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is alles gar nicht so schlimm

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04.07.2001
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is alles gar nicht so schlimm

Is alles gar nicht so schlimm

Wenn man morgens aufsteht hat alles noch den Anschein . Im Laufe des Vormittags wird man meist noch darin bestärkt : Vonwegen Kaffee ist kalt oder schon wieder alle,nur Müll liegt auf dem Schreibtisch und der AB bringt einem statt der Stimme einer netten Kneipenbekanntschaft auch nur das Geknötter irgendeines Ichbinjetztaberunzufrieden-Kunden.Das sind dann immer die kritischen Momente in denen man die Waffenbestimmungsgesetze der BRD verflucht oder einfach nur arbeitslos sein will.Doch so ab mittags, mit gefülltem Bauch und ausreichend Nikotin sowie Koffeein im Blutkreislauf nimmt es schon andere Formen an – es wird erträglich,nicht wirklich,aber es hat den Anschein. Das ist dann schonmal beruhigend.Bald kann man wieder nach Hause um sich,gänzlich von diesem Gefühl des „Allesistmalwieder- zumKotzen“ befreit,in seinen Freizeitüberlebenskampf zu stürzen.Aber erstmal so tun als würde man wirlich sein Gehalt „verdienen“.Also die Anrufe vom Vormittag erledigen,das hat den Vorteil ,daß die meisten der Nörgler sich inzwischen abgeregt haben und man sich nun in gemäßigter Lautstärke raus- reden kann – ist bei dem ganzen Kaffee auch gesünder.Wann gibt’s hier endlich mal eine Beschwerde- stelle ? Ich hoffe nie , sonst werde ich dahin versetzt,selbstverständlich mit Gehaltskürzung. Außerdem möchte ich mit dem Rauchen aufhören,das geht da bestimmt nicht.Die (Lebens-)Beschwerer,die schon den ganzen Tag das Telefon anstarren und auf Rückruf warten, haben sich erfahrungsgemäß nich ab- sondern eher bis zum LouisdeFunes Tobsuchtsanfall auf-geregt.So mit rotem Kopf und hervor- tretenden Adern muss man sich das vorstellen.Ich kann zwar nicht durchs Telefon gucken,aber es hört sich auf jeden Fall so an.Bei solchen Leuten helfen dann nichtmal Argumente,nichtmal wenn man welche hat.Falls der Tag eh schon versaut und nichts weiter zu tun ist,kann man dann ruhig zuhören und sich die interessantesten Beschimpfungen notieren – kann man immer mal gebrauchen. Will man abends aber noch mit Freunden ins Kino oder hat sogar mal ein Date (so richtig mit Frau) sollte man lieber gut hörbar Papierbögen vor dem Hörer zerknüllen,ein Röcheln in seinen Satzbau integrieren und irgendwas von Netzüberlastung faseln.Dann einfach auflegen.Man(n) ist schließlich Mensch,und Mensch telefoniert heutzutage nur mit Handy und kann von daher auch nie ein Gespräch zu Ende führen,d.h. entweder „is da noch ein Aruf in der Leitung“ oder „das Netz ist grad weg“.Oftmals eigentlich nicht so praktisch. Die zweite Möglichkeit ist auch sehr beliebt – macht aber sehr unbeliebt : „Moment,ich verbinde sie mit dem zuständigen Kollegen.“ Dann auf irgendeinen der vielen Knöpfe auf dem Telefon drücken (dazu sind die da) und den Hörer danebenlegen.So wird der Nervenarsch entweder wirklich mit einem der anderen armen Schweine auf dieser Etage verbunden oder hört nur noch ein dumpfes Tuten – eins von beidem kann er dann meinetwegen lautstark diziplinieren.Nach der ganzen Kundenbetreuung wird’s aber auch Zeit den Aktenstapel von der linken auf die rechte Schreibtischseite zu hiefen und die obersten drei Ordner in die unterste Schublade packen – der Haufen muss ja schließlich irgendwie(wann?) kleiner werden. Solche Aktenberge müssen immer in Bewegung gehalten werden.Erstens wird dann nicht gelogen,wenn man behauptet : „Ja,ja,is in Arbeit“ und noch wichtiger : so setzen sie keinen Staub an – sehr ungünstig falls sich mal ein Vorgesetzter (was machen die eigentlich?)an den Arbeitsplatz verirrt.Nach dieser kurzzeitigen Extrembelastung kann die private E-Mail Korrespondenz getätigt werden.Extrem wichtig! - man muss ja in „Kontakt“ bleiben und sich gegenseitig die Taschen volllügen : „Ja,natürlich komm ich dich dieses Jahr endlich mal besuchen in Berlin,wollte schon immer mal die Stadt genauer kennen -lernen,soll jetzt ja einen Riesenbaustelle sein,wir telefonieren,blubblub“. Ist das erledigt,treibt man sich noch ein bißchen bei den Kaffeeautomaten rum.Es dauert meist nicht lange und der halbe Stock gesellt sich zu einem.Ein kurzes „informelles Gespräch“ mit den werten Kollegen gehört selbstver- ständlich zum geregelten Tagesablauf.Erst mal hören,wofür die so ihre Freizeit vergeuden.Die machen doch bestimmt nichts Interessanteres als ich,oder? Sind doch alles langweilige Spießernach- kömmlinge,die ihr Erbe für Hausbau und sich-später-mal-richtig-gutgehen-lassen (wann bloß?) in irgendwelche ominösen Wertpapierfonds stecken.Also Ulli,der ist wirklich mit 25 schon verheiratet, war mit seiner Frau am Wochenende bei Bekannten,so mit gemütlich ne romantische Komödie gucken, Fondueessen und anderen Widerlichkeiten – haha,da kann ich über.Mark war mit Freunden auf der Skihütte seines Onkels in der Schweiz. „War sehr lustig“ – kann aber garnicht,denn ich kenne Mark, zum Glück nicht seine Freunde.Und Anja hat sich,mit ihrer Freundin unter eine Decke gekuschelt,alle Teile vom Paten angeguckt,da wäre ich dann doch gerne gewesen,denn ihre Freundin kenne ich und der Pate ist sowieso grandios.So jetzt bin ich dran und erzähle etwas von einem großartigen Konzert in Köln mit super Bands, super Publikum, superSuper und so weiter. Natürlich war ich nicht da, war in der Eckkneipe und hab mich fürchterlich betrunken,wissen die ja aber nicht. Dann ist auch genug gesmalltalkt,denn mehr Themen haben wir nicht, bzw. wollen wir nicht haben - also zurück zum Schreibtisch und erstmal schauen,was man denn noch so für zuhause gebrauchen könnte.Kugelschreiber, Bleistifte und Notizzettel stapeln sich bei mir schon bis unter die Decke. Ich finde wieder nichts
Vernünftiges.Was soll ich z.B. mit Büroklammern – die gehören, wie der Name schon sagt,ins Büro,und nichtmal hier kann ich sie brauchen.Textmarker geben einer grauen Bude zwar ein paar lustige Neontöne,wirken auf mich aber immer so altklug,außerdem hab ich noch nie was unterstrichen.Wozu auch,wenn man einen extrem coolen Satz in einem Buch liest,kann man den besser abschreiben und an seine Pinnwand hängen – macht auch viel mehr Eindruck auf Besuch, wenn mal Eine kommt.So langsam wird guter Rat teuer und mir langweilig.Also setze ich mich vor den hochmodernen Rechner,der auf meinem
Schreibschlafplatztisch steht und surfe ein wenig durch die Netzmüllwelt.Ist nichts Spektakuläres zu finden.Die dauernd aufpoppenden (wie passend) ExtremweißderGeierSeX Seiten nerven allerdings mindestens genauso wie das DauerTelefonsexgestöhne,das einem nachts in den Werbepausen die Wieder- holung von Deep Space Nine versaut.Naja,gehöre halt nicht zu der Zielgruppe(hoffentlich!). Zum
Glück haben wir wenigsten keinen Netzwerkadministrator,der einen dann auch noch nerven könnte,was man auf diesen Seiten denn wohl gewollt hätte und so. Nach dieser „Internet-recherche“ ist es schon 16.15 Uhr.Zeit die Hallen des Tagsüberterror zu verlassen und Feierabendbier zu kaufen bevor die Läden schließen.Noch ein ausgedehnter Toilettenbesuch und man stempelt ab – heut mal wieder eine Viertelstunde länger gemacht,naja,wenigstens
bekomme ich dafür Freizeitausgleich.

 
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29.06.2001
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Hi Ben,

wow - Baumann und Clausen lassen grüßen. So stellt Otto Normalverbraucher sich das Leben eines Beamten vor.
Eine echt gut gelungene Satire - ganz mein Fall.
An dieser Geschichte gibt es nichts rumzuknöttern, außer am ersten Satz. ...hat alles noch den Anschein von was?
Hab echt gegrinst beim lesen - hat Spaß gemacht.

Ingrid

 
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18.06.2001
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Musste auch an paar Stellen grinsen. Einige Dinge sind mir aber einfach zu viel des Guten und zu böse geschrieben. Andere satirische Bemerkungen kommen allerdings mega gut an und Man(n) muss mit einem lächelnden Kopfnicken feststellen: "Ja, so is es wirklich."
Man kann wohl nicht nicht viel Kritik zu dieser Geschichte sagen, ausser, dass sie lesenswert und empfehlenswert ist.

Gruss
Foxtown

 

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