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Ich kann nicht

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Anmerkungen zum Text
Ich habe diese Geschichte für meine zwölfjährige Schwester geschrieben, sie ist also eher auf Kinder/Jugendliche ihres Alters ausgelegt.

Ich kann nicht

Ich atmete tief durch und versuchte, meine zitternden Hände unter Kontrolle zu bringen. Obwohl es nicht besonders kalt war, zitterte ich am ganzen Körper, wobei mein Herz raste, als wolle es einen Sprint gewinnen. Am liebsten wäre ich einfach nur weggelaufen, doch ein Blick auf die Seite der Reithalle, wo meine Mutter saß und mich beobachtete, verriet mir, dass das unmöglich war. Vorsichtig ergriff ich die Zügel des Pferdes neben mir. Früher war ich ständig auf solchen Tieren geritten, doch nun sah die kleine weiße Stute einfach nur noch riesig und angsteinflößend aus. „Es reicht, wenn du sie erstmal nur führst. Keine Angst, sie ist wirklich ganz lieb.“, rief Rita, meine Reitlehrerin, mir zu. Die hatte ja gut reden. Schließlich war sie ja nicht von einem dieser riesigen Viecher... Ich erschauderte und stoppte den aufkeimenden Gedanken so schnell ich konnte, um nicht wieder an meinen Unfall denken zu müssen. Doch vergebens, der Vorfall hatte sich in mein Gedächtnis eingebrannt, ich wurde sofort wieder in die Szene hineingezogen, sah den Boden auf mich zurasen, spürte den Aufprall, den Schmerz. Ich schüttelte energisch den Kopf, um die Bilder zu vertreiben und zog entschlossen am Zügel, woraufhin sich die Stute träge in Bewegung setzte.

„Willst du dich jetzt nicht auch einmal draufsetzen?“, erklang nach einer Weile vorsichtigen Führens die ungeduldige Stimme meiner Mutter aus dem Zuschauerraum. Ich zuckte zusammen. Genau vor diesem Moment hatte ich mich die ganze Zeit gefürchtet. Ich wusste genau, dass ich mich nun wieder nicht dazu durchringen würde, aufzusteigen, denn meine Angst war einfach zu übermächtig. Ich wusste, ich würde meine Mutter wieder enttäuschen. So wie immer seit dem Unfall. Tränen der Wut und Verzweiflung schossen mir in die Augen. Wut auf mich selbst, weil ich so ein Feigling war und Wut auf meine Mutter, weil sie mich einfach nicht verstehen wollte. Ich konnte das hier einfach nicht mehr. Egal wie erfolgreich ich früher gewesen war, es war aus. Aber das würde sie niemals verstehen. Sie versuchte es ja noch nicht einmal.

Ich blieb stehen und senkte den Kopf. „Nein“, sagte ich mit zitternder Stimme, „Nein, Mama, ich will nicht“

Dann ließ ich das Pferd einfach so in der Halle stehen und rannte hinaus, meinen Tränen freien Lauf lassend.

Ich lief schluchzend über den Hof, als ich plötzlich Hufgetrappel ein Stück weit vor mir vernahm. Ich erschrak, als ich sah, wie ein mittelgroßer Fuchs auf mich zugetrabt kam. Mein Herz setzte einen Schlag lang aus. Ich wollte panisch zur Seite springen, doch dann bemerkte ich, dass das Pferd langsamer wurde und schließlich direkt vor mir zum Stehen kam.

Vorsichtig streckte ich die Hand aus und trat einen Schritt näher heran. Das Pferd sah mich aus sanften braunen Augen neugierig, fast fragend an. Wenngleich ich gerade eben noch panisch vor genau solch einem Tier – und meiner Mutter - weggelaufen war, fühlte ich jetzt keine Angst mehr. Das hier war eine völlig andere Situation. Ich spürte, wie die Tränen auf meinen Wangen langsam trockneten, und als das fremde Pferd an meiner Hand schnupperte, schlich sich fast so etwas wie ein kleines Lächeln auf mein Gesicht. Dieses Exemplar schien tatsächlich relativ harmlos zu sein. Also, so harmlos, wie Pferde eben sein können. Ich meine, es könnte schließlich jederzeit beißen. Oder treten. Oder steigen. Oder… „Hey, da bist du ja, Nessie!“, rief jemand offensichtlich an das Pferd vor mir gerichtet und riss mich so aus meinen Gedanken, bevor sich meine Angst ernsthaft zurückmelden konnte. Ich drehte mich um und sah einen blonden Jungen auf mich zueilen. Er trug edel wirkende Reitstiefel mit grüner Reithose und darüber einen schlabberigen blauen Pulli, der absolut nicht zum Rest seiner Ausrüstung passte. Als er bei mir ankam, packte er das Pferd am Halfter und wandte sich dann an mich: „Danke, dass du meine Nessie eingefangen hast“

„Naja, eingefangen ist übertrieben!“, relativierte ich, doch ich spürte leisen Stolz in meiner Brust aufkeimen.

„Weißt du“, fuhr der Junge fort, „ich wollte sie gerade am Putzplatz anbinden, aber dann hat sie irgendwas gesehen und hat sich so dermaßen erschreckt hat, dass sie tatsächlich abgehauen ist. Aber zum Glück ist sie ja nicht weit gekommen. Ich heiße übrigens Aaron. Ich glaube, meine Nessie mag dich. Normalerweise ist sie bei Fremden immer eher zurückhaltend. Willst du nicht vielleicht noch ein bisschen mit mir kommen und mir helfen, sie zu bändigen? Du siehst so aus als hättest du sonst nichts zu tun.“

Er lächelte ermutigend zu und ich konnte nicht anders, als das Lächeln zu erwidern.

Normalerweise versuchte ich immer, den Reiterhof so schnell wie möglich zu verlassen, doch ich war ziemlich überrumpelt von seinem Redeschwall und außerdem wusste ich, dass meine Mutter inzwischen sicherlich schon überall nach mir suchte, um mich wieder zurück in die Halle zu zerren, also stimmte ich zu. Alles war besser, als weiter von meiner Mutter drangsaliert zu werden.

Wir machten uns also auf zu den Privatställen.

„Ich heiße übrigens Mia“, stellte ich mich vor.

„Mia…Mia… Du bist doch nicht etwa die Mia Kaltenberg, oder? Die Tochter von Anja Kaltenberg! Du bist mir gleich so bekannt vorgekommen. In der Zeitung war da so ein Foto von dir, als du das S-Springen gewonnen hast! Ja, genau, das warst du! Ich war damals voll neidisch auf dich. Ich wünschte, ich hätte auch so eine tolle Mutter wie du!“

Ich spürte, wie mir übel wurde. Verdammt! Er hatte ja keine Ahnung! Aber mit so einem Kommentar hätte ich ja eigentlich rechnen müssen. Meine Mutter war hier auf dem Hof wegen ihrer großartigen Erfolge als Springreiterin eine Berühmtheit und ich dank meiner immer besser werdenden Leistungen auch in gewisser Weise. Doch von dem Unfall, den ich vor Kurzem beim Training erlitten hatte, wusste kaum jemand. Meine Mutter hatte ihn geheim gehalten, um „meinem Image als Reiterin nicht zu schaden.“, wie sie sagte. Als ob ich noch Reiterin wäre.

„Hey…stimmt etwas nicht?“ Aaron war stehen geblieben in sah mich aus durchdringenden, blauen Augen an.

„Nein, schon gut“, murmelte ich und hoffte, dass man meiner Stimme die Tränen, die mir nun in die Augen stiegen, nicht anhörte. Ich lief ein wenig voraus, damit er mein Gesicht nicht sah. Ich atmete einmal tief durch und versuchte mich zu beruhigen, als wir auch schon am Putzplatz angekommen waren. Aaron band seine Stute an einem Anbindering an der Wand fest. Um uns herum standen einige andere Reiter mit ihren Pferden verteilt, die uns jedoch nicht weiter beachteten, und weiter hinten führte dann ein schmaler Weg zu den Boxen.

Aaron schob nun einen grünen Putzkoffer zu mir und ich griff hinein, um einen Gummistriegel herauszufischen. Ich hatte zwar ziemlichen Respekt vor seinem Pferd, doch solange ich mich nicht daraufsetzen musste, hielt sich meine Angst in Grenzen. Hier unten hatte ich das Gefühl, dem Tier nicht ganz so schutzlos ausgeliefert zu sein. Außerdem wollte ich nicht, dass auch er mich für einen Feigling hielt.

Ich malte vorsichtig Kreise mit dem Striegel auf Nessies Rücken. Sie hielt brav still, auch als Aaron sich mit einer Bürste in der Hand zu mir gesellte.

„Und, was hast du in nächster Zeit so vor? Reiterlich meine ich?“, wollte dieser nun wissen.

Ich zuckte zusammen. „Ähhh…Also ich werde mich wahrscheinlich in nächster Zeit eher schonen…“, antwortete ich ausweichend, weil ich meine Schwäche, meine Angst ihm gegenüber nicht eingestehen wollte.

„Was, wieso?“, hakte er nach.

Oh, verdammt. Ich spürte, wie zum gefühlt tausendsten Mal an diesem Tag meine Augen feucht wurden. In meinem Magen bildete sich ein eiskalter Klumpen. Ich presste die Lippen aufeinander und versuchte, die Tränen in meinen Augen zu halten.

Doch ich hatte dies nun schon viel zu oft gemacht, viel zu oft schon hatte ich meine Tränen hinuntergeschluckt.

Ich konnte meinen Schmerz nicht mehr länger verbergen.

Ich spürte, wie das Wasser aus meinen Augen hervorbrach und meine Wangen hinunterschoss wie ein Wasserfall eine Felswand.

Aaron starrte mich erschrocken an. „Hey, was ist denn los, Mia, was ist denn? Na komm, setz dich doch erstmal.“

Er zog mich auf einen Strohballen, der neben uns lag.

„Hey, was ist denn los mit dir?“ fragte er noch einmal und sah dabei ehrlich besorgt aus.

Und da brach alles aus mir heraus. „Weißt du, ich bin… runtergefallen… und jetzt kann ich nicht mehr… ich mein… ich trau mich nicht mehr…“

Immer wieder von Schluchzern unterbrochen erzählte ich ihm alles. Wie ich vor drei Wochen von Sansibar, meinem Hengst gefallen war, wie ich von ihm mitgeschleift worden war, wie ich danach im Krankenhaus behandelt werden musste. Und davon, dass meine Mutter mich nun unter Druck setzte, wieder weiter zu machen, weiter zu trainieren, ich aber dazu zu sehr fürchtete und sie deswegen ständig enttäuscht hatte.

Als ich geendet hatte, saß er eine Weile lang einfach nur neben mir und strich mir sanft über den Rücken.

„Ist schon gut…Alles wird gut…“, flüsterte er ab und zu beruhigend und erzielte damit tatsächlich eine Wirkung. Mein Atem ging wieder regelmäßiger und die Tränen versiegten.

„Weißt du“, meinte Aaron, als ich mich wieder einigermaßen beruhigt hatte, „du solltest dich von meiner Mutter nicht so unter Druck setzen lassen. Wenn du etwas nicht willst, dann willst du es eben nicht. Das muss sie dann auch respektieren. Du solltest echt mal ein ernstes Gespräch mit ihr führen! Es gibt schließlich auch noch andere Dinge als Reiten.“

„Hmmm“, machte ich, immer noch schniefend, „aber weißt du, die Sache ist die: Eigentlich mag ich ja Pferde. Eigentlich… Eigentlich würde ich gerne wieder reiten. Ich hatte früher so viel Spaß, ich war so glücklich. Ich hätte das alles so gerne wieder… aber meine Mutter verlangt so viel auf einmal. Sie will, dass ich einfach sofort wieder die Alte bin. Dass ich wieder genau da anknüpfe, wo ich aufgehört habe. Aber das kann ich nicht. Ich bräuchte jetzt einfach Zeit, um alles zu verarbeiten. Viel Zeit. Dann könnte ich mich langsam wieder an das Reiten herantasten.“

„Vielleicht kann ich dir helfen.“, schlug Aaron nun vor. „Ich meine, Nessie ist normalerweise echt ein liebes Pferd, also wenn du willst, könnten wir mit ihr arbeiten und du könntest Schritt für Schritt lernen, ihr zu vertrauen. Ganz langsam. Wir können zunächst jede Menge Bodenarbeit machen und so, sie hat wirklich Spaß an so was. Und irgendwann bist du dann vielleicht wieder so weit, um richtig zu Reiten. Ich wette, auch deine Mutter wäre dann mächtig stolz auf dich.“

Ich überlegte kurz. Ja, eigentlich wollte ich mich ja tatsächlich nicht vollkommen vom Reitsport abwenden. Und mit Aarons Hilfe könnte ich es wirklich schaffen, meine Angst zu überwinden. Im Gegensatz zu meiner Mutter schien er zu verstehen, was in mir vorging.

„Danke“, flüsterte ich und lehnte mich ein wenig an ihn.
 

MRG

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12.03.2020
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Hallo @Goldfunke ,

herzlich Willkommen im Forum.
Ich steige direkt ein:

Ich atmete tief durch und versuchte, meine zitternden Hände unter Kontrolle zu bringen.
Ich frage mich als Leser, warum der Protagonist so nervös ist, bzw. die Kontrolle zurück gewinnen will. Wirft Fragen auf und passt gut zu deiner Geschichte.

orsichtig ergriff ich die Zügel des Pferdes neben mir.
Es geht um Pferde, das ergibt dann noch mehr Sinn, warum die zitternden Hände unter Kontrolle gebracht werden müssen. Von daher ist dein erster Satz doch recht passend.

um nicht wieder an meinen Unfall denken zu müssen. Doch vergebens, der Vorfall hatte sich in mein Gedächtnis eingebrannt, ich wurde sofort wieder in die Szene hineingezogen, sah den Boden auf mich zurasen, spürte den Aufprall, den Schmerz.
Dein Protagonist gewinnt für mich an Tiefe, die Erinnerung an den Unfall erklärt zugleich auch die zitternden Hände. Das funktioniert für mich und ich kaufe es dir ab.

Ich wusste genau, dass ich mich nun wieder nicht dazu durchringen würde, aufzusteigen,
Das gefällt mir sprachlich nicht so gut, mich stört das "nun wieder". Vielleicht: Ich wusste genau, ich würde mich nicht dazu durchringen können, aufzusteigen.

ich würde meine Mutter wieder enttäuschen.
Ich fühle mit dem Charakter mit und frage mich zugleich, wer die Mutter ist? Ob sie wohl eine Trainerin ist oder eine Überehrgeizige?

Das Pferd sah mich aus sanften braunen Augen neugierig, fast fragend an.
Die Formulierung gefällt mir, ist dir sprachlich gut gelungen meiner Meinung nach.

Er lächelte ermutigend zu
Kleinigkeit: Er lächelte "mir" ermutigend zu.

Du bist doch nicht etwa die Mia Kaltenberg, oder? Die Tochter von Anja Kaltenberg!
Ah ja, das erklärt die Reaktion der Mutter. Liest sich für mich plausibel, gefällt mir.

Verdammt! Er hatte ja keine Ahnung!
Mit dem inneren Dialog bzw. Monolog drückst du ihr Problem, die Selbstzweifel, schön aus und gleichzeitig vertiefst du damit den Charakter.

Als ob ich noch Reiterin wäre.
Das Motiv des Selbstzweifels wird weiter aufgebaut, funktioniert.

Außerdem wollte ich nicht, dass auch er mich für einen Feigling hielt.
Ihre Mutter muss wirklich hart sein, gleichzeitig sagt der Satz auch viel über die eigene Erwartungshaltung aus. Ich darf kein Feigling sein, darf auf keinen Fall verletzlich sein.

und meine Wangen hinunterschoss wie ein Wasserfall eine Felswand.
Und dann kann sie den ganzen Druck nicht länger aushalten, all die Selbstzweifel offenbaren sich. Sie zeigt sich also doch verletzlich. Habe da kurz überlegt, ob ich das plausibel finde, aber es passt doch in das Bild, der gesamte Druck muss furchtbar für sie sein. Da kann es sehr wohl passieren, dass es einen überwältigt, auch wenn man das auf keinen Fall will.

Und davon, dass meine Mutter mich nun unter Druck setzte, wieder weiter zu machen, weiter zu trainieren,
Die harte Mutter wird bestätigt und ich habe Mitgefühl für den Prota.

Wenn du etwas nicht willst, dann willst du es eben nicht. Das muss sie dann auch respektieren.
Hier kommt die Gegenperspektive, die du sehr schön in den Dialog gepackt hast. Finde, dass dir das gut gelungen ist.

Ich meine, Nessie ist normalerweise echt ein liebes Pferd, also wenn du willst, könnten wir mit ihr arbeiten und du könntest Schritt für Schritt lernen, ihr zu vertrauen.
Sie ist berühmt, er findet sie interessant, da ist es nur natürlich, dass er ihr das Angebot macht. Ja, das funktioniert für mich.

Im Gegensatz zu meiner Mutter schien er zu verstehen, was in mir vorging.
Der innere Konflikt, der aus Selbstzweifel und Druck besteht, kommt am Ende noch einmal sehr schön raus.


Insgesamt gefällt mir dein Schreibstil, es liest sich flüssig und ich konnte gut dran bleiben. Allerdings bin ich absolut kein Pferdefan, aber ich konnte mich trotzdem mit Mia Kaltenberg in gewisser Weise identifizieren. Sie wirkt menschlich und nah auf mich. Zudem arbeitest du den inneren Konflikt schön heraus und mir kommt deine Geschichte plausibel vor. Ein guter erster Text, auch wenn mich die Thematik nicht angesprochen hat.


Schönen Sonntag und viele Grüße,
MRG
 

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