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Hinten rechts im Taxi

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Hinten rechts im Taxi

Hinten rechts im Taxi

Die Frau gegenüber von mir trägt dunkelroten Lippenstift und liest die Zeitung. Eine ähnliche Farbe trägt meine Freundin auch immer, also wirklich immer, zu jedem Anlass. Manchmal wünsche ich mir, sie würde mal eine andere Farbe tragen. Es ist nicht die Farbe selber, die mich stört, sondern vielmehr die Tatsache, dass sie nie etwas ändert. Ich muss zugeben, dass der Lippenstift an ihr immerhin schöner aussieht als bei der Frau gegenüber von mir. Sie versucht gerade, eine Seite weiter zu blättern, hat aber Schwierigkeiten mit ihren hässlichen Plastiknägeln die Seiten auseinander zu bekommen und macht unnötig lange und laute Papierraschel-Geräusche. Ich rutsche unruhig auf meinem Sitz hin und her und seufze hörbar aus, um ihr zu zeigen, dass der ganze Zug genervt ist. Ihr Lippenstift sieht abgenutzt aus, als wäre sie gestern damit schlafen gegangen und heute zu faul gewesen, ihn abzuschminken oder zumindest neu aufzutragen. Ihre Lippen haben ungewöhnlich viele Falten, da sieht die Farbe noch bröckeliger und ekliger aus als ohnehin schon. Ich nehme mir vor, meiner Freundin morgen einen neuen Lippenstift zu kaufen. Bis Weihnachten sind es zwar noch zwei Monate hin, aber vielleicht würde ich ihr den auch einfach nur so schenken.

Die Frau hat fertig gelesen und faltet die Zeitung nun zusammen und ich ärgere mich über das unnötige Umblättern der letzten Seite, die sie ohnehin nicht gelesen hatte. Das Falten raschelt noch viel lauter und länger als das Umblättern und ich stehe abrupt auf, um mir in der Zugtoilette eine Zigarette anzuzünden. Ich muss nicht mehr lange fahren und entscheide mich dazu, für die nächsten Haltestellen dort zu bleiben.

Draußen ist es schon dunkel und ich habe plötzlich das dringende Verlangen, mir ein Hotelzimmer zu suchen, anstatt bei meinem Freund Zentner zu übernachten. Wir hatten zusammen studiert und hielten uns hin und wieder mal auf dem Laufenden. Zentner tut mir ein wenig Leid. Letztes Jahr hatte er versucht, sich das Leben zu nehmen, ist dabei jedoch gescheitert und musste für mehrere Monate in der Klinik bleiben. Ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass er es absichtlich nicht richtig durchgezogen hatte. Jedenfalls geht es ihm mittlerweile wieder ganz gut, denke ich. Bevor ich aussteige, blicke ich rüber zu der Frau und sehe, wie sie sich eine neue Schicht Lippenstift über die alte, bröckelige schmiert und das macht mich echt baff.
Die Luft draußen ist kühl und angenehm. Ich fröstele ein wenig und freue mich darüber.
Am Vorderausgang des Bahnhofs rufe ich mir ein Taxi und entscheide mich dazu, doch zu Zentner zu fahren. Er hatte sich schließlich schon darauf eingestellt, dass ich komme und ich möchte ihn ja nicht unnötig enttäuschen. Seine Adresse hatte ich mir tatsächlich gemerkt und ich nenne sie dem Fahrer. Im Taxi steige ich immer hinten rechts ein. Ich verstehe die Leute nicht, die sich vorne neben den Fahrer setzen und am besten noch oberflächliche Konversation führen, so was lächerliches. Ich habe Glück, dass dieser genauso wenig daran interessiert ist, sich zu unterhalten. Ich kurbele das Fenster runter und zünde mir eine Zigarette an. Zentner hatte schon vor zwei Stunden mit mir gerechnet, aber ich hatte einen kurzen Zwischenstopp in Bremen eingelegt, um mich mit meiner alten Schulfreundin Kathi zu treffen. Das war ziemlich spontan, sonst hätte ich ja Zentner Bescheid gegeben. Wir trafen uns zuerst in einem Café und gingen dann ins Kino, um einen Film zu schauen. Es war ein dänischer Film mit englischen Untertiteln. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie den nur ausgesucht hatte, um intellektuell zu wirken. Jedenfalls hatte ich während des Films hin und wieder mal zu ihr rüber gesehen und festgestellt, dass sie mit den Gedanken woanders war. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass sie mich danach noch zu sich einladen würde, da wir uns ziemlich amüsiert haben, jetzt mal abgesehen von dem langweiligen Film, meine ich, aber sie verabschiedete sich noch vor dem Kino und bat mich, Bescheid zu geben, wenn ich erneut in Bremen sei.
Sie trug ihre blonden, lockigen Haare offen und die vorderen Strähnen klemmte sie mit einer Spange nach hinten, das sah wirklich hübsch aus. Vor allem, weil sie ihre Haare in der Schulzeit immer im Pferdeschwanz trug, da erinnere ich mich noch ganz genau dran. Ohnehin hatte sie sich sehr verändert, so vom äußerlichen meine ich. Die Art, wie sie redete, ist nämlich gleich geblieben. Sie hat eine ziemlich hohe Stimme und redet viel und schnell. Das meiste davon ist unwichtig und langweilig und ich bin mir sicher, dass sie vieles davon nur erzählte, weil sie keine Stille ertragen könnte. Mir hingegen macht Schweigen nicht besonders viel aus und zurückblickend bin ich eigentlich ziemlich erleichtert, dass sie mich nicht mehr zu sich eingeladen hatte, weil ihr vieles Reden mich müde machte und mir Kopfschmerzen bereitete. Ich wette, sie ist eine der Personen, die im Taxi vorne rechts einsteigen.
Ich erwische den Fahrer dabei, wie er mich im Rückspiegel beobachtet und ich schmeiße meine Zigarette aus dem Fenster und kurbele es wieder hoch. Ich nehme mein Telefon und wähle die Nummer von Kathi. Sie geht erst ran, als ich gerade wieder auflegen möchte und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie extra so lange gewartet hatte. Ich lad sie ein, mich morgen hier zu treffen und schlage vor, zusammen im Transit zu Abend zu essen. Sie scheint überrascht, aber sagt zu und ich lege mit dem Vorwand auf, dass ich jetzt da sei.

Ich bezahle den Taxifahrer mit einem großzügigen Trinkgeld und klingele ganze vier Mal bis die Freisprechanlage endlich ertönt und die Tür summend aufgeht. Ich war bisher nur einmal bei Zentner zuhause und ich erinnere mich nicht mehr, in welchem Stock er wohnt. Das ist jedoch nicht schwer, herauszufinden, da aus der dritten Etage laute Musik ertönt. Oben angekommen nehme ich mir einige Sekunden Zeit, um nicht vollkommen aus der Puste einzutreten. Anstatt an der Tür auf mich zu warten, hatte er diese einen Spalt aufgelassen und ist wieder reingegangen.

Ich höre andere Stimmen und bereue es, nicht doch in ein Hotel gegangen zu sein. Als ich eintrete, schauen nur zwei von insgesamt fünf Leuten hoch. Die anderen sind in hitzig scheinenden Gesprächen verwickelt und Zentner selber dreht sich gerade eine Zigarette. Als er mich bemerkt, springt er auf und kommt lachend und mit offenen Armen auf mich zu und drückt mich an sich. Abgesehen von hübschen Frauen wie Kathi umarme ich nicht wirklich gerne Menschen und ich stehe einfach nur starr da und warte bis er wieder ein Schritt zurück tritt.

Mir fällt ein, dass Kathi und ich uns gar nicht umarmt hatten, ich ihr sondern nur ein Kuss links und rechts gegeben habe. Dabei hatte ich ihr Parfüm gerochen, welches ich noch nicht kannte. Ich bin schlecht darin, Gerüche zu beschreiben und wenn jemand ein Frauenparfüm mit Zedernholz und Hibiskusblüte beschreibt, find ich das ehrlich gesagt ein wenig lächerlich. Zum Abschied gab ich ihr einen kurzen Kuss auf den Mund und als ich ihr danach noch einen weiteren auf die Wange gab, war das Parfüm schon verflogen.

Zentner redet gerade davon, dass er mir zum Schlafen auf dem Sofa alles zurecht gemacht hatte. Ich bedanke mich, auch wenn ich ehrlich gesagt davon ausgegangen bin, dass ich sein Bett bekäme und er auf dem Sofa schlafen würde. Aber das macht mir nicht sonderlich viel aus. Ich setze mich auf den einzigen Sessel, der noch frei ist, während Zentner mir in der Küche einen Drink macht. Ich stelle mich den anderen Leuten vor und sie sich mir. Ich muss jedoch zugeben, dass ich mir keinen einzigen Namen gemerkt hatte. Die Frau, die sich rechts von mir mit einem ziemlich jung aussehendem Mann das Sofa teilt, fragt mich ununterbrochen nach Zentner aus. Wo wir uns kennengelernt hätten, wie er so in der Uni war und ob ich ihn öfter besuchen würde. Während ich ihre Fragen kurz beantworte, zünde ich mir die Zigarette an, die Zentner fertig gedreht hatte und vor mir auf dem Holztisch liegt. Ich habe plötzlich das dringende Bedürfnis, mich zu duschen oder mich zumindest etwas aufzufrischen und ich stehe auf und entschuldige mich.

Das Badezimmer ist sehr klein und dreckig. Die Dusche hat keinen Vorhang und die Fliesen sind nass und haben schwarzen Schimmel an den Rändern. Mir wird schlecht bei der Vorstellung, wie Zentner dort jeden Tag nackt steht und seinen Körper abduscht, obwohl ich mir eigentlich ziemlich sicher bin, dass er keine tägliche Dusche nimmt.

Ich öffne das kleine Fenster über der Toilette und betrachte mich so lange im Spiegel, bis ich meine Zigarette zu Ende geraucht habe. Dafür, dass ich dachte, ich hätte dringend eine Auffrischung nötig, sehe ich eigentlich noch ziemlich gut aus. Ich gele mir lediglich erneut meine Haare zurück und wasche meine Hände mit Seife, die Zentner anscheinend aus Wasser und Duschgel zusammengemischt hatte. Zurück im Wohnzimmer hat Zentner sich auf meinen Sessel gesetzt und dreht sich eine neue Kippe. Die aufdringliche Frau und einer der Männer waren wohl schon gegangen und ich setze mich neben dem Jungen auf das Sofa. Er scheint gerade mal siebzehn oder achtzehn Jahre alt zu sein. Seine Haare sind ebenfalls wie meine etwas länger und zurück gegelt, mit dem Unterschied, dass seine lockig sind und eine einzelne Strähne die Stirn runter hängt.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele Frauen auf ihn stehen. Seine Nase ist etwas zu groß, wenn man ihn von vorne anschaut, aber von der Seite ist sie absolut gerade und nahezu makellos. Er hat bisher nicht viel gesprochen, aber scheint jedes Gespräch aufmerksam zu verfolgen. Zentner redet gerade über die Arbeit. Er ist Immobilienmakler in einem fürchterlichen Unternehmen und jedes Mal, wenn wir uns unsere regelmäßigen Updates geben, beschwert er sich über seinen Job und seinen Chef, den er absolut nicht ausstehen kann und nimmt sich wiederholend vor, zu kündigen und sich was Neues zu suchen. Mir fällt auf, dass Zentner meistens ausschließlich nur über Arbeit redet und unsere Gespräche nie um etwas anderes gehen. Über Beziehungen oder sonstiges hatten wir schon lange nicht mehr geredet. Ich glaube, dass Zentner ein wenig zu oberflächlich ist, um sich über solche Themen zu unterhalten und ich bin mir sicher, dass er es ins Lächerliche ziehen würde, wenn man es denn täte. Ich scherze, dass er doch endlich Mal kündigen solle und er winkt nur ab und murmelt, dass er das nächste Woche ohnehin vor hat. Er habe sogar schon neue Jobangebote markiert und sucht nun im Schlafzimmer nach der Zeitung, als müsste er uns irgendetwas beweisen. Die Frau, die die ganze Zeit gegenüber von Zentner sitzt und sich fürchterlich offensichtlich jung zu schminken versucht hatte, und sich bei den Gesprächen bisher eher zurück hielt, solange sie in der ganzen Gruppe geführt wurden, steht nun auf und folgt ihm ins Schlafzimmer. Ich höre sie leise reden und vernehme einige Kussgeräusche. Ich erkundige mich bei dem Jungen, ob die beiden eine Beziehung führen und er erzählt mir, dass Zentner und sie seit mittlerweile fünf Jahren verheiratet sind.

Da er und ich nun die einzig Verbleibenden im Wohnzimmer sind, fühle ich mich gezwungen, Konversation zu betreiben und stelle überraschend fest, dass er keine Anstalten macht, diese am laufen zu halten. Deswegen schweigen wir manchmal auch und ich bemerke zufrieden, dass es keine unangenehme Stille ist. Ich mache mir einen neuen Drink und zünde mir eine Zigarette an. Er greift nach meiner Schachtel und nimmt sich ebenfalls eine. In seinem Alter hatte ich auch schon geraucht, deswegen sage ich nichts. Ich meine, ich hätte ohnehin nichts gesagt, das ist ja schließlich nicht meine Aufgabe. Während wir rauchen, erzählt er mir von seinem Architektur-Studium und dass er eigentlich Schauspieler werden möchte. Zentner und seine Frau haben im Schlafzimmer Sex, aber dem Jungen scheint das nichts auszumachen. Ich sage ihm, dass er es mit seinem Aussehen sicherlich weit bringen würde. Er bedankt sich, aber es macht den Eindruck, dass er das ziemlich häufig zu hören bekommt. Er erzählt mir, dass seine Eltern wollen, dass er das Architektur Studium abschließt, sie ihm danach jedoch alle Freiheiten geben würden und ich frage nach, ob er schon Erfahrungen im Schauspiel hat. Er schüttelt mit dem Kopf und nimmt sich eine zweite Zigarette aus meiner Schachtel. Es macht mir jedoch nicht sonderlich viel aus. Er zündet sie an und sagt ein paar Zeilen von James Joyce Die Toten, während die Zigarette im Mundwinkel auf und ab wippt. Dabei ascht er mehrmals auf seine schwarze Leinenhose. Ich hatte Die Toten in meinem Studium lesen müssen, deswegen erkenne ich sogar einige Textstellen wieder und empfinde es als gar nicht unangenehm, dass er mir jetzt schon seit mehreren Minuten die Kurzgeschichte vorspielt. Dabei bleibt er sitzen und zur Wand schauend, als sei ich gar nicht mehr im Raum. Im Hintergrund stöhnen Zentner und seine Frau. Sie hatten die Türe nicht einmal richtig zugemacht. Was für eine groteske Situation. Ich nehme einen großen, letzten Schluck meines Drinks und stelle das Glas vor mir auf dem Holztisch ab. Ich fühle mich plötzlich ziemlich gut. Ganz leicht und irgendwie unbeschwert, ich kann es nicht so gut beschreiben. Endlich nimmt der Junge die Zigarette aus dem Mundwinkel und nuschelt nun auch nicht mehr so stark. Ich mag die Art und Weise wie er spricht und höre ihm gerne zu. Er erzählt die Kurzgeschichte nicht ganz zu Ende, sondern endet mit der Rede von Gabriel und blickt nun lachend zu mir rüber.

Ich beuge mich runter zu seinen Oberschenkeln, um die Asche von seiner Hose wegzupusten. Ich sage ihm, dass es wichtig sei, zu pusten, ansonsten würde es Flecken geben. Ein Teil der Asche landet jedoch nur auf seinem anderen Oberschenkel und er wischt sie weg, was offensichtlich einen grauen Fleck hinterlässt. Ich versuche nochmal zu pusten, was natürlich nichts mehr bringt und er nimmt mein Gesicht in seine Hand. Er zieht mich an meinem Kinn hoch zu sich und küsst mich auf den Mund. Wir küssen uns mehrere Sekunden lang. Der Geruch seines Aftershaves schießt mir in die Nase und ich muss an den bröckeligen Lippenstift von der Frau im Zug denken und an den Schimmel an Zentner Duschfliesen.

Mir wird schlecht und ich stehe abrupt auf. Dem Junge scheint das nichts auszumachen, er wischt sich über seine Lippen und nimmt eine dritte Zigarette aus meiner Schachtel. Es sind nur noch vier übrig. Ich reiße ihm die Schachtel aus den Händen und schlage ihm mit meiner Faust drei Mal ins Gesicht. Er fängt an zu heulen und vergräbt seine blutende Nase schutzsuchend in seinen zitternden Händen. Ich bleibe wie erstarrt stehen und bemerke, dass ich meine Zigarettenschachtel zerdrückt hatte. Ich vernehme eine plötzliche Ruhe im Schlafzimmer und kurz darauf mehrere Schritte und ich greife nach meinem Koffer und renne das Treppenhaus runter wie ein Verrückter.

Draußen renne ich eine halbe Stunde weiter, obwohl mir niemand folgt, bis meine Lunge mich zwingt, aufzuhören und ich hustend und röchelnd auf die Knie gehe. Ich nehme eine zerquetschte Zigarette aus der Schachtel, aber meine Finger zittern zu sehr, um das kleine Rädchen am Feuerzeug zu betätigen. Ich fluche und schmeiße es so gewaltig auf den Boden, dass ich anfange zu heulen. Ich schreie so laut ich kann und merke, dass ich der einzige auf der Straße zu sein scheine. Jedenfalls stehe ich eine ganze Weile da und schreie, ohne dass etwas passiert. Ich hebe das Feuerzeug wieder auf, zünde eine Zigarette an und rufe mir ein Taxi.

 
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Hallo,

Ich reiße ihm die Schachtel aus den Händen und schlage ihm mit meiner Faust drei Mal ins Gesicht.

Das hätte eigentlich die Erzählerin gebraucht, drei mal eine ins Gesicht. Was für eine aufgeblasene, oberflächliche Person, die im Grunde alles und jeden zynisch abwerten. Das Problem bei solchen Villains - um wirklich dreidimensional wirken zu können, brauchen sie eben mehr als eine Dimension. Deiner Erzählerin folge ich durch einen Wust an Szenen, die aber nie tief werden, die immer nur seltsam steril bleiben, und von denen ich mich frage, was sie mir erzählen wollen? Was ist das hier überhaupt für eine Perspektive? Vom Leben offensichtlich gelangweilte Akademikerin berichtet mir aus der ekelhaften Welt, dann noch ein bißchen Sex und Gewalt. So what? Mich erinnert das an so Texte aus den späten 90ern, wo allerlei Belangloses erzählt wurde in so einer desinteressierten Sprache, zwischendrin gab es dann eine Vergewaltigung oder jemandem wurde der Kopf eingeschlagen, alles natürlich mega-lakonisch und beiläufig erzählt, und das war dann das dramatische Ereignis, die unerhörte Begebenheit. Ich weiß nicht, ob der Text dort hin will, ob du eine solche Protagonistin erschaffen wolltest. Mir fehlt da einfach jede Tiefe. Es gibt einen britischen Film Tyrannosaur, da tritt der Hauptcharakter ganz zu Anfang seinen Hund tot, und am Ende schafft es der Film, dass du ihm verzeihst, dass du ihn mit all seinen Schwächen verstehst, weil die Erzählung ihm die Würde lässt, so schwer das auch ist. In deinem Text sind das alles Mariounetten, das ist wie eine Versuchsanordnung, der Zenter mit dem ekligen Badezimmer, die Frau mit den ekligen Lippen, die dumm labernde Kathi, der Möchtegern-Schauspieler mit Joyce, aber ich erfahre nie etwas über diese Figuren, weil sie einfach lächerlich gemacht werden, und ich erfahre auch nichts über die Erzählerin, die ihren Zynismus wie eine Monstranz vor sich herträgt. Da steht und kann auch nichts zwischen den Zeilen stehen, der Text atmet nie, kein Dialog, keine Geste, der ist nie still, kann so keine oder kaum Wirkung entfalten, was schade ist. Wenn es das ist, was du wolltest, dann okay, das kann ich nicht wissen. Für mich ist das etwas vergebene Liebesmüh, weil du sicher gut schreiben kannst.

Gruss, Jimmy

 
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Es gibt einen britischen Film Tyrannosaur, da tritt der Hauptcharakter ganz zu Anfang seinen Hund tot, und am Ende schafft es der Film, dass du ihm verzeihst, dass du ihn mit all seinen Schwächen verstehst, weil die Erzählung ihm die Würde lässt, so schwer das auch ist.
Hätte nie gedacht, mal jemanden kennenzulernen, der diesen Film gesehen hat. Anbei: Mir hat er auch gefallen. - Irgendwie!

Hallo Milenalouis!

Du kannst schreiben, dein Text liest sich leicht und locker und erfrischend fehlerarm. Leider kann ich nicht nachvollziehen, was er mir erzählen will. Auf mich wirkt er inhaltlich belanglos. Es gibt keinen echten Konflikt, keine Prämisse, keinen Spannungsbogen, keine Dialoge. Auch das Geschlecht des Erzählers ist nicht verifizierbar. Es könnte ebensogut ein Mann wie eine Frau sein.
Nochmal: Schreiben kannst du, wie ich finde. Jetzt brauchst du nur noch einen erzählenswerten Text.

Nix für ungut, alles Liebe,
Manuela :)

 
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Hey Jimmy,
Viiiielen Dank, dass du meine Kurzgeschichte gelesen und kommentiert hast!! :)
Tatsächlich wollte ich genau das erreichen.
Aufgeblasen und oberflächlich sind sogar 1 zu 1 die Adjektive, die ich als erstes im Kopf hatte, bevor ich meinen Erzähler (der übrigens ein Mann ist) erzählen lassen habe.
Ich habe irgendwie schon immer die zynische Art und Weise gemocht, mit der Desillusionierungsliteratur der späten 90er meist ziemlich belanglose Szenen erzählt, aber da scheinen nicht viele Fan von zu sein, was ich natürlich absolut nachvollziehen kann.
Ich bin selber noch am herausfinden, was genau ich so fesselnd daran find.

Ich danke dir für die Kritik, der ich zustimme und die ich mir wirklich zu Herzen nehme. Vielleicht mache ich eine längere Erzählung draus, bei der ich vor allem bei den Charakteren mehr in die Tiefe gehen kann und mir mehr Zeit nehme, Situationen, Orte und Personen zu beschreiben.

Danke und liebe Grüße,
Eva

Hey Manuela,
danke für den Kommentar!! :)
Die Art von Literatur gefällt mir selber sehr gut, auch wenn ich es nicht ganz beschreiben kann. Mir ist letztens aufgefallen, dass alle meiner Lieblingsbücher von Geschichten erzählen, die kaum einen richtigen Spannungsbogen, noch großartig viele Dialoge oder einen bewundernswerten Protagonisten enthalten.
Mit meiner ersten Kurzgeschichte habe ich mich an diesem Stil orientiert, der für viele (zugegebenermaßen zu recht) ziemlich langweilig und belanglos sein kann.
Ich danke dir für deine Kritik und stimme dir da zu! Ich werde versuchen, mich nochmal dran zu setzen und vielleicht etwas mehr in die Tiefe zu gehen und Charaktere, Situationen und Orte detaillierter zu beschreiben!

Danke nochmal und liebe Grüße!
Eva :)

 
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@milenalouis
Dass der Erzähler ein Mann ist, was ich vermutet habe, gibt der Story, rückblickend, doch einen gewissen Pepp. Würde das aber klarstellen.

 
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Hätte nie gedacht, mal jemanden kennenzulernen, der diesen Film gesehen hat. Anbei: Mir hat er auch gefallen. - Irgendwie!
Na ja, ist jetzt kein unbekannter Film. Ich denke, jeder der sich wenig mit internationalem Kino auseinandersetzt und nicht nur Hollywood guckt, dem wird Peter Mullan und Paddy Considine ein Begriff sein.

ufgeblasen und oberflächlich sind sogar 1 zu 1 die Adjektive, die ich als erstes im Kopf hatte, bevor ich meinen Erzähler (der übrigens ein Mann ist) erzählen lassen habe.
Ja, dann passt das. Den Mann hätte ich nicht herausgelesen. So, wie er/sie über Kathi spricht und alles, das wirkt schon sehr weiblich. Auch das mit dem Lippenstift und dem schmutzigen Bad, ich weiß nicht, für einen Mann wirkt der Erzähler dann einfach unauthentisch. Der Twist mit dem Jungen, der ihn dann küsst, der wirkt so auch ein wenig konstruiert. Wenn du es so lakonisch enden lassen willst, würde ich nicht mit diesem Knall rausgehen. Warum die Gewalt? Das müsste viel leiser sein. Er geht einfach zum Zentner rein, während der seine Alte vögelt und sagt: Hier, ich bin weg, machs gut. So was untergründig Bösartiges.

Gruss, Jimmy

 
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Hallo @milenalouis,

und herzlich willkommen im Forum. Dein Text und dein Erzähler haben ein bisschen genervt, und ich kann mich den Vorkommentaren da jetzt einfacherweise anschließen. Ich mag deine Erzählstimme, also da fließt schon was und trägt auch Stimmung, das gefällt mir gut. Aber die Story, naja ... das Ende fand ich vollkommen überzogen und unmotiviert, dass er ihm dreimal ins Gesicht haut und jimmys Satz, dass die Erzählerin das wohl mal brauchen könne, fand ich sehr witzig. Ja, so ging es mir auch. Eine oberflächliche und aufgeblasene, aber letztlich doch recht leere Figur als Ich-Erzähler zu haben, ist mMn eine wirklich schwierige Sache. Die Frage ist doch: Warum sollte ich ihm/ihr zuhören? Das mache ich im echten Leben ja auch nicht, mir so egozentrisches Gelaber von anderen reinziehen. Und ja, es ist sicher eine gute Idee, mal genau zu ergründen, was dir in anderen Geschichten dieser Art eigentlich so gut gefällt. Bestehen die auch alle aus so aufgeblasenen Typen?
Was mir aber gut gefällt ist das Plätschern deines Textes, das eigentlich eben nicht viel passiert, ich mag sowas sehr, Texte in denen eigentlich nicht viel passiert, in denen man so treiben kann, und ich könnte mir vorstellen, dass du das schon irgendwann hinkriegen könntest, also bitte dranbleiben am Schreiben und dich nicht entmutigen lassen. Ich habe auf deinem Profil gesehen, dass du gerade Hesse liest, der schreibt ja auch nicht gerade handlungsgetrieben, sondern ist sehr an der Figur interessiert. Das ist bei diesem Text von dir aber eben auch nicht der Fall und da fehlt dann was. Denn am Ende geht's natürlich auch darum, was du erzählst, nicht nur um das wie. Für Oberflächlichkeiten ist mir meine Zeit zu schade, denn das ist ja gerade was ich mir von Literatur erwarte: das sie mich irgendwo reinlockt in die Tiefen von was-auch-immer.
Mir gefiel übrigens, dass das Geschlecht nicht klar war. Ich habe die Erzählerin zuerst als Frau gelesen, weil es soviel um den Lippenstift ging und Worte wie "abschminken" im Text vorkommen. Auch Kathi küsste in meiner Vorstellung noch eine Frau auf den Mund. Bei Zentner fing das dann an zu wackeln und spätestens als er sich dann nach dem Duschen die Haare zurückgelt, war die Erzählerin dann ein Mann. Das ist sicherlich Geschmackssache, ich persönlich finde es manchmal ganz spannend, wenn das Geschlecht nicht klar ist.

Einen Gedanken habe ich noch für dich: Aus Erfahrung kann ich sagen, man lernt unglaublich viel, indem man die Texte anderer kommentiert und zu ergründen bzw. begründen versucht, was einem gefällt und warum oder eben auch nicht gefällt. Außerdem werden sich mehr Leute hier deiner Texte annehmen, wenn du auch selbst kommentierst. Wenn du also hier ein wenig ankommen und bleiben magst, dann wage dich gerna auch ans Kommentieren von anderen Texten.

Viele Grüße
Katta

 
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Hallo milenalouis,

für meinen Kommentar habe ich etwas gebraucht, wollte ihn aber doch noch loswerden.

Mir gefällt der Text gut. Beim Lesen ging er mir zunächst auf die Nerven, aber ab der Mitte wurde ich plötzlich von dem Gedanken überrascht, dass er eigentlich gut gemacht ist. Beim zweiten Lesen habe ich überlegt, ob man die kleineren und größeren stilistischen Unebenheiten, die er enthält, als gekonnte Schmierereien ansehen muss, aber so weit geht die Liebe nicht. Technisch, finde ich, muss man das durchreparieren. Du leidest nicht an Legasthenie, aber Rechtschreibung, Zeichensetzung und teilweise auch die Grammatik sind jedenfalls stellenweise eine Katastrophe. Die Qualität des Erzählens stimmt dennoch für mich.

In meiner Wahrnehmung passiert auch einiges in der Geschichte. Meinen Superknaller habe ich beim Lesen der Kommentare erlebt, als du offenbartest, dass ein Mann erzählt. Bei den gegelten Haaren hatte ich zwar halb unbewusst gestutzt, und die einzige explizite Stelle

ich greife nach meinem Koffer und renne das Treppenhaus runter wie ein Verrückter

habe ich überlesen, zumal ja auch eine Frau laufen könnte „wie ein Verrückter“. Es blieb bis zum Schluss eine Frau für mich, ich habe mich unbewusst durch dein Foto festgelegt. Nach der Aufklärung drehte sich die ganze Geschichte. Das war ein witziger Effekt, aber er hat sich nur zufällig ergeben. Vielleicht kann man das aufgreifen und die Bombe planmäßig am Schluss platzen lassen. Ich würde es nicht tun. Es wäre sehr gewagt, müsste sehr gut gemacht sein, damit es aufgeht, und vielleicht ist der Text dann nicht mehr, was er ist. Ich meine eher, das Geschlecht musst du kurz nach dem Anfang klarstellen. Vielleicht die Beziehung zur Freundin, die ja gleich zu Beginn erwähnt wird, als Mann-Frau-Beziehung kennzeichnen.

Ich finde die Story auch interessanter, wenn sie von einem Mann handelt. Gerade der Schluss: Ich dachte zunächst, eine Frau wehrt sich gegen die Zudringlichkeit eines Typen. Da wären Täter und Opfer deutlich markiert. In Wirklichkeit ekelt sich ein Typ vor sich selbst, weil er einen schönen Jüngling angebaggert hat. Das ist emotional vielschichtiger.

Mal ein Blick auf die Handlung: Dein Protagonist fährt einen Freund namens Zentner (cooler Name) besuchen. Auf der Reise reflektiert er das Verhalten und das Wesen anderer Menschen, die ihm im Großen und Ganzen auf die Nerven gehen. Schon die Anreise verzögert er sehenden Auges. Bei Freund Zentner trifft er am fortgeschrittenen Abend auf eine wenig einladend wirkende Gesellschaft von einer Handvoll Personen; Zentner zeigt sich erfreut über das Wiedersehen, ein wirklicher Austausch zwischen den Freunden bleibt aus. Die Zusammenkunft endet damit, dass der Prot mit einem jugendlich wirkenden Architektur-Studenten im Wohnzimmer sitzt, während Zentner mit einer Frau im Schlafzimmer bei halboffener Tür Sex hat. Zwischen den beiden Männern kommt es zu einer körperlichen Annäherung, aus der sich der Prot löst und schließlich dem jungen Mann mehrfach ins Gesicht schlägt. Er verlässt überstürzt die Wohnung und rennt mit seinem Gepäck durch die Straßen. Nachdem er in Erschöpfung und Wut zusammengebrochen ist, endet die Geschichte damit, dass er ein Taxi ruft.

Die Geschichte zählt beziehungslose Menschen auf. Sie lässt sie ununterbrochen in verschiedenen Kombinationen erscheinen, aber keine erweist sich als echte Beziehung. Die Akteure langweilen und belügen einander und gehen sich gegenseitig auf die Nerven. Der Prot vorneweg. Ständig zieht er sich von anderen zurück, unterstrichen durch fast pausenloses Rauchen. Er verlässt das Zugabteil, weil ihm eine Mitreisende auf die Nerven geht, und raucht auf der Zugtoilette. Kurz nach der Ankunft bei Zentner verlässt er die Gesellschaft, um sich im Bad zu erfrischen, und betrachtet sich über die Dauer einer Zigarette im Spiegel. Als etwas wie Beziehung in Form von körperlicher Annäherung mit Kuss zu dem Studenten stattfindet, bricht er diese durch einen Gewaltausbruch umso massiver ab. Dann noch das Verhältnis zu seiner Freundin:

Die Frau gegenüber von mir trägt dunkelroten Lippenstift und liest die Zeitung. Eine ähnliche Farbe trägt meine Freundin auch immer, also wirklich immer, zu jedem Anlass. [...] Ich muss zugeben, dass der Lippenstift an ihr immerhin schöner aussieht als bei der Frau gegenüber von mir.

Das ist ja nicht gerade ein Kompliment für die eigene Freundin, dass der Lippenstift an ihr „immerhin“ schöner aussieht als bei irgendeiner Frau im Eisenbahnabteil.

Illustriert wird die Distanz zu den Menschen durch die scheinbar harmlose Angewohnheit des Prot, bei Taxifahrten hinten rechts zu sitzen. So hält er über die Diagonale den größtmöglichen Abstand zum Fahrer. Plus eine regelrechte Abscheu gegenüber denjenigen, die vorne beim Fahrer sitzen und gar noch Konversation mit ihm betreiben. Die Reihe ließe sich fortsetzen mit Beispielen von den anderen Mitspielern und Mitspielerinnen in dieser Geschichte. Niemand kann Beziehung. Die Gäste schauen zum Teil kaum auf, als der Erzähler die Wohnung betritt. Zentner wartet nicht an der Wohnungstür, bis sein Gast heraufgekommen ist. Zentner ist verheiratet, und sein langjähriger Freund weiß nichts davon. Der anwesende Student erzählt es beiläufig; ob die Information zutrifft, ist gar nicht sicher. Dass der Gastgeber im Schlafzimmer bei offener Tür Sex hat, erscheint mir als Unfähigkeit zur Intimität.

Der Protagonist würde es sich anders wünschen. Seine Bemerkungen lassen immer wieder durchscheinen, dass er recht genaue Vorstellungen hat, wie Menschen eigentlich leben und miteinander umgehen sollten.

  • Seine Freundin will nichts verändern, und das stört ihn, heißt für mich, er wünscht sich, dass man sich im Leben weiterentwickelt.
  • Er bemängelt, dass Zentner ihm die Couch für die Nacht überlässt und nicht das eigene Bett. Spontan denke ich: Frechheit, das von seinem Gastgeber zu fordern. Aber er fordert es nicht. Er verrät nur dem Leser, dass man das nach seinen Maßstäben tun müsste. Wäre ja durchaus ein tolles Signal von Gastfreundschaft, von echter alter Schule, und von der scheint mir der Erzähler geprägt.
  • Er stellt fest, dass er mit Zentner oder Zentner mit ihm nicht über Beziehungen reden kann – ausgerechnet über Beziehungen! Aber natürlich wäre es was Schönes, wenn man das unter alten Freunden kann. Also, auch das scheint ein gültiger Maßstab für ihn zu sein, und der Maßstab ist ja nicht verkehrt.
  • Außerdem merkt er kritisch an, dass die Freundin Kathi für den gemeinsamen Kinobesuch die Filmwahl so trifft, dass sie besonders intellektuell erscheint. Damit formuliert er eigentlich den Wunsch nach weniger Show und mehr Sein als Schein.
Er wünscht sich Menschen, die aktiv ihr Leben gestalten, die zu Tiefgang und Interesse fähig sind, die unverstellt höflich und aufmerksam auftreten. Das sind anspruchsvolle Ideale.

Nichts davon leistet der Prot. Er ändert nichts in seinem Leben, im Gegenteil, und das fängt im Kleinen an. Vordergründig lehnt er das Gespräch mit Taxifahrern ab, weil es ja doch nur Smalltalk ist. Aber sich nicht über Belangloses zu unterhalten, ist das beste Rezept dagegen, jemals zu Bedeutendem überzugehen. Irgendwie muss man ins Gespräch kommen, und das will er schon gar nicht. Ich glaube, gerade weil er Angst vor Tiefgang hat. Prots Freundin unternimmt nicht einmal den Versuch, sich zu ändern. Aber er tut es auch nicht. Zentner spricht nur über seine Arbeit, nicht über Beziehungen, aber der Erzähler gibt auch nicht viel von sich preis. Sowohl er wie auch Zentner sind vollkommen antriebslos und machen einfach so weiter wie bisher. Zentners Kündigung des ungeliebten Jobs ist schon auf die nächste Woche verschoben. Er hat bereits Stellenanzeigen markiert (wow!), aber Bewerbungen hat er noch nicht draußen. Also wird er höchstwahrscheinlich die nächsten zehn Jahre nicht kündigen.

Der Architektur-Student ist auch nicht besser. Er möchte Schauspieler werden, hat aber keinerlei Erfahrung und sich offenbar auch noch nicht drum bemüht. Immerhin kann er – vermutlich mit Alkohol im Kopf und mit abgewandtem Blick – auf einer Party eine Kurzgeschichte aufsagen. Nicht gerade viel, wenn man sich wirklich ändern will.

Man kann in jedes Detail der Geschichte greifen, überall findet man Beziehungslosigkeit und Antriebslosigkeit. Das bringt mich zum ersten Punkt, den ich gut finde: Trotz dieses immer gleichen Eindrucks wurde mir die Geschichte nie langweilig. Du gehst es von immer neuen Richtungen an. Immer mit dem gleichen Ergebnis, aber für mich nicht ermüdend.

Dabei nimmt die Geschichte durchaus Fortgang. Sie hat lange Zeit kein hohes Tempo, und das passt für mich. Der Protagonist hat schließlich auch kein Tempo. Es geht zunächst um seine Lebenssituation und die nicht vorhandene Interaktion mit den Menschen im Zug. Er tut so, als wolle er der Frau, die ihm auf die Nerven geht, ein Signal geben, indem er hörbar seufzt. In Wirklichkeit will er doch gar nicht, dass sie reagiert. Er hat viel zu viel Angst vor dem, was passiert, wenn er aus der Deckung tritt und sie bittet, nicht so zu rascheln. Das wäre nämlich auch eine Form von Beziehung. Abgesehen davon, dass man auf einer Bahnreise ein Zeitungsrascheln einfach ertragen muss. Und nicht nur auf der Bahnreise, immer muss ich ertragen, dass andere Menschen in meine Sphäre einwirken. Genau das ist es, was der Prot nicht kann, mein Eindruck ist, die Menschen sind ihm überhaupt zuwider, sie nerven ihn so oder so. Am liebsten nutzt er ein Verkehrsmittel, wo gar keine anderen Menschen sind außer – aber bitte weit weg – der Fahrer. So ein Leben strebt er eigentlich an, ein Leben ohne andere, die ihm auf die Nerven gehen.

Mit jedem Detail, das ich mir greife, finde ich neue Facetten dieses Typs. Er ist wirklich kein Held, ziemlich kläglich, aber ich finde nicht, dass er zur Karikatur wird. Es ist das ganz normale Versagen, das ganz normale Scheitern, für die Lesenden mit der hohen Gefahr verbunden, sich wiederzuerkennen. Der Prot ist wahrscheinlich gar nicht so unangenehm, er hat Manieren und gibt dem Taxifahrer ein großzügiges Trinkgeld, er ist nur in sich gekehrt und zieht sich immer wieder zurück, sogar im Gespräch. Die Schweigeminuten in dem Gespräch mit dem Studenten, die produziert ja nicht nur der Student, sondern auch er selbst. Überhaupt habe ich den Eindruck, in allen negativen Eigenheiten, die ihm an anderen auffallen, spiegelt er sich nur. Was ist das zum Beispiel für ein Benehmen, immer und überall zu rauchen – auf der Zugtoilette, im Taxi, auf Zentners Toilette! Er lässt seinen langjährigen Freund einfach zwei Stunden warten, nur weil ihm unterwegs einfällt, er könne spontan seine Schulfreundin besuchen. Die Zigarette, die Zentner gedreht hat, raucht er ungefragt, obwohl er eigene dabeihat. Habe ich wirklich vor drei Sätzen geschrieben, dass er Manieren hat? Egal.

Das nächste Gute an deiner Geschichte: Sie erlaubt all die vorstehenden Spekulationen, auch wenn du keine einzige davon beabsichtigt hättest, auch wenn sie alle falsch sein sollten. Sie ist eine Kulisse wie die Wirklichkeit, vor die ich alle beliebigen Gedankenspiele als Akteure setzen kann. Das finde ich die eigentliche Leistung: Du schaffst eine Wirklichkeit. Die Geschichte passiert einfach, sie wird nicht herbeierzählt. Der Typ kann einem ebenso gut leidtun wie man ihn merkwürdig finden kann, man kann sich über ihn ärgern oder ihm am liebsten in die Fresse hauen wollen, so wie das mit wirklichen Menschen auch ist.

Die Geschichte ist lustlos erzählt, und das passt. Dieser Mensch ist sogar davon genervt, erzählen zu müssen. Wenn ich mehr Ahnung von Psychologie hätte, würde ich vielleicht sagen, er leidet unter einer Depression. Da bin ich besser vorsichtig. Ich sage nur, wo andere einen aufgeblasenen und arroganten Menschen sehen, sehe ich ihn schlicht verzweifelt. Ohne dass er mir deswegen leidtut, ich meine, er ist für sich verantwortlich. Ich glaube, dass die Geschichte dem psychologischen Personal für ein Persönlichkeitsprofil reichen würde, so viele Details sind drin. Nebenbei: ich finde nicht, dass man zu wenig über die Charaktere erfährt. Jedenfalls zu Prot, Zentner, Architekturstudent könnte ich einiges schreiben. Die Informationen erledigst du sowohl durch das Gesamtbild als auch durch unscheinbare Randbemerkungen. Nicht gerade die unscheinbarste ist, dass Zentner einen Selbstmordversuch unternommen hat, aber das lasse ich mal raus, mein Kommentar ist eh schon zu lang.

Diese Lustlosigkeit im Erzählen bringt den Protagonisten authentisch rüber. Wie er seine Aussagen immer wieder mit „ehrlich gesagt“, „eigentlich“, „nicht sehr viel“, „nicht sonderlich“ usw. einschränkt, finde ich irre. Das ist Umgangssprache, das ist sprachlich unverschämt flach und geht für mich genau auf, weil es diese öde gedrückte Stimmung transportiert. Es gipfelt in deinem schlampigen Gebrauch von Grammatik und Zeichensetzung. Daraus könnte man ein Stilmittel machen, aber das ist zu viel des Guten. Das musst du in Ordnung bringen. Die Fehler sind so viele, dass ich die nicht aufzähle. Ich kann so einen Text im Änderungsmodus korrigieren, aber die halbe Geschichte über Zitate in meinen Kommentar zu holen, das schaffe ich nicht. Mir fällt auf, dass du oft ins Präteritum wechselst, wo eigentlich das Perfekt angemessener wäre, weil du ja nun mal in Gegenwartsform erzählst. Und, schwups, landest du unversehens immer wieder im Plusquamperfekt, auch das dürfte meist durch Perfekt zu ersetzen sein. Dein Text muss gut sein, weil ich ihn trotzdem nicht weggelegt habe.

Die lustlose Erzählweise an sich passt für mich, mir kommt es so vor, als wenn du instinktiv den perfekten Ton getroffen hast.

Schließlich passiert das, auf das die ganze Geschichte notwendigerweise zuläuft, das eigentliche Ereignis, was sie zu berichten hat: Die Begegnung mit dem Architektur-Studenten. Was passiert, wenn ein beziehungsloser Typ in einer beziehungslosen Umgebung doch zu jemandem Kontakt aufnimmt? Ich würde sagen, das ganze Dahinplätschern bis zu der Party, sogar noch nach der Ankunft, das ist alles nur ein statisches Bild, sozusagen das Bühnenbild, damit man verstehen kann, was gespielt wird.

Dein Protagonist interessiert sich von Anfang an für diesen Typen auf dem Sofa. Mir war erstmal nicht klar, dass der im Laufe des Abends noch eine Rolle spielen wird, für mich war der nur Kulisse. So ist es im wirklichen Leben ja auch oftmals. Finde ich gut. Du hast diese Figur – wenn auch gewisse Hinweise natürlich da sind – unauffällig eingeführt.

Wie zufällig rutscht der Prot ihm aufs Sofa hinterher, und dann entsteht Intimität. Durch bezeichnende Kleinigkeiten: Diese peinlichen Pausen, weil beide nicht geübt sind in Konversation. Sie machen dem Erzähler ausdrücklich nichts aus, und das erwähnt er wohl, weil sie ihm normalerweise unangenehm wären. Schweigen ist Vertrautheit, vielleicht sogar Intimität. Nur bei einer gewissen Vertrautheit kann man gut zusammen schweigen. Bei diesem Studenten stört ihn diese plötzliche Zwangs-Vertrautheit nicht. Das Zweite: Dieses freche Bürschchen nimmt sich eine Zigarette nach der anderen aus der Schachtel, ohne auch nur etwas dazu zu sagen. Der Prot bemerkt es, er spürt auch, was das bedeutet, nämlich einen Eingriff ins eigene Territorium, und indem er sagt

Es macht mir jedoch nicht sonderlich viel aus.

zeigt er an, dass ihm dieser Eingriff Spaß macht. Nur so lässt sich erklären, dass die Hauptperson, der alles auf die Nerven geht, sich so etwas gefallen lässt. Auch in Gedanken geht er aber nicht so weit zuzugeben, dass es mehr als Spaß ist. Oder er ist noch nicht so weit, das zu erkennen. So oder so: Ich finde es gut, mich als Leser noch etwas im Unklaren zu lassen, wie groß die Begierde schon ist. Für mich kann es nicht anders sein, als dass sich der Erzähler über sein eindeutiges Interesse im Klaren ist. Aber ich finde es genau richtig dosiert, einen deutlichen, aber nicht eindeutigen Hinweis zu geben (so es nicht daran liegt, dass ich einfach zu blöd bin).

Dass der Prot nicht zufällig so nah an den Studenten geraten ist, wird endgültig klar, als er sich zu dessen Oberschenkeln neigt, um ihm die Asche von der Hose zu – pusten. Er lässt sich mit voller Wucht in ein Abenteuer fallen. Das Ergebnis ist die Katastrophe, denn das Abenteuer wird nicht abgebrochen, sondern funktioniert. Der schöne Student küsst ihn. Sie küssen sich beide, es bleibt kein Zweifel über das Einvernehmen.

Für diesen Verlauf ist dein Held nicht gemacht. Alle Warnsysteme laufen schlagartig heiß, er gerät außer Rand und Band. Eine solche Nähe, so leidenschaftlich, so aus der Situation heraus, so unkontrolliert, die darf es nicht geben. Ob es ein Problem für ihn ist, dass er nun ausgerechnet einen Mann küsst, erfährt man nicht. Das Thema lässt du ganz raus, und das finde ich gut, denn das würde nur den Fokus abziehen von dem eigentlichen Problem mit der Nähe. Oder es ist sowieso da und wirkt wiederum dadurch, dass es nicht weiter behandelt wird. Ich frage mich, ob und wie er eigentlich mit seiner Freundin körperliche Nähe praktiziert, wie er sie kennengelernt hat, ob es da mal Leidenschaft gab. Wie kommt es, dass er jetzt so überfordert ist. Aber das ist egal, das muss nicht erklärt werden bzw. man ahnt, dass auch die körperliche Beziehung zu seiner Freundin nicht unkompliziert ist. Jedenfalls kann es nicht anders sein als dass er sich umgehend aus der Situation befreien muss.

Zunächst bleibt es beim abrupten Aufstehen. Aber dann nimmt er wahr, was eigentlich passiert ist. Sehr schön unterstrichen mit dem nächsten Griff nach der Zigarette:

er wischt sich über seine Lippen und nimmt eine dritte Zigarette aus meiner Schachtel. Es sind nur noch vier übrig.

Da bemerkt der Prot, dass die Intimität auch einen Preis hat, dass etwas von seinen Kapazitäten abgezogen wird, dass sich das beziffern lässt, wenn ihm jemand in die Schachtel greift (um an die Zigarette zu kommen – das Bild ist gut, zwar nicht final originell, aber auch nicht so stark platziert, dass es obszön wirkt; ich weiß nicht, ob ich es mögen soll oder nicht, und das erzeugt Spannung). In hemmungsloser Leidenschaft gibt und nimmt man einfach, ohne drüber nachzudenken. Aber jetzt ist es vorbei mit der Leidenschaft, der Protagonist wacht auf und sieht im kalten Licht der Wirklichkeit, dass er beklaut wird.

Das reicht, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Dabei geht es wohl weniger ums Beklauen als ums Abgrenzen. Wenn man sich nach einer so leidenschaftlichen Zuwendung abgrenzen will, dann muss es mit der gleichen Intensität geschehen. Was für die Annäherung der Kuss ist, ist für die Flucht der Schlag ins Gesicht.

Der Schlag muss es sein. Alles andere wäre kein echter Zupasser zum Kuss. Außerdem muss auch mal was passieren. Es gab bis dahin viel Geplätscher, viel um den heißen Brei Schleichen, jetzt hat die Geschichte Fahrt aufgenommen, und da kann man nicht den Leser verhungern lassen in einem hingehauchten „Ich will das nicht!“ oder „He, das ist meine Zigarette!“

Was ich nicht gut finde: Mir wird nicht erklärt, wie es zu den zwei weiteren Schlägen kommt. „Sodann dreimal zugeschlagen.“ Das ist kein Geschehnis, das ist Rapport. Die Akteure sind kultivierte Leute, die körperliche Attacke ist kein Alltagsgeschäft, da setze ich nicht einfach drei Schläge. Doch höchstens einen, und dann besinne ich mich. Wenn du dreimal zuschlagen willst, bitte, aber dann musst du es mir erklären. Was passiert nach dem ersten Schlag, starrt der Jüngling deinen Erzähler vielleicht mit aufgerissenen Augen an, kocht darauf die Wut erst richtig los, so dass er nochmal zuschlägt, versucht der Student, vom Sofa halb aufzuspringen, halb wegzukriechen und weckt diese Fluchtbewegung den Jagdinstinkt für den dritten Schlag? Vergeht überhaupt Zeit zwischen den Schlägen? Oder lässt er seine Faust wie eine Maschinengewehrsalve besinnungslos drei Mal durch die Luft sausen? In diesem sehr dramatischen Moment setzt die Geschichte plötzlich aus und gibt eine pure Sachangabe. Für einen Schlag würde das reichen, aber nicht für drei. Das würde ich ändern. Mal abgesehen davon, dass schon ein einziger Faustschlag ins Gesicht beim Lesen wehtut (wäre anders, wenn’s ein Action-Thriller wäre). Beim dritten, denke ich, muss ja das Nasenbein dran glauben oder sonst ein Knochen brechen. Vielleicht wäre es zur Schonung des Lesers gut zu erklären, dass nicht alle dreie auf die Zwölf gehen.

Sehr schönes Element, dass aus dem Schlafzimmer plötzlich Stille ertönt. Die Stille aus dem Schlafzimmer durchbricht den Tumult im Wohnzimmer. Eigentlich widersprüchlich, unterstreicht aber nur, wie bizarr und präsent das vorausgegangene Gestöhne war. Warum es sich ausgestöhnt hat, erfährt man nicht: Entweder, auf den Lärm halten die Liebenden erschrocken inne, oder – literarische Variante – sie sind genau jetzt zum Ende gekommen, und das würde – beabsichtigt oder nicht – auch den Abschluss im Wohnzimmer als orgiastischen Höhepunkt etikettieren. Ein Höhepunkt so gut ihn dein Prot eben hinbekommt.

Der Rest ist Geschichte. Der Erzähler flieht, wie er immer flieht. Er rastet aus, so sehr, dass er sein Feuerzeug nicht mehr bedienen kann, er beruhigt sich, und er hat leider nichts gelernt. Sondern tut, was er nur kurzzeitig nicht konnte: sich eine Zigarette anstecken und ein Taxi rufen, in dem er dann wieder so viel Abstand halten kann wie immer. Der Versuch, Nähe aufzubauen, ist gescheitert. Der Aufschrei könnte ein Aufschrei der Verzweiflung gewesen sein, weil der Erzähler begreift, dass er gefangen ist. Absolut rund, absolut stimmig, für mich eine wirklich gute Geschichte.

Meine Interpretationen müssen nicht richtig sein. Aber dass deine Geschichte den Raum für Interpretationen (und damit auch für Irrwege) gibt und diese nicht gleich mitliefert, das finde ich eine tolle Leistung.

Ob es ein Publikum gibt dafür, weiß ich nicht. Ich muss zugeben, dass ich die Geschichten, deren Atmosphäre du aufgreifen wolltest, nicht vor Augen habe oder nicht gelesen habe. Also weiß ich nicht, ob ich berufen bin zu urteilen. Allerdings finde ich nicht, dass die Gewalt beiläufig passiert. Sie schockt alle Beteiligten, auch den Prot. Der tut mir auch nicht leid für seinen Gewaltausbruch, und auch sonst nicht. Ich könnte mir die Geschichte gut vorstellen in einem Band Kurzgeschichten mit dem Titel „Sauereien“ oder so ähnlich. Das macht doch neugierig, und beim Lesen wäre ich nicht enttäuscht.

Einzelkommentare spare ich mir, der Kommentar ist ja schon so ellenlang. Ich bin gespannt auf weitere Geschichten von dir.

Gruß von
daedalus

 

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