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Im Nachtzug nach Hanoi

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10.12.2013
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Im Nachtzug nach Hanoi

Lao Cai hatte zwar einen Bahnsteig. Der Nachtexpress hielt jedoch, abgeschieden vom quirligen Hauptgebäude, kurz nach Zweiundzwanzig Uhr, auf der Bahnsteiglosen Grenzübergangs- schiene. Im Dunkeln schleppte ich meinen Koffer über mehrere Gleise hinweg, an einem einsam abgestellten Viehwaggon vorbei, aus dessen pechschwarzem Inneren zwei Huren mit Schnalzlauten Freier lockten. Es war Kraftraubend, den Koffer, unten vom Gleisbett aus, die zwei Meter in die Höhe zu stemmen, um ihn schließlich durch die Waggontür mit der Nummer Vier zu schieben. Nette Vietnamesen halfen mir dabei. Niemand war in Hektik. Die Züge hielten an jeder Station des Streckennetzes wenigstens zwanzig Minuten.
Ich fand mein Abteil. Eine ältere chinesische Frau mit Dauerwelle saß im Schneidersitz auf der unteren Pritsche, gleich gegenüber von meiner, und naschte aus einer Plastiktüte Litschis. Ein Stockwerk über ihr, notierte ein gebildet wirkender Mann, im Liegen, eifrig in einem Notizbuch. Er würdigte mich keines Blickes. Der Vierte im Bunde schnarchte bereits leise. Er hatte sich, über meinem Nachtlager, auf seiner Liege ausgestreckt, die Arme um sein Gepäckbündel geschlungen, und den, zur Wandverkleidung hin gewandten Kopf, darauf gebettet. Auch eine effektive Methode des Diebstahlschutzes, dachte ich mir, während ich den Koffer mit der Eisenkette und dem Vorhängeschloss an einer Verstrebung meiner Pritsche befestigte. Man weiß ja nie. Ich verließ das Abteil wieder. Es war unwahrscheinlich, dass ich es vor Ankunft in Hanoi nochmals betreten, geschweige denn diese Nacht auch nur ein Auge zutun würde. Dabei hatte ich es bitter nötig. Der Zug ruckte und fuhr an, während ich auf dem Gang die Richtung einschlug, in der ich den Speisewagen vermutete.
Zwölf schlichte Tische mit Bänken - alles war überzogen von einer weißen, teils abgewetzten Kunststoffschicht. Die meisten der Tische waren von den Schlafwagenschaffnern selber okkupiert. Offenbar hatten sie, nun, da der Zug rollte, nicht mehr viel auf ihren Posten zu tun. Nächster planmäßiger Halt war Hanoi. Eine Handvoll Reisender verteilte sich auf die restlichen Sitzgelegenheiten. Aus dem hinteren Waggonbereich roch es nach Instant-Nudelsuppe. Eine Frau hockte dort hinter Gaskochern, und einem dieser rund getöpferten Holzkohlegrills, wie man sie auch viel am Straßenrand sah.
Ich setzte mich an einen freien Tisch, und bestellte bei einer Schaffnerin, deren streng geknoteter Dutt auf mich ein wenig so wirkte, als arbeitete sie nebenbei auch noch für die vietnamesische Staatssicherheit, eine Dose Heineken. Am Nebentisch saßen bereits der Brite und der Franzose. Sie waren so sehr in eine Unterhaltung über die Qualität vietnamesischen Rotweins aus der Region um Dalat vertieft, dass ich die Zeit nutzte, den Kopf an das vergitterte Fenster zu lehnen, mein Bier zu trinken, und blind in die Nacht zu starren.
Ich wurde unsanft geweckt. Ein etwa vierzig Jahre alter Asiat torkelte mit seiner Bierdose durch den Mittelgang und rief dabei Unverständliches. Er lachte mich an, als ihm klar geworden sein musste, dass sein Benehmen mich aus meinen Träumen gerissen hatte.
"Hello, my friend!". Den chinesischen Kragen seines Anzugs hatte er oben aufgeknöpft. Das volle Gesicht mit Doppelkinn leuchtete rot. Schweißtropfen rannen ihm an den Schläfen herab. Sein Scheitel war verrutscht. Er war ein besoffener asiatischer Geschäftsmann. Und so, wie der Brite und der Franzose im Duett zu mir herüber grinsten, war er ein besoffener chinesischer Seifenfabrikant, aus einer südchinesischen Stadt namens Wantangxiang.
"Come on over!", rief der Brite einladend. Ihm fehlten Zähne. Er sah aus, wie ein Hooligan, und in seiner Freizeit war er das vielleicht auch. Er machte eine einladende Geste. Ich musste schmunzeln. Das lief alles viel einfacher, als gedacht.
"Bist Du durstig?", fragte der Franzose, nachdem ich mich neben ihn gesetzt hatte. Ich nickte.
"Ein Bier für unseren deutschen Freund, und ein Bier für unseren chinesischen Freund!", trug der Franzose, der ein Händchen für Völkerverständigung hatte, der Schaffnerin mit dem strengen Dutt auf.
"Und ein Bier für den französischen Freund, und ein Bier für mich!", rief der Brite heiser hinter der Schaffnerin her. Der Chinese zog es vor, weiter im Gang zu stehen und schelmisch zu lachen. Der Zug passierte gerade einen kurvigen Streckenverlauf, was seine Beine immer wieder erheblich zum Schlingern brachte. Sie mussten den Geschäftsmann, während meines Nickerchens, bereits gekonnt abgefüllt haben.
"Soap my Business!", lallte unser asiatischer Mitreisender mir erklärend zu. Als hätten wir es nicht schon immer gewusst.
"Unser Mann!"
"Ich glaube, er will uns damit mitteilen, dass er am Ende die Rechnung zahlen wird.", entschied der Brite und lachte. Der chinesische Seifenfabrikant torkelte, ebenfalls amüsiert, ein Stück durch den Waggon.
"Quite slippery!", bemerkte der Franzose mit prüfendem Blick auf den Bodenbelag des Speisewagens.
"Quite Soapy!", brachte es der Brite genüsslich auf den Punkt. Wir brachten Soapy dazu, sich doch noch zu uns an den Tisch zu setzen, verständigten uns mit Händen und Füßen. Soapy konterte mit wenigen Brocken Englisch. Der Seifenfabrikant genoss augenscheinlich unsere Gesellschaft. Er vertraute uns.
"Nun spielen wir ein Spiel,", erklärte der Brite. "Ich zeige Dir meinen Pass, und Du zeigst mir Deinen Pass."
Er holte seinen Reisepass hervor, hielt ihn feierlich, für einen Moment in beiden Händen, und übergab ihn so schließlich dem Chinesen. Die Geste machte auf Soapy großen Eindruck.
Für mich war es kaum nachzuvollziehen, dass dieser naive Mann eine Schlüsselrolle bei der Grenzöffnung 1993 gespielt haben soll. Soapy tat es dem Briten gleich, und zog aus der Innentasche seines Jacketts zwei Mäppchen hervor. Das Ritual der feierlichen Übergabe wiederholte sich. Dem Briten gelang eine devote Verbeugung als ehrfürchtige Geste. Seine grobschlächtigen Hände nahmen die Dokumente entgegen. Eines der Mäppchen reichte er, nach kurzer Überprüfung an mich weiter. In das andere vertiefte er sich mit gerunzelter Stirn.
"Was ist das hier? Sein Parteibuch?" Neugierig hielt ich dem Franzosen das Dokument vor die Nase.
"Sein Inlandspass. Ohne den kommt er nicht von einer Provinz in die Nächste."
"Das ist er nicht.", meinte der Brite auf einmal, was an unserem Tisch für abrupte Stille sorgte. Nur noch Soapys keuchender Atem, unterlegt vom Rattern der Fahrgestelle des Speisewagens, war zu vernehmen.
Der Franzose war sichtlich verblüfft: Wer ist er dann?"
"Jemand anderes.", meinte der Brite, monoton.
"Okay." Der Franzose schloss die Augen, und begann sachte damit, sich die Schläfen zu massieren: "Dann geben wir ihm jetzt, weil er jemand anderes ist, seine Papiere wieder, und trinken noch ein wenig mit ihm, solange, bis er müde ist. Das kann nicht mehr lange dauern."
Eine Seifenblase schien in meinem Schädel zu platzen. Ich sehnte mich nach meinem Hotelzimmer in Sapa. "Wie viele Seifenfabriken gibt es denn in Wantangxiang?"
Der Franzose war dazu übergegangen, sich unter der Brille die Augenlieder zu reiben. "Ich dachte, eine! Also bin ich in Wantangxiang durch den Smog gelaufen und habe eine Seifenfabrik gesucht. Seine hab ich gefunden. Im Übrigen...", fuhr er fort, "...sitze ich schon seit gestern Morgen, Sechs Uhr Dreißig, in diesem alles zermalmenden Mühlstein Namens Expresszug, und hau mich deshalb gleich in meine Koje. Es sind noch fünf Stunden kostbarer Tiefschlaf bis Hanoi. Das war es dann!"
Der Brite runzelte die Stirn. Er sah nun aus, wie ein kahl geschorener Shar-Pei mit Gebisslücken: "Was ist mit dieser Hand voll Lakaien, die er um sich geschart hat?"
"Die verlassen, seit der Abfahrt in Wantangxiang, wenn überhaupt, nur einzeln das Abteil. Es sind Angestellte seiner Fabrik - sein Reisestab."
"Das mag ja sein, ich frage mich aber, ob diese Leute noch eine andere Funktion haben, als ihrem Boss auf dessen Geschäftsreise das Lätzchen umzubinden und den Arsch zu küssen?", erwiderte der Brite zweifelnd. "Vielleicht ist unser Soapy hier bloß der Vize-Soapy, und der richtige Soapy hockt abgeschottet hinten im Abteil, und legt Patiencen?"
"Warst Du nicht drinnen?"
"Doch! Aber wirklich nur für einen Moment. Da fuhren wir gerade über die Faux-Namti-Brücke. Die Waggontüren standen offen, und alle haben die Aussicht genossen und Fotos gemacht. Keiner von denen ist älter, als Jahrgang 1980. Es ist ein Sechser-Abteil, mit Gepäck von sechs Leuten."
Lethargie machte sich breit. All die Mühe, die penible Vorbereitung, das alles war also für die Katz gewesen. Die Schaffnerin mit dem strengen Dutt schien die Enttäuschung aus unseren Gesichtern zu lesen, als sie an unseren Tisch trat, um neue Bestellungen entgegen zu nehmen. Ihr fragender Blick ruhte für einen Moment auf mir. Auch Soapy war der Stimmungsumschwung nicht entgangen.
Der Franzose hatte wohl ein schlechtes Gewissen, immerhin bezahlte er die gesamte Rechnung. Der falsche Seifenfabrikant packte seine Pässe wieder ein, machte noch ein paar rätselhafte Gesten, und verschwand in Richtung seines Abteils, dicht gefolgt vom Franzosen, der offensichtlich keinerlei Skrupel hatte, ohne ein weiteres Wort, nicht einmal ein "Gute Nacht!", zu verduften.
Der Brite und ich blieben zurück. Wir tranken unser Bier aus. "Der falsche Seifenfabrikant..." kicherte er noch, und lies sämtliche Fingergelenke knacken.
Dann ging alles sehr schnell: Plötzlich tauchte der Franzose wieder im Speisewagen auf, gefolgt von Soapy, der ihn offensichtlich vor sich herschob.
"Leute? Macht euch auf eine lange Nacht gefasst! Wir sind eingeladen!", stöhnte er uns mit gequälter Mine zu. Gleich hinter ihm trug Soapy nun, majestätisch, eine bauchige Glasflasche mit Bernsteinfarbener Flüssigkeit und brauner Einlage, über seinem Haupt in den Speisewagen. Ihm schloss sich ein Trupp fünf junger Chinesen an, die offensichtlich eben erst aus dem Schlaf der Gerechten gerissen worden waren.
"Schlangenwein!"
"Ein Haufen Stechäpfel und vier Skolopender!"
"Zaubertrank! Das ist sicher ein sehr guter Jahrgang!"
Das war nicht die abgefüllte Wasserbüffelpisse mit nachgezüchteten Farmkobras als Einlage, die sie einem am Eingang zu den Tunnels von Cu Chi andrehten. Soapy hatte das echte Zeug. Gespannt war ich auf die Wirkung der Skolopender; tropische Hundertfüßer, die bis zu fünfundzwanzig Zentimeter lang wurden. Sie waren bissig, giftig, schnell, abgrundtief hässlich. Angriffslustig! Angeblich konnten sie Kleinkinder töten. Sie kamen direkt aus der Hölle.
"Shejiu!", tönte Soapy bedeutungsschwanger.
"Das Zeug hat ihm seine Mama wahrscheinlich ganz oben in den Koffer gepackt!"
Eine weitere Ansprache Soapys auf Chinesisch, der nach wie vor zwischen den Tischen im Mittelgang hin und her schwankte, und vermutlich sein Shejiu über alles pries. Die Schaffnerin brachte vier schlichte Wassergläser und stellte sie vor uns. Wir wussten, dass das, was folgen würde, ein Freundschafts-ritual darstellte. Darum versuchte jeder von uns, so verwegen wie möglich zu wirken. Seifenfabrikant hin oder her: die Einladung zu einem Glas Shejiu durfte man unter keinen Umständen ausschlagen. Soapys Eskorte, drei junge Männer und zwei junge Frauen, verfolgten das Spektakel als Zuschauer. Sie bekamen keine Gläser.
Endlich öffnete der Chinese mit einem leisen Plopp die Verkorkung der Flasche und schenkte im Uhrzeigersinn ein. Er war dabei sehr darauf bedacht, Skolopender und Stechäpfel im Inneren der Flasche zurück zu halten. Der Franzose schüttelte angesichts der Mengen, die Soapy austeilte, ungläubig den Kopf. Soapy stellte die Flasche in die Mitte des Tisches, nahm umständlich seinen Sitzplatz wieder ein. Die ganze Zeit über beobachteten uns fünf müde Augenpaare vom Nachbartisch aus. Wir erhoben unsere Gläser. Der Chinese sprach, wieder mal, diesmal einen länger ausfallenden Toast. Dann stießen wir an und tranken.
Ich ließ das Gesöff die Kehle herunterlaufen. Es fühlte sich an, als würde man einen Esslöffel bitter schmeckenden Staub mit etwas flüssiger Lava herunter spülen. Aus dem Inneren meines Körpers schien Hitze nach außen dringen zu wollen. Mein Herz begann zu rasen, die Augen registrierten seltsame Wallungen im Sichtfeld. Die Lippen, Gaumen und der Rachen brannten. Meine Zunge schien dagegen etwas taub und gelähmt. Ich war noch gut weggekommen. Der Franzose kämpfte mit einem Hustenanfall. Auch der Brite röchelte.
Soapy war augenscheinlich genauso überrascht wie wir, als sein Körper über die Kunststoffversiegelung der Sitzbank hinab glitschte. Kurze Zeit später war er vollständig unter dem mit Shejiu gedeckten Holztisch verschwunden. Er war einfach weg. Ich spürte Druck an den Schienbeinen, aber keinerlei Bewegung.
"Wir müssen ihm rauf helfen!", lallte ich. "Da unten verliert er sein Gesicht."
"Nein, das wäre genau das Falsche.", widersprach mir der Brite seelenruhig. "Er würde sein Gesicht verlieren, wenn wir ihm helfen. Das muss er alleine schaffen."
Der Chinese war alt genug. Unser Mitleid hielt sich in Grenzen. Und sollte es sich als wahr erweisen, dass Soapy nicht in der Lage war, sein eigenes Shejiu zu vertragen, obwohl er damit eben noch großspurig angegeben hatte, war das bedauerlich. Der Franzose, mutig geworden, entschloss sich eigenmächtig dazu, eine zweite Runde Shejiu auszuteilen. Geistesgegenwärtig bekamen wir jeweils einen Skolopender, zum Umrühren, ins Glas. Es war Zeit zum erneuten Anstoßen. Wir waren vollzählig angetreten, aber es fehlte unser Gastgeber.
"Was machen wir jetzt?", fragte ich in die Runde.
"Machen Sie nichts!", murmelte die Schaffnerin im Vorbeigehen. "Lassen Sie ihn einfach da, wo er jetzt ist. Die Staatssicherheit in Hanoi wird sich um ihn kümmern."
"Das ist der Falsche!"
"Nein, ist er nicht!" Sie eilte einfach weiter in Richtung Küche. Ich sprang auf, und heftete mich, das Glas in der Hand, an ihre Fersen.
"Der Brite meint, das sei der falsche Seifenfabrikant."
"Wir meinen: er ist es."
Verlegen knabberte ich an meinem Skolopender: "Wir brauchen mehr Zeit. Könnt Ihr den Zug nicht irgendwo auf freier Strecke anhalten und warten lassen?"
Für einen Moment sah sie mich an, als hätte ich sie mit meiner Bitte zum Hochverrat aufgefordert. Dann griff sie ihr Walkie-Talkie und quasselte hinein: "Könnte die Staatssicherheit nicht, mit einer als Regenschirm getarnten Vorrichtung, Lachgas in das Abteil der Zielperson einleiten?" Durch den Äther, antwortete ihr ein schwaches Morsesignal.
Verwirrt kehrte ich an meinen Platz zurück. Der Zug bremste nun ab. Ich erklärte meinen beiden Freunden: "Wenn er es tatsächlich nicht ist, können wir nicht zulassen, dass die Staatssicherheit ihn in die Mangel nimmt. Wir müssen dafür sorgen, dass Soapy in Hanoi als freier Mann aussteigen darf. Das sind wir diesem Typen schuldig." Wir hatten mittlerweile gestoppt. Meiner Begleiter sinnierten, jeder für sich, schweigend über meine Worte.
"Soapy! Soapy", begann ich in die Stille den Chinesen anzufeuern. Während ich rief, warf ich dem Franzosen einen auffordernden Blick zu, es mir gleich zu tun. Einige Soapys später, stieg er schließlich mit ein. Auch der Brite fing an, mit zu murmeln. Soapys Eskorte am Nachbartisch schloss sich uns an, ihren Boss wieder zum Leben zu erwecken: "Soapy! Soapy!", riefen ihre dünnen Stimmen mit uns im Chor.
Eine stark behaarte Hand mit stattlichem Siegelring aus Gold, kroch aus der Dunkelheit empor und klammerte sich, zitternd, um die Tischkante. Ein kalter Schauer lief mir den Rücken hinunter. Die Hand feuerte mich an, noch lauter zu rufen. Meine Rufe übertönten die des ganzen Rests. Wir alle brachen in fanatischen Jubel aus, als Soapy sich im Schneckentempo hochzog. Da war er wieder, und strich sich kichernd die Falten aus seinem Jackett.
Soapy, in Unkenntnis über das Damoklesschwert, dass über ihm weilte, hatte bereits wieder das volle Glas ergriffen und stand auf zitterigen Knien bereit, um den nächsten Toast zu sprechen. Uns blieb nichts anderes übrig, als an der Wiederholung des Rituals teilzunehmen, und mit weiteren Tücken zu rechnen. Diesmal ging Soapy vorsichtiger vor: Er nippte bloß an seinem Shejiu, stellte das Glas im Zeitlupentempo ab und lies sich dann behutsam auf die Rückbank sinken. Abgesehen vom Briten, welcher die Hälfte seines Glases in sich hinein gluckern lies, als wäre es wässeriges Ale, machten wir es diesmal genauso wie er.
"Ahhh! Das ist pure, schwarze Magie!" ächzte der Brite. Er strich sich die Schweißperlen vom Glatzenansatz. Der Franzose fuhr sich energisch durch seinen lockigen Schopf und holte tief Luft: "Wie geht es jetzt weiter?"
Niemand gab ihm Antwort. Es war zu vertrackt.
"Ich stimme zu, dass wir ihn nicht als Kollateralschaden abschreiben dürfen, aber ihn einweihen können wir nun mal auch nicht." raunte der Brite. Und setzte gleich nach: "Meine Güte! Sind das Vögel oder das Aggregat des Zuges? Irgendetwas surrt hier erbarmungslos im Hintergrund!"
"Das sind diese Käfer unter der Haut.", flüsterte der Franzose. "Sie sitzen unter der Kopfhaut, und bereiten sich darauf vor, uns zu skalpieren." Er raufte sich verzweifelt die Locken. Auch ich hatte die Käfer bemerkt. Besorgt sog ich am Inneren meines angebissenen Skolopenders. Die Tropen waren ein heimtückisches Gefilde. Im Speisewagen ging das Licht aus. Der Leutnant der vietnamesischen Staatssicherheit brachte uns eine weiße Kerze, die sorgfältig auf den Flaschenhals einer Bierflasche gesteckt worden war, und stellte sie in unsere Mitte. Wir nippten unseren Shejiu, und grübelten über einen Ausweg aus der Misere.
"Du musst noch mal mit ihr reden." Er sah mich eindringlich an, während er sich mit allen zehn Fingernägeln durch die Haare scheuerte. "Du bist der Kontaktmann. Die Staatsicherheit interessiert sich doch eh bloß für die Seife, die dieser Typ vertickt. Mach ihr klar, dass das Ding gelaufen ist, und besorg irgendwas gegen diese verdammten Käfer!"
Ich stemmte mich aus meinem Sitz, und machte mich auf die Suche. Drei Waggons weiter fand ich sie, auf dem Boden kauernd und in ihr Walkie-Talkie quasselnd.
"Also!" setzte ich voller Tatendrang an. "Wenn Sie heute einen Häftling brauchen, dann nehmen Sie, verdammt noch mal, den Franzosen! Sperren Sie diesen Kerl ein. Er vertritt die ehemalige Kolonialmacht, und Sie bringen ihm in einem fort, lächelnd Bierdosen. Soapy ist aber tatsächlich der falsche Seifenfabrikant."
Leise sprach sie in ihr Funkgerät: "Alle Käfer zurück auf Station. Der Kokon ist geplatzt! Ich wiederhole: der Kokon ist geplatzt." Es kribbelte überall.
"Er ist es nicht.", gab sie mir kleinlaut recht. "Unser Mann ist nach Informationen des Hauptquartiers ein Nichttrinker. Damit ist die Sache wohl gelaufen."
Mir fiel ein Riesen Stein vom Herzen. Ein Hoch auf das Hauptquartier, dachte ich mir, und kletterte erleichtert nach draußen, um etwas durchzuatmen. Es war Neumond. Diese Nacht war pechschwarz und, nach wie vor, lag der Zug, wie eine eiserne Leiche, bewegungslos, auf seinem Gleis. Nur wenige der Fenster waren durch Kerzenschein erhellt. Vorne, gleich neben der Lok, erblickte ich ein rotes Licht und ging die Trasse entlang darauf zu. Ein Streckenwärter stand dort, in der Hand eine Petroleumlaterne mit roten Gläsern, vor einem hölzernen Verschlag.
"Guten Abend!", raunte er mir zu, als ich neben ihm stehen blieb. "Sie sehen wie ein Sieger aus."
"Sie sprechen sehr gut Deutsch! Wo waren Sie?"
"Ich war in Vietnam. Wo waren Sie?"
Daraufhin explodierte sein Schädel, und der Rumpf des Streckenwärters hob eine weitere Petroleumlaterne. Gelbes Licht - langsame Weiterfahrt. Die Waggons ächzten. Hydraulik zischte. Der Zug streckte scheppernd und kreischend sein stählernes Rückgrat. Im Schneckentempo ging es weiter. Eilig machte ich mich daran, einen der Aufgänge zu erklimmen.
Ich begab mich auf direktem Weg zurück in den Speisewagen. Das Erste, was ich dort erblickte, war Soapys Monsterfratze im Kerzenschein und wie er, böse kichernd, und gefährlich schwankend versuchte, eine weitere Runde auszuschenken. Ich fand meinen Platz und ergriff mein Glas.
Liebe Mutter, schrieb ich im Geiste.
Wir sind vier Gefährten auf dem Weg zur Hölle, und so wie es aussieht, wird zumindest Soapy nicht so schnell von dort zurückkehren...
Draußen begann die Dämmerung endlose Trockenreisfelder zu erhellen. Zwar waren es nur Vorboten des Lichts. Ich fühlte mich trotzdem in die Enge getrieben, und musste ständig blinzeln, als ich meinen Kollegen von Soapys Begnadigung berichtete. Auch sie waren erleichtert.
"Ich mache mich wieder auf den Weg nach Sapa. Diesmal nehme ich die andere Route, die über Paso. Mit einem dieser russischen Armeejeeps, schaffe ich es heute sicher noch in einem Rutsch bis nach Dienbienphu."
"Dann fliege ich mit der nächsten verfügbaren Maschine nach Kumning und werde mich morgen in Wantangxiang weiter auf die Suche machen."
"Und ich werde mit einer Bummelbahn wieder rauf nach Lao Cai fahren, mich mit der Pfeife und einem kleinen schwarzen Klumpen vom Nachtmarkt in der üblichen Absteige am Grenzfluss verbarrikadieren! Alle Zeiger sind auf Null! Wann treffen wir drei wieder zusammen?"
Der Lärm von ein paar Milliarden zwitschernder Vögel absorbierte unsere Stimmen. "Sie müssen jetzt Ihr Shejiu austrinken. Das ist ein Befehl.", hauchte mir jemand zärtlich ins Ohr.
Um halb sieben Uhr morgens erreichten wir die Vororte der Stadt. Auf einer einspurigen Trasse schnitt der Zug im Morgengrauen, kriechend, durch Märkte, Straßen, Vorgärten, sogar durch einen überdachten Gewürzbazar, in dem frenetisch um ganze Ballen gefeilscht wurde, und durch ein Lagerhaus mit Palettenladungen Chinakohl und stapelweise Mangaheftchen. Wenig später kamen wir endgültig zum Stehen. Auf einem Seelen-verlassenen Bahnsteig des Sackbahnhofs gab Soapy mir seine Karte. Ich hatte keine eigene, darum gab ich ihm die Karte eines indischen Schwarzmarkt-Geldwechslers aus Yangon. Der Brite begann unverzüglich damit, die Fressstände des Bahnhofs nach der besten Pho abzuklappern. Einige Schritte gingen der Franzose und ich nebeneinander durch die Halle des klotzigen Ga Hanoi. Dann streuten wir uns in den kühlen Morgen der Hauptstadt.
 
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Hallo aaden,

wegen den relativ vielen Fehlern verschiebe ich deinen Text ins Korrektur-Center.

Infos siehe hier.

Beispiele:

Der Nachtexpress hielt jedoch, abgeschieden vom quirligen Hauptgebäude, kurz nach Zweiundzwanzig Uhr, auf der Bahnsteiglosen Grenzübergangs- schiene. I

zweiundzwanzig Uhr
bahnsteiglosen
Grenzübergangsschiene


Es war Kraftraubend,
kraftraubend

"Hello, my friend!".
"Hello, my friend!"

wird.", entschied
wird", entschied

"Nun spielen wir ein Spiel,", erklärte
Spiel", erklärte

Usw. usf. etc. pp.
Schaue mal hier: www.woertlicherede.de

ernehmen.
Der Franzose war sichtlich verblüfft: Wer ist er dann?"
"Jemand anderes.", meinte der Brite, monoton
Da fehlen Gänsefüßchen


Im Übrigen...", fuhr er fort, "...sitze ich schon
Im Übrigen...", fuhr er fort, "... sitze

Leerfeld vor den Punkten, wenn das Wort vollständig ist.
Kein Leerfeld, wenn Wort unvollständ...

Es sind Angestellte seiner Fabrik - sein Reisestab."
Fabrik – sein
Also Geviertelstrich.


und lies sämtliche Fingergelenke knacken.
und ließ

ein Freundschafts-ritual
kein -

Durch den Äther, antwortete ihr ein schwaches Morsesignal.
kein Komma.

Generell sieht es bei den Kommata in vielen Fällen recht merkwürdig aus.

Du hast da übrigens noch zwei weitere Texte, bei denen du die Kommentare nicht beantwortest hast.
Hast du wahrscheinlich nur übersehen.

Wunsch dir viel Erfolg bei der Überarbeitung.

Schönen Abend,
wünscht GoMusic

Edit: Sehe gerade, doch wohl kein Versehen. Drei Storys, in Summe drei Beiträge. Geben und Nehmen?
 

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