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Keine neue Welt

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Keine neue Welt

Ruttger kletterte ins Cockpit, während sich die Luke zum Frachtraum seines Transportgleiters schloss. Er aktivierte den Bordcomputer und wies per Sprachbefehl das Flugziel an:
„Warenlager Oranienburg.“
Erweiterte Route oder Direktflug über Alt-Berlin?“, fragte der Computer mit monotoner Stimme.
Er sah auf die Uhr neben den Flugdisplays, es war bereits 19 Uhr 23.
„Nimm den Direktflug, in den letzten Monaten war es sehr ruhig über der alten Stadt.“
In Ordnung.
Die beiden Rotorblätter in den Flügeln begannen zu zirkulieren, schon wenige Sekunden später schwebte er über dem Boden der Abflughalle. Der Autopilot manövrierte den Gleiter aus der obersten Etage des Sky Towers von Neu-Berlin in den hellen Sommerabend.
Ruttger lehnte sich zurück und schloss die Augen, während er über die anderen Wolkenkratzer der erst vor knapp zehn Jahren fertiggestellten Megastadt flog.
„Gib Bescheid, wenn wir da sind“, wies er den Bordcomputer an.
In Ordnung.

Ehmina saß auf dem Dach eines alten Regierungsgebäudes und rauchte. Das Brummen eines Rotorflugzeugs näherte sich. Sie stand auf und schnippte die fast abgebrannte Zigarette weg. Auch aus der Entfernung erkannte sie einen gelb-orangenen Transportgleiter.
„So unvernünftig“, flüsterte sie, ging an den Rand des Dachs und zündete sich eine weitere Kippe an.
Das Flugobjekt kam näher und flog nur wenige Häuser entfernt über Alt-Berlin. Als Ehmina glaubte, es würde auch heute nichts passieren, zischte nicht weit entfernt eine Rakete zum Himmel. Der Transportgleiter versuchte auszuweichen, wurde aber am Heck getroffen. Die Explosion ließ die Front nach unten schnellen. Mit dem Schleudersitz wurde der Pilot hinaus katapultiert. Der Fallschirm sprang auf. Wenn sie es richtig einschätzte, würde er über sie hinweg schweben und einige Häuser weiter landen.
„Heilige Scheiße“, rief Ehmina.
Sie lief zur Treppe und hörte dabei das Flugzeug aufschlagen, gefolgt von metallischem Kreischen, als es über den Asphalt kratzte. Bevor sie nach unten rannte, wartete sie gespannt auf eine Explosion, aber es blieb ruhig. Es wird Beute geben.

Eine lauter Knall ließ Ruttger aufschrecken, der Gleiter wurde durchgeschüttelt. Bevor er reagieren konnte, kippte das Flugzeug nach vorne. Im nächsten Moment wurde er mitsamt Schleudersitz nach draußen befördert. Die Sicherheitsgurte gingen auf, genauso der Fallschirm. Der Sitz fiel in die Tiefe, während er über die Dächer der alten Stadt schwebte.
Mit beiden Händen klammerte er sich an den Riemen des Schirms fest. Wie viele Jahre war sein letztes Training her? Er würde auf dem harten Asphalt oder einem Gebäude landen müssen, ob er wollte oder nicht.
Mit verkrampften Fingern zog er nach links, navigierte sich weg von den Häusern über eine breite Straße. Der Boden kam näher, nur noch wenige Meter. Mit leicht nach vorne gestreckten Beinen kam er auf und rannte über den Asphalt. Der von hinten wehende Wind beschleunigte den Fallschirm von ihm weg, immer schneller. Er stolperte und drehte sich im Fallen auf den Rücken, wurde über den rauen Boden gezogen. Hitze breitete sich über seinen Rücken aus, noch hielt der Fluganzug. Dann endete die Rutschpartie abrupt. Der Schirm wurde von einer Hauswand gestoppt, bedeckte sie wie eine orangefarbene Verpackung.
Ruttger schloss die Augen und versuchte ruhig zu atmen. Als er sie wieder öffnete, stand eine Frau über ihm, mit sonnengebräunter Haut und kurzen schwarzen Haaren. Sie beugte sich runter und hielt ihm eine Pistole vors Gesicht.
„Wen haben wir denn da?“, sagte sie mit rauer Stimme und lächelte.

Ruttger blieb ruhig liegen, sein Herzschlag dröhnte in den Ohren. Die Frau sah ihn durchdringend und aufmerksam an.
„Du hast zwei Möglichkeiten“, sagte Ehmina. „Du kannst mit mir kommen und hast eine gute Chance zu überleben."
"Und sagst du mir auch die zweite?", fragte er nach einigen Sekunden.
"Oder du versuchst es alleine. Vielleicht schaffst du es, aus der Stadt zu kommen. Oder sie erwischen dich und bereiten einem Neustädter die Hölle auf Erden.“
Er blickte die Straße hinunter. Noch war niemand anderes in der Nähe, aber es würde nicht lange dauern, bis die Attentäter hier auftauchten. Sein orangener Fallschirm war wie eine Einladung.
„Was hast du vor?“, fragte er.
„Ich bringe dich hier weg und dann zeigst du mir Neu-Berlin.“
Er ließ den Kopf auf den Asphalt sinken. „Das geht nicht, du brauchst eine ID-Karte.“
„Hab ich.“ Sie bemerkte seinen fragenden Blick. „Die Hintergründe brauchen dich nicht zu interessieren. Du könntest mein Stadtführer sein. Also?“
„Woher weißt du, dass die ID noch nicht gesperrt wurde?“
„Finden wir es heraus.“
Für einige Sekunden schloss er die Augen. „Okay.“
„Gute Entscheidung.“
Mit schnellen Griffen öffnete sie die Karabiner des Fallschirms.
„Steh auf und komm nicht auf dumme Ideen.“
Sie ging einen Schritt zurück, richtete die Pistole weiter auf ihn.
Ruttger stand schwankend auf und griff an die Gurte des Schirmrucksacks.
„Das kannst ihn später abnehmen. Wir gehen durch die Gasse da vorne, du voraus. Beeil dich besser, wenn du leben willst.“

Es dämmerte, als sie den Stadtrand erreichten. Die Straßenlaternen gingen an. Ruttger vermutete, dass in einigen Häusern noch Menschen lebten, dennoch kam er sich vor wie in einer Geisterstadt. Zumindest in den Räumen zur Straße hin blieben die Lichter aus.
„Ist das nicht schön?“, fragte Ehmina. „Jeden Abend bin ich froh, wenn die Lichter noch angehen.“
„Sie lassen euch den Strom nicht aus Nächstenliebe.“
„Ist mir schon klar. Gebt den Ratten etwas, damit sie in ihrem Loch bleiben.“ Sie blieb vor einem Einfamilienhaus stehen. „Da wären wir.“
„Schönes Haus.“
„Mag sein, aber ich wohne hier.“ Vor der angrenzenden Garage zog sie einen Schlüssel aus der Hosentasche, entriegelte das Schloss und zog das Tor hoch.
„Tritt ein, schweigsamer Begleiter“, sagte sie, ohne ihn aus den Augen zu lassen.
„Ich rede deutlich mehr, wenn ich nicht mit einer Waffe bedroht werde.“
„Manche fangen dann erst an zu reden. Geh! Der Lichtschalter ist auf der linken Seite.“
Ruttger trat ein und fand nach einigen Sekunden den Schalter. Zwei Neonröhren an der Decke flackerten auf und tauchten den Raum in kaltes Licht. An der rechten Wand lag eine Matratze, an der gegenüberliegenden befand sich ein Regal, gefüllt mit Werkzeugen und Kanistern. Den meisten Platz benötigte ein schwarzes Motorrad. Nicht oft hatte er ein Fahrzeug gesehen, das Benzin benötigte und nicht fliegen konnte.
„Nicht schlecht, oder?“
„Ja, sieht gut aus. Fährt es noch?“
„Klar. Es ist der Regierung so viel wert, uns hier zu halten, dass die Tankstelle direkt vor der Stadt weiterhin versorgt wird.“
Ruttger schnaubte. „Die Rechnung dürfte sich schnell lohnen.“
„Für den Moment. Ewig wird dieser ungeschriebene Deal nicht halten.“
„Jeder hatte die Möglichkeit, in den neuen Städten …“
„Lassen wir das“, unterbrach Ehmina. „Neben dem Regal steht eine Isomatte. Du kannst dich noch hinlegen, wenn du willst. Wir brechen in zwei bis drei Stunden auf, dann sollten wir ungesehen hier wegkommen.“
„Hast du was zu essen?“
„Klar.“ Sie zeigte zum obersten Regalfach, einige Konservendosen standen dort. „Die Ravioli kann ich empfehlen. Falls du die Dose aufbekommst.“
„Was willst du in der Metropole?“, fragte er, als er eine der Dosen holte.
„Sie erleben. Erfahren, ob ich damals die richtige Entscheidung getroffen habe, hier zu leben.“
Ruttger sah sie an, sie hatte die Waffe weiterhin auf ihn gerichtet. Für einen Moment glaubte er, etwas bisher für ihn Unbekanntes in den grünen Augen zu erkennen. Unsicherheit oder ein Geheimnis? Log sie ihn an?

Sie traten aus der Garage, die abgekühlte Nachtluft wehte ihnen entgegen. Ehmina schob das Motorrad neben sich und übergab es an Ruttger.
„Halt mal“, sagte sie, schloss das Garagentor und verriegelte es. „Wir halten an der Tanke und füllen noch mal auf, auch den Ersatzkanister. Hier!“ Sie gab ihm den großen Rucksack mit Konserven und Wasser. „Meistens sind dort im Kabuff Lebensmittel und Wasser gelagert, vielleicht können wir noch etwas mitnehmen. Falls nicht wieder die Kühlung ausgefallen und das ganze Zeug vergammelt ist.“
Ruttger nahm den Rucksack und schnallte ihn auf den Rücken.
„Ich merke schon, du redest wieder nicht viel. Mach keine Dummheiten, nur weil ich gerade keine Waffe halte. Ich bin deine beste Chance, nach Hause zu kommen. Also los!“
Sie kletterte auf die Maschine, Ruttger stieg hinten auf. Er hatte seine schulterlangen blonden Haare zusammengebunden.
„Halt dich gut fest. Helme hab ich nicht.“
„Okay.“
Ehmina startete die Maschine, das Röhren des Motors durchschnitt die Stille. Im zunächst langsamen Tempo verließen sie Alt-Berlin, erst als sie auf einer Landstraße waren, gab sie Gas. Der Lichtkegel des Scheinwerfers enthüllte die vertrocknete Landschaft.

Nach einem kurzem Stopp an der Tankstelle fuhren sie einige Stunden durch die Nacht. Immer wieder meinte Ruttger, Bewegungen abseits der Straße zu erkennen. Verlorene Seelen im Niemandsland zwischen den Städten. Oder waren es vom Wind gestreifte Bäume?
Die Metropole war nicht mehr weit entfernt. Ein schimmernder und pulsierender Lichtkegel in der sich ausbreitenden Trockenheit. Wie widersinnig, dieses Gebilde aus Beton und Glas Neu-Berlin zu nennen, dachte Ruttger. Noch gegensätzlicher könnten diese beiden Orte nicht sein.
Ehmina fuhr langsamer. Sie erreichten ein freistehendes Gebäude, die Umrisse deutlich zu erkennen vor dem künstlichen Licht der neuen Welt. Eine Lagerhalle; nur wenige Meter davon entfernt überquerten sie verrostete Schienen. Direkt vor dem offenstehenden Eingangstor hielt sie an.
„Warst du schon mal hier?“, fragte Ruttger, als er abstieg.
„Ja, ich habe von hier aus schon mehrmals die Stadt betrachtet“, antwortete sie und schob das Motorrad ins Innere der Halle. Ratten huschten quiekend davon. „Sobald die Sonne aufgeht, können wir den Rest zu Fuß gehen. Es sollten nicht mehr als zwei bis drei Kilometer sein.“
„Warum?“
„Das wirst du wohl wissen. Keine gute Idee, mit einem Motorrad auf die Stadt zuzufahren. Da könnte ich mir auch ein Schild mit der Aufschrift ‚Aussätzige' umhängen.“
„Nein, ich meinte, warum hast du bisher die Stadt nur aus der Ferne betrachtet? Du machst nicht unbedingt einen ängstlichen Eindruck.“
Sie schwieg einige Sekunden. „Nicht in meiner Welt, aber da …“ Sie nickte in Richtung Neu-Berlin. „Dort weiß ich nicht, was mich erwartet, wie ich mich verhalten muss.“
„Da kam ich ja gerade recht. Und sagst du mir nun, woher du die ID-Karte hast?“
„Nein. In meiner Welt haben wir mehr, als du glaubst. Wir sollten etwas Essen und dann ausruhen.“
„Du machst das doch nicht alles wegen einer Sightseeing-Tour?“
„Bring mich einfach hinein und zeig mir die Stadt. Dann lasse ich dich in Ruhe.“
„Bitte. Du darfst übrigens keine Waffen mitnehmen, auch nicht das Messer.“
„Dachte ich mir, werde sie dort wohl auch nicht brauchen.“

Sie näherten sich dem durchsichtigen Schutzwall, der die Megastadt umgab. Unüberwindbar, fast zehn Meter hoch und leicht nach außen gewölbt. Im Abstand von jeweils gut einem Kilometer befanden sich die Einlass-Schleusen. Direkt neben den Schiebetüren war jeweils ein Scanner angebracht, eine kleine, schwarze Fläche.
„Es darf nur eine Person hinein, dort wirst du auf Waffen und andere unerlaubte Gegenstände geprüft. Und halt die ID gut sichtbar, sie wird erneut gescannt. Versuch es.“ Ruttger deutete auf die dunkle Fläche.
Ehmina zog die Karte aus der hinteren Hosentasche und hielt sie vor den Scanner. Ein grünes Licht leuchtete darüber auf, die Türen der Schleuse gingen auf. Lächelnd sah sie zu Ruttger. Er nickte zum Eingang.
„In Ordnung“, sagte Ehmina und atmete tief durch.
Sie betrat den Zwischenbereich. Zischend gingen hinter ihr die Türen zu. Rote Strahlen wanderten über ihren Körper, danach passierte für einige Sekunden nichts. Als sie sich gerade umdrehen wollte, ging vor ihr der Zugang zu Neu-Berlin auf. Mit schnellen Schritten betrat sie die Megastadt.
Hinter dem Schutzwall erstreckte sich eine Fläche aus hellem Asphalt. In regelmäßigen Abständen waren Beete angelegt, aus denen jeweils ein Großbonsai wuchs, umgeben von bunten Pflanzen. Der erste Wolkenkratzer ragte gut fünfhundert Meter entfernt in die Höhe.
Ehmina blickte in alle Richtungen, konnte aber außer den riesigen Türmen keine anderen Gebäude entdecken. Alle in hellen Tönen aus Metall und Beton. Und Glas, wo immer es möglich war. Ruttger trat neben sie.
„Das ist keine neue Welt“, sagte Ehmina. „Es ist die Vernichtung unseres Daseins, unserer Kultur.“
„Nachts werden die Gebäude bestrahlt, mit Bildern der Natur, alten Gemälden, Kirchen …“
Sie lachte. „Wofür? Um euch vor Augen zu halten, was ihr zerstört habt?“
„Der Bau dieser Stadt hat nichts zerstört.“
„Doch. Ihr versteht es nur nicht.“
Einige Minuten standen sie schweigend, während Ehmina von einem Hochhaus zum nächsten blickte.
„Darf ich mit zu dir? Eine Dusche und was zu Essen wären nicht schlecht. Ich verspreche auch, mich zu benehmen.“ Sie bemerkte seinen Blick. „Hey, immerhin hab ich dich sicher zurück in deine Welt gebracht.“
„Na gut, aber erwarte nicht zu viel von meinem Frühstück. Dort entlang.“ Er zeigte auf eine nicht weit entfernte Treppe. „Wir nehmen die U-Bahn, oder möchtest du noch ein paar Kilometer laufen?“
„Nein.“

Ruttger stellte die Kaffeekanne auf den Esstisch im Wohnzimmer, als Ehmina aus der Dusche kam.
„Etwas zu groß, aber es wird gehen, denke ich.“ Sie hatte eine dunkle Jeans und ein weißes T-Shirt von ihm an. „Hey, von wegen ich soll von deinem Frühstück nicht viel erwarten.“
„Hier gibt es einen Lieferservice für so ziemlich alles.“
Auf dem Tisch stand ein Korb mit Brot, eine Platte mit Wurst und Käse, außerdem Schälchen mit Butter und verschiedenen Marmeladensorten.
„Was seit ihr für eine faule Bande. Hab es gar nicht klingeln hören.“
Er zeigte zum Fenster. „Flugdrohnen. Manchmal habe ich gerade erst bestellt, schon schwebt so ein Ding vor meiner Wohnung.“
Kopfschüttelnd setzte sie sich. „Abgefahren. Aber vielen Dank.“
„Bedien dich.“ Er schenkte zuerst ihr, dann sich selbst Kaffee ein.
Während sie einige Minuten schweigend aßen, blickte Ehmina immer wieder nach draußen. Ruttgers Wohnung lag nur wenige Stockwerke unterm Dach. Wie farblose Bauklötze erstreckten sich die anderen Wolkenkratzer über die Stadtfläche. Die gläsernen Röhren, die als Übergänge zwischen den Gebäuden dienten, waren kaum zu erkennen. Aus der Entfernung wirkten die Menschen darin wie Ameisen, die über unsichtbare Brücken krabbelten. Einer Insektenarmee gleich schwirrten überall Drohnen durch die Luft. Nur im obersten Luftraum waren die fliegenden Gleiter der Einwohner erlaubt, mit den Dächern als Landeplatz. Teilweise waren in den Etagen darunter Parkhallen eingerichtet.
„Sieh nicht zu lange raus, sonst hypnotisiert dich das Geschehen.“
Ehmina zuckte kurz zusammen und sah ihn an. „Was? Ach so, ja … könnte sein.“
„Und was möchtest du nun? Du bist ja nicht hierhin gekommen, um dir Wolkenkratzer und Drohnen anzusehen.“
„Nicht?“
„Nein. Deine ID-Karte, wo hast du sie her?“
„Ich hab sie an einer Absturzstelle gefunden und …“
„Lass den Unsinn. Wenn jemand verunglückt oder aus anderen Gründen zu lange weg ist aus der Stadt, wird das immer bemerkt und seine ID gesperrt. Also woher?“
„Jemand … hat einen Kurier beauftragt, mich zu finden und mir die Karte zu bringen.“
„Wer?“
Sie blickte wieder aus dem Fenster. „Meine Eltern. Mit einem Brief, dass ich bei ihnen immer willkommen bin.“
„Für eine gefälschte Karte werden sie viel Geld ausgegeben haben. Und nun? Möchtest du zu ihnen?“
„Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich habe ich gehofft, hier die Antwort zu finden.“ Sie trank einen Schluck Kaffee und sah wieder aus dem Fenster. „Was gibt es dort draußen?“
„Mehr als es den Anschein hat. Museen, Kinos, Einkaufszentren.“
„Auch etwas außerhalb dieser Ungetüme?“
„Wenig, Hitze und Unwetter werden ja nicht weniger. In der Mitte der Stadt wurde eine größere Grünfläche angelegt, sogar mit einem kleinen Wäldchen.“
„Dann lass uns dorthin gehen“, flüsterte sie gedankenverloren.
„Können wir machen. Aber erst mal muss ich meinen Arbeitgeber anrufen und mich zurückmelden.“

Sie setzten sich auf eine Bank im Schatten eines Baumes, nicht weit entfernt schimmerte ein Teich.
„Hast du Freunde hier?“, fragte Ehmina und beobachtete die ruhigen Bewegungen der Enten.
„Ein paar, aber es sind eher oberflächliche Kontakte. Hauptsächlich aus dem Basketballverein und dem Stammtisch meines Arbeitgebers.“
„Da habt ihr hier wohl viele Freiheiten, klingt trotzdem traurig. Wohnen viele Menschen alleine? Hast du keine Freundin?“
Er blickte kurz zu ihr. „Nein, ich habe keine Partnerin. Weiß nicht, es werden zumindest nicht wenige sein, die hier als Single leben.“
„Und deine Eltern?“
Ruttger lächelte. „Sind zum Glück noch gesund und leben zusammen mit einer kleinen Katzenarmee.“
Sie schwiegen einige Minuten und betrachteten das harmonische Treiben auf dem Teich.
Ehmina legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. „Jetzt habe ich es tatsächlich geschafft, hierhin zu kommen und kann mich noch nicht mal entscheiden, ob ich meine Eltern sehen möchte.“
„Wir können auch erst mal versuchen, ihre Adresse finden. Danach kannst du immer noch überlegen. Mein Kommunikator war im Flugzeug, aber am Rand des Parks sind genügend Bistros mit Internet-Screens.“
Sie atmete tief durch. „Okay.“

„Das war aber einfach“, sagte Ehmina, als sie das Bistro verließen.
Beide trugen Cappuccinobecher.
„Im Zentralverzeichnis der Stadt ist jeder registriert. Das musste der Ethikrat vor einigen Jahren akzeptieren, dafür hält er uns im Körper implantierte ID-Sender vom Leib. Noch gibt es die Karten, aber früher oder später wird sich die Regierung durchsetzen.“
„Gruselig. Vielleicht beschert das den alten Städten viele neue Einwohner.“ Sie trank von ihrem Cappuccino.
„Könnte sein, aber irgendwann kommt jemand an die Macht, der das nicht mehr duldet.“
„Abwarten. Uns in Ruhe zu lassen ist die einfachste Lösung, auch wenn es ein Frieden auf dünnem Eis ist.“
„Vielleicht solltet ihr aufhören, Transportflugzeuge abzuschießen. Da vorne ist es.“ Ruttger zeigte auf ein nicht weit entferntes Hochhaus. „Bist du sicher, dass du zu ihnen möchtest?“
„Nein, aber nun bin ich soweit gekommen ... Ich möchte zumindest erleben, wie es ist, sie wiederzusehen. Wie sie reagieren.“
„Soll ich mitkommen?“
Ihr Blick wanderte am Wolkenkratzer hoch. „Ja.“

Ehmina stand mit Ruttger vor der Wohnung.
„Also gut“, flüsterte sie, atmete tief durch und betätigte die Klingel.
Schon nach wenigen Sekunden wurde die Tür aufgerissen. Ein Mann hielt Ruttger eine Pistole unters Kinn und zog ihn hinein. Ehmina folgte und schloss hinter sich ab. Aus dem Augenwinkel bemerkte Ruttger hinter der Tür eine weitere Person. Sie presste ihm ein Tuch auf Mund und Nase, ein synthetischer Geruch drang in seine Atemwege. Er versuchte sich aus dem Griff zu lösen, aber seine Arme gehorchten kaum noch. Die Sicht verschwamm, als sein Kopf nach vorne sank.
„Schlaf gut“, hörte er noch, bevor ihm schwarz vor Augen wurde. Ob die Worte von Ehmina stammten, konnte er nicht mehr erkennen.

In kleinen Etappen kletterte seine Wahrnehmung aus der Dunkelheit. Jemand strich ihm mit einem Tuch über Stirn und Gesicht. Eine Stimme versuchte ihn zu erreichen, aber er verstand sie nicht. Vor seinen geschlossenen Augen wurde es stetig heller. Jetzt hörte er auch andere Geräusche. Ein Wasserhahn tropfte. Irgendwo lief klassische Musik.
„Wieder unter den Lebenden?“
Ruttger zuckte zusammen, diesmal war die Stimme nah und laut. Er öffnete die Augen, erst nach mehrmaligem Blinzeln erkannte er etwas. Ein kleiner Raum mit weißen Wänden. Nicht weit vor seinem Gesicht eine grelle Lampe. Die Hand- und Fußgelenke waren auf einem zurückgekippten Stuhl fixiert.
„Keine Sorge, die Betäubung lässt schnell nach“, sagte Ehmina neben ihm.
Beim Versuch zu antworten versagte seine Stimme. Sie ging zum Waschbecken und brachte ihm ein Glas Wasser.
„Hier.“ Vorsichtig flößte sie ihm die Flüssigkeit ein.
„Was macht ihr mit mir?“, brachte er heiser hervor.
„Meine Eltern plündern gerade dein Konto. Danach schauen wir mal, was wir Wertvolles in deiner Wohnung finden.“
„Warum?“ Er leckte sich über die Lippen.
„Worum es am Ende immer geht. Auch wir brauchen Geld, wir haben noch große Pläne.“
„Wer …“
Sie gab ihm einen weiteren Schluck.
„Wer seid ihr?“
„Vielleicht hast du schon mal unser Zeichen gesehen. Es ähnelt dem Peace-Zeichen, nur nach unten hin mit fünf Strichen. Ab und zu mit den Worten Keine neue Welt.“
Ruttger lachte und hustete dann. „Was wollt ihr aufhalten? Die Entwicklung der Welt? Der Megastädte? Wie verblendet seid ihr?“
„Sei dir nicht so sicher, dass es nicht möglich ist. Wir werden immer mehr, haben Verbündete in der Politik, im Management großer Firmen. Erinnerst du dich an die Explosion vor einigen Wochen? Fast hätten wir eins dieser Ungetümer aus Beton und Glas zu Fall gebracht. Beim nächsten Mal schaffen wir es.“
Er schüttelte den Kopf und schloss die Augen. Ehmina kam zu ihm und legte die Hand auf seine.
„Deine Identität wird schon bald nicht mehr existieren. Tut mir leid, ich mag dich, dennoch kann ich dir alles weitere nicht ersparen. Zumindest tue ich dir noch einen Gefallen und betäube dich wieder, dann hast du es hinter dir.“
„Und was bedeutet das?“, fragte er, ohne sie anzusehen.
„Kaum etwas bringt mehr Geld als gesunde Organe.“ Sie presste einen Lappen auf sein Gesicht.

***

Ehmina erreichte die Tankstelle vor Alt-Berlin.
„Da wären wir. Ab jetzt bist du auf dich allein gestellt.“
Ruttger stieg stöhnend ab, hielt sich eine Hand an die verbundene Wunde am seitlichen Rücken.
„Sei froh, dass es nur eine Niere ist. Versorg dich hier mit allem, was du findest und such dir eine Unterkunft.“
„Warum habt ihr mich verschont? Was für ein Leben soll ich hier führen?“
„Finde es heraus. Die alte Welt ist noch da. Du bist der erste, den ich wieder zurückbringe. Komm nicht auf dumme Ideen, ich habe viele Freunde in der Stadt. Ich sorge dafür, dass sie dich in Ruhe lassen, solange du dich von mir fernhältst. Verstanden?“
Er nickte.
„Dann alles Gute.“
Sie beschleunigte und verschwand im vom Wind aufgewirbelten Staub. Ruttger ging zu dem kleinen Gebäude. Ein Peace-ähnliches Zeichen war in rot auf eine der Scheiben gesprüht. Er nahm den Rucksack ab und trat ein.

***

Ruttger beobachtete die Gruppe von der Lagerhalle vor Neu-Berlin aus. In der rechten Hand hielt er eine Schnellfeuerwaffe, in der linken ein Messer.
„Gleich ist es soweit“, hörte er Ehminas Stimme.
Nur wenig später durchdrang eine Explosion die Stille. Der Boden vibrierte. Nicht weit vom Stadtrand entfernt stieg ein Feuerball in den Nachthimmel. Ein Wolkenkratzer begann sich zur Seite zu neigen. Zunächst wie in Zeitlupe, dann immer schneller. Er krachte gegen ein weiteres Hochhaus. Metall, Beton und Glas zerbarsten. Aber das Gebäude hielt dem Aufprall stand, wie ein unterbrochenes Dominospiel. Die Gruppe brach in Jubel aus, einige umarmten sich.
„Das war erst der Anfang!“, schrie Ehmina in die Dunkelheit und legte einen Arm um den Mann neben sich.
Ruttger blieb noch einige Minuten stehen, dann senkte er die Waffe und machte sich auf den Rückweg zur alten Stadt.

 
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Hallo @linktofink ,

hier also meine vollständige Rückmeldung, danke für deinen Kommentar!

Die Kritik am System bleibt diffus, es wird nicht klar, welchen Schaden es konkret verursacht. Was spricht gegen Glas und Beton? Oder geht es um soziale Ungleichheit, Unterdrückung, Benachteiligung? Arm vs. reich, naturnah vs. durchtechnisiert. Was ist der Kernkonflikt? Du deutest an und spielst mit dem Kanon der üblichen Gesellschaftskritik, mit zeitgemäßen Narrativen, ohne konkret zu benennen, was das Problem der alten Berliner mit den neuen ist. Eine schlimme Stelle finde ich die mit dem Terrorakt.
Es geht aus meiner Sicht im Kern um die Ängste der Menschen, dass ihnen durch den Staat ihre Freiheit genommen wird. Je stärker diese Ängste sind, desto drastischer und irrationaler handeln sie.
Ich hatte zuvor ja schon das aktuelle Beispiel genannt, dass jemand einen Brandanschlag auf ein Impfzentrum verübt hat. Von außen betrachtet ist es, zumindest für mich, so ziemlich das hirnloseste Verbrechen, das jemand begehen kann. Aber ihre Angst treibt die Menschen dazu, sie meinen in diesem Moment, damit etwas zu erreichen, das freiheitsgefährdende System zurückzudrängen.
Auch Ehmina und die "Alt-Berliner" haben diese Ängste, auch wenn sie es nicht entsprechend äußert, vielleicht ist es ihr auch selbst nicht bewusst. Noch werden sie in der alten Stadt gedulded, aber sie wissen nicht, wie lange noch.
Das Ende ist für mich entsprechend der Handlung schon konsequent, es wird im Prinzip zuvor ja schon angedeutet:

Ruttger lachte und hustete dann. „Was wollt ihr aufhalten? Die Entwicklung der Welt? Der Megastädte? Wie verblendet seid ihr?“
„Sei dir nicht so sicher, dass es nicht möglich ist. Wir werden immer mehr, haben Verbündete in der Politik, im Management großer Firmen. Erinnerst du dich an die Explosion vor einigen Wochen? Fast hätten wir eins dieser Ungetümer aus Beton und Glas zu Fall gebracht. Beim nächsten Mal schaffen wir es.“

Ehmina ist underdog und dennoch recht förmlich, an vielen Stellen passen Sprache und Handlungsweise nicht so recht.
Sie lebt in dem verwahrlosten Alt-Berlin, ist aber innerhalb der "Keine neue Welt"-Bewegung sehr aktiv, hält sich auch gelegenlich in der Metropole auf und hat entsprechende Kontakte. Da muss ich noch mal schauen, für mich passt ihre Sprache bisher ganz gut zu ihrer Intelligenz und Weitsichtigkeit.

Ruttger ist nur Spielball, wird abgeschossen, gekidnappt, benutzt und ausgeschlachtet und schließt sich final den Ökoterroristen an, warum?
Zu Ruttger hatte ich zuvor schon an @kiroly geschrieben:
Ruttger ist zwar als Charakter eher langweilig, sein passives "ich mache alles mit"-Verhalten spiegelt für mich jedoch genau sein bisheriges Leben wider:
Er hat einen festen Job und damit ein ausreichendes Einkommen. In der neuen Stadt selbst braucht er sich über kaum etwas Gedanken zu machen, selbst ein Frühstück wird ihm innerhalb von Minuten gebracht, wenn er es bestellt.

Seine Entscheidung, am Ende der Gruppe beizutreten, habe ich entsprechend abgeändert, er bleibt erst mal ein distanzierter Beobachter.

Mit dem Messer begann sie, die Riemen des Fallschirms abzutrennen.

Fallschirme lassen sich ohne Zug leicht abkoppeln, weil der Schirm mit Karabinern am Gurt fest ist. Da muss du nix durchschneiden.

Na dann habe ich nun einen Grund, die entsprechende Szene zu vereinfachen und das Messer, mit dem Ehmina ihn zunächst bedroht, zu entsorgen. Danke für den Hinweis, habe die Szene entsprechend überarbeitet.

Rutger kenne ich nur mit einem T, auch google sagt da nichts anderes.
Da die Geschichte in der Zukunft spielt, habe ich mir hier etwas Namenskreativität erlaubt :)

Danke für deine Zeit und die Detailvorschläge, ich habe die meisten Stellen angepasst.

Viele Grüße,
Rob

 
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23.06.2021
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Hallo miteinander,

ich klinge mich hier auch nochmal mit ein, weil ich die Diskussion darüber, was SciFi "darf" und was nicht, sehr spannend und wichtig finde.

Ich hatte tatsächlich nicht den 11.09. im Kopf, als ich die Geschichte gelesen habe, aber ich bin auch skeptisch, was die leichtfertig wirkenden Motive der terroristischen Gruppe angeht, wie auch Ruttgers beiläufige Art, sich der Gruppe anzuschließen.

Schwieriges Thema.

Gruß,
Gerald

 
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Hallo @C. Gerald Gerdsen ,

danke für die Ergänzung.

Aus Sicht von Ehmina läuft schon alles ziemlich glatt, da gebe ich dir recht.

Zu den Motiven fehlt wahrscheinlich die ein oder andere intensivere, emotionale Szene, in denen Ehminas Freiheitsängste deutlicher werden. Beim bisherigen Handlungsverlauf würde es für mich nur nicht ganz passen ohne grundlegendere Änderungen und ich möchte die Arbeit hieran mal langsam abschließen, sofern keine grundsätzlichen Fehler mehr auffallen.

Das Ende hatte ich übrigens bereits geändert, Ruttger beobachtet die Gruppe und das Attentat erst mal aus der Entfernung.

Viele Grüße,
Rob

 
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Hallo @Rob F,

ich habe schon vor einer Woche gelesen und angefangen zu schreiben, dann war ich verhindert. Jetzt steht da so viel drunter, ich kann das nicht alles lesen und hoffe einfach mal, ein oder zwei Sachen hinzufügen zu können.

Du hast so einen B-Movie-, Direct-to-Video-Stil, der mir zusagt. Das sind immer bekannte Versatzstücke, die auf deine Art miteinander kombiniert werden, nicht mit der Absicht, große Kunst zu schaffen oder irgendwas zu gewinnen, sondern eine Stunde Spaß zu machen. Von Leuten mit Herz für Zombie-Cyborgs für Leute mit Herz für Zombie-Cyborgs.

Beim Gleiter und der Riesenstadt kann ich nicht anders, als an Blade Runner zu denken (oder auch Mega-City One irgendwer?), und dann heißt dein Prot auch noch Rut(t)ger, der ja als Hauer nicht nur in BR mitspielt (wird wohl kein Zufall sein), sondern durch die Achtziger und Neunziger hindurch für genau die eingangs angesprochene, solide B-Kost bekannt war, die teils mehr Spaß gemacht hat als die „großen“ Filme.

Und wieder überträgt sich das auch auf die Dialoge, das hatte ich schon unter deine vorangegangene Geschichte geschrieben. Man hat das Gefühl, das genau so schon hunderttausendfach gehört zu haben, verzeiht das aber, weil es irgendwie zum Gesamtpaket gehört. Was mich eher gestört hat: An einigen Stellen scheinen sich die Figuren direkt an den Leser zu wenden und ihm zu erklären, wie das hier gerade einzuordnen ist. Du erinnerst dich: Die Produzenten haben Scott zu Deckards Voice-over in der ursprünglichen Kinofassung von BR überredet, weil sie Angst hatten, dass den Film sonst keiner schnallt.

Der Absturz erinnert mich übrigens an den jüngeren BR, das Wasteland außerhalb der sicheren, aber eben auch unterdrückenden, faschistoiden Stadt sowohl an BR als auch an Judge Dredd. Mir hat das alles Spaß gemacht bis zum letzten Drittel. Natürlich gibt es eine Résistance und natürlich schließt Ruttger sich dieser am Ende an. Das war mir zu brav, zu was auch sonst? Ich hätte es mir nihilistischer gewünscht, mit mehr Blut (ist die Niere übrigens von Repo Men inspiriert oder von der urbanen Legende?) und dann Mutanten, Mutanten, Mutanten. Interessant übrigens, dass dieses Konventionelle mitunter in die Dialoge ausstrahlt. An mindestens einer Stelle scheinen die Figuren ganz philosophisch das große Ganze zu reflektieren, während die Hütte brennt … als würdest du von einem Hai angegriffen und deine Gedanken, während dein Bein vor dir im Wasser davon treibt, gehen in Richtung Zustand der Ozeane. Beispiele folgen.

Rotorblätter begannen zu zirkulieren
Du willst wahrscheinlich aus Stilgründen vermeiden, dass die Rotorblätter rotieren, aber zirkulieren klingt in seiner Bedeutung für mich falsch. Vllt „Die Rotorblätter erwachten zum Leben/kamen in Bewegung …“

Ruttger schloss die Augen und versuchte ruhig zu atmen
versuchte,

Wen haben wir denn da?“, sagte sie mit rauer Stimme und lächelte. Steh auf und komm nicht auf dumme Ideen.
Solche Dialogzeilen meine ich. Ich habe gerade ganz viele Synchronstimmen im Ohr, die exakt das sagen.

Oder sie erwischen dich und bereiten einem Neustädter die Hölle auf Erden.“
„Neustadt“ haut mich raus, weil es das als Stadtnamen diverse Male in Deutschland gibt. In meiner Nähe liegt „Neustadt am Rübenberge“. Sehr unspektakulärer Ort.

bis die Attentäter hier auftauchten.
Ein Attentäter handelt zielgerichtet und zumeist politisch motiviert, die Tat hat Symbolkraft, also zum Beispiel einen Abgeordneten erschießen, der sich für das Recht auf Abtreibung stark macht. Dein Prot wurde ja eher Opfer einer marodierenden Bande, die auch jeden anderen runtergeschossen hätte, in der Hoffnung, da gebe es was zu holen.

und zog das Tor hoch. Ohne ihn dabei
Die letzte Erwähnung von Ruttger ist mir hier zu lange her, ich überlege kurz, wer „ihn“ ist.

„Die Rechnung dürfte sich schnell lohnen. Durch diese Zugeständnisse bleibt ihr Neu-Berlin fern.“
Nicht nur, dass das eine von diesen Erklär-Bär-Stellen ist, es wird hier auch bereits zum zweiten Mal ausformuliert. Diese beiden da … wissen die das nicht alles? Und wissen vom anderen, dass er/sie es weiß?

Was willst du in der Metropole?“,
Hätte sich dafür nicht inzwischen ein Spitzname entwickelt? Big B oder so?

Falls nicht wieder die Kühlung ausgefallen ist und die Tageshitze ihre Arbeit machen konnte.“
Käme das jetzt vom Erzähler okay, aber so ist mir das zu stakselig. „Falls die Kühlung nicht wieder ausgefallen ist. Bei der Hitze gammelt’s, und zwar schnell.“

mir auch ein Schild mit der Aufschrift „Aussätzige“ umhängen.“
Aussatz? Habe ich irgendwas mit Krankheit überlesen?

Sie hatte eine dunkle Jeans und ein weißes T-Shirt von ihm an.
„Von ihm“ klingt zu umgangssprachlich in nicht-wörtlicher Rede.

Sieh nicht zu lange raus, sonst hypnotisiert dich das Geschehen.
Auch so … beim Erzähler ja, aber gesprochen von einer Figur? Hypnotisieren finde ich schon nicht schön, aber „das Geschehen“? „Guck nicht zu lange hin, sonst driftest du ab.“ Er tippte sich an die Schläfe. „Hier oben.“

Mit einem Brief, dass ich bei Ihnen
i

Hitze und Unwetter werden ja nicht weniger
Wo wir bei Rutger Hauer und Klimawandel sind, ist schon stark, wie SF dieses Verpennen des Problems widerspiegelt. In Split Second von 1992 steht London wegen Dauerregens unter Wasser - eine Folge der Erderwärmung.

Da habt ihr hier wohl viele Freiheiten, klingt trotzdem traurig. Wohnen viele Menschen alleine? Hast du keine Freundin?

und

Ruhe zu lassen ist die einfachste Lösung, auch wenn es ein Frieden auf dünnem Eis ist.“
Für mich hängt die Geschichte hier, während dieses gesamten Dialogs. Der scheint nur das Ziel zu haben, dem Leser Hintergrund zu vermitteln.

Es ähnelt dem Peace-Zeichen, nur nach unten hin mit fünf Strichen. Ab und zu mit den Worten Keine neue Welt.
Hier auch. Ich fänd’s cooler, wenn er vorher mal durch die Stadt tingelt und sein Blick fällt auf so ein Ding, die Schlussfolgerungen könnte ich dann selbst ziehen.

„Was wollt ihr aufhalten? Die Entwicklung der Welt? Der Megastädte? Wie verblendet seid ihr?“
Das meinte ich eingangs, so mega reflektierend alles, das Gespräch kommt mir einfach insgesamt sehr unnatürlich vor.

Sei froh, dass es nur eine Niere ist.
Dieses Element wirkt so reingequetscht, weil Organhandel ansonsten überhaupt kein Thema ist.

durchdrang eine Explosion die Stille.
„Durchdringen“ ist mir zu schwach für eine Explosion.


Ein Wolkenkratzer begann, sich zur Seite zu neigen. Zunächst wie in Zeitlupe, dann immer schneller.
Zum Schluss dann ein bisschen Fight Club, wie gesagt, da hätte mir mehr B erwartet, etwas irrer alles, mehr Action. Mehr Chaos.


Viele Grüße
JC

 
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09.12.2019
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Hallo @Proof ,

danke für den ausführlichen Kommentar!

Du hast so einen B-Movie-, Direct-to-Video-Stil, der mir zusagt. Das sind immer bekannte Versatzstücke, die auf deine Art miteinander kombiniert werden, nicht mit der Absicht, große Kunst zu schaffen oder irgendwas zu gewinnen, sondern eine Stunde Spaß zu machen. Von Leuten mit Herz für Zombie-Cyborgs für Leute mit Herz für Zombie-Cyborgs.
Ich versuche mir die einzelnen Szenen jeweils vorzustellen, als würde ich sie selbst z.B. in einem Film sehen, und bin dann selbst gespannt, wie ein Text insgesamt wirkt.
Es mag sein, dass ich dadurch je nach Handlung schon mal in eine nicht ganz so realistische Richtung abdrifte, aber das muss im Unterhaltungssinn ja auch nicht verkehrt sein, ist dann halt Geschmackssache.

Beim Gleiter und der Riesenstadt kann ich nicht anders, als an Blade Runner zu denken (oder auch Mega-City One irgendwer?), und dann heißt dein Prot auch noch Ruttger, der ja als Hauer nicht nur in BR mitspielt (wird wohl kein Zufall sein), sondern durch die Achtziger und Neunziger hindurch für genau die eingangs angesprochene, solide B-Kost bekannt war, die teils mehr Spaß gemacht hat als die „großen“ Filme.
Es fehlt von der Atmosphäre her wahrscheinlich noch das blaue Licht und der Regen, aber es würde wohl ähnlich aussehen: Hauptsächlich funktional gedacht, möglichst viele Menschen an einem Ort, also wird in die Höhe gebaut. Da wegen der Hitze das Leben ohnehin hauptsächlich in den Gebäuden stattfindet, wurden auch kaum Gedanken in die Gestaltung der Hochhäuser investiert.
Ich hatte einfach mal nach seltenen Namen gesucht und bin dann halt an Rutger hängen geblieben, und habe mir dann erlaubt etwas zu variieren und noch ein t hinzugefügt.
Unvergessen ist Rutger Hauer für mich u.a. im eher schlichten Film Der Highwaykiller. Es wurde ja wenig gezeigt in dem Film, aber vielleicht ensteht auch dadurch der Horror. Und durch den Finger in den Pommes Frites :) Unvergessene Szene ...

(...)
Was mich eher gestört hat: An einigen Stellen scheinen sich die Figuren direkt an den Leser zu wenden und ihm zu erklären, wie das hier gerade einzuordnen ist.
Seit ich mich selbst an Kurzgeschichten versuche, fällt es mir in Büchern und teilweise auch Filmen teils sehr deutlich auf. An manchen Stellen ist es hierbei so, vor allem wenn ich Hintergrundinformationen geben möchte, auch zum Konflikt zwischen "Alt- und Neustädtern".
Die Alternative wäre dann nur, entweder diese Informationen wegzulassen, was ich jedoch nicht möchte, da es m.E. ohnehin nicht übermäßig viele sind. Oder an der ein oder anderen Stelle telliger werden, ich bleibe aber erst mal bei der Variante in den Dialogen.
Aber danke für den Hinweis, das wird auch bei zukünftigen Texten ein Thema für mich bleiben.

Natürlich gibt es eine Résistance und natürlich schließt Ruttger sich dieser am Ende an.
Ich habe das Ende etwas abgeändert, Ruttger beobachtet die Gruppe und das Attentat erst mal unbemerkt. Aber das ändert nicht seine grundsätzliche Richtung, bei einem längeren Text würde es für mich dennoch so kommen. Jedoch erst mal nicht unbedingt, weil er direkt deren Gesinnung annimmt, sondern eher, weil er es so für wahrscheinlicher hält, überhaupt zu überleben.

(...) Das war mir zu brav, zu was auch sonst? Ich hätte es mir nihilistischer gewünscht, mit mehr Blut (ist die Niere übrigens von Repo Men inspiriert oder von der urbanen Legende?) und dann Mutanten, Mutanten, Mutanten.
Auf jeden Fall ein sehr cooler Vorschlag, das würde mir wahrscheinlich auch eher liegen, als diese Handlung in ein realitätsnäheres Korsett zu quetschen. Ich werde es hierbei mal so lassen, aber etwas in diese Richtung hat auf jeden Fall was. Von der Überraschung her vielleicht ein wenig wie in from dusk till dawn. Man ahnt schon, dass etwas passieren wird, aber nicht in dieser durchgängigen Heftigkeit.
Bezogen auf das Organ habe ich nicht lange überlegt, es ist ja bekannt, dass eine Niere oft ohne große Gesundheitsrisiken gespendet werden kann, insofern habe ich das mit meinem laienhaften Wissen einfach übernommen.

An mindestens einer Stelle scheinen die Figuren ganz philosophisch das große Ganze zu reflektieren, während die Hütte brennt … als würdest du von einem Hai angegriffen und deine Gedanken, während dein Bein vor dir im Wasser davon treibt, gehen in Richtung Zustand der Ozeane.
Bezogen auf die Gesamtsituation gebe ich dir recht, der Konflikt zwischen Alt- und Neustädtern ist ohnehin schon angespannt. In den einzelnen Situationen jedoch nicht unbedingt. Entspannt können beide natürlich nicht sein, aber in den meisten Szenen droht m.E. auch keine unmittelbare Gefahr. Die Dialoge sind teilweise etwas telliger, aber wie zuvor erwähnt, finde ich diese Variante hierbei soweit passend.

Aus Zeitgründen melde ich mich zu den Details nochmal gesondert, folgt aber noch!

Danke schon mal für deine Zeit und viele Grüße,
Rob

 

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