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Impuls

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Impuls

„Atemluftsystem: Zwei Stunden, siebzehn Minuten, achtundvierzig Sekunden Restzeit.“

Liens Schritte hallen über den spiegelglatten Fußboden. Die Wände des breiten Korridors werfen den Klang immer wieder zurück, ein klackerndes Stakkato.
Wieso trägt sie überhaupt die hohen Schuhe? Wozu noch den Laborkittel? Sie weiß es nicht, und als ihr die Sinnlosigkeit dieser Routine klar wird, verzieht sie die Lippen zu einem freudlosen Lächeln. Klack, klack.
Die sterilen Fliesen ziehen unter ihren Schritten dahin, während frische Atemluft durch die Lüftungsschlitze in den Gang strömt. Lien nimmt einen tiefen Zug, als sie vor dem Schaltfeld einer Metalltür innehält. Sie legt einen Finger auf das DNA-Tastfeld, wartet das bestätigende „Pling“ ab und lauscht dem Zischen, mit dem die beiden Türhälften seitlich in der Wand verschwinden.
Der Raum, der sich vor ihr erstreckt, ist riesig. Schon als die Station noch voller Leben steckte, die Luft vor Energie knisterte und unzählige Forscherteams sich Messergebnisse und Eckdaten zuriefen, war er ihr absurd groß vorgekommen. Nun, in all der Einsamkeit und Stille, sind seine Ausmaße wie ein Schlag ins Gesicht.
Langsam und entschlossen setzt Lien sich wieder in Bewegung. Ihre Füße tragen sie über den makellosen Fußboden, vorbei an stillgelegten Messgeräten, nutzlosen Konsolen und leeren Displays, die sie wie tote Augen anstarren.
Vor dem Silo hält sie inne, lässt seine schiere Größe auf sich wirken. Ihr Blick hebt sich, wandert über hunderte Fächer in tausenden Reihen, jedes mit einer Kennzahl versehen. Blaue Leuchtdioden zeigen an, dass jeder einzelne der gesammelten Impulse bereit ist – geprüft, funktionsfähig, abrufbar.
Lien streicht mit den Fingern über das kalte Metall des Bedienfelds. Ihre Berührung hat etwas Zärtliches, und sanft wie eine Liebende legt sie schließlich die Fingerspitze auf den DNA-Taster. Erneut ertönt ein leises „Pling“, und sie muss nicht lange überlegen. „Impuls Nummer 2A7F“, weist sie an, selbst überrascht, wie fest ihre Stimme klingt.
Sie tritt einen Schritt zurück, legt den Kopf in den Nacken und fixiert eins der Fächer, nicht weit entfernt. Fast könnte sie es mit der Hand erreichen. In Gedanken zählt sie bis drei, und pünktlich mit der letzten Zahl wechselt die Diode von Blau zu Rot. Ein weiterer Moment verstreicht, in dem sie sich das Innenleben des Silos vorzustellen versucht. Sind es Rollen? Oder Fließbänder? Vielleicht eher Greifarme, die den Impuls durch sein Inneres geleiten. Der reine Transport, die schlichte Frage, wie etwas derart Hochkomplexes und Filigranes wie ein Impuls von einem Ort zum anderen befördert wird, hat für sie immer etwas seltsam Profanes gehabt, und nicht zum ersten Mal bedauert sie, die genauen Umstände nie in Erfahrung gebracht zu haben. Doch was es auch ist, das im Detail darin geschieht, es läuft völlig geräuschlos ab.
Im Boden neben Lien öffnet sich ein Rechteck, und eine metallene Säule fährt daraus hervor. Auf Hüfthöhe angelangt rastet sie ein, und auf ihrer Oberfläche entsteht eine weitere Öffnung, aus der sich ein schmales Podest nach oben schiebt. Darauf, in einer halbrunden Einkerbung, ruht Impuls Nummer 2A7F.
Lien greift nicht direkt danach. Stattdessen betrachtet sie das gläserne Gefäß, das in etwa die Form und Größe eines Reagenzglases hat. Sie lässt die Augen über jedes einzelne Detail gleiten. Die glatte, fast durchsichtige Oberfläche, das diffuse Leuchten aus seinem Inneren, der Kontakt am oberen Ende. So ein kleiner Gegenstand, denkt sie. Und doch so groß.
Beherrscht, ohne das leiseste Zittern, streckt sie die Hand nach ihm aus. Ihre Fingerspitzen treffen auf das kühle Glas, verharren einen Moment. Dann umfasst sie ihn, nimmt ihn aus der Einkerbung und hält ihn fest.
Sie schließt die Augen und tastet mit der anderen Hand nach dem Port, der sich genau zwischen Schlüssel- und Brustbein unter ihrer Bluse abzeichnet. So nah am Herzen. Sie zieht den Stoff beiseite, zögert nicht. Die Kontaktfläche des Impulses passt perfekt in sein Gegenstück – einen metallisch schimmernden Ring auf ihrer Haut, von dessen Innerem dasselbe diffuse Leuchten ausgeht wie von dem Impuls. Eine leichte Wärme breitet sich von der Stelle aus. Das anfänglich angenehme Kribbeln wird immer intensiver, drängender, und als es fast an die Schmerzgrenze stößt, entfaltet der Impuls seine Wirkung und Lien taucht ein.

* * *

Fauchend schließt sich die Tür hinter ihr, und in dem Moment ist es vorbei mit ihrer Selbstbeherrschung.
Vor dem Ausschuss, dessen Mitglieder Liens Ausführungen zerpflückten und sie der Lächerlichkeit preisgaben, war es ihr noch gelungen, Haltung zu bewahren, doch nun, allein auf dem sterilen Korridor, sieht die Sache völlig anders aus.
Eine brennende Träne löst sich aus ihren Augen, rollt ihre Wange hinab und landet mit einem leisen Klatschen auf dem makellosen Fußboden. Sofort springt der Selbstreinigungsmechanismus an, und der feuchte Fleck vibriert kurz, ehe er immer kleiner wird und nach wenigen Sekunden verschwunden ist. Toll, denkt Lien. Sogar der Scheißfußboden macht sich über mich lustig. Wütend wischt sie sich mit dem Ärmel ihres Kittels über das Gesicht, verschränkt das Carry-Pad zwischen den Armen und stürmt los, den Gang hinab.
Erst langsam, dann immer schneller, jagt sie durch die Korridore der Station. Jeder Schritt trägt sie weiter fort von dem Ort der Kränkung, und gleichzeitig doch nur wieder dorthin zurück. Sie kann die Bilder einfach nicht aus ihrem Kopf vertreiben, die Worte, die Demütigungen. Kreativität und Phantasie seien wichtige Bestandteile wissenschaftlicher Forschung, aber man könne es auch übertreiben. Leises Hüsteln. Ob sie heute Nacht besonders wild geträumt hätte? Ein anzügliches Lächeln. Und schließlich, nur mühsam ernst bleibend, die Frage: „Erinnerungen speichern? Wieso denn nicht gleich Zeitreisen? Oder“, ein fieses Kichern, „Blei zu Gold machen?“
Erneut schießen Lien Tränen der Wut in die Augen. Ihr Atem geht schnell, und Strähnen ihres Haars, die sich im Lauf gelockert haben, flattern ihr um den Kopf. Ihre Sicht verschwimmt, als sie um die nächste Ecke biegt – und prompt gegen ein Hindernis knallt. Von der Wucht des Aufpralls ganz benommen, taumelt sie zurück, stolpert und verliert das Gleichgewicht. Instinktiv streckt sie die Hände aus, um ihren Fall zu bremsen. Das Carry-Pad scheppert auf den glänzenden Boden, wo es noch ein paar Meter schlittert und dann beleidigt liegen bleibt. Auf dem Display prangt ein Riss, der Lien höhnisch anzugrinsen scheint.
Jetzt verliert sie auch den letzten Rest Beherrschung. Sie bleibt einfach sitzen, schaut nicht auf, kümmert sich nicht um das Carry-Pad, nicht um ihre schmerzenden Knochen und schon gar nicht um diesen Idioten, der im selben Moment um die Ecke biegen wollte wie sie. Lien schlägt die Hände vors Gesicht, als ihr Blick verschwimmt. Es ist ihr egal. Sie lässt es einfach raus. Sie schluchzt, und dicke Tränen tropfen auf den Boden. Der Selbstreiniger versucht es gar nicht erst.
Eine Hand legt sich auf Liens Schulter. Behutsam, weich, tröstend.
„Hey.“ Zögernd, abwartend. Als sie nicht reagiert: „Tut mir leid, echt. Ich hab dich einfach nicht kommen sehen.“
Ein widerwilliges Lachen schleicht sich Liens Kehle hoch. Mit tränenverschmierter Stimme erwidert sie: „Kommen sehen? Kannst du um Ecken gucken?“ Dann fällt ihr die Schmach von eben wieder ein, und etwas abfälliger fügt sie hinzu: „Oder etwa die Zukunft vorhersagen?“
Er lacht. Freundlich und offen, von ihrem scharfen Ton nicht im Geringsten verletzt. „Nee – würde ich aber gern. Dann würde ich mir rasch die Prüfungsfragen von nächster Woche notieren und könnte mir das elende Büffeln von drei Jahren Lehrstoff sparen.“ Er klopft auf sein Carry-Pad, und als Lien aufblickt und ihn zum ersten Mal ansieht, verdreht er gespielt die Augen. Dann sieht er sie an und schenkt ihr ein strahlendes Lächeln.
Es ist wie ein Einschnitt. Als hätte jemand plötzlich auf STOP gedrückt, den Lauf der Zeit angehalten. Der Blick dauert nur Sekunden, doch für Lien liegt ein kleines bisschen Ewigkeit darin. Zwei leuchtend blaue Seen mit goldenen Sprenkeln, die im Licht tanzen und flackern. Blasse Haut und Sommersprossen, eine wilde Lockenmähne, und dazu eine Hand, die sich zu ihr ausstreckt.
„Ich heiße Falk. Und wer bist Du?“

* * *

„Atemluftsystem: Eine Stunde, sechundvierzig Minuten, neunzehn Sekunden Restzeit.“

Ein Ruck geht durch Liens Körper, als der Impuls sie wieder ins Hier und Jetzt spuckt. Der Übergang ist abrupt, und nur mit Mühe kann sie sich auf den Beinen halten. Hätte sie damals mehr Entwicklungszeit gehabt, hätte sie den Übergang – die Transition - abmildern, sanfter gestalten können. Doch als irgendwann klar war, dass die Zahl der Nutzer immer kleiner werden, dass sie eines Tages unwiederbringlich auf Null schrumpfen würde, schien es sinnvoller, sich auf die Sammlung zu konzentrieren, und nicht auf ein angenehmeres Erleben.
Lien schüttelt sich, reißt sich zusammen, atmet tief ein. Sie kennt dieses Gefühl, hat es unzählige Male erlebt. Sie weiß, die Desorientierung verliert sich schnell, und so ist es auch diesmal. Routiniert greift sie nach dem Behälter, löst ihn von ihrem Port und legt ihn sanft zurück auf das kleine Podest. Mit einem Zischen fährt es ein, versinkt im Boden. Einige Sekunden vergehen, und Liens Blick wandert zu der Leuchtdiode an Fach 2A7F. Sie springt von Rot zu Blau.
Wie war die Ansage? Eine Stunde, wie viele Minuten? Sie weiß es nicht mehr, aber es spielt auch keine Rolle.
Ein letztes Mal kostet sie das Gefühl aus, dessen Nachklang noch immer in ihrem Herzen sitzt. Ich heiße Falk. Und wer bist Du? Dann strafft sie ihren Körper, legt den Finger erneut auf den Abtaster. Pling. „Impuls Nummer H9BA“, befiehlt sie.

* * *

Müde blinzelt sie und reibt sich die Augen. Der Tag war so verdammt lang gewesen und es tut gut, bei einem Glas Wein abzuschalten. Im Kopf geht sie noch einmal die Forschungsergebnisse durch, überprüft Schlussfolgerungen, plant Versuchsaufbauten, denkt fünf, zehn Jahre in die Zukunft.
Seit die ersten Gelder für ihr Projekt bewilligt wurden, läuft es gut, richtig gut. Kleinere Rückschläge gehören dazu, doch sie hat ein Team von engagierten Leuten, und sie hat Falk, der ihr immer wieder den Rücken stärkt.
Sie legt die Füße hoch, nimmt noch einen Schluck Wein. Er schmeckt vollmundig und schwer, und sie schiebt ihn in ihrem Mund hin und her. Im Hintergrund läuft eine Nachrichtensendung, doch sie hört nur mit halbem Ohr zu.
Morgen ist ein großer Tag, ein wichtiger Tag. Die letzten Wochen standen ganz unter dem Zeichen der Vorbereitung. Berechnungen wurden angestellt, Tabellen gefüllt, Elektroden geklebt. Die erste digitalisierte Erinnerung – morgen wird es gelingen, sie weiß es einfach.
Sie hat die Gesichter derer, die sie damals im Ausschuss mit Pauken und Trompeten abschmetterten, noch genau vor Augen. Sie erinnert sich nur selten daran, denn der Schmerz sitzt noch immer tief. Doch das Bild ist ein unermüdlicher Antrieb. Morgen wird sie ihnen eine Lehre erteilen.
Ein Surren reißt Lien aus ihren Gedanken. Die Apartmenttür gleitet zur Seite und Falk kommt herein. Auch er sieht erledigt aus, die Brille tief nach unten gerutscht, die Schultern schlaff, die Schritte müde. Er lässt die Tasche zu Boden sinken, hängt den Kittel auf und streckt sich durch. Als er sie erblickt, huscht ein Lächeln über sein Gesicht, und seine ohnehin strahlenden Augen leuchten noch ein klein wenig heller. „Hey, Liebes“, begrüßt er sie und kommt näher.
Als er die Chaiselongue erreicht, kniet er sich vor Lien, lässt seinen Kopf in ihren Schoß gleiten und schließt die Augen. Sie stellt das Weinglas beiseite, streicht durch seine Locken, atmet seinen Duft ein.
Die beiden verharren in ihrer Liebkosung, genießen den Moment. Nur die Stimme der Nachrichtensprecherin ist zu hören.
„... auch heute keine neuen Erkenntnisse. Ein Regierungssprecher gab bekannt, dass die Forschung in dieser Richtung ab sofort gebündelt würde, um das Rätsel so schnell wie möglich zu lösen. Sinkende Geburtenraten seien schon lange verbreitet, hätten jedoch nie ein solches Ausmaß angenommen. Die derzeitige Situation sei besorgniserregend. Dennoch seien die Forschungsansätze zahlreich. Man dürfe nicht vergessen, dass...“
Falk tastet mit der Hand nach dem Sensor und schaltet ab. Wohltuende Stille breitet sich aus, in der nur der Atem der beiden im Gleichklang zu hören ist. Lien legt ihre Arme um seinen Nacken, vergräbt ihr Gesicht in seiner warmen Haut. Sie spürt seinen Puls, spürt das Leben, das durch seinen Körper fließt. Als ihre Lippen sich berühren, denkt sie nicht mehr an morgen.

* * *

„Atemluftsystem: Eine Stunde, elf Minuten, dreißig Sekunden Restzeit.“

Diesmal ist die Transition brutaler. Die Leere trifft sie wie ein Schlag vor die Brust, und rund um ihren Port herum flammt eiskalter Schmerz auf. Ihr Herz krampft sich zusammen, und sie kann nicht genau sagen, ob es an der Erinnerung liegt oder an der physischen Wirkung des Impulses.
Lien entfernt das Gefäß und legt es mit zittrigen Händen zurück auf das Podest. Früher haben ihr die Sprünge nicht so viel ausgemacht. Inzwischen weiß sie, dass jeder Impuls seinen Tribut fordert. Es war ihr in all den Jahren gelungen, den Körper immer weniger in Mitleidenschaft zu ziehen, den Prozess immer weiter zu optimieren. Doch irgendwann war klar, weitere Forschung in dieser Richtung war obsolet. In nicht allzu ferner Zukunft würde es keine Körper mehr geben, für die irgendetwas noch weiter optimiert werden müsste. Ein freudloses Lachen entweicht ihrer Kehle. Seitdem ging es nur noch darum, die Sammlung zu erweitern, mehr und mehr Impulse zu katalogisieren und aufzubewahren, für wen oder was auch immer.
Lien nimmt einen tiefen Atemzug der frisch aufbereiteten Luft, die den Raum erfüllt. Sie weiß, was als Nächstes kommt. Sie wappnet sich.
Dann, ehe sie Zeit hat, die Entscheidung zu revidieren, legt sie ihren Finger auf den Taster und spricht es aus. „Impuls Nummer C9AA.“

* * *

Das kleine Ding in ihrer Hand fühlt sich kühl und fremd an. Eigentlich will sie es überhaupt nicht halten, will es nicht berühren. Sie will nicht einmal, dass es existiert, und schon gar nicht, dass es eine solche Macht über ihr Leben hat. Und dennoch liegt es da, auf ihrer Handfläche, und verspottet Falk und sie mit kaltem Hohn.
„Wieder Negativ?“, fragt er, und seine Stimme bricht.
Sie nickt, und frische Tränen glitzern in ihren Augen. Eine davon rinnt ihr über die Wange, tropft auf den Boden. Eine plötzliche Welle der Wut läuft durch ihren Körper, und sie ballt die Faust, schleudert den Test gegen die Wand. Er zerspringt und fällt in Einzelteilen herab. Dann fällt auch Lien.
Sie hat versucht, stark zu sein, die Hoffnung zu bewahren. All die Meldungen in den Nachrichten, sie betreffen andere Paare. Nicht Falk und sie! Sie ist verdammt nochmal eine der renommiertesten Forscherinnen der Station. Sie hat alles – ein hochqualifiziertes Team, praktisch unendliche Fördermittel, Zugriff auf die neuesten Technologien. Sie ist erfolgreich! Da würde sie doch wohl in der Lage sein, ein Kind zu machen? Verdammt, jeder Idiot kann das! Wieso gelingt es ihr nicht? Wieso?
Sie spürt Falks Hand auf ihrer Schulter. Er geht neben ihr in die Knie, streicht ihr langsam über den Rücken. „Es ist nicht deine Schuld, Lien. Wir sind nicht die einzigen.“
Ein Schütteln läuft durch ihren schmalen Körper. Sie schluchzt auf. „Ich weiß.“
Seit Monaten beherrscht das Thema die stationsweite Berichterstattung. Waren früher die Geburtenraten lediglich rückläufig, so hatten sie heute den Nullpunkt erreicht. Sie konnte sich nicht erinnern, wann das letzte Baby zur Welt gekommen war. Und dennoch hatte sie stets gehofft, dass es ihr anders ergehen würde. Falk und sie würden die Ausnahme sein.
Es tut weh, so weh, zu merken, dass es nicht so ist.

* * *

„Atemluftsystem: Neununddreißig Minuten, zwei Sekunden Restzeit.“

Lien taumelt. Die Wucht der Transition trifft sie mit voller Härte, und ihre Muskeln verkrampfen sich schmerzhaft. Nur mühsam hält sie sich auf den Beinen, atmet schwer. Ihre Finger fahren zu der Stelle zwischen Schlüssel- und Brustbein, wo ein kaltes Pochen von ihrem Port ausgeht. Sie löst den Kontakt und der Impuls gleitet in ihre verschwitzte Hand.
Wacklige Schritte tragen sie zu dem Podest, wo sie den Glasbehälter so behutsam wie möglich in der Vertiefung ablegt. Geräuschlos verschwindet er. Eine rote Diode wechselt zu Blau.
Lien strafft die Schultern. Sie atmet die frische Luft ein, streicht sich die grauen Strähnen zurück, lässt den Blick durch den Raum schweifen.
Seit ein paar Wochen erst ist sie ganz allein. In all den Jahren wurden sie immer weniger. Die letzte Kollegin starb an einer Blinddarmentzündung. Wäre sie Chirurgin statt Forscherin, sie hätte sie vielleicht retten können. Doch so war alles, was sie schenken konnte, Beistand gewesen. Die Erinnerung tut weh. Und doch bleibt Carmilla wenigstens das hier erspart. Die Letzte zu sein.
Ihr Tod schenkt ihr ein paar Wochen. Ein Mensch verbraucht weniger Atemluft als zwei, das ist eine logische Tatsache, an die ihr wissenschaftlicher Verstand sich eisern klammert. Doch was soll sie anstellen mit der Zeit?
Sie hebt den Kopf, betrachtet das Silo erneut. So viele Erinnerungen. So viele Jahre an Erfahrungen, Gefühlen, Erlebnissen. Ihre eigene Geschichte kommt ihr klein und unbedeutend vor im Angesicht dieser Sammlung. Es ist ihr Lebenswerk.
Lien tritt erneut an das Podest, streckt die Hand aus. Das Tastfeld liegt abwartend vor ihr. Wie eine Aufforderung. Sie will nicht. Aber sie berührt es trotzdem. Ihre Stimme klingt brüchig. „Impuls Nummer 72DE.“

* * *

Das Licht ist gedimmt. Nur wenige sind gekommen. Die letzte Handvoll. Lien sieht sie in einer kleinen Gruppe beisammen stehen, um Falk herum. Sie warten.
Ihre Augen sind leergeweint. Ihr Herz fühlt sich an wie ein toter Klumpen in ihrer Brust. Nie war sie so allein. Sie weiß, sie sollte zu ihm gehen, doch ihre Füße kleben am Boden fest. Sie will nicht. Alles in ihr hält sie zurück.
Carmilla löst sich von den anderen, kommt auf sie zu. Sie greift sanft nach ihrem Arm, spricht ihr Mut zu. Den ersten Schritt gehen sie zusammen.
Es fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Wie durch Watte bewegen sie sich vorwärts, und es ist wie eine Reise durch die Zeit. Ihre erste Begegnung, das Blitzgewitter an Gefühlen. Seelenverwandtschaft. Tiefes Vertrauen, gemeinsame Erfolge, geteilter Schmerz. Schließlich steht sie vor ihm.
Lien beugt sich hinab, streckt vorsichtig die Hand nach seinem schönen Gesicht aus. Es ist alt und faltig geworden mit all den Jahren, doch noch immer ist seine Haut weich, fühlt sich so vertraut an. Nur kälter, so viel kälter als sonst.
Ihre Knie knicken weg, und sie sinkt auf seine Brust, die sich nicht mehr hebt. Ein Schluchzen zieht durch ihren Körper, und sie krallt sich in sein Hemd. Will nicht loslassen. Ihn nicht gehen lassen. Will. Nicht.
Als sich Hände auf ihre Schultern legen, sie sanft nach oben ziehen, weg von ihm, wehrt sie sie nicht. Sie lässt es geschehen.

* * *

„Atemluftsystem: Eine Minute, siebzehn Sekunden Restzeit.“

Lien liegt auf dem Boden. Ihr Gesicht ist tränenverschmiert, ihr Atem geht unregelmäßig, ihre Glieder schmerzen. Ihre Finger krallen sich um den kleinen Glasbehälter, halten diese letzte Erinnerung an Falk fest umschlossen.
Die Luft, die sie in ihre Lungen pumpt, ist frisch und unverbraucht. Wie viel Zeit bleibt wohl noch, wenn die Maschinen aufgehört haben zu arbeiten? Wenn sie jeden Tag abgestandener, verbrauchter wird, bis irgendwann nichts mehr übrig ist, das sich lohnt, eingeatmet zu werden.
Sind es Tage? Oder Wochen? Was soll sie tun, hier in der Einsamkeit, umgeben von nichts als Erinnerungen? Hunderten, Tausenden.
Wie ein ungeborenes Kind krümmt sie sich zusammen, den Impuls fest in der Hand. Sie wird ihn nicht loslassen. Vielleicht einfach liegen bleiben. Nicht loslassen. Nicht. Loslassen.

„Atemluftsystem: Restzeit aufgebraucht.“
 
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Hallo zusammen, und danke fürs Lesen!

Ein erster Versuch, nach vielen, vielen Jahren in denen ich keine Prosa mehr geschrieben habe. Warum eigentlich nicht, frage ich mich jetzt im Nachhinein...

Aber besser spät als nie!

Gruß
Mel
 
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09.12.2019
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Hallo @elaine / Mel ,

es freut mich immer, wenn hier eine Science Fiction-Geschichte ankommt, also mal sehen, was du dir hast einfallen lassen.

Ich finde die Geschichte geschickt aufgebaut, erst nach und nach wird deutlich, worum es geht. Durch die Erinnerungsrückblenden erfahre ich auch mehr über die Protagonisten, ihre Forschung, der Kinderwunsch und die Beziehung zu Falk. Hierdurch ist es von Beginn an spannend, zunächst weil ich nicht weiß, worum es geht, dann im weiteren Verlauf dadurch, da mir nicht klar ist, worauf es hinausläuft.

Auch die Idee mit der schwindenden Atemluft finde ich gut, was mich nur stört ist, dass ich den Hintergrund hierzu nicht kenne. Es wird wohl eine abgeschlossene Forschungseinrichtung sein, aber warum kann sie dort nicht raus? Und warum geht die Luft zu Ende? Hoffe, ich habe hierzu nichts überlesen ...

Mir ist also nicht alles klar geworden, aber das ändert nichts daran, dass ich es eine gut geschriebene und interessante Geschichte fand! Also schön, dass du das Schreiben wieder aufgenommen hast!

Und noch einiges Details:

Die Wände des breiten Korridors werfen den Klang immer wieder zurück, ein klackerndes Stakkato.
"immer wieder" könntest du m.E. streichen

Ihre Berührung hat etwas Zärtliches, und sanft wie eine Liebende legt sie schließlich die Fingerspitze auf den DNA-Taster.
ich würde "und" streichen

Erneut ertönt ein leises „Pling“, und sie muss nicht lange überlegen.
Du setzt häufig ein Komma und machst danach mit "und" weiter. Ich glaube, bei diesen Sätzen solltest du eher das "und" weglassen, oder das Komma entfernen.
Würde ich im gesamten Text mal prüfen, es gibt einige dieser Satzkonstruktionen!

Dann umfasst sie ihn, nimmt ihn aus der Einkerbung heraus und hält ihn fest.
"heraus" konntest du streichen, durch "nimmt ihn aus" wird dieses Wort m.E. überflüssig.

Die Kontaktfläche des Impulses passt perfekt in die kreisrunde Vertiefung auf ihrer Haut.
Ich bin hierbei über die Worte "auf ihrer Haut" gestolpert, das passt irgendwie nicht zu einer Vertiefung. Vielleicht findest du ja hierfür eine bessere Formulierung.

Eine brennende Träne löst sich aus ihren Augen, rollt ihre Wange hinab und landet mit einem leisen Klatschen auf dem makellosen Fußboden.
Das Wort "Klatschen" finde ich hier unpassend, wenn etwas nur leise den Boden berührt.

Sogar der Scheißfußboden macht sich über mich lustig.
"Scheißfußboden" gibt es glaube ich auch im neuen Duden nicht als ein Wort ... ;)

Sie schluchzt, und dicke Tränen tropfen auf den Boden.
Hier nochmal ein Beispiel, wo du entweder das Komma oder das "und" weglassen müsstest.

„Kommen sehen? Kannst Du um Ecken gucken?“
"du" klein geschrieben

Hätte sie damals mehr Entwicklungszeit gehabt, hätte sie die den Übergang – die Transition - abmildern, sanfter gestalten können.
"die" streichen

Doch als irgendwann klar war, dass die Zahl der Nutzer immer kleiner werden, dass sie eines Tages unwiederbringlich auf Null schrumpfen würde, schien es sinnvoller, sich auf die Sammlung zu konzentrieren, und nicht auf ein angenehmeres Erleben.
Du beginnst immer mal wieder Nebensätze mit "dass", vielleicht fällt dir hier etwas anderes ein ; "und" streichen

Sie weiß, dass die Desorientierung sich schnell verliert, und so ist es auch diesmal.
Vorschlag: "Sie weiß, die Desorientierung verliert sich schnell, so (ist es) auch diesmal."

Die erste digitalisierte Erinnerung – sie weiß einfach, dass es morgen gelingen wird.
Vorschlag: "Die erste digitalisierte Erinnerung - morgen wird es gelingen, sie weiß es einfach."
(so vermeidest du "dass" als Nebensatzeinleitung)

Doch irgendwann war klar, dass weitere Forschung in dieser Richtung obsolet war.
Doch irgendwann war klar, weitere Forschung in diese Richtung war obsolet.

Eine plötzliche Welle der Wut läuft durch ihren Körper, und sie ballt die Faust, schleudert den Test gegen die Wand, wo er zerspringt und in Einzelteilen herabfällt.
Ich würde den Satz in zwei oder drei Sätze unterteilen.

Es tut weh, so weh, zu merken, dass es nicht so ist.
Vielleicht kannst du es zeigen, anstatt es nur zu erwähnen.

Und doch bleibt ihr wenigstens das hier erspart. Die Letzte zu sein.
Hier ist mir nicht klar, was ihr erspart bleibt? Sie ist doch die Letzte?

Eine gute Geschichte, gerne gelesen!

Viele Grüße,
Rob
 
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Lieber Rob,

ich danke Dir herzlich für die wohlwollende und ausführliche Kritik. Das ist sehr motivierend!

es freut mich immer, wenn hier eine Science Fiction-Geschichte ankommt, also mal sehen, was du dir hast einfallen lassen.
Ich weiß genau, was Du meinst - SF ist hier eine meiner Lieblingskategorien und ich freue mich immer diebisch, wenn es eine neue Story gibt!

Auch die Idee mit der schwindenden Atemluft finde ich gut, was mich nur stört ist, dass ich den Hintergrund hierzu nicht kenne. Es wird wohl eine abgeschlossene Forschungseinrichtung sein, aber warum kann sie dort nicht raus? Und warum geht die Luft zu Ende? Hoffe, ich habe hierzu nichts überlesen ...
Nein, Du hast nichts überlesen. Ich habe es bewusst offen gelassen - bin mir nicht sicher, was die Story gewänne, wenn das genauer erklärt würde. Liens gesamtes Leben spielt auf der Station. Vielleicht ist sie im Weltraum? Oder auf einem fremden Planeten? Vielleicht auf der verseuchten Erdoberfläche oder sogar unter Wasser? Eigentlich egal, denke ich. Ich würde mal gespannt warten, wie andere KritikerInnen das sehen.

Du setzt häufig ein Komma und machst danach mit "und" weiter. Ich glaube, bei diesen Sätzen solltest du eher das "und" weglassen, oder das Komma entfernen.
Würde ich im gesamten Text mal prüfen, es gibt einige dieser Satzkonstruktionen!
Stimmt, das mache ich oft. Ich habe sehr häufig mit englischen Texten zu tun, und da ist das Oxfordkomma ja ziemlich obligatorisch. Ich setze es dort, wenn ich beim lauten Vorlesen eine Pause machen würde. Weiß ehrlich gesagt gar nicht, wie hier die genaue Grammatikregel ist, das werde ich mal nachlesen. Danke!

"Scheißfußboden" gibt es glaube ich auch im neuen Duden nicht als ein Wort ... ;)
Und das ist definitiv ein Manko! :D

Du beginnst immer mal wieder Nebensätze mit "dass", vielleicht fällt dir hier etwas anderes ein ; "und" streichen
Das war mir gar nicht bewusst, danke! Ich werde darauf achten.

Hier ist mir nicht klar, was ihr erspart bleibt? Sie ist doch die Letzte?
Oh, guter Punkt. Es bleibt nicht Lien erspart, sondern Carmilla. Carmilla hatte das "Glück", nicht die Letzte sein zu müssen.

Ich habe heute keine Zeit mehr, die Story zu überarbeiten, aber morgen setze ich mich dran.

Danke, dass Du dir so viel Zeit genommen hast!

Viele Grüße aus Bonn, ist ja nicht weit!
Mel
 
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Hi Mel,

ich habe die Geschichte gern gelesen. Das Szenario ist interessant, und der ablaufende Countdown treibt einen zum Weiterlesen. Ich mag zudem das bittere Ende, das wie ich finde sehr gut zur Geschichte passt.
Allerdings bleibt mir persönlich die Beziehung zwischen Lien und Falk zu oberflächlich. Die beschriebenen Erinnerungen zeigen ein paar Meilensteine ihres gemeinsamen Lebens auf, die mich aber leider nicht berühren.
Die erste Erinnerung endet aus meiner Sicht sobald es interessant wird. Ich hätte gerne mehr über das erste Kennenlernen und über die Beiden erfahren.
Die zweite Erinnerung ist dann eher trivial, funktioniert aber ganz gut als Gegenpol zu den übrigen eher tief greifenden Erinnerungen, wie ich finde.
Die dritte und vierte Erinnerung beschreiben den unerfüllten Kinderwunsch, und den für Lien vernichtenden Tod von Falk, dann aber leider nur sehr kurz. Diese beiden Erinnerungen würden aus meiner Sicht davon profitieren, wenn sie ausführlicher beschrieben wären, und den Schmerz Lien’s greifbarer machten. Ich bin quasi schon drüber weg und am Ende angelangt, bevor ich richtig realisiert habe was ich gelesen habe. Ich würde aber gerne jede schmerzliche Sekunde spüren, die Lien empfindet, so dass ich am Ende genauso erschöpft bin wie sie...

Gruß
Kai
 
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26.03.2003
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Lieber Kai,

vielen Dank fürs Lesen und für Deine Gedanken! Ich freue mich sehr, dass die Geschichte Dir gefallen hat.

Allerdings bleibt mir persönlich die Beziehung zwischen Lien und Falk zu oberflächlich. Die beschriebenen Erinnerungen zeigen ein paar Meilensteine ihres gemeinsamen Lebens auf, die mich aber leider nicht berühren.
Du hast recht, es werden nur die richtig großen Meilensteine beschrieben. Kennenlernen, wissenschaftlicher Durchbruch, Kinderlosigkeit, Tod... Ich hatte Sorge, dass die Geschichte zu lang wird, wenn ich einerseits weitere Stationen hinzufüge, bzw. andererseits die vorhandenen noch weiter ausschmücke.

Ich würde aber gerne jede schmerzliche Sekunde spüren, die Lien empfindet, so dass ich am Ende genauso erschöpft bin wie sie...
Ich verstehe aber, was Du meinst. Gerade die Szene mit der Beerdigung könnte sicher noch etwas mehr Schmerz, etwas mehr Eindringlichkeit vertragen. Rob hatte etwas Ähnliches bei dem Abschnitt mit der Kinderlosigkeit angemerkt. Ich überlege!

Bis dahin danke ich Dir herzlich für Deinen Kommentar und freue mich, bald etwas von Dir zu lesen!

Mel

PS: Dein Nickname verwirrt mich! Wie kannst Du Dir den selber merken? :)
 
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14.08.2020
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Hi Mel,
Ich hatte Sorge, dass die Geschichte zu lang wird, wenn ich einerseits weitere Stationen hinzufüge, bzw. andererseits die vorhandenen noch weiter ausschmücke.
Weitere Stationen würde ich tatsächlich nicht ergänzen, wenn es nicht unbedingt nötig ist. Dass die Geschichte durch das Ausschmücken zu lang wird, glaube ich nicht. Zumindest dann nicht, wenn es der Geschichte etwas gibt, das vorher gefehlt hat. Anschließend kannst du ja auch immer noch weniger wichtige Teile entfernen. Die perfekte Geschichte ist doch die, in der es weder etwas zu ergänzen noch zu entfernen gibt...
Bis dahin danke ich Dir herzlich für Deinen Kommentar und freue mich, bald etwas von Dir zu lesen!
Gerne. Aber das mit dem Lesen könnte noch etwas dauern, ich komme beim Schreiben nämlich selbst nur schleppend voran.
PS: Dein Nickname verwirrt mich! Wie kannst Du Dir den selber merken?
Ausgesprochen lautet er 'Kensington'. Wenn man das weiß, geht’s. ;)

Gruß
Kai
 

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