Was ist neu

Izmael Mitschett

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10.02.2000
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Izmael Mitschett

»Zieh dir was Warmes an!«, forderte Mutter mich auf. »Es ist noch sehr frisch.«
»Nicht nötig«, brummelte ich, zog die Wohnungstür hinter mir zu und den Rucksack auf den Rücken. Morgen früh um halb sieben vorne am Eck, an der Straßenlaterne, trug mir Vater gestern beim Mittagessen auf, als er offenbarte, mich in den vor mir liegenden Osterferien nicht in der Gebäudereinigung zu beschäftigen, sondern im Tiefbau. Da siehst du mal was anderes und der Verdienst ist gut, begründete er seinen Plan. Um mir ins Gedächtnis zu rufen, dass seine Ehre auf meinen Schultern lastete in diesen drei Wochen, hängte er sein übliches ‚Mach mir keine Schande‘ an.

Das mit der Schande hatte ich am nächsten Tag wieder vergessen und trottete kurz vor halb sieben in der Früh zur besagten Straßenlaterne Cäsarstraße Ecke Bonner Straße. Hundert Meter und eine auf die Seite gekickte Bluna-Packung. Es war tatsächlich kühler als vermutet. Mutter hatte recht gehabt. Vorne auf der Bonner Straße fuhr ein Krankenwagen vorbei. Gerade als ich mich an den Laternenmast anlehnte, rollte ein gelber VW-Bus mit schon geöffneter Schiebetür heran und ich erkannte glimmende Zigaretten auf der hinteren Rückbank. Zwei Stück, ohne Gesichter dazu.
»Auf! Rein! Ist kalt!«

Eine Dreierbank nur für mich. Genug Platz. Ich stieg ein, zog die Tür zu und rutschte ans Fenster. »Guten Morgen«, begrüßte ich die Zigaretten. Sofort setzten wir uns in Bewegung.
»Schalam«, hörte ich von der hinteren Bank. Ich drehte den Kopf. Die nächste Laterne beleuchtete kurz ein unrasiertes, sehr dunkelhäutiges Gesicht. Das einzig Helle waren das Augenweiß und die Glut einer Zigarette. Der Mann neben ihm schwieg und starrte durch die Scheibe. Aus dem Nichts kam eine Packung Roth-Händle auf mich zu.
»Willsch Schigarette?«
»Nein, vielen Dank. Ich rauche nicht.«
Von vorne hörte ich Gelächter.
»Wir rauchen alle. In zwei Wochen wirst du einen Glimmstängel in der Hand halten«, prophezeite der Fahrer. Ich räusperte mich, schwieg aber lieber und blickte aus dem Seitenfenster. Die Bonner Straße flog vorbei, Ewalds Kiosk, Möbelgeschäfte, Penny, Mehmets türkischer Teppichladen, der Rote Drache, unser erstes China-Restaurant in der Südstadt. Wir fuhren Richtung Chlodwigplatz. Neben dem Fahrer saß ein Stiernacken mit gelbem Bauhelm auf dem Schädel, der sich ebenfalls eine anzündete. Die zur Verfügung stehende Atemluft löste sich im Tabakrauch auf. Drei Wochen, dachte ich. Drei Wochen durchhalten. Mehr nicht. Vielleicht konnte ich ab morgen mit dem Fahrrad zur Baustelle fahren, wenn sie nicht allzu weit weg lag.
»Du bist das Söhnchen vom Rudolf?«
Ich blickte auf den Jackenkragen des Fahrers.
»Ja. Ich heiße Heinrich.«

Wir querten den Chlodwigplatz.
»Dein Vater hat uns gesagt, wir sollen dich drei Wochen malochen lassen. Bisschen im Tiefbau schnuppern. Schaffste das?« Ruckartig lenkte er den VW-Bus in eine Parklücke vor dem Severinstor und blieb diagonal drin stehen. Bevor ich antworten konnte, stieg er aus, schaute ins Fahrzeug. »Ich gehe zum Merzenich und hol das Übliche. Du auch was, Heinrich?«
»Äh, was ist das Übliche?«
»Dreißig Brötchen und zehn Dosen Leberwurst«, erklärte er tonlos.
»Ist okay, warten Sie, ich gebe Ihnen Geld …«
Er winkte ab und verschwand.
»Geht aufs Haus«, informierte mich der Stiernacken auf dem Beifahrersitz.
»Imme Lebewuscht …«, hörte ich von hinten und drehte mich zum unrasierten Gesicht. Es zog ein letztes Mal an der Roth-Händle, drückte sie am Seitenblech aus und blickte mich an.
»Du auch esse Lebewuscht?«
Was hätte ich sagen sollen? Schulterzuckend nickte ich und vermutete einen türkischen Kollegen.
»Nigsch gut«, sagte er und sah hinaus. Nach ein paar Minuten öffnete der Fahrer die Schiebetür, legte drei große Tüten und zwei Rollen Leberwurstkonserven auf meinen Schoss.
»Gut achtgeben«, wies er mich an und es ging weiter. Eine halbe Stunde später erreichten wir Merheim; parkten auf einer Wiese beim Krankenhaus. Unübersehbar eine Tiefbaustelle mit allem Drum und Dran. Wir stiegen aus. Die Männer streckten sich lautstark, gähnten ausgiebig. Der Stiernacken blickte in den Himmel und lächelte zufrieden.
»Heute wird es schön! Izmael …«, er deutete auf den Unrasierten, »du nimmst Heinrich mit in die Grube. Der erste Sammler muss diese Woche fertig werden.«
Izmael nickte, drehte sich von uns ab, sagte ein paar Sätze auf Türkisch. Der Stiernacken griff sich in den Schritt, rückte seine Unterhose zurecht. »Heinrich, hast du Stahlkappen?«, fragte er mit einem Blick auf meine Schuhe.
»Ja, Sicherheitsschuhe von meinem Vater«, bestätigte ich.
»Gut! Astrein.« Er nickte Richtung Fahrer. »Werner fährt den LKW.« Dann zum dritten in der Riege. »Der Heinz am Bagger und ich bin Hartmut, der Polier. Komm mit zum Bauwagen. Ich geb dir Helm und Handschuhe.«
Hartmut holte eine zerknüllte Packung Reval aus der Brusttasche, fingerte darin herum und fluchte. »So ein Driss! Leer!« Achtlos warf er sie in den Dreck und ging geradewegs auf einen gelben Bauwagen zu, schloss ihn auf und verschwand darin. Ich folgte, nahm die vier Stufen und rannte gegen eine Wand aus unergründlichen Gerüchen. Schweiß in allen Nuancen. Von feucht bis zum besten Schweizer Käse. Ich traute mich zu atmen.
»Puh!«, rutschte mir raus.
»Das riecht ein wenig streng, was?«
»Mh.«
Den Rücken zu mir gewandt, kramte Hartmut in einer Holzkiste vor dem gegenüberliegenden Fenster, fand ein neues Paar Handschuhe und warf es mir mit einem Grinsen zu.
»Musste dich dran gewöhnen. In der Pause ziehen wir meist die Schuhe aus. Damit die Füße trocken werden. Wegen dem vielen Schweiß und so … weißte?«
Ich nickte, versuchte in die Handschuhe zu kommen, aber sie waren zu klein.
»Passen nicht«, stellte ich fest.
Hartmut kratzte sich den Kopf.
»Na gut … in einer Stunde kommen der Ingenieur und die vom Tiefbauamt. Ich muss sowieso ne Liste machen mit benötigtem Material. Schreib ich zwei Paar und ne Öljacke drauf. Die wirste brauchen.«
»Danke, Hartmut.«
Er nickte, klatschte in die Hände und kam auf mich zu.
»Jetzt hol mal die Fressalien, leg sie hier auf den Tisch, dann ab zu Izmael in die Grube. Er sagt dir, was du machen sollst.«

***​

Wie sich herausstellte, war ‚Grube‘ eine starke Verniedlichung. Es war ein geradezu monströses Loch. Rechteckig, sicher fünfzehn auf zehn Meter und fünf Meter tief. Auf dem Grund erblickte ich ein fast ebenso großes Betonfundament, umrandet mit hervorstehenden Stahlarmierungen. So etwas wie betonierte Kanäle kamen von drei Seiten und ein doppelt so breiter verließ das Fundament Richtung Westen. Alle vier Grubenseiten waren mit Spundwänden verkleidet und an einem der Stahlprofile hatte jemand Meterangaben aufgepinselt. Über eine Leiter stieg ich hinunter. Izmael inhalierte die letzten zwei Züge einer weiteren Zigarette, warf sie in den Dreck und klatschte in die Hände.
»Scho!« Er deutete auf zwei Paletten rote Ziegel. »Hasch scho gemauert?«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Normalerweise sitze ich in der Schule, wenn grad keine Ferien sind, und arbeite nachmittags in der Reinigungsfirma.«
»Aha«, nickte er. »Alscho arbeite geht.«
»Ja, geht.«
»Jetsch komm mit. Isch scheig dir Schpeisch mache.«
»Schpeisch?«
Izmael kniff ein Auge zu, kletterte die Leiter nach oben, warf die Mischmaschine an, drückte mir eine Schaufel in die Hand und nahm selbst den Wasserschlauch.
»Hier, nimmsch vier Schaufel Schand, ein Schaufel Schement …«
Ich drückte die Schaufel in den großen Sandhaufen, zog sie heraus und Izmael hob beschwörend die Hände.
»Bei Allaaah! Schaufel imme du machsch voll!«
»Null Problemo.«
Ich machte sie voll. Vier Mal. Dann eine ebenso volle Schaufel Zement. Izmael zeigte auf die Trommel, sah hinein und folgte mit dem Kopf der rotierenden Öffnung.
»Guggsch du!«
Vorsichtig näherte ich mich dem ratternden Etwas. Zwei angeschweißte Stahlrechen mixten Sand und Zement gut durch.
»Guggsch du«, forderte er mich erneut auf und hielt den Wasserschlauch hinein. Langsam öffnete er das Ventil und kontrollierte sorgfältig die Menge, stoppte bald. Fasziniert verfolgte ich die Veränderung. Mit fortschreitendem Mischen erinnerte mich die Masse an Nutella. Izmael hielt die Menge an Wasser für ausreichend, stoppte den Wasserfluss, warf den Schlauch auf die Seite. Einige Umdrehungen weiter drückte er den AUS-Knopf, zückte einen Spachtel aus der Gesäßtasche, entnahm der Masse eine ordentliche Menge und hielt sie vor meine Nase. Sie klebte auf dem Metall. In Zeitlupe löste sich das graue Zeug.
»Gib mal Hand.«
Ich streckte sie ihm hin und er ließ den Klumpen auf die Handfläche fallen. Das fühlte sich überraschend gut an. »Ziemlich pastöse Masse …«, sagte ich erstaunt.
»Wasch? Paschdösch? Scho musch schei. Erschd wenig Wascher. Langscham. Wenn tschu viel Wascher, isch Kacke. Nigsch gut.«
»Ich gebe mir Mühe«, kündigte ich an und er grinste verdächtig. Ich war irritiert. »Was? Hab ich was Falsches gesagt?«
Izmael zog mit dem Zeigefinger die Haut unterhalb seines rechten Auges runter.
»Isch brauch Maschin' voll!« Er zog einen großen Behälter unter die andere Seite der Trommel. »Hier! Machsch tschwölf Schand un drei Schement. Dann mit grosche Eimer un Scheil nach unne. Isch nehm ab. Trommel leer mache kannsch du?« Ich verstand die Frage nicht und bog die Mundwinkel nach unten. Er seufzte, schaltete den Mischer wieder ein, packte einen Hebel, zog ihn zu sich und kippte die ganze Konstruktion auf die andere Seite. Die Rechen in der Trommel schoben den Speis heraus.
»Nicht schlecht«, merkte ich an. Die Packung Roth-Händle tauchte vor meiner Nase auf. »Nein, vielen Dank, Izmael. Ich rauche nicht.«
Er zuckte mit den Schultern. »Gut Junge … jetsch machsch du voll un Ischmael holt schich Schteine.« Er zündete die Zigarette an und stieg wieder ins Loch. Ich machte mich ans Werk.
Die erste Ladung Speis verwässerte ich. Es war mir peinlich, trat an den Rand der Grube, beobachtete ihn eine Menge Ziegel umschichten. Dann traute ich mich.
»Izmael! Zu viel Wasser! Und jetzt?«
Er blieb auf der Stelle stehen, die Ziegel vor der Brust und starrte herauf.
»Ah, egal! Nimmsch tschwei Schement daschu un ein Schand!«
Ich starrte ihn an. Sein plötzliches Grinsen. Was er sagte, leuchtete mir ein. Natürlich! Wieder dicker machen! Dass ich da nicht von selbst drauf gekommen bin … Dann fiel mir auf, dass ein nachträgliches Andicken die Trommel ziemlich voll machte. Das war also der Sinn der Mit-dem-Wasser-aufpassen-Regel. Ich dickte an, leerte in den großen Kübel und ließ eimerweise den Speis nach unten. Dann winkte mich Izmael hinunter und wir begannen mit dem Mauern.
»Was machen die anderen?«, erkundigte ich mich, nachdem ich die Eimer der zweiten Ladung abgelassen hatte.
»Bauwage. Nigsch gut Kollege.«
Izmael presste die Hände in die Nieren, drückte das Kreuz durch und grinste den Himmel an.

***​

Erst der dritte Tag und schon keinen Bock mehr, sinnierte ich an die Decke starrend. Konzentriert versuchte ich alle schmerzenden Muskeln in meinem Körper zu orten, überrascht davon, wo man überall Schmerzen empfinden konnte. Vom Kalenderblatt sprang mich der 4. April 1980 an. Ausgerechnet ein Mittwoch. Ich hasste Mittwoche und wusste nicht mal warum. Mir schwante, dass diese drei Wochen die Zeit in zähen Morast verwandeln würden. Waten in Speis. Sollte ich aufstehen? Oder besser eine Erkältung vortäuschen? Mutter klopfte.
»Heinrich! Aufstehen!«
»Komme!«
Izmael alleine zu lassen, war mir nicht möglich. Es fühlte sich an wie Landesverrat. Also schob ich einen Fuß unter der Decke hervor und zwang mich zum Aufstehen. Kurz nach sechs Uhr und Vater saß schon am Frühstückstisch.
»Wie läuft es bei der Arbeit?«, nuschelte er in seine Kaffeetasse.
»Könnte nicht besser sein. Vielleicht mache ich nach der Schule eine Lehre im Tiefbau«, erwiderte ich mit freudiger Stimme. Er stoppte mitten im Kaffeeschlürfen, kniff ein Auge zu und fixierte mich mit dem anderen über den Rand der Tasse hinweg. Ich stürzte das Glas Kaba runter, steckte zwei Scheiben trockenes Toastbrot in die Brusttasche der Latzhose und stand auf.
»Ich muss pünktlich sein. Tschüss …«

Kaum an der Laterne, hielt auch schon der VW-Bus mit der üblichen Besatzung. Ich fragte mich, ob einer dieser Männer jemals krank war oder wurde. Es folgte das Besorgen von dreißig Brötchen und zehn Dosen Leberwurst, was Izmael ebenso standardmäßig lautstark ablehnte. Ich war in einem Ritual gefangen. Dazu gehörte, dass Hartmut, Werner und Heinz den Tag im Bauwagen verbrachten, um sich dem Stapel Reissdorf-Kisten zu widmen. Besucher der Baustelle, etwa das Tiefbauamt der Stadt Köln, die Wasserwerke oder der Bauleiter, kündigten sich vorher an. Dreißig Minuten vor einem solchen Termin erhöhten sich die Aktivitäten von Hartmut, Werner, Heinz und Maschinen sukzessive auf einhundert Prozent, um sich fünfzehn Minuten danach erneut dem EXPRESS, erstem FC und einer Flasche Kölsch zu widmen. Ging die Tür vom Bauwagen auf, näherten sich deren Stimmen, quittierte Izmael das mit erhobenem Zeigefinger, Stille und lauschenden Ohren.
»Guggsch du! Komme Scheffe von Schdad«, ließ er mich wissen. Wir machten unbeirrt weiter. An diesem dritten Tag jedoch näherten sich von Westen graue Wolken, die sich mehr und mehr verdichteten. Kurz vor Mittag begann es zu regnen. Die Speiswanne war so gut leer.
»Kacke! Guggsch du, Regen. Un Middach. Kippsch de Schpeisch aus. Gehen eschen.«
»Auskippen? Wohin denn?«
Izmael reckte die Hände gen graue Wolken.
»Oh Allaaaaah! In de Dregg!«
»Na gut …«

An einer Stirnseite der Grube gab es eine Vertiefung im Erdreich. Mir kam kurz der Gedanke, dass sie nicht grundlos dort gegraben wurde, wischte das aber beherzt beiseite und leerte den Rest der Masse dort hinein. Dann folgte ich Izmael, wusch die Hände am Wasserschlauch, sah ihn im Toilettenwagen verschwinden und öffnete die Tür des Bauwagens. Ich starrte auf eine Nebelwand. Der Rauch dutzender Zigaretten hing wie ein Klotz im Wagen und schaffte es nicht raus, weil die Kälte ihn daran hinderte. Die Luft ist zum Schneiden, erinnerte ich mich an Mutters Standardspruch, wenn Vater im Auto rauchte. Izmaels Hand drückte mich von hinten die Stufen hoch.
»Losch! Rein! Isch werd nasch!«
»Tür zu! Es wird kalt!«, rief Werner. Sie klopften Karten. Skat. Eine Menge Münzen lagen auf dem Tisch. Hustend halbierte ich ein Brötchen, strich eine Zentimeterschicht Leberwurst drauf, nahm ein Reissdorf, stemmte den Kronkorken an der Tischkante ab und setzte mich neben Hartmut. Sein Blatt war wirklich außerordentlich gut und er grinste mich an.
»Esch regnet«, meldete sich Izmael aus der Ecke. »Wenn esch regnet, nigsch arbeite in Grube. Isch will Dach!«
Hartmut deckte seine Karten ab und sah zum Fenster.
»Das bisschen Regen … stell dich nicht so an …«
»Nigsch bischen Regen! Kommt bald mehr! Dach oder nigsch arbeite!«, erwiderte Izmael sehr nachdrücklich. Hartmut rollte die Augen.
»Wir ham die große Teerplane für die Betonarbeiten … die ist groß genug für das ganze Loch«, erwähnte Werner. Hartmut musterte ihn.
»Und wie sollen wir daraus ein Dach bauen?«, stellte er die Frage im Zigarettenrauch ab. Sie überlegten. Ich biss herzhaft in das Brötchen, mixte das mit einem Schluck Kölsch und stellte fest, dass Kölsch und Leberwurst gut passte. Man merkte deutlich, wie ihre Fantasie die Flügel ausbreitete und auf einen spektakulären Höhenflug hoffte; bis sie schließlich grinsten.
»Wir ham doch die Dachlatten für die Verschalung. Daraus nageln wir eine Tragekonstruktion …«, schlug Heinz vor.
»So machen wir‘s«, legte Hartmut fest. »Dachlatten, aber hochkant, wegen dem Gewicht. Alle Meter, abwechselnd Einfach- und Doppellattung, das tragen wir über die Grube und legen die Planen auf.«
Werner atmete tief ein und drehte sich zu Izmael, der eine Tomate in Scheiben schnitt und vor sich hin brummelte. »Siehste Ischmael, so sorgen wir für dich …«
»Achtzehn«, meldete Hartmut an.
»Bin weg«, erwiderte Heinz.
Ich steckte den Rest des Brötchens in den Mund und schielte auf den Füllstand der Tüten. Noch ausreichend Inhalt, stellte ich beruhigt fest und leerte das Reissdorf.

***​

Gib Männern Hammer, Nägel, Holz, und sie bauen dir eine ganze Welt. Ein abgedroschener Spruch meines Vaters. Bei ihm gehörte die Beißzange noch dazu, weil er jeden zweiten Nagel krumm schlug. Hier, auf der großen Wiese vor dem Krankenhaus, entstand allerdings ein Meisterwerk der Baukunst. Und nageln konnten die Kollegen. Schnell wurde ihnen bewusst, dass man eine siebzehn mal zwölf Meter große Lattenkonstruktion, inklusive Auflagefläche, nicht am Stück tragen konnte, weswegen sie zwei Teile anfertigten, die wir gemeinsam über die Grube legten und sorgfältig mit Bohlen beschwerten, falls Wind aufkäme und unter die Plane griff. Der Regen hatte in der Tat zugenommen, wie von Izmael prophezeit. Die Teerplane war allerdings so schwer, dass wir sie nur zu viert tragen konnten. Als sie vor unseren Füßen lag, dreckig, klebrig, starrten wir uns abwechselnd an. Das war der Augenblick, in dem uns klar wurde, dass wir keine Ahnung hatten, wie man eine Plane von solcher Größe über die ganze Fläche ausbreiten konnte, ohne in die Tiefe zu stürzen. Über unseren Köpfen begann die Luft zu flimmern, so hatte ich den Eindruck. Dann endlich, nach quälenden Minuten der Stille, schnippte Heinz mit den Fingern.
»Ich hab’s! Wir legen die Plane auf einer Seite gefaltet aus. Ich nehme einen in die Schaufel und bewege ihn über die Grube. So kann er die Plane richtig ausbreiten.«
Erwartungsvoll blickte er in die Runde.
»So machen wir’s!«, stimmte Hartmut dem Vorschlag zu. »Auf, wir ziehen sie auf der linken Seite auseinander!«
Es dauerte nur einige Minuten, dann lag sie in ganzer Länge vor uns, mehrfach gefaltet.
»Und wer geht in die Schaufel?«, fragte Heinz. Ich wollte mich klein machen, zurücktreten, denn solche Jobs überließ man meist den unteren Rängen.
»Izmael! Du bist der Türke hier!«, rief Werner mit einem Lächeln auf den Lippen. »Außerdem wirst DU ja nass. Nicht wir …«
»Ich kann das auch machen«, ging ich mit erhobener Hand dazwischen, ohne überlegt zu haben, was ich da sagte. Etwas trieb mich dazu, Izmael da rauszuhalten, aber Hartmut winkte ab.
»Vergiss es! Du bist der Sohn vom zweiten Chef. Wenn dir was passiert, reißt mir dein Alter den Kopf ab … Heinz, schmeiß den Liebherr an. Izmael in die Schaufel!«
Der hob die Hände zum Himmel und beschwor flüchtig Allah. Dann stellte er sich neben die voluminöse Schaufel. Der Motor sprang an. Heinz hob den hinteren Arm und brachte die Grundfläche der Schaufel in die Horizontale. Izmael kletterte hinein und verschwand fast darin. Die Ketten setzten sich in Bewegung, bis zwei Meter vor den Grubenrand. Dann schwenkte der Aufbau nach links, der zweite Hebel streckte sich zur Ecke und Heinz ließ die Izmael, im Stahl stehend, nach unten. Er packte die Plane.

»Werner und Heinrich! Nehmt die andere Ecke und sorgt dafür, dass die Plane gespannt ist!«, ordnete Hartmut an. Wir liefen auf die gegenüberliegende Seite und taten wie uns geheißen wurde. Und tatsächlich! Die Zusammenarbeit klappte hervorragend. Stück für Stück bedeckte das schwere Ding die Grube. Bald hing Izmael über der Mitte, beseitigte Falten, zog mal links, mal rechts und Heinz erwies sich als ein Meister der hydraulischen Feinmotorik. Nach einiger Zeit war es geschafft. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Heinz uns andeutete aus dem Bereich des Baggers zu gehen. Ich hielt es für eine Vorsichtsmaßnahme, aber dann klappte er die Schaufel ein, hob den hinteren Arm. Izmael fiel mit einem Schrei um. Vielleicht ein Fluch … dann sein Allah-Ausruf. Er schwebte jetzt zwei Meter über dem Boden und Heinz drehte den Aufbau über den Drehkranz. Zuerst langsam, dann beschleunigte er und machte aus seinem Liebherr ein Karussell mit Izmael als unfreiwilligem Mitfahrer, der sich immer wieder versuchte aufzurichten, dann umfiel, bald mit beiden Händen an den Stahlkanten festhielt und die Rotation zwangsweise hinnahm. Heinz gab alles. Mir war nicht klar, dass sich der Drehkranz eines so großen Baggers derart schnell drehen konnte.
»Allaaaaaah!«, schrie Izmael. Werner und Hartmut hielten sich die Bäuche vor Lachen. Ich war sprachlos. Konnte weder lachen noch etwas sagen. Was sollte ich tun? Hoffen, dass es bald aufhörte? Oder Hartmut in die Eier treten? Meinem Vater sagen? Izmael verschwand in der Schaufel. Seine Hände ließen los und Heinz verlangsamte, stoppte, senkte die Hydraulik ab. Wie ein Stück Bauholz purzelte der Gepeinigte heraus. Er versuchte sich aufzurichten, fiel um, probierte es erneut. Es war zwecklos. Ich ging zu ihm, griff unter seine Achseln, zog ihn hoch, bugsierte ihn zu den Zementsackpaletten und setzte ihn ab. Den Oberkörper nach vorne gebeugt, übergab er sich heftig. Ich sprang zurück. Unsere Kollegen wankten lachend in den Bauwagen. Der Regen wurde noch stärker und ich setzte die Kappe der Öljacke auf.
»Nigsch gut Kollege«, murmelte Izmael.

***​

Die nächsten vier oder fünf Tage schwieg er. Keine Begrüßung, keine Verabschiedung. Mittags ein kurzes Gebet gen Südosten, das war’s. Ich tat, was mein Job war. Speis machen, den ich inzwischen von gleichbleibender Qualität anfertigen konnte, alles mit Eimer und Seil in die Grube lassen, dann hinab und Izmael die Ziegel angeben. Ich lernte, Bitumenstreifen als Basis für die Mauer aufzukleben, das Ausnivellieren mit Wasserwaage und Richtlatte, wie man eine Schlagschnur benutzte oder das Senklot einsetzte. Izmael zeigte mir alles, aber ohne Worte. Wir waren in der zweiten Woche und meine Muskeln gewöhnten sich an die vielen neuen Bewegungsabläufe. Hartmut, Werner und Heinz saßen sich weiterhin die Hintern im Bauwagen platt, aber der Vorteil war, dass wir unsere Ruhe hatten. Izmael war schnell und gut. Inzwischen wusste ich, dass wir einen Sammler mauerten, ein Behältnis zum Auffangen des Regenwassers aus den verschiedensten Richtungen, inklusive einer Sedimentabscheidung. Die drei Wochen waren keine Belastung mehr für mich, weil ich merkte, was ich hier alles lernen konnte. Und so stieg ich am Freitag der zweiten Woche frohgelaunt aus dem gelben Bus. Izmael sagte zum ersten Mal wieder Schalam und aufgrund meines Telefonats mit Kemal aus meiner Klasse konnte ich mit dem Gegengruß Aleikum-a-salam antworten. Izmael starrte mich an und zwinkerte mir zu, bevor er sich auf den Weg zum Bauwagen machte.
»Kannst du jetzt schon Türkisch?«, fragte Hartmut erstaunt, eine Reval aus der Packung ziehend.
»Ist Arabisch. Aber gläubige Türken benutzen das auch«, klärte ich ihn auf.
»Aha … woher weißte das denn?«
»Hab ein paar Türken in der Klasse. Die hab ich einfach gefragt.«
Er zündete die Filterlose an und blies den Rauch in den Himmel. »Na dann …«, war seine Antwort und drehte sich weg. Ein Schrei kam aus dem Bauwagen. Fast unmenschlich. Gleich darauf folgte Izmael, den Eimer mit Kellen, Spachteln und Traufeln in der Hand. »Nigsch gut Kollege!«, schrie er, schleuderte Eimer und Werkzeuge in hohem Bogen von sich weg. Scheppernd landete alles neben dem Toilettenwagen. Hartmut grinste und presste die Luft aus. Werner und Heinz brachen in homerisches Gelächter aus und ich verstand nicht, was vor sich ging, trottete aber zum Eimer und wollte die Werkzeuge einsammeln.
Izmael tobte, drehte rennend eine Runde nach der anderen um den Bauwagen. Er rief nicht nur nach Allah, nein, er stieß fortwährend laute Sätze aus, auf Türkisch. Vermutlich Flüche und Beschimpfungen. Als ich die Werkzeuge anfasste, fühlte ich die schmierigen Griffe, ließ sie angeekelt fallen und roch an meinen Händen. Leberwurst! Die Kollegen hatten alle Griffe mit Leberwurst eingerieben! Ich schämte mich. Was sollte ich jetzt tun? Kurz spürte ich den Impuls, allen drei aufs Maul zu hauen, sammelte aber lieber das Werkzeug ein, ging in den Toilettenwagen und fing an, die Griffe mehr als gründlich mit Seife abzuwaschen. Einen könnte ich locker umhauen, malte ich mir aus, aber da gab es noch zwei. Und alle drei waren ziemlich kräftig. Also schrubbte ich lieber ein zweites Mal. Jemand stieg die Treppen zum Wagen hoch, dann stand Izmael neben mir.
»Wiede schauber?«
»Nix mehr dran, Izmael. Ich bin gut im Saubermachen.«
Er nickte, legte jedes der Werkzeuge sorgfältig in den schwarzen Eimer und ging hinaus. Ich sah kurz in den Spiegel und folgte ihm in die Grube. Der Sedimentabscheider musste fertig werden.

***​

Die dritte Woche begann. Laterne, VW-Bus kam, ich stieg ein. Werners Frage nach dem Üblichen. »Dreißig Brötchen und zehn Dosen Leberwurst?«
»Für mich nicht«, sagte ich ihm. »Hab mein eigenes Essen dabei.«
Er starrte mich für einen Moment an. Hartmut drehte den Kopf.
»Was los? Ist dir das mit dem Scherz am Freitag nicht bekommen? Izmael wird’s überleben. Türken sind zäh.«
Ich sagte nichts. Es gab auch nichts mehr zu sagen. Was sollte ich ihm antworten? Sie waren unten durch. Alle drei. Die Menge blieb gleich. Dreißig Brötchen und zehn Dosen Leberwurst. »Müssen wir halt mehr essen«, kommentierte Werner und fuhr los. Nun war ich nicht mehr auf ihrer Seite. Zwar kam mir dieser Gedanke nicht auf der Fahrt, aber eine halbe Stunde, nachdem wir in der Grube waren, stieg Hartmut zu uns herunter und forderte mich auf, mitzukommen. Wir gingen an die östliche Spundwand.
»Hier gibt es einen Durchbruch zum Kanal der vom Krankenhaus kommt. Da muss ein Sinkkasten betoniert werden. Dafür brauchen wir ein Fundament. Hundert mal hundert Zentimeter und achtzig tief.«
Er stach mit einem Spaten das Stück ab, kontrollierte mit dem Meter, korrigierte die Linie und drückte mir den Holzgriff in die Hand. »Zwei Stunden haste Zeit«, sagte er und verschwand. Ich sah ihm nach, dann zu Izmael.
»Machsch du. Schpeisch isch voll. Schtein hol isch mir.«
Also begann ich und stellte umgehend fest, dass der Grund bröckelig und hart war. Der Stahl ging gerade mal ansatzweise hinein. Drauftreten nutzte nichts.
»Holsch Piggel«, riet mir Izmael.

Das tat ich und es dauerte keine halbe Stunde, da wuchsen ordentliche Schwielen an meinen Handflächen. Ich schlug abwechselnd mit der linken, dann mit der rechten Hand. Kräftig wie ich war, machte das kaum einen Unterschied zu beidhändigem Hauen. Nach der Frühstückspause kam der Tiefbau-Ingenieur, um den Fortgang der Arbeiten zu begutachten, kletterte zu uns in die Grube und kam neugierig auf mich zu. Er stellte sich neben mich, drehte den Plan nach allen Seiten und kratzte sich den Kopf.
»Ähm … Entschuldigung, Sie sind doch Konstantin Junior, nicht wahr?«
»Bin ich«, bestätigte ich und wischte den Schweiß von der Stirn.
»Ja … was Sie da machen, ist nicht richtig. Laut Plan passiert an dieser Stelle nichts …«
»Aber der Polier hat gesagt, ich solle das Loch graben für einen Sinkkasten …«
Der Ingenieur winkte ab, grinste fast mitleidig.
»Pläne lesen ist nicht einfach. Der Sinkkasten ist genau auf der anderen Seite. Kommen Sie …« Er wechselte zur gegenüberliegenden Spundwand. Ich seufzte und nahm zur Kenntnis, dass ich verarscht worden war.
»Sehen Sie … hier ist die Lattenmarkierung. Und Sie müssen auch nicht so tief. Wir brauchen nur vierzig Zentimeter, weil der Kanal sowieso höher ankommt.«
Ich nickte. Er konnte ja nichts dafür, der Ingenieur.
»Kein Problem. Das hab ich ruckzuck draußen«, versicherte ich ihm.
»Sehr gut …«
»Nigsch gut Kollege«, hörte ich Izmael murmeln. Der Mann mit dem Plan wendete sich ihm zu, kontrollierte die Abmessungen der Sammlerwände, Winkel und Wandstärken, lobte die sehr gute Arbeit und verließ das Loch. Ich ließ den Pickel in den Boden hacken. Aber dort wie drüben mit demselben Ergebnis. Die Schwielen wuchsen und jeder Schlag tat weh.
Als die Mittagspause kam und ich Bammel davor hatte, mit den schmerzenden Händen die Leitersprossen anzufassen, klopfte Izmael mir auf die Schulter.
»Nigsch Bauwage. Hier schitsche, Pausche mache.«
»Ich muss mein Essen holen, Izmael …«
»Nigsch. Hab Esche da. Du schedsch dich.«
Ich legte ein paar Ziegelsteine auf das Betonfundament und machte es mir bequem. Aus seiner Tasche zog er eine Packung hartgekochte Eier, Fladenbrot und eine große Tupperdose mit hellbrauner Paste.
»Dasch Hommosch. Schehr gut. Nimmsch Ei, Brot, Hommosch.«
»Danke, Izmael.«
Vom Brot riss ich ein Stück ab, tunkte es in die hellbraune Paste und probierte vorsichtig. Doch die Vorsicht war unnötig. Es schmeckte ausgezeichnet. Brot, das Zeug und ins Ei gebissen … um Klassen besser als Leberwurstbrötchen.
»Schmeggd?«
»Schmeckt fantastisch, Izmael.«

Er grinste über beide Ohren. Zum ersten Mal sah ich ein so breites Grinsen an ihm. Die Formen in seinem Gesicht veränderten sich schlagartig. Alles Misstrauische, Dunkle, Zurückhaltende verschwand und wandelte sich zu einem Leuchten. Sein Blick öffnete sich als würde man aus einem dunklen, kalten Tal in eine warme, sonnendurchflutete Auenlandschaft treten. Aus der Stille in vielstimmiges Vogelgezwitscher.
»Darf ich dich was fragen, Izmael?«
Mehr als ein ‚Mh‘ schaffte er nicht mit dem vollen Mund.
»Woher aus der Türkei kommst du?«
Er schluckte ein paar Mal, spülte mit Wasser nach, zog einen Baubleistift aus der Hemdtasche und zeichnete auf den Beton die Umrisse der Türkei. Im Nordosten drückte er einen dicken Punkt aufs Grau.
»Kirdili.«
»So heißt das Dorf?«
»Ja. Dorf heischd Kirdili.«
Ich tippte mit dem Finger außerhalb der gezeichneten Türkei auf den Beton.
»Da ist das Schwarze Meer, nicht wahr?«
»Ja, Meer … isch schön … alles schön in Kirdili.«
»Gib mir mal bitte den Bleistift.«
Er nickte und reichte ihn herüber. Mitten in die Türkei schrieb ich: Ismael aus Kirdili. Aber er schüttelte den Kopf.
»Nigsch ‚sch‘, Ischmael Mitschett!«
»Izmael Mitschett? Ist das dein Name?«
Sein Kopf richtete sich gen Himmel.
»Allaaaah, hilf Ischmael …«
Dann nahm er den Bleistift und schrieb Izmael daneben, tippte auf das ‚z‘. »Mitschett«, betonte er aufgeregt. Schlagartig fiel das Brett vor meinem Kopf auf den Boden. Ich meinte sogar, den Aufschlag zu hören.
»Ach so! Du heißt Izmael, aber mit ‚z‘. Nicht mit ‚s‘!«
Jetzt lachte er und entblößte zwei kräftige Reihen weißer Zähne. Sie sahen aus wie neu. Dazwischen erkannte ich eine Art Restzunge, irgendwie verstümmelt. Er bemerkte meinen Blick und schloss den Mund sofort. Beschämt senkte er den Kopf.
»Schuldigun …«
»Warum entschuldigst du dich, Izmael. Was ist da passiert mit deiner Zunge? Ein Unfall?«
Er rupfte ein Stück Fladenbrot ab, tunkte es in die Paste, führte alles zum Mund. Ich legte die Hand auf seinen Unterarm und stoppte die Bewegung.
»Na komm, Izmael. Erzähl … was ist mit deiner Zunge?«
Er kämpfte mit sich, bewegte den Kopf hin und her, redete Unverständliches. Sollte ich noch einmal fragen? Er sah aus, als müsse dieser Brocken endlich raus, nur wie er das anstellen sollte, schien ihm nicht klar zu sein. Von einem Moment auf den anderen, sackte er in sich zusammen. Ein Häufchen Elend, mehr nicht. Spontan legte ich die Hand auf seine rechte Schulter. »Ist schon gut«, versuchte ich ihn zu beruhigen. Er zog eine Art Perlenkette aus der Jackentasche und begann die kleinen, braunen Kugeln zu zählen in einem Mischmasch aus Türkisch und schlechtem Deutsch.
»Ischmael Kurdisch …«, begann er nach drei oder vier Zählrunden. »Scholdade, du weischd? Ischmael Gefängnisch, Scholdade …«, er demonstrierte mit der flachen Hand so etwas wie ein schneidendes Messer, sah mich mit aufgerissenen Augen an. Wieder dauerte es einen Moment, bis ich die Geste kapierte. Dann fuhr ich zurück, als passierte das Bild in meiner Vorstellung genau jetzt und hier.
»Sie haben dir die Zunge abgeschnitten?«
»Ja, ja, Schunge, vorne, Schunge, mid Mescher … un Schäne alle weg, Ischmael jedsch neue Schäne. Gredit, arbeide in Almanya für Schäne. Gude Schanardsch in Almanya …«
Izmael presste die Lippen aufeinander und nickte in einem fort. Die Augen auf mich gerichtet. Ich konnte seinem Blick nicht ausweichen.

 
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Hallo @Morphin!

Also erstmal Hut ab für die ganzen Bau-Arbeiter-Details, da hast du dir echt Mühe gegeben, klingt so, als hättest du da auch deine Erfahrungen gemacht. Möglicherweise ist es auch ein bisschen zu viel des Guten, ich weiß nicht, ob das in der Menge einladend ist für den neutralen Leser.

Was das Thema angeht ... puh. Ich glaube, es ist ganz schwierig, gut über Rassismus zu schreiben. Ich verstehe die Geschichte so, dass der Sohn des Chefs mal seine Erfahrungen machen soll, sich mal abhärten soll, und dann zum Bau geschickt wird. So weit so gut. Dann sieht er, dass der Türke dort gemobbt wird, weil er ein Türke ist, und findet das nicht gut. Okay, okay. Nur weiß ich nicht, was mir diese Geschichte zeigen will. Es zeigt weder eine ehrliche, offene oder neue Perspektive aus der Arbeiterschicht, also wirklich aus der Perspektive eines Arbeiters, noch zeigt es, glaube ich, eine ehrlich, offene, neue Sicht eines "Türken". Hier gibt es eine klare Täter-Opfer Dynamik, Rassismus wird der Arbeiterklasse unterstellt, das wird dann vom Ich-Erzähler verurteilt, der dann über allen steht - und das war's irgendwie. Oder so lese ich das im Moment. Vielleicht steckt da auch mehr drin ... ich hab das jetzt ein Mal schnell gelesen ... aber ja, das war mein erster Eindruck.

Spannender hätte ich es z.B. gefunden, wenn der Ich-Erzähler, selber anfängt, den Türken mobben zu wollen, weil da halt so ne Gruppendynamik herrscht ... was vielleicht auch mit das Entscheidende ist. Oder wenn der Erzähler mehr und krasser gemobbt wird. Oder wenn der Erzähler mit dem Vater einen Konflikt hat, weil der Erzähler sich aus Sicht des Vaters wie ein junger arroganter Schnösel verhält.

Sorry! Gibt sicher andere, die können mehr damit anfangen. Habs trotzdem zu Ende gelesen und hat zum Denken angeregt.

MfG

JuJu

 
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Hallo @Morphin,

Respekt. Die Geschichte ist nicht nur literarisch hochwertig, sondern auch authentisch. Man wird richtig in die Baugrube hineingeworfen.
Sehr positiv zu hervorheben ist für mich der Lesefluss, der als gemütlicher Bach beginnt, dann richtig an Fahrt aufnimmt, und am Schluss kommt ein Wasserfall.

Das Setting hat mich an mein Baustellen-Praktikum zurückerinnert (war zwar im Hochbau, in Österreich und im Jahr 2014, aber trotzdem). Es wird wohl auch an diesem persönlichen Bezug liegen, dass ich mich so mühelos mitreißen lassen konnte.
Mir gefallen besonders die kleinen Details, die du hier beschreibst. Dazu zählen etwa die Dachlatten, die sie wegen dem Gewicht der Plane hochkant lagern, weil sonst Durchbiegungen entstehen würden.
Der Titel ist wirklich genial. Erst ist er unscheinbar, am Schluss offenbart sich die Pointe. Das Ende finde ich sehr wirkungsvoll, weil es so plötzlich ist. Es ist so plötzlich vorbei, genau wie die drei Wochen des Praktikums. Die Ungewissheit, wie es wohl weitergeht, taucht auf. Die Vorstellung, dass alles wieder wie vorher werden könnte, ist beängstigend, man will gar nicht mehr raus aus der beschriebenen Welt.

So ging es mir zumindest. Ich habe nichts zu bemängeln und würde den Text so lassen, wie er ist. Nur die Dynamik zum Vater könnte man ein wenig ausbauen. Ansonsten habe ich nur diese minimalen Vorschläge:

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Heinz uns bedeutete, aus dem Bereich des Baggers zu gehen.
Hundert Zentimeter mal hundert Zentimeter und achtzig tief.

Danke für diese tolle Geschichte, die Länge hat gut in die Dauer meiner Zugfahrt von der Arbeit nach Hause gepasst. :)

Viele Grüße
Michael

 
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Dann nahm er den Bleistift und schrieb Izmael daneben, tippte auf das ‚z‘. »Mitschett«, betonte er aufgeregt.
...
Erst der dritte Tag und schon keinen Bock mehr
, sinnierte ich an die Decke starrend.

Das Gefühl kenn ich, nachdem das Thema der Graduierungsarbeit (Monopolpreisbildung/Walzstahlkontore - hernach das Modell zur Wiedervereinigung, Konkurrenz billig aufkaufen, einfach stilllegen) den sichergeglaubten Job im ehemaligen Ausbildungsbetrieb (kfm. Lehre) ausradierte … - während der ersten Semester ein sicherer Hafen (man will ja auch im Nachwuchs aus dem Vollen schöpfen) … hernach pflegte ich eine Saison lang während der Semesterferien die heimatliche Flora und Fauna, um sie näher kennenzulernen und tatsächlich auf der Böschung der neuen Hollandbahn (OB-Arnhem) landete und mir heue noch einbilde, ich könnte gleichermaßen im rheinischen Schiefergebirge bei der Weinernte mitmachen –
aber
was - sicherlich nicht nur mir extrem auffällt ist dieses Zurschaustellen eines Sprachfehlers … Mut dat sin?, wie der Pott, naiv wie'er so fracht ... genügt nicht ein erster exemplarischer Satz und schon hat der Hörer, pardon, Leser sich dran gewöhnt ...

Flusenles-ch-en

Morgen früh um halb sieben vorne am Eck, an der Straßenlaterne, trug mir Vater gestern beim Mittagessen auf, als er offenbarte, mich in den vor mir liegenden Osterferien nicht in der Gebäudereinigung zu beschäftigenKOMMA sondern im Tiefbau.

Gerade als ich mich an den Laternenmast anlehnte wollte, rollte ein gelber VW-Bus mit schon geöffneter Schiebetür heran und …
„anlehnen wollte“ oder doch einen Wimpernschlag später "anlehnte"
da haben wahrscheinlich zwo Formulierungen miteinander gerungen, wobei „wollen“ wohl „willentlich“ relativiert

Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Normalerweise sitze ich in der Schule, wenn grad keine Ferien sindKOMMA und arbeite nachmittags in der Reinigungsfirma.«
Der Hauptsatz wird fortgesetzt

Izmael alleine zu lassenKOMMA war mir nicht möglich. Es fühlte sich an wie Landesverrat

Schlagartig fiel das Brett vor meinem Kopf auf den Boden. Ich meinte sogar, den Aufschlag zu hören.
Wer kennte das nicht?

Wie immer mit dem kleinen Wehmutstropfen

gern gelesen vom

Friedel

 
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Hallo @Morphin =)

Jetzt wirst du kommentiert! Badabum! Muss mich mal wieder intensiver im Forum beteiligen, nicht nur stiller Mitbeobachter am Rande der Veranstaltungsfläche sein.

Ich denke, bei Deinem Text ist der Rahmen seiner Veröffentlichung (oder Offenbarung ans Internet, Veröffentlichung klingt so vertragsgeregelt) wichtig, du schreibst hier einen explizit antirassistischen Text, ich als Leser ahne also Motiv und Stoff mit Beginn und stelle mich darauf ein. Das ist keine Kritik. Aber von diesem Punkt betrachte ich deinen Text. Ich finde, du schreibst sauber am Plot, die Geschichte liest sich gut durch, ich als Leser bin orientiert. Ich mag deinen Schreibstil und ja, es ist ein mögen, weil ich bei Morphin immer den Eindruck habe, dass er gerne eine Geschichte erzählt und nicht versucht, das siebenundzwanzigste Metageheimnis zwischen zwei Nebensätzen zu verstecken und sich den narzisstischen Stolz mit einem schmachtvollen Literatur selbst vergoldet. Vielleicht: Konkret, du schreibst konkret.

Inwiefern das von dir gewählte Baustellensetting realistisch ist, mag ich nicht bewerten, aber glücklicherweise gibt es ja Menschen, die das können (@Michael Weikerstorfer z.B.) und dir eine hohe Authentizität bescheinigen. Du schreibst hier detailreich, speziell die Arbeitsprozesse nehmen eine wichtige Rolle ein, habe ich sehr gerne gelesen!

Ich meine - das soll jetzt keine Kritik um der Kritik Willen sein. Nur Hinweise auf ein, zwei Aspekte.

»Kannst du jetzt schon Türkisch?«, fragte Hartmut erstaunt, eine Reval aus der Packung ziehend.
»Ist Arabisch. Aber gläubige Türken benutzen das auch«, klärte ich ihn auf.
»Aha … woher weißte das denn?«
»Hab ein paar Türken in der Klasse. Die hab ich einfach gefragt.«
Als ich deine Geschichte zu Ende las, dachte ich mir: So eine Geschichte hätte ich im Politikunterricht 10. Klasse (oder Sozialkunde) gelesen, Arbeitsauftrag: Arbeiten Sie rassistische Stereotype heraus. Wie hätten Sie an Stelle des Schülers reagiert? Begründen Sie!
Ein Schüler, der auf dem Bau arbeitet, dort die Missachtung eines kurdischen Bauarbeiters erlebt, die richtige Reaktion zur richtigen Zeit zeigt und einfach richtig handelt. Nach zwei Wochen mit "harten Jungs" selbstbewusst genug, das Leberwurstbrötchen seiner Kollegen abzulehnen. Deine Geschichte baut eine sehr sortierte Situation auf: Der Schüler, die Deutschen, der Kurde Izmael. Klar, mit diesem Schema kann man das Thema Rassismus behandeln, keine Frage. Für meinen Geschmack (hochgradig subjektiv) legst du die Frontlinien aber zu offen dar. Denn dass Rassismus das Thema der Geschichte ist, löst du über die ethnische Zuschreibung. Hätte Izmael einen anderen Namen, würde er z.B. Gustav heißen, schon wäre deine Story keine gegen Rassismus oder zur Aufdeckung rassistischer Stereotype, sondern eine über Mobbing und Ausgrenzung am Arbeitsplatz. Man müsste nur sehr, sehr wenig ändern, um aus deinem antirassistischen Impuls einen sozialpsychologischen zu schreiben. Ich behaupte mal: Die Austauschbarkeit ist etwas, was man vermeiden sollte. Jetzt klinge ich oberlehrerhaft, entschuldige. Und es ist ein sehr subjektives Urteil, klar. Soll kein Kritteln um des Krittelns Willen sein.
Eine Lösung wäre vielleicht die Vorstellungswelt der deutschen Bauarbeiter über die Türkei einzubeziehen. Immer fleißig, der Kurde, aber zu Hause kocht der ohne Tomaten. Auch das ist ja der unterschwellige, implizite Rassismus, dieses Denken in "die" und "wir" und "die" können Dinge schlechter, die "wir" gut finden, aber was "wir" gut können, können "die" immer nicht.

Lieber Morphin, mehr habe ich nicht. Ist keine Generalkritik, wie gesagt, ich habe das gerne gelesen, aber das Forum versteht sich ja als sehr kritisch und das sollte auch so bleiben, sage ich und verabschiede mich in den

Feierabend!

Lg aus dem sonnigen Leipzig
kiroly

 
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Guten Morgen @JuJu,

vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren. Das sind drei Wochen meiner Jugend im Jahr 1980, die ich schon länger mal aufschreiben wollte. Ich habe sie auf die wichtigsten Ereignisse zusammengefasst, Für mich als Schüler und unbedarfter Jüngling war das Thema Türke-Jugoslawe-Italiener-Spanier nie von Bedeutung, da ich in den 15 Jahren davor mit all diesen Menschen im Kontakt war. Das mit dem Bagger hielt ich noch für einen bösen Scherz, aber mir war nicht klar, was das mit der Leberwurst an den Werkzeuggriffen auf sich hatte. Dessen wurde ich mir dann bewusst. Aber am Ende ist es eine Geschichte, wie ich sie durch all meine Lebensjahre immer wieder erzählt habe, ohne Wertung meinerseits, ohne Interpretation. Sie ist ganz einfach passiert und das sicher nicht einmalig. All das auszuwerten, zu bewerten, das begann für den Schüler Morphin nach den Osterferien. Die Geschichte dient keinem besonderen Zweck, außer das sie erzählt werden möchte.

Grüße
Morphin

Hallo @Michael Weikerstorfer,
vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren. Authentisch ist völlig korrekt, weil sie in den Osterferien 1980 so ablief. Als Teen stolpert man da erst mal grün hinter den Ohren und naiv hinein. Man beobachtet erst mal. Zumindest ich tat das. Viele unserer Lehrer waren auch nicht wirklich die reinen Demokraten zu dieser Zeit und noch voller Ressentiments gegenüber allem, was dunklere Haut hatte. Von meinem Elternhaus kannte ich das nicht. Mein Vater war alles, aber niemand, der andere Menschen aufgrund irgendwelcher Merkmale herabsetzte. Ich nahm deshalb auch den Sprachfehler erst mal als das, was ich so interpretierte: eben ein Sprachfehler. Dass Kurden in der Türkei Probleme hatten, lief so am Rande unseres jungen Lebens mit. Damals gab es eine Menge Kurdendemos in Köln, die Türken versuchten Öcalan zu fassen, den PKK-Chef. Das war aber alles weit weg für uns. Viel näher war uns da schon die RAF, die uns allen Angst einjagte; doch für einen Teen gab es all das nur zwischen schönen Mädchen und Kumpels. Es ist einfach ein Stück Alltag aus dieser Zeit, das ich nicht vergessen möchte.

Bis dann und Grüße
Morphin

Moin @Friedrichard,
vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren auch Dir. Das mit dem Schungenfehler muss ich einfach so drin lassen, weil es mich durch diese drei Wochen getragen hat und ich erst am Ende erfuhr, was die Ursache war. Leser:innen vergessen vielleicht schnell beim Lesen zwischendurch. Es soll sie erinnern und ist mir in der Tat wichtig ohne dass ich mit anderen Beschreibungen drauf hinweisen möchte. Fehler hab ich ausgebessert. Das Brett vorm Kopf, ja, das war damals eine Zeit, so ab 13, da fielen ziemlich viele Bretter herunter. Erkenntnis ... ein angenehmer Teil des Lebens. Sicher auch im Revier.

Griasle
Morphin

Moin @kiroly,
auch dir gilt besten Dank fürs Lesen und Kommentieren. Ich nehme den Teil mit Politikunterricht 10. Klasse, sehr wenig ändern, um die Gewichtung zu verschieben ... diese Gedanken habe ich mir alle gar nicht gemacht. Es sind schlicht drei Wochen aus meinem Leben, die mir eindrücklich im Kopf blieben. Die ganze conclusio tröpfelte auch erst nach und nach in mein Bewusstsein. Ich verhielt mich wie von meinen Eltern adaptiert, vor allem von meiner Mutter. Sei bei den Herumgeschubsten, stütze sie. Lass die Menschen, die andere ärgern, links liegen.

Meine Reaktionen damals waren so, weil ich so erzogen wurde. Aber auch das war mir nicht wichtig zu erzählen. Alles, was wichtig ist in der Geschichte, können die Leser:innen ganz einfach herausfinden. Der eine mag das so interpretieren, die andere gegensätzlich, das überlasse ich den Lesenden. Ich, als Teen, habe aus diesen Erfahrungen gelernt. Mein Kompass hat sich justiert, mein Blick geschärft. So etwas passiert nicht unmittelbar danach, die Jahre bringen das unbemerkt mit sich. Ich habe für mich die richtigen Schlüsse gezogen. Das ist der Wert für mich in dieser Geschichte von meinen Osterferien im Jahr 1980.

Griasle
Morphin

 
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Das mit dem Schungenfehler muss ich einfach so drin lassen, ...

Recht hastu,

manchmal hab ich mehr als nur'n Brett vorm Kopp ...

Dante Friedchen

 

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