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Hin und weg

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Hin und weg

Das Leben war wunderbar. Die Firma lief fantastisch.
Junggesellenabschied und auf dem Weg nach Hause.
Autobahn. 180 Km/H und auf einmal Blitzeis. Der Wagen kommt ins Schlingern.
Licht aus.

“Wo bin ich ?” –“Ein Neuer ! Willkommen im Club !”
“Was ist hier los ? Wo bin ich ?”
“Du bist unter den lebenden Toten, mein Bester.”
“Was bedeutet das ? Ich war auf dem Weg nach Hause und hatte einen Unfall.”
“Nun bist du nicht mehr auf dem Weg nach Hause, sondern auf dem Planeten Koma.”
“Ich bin im Koma ?” Angst schwang in seiner Stimme mit. “Wieso kann ich dann mit euch kommunizieren ?” – “Wir reden miteinander, weil wir ja sonst nichts weiter zu tun haben. Kartenspielen können wir ja schlecht.”
Er weinte.
“Das passiert allen Neuankömmlingen. Weine dich aus. Ist schon o.k.”

Dann war Stille. Die Stille war so dicht, dass man meinen konnte, sie mit dem Messer durchschneiden zu können.
Er versuchte sich zu sammeln und zu erinnern. Da war nichts. Der Wagen kam auf der Autobahn ins Schlingern und dann Filmriss.
Er war also im Koma. Er überlegte, was er von diesem Zustand wusste und es war wenig. Aus einigen Krimis und Fernsehserien wusste er, dass die Komapatienten irgendwo in einem Sanatorium herumlagen, wie bestellt und nicht abgeholt. Nur einige wenige erwachten und bei ihnen hatte sich fast alles verändert. Er erinnerte sich, in einem Boulevardblatt gelesen zu haben, das ein Komapatient fliessend Mandarin sprach, als er erwachte.

“Seid ihr noch da ?” – “Einige von uns. Viele schlafen fast den ganzen Tag. Was für Langweiler.”
“Es ist so still hier.”-“Daran wirst Du Dich gewöhnen. Am Anfang kommen sie noch, aber das wird immer weniger, bis es dann ganz aufhört. Zeit heilt alle Wunden und das Pflaster ist das Vergessen.”-“Wovon redet ihr ?”-“Na, deine Angehörigen natürlich. Bald werden sie hier aufkreuzen und mit ihrem Geheule unsere Ruhe stören. Zum Glück dauert das nicht lange.” “Das ist makaber.”-“Nein. Die Realität.”

Er kehrte in sich und schlief tatsächlich nach kurzer Zeit ein.

Wecken tat ihn ein Kopf an seiner Schulter und leises Schluchzen. Seine Braut in Spe, aber das konnte er ja nunmehr abhaken. Aus seiner Liegeposition heraus konnte er erkennen, das sie nicht allein war. Sein bester Kumpel, der auf dem Junggesellenabschied dabei war und sogar eine kleine Rede gehalten hatte, stand einen Meter hinter ihr und schaute mit traurigem Gesicht auf ihn hinunter.
“Was hast du nur gemacht, Schatz ?” schluchzte sie “Wie konnte das passieren ?”
Sie fing laut an zu weinen und sein Kumpel zog sie sanft von ihm zurück. “Lass uns gehen. Wir kommen wieder, wenn du dich ein wenig beruhigt hast.” Sie weinte hemmungslos, als die beiden den Saal verliessen.

“ Uff. Das war eine harte Nummer.”-“Wir wollten heiraten.” Er war den Tränen nahe.
“Was für eine Heulsuse. Du liebe Güte !”

Später trafen seine Eltern ein, seine Schwester mit ihrem Mann und ein paar Freunde.
“Soviel Audienz haben wir hier lange nicht mehr gehabt. Du hättest uns vorwarnen sollen. Wir hätten uns die Zähne geputzt und das Nachthemd gewechselt.”

Er weinte leise vor sich hin. Sein Leben war ihm genommen wurden. Warum war er nicht gestorben ? So hätte er sich die Trauer seiner Liebsten zumindest ersparen können.

“Wir wissen, was du jetzt denkst. Uns ist es allen so ergangen. Locker bleiben. Das wird sich bald in Luft auflösen.”

Und so war es. Die Besuche wurden immer spärlicher.

Seine Unterhaltungen mit seinen Mitstreitern wurden jedoch immer unterhaltsamer. Sie erzählten sich Anekdoten aus ihren Leben und philosophierten über dies und jenes. “Gemeinsam sind wir in der Lage, dieses Dahingesieche zu ertragen.”sagte er eines Tages und erntete leises Gelächter, was er nicht richtig deuten konnte.

Seine Braut kam in Begleitung seines Kumpels. Mittlerweile kamen sie Hand in Hand. Sie beugte sich über ihn, küsste ihn sanft auf den Mund und sagte : “Wir werden heiraten. Ich habe immer nur dich geliebt, aber das Leben geht weiter.” Sein bester Kumpel umfasste sie und knetete von hinten ihre Oberweite.”Lass das !”-“Du gehörst jetzt mir und das wollen wir dem Halbtoten dort doch zeigen, oder ?”. Sie versuchte sich aus seinem Griff zu befreien, was ihr aber nicht gelingen wollte. Er drehte sie zu sich um und küsste sie. Dann gingen sie hinaus.

Seine Eltern kamen. Leise unterhielten sie sich. “Wann, meinst Du, wird er endlich das zeitliche segnen ?.”-“Die Ärzte haben keine Ahnung. Das weiss man wohl nie so genau.” “Gemäss Gesetz sind wir die Erben. Wenn wir die Firma jetzt verkaufen würden, hätten wir ausgesorgt.” Sie seuzte, gab ihm einen flüchtigen Kuss und die beiden verschwanden.

“Deine Mutter beweist Geschäftssinn und deine Braut schlechten Geschmack.” Er war ausser sich. Er war noch nicht einmal ein Jahr im Koma und schon war sein altes Leben verschwunden. “Nichts ist von Bestand, mein Bester. Alles ist vorläufig. Liebe, Besitz, Leben. Einfach alles wird von der Zeit erodiert und zerfällt in bedeutungsloses nichts". “Es scheint, als ob ich auch ein bedeutungsloses nichts bin, obwohl ich ja noch hier bin.”
"Du hast es erfasst. Die Zeit hat dich vergessen. Du wandelst in der zeitlosen Twilight Zone des nichts herum. Die kann aber auch recht spannend sein.”
“Wie soll das möglich sein ? Wir liegen hier tatenlos wie Tote herum !” jaulte er.
“Lass uns das so ausdrücken : Da wir in einem Vakuum leben, sind auch sämtliche Spielregeln der Realität ausser Kraft gesetzt.”-“Wie soll ich das verstehen ?”
“Du bist frei und somit sind auch deine Gedanken frei. Schicke sie auf Wanderschaft.”

Das tat er und das Ergebnis war furchterregend und zugleich unglaublich emotional und spannend. Er durchwanderte das gesamte Gefühlsspektrum des menschlichen Daseins. Als er losliess, sagte er nur : “Wow ! Das war, wie ein Orgasmus.” – “Nur besser.”
“Sage uns nicht, was du gesehen hast. Das ist selbst im Vakuum des nichts ungeschriebenes Gesetz. Und merke dir : Du kannst nicht auf den Lebensfluss Einfluss nehmen, denn du schwimmst nicht mehr in ihm. Du bist auf irgendeinem Seitenarm des Flusses unterwegs und kannst mitverfolgen, was auf dem Hauptstrom passiert. Aber Einflussnehmen kannst du nicht.” Und genau darüber hatte er nachgedacht.

Als er drei weitere Monate später erwachte, strampelte er wie ein widerspenstiges Baby dagegen an, aber die Zuganstür verschloss sich.

Seitdem flossen die Gedanken zwar, aber es sollte sich nie wieder das selbe Gefühl der kompletten Durchdringung einstellen.
 
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10.07.2020
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73
Hi @Dosenfood,

wow, sehr coole Story! Die Idee ist super, schön umgesetzt, und der schwarze Humor sitzt (der neue Freund der Braut, die Eltern - das ist sehr komisch).

Das Ende verstehe ich allerdings nicht ganz. Was passiert da? Er löst sich auf, in so eine Art All-Bewusstsein? Ich finde, das lässt die Story so ein bisschen ausfransen - warum lässt du nicht einfach einen Pfleger über den Stecker stolpern oder so?

Viele Grüße, hat viel Spaß gemacht!
Christophe
 
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19.04.2020
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Guten Morgen Herr Christophe,

vielen Dank für den Kommentar. Ja. Das Ende der Geschichte zieht die Wurst nicht gerade vom Teller.
Der Plot ist nicht ersichtlich und ich werde die Geschichte sicherlich noch überarbeiten, wenn ich-
in einem anderen Leben ( meinem zweiten. Oder war es das Dritte ? ) - endlich Zeit dazu habe.

Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Sonntag.

Freundliche Grüsse,

DF
 

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