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Hofgeschichten – Kimmi, das Gössel

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Hofgeschichten – Kimmi, das Gössel

Hofgeschichten – Kimmi, das Gössel

Die Küchentür zum Hof stand weit offen. Neugierig stieg Kimmi auf die Schwelle und machte einen langen Hals. Niemand da! Darauf hatte sie schon lange gewartet. Sie nahm all ihren Mut zusammen und hopste auf den Küchenboden. Huch, wie kalt der war! Hastig lief sie einige Schritte weiter und blickte sich um. Auf dem Küchentisch stand ein großer Strauß Blumen. Sie waren so gelb wie die Butterblumen am Bach, an denen Kimmi so gern knabberte. Aufgeregt flatterte Kimmi mit ihren Flügelchen, aber so sehr sie sich auch anstrengte: sie schaffte es einfach noch nicht, auf den Tisch zu fliegen. Wenn sie doch nur schon ein bißchen größer wäre! Da entdeckte Kimmi in der Ecke eine blaue Schale, die aufs Haar der Schüssel glich, aus der Tante Lene immer die Gänseschar fütterte.

Gerade wollte sich Kimmi das Ding genauer ansehen, da hörte sie hinter sich ein Fauchen. Muhle, die Katze, stand auf einem Stuhl und machte einen gefährlichen Buckel. Dabei hielt sie ihren Schwanz wie eine Flaschenbürste aufgereckt. Kimmi blieb fast das Herz stehen. Völlig versteinert sah sie, wie die Katze ihre Augen zusammenkniff, um die Entfernung bis zum Gössel besser abschätzen zu können. Dann setzte Muhle zum Sprung an – und landete auf dem Boden. Denn gerade noch rechtzeitig hatte sich Kimmi aus ihrer Erstarrung gelöst und rannte nun um ihr Leben. Vor lauter Aufregung rutschte sie dabei immer wieder auf dem spiegelglatten Fliesenboden aus. Sie lief quer durch die ganze Küche, unter dem Tisch durch, einmal schaffte sie es sogar, hoch auf einen Stuhl zu flattern. Doch Muhle ließ sich nicht abschütteln. Mit letzter Kraft floh Kimmi hinter die Kartoffelkiste, die neben dem Küchenschrank stand. Schon glaubte sie sich sicher, als sie bemerkte, daß Muhle mit ihrem Kopf die Kiste wegschob. Je näher ihr der Katzenkopf kam, um so weiter wich Kimmi zurück. Dabei merkte sie gar nicht, daß sie inzwischen hinter den Schrank gerutscht war. Das war Kimmis Glück, denn den konnte Muhle nicht so einfach von der Wand schieben. Die Katze langte noch ein paar Mal mit ihrer Pfote in den Spalt, aber sie konnte Kimmi nicht mehr erreichen. Muhle mauzte enttäuscht und legte sich neben dem Schrank auf die Lauer. Unterdessen rückte Kimmi vorsichtshalber noch ein Stückchen weiter. Doch dann steckte sie plötzlich fest. Was für eine vertrackte Situation! Kimmi konnte nicht vor und erst recht nicht zurück, denn dort hatte es sich Muhle inzwischen gemütlich gemacht. Die Katze blinzelte schläfrig und träumte wahrscheinlich schon von einem köstlichen Gänsekükenschmaus.

Wenn doch nur ihre Mama hier wäre, die würde es der Katze schon zeigen, dachte Kimmi. Ach, und wie schön wäre es, sich jetzt unter ihre Flügel kuscheln zu können. Aber dann schalt sich Kimmi selbst: ‚Hör auf zu träumen und sieh lieber zu, wie du hier wieder rauskommst!‘ Sie hielt die Luft an und machte sich ganz dünn. So ging es. Zentimeter um Zentimeter arbeitete sich Kimmi zum anderen Ende des Schrankes vor. Geschafft! Ganz leise watschelte sie zur rettenden Tür, sich immer wieder nach der schlafenden Muhle umsehend. Dabei passierte es: Kimmi polterte gegen einen Stuhl. Sofort stand die Katze wieder auf den Beinen und die wilde Jagd ging von vorne los. Schnatternd vor Angst, schlitterte Kimmi mehr, als daß sie lief, durch die Küche, und sprang vor Schreck in die blaue Futterschüssel. Die schepperte laut über den Fußboden und rief nun endlich Tante Lene herbei. Der Krach hatte Tante Lene aus ihrem Nachmittagsschläfchen aufgeschreckt; deshalb war sie sehr ungehalten. „Scher dich raus, Muhle!“ rief sie und warf dabei mit ihrem Pantoffel nach der Katze. Muhle duckte sich und fegte dann wie ein Blitz durch Tante Lenes Beine hinaus auf den Hof.

Ächzend bückte sich Tante Lene zum dem verängstigten Gänschen hinunter und setzte es in den Ausguß. „Laß mal sehn, Kleines, ob du noch alle Federn hast!“ Vorsichtig untersuchte sie Kimmi. „Na, ist ja noch mal gut gegangen“, sprach Tante Lene beruhigend auf das Gössel ein. Kimmi verstand zwar kein Wort, aber das Streicheln tat gut, ebenso wie das Stückchen gekochter Kartoffel, das ihr Tante Lene in den Schnabel schob. Kimmi war ja so erschöpft und müde. Sie schüttelte ihren kleinen Bürzel – und machte einen dicken, grünen Klecks mitten in den Ausguß. „He, das ist hier doch nicht der Hof!“ Halb verärgert und halb belustigt setzte Tante Lene Kimmi auf dem Fußboden ab. „Nun aber raus mit dir, du neugieriges Küken. Das war dir hoffentlich eine Lehre!“

Kimmi rannte so schnell sie konnte zu ihrer Mama, die ihr schon laut schnatternd entgegenkam. Nichts und niemand würde Kimmi je wieder dazu bringen, ganz allein auf Wanderschaft zu gehen, nicht einmal ihre Neugierde.
 
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21.03.2003
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Hallo Anna!

Deine Geschichte hat mir gut gefallen, sie war lustig zu lesen und wird Kindern bestimmt auch gefallen, obwohl mir erst ab dem Wort "Gänsekükenschmaus" klar war, um wen es sich bei Kimmi überhaupt handelt.

Schöner kleiner Einblick aus der Welt der Tiere.Das von mir dazu:-)

Grüße

Imke
 
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Freut mich, daß die Geschichte Dir gefällt. Und daß offensichtlich nicht nur Kinder etwas draus lernen können, sieht man daran, daß Du jetzt weißt, daß ein Gössel ein Gänseküken ist. :teach: ;)
 
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Wortgewaltig wie immer, Metaphern und Similes, die einem Thomas Mann zur Ehre gereichten, und dennoch subtil warnend Kant'sche Moral versprühen, so kennen wir meine heiß geliebte Honigmelone. So würde Grass schreiben, wäre seine Zielgruppe 70 Jahre jünger! :lol:
 
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17.09.2002
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Hallo Anna,

eine entzückende kleine Kindergeschichte ist Dir da gelungen! Ich habe sie leise schmunzelnd gelesen. Besonders die Stelle mit dem grünen Kleks im Waschbecken hat mir gefallen. Kinder werden mit Kimmi mitzittern und erleichtert sein, wenn das Gänsekind zu seiner Mama zurückkehrt.

Deine Sprache ist flüssig und kindgerecht (warum Alpha sie "wortgewaltig" nennt habe ich nicht ganz verstanden :confused: - ich fand sie schlicht und dem kleinen Küken angemessen :))

Besonders genossen habe ich die Abwesenkeit von Rechtschreibe - Grammatik - und Kommafehlern. Fehlerfreie Texte liest man hier ja leider nicht allzu oft.

Liebe Grüße
Barbara
 
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Hallo Anna,

besonders hat mir die Szene mit dem flaschenbürstigen Katzenschwanz gefallen. Der ganze Text ist eine für Kinder gut nachvollziehbare Geschichte.

Tschüß... Woltochinon
 
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04.10.2002
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Hallo Anna!
Ich habe die ganze Zeit über schmunzeln müssen. Dir ist eine wirklich süße Geschichte gelungen über ein kleines, schrecklich neugieriges Küken.
Du baust genug Sapnnung auf, so dass die Kinder bestimmt 100% wissen wollen, wie die Geschichte ausgeht.
Ich muss schon sagen, eine ganz schön fiese Katze... Aber es sind ja nicht alle Katzen so. :)
Wenn ich mir meinen Kater, der mal wieder auf meinem Bett schläft, angucke, der pennte auch weiter, wenn das Küken um ihn herumtobte.

Ich hatte keine Ahnung, was ein Gössel ist. Nun bin ich wieder etwas schlauer.

Alles in allem eine wirklich süße Geschichte, die den Kinder bestimmt gefallen wird. :)

bye und tschö
 
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18.06.2001
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@al-dente
"Wortgewaltig" ist offenbar Alphas subtile Anspielung auf unsere häusliche Konversation. ;)

@Woltochinon
Danke für Dein Lob. Nur aus Neugierde: Hast Du eine besondere Affinität zu Flaschenbürsten? :D

@moonshadow
Auch Dir ein großes Dankeschön. Apropos fiese Katzen: Das Verhältnis zwischen Katzen und mir läßt sich am besten mit unüberwindlicher gegenseitiger Abneigung beschreiben. Irgendwann schreibe ich deshalb bestimmt auch noch eine ganz gemeine Anti-Katzen-Story. :naughty:
Die nächste Hofgeschichte allerdings wird oben erwähnte Muhle (vorerst noch) als Heldin erstrahlen lassen.

Übrigens habe ich "Kimmi" noch einmal gründlich überarbeitet, u.a. die Verfolgungsszene etwas erweitert, um die Spannung ein wenig zu erhöhen.

Besonders interessieren würde mich übrigens die Reaktion der eigentlichen Zielgruppe, ca. 4-6jährigen. Also Geschichte bitte ausdrucken und den lieben Kleinen vorlesen! :read: :)
 
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