehler angesehen werden.)

2. Eine Mischung aus auktorialem und personalen Erzähler ist nicht nur möglich, sondern die vielleicht verbreitetste Erzählhaltung. Allerdings: wenn der Wechsel grundlos ist, also 'ruckelt' und abrupt immer wieder die Perspektive bricht, ist es ein formaler Fehler. Und vor allem: es macht das Lesen extrem schwer, weil man nicht weiß, wer gerade erzählt, aus wessen Augen man das grad sieht.

Nur ein Bsp. stellvertretend rausgepickt:

Offenbar hatte der Bettler unhörbar eine Antwort auf seinen Gruß erhalten, denn er wechselte zum Grinsen eines Kindes, das bei einem Fehltritt ertappt wird.
„Ach Geld!“, sagte er betulich. „Sie sollen Gelegenheit haben, etwas Gutes zu tun!“ Dann ließ er seinen Blick finster werden. „Ich bin nicht schuld, dass ich hier stehe. Sie können mir glauben. Für die Wohnung haben sie mir dreihundertsechsunddreißig angerechnet, weil ich da angeblich
"Ach, Geld ..." müsste an ertappt wird anschließen, weil ja der Fokus auf dem Bettler liegt und der dann beginnt zu reden. In dieser Form dachte ich, dass Staupenheimer etwas betulich sagt (ist auch schwerer, weil es zwei ers sind).

In einer Zehntelsekunde hatte sich der alte Mann aufgerichtet.
:confused: Vielleicht passt Humor besser als Krimi?

Mein zweiter Hauptkritikpunkt bezieht sich auf die Beschreibungen. Sie sind sehr dominant, tragen aber letztlich nix zur Geschichte bei. Ich bin nicht sicher, ob das alles ernst oder humorig gemeint war (vor dem Hintergrund der gesamten Absurdität vielleicht als Witz, aber vielleicht wolltest du das alles auch eher tragisch verstanden haben?).
Ich mag keine platten Ansagen wie jemand guckt oder wohin er guckt oder wie er aussieht, das ist einfach mit sehr groben Pinselstrichen gezeichnet. Heavy handed, sozusagen. Das ist wie eine Textversion von Malen nach Zahlen, wenn man alles aufs Brot geschmiert bekommt, anstatt es selbst zu entdecken: durch die Handlungen, die wörtliche Rede, die sich von anderen Figuren unterscheidet etc. Vielleicht verwechselst du das mit show, don't tell - das ist aber nicht mit show gemeint. Hier eine Reihe Beispiele, was ich meine:

Der Alte war mäßig ungepflegt. Seine grauen Strähnen umloderten den kahlen Schädel. Sein Gesicht glänzte. Er strahlte.
Fällt zudem aus dem Register.
denn er wechselte zum Grinsen eines Kindes, das bei einem Fehltritt ertappt wird.
Dann ließ er seinen Blick finster werden.
Harmlos ragte sein Gesicht in den Raum vor der Kulisse der Bauschlucht.
:confused: Was willst du damit beschreiben?
Die Augen waren aufmerksam nach vorn gerichtet. Bei den letzten Worten war das Gesicht aus den Fugen geraten.
Dito.
Er schien seine Gedanken sortieren zu wollen,
Sein Gesicht zeigte keine Veränderung, die Augen sinnend geradeaus, der Mund entspannt.
Die Miene des Alten spannte sich nur mäßig an. Zugleich ging ein Leuchten über sein Gesicht.
Das Gesicht des Zackigen verlor seinen Ausdruck. Er atmete ein und ließ seinen Atem für eine Sekunde stehen.
:confused: Also, abgedroschene Phrasen sind ja auch nicht gut, aber lieber etwas direkt sagen als irgendwie total schräg / absurd verklausuliert. Hast du den Eindruck, eine Phrase umschreiben zu müssen, vllt. lieber fragen, ob es die Info überhaupt braucht. Das gleiche gilt ganz u.a. auch für das 'Gesicht ragt in den Raum'.

Die Richterin legte ein Blatt ihrer Aufzeichnungen beiseite und fuhr fort.
„Besondere strafschärfende Momente konnte das Gericht nicht erkennen. Der Hinweis der Staatsanwaltschaft, die spontane Tötung um einer Geldbörse willen sei ein besonders verwerflicher Akt der Feindseligkeit, mag zutreffen. Das gilt aber für jeden Mord. Die vorsätzliche Tötung eines Menschen ist von sich aus ein Akt der Feindseligkeit. Von sich aus ist ein Mord verwerflich. Das bildet sich im gesetzlichen Strafmaß bereits ab und kann nicht zur Strafschärfung führen.“
Meine Mutter arbeitete im Petitionsausschuss eines Landtages, daher hab ich ein bissl was osmotisch aufgesogen: So würde mMn kein Richter argumentieren. Feinseligkeit spielt keine Rolle, ein Mord benötigt drei Voraussetzungen: Vorsatz, niederer Beweggrund, Heimtücke / Grausamkeit. Niedere Beweggründe können z.B. sein: Habgier, "Geschlechtstrieb".
Eine "spontane Tötung um einer Geldbörse willen" ist ein Widerspruch, denn wenn es eine Tat aus Habgier ist, muss sie geplant sein (in Erfahrung zu bringen bzw. um eine Geldbörse zu wissen und diese mittels einer Tötung an sich bringen zu wollen, ist bereits Vorsatz) und eine 'spontane Tötung' wäre ohne Vorsatz und damit Totschlag. Entreißt jemand einem Opfer die Geldbörse und stößt / schlägt es dabei, was dann z.B. einen tödlichen Sturz zur Folge hat, wäre es Raub mit Todesfolge (§ 251 StGB) - dabei ist die Tötung nicht geplant oder gewollt, aber wird leichtfertig in Kauf genommen. Hat ein niedrigeres Strafmaß als Mord. Das alles passt überhaupt nicht zusammen. Ggfs. vielleicht mal ins Strafgesetzbuch schauen.
Dann quatschen Richter auch nicht so viel, reden nicht um den heißen Brei herum. Schon allein deshalb, weil sie den Gesetzeswortlaut wiedergeben möchten d.h. im knappen Juristendeutsch ohne alternative Interpretationsmöglichkeit. (Hier zum Beispiel fällt es besonders stark auf, dass alle Figuren im gleichen Duktus sprechen - der Prota, dein Bettler und die Richterin können aber unmöglich alle wie ein und die selbe Person reden, auch wenn es sehr gebildete, eloquente Bettler gibt.)

Ich kann mir vorstellen, dass der Text gewinnt, wenn du ihn auf (nicht um) ein Viertel kürzt, die inneren Monologe straffst und akzentuierter formulierst (also weniger Fokus auf den Prozess einer Handlung / Einsicht, sondern mehr auf deren Konsequenzen). Diese seltsamen und zu detaillierten Beschreibungen, wie sich der Leser das vorzustellen hast (also: Leserbevormundung) rauskicken.
Dann eine gradlinige Erzählstimme und etwas Individualität in die wörtliche Rede der verschiedenen Personen legen. Wenn das zu schwierig ist, lieber aus dem Prota einen Icherzähler machen, der eben alles aus seiner Haltung und in seinen Formulierungen wiedergibt.

Innerer Monolog kann ganz wunderbar sein (klassisch, aber auch wirklich eindringlich und unglaublich gut gemacht sind die in Hamlet), und es gibt auch ganze Romane in dieser Erzählform. Grundsätzlich nicht verkehrt, aber hier hab ich den Eindruck, ich werde durch jeden einzelnen Gedankengang mitgeschleift, ob er wichtig ist oder nicht - also handwerklich gesehen: ob er den Plot trägt oder nicht. Ich lese zu viel Redundantes, Unwichtiges, Beiläufiges (das kann in einem absurden Text fluppen, ich bin aber nicht sicher, wie absurd dieser sein soll) und auch auf zu langer Strecke. Grundsätzlich sind glaube ich Gedanken eines Protas - wenn nicht als brillanter, philosophischer Monolog gestaltet - für den Schreibenden wesentlich spannender als für den Leser.

Sorry, dass ich mit mehr Kritk als Lob kam, aber vielleicht helfen dir einige meiner Anmerkungen ja. Als Prosa-Recherche kann ich dir empfehlen: Arto Paasilinna: Das Jahr des Hasen, Im Wald der gehenkten Füchse oder Der wunderbare Massenselbstmord. Das wird auch Alltäglich-Banales mit dem Tragischen wie auch Humorigen verbunden, alles sehr ruhig und pointiert, ist spannend-unterhaltsam, ohne platt zu sein.

Herzlichst,
Katla

 
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Hallo Daedalus!
Der Text ist lang, lang, … für mich zu lang. Zu viele Beschreibungen, die für die Handlung wenig bringen, z. B. die Straßenbahnszene. Es gibt keinen Erzählbogen. Man spürt nicht, wie die Spannung steigt. Du kündigst bereits im zweiten Satz an, dass Dein Prot einen Mord begehen will. Lass den Leser das nach und nach erahnen. Die erwähnte Szene in der Straßenbahn könnte diesem Zweck dienen. Nach dem Höhepunkt (Sehr wohl strafmildernd wirkt der Umstand, dass Sie sich selbst den Behörden gestellt haben.) würde ich einen vertikaleren Fall bevorzugen.
Katla rät Dir, ein Drittel des Textes zu streichen; selbst, wenn du viel mehr streichen würdest, reichte m. E. – im heutigen Zustand – das nicht. Deine Idee finde ich dennoch genial, mit dem Wunsch nach einer guten Tat zu beginnen und mit einem Mord zu enden! Dein Aufbau ist in meiner Sicht, abgesehen von seinem Erbfehler, zufriedenstellend. Erzeuge eine Dynamik. Nutze all diese Absätze, um die Gedanken Deiner Figur sich langsam ändern zu lassen, bis der Erzähler zum Schluss kommt: Am wirkungsvollsten erschien ihm dazu ein Mord. Dein Text würde dadurch für mich viel fesselnder wirken.
Nix für ungut. Viele Grüße.
Eraclito

 
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Hallo @Katla ,

vielen Dank für den Kommentar, ich hab mich sehr gefreut, dass du den Text gelesen, wenn auch "einige Passagen nur überflogen" hast. Das liegt ja nicht an mangelnder Aufmerksamkeit, sondern an mangelnder Wirkung des Textes auf dich.

Sorry, dass ich mit mehr Kritk als Lob kam
Ich denke, dass mir Kritik mehr nützt als Lob. Schon deswegen geht das in Ordnung. Außerdem finde ich deine Kritik durchweg sachlich. Ist jedenfalls mein Eindruck, auch wenn ich noch nicht alle Hinweise Stück für Stück durchgegangen bin. Die direkte Ansprache finde ich wohltuend, ich will ja kein Geschmeichel. Und drittens, fürchte ich, ist die Kritik auch berechtigt.
Ich kann mir vorstellen, dass der Text gewinnt, wenn du ihn auf (nicht um) ein Viertel kürzt
Es war ein Versuch, den Text, der mir explodiert ist, in der Länge so zu belassen. Danke, dass du zu diesem Versuch diese klare Rückmeldung gibst :)
Bei 'Krimi' erwarte ich Spannung
Ich habe mich sehr schwer mit der Einordnung getan. Für mich ist der Text eigentlich Humor, aber ich war nicht sicher, ob irgendwer nachvollzieht, was ich hier komisch finde. Wenn du denkst, dass die Geschichte
vor dem Hintergrund der gesamten Absurdität vielleicht als Witz
zu verstehen ist, spiegelst du genau das. Es freut mich, dass die Absurdität im Grundsatz rüberzukommen scheint, aber vielleicht noch nicht deutlich genug. Du schreibst ja selbst, dass du nicht sicher bist, ob das denn als Witz gemeint ist. Jedenfalls "Krimi" geht nicht, das verstehe ich. Es ist jedenfalls nicht das, was ein Leser von einem Krimi erwartet. Ich werde es mal mit "Humor" versuchen, wenn sich das ändern lässt.

Zusammengefasst: Du hast dir Zeit genommen, dafür ganz herzlichen Dank! Daher möchte auch mir noch Zeit nehmen und so bald wie möglich ausführlicher anworten.

Herzliche Grüße
daedalus

Hallo @Eraclito

danke auch dir!

Der Text ist lang, lang, … für mich zu lang.
Siehe meine Antwort an Katla. Habe verstanden.
Zu viele Beschreibungen, die für die Handlung wenig bringen, z. B. die Straßenbahnszene. Es gibt keinen Erzählbogen. Man spürt nicht, wie die Spannung steigt.
Dafür braucht man unbefangene (und auch unnachsichtige) Leserinnen und Leser, um für diese Wirkung ein Gefühl zu bekommen, deswegen bin ich froh, an der Stelle feedback zu bekommen. Für mich gibt es durchaus eine Art Energie, von der der Prot geleitet wird und die sich auch weiter aufbaut. Aber auch der Leser muss das mitbekommen.
Du kündigst bereits im zweiten Satz an, dass Dein Prot einen Mord begehen will. Lass den Leser das nach und nach erahnen. Die erwähnte Szene in der Straßenbahn könnte diesem Zweck dienen.
Die (vielleicht zu einfache) Idee war, den Leser damit direkt anzusprechen, also Aufmerksamkeit zu produzieren. Ich weiß nicht, ob das verkehrt ist. Mir leuchtet aber jedenfalls ein, dass das allein nicht ausreicht, um über viele Absätze die Spannung aufrecht zu erhalten.
Katla rät Dir, ein Drittel des Textes zu streichen;
nein, Katla rät mir, drei Viertel zu streichen.
Deine Idee finde ich dennoch genial, mit dem Wunsch nach einer guten Tat zu beginnen und mit einem Mord zu enden!
So hätte ich meine Idee gar nicht formuliert. Aber vielleicht sollte ich das mal probieren.
Nix für ungut.
Das brauchst du nicht dazuzuschreiben. Ich nehme es für gut, dass du dich mit meinem Text beschäftigt hast.

Danke!
daedalus

 
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Hallo @Katla ,

ich bin nicht ganz sicher, wie es hier so usus ist. Eigentlich sollte ich wohl einen weiteren Kommentar in meinen obigen bestehenden Kommentar reinpacken, durch Bearbeiten, wenn ich an einen eigenen Kommentar von mir anschließe. Jedenfalls, wenn nicht so viel Zeit dazwischenliegt. Bin nur nicht sicher, ob du das überhaupt mitbekommst, wenn ich nur meinen Kommentar bearbeite. Also schreibe ich einen neuen Kommentar, auch wenn ich damit direkt an meinen eigenen Kommentar anschließe.

Was mich außer den langgezogenen Monologen auch immer wieder rausgekickt hat:
1. Anschluß der wörtlichen Rede an Sprecher. [...]
Zu 1: Das ist reine Formalität: Wenn du von einer Figur erzählst und lässt die dann sprechen, dann wieder etwas tun und dann spricht eine andere Figur, muss die wörtliche Rede dem jeweiligen Sprecher zugeordnet werden, d.h. in den Passagen mit einer Figur dürfen keine Zeilenumbrüche oder Absätze sei (außer, die Passagen ziehen sich sehr lang, - sowas jenseits der 30 Zeilen - selbstverständlich).
Einen Zeilenumbruch benötigst du aber dort, wo der Sprecher wechselt,
Danke. Habe ich – hoffentlich an allen Stellen, die es betrifft – geändert.

Das umso mehr, als dass du alles im selben Duktus erzählst: die Erzähler und alle Figuren reden identisch. (Das an sich kann übrigens als handwerklicher Fehler angesehen werden.)
Das wird mir bei weiterem Bearbeiten im Gedächtnis bleiben. Dass die Figuren sich unterschiedlich ausdrücken, lässt sie natürlich deutlicher hervortreten. Dein Hinweis bedeutet konkret, dass sich zB die Richterin genauso ausdrückt wie der Obdachlose. Das überrascht mich etwas. Ich hatte mir eingebildet, schon ein wenig differenziert zu haben. Allerdings halte ich dabei die (deine) Wahrnehmung des unbefangenen Lesers für aussagekräftiger als meine eigene. Also gehört und ernstgenommen.

In einer Zehntelsekunde hatte sich der alte Mann aufgerichtet.
:confused: Vielleicht passt Humor besser als Krimi?
Hier habe ich den Zusammenhang nicht ganz verstanden. Ist das mit dem Humor ein allgemeiner Hinweis und nur zufällig unter den Satz mit der Zehntelsekunde geraten? Oder das Zitat aus meinem Text soll nochmal deine Hinweise zur Kombination von Geschehen und wörtlicher Rede illustrieren.

Mein zweiter Hauptkritikpunkt bezieht sich auf die Beschreibungen. Sie sind sehr dominant, tragen aber letztlich nix zur Geschichte bei.
Das führst du dann noch mit etlichen Beispielen aus. Ich kann dem eigentlich nichts hinzufügen. Das stimmt einfach. Dass (zu viele) Beschreibungen nicht nur Ballast schaffen, sondern du dich durch sie – wenn ich so sagen darf – herumgeschubst fühlst, du dich gehindert fühlst, selbst die Figuren zu entdecken, ist ein super Hinweis. So spezifisch hatte ich mir diese Wirkung noch nicht klargemacht. Due beantwortest auch gleich die Gegenfrage, ob denn gar keine Beschreibungen in einen Text hineindürfen, mit der Aussage: doch, aber wenn sie dominieren und man nicht versteht, wozu sie dienen, wird's nervig.

Außerdem bin ich ganz froh, dass es damit einen zentralen Ansatz gibt, den Text radikal durch Kürzung zu ändern. Ob das allein reicht, werden wir sehen.

hier hab ich den Eindruck, ich werde durch jeden einzelnen Gedankengang mitgeschleift, ob er wichtig ist oder nicht - also handwerklich gesehen: ob er den Plot trägt oder nicht. Ich lese zu viel Redundantes, Unwichtiges, Beiläufiges
Also das betrifft die inneren Monologe. Verstehe ich. Ich bin sicher, ich werde sie ausdünnen. Oder auch streichen. Ich hatte mir schon was dabei gedacht. Am Anfang der Gedanke an den Mord im Dienste des Guten. Der Gedanke ist absurd, ganz richtig. Dann die Wahrnehmung aus der Straßenbahn, dass doch da nur nette Menschen sitzen und es doch nicht weiterhilft, einen von ihnen zu treffen. Dann der geniale (in Wirklichkeit nicht sehr originelle) Gedanke, einen Bösen aus dem Weg zu räumen. Der Prot denkt dann über die Strategie nach, über die Art zu töten, darüber, wie er den Bösen findet, dann, wie er Spuren vermeidet oder beseitigt, kommt zum Ergebnis, dass es eigentlich keine Zeugen, schon gar keine Komplizen geben darf. Schließlich findet er einfach so die Situation vor, die ihm all das liefert, wonach er in Gedanken gesucht hat. Was rein physikalisch möglich, aber eigentlich idiotisch ist. Also das Absurde besteht – neben dem Vorfall an sich – darin, dass sich mit dem Mord alle Gedanken des Prots aus den vorausgegangenen Minuten auf einen Schlag erfüllen. Damit das erzähltechnisch möglich ist, brauche ich aber die vorhergehenden Gedanken. Und vielleicht auch die anschließende Bestandsaufnahme, dass er innerlich jubelt, wie toll er das gemacht hat. Aber du schlägst ja später vor allem Straffen und stärkere Ausrichtung auf das Ziel vor, nicht mal unbedingt Streichen.

Mit der Dominanz lieferst du ein sehr wichtiges Stichwort. Das muss schon so eingesetzt sein, dass es nicht alles andere auffrisst. Ich nehm das mit!

So würde mMn kein Richter argumentieren. Feinseligkeit spielt keine Rolle, ein Mord benötigt drei Voraussetzungen
Diese juristischen Sachen will ich mal nicht vertiefen. An der Stelle nur meine Rückmeldung, die Richterin beschäftigt sich da nicht (mehr) mit der Frage, ob ein Mord begangen wurde, sondern welche Umstände die Strafe schärfen oder mildern könnten. Da kann man vielleicht schon mal aus dem Gesichtspunkt argumentieren, welche Art von Feindseligkeit in dem Tathergang zum Ausdruck kam.

Ich will mich da nicht zu sehr reinhängen, man kommt sonst leicht bei dem Thema an, wie groß muss denn die technische Genauigkeit in einem fiktiven Text sein. Zu irgendeinem Text ergab sich da kürzlich mal eine geradezu erbitterte Diskussion hier im Forum, ich habe aber vergessen, zu welchem. Also, wenn in meiner Geschichte ein Strafprozess vorkommt, muss er ganz realistisch sein oder reicht es, wenn der Text ihn so ähnlich wie einen richtigen Strafprozess schildert. Das leidenschaftlich zu diskutieren, kommt mir nicht so zielführend vor, ich würde mich immer nur fragen, ob das in der konkreten Geschichte aufgeht oder nicht. Wenn das Bild hier für dich schief war, war es schief, da kann ich noch so präzise die Wirklichkeit wiedergeben oder Gründe haben, von ihr abzuweichen.

Aber wenn ich mich jetzt frage, was ich beim Schreiben gedacht habe, muss ich sagen, ich habe mir Lesende vorgestellt, die nicht unbedingt Spezialwissen haben, die aber mit einer Gerichtsverhandlung schon etwas Bestimmtes verbinden. In einer Gerichtsverhandlung wird – so vielleicht die allgemeine Wahrnehmung – ein tatsächliches Geschehen umgesetzt in Recht, hier zum Beispiel in eine Strafe. Dazu wird die Wirklichkeit mit dem Bemühen um Genauigkeit, Gleichmäßigkeit, Objektivität eingeordnet und verarbeitet. Das könnte das Bild sein, was man so allgemein von einem Gericht hat.

Mir hat das die Möglichkeit gegeben, Staupheimers bizarren Überlegungen mal eine etwas schlichte Vorstellung entgegenzusetzen: Staupheimer will töten, um die Schleusen des Guten zu öffnen, die Richterin sagt (wenn auch nicht zu ihm), der Mann musste sterben, damit Sie an sein Geld kommen. Staupheimer sucht den gerechten Mord, die Richterin sagt ihm, Mord ist immer verwerflich. Und außerdem müssen wir auch mal damit leben, dass uns einer Unrecht tut, jedenfalls können wir ihn nicht immer gleich massakrieren. Ich will nicht behaupten, dass diese Gegensätzlichkeit rübergekommen ist, ich denke nur, man kann ein Gericht in einer Geschichte schonmal zu diesem Zweck verwenden. Und ob es dann gut ist, hängt davon ab, ob es aufgeht und nicht so sehr davon, ob die Realität ausreichend präzise wiedergegeben ist.

Ich fand mich übrigens doch nicht ganz so weit von der Realität weg. Trotzdem: Ich will dir nicht wirklich widersprechen in dem Abschnitt deines Kommentars, nur vorsichtig diese Dinge mal mit ansprechen. Es gibt ja an dem Text sicher noch einiges andere zu tun.

Übrigens bin ich froh, dass deine Mutter nicht auf einer Baustelle gearbeitet hat. Davor hatte ich viel größere Sorgen. Ich frage mich sehr, ob das geht, was ich mir da überlegt habe: Einen Menschen komplett in einem Betonfundament versenken. Nach allem, was ich weiß, sind Fundamente voller Bewehrungen, wenn sie so groß sind. Da müsste man den Menschen wie durch ein Sieb passieren. Dann brauche ich wenigstens nicht mehr nachzudenken, mit welchem Tag ich den Text versehe.

Ich kann mir vorstellen, dass der Text gewinnt, wenn du ihn auf (nicht um) ein Viertel kürzt, die inneren Monologe straffst und akzentuierter formulierst (also weniger Fokus auf den Prozess einer Handlung / Einsicht, sondern mehr auf deren Konsequenzen). Diese seltsamen und zu detaillierten Beschreibungen, wie sich der Leser das vorzustellen hast (also: Leserbevormundung) rauskicken.
Dann eine gradlinige Erzählstimme und etwas Individualität in die wörtliche Rede der verschiedenen Personen legen.
Ja, du hast vielleicht schon gemerkt, dass ich bisher nur eine Kleinigkeit umgesetzt habe. Was du mir da vorschlägst, ist eine größere Umgestaltung. Die mache ich nicht nebenbei. Danke für die konkrete Idee, ich denke, es lohnt den Versuch. Aber es muss sich alles etwas setzen. Also wenn die Geschichte nicht schon in den nächsten Tagen im neuen Gewand daherkommt, liegt es nicht daran, dass ich die Chancen einer Schreibwerkstatt nicht nutzen will, im Gegenteil. Ich will sie richtig nutzen. Da muss sich das im Kopf auch mal eine Weile drehen.

Nochmal vielen Dank! Durch deine Anstöße hast du insbesondere die Möglichkeit in Gang gebracht, in andere Richtungen zu denken. Da kann man einen Text noch so oft liegenlassen und wieder vorholen, das schafft man alleine nicht.

So und jetzt habe ich noch eine Verständnisfrage an dich, @Eraclito ,

Nach dem Höhepunkt (Sehr wohl strafmildernd wirkt der Umstand, dass Sie sich selbst den Behörden gestellt haben.) würde ich einen vertikaleren Fall bevorzugen.
Versteht man wirklich sofort, was damit gemeint ist? Also, könnte man an der Stelle die Geschichte mit ein oder zwei Sätzen dichtmachen? Ich hatte mir gedacht, der Leser ist zunächst verwirrt und fragt sich, was soll das denn, wann hat sich Staupheimer denn gestellt? Das lässt noch Raum für Interpretationen. Erst danach wird richtig deutlich, dass der Bettler ihn anzeigen wollte und dadurch selbst in Schwierigkeiten geraten ist. Also habe ich noch mehr Erklärungen dazugesetzt.

Ist nur interessehalber, ich glaube, das wird sich sowieso noch sehr stark ändern.

Dank an euch beide
daedalus

 

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