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Johannes Wenzel und Odins Raben

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Johannes Wenzel und Odins Raben

Seit kurzem hing ein Bild in der Stube 27, von Ben mit Tesafilm an der Wand festgeklebt, er hatte es in der Schreibstube farbig ausgedruckt nach dem Besuch in den Löwen-Lichtspielen. „Wer soll das denn sein?“, fragten wir.
"Sieht aus wie Anthony Hopkins?"
„Ja, das ist Anthony Hopkins und Odin. Furchterregend. Hat nur ein Auge und einen breitkrempigen Hut, will nicht gleich erkannt werden, trägt immer einen blauen Mantel und den magischen Speer Gungnir. Erinnert ein bisschen an Johannes Wenzel, wenn er sich im Gelände tarnen will“

„Ähä, sehr witzig“, sagte ich, „die gefiederten Freunde da auf seiner Schulter kenne ich. Das sind die Raben Huginn, zuständig für Gedanken, und Muninn, zuständig für Erinnerung. Sie helfen diesem Odin bei der Suche nach Weisheit, er kann von seinem Hochsitz Hlidskjalf alles überblicken, was in den neun Welten geschieht. Furchterregend dieser Gott, man kann, man sollte ihn respektieren, liebenswürdig ist er nicht. Er ist ein Gott der Krieger. Er ist ein Gott der Barden, der Poeten. Das schon auch.“
„Okay, Gandalf halt. Johannes, Du bist ein Langwaffler. Wer gibt?“

„Lassen wir das mit den Spielkarten“, sagte Benjamin, der Vater war Ire, die Mutter kam aus Dinkelsbühl, „das Leben hier ist sowieso schon Mau-Mau und Mist.“
Wir nickten. Jetzt war Philosophisches zu erwarten. Aber gut.

„Die Geschichte der Menschen “, sagte Ben, kratzte sich am Kinn, hob seine Hand und zog langsam, langsam einen Halbkreis über den Tisch , „ist ein langer Strom mit Sandbänken und Ufern. Der Strom, liebe gefiederte Freunde, ist manchmal mit Blut von Menschen gefüllt, die töten, stehlen, schreien wie Feldwebel Schneider und Dinge tun, die Historiker normalerweise aufschreiben, während an den Ufern die Menschen fast unbemerkt Häuser bauen, Liebe machen, Kinder großziehen, Lieder singen, Gedichte schreiben, lange und kurze Geschichten oder Jokes erzählen. So ist das.“

Wir sahen uns an. Jokes. Oh, das leuchtete ein! Wir tauchten in die letzten zwölf Monate, tauchten in Erinnerungen und setzten mit geröteten Gesichtern kurze Geschichten, Sketche zusammen. Wir kamen uns dabei vor wie Cleese, Chapman, Idle, Palin, Jones, Gilliam und noch ein Siebter von den Monty Pythons.

Feldwebel Schneider betritt zum ersten Mal die Stube 27: "He, was? Alles Aburrrienten, was? Telligent wollt ihr sein? In-telligent seid ihr. Mäusemelker seid ihr."

In der Mittagspause geht Feldwebel Schneider an unserer Gruppe - wir sitzen rauchend im Gras hinter der Nibelungen-Kaserne - vorbei. Dabei entweicht ihm leise, aber gut hörbar ein dumpfer, kurzer Furz. Er wendet den Kopf zu uns, sagt: „Na, ihr?“

Im Hof vor dem grauen Kasernenblock hat sich Feldwebel Schneider aufgebaut: "Kompanie, stillgestanden!" Stimme aus dem Hintergrund: "Und sie bewegt sich doch." Feldwebel Schneider mit hochrotem Kopf: "Wer hat das gesagt?" Stimme aus dem Hintergrund: "Galileo Galilei." Feldwebel Schneider: "Galileo Galilei, vortreten!"

Zwei Stunden kreatives Werkeln verstrichen, wir gerieten wider Erwarten gegen Mitternacht in eine besinnliche, friedliche, grollfreie, ja versöhnliche Stimmung. Alles Schnöselige, alles Bildungsbürgerliche, das war weg. Ben murmelte etwas von Katharsis durch Komik. Und wir hatten eine Vision: Feldwebel Schneider wird als Zen-Buddhist wiedergeboren, ist ruhig, friedfertig, intelligent, die Trennung von Subjekt und Objekt hat er hinter sich gelassen, er beharrt nicht mehr auf einem Ich, er ruht in sich, er ist Eins mit Allem. –

"Hoho", rief ich, „schaut, wie buddhamässig Monk Schneider dasitzt!“

Ruhig und entspannt, die Beine gefaltet, im Lotossitz dem Zen-Meister gegenüber. Der Zen-Meister lächelt und spricht dann einen dieser rätseligen Koans in Frageform.
"Du weißt, dass es dich nicht gibt?" Bescheiden antwortet Monk Schneider mit einem leichten Nicken des Kopfes: "Wem sagst du das?"

Benjamin, der manchmal von zu Hause, aus dem Geschäft seiner Eltern in Dinkelsbühl, eine Whiskey-Kruke Tullamore in den Odenwald nach Walldürn mitbringen konnte, sagte: „Ich hab da was. Funktioniert nur auf Englisch. Holt eure Zahnputzgläser. Ich gebe einen aus.“ Er holte aus seinem Spind eine Kruke Tullamore, schenkte uns ein und wir schwiegen erwartungsvoll.
„Also, ja. Wer nicht so gut Englisch kann: One with all ist wohl klar, eins mit allem. Change heißt Veränderung und auch Wechselgeld. Und ein Döner-Vendor verkauft Döner.
„Jou“, sagten wir und nickten gut gelaunt.

Our Monk Snyder walks up to a Döner-Vendor and says: „Make me one with all.“

Friedel keckerte ziemlich lange.

Dann aber brachte Ben noch eine Fortsetzung, echt gut:

When the Döner-Vendor hands him the Döner, the Buddhist Snyder pays and asks for his change. The vendor smiles and replies:
„Change comes from within."

„O mei“, sagte ich lächelnd und schaute auf das Odinbild hinter Ben. „Um auf Bens Rede vom Fluss der Geschichte zurückzukommen: Das trinkende Vieh am Fluss stirbt irgendwann, unsere Verwandten am Fluss sterben, ich selbst werde sterben, Ben wird sterben, Friedel wird sterben, wir werden alle sterben. Aber ich weiß etwas, was nicht sterben wird. Das sind die Geschichten, die wir Krieger bei unsrem Tod hinterlassen. Die kurzen, die langen. Geschichten, die wir in unser Leben einschreiben, die das Leben mit uns über uns schreibt.“

Ich machte eine Pause, ziemlich ergriffen und beeindruckt von meiner Rede, außerdem war ich mir sicher: Der Rabe da auf Odins Schulter hatte bei "mit uns über uns" mir zugenickt und zugezwinkert. Ich schloss für einen kurzen Moment die Augen, dann öffnete ich sie.
"Das Augenblicksbild", sagte ich überzeugt in die Runde blickend, "das ist ein besonders wirkungsvoller Typ von Kurzgeschichte. Dieser Rabe bestätigt das."

Wir tranken noch einige Gläser Tullamore. Dann setzte sich der Rabe auf Bens Schultern und krächzte: "Wer kann das Geräusch wachsenden Grases hören? Das Geräusch von Wolle, die auf dem Rücken eines Schafes wächst? Das Wedeln des Hundes mit seinem Schwanz? Das Neigen des Schilfrohrs im Wind. Das Fließen der Gedanken in meinem Kopf un euren Köpfen. Die Flammen des Sonnwendfeuers auf dem fernen Grainberg. Den Rabenflug um die summenden Hochspannungsmasten beim Sportplatz. Wer braucht weniger Schlaf als ein Vogel? Wer ist so adleräugig, dass er bei Tag und Nacht die kleinste Bewegung in hundert Meilen Entfernung sehen kann? Hört ihr mich? Wisst ihr das? Redet schon!"

Die Tür ging auf. Im Türrahmen stand, wenn ich das richtig sah, Feldwebel Schneider. Er trug eine Augenklappe wie Odin. Der Rabe auf seiner rechten Schulter krächzte: "Wer ist beim ersten Spatzenfurz so früh schon auf?"
Da breitete der Rabe auf Bens Schulter die Flügel aus, flatterte zu der Gestalt im Türrahmen, setzte sich auf die freie Schulter und krächzte: "Na, wer schon?"

 
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Ja, so was gefällt mir -
aber,

lieber Willibald,

gelingt überhaupt die Kombination der Einleitung

Seit kurzem hing ein Bild in der Stube 27, …
sie mutet mich seltsam an, kann etwas, das lange vorbei ist (schließlich „hing [anno tobacco]“ das Bild in der mehr oder weniger guten Stube 27) "seit kurzem" sein?

Ok, wer gibt?“

zu fragen, wie denn Oklahoma (OK, ok, Ok …) in die Stube gerät, wenn selbst der Duden empfiehlt, okay in der Abkürzung mit (Abkürzungs)Punkten zu versehen – aber was soll das für eine Abkürzung sein, fünf Zeichen [zwo Buchstaben, zwo Punkte nebst einem Leerzeichen] für ausgeschrieben vier ...?

Gern gelesen vom

Friedel

 
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Hajo dear @Friedrichard,

das mit dem Oklahoma ist vielleicht doch schon ein bisschen .... Du weiß, der Fluss der Geschichte:

https://www.oed.com/viewdictionaryentry/Entry/130925

Wer den 13. Krieger kennt und die Time Bandits, kennt vielleicht auch den unverächtlichen Thorfilm und seinen Odin mit Anthony Hopkins (2011)? Oder Taika Waititis (das ist der mit JoJoRabbit) Thor Ragnarok (2017) auch mit Anthony? Also Ben hat den Film besucht und dann beseligt das Bild von Odin ausgedruckt.

Beste Grüße
w

 
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Hallo @Willibald ,

einer der Texte, die Spaß machen zu lesen, einfach nur durch die lockere Art der Formulierungen und die ein oder andere Anekdote.

Dennoch würde es mich freuen, mal eine längere Geschichte von dir zu lesen, bei der es um eine Handlungs- und Charakterentwicklung geht. Frühzeitig etwas, das neugierig macht, wie es weitergeht. Da lässt sich bestimmt auch in dieser Erzählart etwas finden.

Die teils längeren Sätze finde ich nicht immer gelungen, durch sie entsteht m.E. nicht unbedingt ein besserer Lesefluss. Auf mich wirkt es etwas gekünstelt, als wolltest du es als Stilmittel einsetzen, obwohl es für die jeweiligen Inhalte nicht notwendig wäre und vielleicht auch nicht immer passt.

„Äha“, sagte ich, „die gefiederten Freunde da auf seiner Schulter kenne ich. Das sind die Raben Huginn (Gedanke) und Muninn (Erinnerung), sie helfen diesem Odin bei der Suche nach Weisheit, er kann von seinem Hochsitz Hlidskjalf alles überblicken, was in den neun Welten geschieht. Furchterregend dieser Gott, man kann, man sollte ihn respektieren, liebenswürdig ist er nicht.
Die Begriffe in Klammern finde ich seltsam in einer wörtlichen Rede, wie sagt der Sprecher das dann?

When the Döner-Vendor hands him the Döner, the Buddhist Snyder pays and asks for his change. The vendor smiles and replies:
„Change comes from within."
Sehr gut, das merke ich mir, falls ich mal etwas in einem englischsprachigen Land verkaufe! :gelb:

Gerne gelesen, viele Grüße,
Rob

 
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23.06.2021
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"Change comes from within." Das gefällt mir auch.

Lieber @Willibald,

danke für den schönen kleinen Einblick in den Bundeswehr-Alltag. So ähnlich habe ich es auch erlebt, allerdings ohne Odin und die Raben. Das hat mir gut gefallen - nur als kleine Anmerkung - ich hätte mir mehr Reaktion des Feldwebels gewünscht. So wirkt es beiläufig.

Wenn unserem alten Spieß damals jemand mit dem Galileo-Spruch gekommen wäre, hätten wir die nächsten Nachmittage mit Liegestützen und Hindernis-Läufen verbracht. So wirkt er nicht buddhistisch, sondern wie eine Witzfigur.

Liebe Grüße,
Gerald

 
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14.02.2022
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Dearest @Rob F @C. Gerald Gerdsen,

vielen Dank für die ermunternden Rückmeldungen. Hier meine Überlegungen zu den wertvollen Anregungen.

Die Geschichte von Stube 27 konzentriert sich, was eine Kurzgeschichte gerne tut, weniger auf eine Ereigniskette und eine gewisse Handlungsentwicklung samt Facettenentwicklug zentraler Charaktere, sondern eher auf eine zentrale Situation und die komische Verarbeitung einer Belastungssitution. Entlastung bietet dabei nicht nur der gute Whiskey, sondern vor allem die fröhliche Entspannung, die man wie die Monty-Pythons in Humor, Komik, Sprachwitz, Kreativität, Mythosspiel, Pointen findet. Daher dann auch die grollfreie, erleichtert-versöhnte Vorstellung vom Zen-Snyder. Und daher auch die eher unrealistisch-absurde Jokesache mit Galileo Galilei: Die Komik breitet da ihre Rabenflügel aus und stürzt nicht unbedingt in der Realität ab.

Die Klammerausdücke (Rob F) bei den Rabennamen habe ich verändert.

Herzlichen Dank-
w

 

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