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Johannes Wenzel und die Meistergeige

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Anmerkungen zum Text

Die Textpassage des Amorbach-Textes stammt aus dem Artikel "Amorbach die altfränkische Barockstadt" von Berthold Bührer, in: Volksgemeinschaft. Heidelberger Beobachter. NS-Zeitung für Nordbaden (6), 1936, 12. Juni 1936, S.8.

Johannes Wenzel und die Meistergeige

Johannes Wenzels Mutter sagte immer wieder voller Inbrunst: "Dieses Rot hier überall, es macht mich noch verrückt." Oft begleitet von einer wegwerfenden Handbewegung rings in ihr Umfeld hinein, denn das hier war nicht Prag, wo sie Malerei studiert hatte und gotische Kirchen standen und der Hradschin und Renaissancebauten und das Kloster Strahov und das barocke Schloss Troja und die Oper und die Theater und die Akademie. Oh, diese Vielfalt der Gerüche, Menschen, Farben, Sprachen, das Tschechische, das Prager Deutsch, das Jiddische. Damals, dort.


Und aber jetzt hier: "Die Schiffe fahre den Mä nuff. Nach Aschebersch." Gab es Hässlicheres als diesen Dialekt? Gab es Schrecklicheres als diese engbrüstige Kleinstadt mit ihren Fachwerkhäusern (dunkelrotes "Ochsenblut" auf den Balken), die roten Sandsteinbrüche am Main, das rote Gymnasium in der Luitpoldstrasse, die rote Burg auf dem Greinberg, die roten Doppeltürme von Sankt Jakobus am Schnatterloch, der rote Erzengel Michael samt Satan im Kloster Engelberg. Wie schrecklich oben auf der Wenschdorfer Höhe das rote "Sparkruzifix" - Hände, Füße, Herz, kein Korpus, aber dafür der Stich ins Herz, der war zu sehen. Die Leute spinnen hier.

Und zuletzt das Sandsteinhaus, wo die Familie wohnte. Na gut, es war groß. Aber rot.

Aber Johannes liebte das Haus: Freistehender, zweigeschossiger Sandsteinbau mit eingefügten Mansarden unter dem Dach, ein hohes Dachgestühl voller alter Möbel und brauner Schränke, darin Kleider, Hüte und Bücher, endlos gestapelte Bände der Zeitschrift Gartenlaube, Rückzugsgebiet für Johannes, dort auch freizügige Schriften von Berliner Verlagen um 1890 (welch teuflische Versuchung zu Unkeuschheit und Schwäche), dann eine geschwungene Treppe vom Dachboden über den ersten Stock in das Erdgeschoss, eine Tapetentür im Treppenhaus - Einlass in ein kleines, verborgenes Zimmer der riesigen Wohnung im ersten Stock. Das Gesims draußen, ein etwa 20 Zentimeter breiter flacher Vorsprung, auf dem man sich unter den Fenstern vorsichtig, vorsichtig rückseitig um das Haus bewegen konnte. An einer Ecke auf fünf Meter Höhe eine Bogenlampe und der Blitzableiter, an dem man sich festhielt, um Vampir zu werden: Oben auf dem Mauervorsprung stehen und dieses Wesen sein, das Vorübergehende, sollten sie nach oben schauen, zu Schreckstein erstarren lassen würde.

An der Ostseite ein zweigeschossiger Wintergartenanbau, wo die Mutter Wäsche trocknete und der Sohn Kochtöpfe aufhängte, um wild zu trommeln, wenn die Eltern weg waren. Die breite Sandsteinquaderfassade mit Blick auf die unförmige, riesige Fichte, die das Gebüsch und die wilden Sträucher und die Laubbäume überragte und nachts gleitende Schatten ins Wohnzimmer warf, weil Scheinwerferlicht von der Bürgstädterstrasse eindrang, wenn die schweren Lastwagen vorbeifuhren. Die schlierig rote Terrasse, breit ausholend vor der Nordseite. So lagerte der Bau in einem ringsum verwilderten Park. Die Villa Gaggell, vormals Villa Witzleben.

Unfassbar schön.

Die Witwe Gaggell und ihre zwei Söhne lebten im Ostflügel des Erdgeschosses. Johannes' Eltern und ihre drei Kinder Johannes, Otto und Franz wohnten zur Miete im ersten Stock. Im Wohnzimmer standen ringsum Shannon-Schränke: Hinter ihren Glasklappen wunderbare Bücher, Rücken an Rücken. Es galt zwar die väterliche Maxime: "Man begegne jeglichem Buche hier mit Ehrfurcht, Sorgfalt, Andacht." Aber Johannes durfte lockerer mit den Schätzen des Vaters umgehen, die Mutter erlaubte es. Der Fünfjährige öffnete voll Freude die Klappen. Solange er noch nicht lesen konnte, suchte und betrachtete er die Bilder in den Büchern. Oft stundenlang. Ab und zu zeichnete er auch ein Strichmännchen oder lächelnde Gesichter auf textarme Seiten. Staunenswert war Meyers Konversationslexikon, mattgraues Seidenpapier schützte farbige Abbildungen, knisterte gelblich, wenn man es anhob. Dann zeigten sich die Dinge in all ihren Farben. 20 Bände mit Goldschnitt, mindestens 10.000 Seiten, die sechs Supplementbände noch dazu. Richtiges Gold, ein Schatz. Unerschöpflich.

Unerschöpflich. Aber da gab es im Zimmer von Johannes eine Geige und im Schlafzimmer der Eltern einen Notenständer.


Als Johannes nämlich einst in der Wiege lag und - wie es Kinder tun - die Händchen unermüdlich bewegte, sagte strahlend die Großmutter. „Schaut nur, wie Johannesschnurfel die Händchen bewegt. Großer Gott, das wird ein Geiger. Jesus, Maria und Josef! Er soll eine Geige haben.“ Man kaufte alsbald zwei Geigen in Frankfurt, eine einfache zum Üben. Und eine wertvolle für den zukünftigen Meister, eine Geige mit Löwenkopf ("Schaun's, gnädige Frau, die Schnecke von der Geige ist ein Löwe.") und einem eingeklebten Zettel: „Jacobus Stainer fecit“. Ein berühmter Geigenbaumeister. Also eine Meistergeige der Sonderklasse. "No", sagte die Großmutter, "da wird mein Enkel seine Freude haben, wenn er groß ist. Ein Virtuose wird er vielleicht sein auf dieser Geige. Wenn er auf der anderen geübt hat, das wird ihm helfen."

Berthold Bührer, der löwenmähnige Großmusiker, Experte und Kulturpapst Amorbachs hatte mit seiner poetischen Prosa Johannes Wenzels Eltern ein bisschen beeindruckt, ziemlich viele Adjektive, aber es war Musik drin, Kantilenen, der Sandstein Amorbachs hellte sich sogar für die Mutter auf, wenn man das las:

Das geheimnisvolle Raunen in den Blätterkronen der Platanen ist verstummt. Tiefblau wölbt sich der Frühlingshimmel in unendlichem Bogen über das friedliche Städtchen Amorbach und kosend streicheln die goldenen Sonnenstrahlen all die blumenfreudigen Erker, die efeuumsponnenen Giebel und stolzen Türme. Und droben die Kirchenruine auf der Kuppe des Gotthardtberges, die sonst so elegisch zu ihren Schwestern ins Tal hinabschaut, sie hat in holder Frühlingszeit ihr Leid vergessen und freut sich mit den vielen ungezählten Menschenkindern, die von der Höhe ihres Turmes mit trunkenem Blick die Schönheiten des poesievollen Erdenwinkels in sich aufnehmen.

Kurzum: Johannes Wenzels Mutter und Vater besuchten Bührers Hausmusikabende. Die Mutter schlug für den musizierenden Meister die Notenblätter um, wenn er dynamisch mit dem Kopf zuckte. Bührer wurde in die Villa Gaggell zum Abendessen eingeladen (Salz und Pfeffer in einem Glasschwan mit silbernen, beweglichen Flügeln und einem kleinen Löffelchen), nahm die Meistergeige mit der Löwenschnecke in die Hand, stimmte sie, strich Kolophonium auf die Bogen-Saiten, klemmte die Geige zwischen Kinn und Schulter und legte los. Die Eltern, die Großmutter, sie schlossen die Augen, wiegten die Köpfe, lächelten strahlend. Bührer setzte die Geige ab: „Das ist", sagte er, „eine Zigeunergeige. Nichts Schlechtes. Aber bestimmt keine Stainer-Geige.“


Die erste Enttäuschung legte sich bald ("No, wird er halt spielen wie ein Meisterzigan."). Johannes wurde mit der anderen Geige, der Übungsgeige, zum Geigenunterricht im Gymnasium angemeldet. Der Musikprofessor Andreas Lang betrachtete ihn wohlwollend: „Dein Lehrer wird Franz Hala sein. Ihr seid zu Dritt bei ihm.“ Die Stunden wurden Johannes zur Qual. Unmusikalisch wie er war, traf er die Töne und die Griffe nicht. Zuhause in der Gaggellsvilla hatte er zu üben, legte das Notenbuch auf den Ständer und spielte eine einfache Melodie, die sich variieren ließ, und täuschte tatsächlich seine Eltern. Jeden Mittwoch nachmittags trottete er erbarmungsmäßig traurig gestimmt zu Franz Hala, der im Musiksaal wartete. Eines Tages fehlten die anderen zwei. Und so begann Hala für sich allein mit der Geige. Johannes setzte sich still in die Nähe und wurde von der Musik weggezogen. In Bewunderung und Jammer.

Denn: Halas Geigenspiel war magisch, es zirpte, es schluchzte, es jammerte, es tröstete, es trug. Hala hielt die Augen geschlossen und wiegte, liebkoste die Geige, sie funkelte und sprühte Feuer. Johannes schloss ebenfalls die Augen, niemand sollte merken, dass er gleich weinen würde: Nie würde er so spielen lernen. Nicht einmal in Ansätzen. Die Großmutter.... Und schon wurden seine Augen feucht. Er musste hier weg. Hala hatte die Augen geöffnet, legte die Geige ab, strich Johannes übers Haar: „Sie ist wunderschön, diese Musik. Nicht wahr? Sie kann einen jungen Menschen, ach was, die Menschen zu Tränen rühren.“ Johannes schluckte. „Du hast offensichtlich die Liebe zur Musik“, sagte Hala, "du wirst sehen, die Geige liebt dich." Und begann wieder zu spielen. Und Johannes wischte sich die Augen verzweifelt, verzweifelter, ganz verzweifelt.

Ab jetzt war es für ihn klar, dass er sich aus diesem Musikunterricht zurückziehen musste. Einmal schmierte er sich mit Uhu und roter Kreide die rechte Hand ein, wies sie vor und sagte, er habe sich verbrüht. Halas Bedauern war immens. Das schlechte Gewissen war erträglich. Die Hand blieb zwei Wochen lang verletzt, die Geige unbespielt und dann war das Ende des Schuljahres gekommen.

Zu Beginn des neuen Schuljahres nahm Johannes jeden Mittwoch den Geigenkasten mit Geige, Bogen und Kolophonium über die Schulter, unter dem Bogen stak ein Taschenbuch auf grünem Samt, setzte sich aufs Fahrrad, fuhr Richtung Schule, bog dann aber über die Schererstraße zum Main hinunter Richtung Bürgstadt. Am Handballplatz der Schule befand sich eine Art Holzhaus auf Betonsäulen. Darunter setzte sich Johannes hin, betrachtete den Geigenkasten zu seinen Füßen, öffnete ihn, ließ die Geige drin. Es war gut so, wie es jetzt war. Es war gut. Es war gut und schlecht. Irgendwann würde alles herauskommen. Ja. Aber. Irgendwie hatte der listige Teufel seine Hand im Spiel. Sollte Johannes den Eltern alles gestehen? Sollte er den Teufel und seine Einflüsterungen bannen? "Im Namen Jesu Christi, des Gekreuzigten, befehle ich Dir, weiche Satan!" - das hatte Pfarrer Carl Wagner damals den Kommunionkindern empfohlen. Ein unfehlbar wirksamer Spruch. Eigentlich. Er warf den Satan auf den Boden, durchbohrte den Verführer. Aber den Abwehrzauber jetzt wirklich losschicken? Besser nicht. Vielleicht ließ sich ja doch alles aushalten. Und das Gewissen ließ sich vielleicht übertönen oder still schalten. Und Vater hatte mal erzählt, dass Luzifer der Lichtbringer ist. Und dass er der Pan bei den Griechen ist. Mit Flöte. Mit Bocksfuss.
Die Christen hätten Satan draus gemacht. Die Schlange. Den Drachen.

Das beruhigte, aber es beruhigte nur bedingt und nur sehr punktuell - Der Böse rekelte sich überall in der katholischen Welt, mal blass, mal grimmig, mal höhnisch in der Stadt und am Fluss Main und in Johannes Wenzels Bewusstsein und in seiner Seele und dem Gewissen. Kein rotgesichtiger, komischer Pferde-Hinkefuß mit Mistgabel, kein besiegter Engel unter einem triumphierenden Michael, wie ihn Zacharias Juncker am Engelberg angebracht hatte. Nein, Satan war dunkler, mächtiger Fürst, listiger Einflüsterer, war ringelndes Betrügerreptil, züngelnd, schmeichelnd, beruhigend, ließ ihn seit Wochen die Eltern täuschen. Und unaufhörlich war da Angst vor Strafe, war Verdrängung und dunkle Drohung - zuhause lag Satan lächelnd unter Johannes Wenzels Bett und weckte ihn nachts auf. Den Eltern endlich was sagen? Ja? Aber jeden Dienstagabend hatte Satan den Jungen wieder davon überzeugt, dass man die Täuschung am besten fortsetzte. Es ging ja gar nicht anders. Und irgendwann, ja. Irgendwann konnte man ihn nicht mehr in den Geigenkurs zurückschicken. Und ihn nochmal anfangen lassen? Nein, Johannes. Das war doch eigentlich nicht mehr drin, jetzt nicht mehr. Außerdem: Hilfe lag ja auch im Geigenkasten bereit. Der Main floss träge und tröstlich. Verwaist lag der Sportplatz. Ein Rabe suchte etwas im Rasen.

Johannes nahm langsam das Taschenbuch aus dem Geigenkasten: Er las wieder einmal halb gierig, halb entspannt, wie Tom Sawyer und Huck Finn und Joe Harper die Schule schwänzen und auf dem Fluss fahren und auf einer Insel Unterschlupf finden. Und dort sind sie dann. Lange.

Das ganze Kleinstadt versinkt in tiefer Trauer, weil die Jungen wohl tot sind. Becky Thatcher bereut ihre Kälte gegenüber Tom und die Schulkameraden erinnern sich, dass sie schreckliche Vorahnungen hatten, als sie die Jungen das letzte Mal sahen. Am nächsten Tag, dem Sonntag, versammeln sich alle zur Beerdigung. Der Pfarrer hält eine schmeichelhafte Predigt über die Jungen und die Gemeinde fragt sich, wie sie das Gute in Tom und Joe übersehen konnte. Schließlich bricht die ganze Kirchengemeinde in Tränen aus. In diesem Moment treten die drei Jungen, wie von Tom geplant, durch eine Seitentür ein, nachdem sie gerührt und freudig und ernst ihrer eigenen Trauerfeier zugehört haben.

Joe Harpers Familie, Tante Polly und Mary ergreifen ihre Jungen und umarmen sie, während Huck allein dasteht. Tom beschwert sich: "Das ist nicht fair. Jemand muss sich doch freuen, Huck zu sehen", und Tante Polly umarmt Huck auch, was ihn noch mehr in Verlegenheit bringt. Dann singt die Gemeinde "Old Hundred". Man preiset Gott, den Herrn, von dem kommt Segen und Heil.

Lieber Gott! Keine Verdammnis. Sogar Komik in der Kirche. Der Schwänzer war nicht ganz verloren vor dem Herrn und der Gemeinde. Gar nicht. Wärme und freies Atmen. Johannes kamen Tränen der Rührung und ein wenig lächelte er: Es war ihm nicht ganz klar, warum und worüber. Das alles, die Szene, die Kirche, der Fluss, der Gesang, die Komik, das alles war irgendwie schön und tat ihm gut und keiner sah ihn. Und da drüben lag Bürgstadt mit seiner alten Kirche. Gar nicht engbrüstig. Man konnte frei atmen.

Der Junge schaute zum Mainufer mit seinen Bäumen, den Büschen, dem modrigen Schilf. Das Glucksen des Wassers, wenn ein Fisch nach einer Mücke schnappte. Libellen standen in der Luft und ruckartig zuckten sie weg von ihrem Platz. In sein Bewusstsein glitten die rote Stadt, das rote Haus und der lebendige Park. Ausatmen und Einatmen. Ruhig geworden, ganz ruhig, nahm der Junge den Geigenkasten auf den Rücken, setzte sich aufs Fahrrad und fuhr zurück in den verwilderten Park rings um die rote Villa, mit der Wohnung der Eltern oben im ersten Stock, mit den Brüdern, den Büchern, der Mutter, dieser Künstlerin.

Es war fast windstill. Die Büsche und Bäume bewegten sich kaum. Er blickte kurz nach unten auf den Weg und genoss sie einen Augenblick lang, die surrende Bewegung des Vorderrades, angetrieben von seinen langsam kreisenden Füßen auf den Pedalen.

Vor dem roten Haus stieg er ab und blickte nach oben.
Eine Wolkenflotte: Segel bauschten sich.
Schiffe schwammen an der Sonne vorbei und streichelten mit ihrem Schatten sein Gesicht.
Und es war gut hier.

 
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Hallo @Willibald,

also das hat diese Geschichte nun wirklich nicht verdient, dass sie hier so tagelang unkommentiert vor sich hin schmort. Sie ist nämlich gelungen! Respekt.
Und zwar Respekt, was du aus dem schlichten Plot machst: ein Junge in bürgerlichen Verhältnissen wird fatalerweise von seinen Verwandten zum Geigenunterricht geschickt und stellt fest, dass ihm das gar nicht gefällt, weswegen er diesem Unterricht nachhaltig fernbleibt und versucht, mit seine Dauersünde klarzukommen.

Was mich etwas gestört hat, ist dass es ja bekanntermaßen immer fein ist, wenn man in medias res geht, wir sind hier immerhin im Bereich der Kurzgeschichte und nicht der des Romans, wo es aber auch schon beim ersten Satz tüchtig zur Sache gehen darf. Der heutige Leser ist schnell gelangweilt.
Und im Vergleich zu ganz ganz früher benötigen wir heute nicht mehr eine längere Beschreibung der Örtlichkeiten und der Umgebung, weil wir heute überall hinreisen und wenn wir das nicht tun, so doch jede Menge Bild- und Filmmaterial zu fassen bekommen, so dass man, wenn man es intensiv betreibt, sich bald besser in einer Stadt, an einem Ort auskennt als der Einheimische und zwar nur, weil man sich über die Medien und das Internet informiert hat.
Ich will damit sagen, dass dein Schreibstil mir zwar sehr gut gefällt, du wählst einprägsame und wohl temperierte Worte und man hat Spaß, es zu lesen, aber du gehst zu sehr in die Breite.
Ich bin mir sicher, dass du vor 200 Jahren einen Bestseller nach dem anderen geschrieben hättest, aber jetzt musst du schon warten, dein passendes Lesepublikum zu finden mit diesem Schreibstil.

Und dann ist da noch etwas, was ich momentan nicht so richtig einsortieren kann. Ich finde zwar, dass du Fotos beifügst, überhaupt nicht störend, aber du mogelst dich dann natürlich um manche Beschreibung etwas herum. Als Leser weiß ich nicht, ob mein Eindruck über z.B. die Villa nun von deinem Text oder mehr von deinem Foto stammt.
Das hier ist ja aber eine Textwerkstatt und keine Fotocommunitiy, von daher empfinde ich es als leicht irritierend, dass du deine Texte so präsentierst, einmal abgesehen davon, dass ich nicht weiß, ob in den Regeln sich da etwas geändert hat.

Gefallen hat mir, dass du es dem Leser überlässt, was nun am Ende der Geschichte passiert. Ich habe mich allerdings noch nicht für ein Ende entschieden, denn ich denke, es wäre beides möglich.

engbrüstige Kleinstadt
Gute Formulierung.
Ab und zu zeichnete er auch ein Strichmännchen oder lächelnde Gesichter auf textarme Seiten.
Haha...ja, stimmt wozu sind sonst die freien Stellen da?
Bührer wurde in die Villa Gaggell zum Abendessen eingeladen (Salz und Pfeffer in einem Glasschwan mit silbernen, beweglichen Flügeln und einem kleinen Löffelchen), nahm die Meistergeige mit der Löwenschnecke in die Hand, stimmte sie, strich Kolophonium auf die Bogen-Saiten, klemmte die Geige zwischen Kinn und Schulter und legte los.
Herrlich wie du durch die Aufzählung der Gegenstände, die du in Klammern gesetzt hast, das Bürgerhaus zeichnest. Kolophonium musste ich erstmal googeln, also das ist das Bogenharz.
Unmusikalisch wie er war,
Hier möchte ich aber dir den tausend Mal bereits hier geschriebenen Satz "show, don't tell" vorhalten. Was war denn an ihm so unmusikalisch? Ich bin davon überzeugt, dass kein Mensch auf diesem Planeten unmusikalisch ist. Das heißt zwar noch lange nicht, dass jeder ein Instrument spielen kann und gut singt, aber hier machst du es dir viel zu einfach.
Dabei ist doch gerade das der Dreh- und Angelpunkt deiner Geschichte.
Hala hielt die Augen geschlossen und wiegte, koste die Geige, sie funkelte und sprühte Feuer.
Über das Wort koste bin ich gestolpert, weil ich im Moment nicht auf die Idee kam, dass du liebkosen meinst. Vielleicht geht es anderen Lesern auch so und dann wäre es gut, wenn du liebkosen daraus machst.
Aber den Abwehrzauber jetzt wirklich losschicken? Besser nicht. Vielleicht ließ sich ja doch alles aushalten. Und das Gewissen ließ sich vielleicht übertönen oder still schalten.
Herrlich! Dieses Hadern mit den Möglichkeiten. Aber ich erkenne mich da selbst wieder, ich mag auch nicht meine allerletzten Möglichkeiten ausspielen, wobei es natürlich etwas anderes ist, als das, was du hier beschreibst. Zum Beispiel würde ich die allerstärksten Schmerzmittel vermutlich nie einnehmen, sondern immer mildere, weil das hieße ja dann das letzte Mittel verbraten. Jedenfalls hat mir gefallen, dass du diesen Gedanken eingebaut hast.

Das war doch eigentlich nicht mehr drin, Jetzt nicht mehr.
hinter drin entweder einen Punkt oder das Jetzt kleinschreiben.
Das ganze Kleinstadt versinkt in tiefer Trauer,
Die

Lieben Gruß

lakita

 
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Liebe @lakita,

sehr habe ich mich über Deine Rückmeldung gefreut, es macht einfach Spaß, wenn man erleben darf, wie das eigene Bewusstsein und seine Geschichte von einem anderen Bewusstsein erlebt werden und dabei der Ausdruck "fremdes Bewusstsein" schwindet.

Und im Vergleich zu ganz ganz früher benötigen wir heute nicht mehr eine längere Beschreibung der Örtlichkeiten und der Umgebung, weil wir heute überall hinreisen und wenn wir das nicht tun, so doch jede Menge Bild- und Filmmaterial zu fassen bekommen, so dass man, wenn man es intensiv betreibt, sich bald besser in einer Stadt, an einem Ort auskennt als der Einheimische und zwar nur, weil man sich über die Medien und das Internet informiert hat.
Sehr überlegenswert, medias in res zu gehen. Hier liegt so etwas bei der Aussage der Mutter vor und dann kommt dieses seltsam lange Schildern des Milieus roter Steine und Wesen. Gedacht war daran, dass der Junge in einem Umfeld Ruhe und Sanftmut und Gelassenheit findet - neben Mark Twain -, das von der Mutter skurril-humorvoll bis heftig-ernsthaft verdammt wird. Daher das Schwergewicht dieser Passagen und der vielleicht aufsteigende Erinnerungs- und Trostwert von Stadt und Fluss. Aber keine Frage: Das ist eine gewisse Ungleichgewichtigkeit zu verzeichnen.
Und dann ist da noch etwas, was ich momentan nicht so richtig einsortieren kann. Ich finde zwar, dass du Fotos beifügst, überhaupt nicht störend, aber du mogelst dich dann natürlich um manche Beschreibung etwas herum. Als Leser weiß ich nicht, ob mein Eindruck über z.B. die Villa nun von deinem Text oder mehr von deinem Foto stammt.

Ja, das stimmt einfach. Mich faszinieren im Moment Werke von W.G. Sebald und Hans Magnus Enzensberger ("Eine Handvoll Anekdoten: auch Opus incertum") und überhaupt das Verhältnis von ikonischen Phänomenen und skripturalen (Hüstel). Dazu die "Faction", also die Mischung von Fiktion, Fakten und poetischen Strukturen.
Über das Wort koste bin ich gestolpert, weil ich im Moment nicht auf die Idee kam, dass du liebkosen meinst. Vielleicht geht es anderen Lesern auch so und dann wäre es gut, wenn du liebkosen daraus machst.
erledigt
Hier möchte ich aber dir den tausend Mal bereits hier geschriebenen Satz "show, don't tell" vorhalten. Was war denn an ihm so unmusikalisch? Ich bin davon überzeugt, dass kein Mensch auf diesem Planeten unmusikalisch ist. Das heißt zwar noch lange nicht, dass jeder ein Instrument spielen kann und gut singt, aber hier machst du es dir viel zu einfach.
Dabei ist doch gerade das der Dreh- und Angelpunkt deiner Geschichte.
gewiss, der Protagonist kann nicht Geige spielen. Das ist hier vielleicht ein bisschen zu weit formuliert mit "unmusikalisch".
hinter drin entweder einen Punkt oder das Jetzt kleinschreiben.
erledigt

Herzlichen Dank

 
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"Die Schiffe fahre den Mä nuff. Nach."
...
Ab jetzt war es für ihn klar, dass er sich aus diesem Musikunterricht zurückziehen musste. Einmal schmierte er sich mit Uhu und roter Kreide die rechte Hand ein, wies sie vor und sagte, er habe sich verbrüht. Halas Bedauern war immens. Das schlechte Gewissen war erträglich. Die Hand blieb zwei Wochen lang verletzt, die Geige unbespielt und dann war das Ende des Schuljahres gekommen.

Upps – ich hab ja noch gar nicht das Schelmenstück im besten Sinne gewürdigt,

lieber Willibald -

und es sollte mir ein Vergnügen werden – zu dem – das kann kein Zufall sein - der von mir verehrte Mark Twain* mit seinen Figuren den Kreis quasi vom „Mä“ bis an die Missis Sippi erweitert … über

Aschebersch
hinaus und insbesondere der Frage
Gab es Hässlicheres als diesen Dialekt?

(Meine Antwort:
Ja, keinen kennen und diverse Soziolekte, Pidgin, Kreolisch ertragen zu müssen und doch zu wissen: Selbst Pidgin kennt grammatische Strukturen). Und aber jetzt hier:

Gab es Schrecklicheres als diese engbrüstige Kleinstadt …
Auch das, wenn man zur Konfirmation etwa "ordentlich" einge(k)leidet wird wie in Zwangskleidung ...

Denken wir nicht alle so oder doch so ähnlich?

Dann auch der Hinweis auf die Gartenlaube … den ich positiv ansehe. Denn da werd ich den Teufel tun, dergleichen Heutige schräg anzusehen: Für viele, wenn nicht sogar die meisten, ist das der Einstieg, überhaupt an Literatur jenseits der Groschenromane zu kommen. Und selbst die verachte mir keiner -

Gern gelesen vom

Friedel

* Twains Autobiographie hastu wahrscheinlich schon gelesen, wenn nicht: unbedingt lesen!

So - jetzt ist aber gut ...

 
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Dear@Friedrichard,
bei Gartenlaube und Mark Twain
öffne Türen rennst du...

Beste Grüße und Danke für Rückmeldung.
w

 
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So...
Caro Willibaldo,

das war jetzt schön, den ersten Johannes noch einmal zu lesen. Und wie bei Johannes dem Zweiten ist da etwas recht unkurzgeschichtenhaftes (wie, das Wort gibt es nicht?).
Iakita hat ja auf die lange Einführung hingewiesen. Für mich nicht zu lang, denn die Familie ist hier eine Hauptfigur, und dazu gehört die spezielle Wahrnehmung ihrer Umgebung und die Mischung aus, wie gesagt, Exzentrik und Snobismus. Und diese Familie gelingt dir sehr gut, mit Witz und feiner Beobachtung, und auch wenn man die Mischpoke eigentlich schon kennt, mag man sie doch...
Wenn nun in der Mitte der Geschichte der Junge zur Hauptfigur wird, nachdem wir Mutter und Großmutter schon so gut kennen, dann heißt das nicht, dass ich als Leserin bereit bin, die Familie (in die ich nun schon investiert habe - beziehungsweise: die mich mit ihrem Charme bereits bestrickt hat) zugunsten des Sprösslings aufzugeben. Tja. Wenn es einen zweiten Johannes gibt, dann kann man natürlich auf einen dritten hoffen oder gar ein ganzes Nest von Johannessen. Dann wird auch an Geschichten über die mütterliche Linie kein Mangel sein. Dann ist alles gut. Aber wenn ich nur diese Geschichte vor mir habe, dann möchte ich einfach so schrecklich gern wissen, wie sich die Familie aus dieser Enttäuschung rausquatscht. Oder irgendetwas anderes macht. Für mich war das beim ersten Lesen so eine Kante, als hättest du eine Geschichte begonnen (die Bürgerliche Familie) und eine andere zu Ende erzählt: Junge löst Konflikt durch Lesemagie.
(Huck ist dafür natürlich genau der Richtige. Der Richtige, aber aus der falschen Welt, das genaue Gegenteil eines Bürgerkindes. Kannst du diese Welten wieder zusammenbringen?
Oder besteigt Johannes mit seiner Geige einen Kahn, um zur Nordsee zu kommen, wird Seemann, kommt dreißig Jahre später zurück?)
Nunja. Ich habe den Text vor ein paar Wochen zum ersten Mal gelesen, inzwischen bin ich natürlich älter und weiser und erfreue mich am Unkurzgeschichtenhaften, an offenen Enden, an in der Versenkung verschwindenden Großmüttern...
Und vielleicht stehen Mutter und Großmutter in einem nächsten Teil Spitz auf Knopf.

Achja: die Bilder - schön, dass du mit Bildern arbeitest, ich bin ein Riesencomicfan. Die verfremdeten Bilder in den, nehme ich an, neueren Texten sprechen mich stärker an als die "dokumentarischen" hier. Teilweise, weil z.B. das Foto der Villa nicht in die Zeit passt, das abgebildete Gebäude ist vermutlich im 21. Jh. restauriert worden. Ich dachte, wenn du dokumentarische Bilder aus der Zeit der Geschichte nimmst, äh fälschst? Zeitungsausschnitte, ein altes Foto in verblichenen Farben? Oder etwas ganz anderes, um der Geschichte eine Ebene hinzuzufügen...
Zum Thema Magie und Innenwelten, wo wir bei Comics sind, geht mir nichts über David B. "Die Heilige Krankheit" - nur falls es dir noch nicht über den Weg gelaufen sein sollte.

Einen feinen Gruß zur Nacht
Placidus

 
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Carissima@Placidus,

ich freue mich über Deine liebevolle Rückmeldung an den Text: Das Haus ist - so glaube ich - tatsächlich eine Hauptfigur und Resilienzraum, gerade wegen seiner Opposition in Sandstein und der Aversion der Mutter mit Prag-und Künstlerverhaftung.

Die Bilder - nun ja - Comics liebe ich sehr, auch liebe ich sehr, wie Kafkas Bildchen als Randkritzeleien wirken oder was Enzensberger gerade mit Text und Bildern macht oder der Antonio Tabucchi. Leider ist es im Forum nicht mehr möglich, Bilder einzustellen. Jammerschade, weil das auch das Forum attraktiver macht. Andererseits verständlich, da eine rechtliche Überprüfung und neuere Satzungen dem Forumbetreiber hier und anderenorts im Nacken sitzen.

Bin gespannt, inwieweit bei der fulminanten "Einrichtung" eine erzähltechnische Neufassung greifen kann.

Beste Grüße
w

 

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