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Komm flieg mit mir, Homie!

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Anmerkungen zum Text

Sorry, nicht auf deutscher Tastatur getippt.

Komm flieg mit mir, Homie!

Ich kannte Tristan nicht gut, aber ich war der letzte von uns, der ihn lebend gesehen hat, darum erzähle ich kurz seine Geschichte. Das erste Mal bewusst wahrgenommen habe ich ihn beim Fussballturnier. Zwei Mal im Jahr, wenn Elternsprechtag war, spielten Unter- und Mittelstufe in der grossen Turnhalle Fussball. Es waren für uns die beiden wichtigsten Tage des Jahres. Bei diesen Turnieren konnte man berühmt werden, denn es war der einzige Anlass, wo man mit den Jungs aus den anderen Klassen in Kontakt kam. Ansonsten blieben wir ja immer unter uns. Natürlich wusste man genau, wer den härtesten Schuss hatte, wer einen Übersteiger konnte und wer ohne kurzen Prozess knipste. Und im Tor war Tristan die Nummer Eins. Aschblond und mit einer Nase wie Fuchur stand er aufrecht im Kasten und beobachtete das Spiel mit zusammengezogenen Brauen. Er wirkte ernster als die meisten Jungs, auch weil er sich sein schwarz-lila Trikot von Stefan Klos in die Hose steckte, was damals fast niemand machte. Es sagte: Vereinsspieler. So ruhig, wie er lauerte, so heftig explodierte er bei seinen Paraden, mit einer Athletik und mit Reflexen, die ungewöhnlich waren für einen Jungen von elf, zwölf Jahren. Viele sichere Dinger kratzte er so von der Linie, ein paar fischte er sogar aus dem Winkel, und selbst die älteren Spieler zollten ihm dafür Respekt, indem sie nach dem Spiel mit ihm abschlugen.

Ein Leader war Tristan aber nicht. In seiner Klasse, die aus einer Horde geisteskranker Freaks bestand, fiel er nicht weiter auf. Während es bei uns noch halbwegs gesittet zuging, rotzten sie im Raum nebenan an die Decke oder tranken im Unterricht Bier. Während wir auf Klassenfahrt zum Wandern nach Gerolstein fuhren, verfrachteten sie Tristans Klasse direkt in den Center Parc, wo einer dann eine Mitschülerin vergewaltigte – was anschliessend als Anekdote die Runde machte. Während bei uns Shahab als eiserner, aber auch als weiser König herrschte, war Tristans Klasse ein führerloser Dschungel, wo jeder vom Tiger zur Antilope werden konnte, und umgekehrt. Mal schlug der eine dem anderen die Stirn mit dem Kehrblech blutig, mal rammte der andere den einen mit voller Wucht in die Tischreihen, sodass ein Handgelenk brach. Und Tristan war immer mittendrin. Ich sah das alles nur vom Gang aus oder durchs Fenster, denn ausserhalb der Fussballturniere hatte ich nichts mit ihm zu tun. In den Pausen standen meine Jungs und ich im Kiosk an der Heizung, er stand mit seinen Jungs an der Treppe auf dem Parkplatz. Begegnete man sich, ging man grusslos aneinander vorbei.

Dann kam die Oberstufe. Die Klassen wurden aufgelöst, neue Schüler kamen dazu, ein paar mussten wiederholen. Und der Zufall wollte es so, dass eine Stufe zusammengewürfelt wurde, die eher zu einer Hauptschule als zu einem altsprachlichen Gymnasium passte. Von heute auf morgen gab es "die Raucherecke", wo sich zwei, drei Dutzend "Köpfe" tummelten, die alles verkörperten, nur nicht die Ideale des Humanismus. Der Dschungel war ausgewuchert. Wer nicht aufpasste, dem wurde jetzt auch mal die Nase gebrochen, wie einem Dickerchen, das im falschen Moment gelacht hatte. Lehrerinnen wurden plötzlich als «Hure» beschimpft, Türen wurden eingetreten und das Gras wurde in Säcken gerechnet.

Mich tangierte das alles kaum, denn in der obersten Gewichtsklasse sah es überschaubar aus. Ich konnte mich zurücklehnen und mir alles in Ruhe angucken. Auch beim Kiffen hielt ich mich zurück. Die anderen rauchten Mengen, die mir unbegreiflich waren, vor der Schule, in der Schule, nach der Schule, immer. Einige wurden dadurch zu antriebslosen Untoten, andere zu Psychos. Bei einem war es besonders extrem, echter Jekyll-und-Hyde-Scheiss. In Zeiten, in denen er die Finger vom Gras liess, kam er mit akkuratem Scheitel, Hemd und Lederaktentasche in die Schule, hielt den Mädchen die Türen auf und dozierte im Unterricht über das Persische Reich. Rauchte er nur einen Nachmittag durch, mutierte er zu einem anderen Menschen. Er kreuzte dann am nächsten Morgen mit hellblau glänzender Yankees-Bomberjacke und Zigeunerhosen auf, die Haare zum Nike-Logo rasiert, um mit Ninjasternen nach uns zu werfen und den Mädchen «Fette Sau!» hinterherzubrüllen.

Auch Tristan war unter den Dauerbreiten. Leisten konnte er sich das vor allem dank eines Anwaltssohns namens Kreisler, einem massigen Gockel, der Tristan dafür bezahlte, dass der ihm den Rücken freihielt. Ohne Tristan wäre Kreisler seine dreihundert Euro teuren Fellkragenjacken schnell los gewesen und als Dank hätten sie ihm noch ein blaues Auge dagelassen. Waren Kreisler Moneten mal nicht verfügbar, musste Tristan sich durchschlängeln. Dabei war er kompromisslos. Und einfallsreich. Einmal pumpte er einen Typen in der Raucherecke um eine Kippe an, aber der wollte keine abdrücken. Da schlug Tristan vor, sie sich mit einem Rückwärtssalto von der Tischtennisplatte zu verdienen. Der Typ stimmte zu. Er war ein grauer Tag, hatte geregnet, die Platte war noch nass und hatte eine rutschige Metallkante. Natürlich versuchte ihn jeder davon abzubringen. Selbst der Typ mit der Kippe sah es schliesslich ein und hielt sie Tristan hin. Aber der war plötzlich wie im Film, zog sich trotz der Kälte Jacke und Pulli aus und kletterte auf die Platte. Seine Hosen hingen ihm unterm Arsch, seine Sneaker waren nicht richtig zugeschnürt, ich hörte sein Genick schon knacken. Er ging in die Knie und machte den Salto. Bei der Landung musste er einen Ausfallschritt machen, aber sonst glückte er tadellos. Er kam lachend zurück und ein paar der Mädels schlugen wütend auf ihn ein, doch er lachte nur weiter, nahm dem Typen die Kippe aus der Hand und rauchte sie, ohne sich wieder anzuziehen.

Solche Szenen häuften sich in der Folgezeit. Einmal, die Lehrerin war mitten im Satz, stand Tristan urplötzlich auf und tigerte nach vorne, zwischen den grauen Augen diese tiefe Falte. Im Raum herrschte sofort Totenstille. Er griff sich ein Stück Kreide und schrieb an die Tafel: «Tristan verpisst sich». Beim Rausgehen drehte er sich noch einmal um und spuckte: «Und denken Sie mal drüber nach, warum ich das in Braun geschrieben habe!» Dann knallte er die Tür zu und verschwand. Tristans Freundin Maryam, eine hübsches, aber sehr stilles Mädchen mit Mondgesicht, war auch im Raum, und sagte der Lehrerin, dass sie seine Sachen mitnehmen würde. Ich sah ihren Blick und bekam eine Ahnung.

Abgesehen von diesen Auftritten bekam ich nicht viel von Tristan mit. Ich hatte keine weiteren Kurse mit ihm, in den Pausen sass er entweder mürrisch rauchend herum, diskutierte heftig mit Maryam oder spielte Hacky-Sack wie ein Besessener. Immer umgab ihn eine Aura von Entrücktheit, auch bei einer seltsamen kurzen Begebenheit. Ich war mit ein paar Jungs unterwegs in die Osterferien, mit einem Billiganbieter zum Snowboarden nach Sölden. Der Bus fuhr gerade in den nebligen Skiort rein, da sagte einer: «Ist das nicht Tristan?» Wir schauten aus dem Fenster und tatsächlich – umgeben von dreckigem Schnee sass Tristan alleine auf einer Bank am Strassenrand und schaute ins Nichts. Danach sahen wir ihn nicht mehr.

Die nächste einschneidende Begegnung mit ihm hatte ich ein halbes Jahr vor den Abi-Prüfungen. Wir hingen mit einer grösseren Gruppe in einer Etagenwohnung ab, ich mit ein paar Leuten im Wohnzimmer, Tristan mit Shahab, Kreisler und einem von den Russen in der Küche. Wir wussten, dass sie sich dort Lines zogen, aber das interessierte uns nicht. Unsere einzige Sorge war, dass irgendwann Shahab reinkommen und sehen würde, dass wir den Film schon ohne ihn angemacht hatten. Shahab war nämlich nicht der Typ, den man anpissen wollte, sondern der Typ, der bei Kreisligaspielen im Brennpunkt als erster vom Platz flog und später den Schiri mit einer Eisenstange verdrosch. Als der Film schon halb durch war, schickten sie den Russen los, um neues Zeug aufzutreiben, und setzten sich zu uns in Wohnzimmer. Wir atmeten auf – Shahab interessierte sich nicht für den Film. Stattdessen sass er wie die anderen beiden mit krummem Rücken auf einem Stuhl neben dem Esstisch, wippte mit den Füssen und guckte finster. Irgendwann schnaubte Tristan aus seinen Fuchur-Nüstern: «Wo bleibt der kleine Wichser?» Shahab flüsterte: «Ruhig, Bruder.» und Tristan war wieder still. Nach einer Ewigkeit kam eine SMS und sie standen auf. Beim Verlassen des Zimmers legte Shahab den Arm um Tristan und rief: «Komm flieg mit mir, Homie!» Wir entspannten uns, schauten den Film zu Ende, machten den nächsten an. Als der erste von uns schon eingepennt war, kam Tristan zurück. Unten liessen wir ihn noch rein, doch bis er oben war, hatten wir uns umentschieden. Ohne Shahab, der ihn an der kurzen Leine hielt, wäre Tristan ein Pitbull unter Pudeln gewesen, so stoned, wie wir waren. Wir machten ihm die Wohnungstür nicht auf und hofften, dass er einfach wieder gehen würde. Aber das tat er nicht. Stattdessen begann er, gegen die Tür zu schlagen. Es war bereits zwei Uhr morgens und seine Schläge klangen wie Kanonendonner. Zwanzig Minuten ging das so. Wir sassen paralysiert vor den vollen Aschenbecher und den leeren Imbissschachteln und zuckten jedes Mal auf, wenn der nächste Schlag durch die Nacht hallte. Dann ging er endlich.

Kurze Zeit später kam Tristan nicht mehr in die Schule. Keiner wusste etwas über ihn, auch die Jungs aus seinem Viertel nicht. Ob Kreisler was wusste, kann ich nicht sagen, ich sprach kein Wort mit diesem Hurensohn. Auch mit Maryam hatte ich nichts zu tun. Dass einer einfach nicht mehr aufkreuzte, war aber auch nichts Ungewöhnliches. Viele verschwanden von einem Tag auf den anderen, sodass sich unsere Raucherecke immer weiter ausdünnte, je näher das Abi rückte. Tristan hatte eher noch lange durchgehalten.

Die allerletzten Schulwochen kommen, das Abi steht kurz bevor, und ich nehme den anderen Bus, weil Stefanie ihn auch nimmt. So lande ich im Niemandsland zwischen Autohäusern, Wohnblocks und Discountern und muss zwanzig Minuten durch einen schmalen Parkstreifen nach Hause laufen. Es ist einer dieser Parks, die man nur betritt, um einen zu buffen oder schnell den Köter reinscheissen zu lassen. Und mitten in diesem Park hängt Tristan auf einer Bank und starrt ins Leere. Seine Hose ist aufgerissen und sein Pullover ist dreckig. Neben ihm liegt ein schmuddeliger Rucksack. Er erkennt mich und wir geben uns die Hand. Ich frage ihn, ob alles klar ist, und er sagt: «Ja.» Er fragt mich, was ich gleich noch so mache, und ich erzähle ihm, dass ich ins Fitnessstudio gehen will. Direkt ist er hellwach. Er fragt mich, wie viele Liegestütze ich schaffe, und ich antworte ihm: «Keine Ahnung, um die dreissig vielleicht.» Er springt auf, kreist die Arme und sagt, dass er mehr schafft, auch wenn er seit einem Tag nichts ausser einer halben Tafel Schokolade gegessen hat. Er geht in die Hocke, stemmt die Hände in den Schotterboden und macht vor meinen Füssen siebenunddreissig Liegestütze. Dann steht er wieder auf und ruft heiter: «Sag ich doch, da musst du wohl noch ein bisschen trainieren!» Ich gebe ihm die Hand und wir verabschieden uns. Als ich mich noch einmal nach ihm umdrehe, sitzt er wieder in sich zusammengesunken auf der Bank. Hinter ihm ragen Hochhäuser in den Himmel. Sie scheinen jeden Moment auf ihn zu kippen.

Drei Wochen später ist Tristan tot. Die Neuigkeit sickert langsam durch. In der Zeitung steht nur, dass ein Jugendlicher von einem Haus gesprungen ist, Tristans Name wird nicht genannt. Nach ein paar Tagen wissen wir, es war Tristan. Die Schule reagiert nicht darauf. Von einem seiner alten Kumpel erfahre ich später, dass er am Abend vor seinem Selbstmord bei dessen Eltern geklingelt und etwas von «Kameras überall» geredet hat. Sie hätten daraufhin bei Tristans Eltern angerufen, nette Leute wohl, voller Sorge um ihren Sohn, und die hätten gesagt, dass sie seit Längerem nicht mehr zu ihm durchdringen und nicht wissen, wo er gerade ist. Nach seinem Tod haben seine Eltern dann nichts mehr über Tristan gesagt, und so weiss auch ich nichts weiter von ihm zu erzählen, ausser, dass seine Freundin von damals, die stille Maryam, sich heute in Käfigen prügelt.

 
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Hallo @Henry K.

ich finde deine Geschichte heftig. Das liegt sowohl am Inhalt als auch an der verwendeten Sprache. Letztere ist derb, was allerdings zu den geschilderten Szenen passt. Die Geschehnisse gehen mir gar nicht mehr aus dem Kopf. Insofern hat dein Text einen Eindruck bei mir hinterlassen. Daumen hoch dafür. Dennoch lässt mich deine Geschichte mit einem geteilten Eindruck zurück. Ich habe das Gefühl, sie ist unstimmig. Sie will nicht richtig passen.
Du schreibst einen Satz, der das ganz gut auf den Punkt bringt:

So wurde eine Stufe zusammengebraut, die eher zu einer Hauptschule als zu einem altsprachlichen Gymnasium passte.
Natürlich könnte man sagen, dass man ein Klischee bedient, verlagert man die Handlung an eine Haupt- oder Gesamtschule im sozialen Brennpunkt. Doch was du beschreibst mit all der Gewalt, dem Verhalten der Schüler, den Drogen ist für mich genau das: ein sozialer Brennpunkt. Ziehen wir eine Nebenfigur, den Anwaltssohn Kreisler, heran. Dieser scheint aus gut situierten Verhältnissen zu stammen. Dass dieser von seinen Eltern auf diese Schule geschickt wird, kaufe ich nicht ab. Es gibt jedoch noch weitere Punkte, die meinen Eindruck der Unstimmigkeit verstärken.

Bei diesen Turnieren konnte man berühmt werden, denn es war der einzige Anlass, wo man mit den Jungs aus den anderen Klassen in Kontakt kam.
Das ist nicht die Erinnerung, die ich an Schule habe. Und ich denke nicht, dass es sich an irgendeiner Schule derart verhält. Es kommen doch immer die Schüler aus unterschiedlichen Klassen miteinander in Kontakt. Lässt sich das überhaupt vermeiden?

Ich kannte Tristan nicht gut, aber ich war der letzte von uns, der ihn lebend gesehen hat, darum erzähle ich kurz seine Geschichte.
Dass der Erzähler Tristans Geschichte erzählt, weil er ihn zuletzt lebend gesehen hat, finde ich eine merkwürdige Begründung. Die Erzählweise der Geschichte passt gut dazu, dass er Tristan nicht gut kannte, ist sie doch sehr stark distanziert geschrieben. Das empfinde ich auch als eine Schwäche. Tristan bleibt für mich ein blasser Charakter. Wir erfahren nicht viel über seine Gefühle, was er denkt, wie es zum Suizid kommt. Dadurch, ich entschuldige mich an dieser Stelle dafür, nimmt mich Tristans Tod auch nicht sehr mit. Die Zustände an der Schule, die Schilderung des sozialen Milieus machen einen viel stärkeren Eindruck auf mich. Insofern finde stimmen Titel und Geschichte nicht richtig überein.

Ich möchte gerne auch noch ein wenig zur Sprache sagen.

spielten Unter- und Mittelstufe in der grossen Turnhalle Fussball
großen, Fußball

Und im Tor war Tristan die Nummer Eins
Im Tor war Tristan die Nummer Eins

Er wirkte ernster als die anderen Jungs, auch weil er sich sein schwarz-lila Trikot von Stefan Klos in die Hose steckte
Es ist mir neu, dass man ernst wirkt, wenn man sich sein Shirt in die Hose steckt.

die aus einer Horde geisterkranker Freaks
geisteskranker

vom dickhalsigen König Shahab eine Pyramide abwärts zeichnen konnte
Das verstehe ich nicht

anarchistischer Dschungel, wo jeder vom Tiger zur Antilope
Antilopen leben, soweit ich weiß, nicht im Dschungel

So wurde eine Stufe zusammengebraut
Komische Wortwahl

Jekyll-und-Hyde-Scheiss
Scheiß

In Zeiten, in denen er die Finger vom Gras liess
ließ

Selbst der Typ mit der Kippe sah es schliesslich ein
schließlich

in den Pausen sass er
saß

umgeben von dreckigem Schnee sass Tristan
saß

Bank am Strassenrand
Straßenrand
Diese Stellen, an denen ein ß statt ss zu schreiben wäre, tauchen noch öfter auf. Ich werde sie jetzt nicht mehr alle zitieren.

später den Schiri mit einer Eisenstangen verdrosch
Eisenstange

Unten liessen wir ihn noch rein, doch bis er oben war, hatten wir uns umentschieden. Wir machten ihm die Wohnungstür nicht auf und hofften, dass er einfach wieder gehen würde. Aber das tat er nicht. Stattdessen begann er, gegen die Tür zu schlagen. Es war bereits zwei Uhr morgens und seine Schläge klangen wie Kanonendonner. Zwanzig Minuten ging das so. Wir sassen paralysiert vor den vollen Aschenbecher und den leeren Imbissschachteln und zuckten jedes Mal auf, wenn der nächste Schlag durch die Nacht hallte. Dann ging er endlich.
Warum lassen sie ihn den plötzlich nicht mehr rein? Das erschließt sich mir nicht.

Die allerletzten Schulwochen kommen, das Abi steht kurz bevor,
Warum wechselt du ab dieser Stelle ins Präsens? Es liegt doch alles in der Vergangenheit. Im ersten Satz der Geschichte implizierst du, Tristan sei bereits tot.

Hinter ihm ragen Hochhäuser in den Himmel. Sie scheinen jeden Moment auf ihn zu kippen.
Komisches Bild. Was willst du damit ausdrücken?

Nach seinem Tod haben seine Eltern dann nichts mehr zu Tristan gesagt
Meinst du "über" statt "zu"? Man sagt ja in der Regel selten etwas zu Toten.

dass seine Freundin von damals, die stille Maryam, sich heute in Käfigen prügelt.
Okay. Was ist die Funktion dieses Satzes?

Viele Grüße aus Freiburg
Markov

 
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Hallo @Markov

vielen Dank für deinen Kommentar. Auf einige Punkte möchte ich natürlich kurz eingehen:

ich finde deine Geschichte heftig. Das liegt sowohl am Inhalt als auch an der verwendeten Sprache. Letztere ist derb, was allerdings zu den geschilderten Szenen passt. Die Geschehnisse gehen mir gar nicht mehr aus dem Kopf. Insofern hat dein Text einen Eindruck bei mir hinterlassen. Daumen hoch dafür.

Danke für das Kompliment, freut mich sehr. Allein mit Worten einen starken bildlichen Eindruck beim Leser zu hinterlassen, ist, glaube ich, eines der primären Ziele, wenn man schreibt.

Dennoch lässt mich deine Geschichte mit einem geteilten Eindruck zurück. Ich habe das Gefühl, sie ist unstimmig. Sie will nicht richtig passen.
Du schreibst einen Satz, der das ganz gut auf den Punkt bringt:
Henry K. schrieb:
So wurde eine Stufe zusammengebraut, die eher zu einer Hauptschule als zu einem altsprachlichen Gymnasium passte.
Natürlich könnte man sagen, dass man ein Klischee bedient, verlagert man die Handlung an eine Haupt- oder Gesamtschule im sozialen Brennpunkt. Doch was du beschreibst mit all der Gewalt, dem Verhalten der Schüler, den Drogen ist für mich genau das: ein sozialer Brennpunkt. Ziehen wir eine Nebenfigur, den Anwaltssohn Kreisler, heran. Dieser scheint aus gut situierten Verhältnissen zu stammen. Dass dieser von seinen Eltern auf diese Schule geschickt wird, kaufe ich nicht ab. Es gibt jedoch noch weitere Punkte, die meinen Eindruck der Unstimmigkeit verstärken.

Ich verstehe deinen Einwand, aber an eine Haupt- oder Gesamtschule in einen Brennpunkt kann ich es nicht verlegen. Ich habe noch ein wenig klarer rausgestellt, dass diese Stufe soz. durch Zufall entstanden ist. Sollte das noch nicht reichen, würde ich noch etwas mehr Kontext geben.

Es gibt jedoch noch weitere Punkte, die meinen Eindruck der Unstimmigkeit verstärken.
Henry K. schrieb:
Bei diesen Turnieren konnte man berühmt werden, denn es war der einzige Anlass, wo man mit den Jungs aus den anderen Klassen in Kontakt kam.
Das ist nicht die Erinnerung, die ich an Schule habe. Und ich denke nicht, dass es sich an irgendeiner Schule derart verhält. Es kommen doch immer die Schüler aus unterschiedlichen Klassen miteinander in Kontakt. Lässt sich das überhaupt vermeiden?

Also in Deutschland ist ja jedes Bundesland anders und dann gibt es auch noch mal grosse Binnenunterschiede, allein durch den Standort - Grossstadt, Kleinstadt, Land usw. Ausserdem ändern sich Dinge mit der Zeit. Aber an dieser Schule war es so. Ich frage mich auch eher, wo Schüler aus verschiedenen Klassen vor der Oberstufe denn Kontakt haben sollten?

Henry K. schrieb:
Ich kannte Tristan nicht gut, aber ich war der letzte von uns, der ihn lebend gesehen hat, darum erzähle ich kurz seine Geschichte.
Dass der Erzähler Tristans Geschichte erzählt, weil er ihn zuletzt lebend gesehen hat, finde ich eine merkwürdige Begründung.

Das soll eben genau die distanzierte Erzählweise und die Informationslücken legitimieren. Anfangs war der Erzähler auch noch präsenter, vielleicht ist es nun ein entbehrlicher Einstieg. Aber ich finde, es schliesst sich dann gut am Schluss mit dem erneuten Bezug auf das geringe Wissen.

Die Erzählweise der Geschichte passt gut dazu, dass er Tristan nicht gut kannte, ist sie doch sehr stark distanziert geschrieben. Das empfinde ich auch als eine Schwäche. Tristan bleibt für mich ein blasser Charakter. Wir erfahren nicht viel über seine Gefühle, was er denkt, wie es zum Suizid kommt. Dadurch, ich entschuldige mich an dieser Stelle dafür, nimmt mich Tristans Tod auch nicht sehr mit. Die Zustände an der Schule, die Schilderung des sozialen Milieus machen einen viel stärkeren Eindruck auf mich. Insofern finde stimmen Titel und Geschichte nicht richtig überein.

Ich glaube, das geht Hand in Hand bzw. die Geschichte soll geradezu das schildern: Tristans Tod war eine Randnotiz. Genau darin liegt für mich die Tragik, nicht darin, dass hier ein sehr individuell gezeichneter Charakter stirbt.

Den Titel habe ich geändert, damit er den Fokus von Tristan etwas wegnimmt.

Ich möchte gerne auch noch ein wenig zur Sprache sagen.
Henry K. schrieb:
spielten Unter- und Mittelstufe in der grossen Turnhalle Fussball
großen, Fußball

Hatte keine deutsche Tastatur zur Verfügung, darum ist alles "ss". Hab einen Hinweis zur Story gesetzt, damit sich nicht noch jemand unnötig Mühe macht. Sorry für die Zusatzarbeit und trotzdem danke dafür.

Henry K. schrieb:
Er wirkte ernster als die anderen Jungs, auch weil er sich sein schwarz-lila Trikot von Stefan Klos in die Hose steckte
Es ist mir neu, dass man ernst wirkt, wenn man sich sein Shirt in die Hose steckt.

Hab die Stelle noch etwas präzisiert.

Henry K. schrieb:
vom dickhalsigen König Shahab eine Pyramide abwärts zeichnen konnte
Das verstehe ich nicht

Nachgeschärft. Wenn bei anderen Lesern auch vor allem die allgemeinen Beschreibungen der Schule "gut ankommen", würde ich Shahab vielleicht noch ausbauen als Figur.

Henry K. schrieb:
anarchistischer Dschungel, wo jeder vom Tiger zur Antilope
Antilopen leben, soweit ich weiß, nicht im Dschungel

Tatsächlich tun sie das (auch).

Henry K. schrieb:
So wurde eine Stufe zusammengebraut
Komische Wortwahl

Hier ging es mir um das schon angeklungene Zufallsmoment. In einer zusammengebrauten Mixtur schwingt für mich etwas chaotisches, zufällig reagierendes mit. "Zusammengewürfelt" wäre eine Alternative?

Henry K. schrieb:
Unten liessen wir ihn noch rein, doch bis er oben war, hatten wir uns umentschieden. Wir machten ihm die Wohnungstür nicht auf und hofften, dass er einfach wieder gehen würde. Aber das tat er nicht. Stattdessen begann er, gegen die Tür zu schlagen. Es war bereits zwei Uhr morgens und seine Schläge klangen wie Kanonendonner. Zwanzig Minuten ging das so. Wir sassen paralysiert vor den vollen Aschenbecher und den leeren Imbissschachteln und zuckten jedes Mal auf, wenn der nächste Schlag durch die Nacht hallte. Dann ging er endlich.
Warum lassen sie ihn den plötzlich nicht mehr rein? Das erschließt sich mir nicht.

Nachgeschärft.

Henry K. schrieb:
Die allerletzten Schulwochen kommen, das Abi steht kurz bevor,
Warum wechselt du ab dieser Stelle ins Präsens? Es liegt doch alles in der Vergangenheit. Im ersten Satz der Geschichte implizierst du, Tristan sei bereits tot.

Weil diese letzte Erinnerung beim Erzähler weiterlebt. Durch Tristans Tod wird diese Szene sozusagen automatisch zur Schlüsselszene, das wollte ich stilistisch honorieren.

Henry K. schrieb:
Hinter ihm ragen Hochhäuser in den Himmel. Sie scheinen jeden Moment auf ihn zu kippen.
Komisches Bild. Was willst du damit ausdrücken?

Hmmm, also das scheint mir ein ziemlich klares Bild zu geben.

Henry K. schrieb:
Nach seinem Tod haben seine Eltern dann nichts mehr zu Tristan gesagt
Meinst du "über" statt "zu"? Man sagt ja in der Regel selten etwas zu Toten.

Im Sinne von "etwas zu einem Thema sagen" - kann man aber falsch verstehen. Vl. ändere ich es besser.

Henry K. schrieb:
dass seine Freundin von damals, die stille Maryam, sich heute in Käfigen prügelt.
Okay. Was ist die Funktion dieses Satzes?

Das zeigt den Schmerz, den Maryam seit damals mit sich rumträgt, und ihre Unfähigkeit, den mit Worten auszudrücken. Er ist so gross, dass sie als schüchternes Mädchen eine der brutalsten Sportarten betreibt, für die man viel Mut und Leidensfähigkeit, aber auch Wut braucht.

Noch mal danke für deine Zeit. Ich hoffe, ich konnte deine Fragen an den Text beantworten.

VG, HK

 
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Hallo @Henry K.

Ich frage mich auch eher, wo Schüler aus verschiedenen Klassen vor der Oberstufe denn Kontakt haben sollten?
Bei uns war es so, dass wir, als wir aufs Gymnasium kamen nach Fremdsprachen sortiert wurden und sich daher schon Schüler aus verschiedenen Klassen derselben Stufe kannten. Das führte zum Beispiel in den Hofpausen zu Kontakten mit anderen Klassen. Ferner gab es an meiner Schule auch vor der Oberstufe Arbeitsgemeinschaften, in denen Schüler verschiedener Klassen und sogar Jahrgänge miteinander Kontakt hatten. Aber ich sehe ein, dass es an anderen Schulen vielleicht weniger ausgeprägt ist.

Aber ich finde, es schliesst sich dann gut am Schluss mit dem erneuten Bezug auf das geringe Wissen.
Da stimme ich zu.

Hab die Stelle noch etwas präzisiert.
Kommt jetzt besser rüber.

Tatsächlich tun sie das (auch).
Interessant. Das ist mir neu.

Hier ging es mir um das schon angeklungene Zufallsmoment. In einer zusammengebrauten Mixtur schwingt für mich etwas chaotisches, zufällig reagierendes mit. "Zusammengewürfelt" wäre eine Alternative?
Tatsächlich ist "zusammengewürfelt" die bessere Wahl. Beim Brauen geht man ja eher strukturiert und planvoll vor. Würfeln hingehen drückt besser den Zufall aus, den du vermitteln willst. Wie du auch oben im Kommentar schreibst:
dass diese Stufe soz. durch Zufall entstanden ist

Hmmm, also das scheint mir ein ziemlich klares Bild zu geben.
Dann muss ich da nochmal in mich gehen.

Im Sinne von "etwas zu einem Thema sagen" - kann man aber falsch verstehen. Vl. ändere ich es besser.
Meine Meinung ist nicht repräsentativ aber ich habe es falsch verstanden.

Danke für deine Erläuterungen

Viele Grüße
Markov

 
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@Markov Danke für den Anschlusskommentar - habe jetzt "zusammengewürfelt" genommen und auch "sagen über" statt "sagen zu" genommen.

VG, HK

 

AWM

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Servus @Henry K. leider hat es meine zitierten Textstellen zerhauen. Ich gehe deshalb nur auf die übergeordneten Kritikpunkte ein, die mir in Erinnerung geblieben sind.

Perspektive:
Ich frage mich, warum du diesen Erzählrahmen gewählt hast. Wieso sollte ausgerechnet der Erzähler, der Tristan kaum kannte, die Geschichte erzählen und wem erzählt er sie eigentlich. Diese Motivation, das zu tun (Letzter, der ihn gesehen hat) ist für mich auch keine. Dann dieses „kurz“ seine Geschichte erzählen. Du nimmst hier jemanden, dem ein Verstorbener nur eine kurze Geschichte wert ist, der nicht involviert war wirklich, dem nichts wirklich an Tristan lag. Das finde ich ungeschickt und führt dazu, dass man sich fragt: Warum sollte mir dann was an Tristan liegen?

Du musst dich auch dauernd rechtfertigen, warum der Erzähler jetzt doch weiß, was er weiß, obwohl er kaum Kontakt hatte.
Was du im Gegenzug für diese Umständlichkeit gewinnst, erschließt sich mir nicht. Alles spräche dafür, dass die Geschichte jemand erzählt, der Christian gut kannte und für den auch etwas auf dem Spiel stand, weil er involviert war.

Sprache:
Die Sprache deines Erzählers schwankt stark. Manchmal klingt er, als erzähle er 30 Jahre aus der Zukunft als gut situierter Akademiker, der einen Schwank aus seinem Leben erzählt und leicht süffisant analysiert. Dann nutzt er Schimpfworte und ich habe einen Jungen vor mir, der dort gerade zur Schule geht.

Konflikt und Fallhöhe:
Du schwächst Konflikte unnötig ab. Warum ist dein Erzähler jemand, der auf Grund seiner Physis irgendwie fein raus ist, der keine Gängeleien zu erwarten hat, dem quasi nichts passieren kann? Warum ist Tristan nicht jemand, der eigentlich krass Potential hat und dann abstürzt, sondern ein Freak wie alle anderen? So nimmst du die Fallhöhe beider Figuren und erstickst Spannung.

Stringenz:
Die Geschichte hat Logiklücken. Wie gesagt, leider sind meine Zitate fort, aber z.B. sagt der Erzähler, dass es niemanden in seiner Gewichtsklasse gab und er deshalb kein Problem hatte. Danach braucht ein anderer Typ, der ebenfalls sehr massig ist, Tristan als Schutzperson. Diese mangelnde Stringenz lese ich auch bei der Zeichnung der Figuren. Tristan wird zuerst als ernster etc dargestellt. Man denkt, der sticht heraus, aus dem kann was werden. Im nächsten Satz sagst du, er war quasi ein Freak wie alle anderen in seiner Klasse. Ich bekomme so einfach keine klaren Bilder deiner Figuren.

Konzentration:
Du schneidest Dinge an, die für deine Geschichte egal sind. Da ist Tristans Freundin über die wir quasi nichts erfahren. Und dann lässt du die Geschichte ausgerechnet mit einem Satz über sie enden, der sich deshalb einfach nur absurd liest.
Die Geschichte bräuchte eine Konzentration auf die Geschichte mit Tristan und die Beziehung zu dem, der erzählt. Und Tristans Geschichte müsste auch konkreter und szenischer und plotorientierter sein, damit ich da mitfühlen kann. So ist mir das einfach zu vage und tellig von jemandem nacherzählt, für den keine Sekunde etwas auf dem Spiel stand und dem Tristan im Grunde egal war.

Gruß AWM

PS: Ich habe gerade gesehen, dass die Geschichte bei Flash Fiction eingeordnet ist. Dafür finde ich sie zu lange und eben einfach zu wenig verdichtet auf das Wesentliche.

 
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Hallo @AWM

vielen Danke für deinen Kommentar. Schade, dass die Zitate weg sind.

Perspektive:
Ich frage mich, warum du diesen Erzählrahmen gewählt hast. Wieso sollte ausgerechnet der Erzähler, der Tristan kaum kannte, die Geschichte erzählen und wem erzählt er sie eigentlich. Diese Motivation, das zu tun (Letzter, der ihn gesehen hat) ist für mich auch keine. Dann dieses „kurz“ seine Geschichte erzählen. Du nimmst hier jemanden, dem ein Verstorbener nur eine kurze Geschichte wert ist, der nicht involviert war wirklich, dem nichts wirklich an Tristan lag. Das finde ich ungeschickt und führt dazu, dass man sich fragt: Warum sollte mir dann was an Tristan liegen?

Du musst dich auch dauernd rechtfertigen, warum der Erzähler jetzt doch weiß, was er weiß, obwohl er kaum Kontakt hatte.
Was du im Gegenzug für diese Umständlichkeit gewinnst, erschließt sich mir nicht. Alles spräche dafür, dass die Geschichte jemand erzählt, der Christian gut kannte und für den auch etwas auf dem Spiel stand, weil er involviert war.


Also das alles lässt sich einfach erklären: Die ganze Story orientiert sich stark an tatsächlichen Geschehnissen. Wie @Markov in gewisser Weise schon festgestellt hat, geht es mehr um die Situation an der Schule als um Tristan. In seiner Geschichte gipfeln sozusagen nur die Verhältnisse. Gerade dass keinem richtig was an Tristan und seinem Tod lag, ist wie oben schon erwähnt, geradezu die Hauptaussage.

Die "Rechtfertigungen" sind dafür da, genau das klarzumachen und die Ambivalenz der Gruppe zu zeigen: Man weiss irgendwie alles über jeden und dann doch wieder nichts. Für mich ist das ein Charakteristikum der damaligen Zeit, das ich erhalten wollte.

Dass das alles als Geschichte so funktioniert, behaupte ich allerdings nicht.

Sprache:
Die Sprache deines Erzählers schwankt stark. Manchmal klingt er, als erzähle er 30 Jahre aus der Zukunft als gut situierter Akademiker, der einen Schwank aus seinem Leben erzählt und leicht süffisant analysiert. Dann nutzt er Schimpfworte und ich habe einen Jungen vor mir, der dort gerade zur Schule geht.

Dass war in gewisser Weise beabsichtigt. Ich wollte weder in Slang schreiben - das wäre albern in meinen Augen, noch wollte ich eine ausschliesslich analytisch-rückblickende Sprache wählen - da das jede Unmittelbarkeit zerstört hätte. Auch hier behaupte ich nicht, dass das geglückt ist. Ich sehe das alles eher als Experiment an und will hier eine Form finden, die genau beides kann - bewerten, aber auch widerspiegeln.

Konflikt und Fallhöhe:
Du schwächst Konflikte unnötig ab. Warum ist dein Erzähler jemand, der auf Grund seiner Physis irgendwie fein raus ist, der keine Gängeleien zu erwarten hat, dem quasi nichts passieren kann? Warum ist Tristan nicht jemand, der eigentlich krass Potential hat und dann abstürzt, sondern ein Freak wie alle anderen? So nimmst du die Fallhöhe beider Figuren und erstickst Spannung.

War halt so. Ich wollte erst mal so eng wie möglich "bei der Wahrheit" bleiben und schauen, was davon dem Leser bitter aufstösst. Da kamen ja auch oben schon Dinge im letzten Kommentar. Habe die Geschichte auch Freunden gezeigt, die damals dabei waren, und sie fanden es sehr wichtig, dass klar wird, dass Tristan eben keine Ausnahme war, sondern einer unter vielen sehr extremen Menschen.

Stringenz:
Die Geschichte hat Logiklücken. Wie gesagt, leider sind meine Zitate fort, aber z.B. sagt der Erzähler, dass es niemanden in seiner Gewichtsklasse gab und er deshalb kein Problem hatte. Danach braucht ein anderer Typ, der ebenfalls sehr massig ist, Tristan als Schutzperson. Diese mangelnde Stringenz lese ich auch bei der Zeichnung der Figuren. Tristan wird zuerst als ernster etc dargestellt. Man denkt, der sticht heraus, aus dem kann was werden. Im nächsten Satz sagst du, er war quasi ein Freak wie alle anderen in seiner Klasse. Ich bekomme so einfach keine klaren Bilder deiner Figuren.

Naja, das mag so scheinen, kann aber nicht sein, da ja kein Kernelement ausgedacht ist. Das Vorbild von Kreisler war zwar gross und massig, aber unsportlich, chubby und ungelenk. Er war also rein formal "in der obersten Gewichtsklasse", hätte aber selbst gegen so manches Federgewicht keine Chance gehabt. Tatsächlich hatte ich aber überlegt, ihn als kleine Person zu zeichnen, denn mir war der Widerspruch klar: Gross und massig sorgt für ein imposantes Auftreten und vl imponiert das dem einen oder anderen. Aber jeder mit Ahnung wusste, dass das ne Luftnummer ist, was ihn gerade so unbeliebt gemacht hat.

Genau solche Hinweise interessieren mich aber: Wo ist die Realität unglaubhaft, was hält der Leser für unrealistisch, wo denkt er nur um eine, nicht um zwei Ecken? Wo muss ich mehr Kontext bieten? Usw. Danke also dafür.

Konzentration:
Du schneidest Dinge an, die für deine Geschichte egal sind. Da ist Tristans Freundin über die wir quasi nichts erfahren. Und dann lässt du die Geschichte ausgerechnet mit einem Satz über sie enden, der sich deshalb einfach nur absurd liest.

Auch das ist im Grunde halt, wie es war. Irgendwer erzählte nach Jahren, Maryam macht jetzt MMA und sagte dann selbst: Naja, auch kein Wunder, bei der Geschichte damals. Ich sehe aber ein, dass die Figur hier zu wenig Raum bekommt.

Die Geschichte bräuchte eine Konzentration auf die Geschichte mit Tristan und die Beziehung zu dem, der erzählt. Und Tristans Geschichte müsste auch konkreter und szenischer und plotorientierter sein, damit ich da mitfühlen kann. So ist mir das einfach zu vage und tellig von jemandem nacherzählt, für den keine Sekunde etwas auf dem Spiel stand und dem Tristan im Grunde egal war.

Das wäre eine Möglichkeit, ja. Aber dann würde eben der Punkt von der Teilnahmslosigkeit verloren gehen. Und es wäre nicht mehr berichtend, sondern fabulierend. Falls noch weitere Kommentare auflaufen, die in die Richtung von deinem gehen, würde ich darum wohl eher den Fokus von Tristan wegbewegen und andere Figuren ins Zentrum rücken.

Auf jeden Fall danke für dein sehr hilfreiches Feedback.

VG, HK

 

AWM

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Servus @Henry K.

Also das alles lässt sich einfach erklären: Die ganze Story orientiert sich stark an tatsächlichen Geschehnissen.
Ich finde, nicht dass das eine Erklärung ist. Nie. Generell ist es für mich kein Argument bei Prosa, dass etwas eben so war. Für mich ist es die Aufgabe eines Autors, das dann in eine Geschichte zu gießen. Aber davon abgesehen zieht das hier zweimal nicht: Es war ja nicht so, dass jemand zu dir kam und gesagt hat "Hallo, ich habe Tristan als Letzter gesehen und deshalb erzähle ich dir KURZ seine Geschichte." Das ist also niemals ein Argument für die Wahl dieses unglücklichen Erzählers.
Wie @Markov in gewisser Weise schon festgestellt hat, geht es mehr um die Situation an der Schule als um Tristan.
Kommt nicht raus. Meine mich zu erinnern, dass die Geschichte sogar zuerst "Tristan" hieß. Den Namen einer Person als Titel zu wählen, da weckt man gewisse Erwartungen bei den Lesern, da denkt man nicht daran, dass es allgemein wird. Und warum sollte man sich für eine allgemeine Situation an einer Schule interessieren. Es ist ja gerade spannend, wie sich diese Situation auf Protagonisten einer Geschichte auswirkt. Man macht das Allgemeine, Unkonkrete in den Schicksalen von Personen ersichtlich. Das wäre, find ich, deine Aufgabe gewesen.
In seiner Geschichte gipfeln sozusagen nur die Verhältnisse. Gerade dass keinem richtig was an Tristan und seinem Tod lag, ist wie oben schon erwähnt, geradezu die Hauptaussage.
Auch das ist kein Argument für den Erzähler. Lies mal "Unter Null" von Ellis. Da wird Teilnahmslosigkeit gezeigt und nicht versucht, die durch so einen paradoxen erzählerischen "Kniff" zu vermitteln. Die Frage bleibt: Wieso erzählt dein Erzähler das? Hast du darauf eine Antwort, außer dass er der Letzte?
Dass das alles als Geschichte so funktioniert, behaupte ich allerdings nicht.
Tut es für mich nicht. Und wenn du eine Geschichte schreibst, dann sollte es ja schon die Motivation sein, dass es eben als Geschichte funktioniert. Sonst kann man ja auch eine andere Form wählen.
Ich wollte weder in Slang schreiben - das wäre albern in meinen Augen
Wieso?
bewerten, aber auch widerspiegeln.
verstehe ich nicht, was du damit meinst
Naja, das mag so scheinen, kann aber nicht sein, da ja kein Kernelement ausgedacht ist.
Dann kann es sein, dass du das als Autor nicht so rübergebracht hast, wie du es müsstest, dass es nicht als Widerspruch gelesen wird.
Das Vorbild von Kreisler war zwar gross und massig, aber unsportlich, chubby und ungelenk.
Dann zeig uns das doch. Die ganze Geschichte könnte trotz des Erzählrahmens (den ich wie gesagt kicken würde) viel mehr show vertragen.
Aber jeder mit Ahnung wusste, dass das ne Luftnummer ist, was ihn gerade so unbeliebt gemacht hat.
Ja, der Leser aber nicht.
Maryam macht jetzt MMA und sagte dann selbst: Naja, auch kein Wunder, bei der Geschichte damals.
Auch das. Du willst doch ne Kurzgeschichte schreiben. Und ganz davon abgesehen finde ich es auch nicht "kein Wunder", dass jemand nach so einer Geschichte MMA Kämpferin wird. Das liest sich einfach komplett random.
Aber dann würde eben der Punkt von der Teilnahmslosigkeit verloren gehen.
Ne würde es nicht. Es gibt ja auch einen Unterschied zwischen emotionaler Teilnahmslosigkeit und einer Teilnahmslosigkeit, dass man mit Ereignissen absolut nichts zu tun hat, also dass dein Erzähler in keinerlei Plot involviert ist, aber trotzdem klar erkennbar an den Leser herantritt. Stellen wir uns vor, du würdest die Geschichte szenisch schreiben und dein Erzähler wäre der Protagonist. Dann könnte ihm Tristan trotzdem nichts bedeuten, aber er wäre eben in eine Geschichte involviert, die irgendwie mit seinem Schicksal zu tun hat. Wieder als Beispiel Bret Easton Ellis.
"Und es wäre nicht mehr berichtend, sondern fabulierend" - diesen Satz verstehe ich auch überhaupt nicht. Aber ganz davon abgesehen, dass ich nicht verstehe, was das mit meiner Anmerkung zu tun hat: fabulieren finde ich ein negativ gefärbtes Wort. Aber per Definition: "Fabulieren oder Fabulation bezeichnet das Erfinden oder Ersinnen nicht-wirklicher Personen, Dinge, Ereignisse und Handlungen." Wenn du das Fabulieren in dem Sinne sein lassen möchtest, dann finde ich wirklich, dass die Form der Kurzgeschichte, die du ja gewählt hast, einfach die falsche ist.

Gruß AWM

 
Seniors
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Hi, ich wollte dir mal schreiben, denn ich finde, deine Geschichte hat was, aber gleichzeitig machst du dir aus meiner Sicht was kaputt.

Was mir gefällt, ist, dass du in die damalige Zeit und Situation eintauchst, da spüre ich was.
Was mir ähnlich wie @AWM und anderen Kommentatoren geht, ist die Einführung deines Icherzählers. Mal eben kurz das Leben eines Toten anhand diverser Anekdoten zu berichten, weil man der letzte war, ist eine arg lapidare und wenig glaubhafte Begründung für das Erzählen einer Geschichte darüber. Man kann das machen, dass man einen Icherzähler das Schicksal eines anderen aus dessen Brille erzählen sieht, aber dann muss man entweder mehr in das Leben der Hauptfigur reingehen, was du ja nicht willst, weil du die Verhältnisse sprechen lassen willst. Oder du enttarnst die anfänglichen Distanz und Lapidarheit des Icherzählers (mal eben kurz erzählen) als geglaubte Lüge. Das Leben, die Zeit das Schicksal Tristans, haben eben doch ihre Spuren beim Icherzähler hinterlassen. Die Verhältnisse haben ihre Wucht entfaltet. So wie eben zum Beispiel bei Maryam. Aber auch bei ihr bleibt der Zusammenhang sehr allgemein. Die Teilnahmslosigkeit, das Berichtende etc das kannst du ja alles beibehalten, nur irgendeine Konkretisierung müsste her, die nicht so allgemein bleibt wie dein bisheriger Geschichtenfokus:

geht es mehr um die Situation an der Schule als um Tristan. In seiner Geschichte gipfeln sozusagen nur die Verhältnisse. Gerade dass keinem richtig was an Tristan und seinem Tod lag, ist wie oben schon erwähnt, geradezu die Hauptaussage.

Dass keinem damals was an Tristan lag, ist ja okay, dass sich aber trotzdem hinter dem Rücken des Icherzählers irgendein Bezug zwischen ihm, Tristan und den Verhältnissen herstellt, der dann später (und damit auch für den Leser) spürbar wird, das ist doch wichtig, sonst bleibt das Ganze sehr beliebig. Es muss für den Leser greifbar werden, erst dann kannst du doch auch sichtbar machen, was das Kaputte an den Verhältnissen war. So glotzt man als Leser auf deine Charaktere wie auf ein Terrarium mit merkwürdigen Wesen. Will man das?
Die ganze Story orientiert sich stark an tatsächlichen Geschehnissen.
Da bin ich ganz bei @AWM, der geantwortet hat:
Ich finde, nicht dass das eine Erklärung ist.
Das ist wirklich überhaupt keine Erklärung. Und vielleicht ist das auch der Grund, warum du dich was den Icherzähler betrifft, so schwer tust. Du musst etwas glaubhaft machen, nachvollziehbar, wie du das tust, ist vielleicht eine Sache des Handwerks, vielleicht des Gefühls. Ich weiß das nicht so genau. Ich weiß nur, dass "die tatsächlichen Geschehnisse" immer ein ganz schlechtes Argument sind. Und es führt nur dazu, dass man sich beim Schreiben selbst im Weg steht. Ob etwas selbsterlebt ist oder nur so ähnlich oder gar nicht und nur gut gefühlt ist echt sowas von egal.

Zu den anderen Punkten (Logik, Schule etc) schreibe ich nichts mehr, weil keine Zeit. Aber da haben die anderen ja auch schon viel zu gesagt. Ich meine, der Hauptpunkt, der deiner Geschichte dienen könnte, ist, eben den Bezug zwischen Icherzähler und Hauptfigur zu überlegen und diese (bei aller Distanz und dem neutralen Deuten auf die Verhältnisse) neu zu gestalten.

Natürlich gehen auch andere Wege, die Ambivalenz der Gruppe zu zeigen. Ich hab mich mit der von dir gewählten Idee beschäftigt, weil die mich angesprochen hat.
Machs gut und bis dann
Novak

 
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@AWM Danke für den erneuten Kommentar. Hier meine Repliken:

Henry K. schrieb:
Also das alles lässt sich einfach erklären: Die ganze Story orientiert sich stark an tatsächlichen Geschehnissen.
Ich finde, nicht dass das eine Erklärung ist. Nie. Generell ist es für mich kein Argument bei Prosa, dass etwas eben so war. Für mich ist es die Aufgabe eines Autors, das dann in eine Geschichte zu gießen. Aber davon abgesehen zieht das hier zweimal nicht: Es war ja nicht so, dass jemand zu dir kam und gesagt hat "Hallo, ich habe Tristan als Letzter gesehen und deshalb erzähle ich dir KURZ seine Geschichte." Das ist also niemals ein Argument für die Wahl dieses unglücklichen Erzählers.

Sehe ich nicht so. Ich finde, es gibt Prosa, die die Form eines persönlichen Berichts hat oder einer Erinnerung. Wenn diese nicht in die Form einer klassischen Geschichte passen, dann ist das immer noch Prosa - und fällt auch unter "Kurzgeschichte", erfüllt nur bestimmte Lesererwartungen vielleicht nicht.

Und der "unglückliche" Erzähler, das bin ja so gesehen ich selbst. Ich kann ja wohl selbst begründen, warum ich was erzähle. Das muss ich im Übrigen aber gar nicht. Ich bzw. ein Erzähler kann erst mal machen und erzählen, was er willl - auch Unsinn.

Henry K. schrieb:
Wie @Markov in gewisser Weise schon festgestellt hat, geht es mehr um die Situation an der Schule als um Tristan.
Kommt nicht raus. Meine mich zu erinnern, dass die Geschichte sogar zuerst "Tristan" hieß. Den Namen einer Person als Titel zu wählen, da weckt man gewisse Erwartungen bei den Lesern, da denkt man nicht daran, dass es allgemein wird. Und warum sollte man sich für eine allgemeine Situation an einer Schule interessieren. Es ist ja gerade spannend, wie sich diese Situation auf Protagonisten einer Geschichte auswirkt. Man macht das Allgemeine, Unkonkrete in den Schicksalen von Personen ersichtlich. Das wäre, find ich, deine Aufgabe gewesen.

Der Titel wurde nicht ohne Grund geändert. Ursprünglich sollte er übrigens "Tristans Tod" heißen, vielleicht wäre das besser gewesen, weil es mehr auf das Ereignis als die Figur abgehoben hätte.

Und warum sich jemand für die allgemeine Situation an der Schule interessieren sollte? Nun, also das finde ich eine kuriose Anmerkung, zumal @Markov ja zum Beispiel schon sein Interesse daran bekundet hat. Und auch ich selbst bin an allerhand Situationen interessiert, so beliebig oder allgemein sie auch erst mal vielleicht scheinen mögen. Denk mal an Dokus: Da wird von der Müllabfuhr bis zum Nasa-Programm alles abgedeckt, was es gibt. Warum soll das bei literarischen Texten anders sein? Wieder: Man kann doch schreiben, worüber man will.

Henry K. schrieb:
In seiner Geschichte gipfeln sozusagen nur die Verhältnisse. Gerade dass keinem richtig was an Tristan und seinem Tod lag, ist wie oben schon erwähnt, geradezu die Hauptaussage.
Auch das ist kein Argument für den Erzähler. Lies mal "Unter Null" von Ellis. Da wird Teilnahmslosigkeit gezeigt und nicht versucht, die durch so einen paradoxen erzählerischen "Kniff" zu vermitteln. Die Frage bleibt: Wieso erzählt dein Erzähler das? Hast du darauf eine Antwort, außer dass er der Letzte?

Sagte ja schon: Weil ich es eben erzählen will/wollte. Basta. Und dass ich der letzte war, der "Tristan" lebend gesehen hat, noch dazu unter so kuriosen und fast schon surreal "poetischen" Umständen, verbindet mich in meinen Augen irgendwie mit ihm und hat mich darüber nachdenken lassen, welche Erlebnisse ich mit ihm geteilt habe, und wie mein Bild von ihm vorher war.

Henry K. schrieb:
Dass das alles als Geschichte so funktioniert, behaupte ich allerdings nicht.
Tut es für mich nicht. Und wenn du eine Geschichte schreibst, dann sollte es ja schon die Motivation sein, dass es eben als Geschichte funktioniert. Sonst kann man ja auch eine andere Form wählen.

Schon beantwortet: Die Form "Geschichte" ist für mich nicht klar umrissen - hier gibt es Spiel.

Henry K. schrieb:
Ich wollte weder in Slang schreiben - das wäre albern in meinen Augen
Wieso?

Weil es eben eine Erinnerung ist.

Henry K. schrieb:
bewerten, aber auch widerspiegeln.
verstehe ich nicht, was du damit meinst

Naja, wenn ich heute auf eine Situation vor sehr langer Zeit zurückschaue, wende ich mein heutiges Weltwissen an. Dadurch werden Zusammenhänge bewertet und eingeordnet. Aber das spiegelt dann nicht die Unmittelbarkeit und die anderen Zusammenhänge von damals wider. Ungefähr so: Als Zehnjähriger ist ein Vergnügungspark ein Abenteuer, aus Sicht eines Vierzigjährigen kann es zum Beispiel ein Geschäftsmodell sein. Der Zehnjährige rennt also zum Souvenirstand und denkt, dort fänden sich magische Objekte, der Vierzigjährige denkt: Abzocke mit Billigscheiß. Das sind für mich zwei sehr unterschiedliche Perspektiven, die eine ist wertend-analytisch, die andere unmittelbar.

Henry K. schrieb:
Naja, das mag so scheinen, kann aber nicht sein, da ja kein Kernelement ausgedacht ist.
Dann kann es sein, dass du das als Autor nicht so rübergebracht hast, wie du es müsstest, dass es nicht als Widerspruch gelesen wird.
Henry K. schrieb:
Das Vorbild von Kreisler war zwar gross und massig, aber unsportlich, chubby und ungelenk.
Dann zeig uns das doch. Die ganze Geschichte könnte trotz des Erzählrahmens (den ich wie gesagt kicken würde) viel mehr show vertragen.

Ich denke, das ist immer ein Gamble. Als Autor kann man ja nie wissen, was sich der Leser am Ende denkt. Ich meine: Man kann ja theoretisch auch als Leser auf den Gedanken kommen, dass massig nicht gleich stark ist. Wenn die meisten Leser zum Beispiel so differenzieren würden, dann wären genug Infos geliefert worden. Wenn allerdings die meisten Leser so wie du eine widersprüchliche Aussage sehen, dann nicht. Ich denke, so was kann man nie genau vorher wissen als Autor. In diesem Text wollte ich einfach so wenige Informationen wie möglich geben, das war mein Ziel. Und dann anhand der Kommentare eben erfahren, wo es zu wenig war. Also danke für die Hilfe hier!

Henry K. schrieb:
Aber jeder mit Ahnung wusste, dass das ne Luftnummer ist, was ihn gerade so unbeliebt gemacht hat.
Ja, der Leser aber nicht.

Oben geklärt.

Henry K. schrieb:
Maryam macht jetzt MMA und sagte dann selbst: Naja, auch kein Wunder, bei der Geschichte damals.
Auch das. Du willst doch ne Kurzgeschichte schreiben. Und ganz davon abgesehen finde ich es auch nicht "kein Wunder", dass jemand nach so einer Geschichte MMA Kämpferin wird. Das liest sich einfach komplett random.

Tja, das ist dann wohl so. Ich finde das Ende das Stärkste an dem ganzen Text. Ich bekomme beim Schlusssatz selbst Gänsehaut. Wie gesagt, es ist halt schwer, seinen eigenen Text aus Sicht eines Fremden zu lesen.

Henry K. schrieb:
Aber dann würde eben der Punkt von der Teilnahmslosigkeit verloren gehen.
Ne würde es nicht. Es gibt ja auch einen Unterschied zwischen emotionaler Teilnahmslosigkeit und einer Teilnahmslosigkeit, dass man mit Ereignissen absolut nichts zu tun hat, also dass dein Erzähler in keinerlei Plot involviert ist, aber trotzdem klar erkennbar an den Leser herantritt. Stellen wir uns vor, du würdest die Geschichte szenisch schreiben und dein Erzähler wäre der Protagonist. Dann könnte ihm Tristan trotzdem nichts bedeuten, aber er wäre eben in eine Geschichte involviert, die irgendwie mit seinem Schicksal zu tun hat. Wieder als Beispiel Bret Easton Ellis.

Das habe ich ja schon angedeutet, dass eine Überarbeitung in diese Richtung gehen könnte. Durch die Szenen in "Wir"-Form finde ich den Erzähler aber gar nicht so unpräsent, um ehrlich zu sein. Er ist halt meistens Teil einer Gruppe.

"Und es wäre nicht mehr berichtend, sondern fabulierend" - diesen Satz verstehe ich auch überhaupt nicht. Aber ganz davon abgesehen, dass ich nicht verstehe, was das mit meiner Anmerkung zu tun hat: fabulieren finde ich ein negativ gefärbtes Wort. Aber per Definition: "Fabulieren oder Fabulation bezeichnet das Erfinden oder Ersinnen nicht-wirklicher Personen, Dinge, Ereignisse und Handlungen." Wenn du das Fabulieren in dem Sinne sein lassen möchtest, dann finde ich wirklich, dass die Form der Kurzgeschichte, die du ja gewählt hast, einfach die falsche ist.

Mich interessiert es vor allem, so etwas wie die Essenz aus eigenen Erlebnissen zu ziehen, mich und mein Leben dadurch zu reflektieren, meine Mitmenschen besser zu verstehen und zu beleuchten und sonst wie über die Zusammenhänge des Lebens nachzudenken. Am Ersinnen von neuen Situation oder Figuren habe ich tatsächlich wenig Interesse, da ich mir irgendwie nicht anmaßen will, für andere Menschen zu sprechen.

Bei mir kommt noch etwas vielleicht Spezielles hinzu: Ich habe kein Faible für Plots. Ich kann mir auch keine Plots bzw. Geschichten merken, weiß nach kurzer Zeit von keinem Buch oder Film mehr, was die Handlung ist. Dafür weiß ich genau, welche Stimmung herrschte, welche Assoziationen ich beim Lesen/Schauen hatte, was für Lehren und Erkenntnisse ich mitgenommen habe, wo ich das Buch gelesen hab und was drum herum in meinem eigenen Leben passiert ist. Und gerade Filme mit dem ausgefuchstesten Plot, mit cleveren Wendungen usw. interessieren mich am wenigsten. Auch mit Spannung kriegt man mich kaum noch. Ich schaue eigentlich am liebsten "langweilige" Dokus, dahinfließende Filme, so was. Irgendwie brauche ich keine Geschichten mehr in meinem Leben, dieses Gefühl habe ich seit Jahren immer stärker. All diese Fiktionen in der Welt, das ist doch Wahnsinn.

That being said - ich wiederhole, dass das alles nicht heißt, dass dieser Text hier gelungen ist oder "funktioniert". Gerade weil ich wenig Sinn für Plots habe, bin ich um jede Rückmeldung dankbar, die mir zeigt, was einen guten Plot eigentlich ausmacht. Habe neulich gedacht, ich hätte endlich mal eine gute Plot-Idee, und die erste Rückmeldung war vernichtend. Die Alternativvorschläge fand ich dann wiederum viel zu konstruiert und im Grunde auch beliebig. Ich versteh's also irgendwie einfach nicht, mit den Plots.

VG, HK

 
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@Novak Vielen lieben Dank für den Kommentar, mit dem ich viel anfangen kann. Mit der enttarnten Lüge der Begründung bin ich einerseits bei dir. Ja, der Ich-Erzähler übergeht hier einen Bezug, der allerdings den Rahmen sprengen würde. Bzw er steckte in der längeren Urversion drin, zwischen den Zeilen. Da stand: "Auch beim Kiffen hielt ich mich zurück. Mein Kopf gab eh schon nie Ruhe, da konnte ich es nicht gebrauchen, mich restlos in andere Dimensionen zu beamen. Das hätte mich zerstört." Der Ich-Erzähler ist also selbst ein potenzieller Tristan oder Ninjasternwerfer, spürt das aber noch früh genug.

Nachtrag: Das hat für mich andererseits aber auch einen Zeitbezug: Wer das krasseste Erlebnis zu etwas beisteuern kann/konnte in einer Runde, hat/hatte das Privileg, die Story zu erzählen. So war bzw. ist es bei uns. Dieser Ritus soll hier auch zum Ausdruck kommen. Das ist sozusagen eine kleine Meta-Bemerkung übers Stories Erzählen. Würden wir über Tristan reden, würde einer sagen: "Du hast ihn ja noch gesehen" , und mir/dem Erzähler das Wort und die Story zuteilen, obwohl er selbst sie auch erzählen könnte. Das wäre aber respektlos.

So glotzt man als Leser auf deine Charaktere wie auf ein Terrarium mit merkwürdigen Wesen. Will man das?

Das ist so gut! Die Story, die ich gerade überarbeite und die ungefähr in derselben Zeit spielt, heisst "Das Terrarium". Also muss ich sagen: Ja, das will/wollte ich wohl tatsächlich so haben. Ob das in Hinblick auf die Leserschaft eine kluge Entscheidung ist, ist eine andere Frage ;-)

Ich weiß nur, dass "die tatsächlichen Geschehnisse" immer ein ganz schlechtes Argument sind. Und es führt nur dazu, dass man sich beim Schreiben selbst im Weg steht. Ob etwas selbsterlebt ist oder nur so ähnlich oder gar nicht und nur gut gefühlt ist echt sowas von egal.

Für den Leser ist es vielleicht egal, das weiß ich nicht. Wir haben über das Thema "Authentizität" einen ganzen Thread aufgemacht. Hast du wahrscheinlich gesehen. Der Punkt ist: Für mich als Schreibenden ist das alle andere als egal. Simple as that :-)

VG, HK

 
Monster-WG
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Hallo @Henry K. ,

stimmungstechnisch hast du mich abgeholt, wenn das dein Ansinnen ist, hast du das - zumindest bei mir - erreicht. Da spielt natürlich mit rein, dass ich ebenfalls Erinnerungen an die Kollegstufe habe, natürlich andere, aber grundsätzlich gibt es natürlich Überschneidungen. Lines und Ninjasterne waren bei uns kein Inhalt, ich habe das von anderen privilegierten Privatschulgängern zwar gehört, die waren aber zehn Jahre jünger. Vielleicht bin ich also einfach in einem älteren Setting in die Schule gegangen *hust*

Für mich persönlich stellt Alltag ein sehr schwieriges Genre für Geschichten da, eben weil das Leben und der Alltag eben keine Geschichte ist und es daher für mich eine hohe Kunst ist, aus dem alltäglichen Leben eine Geschichte zu formen. Selbsterlebtes halte ich hierbei für noch schwieriger, denn dabei sind die eigenen Emotionen hochgradig involviert, der Kontext ist gelernt, und das Erlebte wird oftmals mit der Geschichte gleichgesetzt.
Deine Aussage: So war das aber und Tristan stand nunmal im Tor und hatte das Hemd in der Hose, ist nicht der erste so lautende Kommentar eines Autors einer selbst erlebten Geschichte und wird auch nicht der letzte sein. Und genau bei dieser Aussage fängt die Schwierigkeit an, bzw. sie bringt das Problem hervorragend auf den Punkt.

Aus deiner subjektiven Sicht, die den Kontext der damaligen Geschehnisse inklusive dem Zeitgeist aus dem FF abrufen kann, inklusive deiner Freunde, die das genauso kennen, macht die Geschichte in jeglicher Form Sinn. Egal wie viel Drehungen, Schleifen du machst, egal wie viele Auslassungen du vornimmst, sie werden dir immer folgen können und auch Erinnerungen, die eigentlich nicht zum Kern der Geschichte gehören mit einem NIcken annehmen. Weil sie den Kontext kennen, weil sie die Erinnerung teilen.
Wir hier - nehmen wir möglicherweise auch hier angemeldete Freunde von dir aus - haben weder diesen Kontext, noch teilen wir deine Erinnerungen.
Deine Aufgabe als Autor ist es also den Kontext und die relevanten Erinnerungen in eine Ordnungen zu bringen, die uns die eigentliche Geschichte innerhalb der vielen Erinnerungen und Geschehnisse erzählt.
Diese Ordnung muss daher auch nicht zwingend chronologisch sein. Gerade in einer Rückblende musst du nicht die Chronologie einhalten, wenn eine geänderte Reihenfolge dem Erzählen der Geschichte dient. Damit meine ich nicht, dass du die eigentliche Chronologie ändern musst, du erzählst die Geschichte nur nicht chronologisch.

Wenn ich deine Kommentare zu dieser Geschichte richtig deute, und da ist Spekulation dabei, bist zwar du der Erzähler der Geschichte, weil du Tristan als letztes gesehen hast, das ist aber eigentlich nicht der echte Auslöser. Denn, mal ehrlich: Wenn du die Geschichte nur erzählst, weil du ihn als letztes gesehen hast, warum erzählst du die Geschichte den ausgerechnet erst jetzt und nicht direkt am nächsten Tag. "Ich habe Tristan gestern noch gesehen." das ist ein logischer Grund, die Geschichte zu erzählen. Aber jetzt? 5, 10, 15 Jahre später? Da ist der Grund nicht mehr, weil du der letzte warst, der ihn gesehen hast. Ist der eigentliche Grund - und hier kommt meine Spekulation - weil einer deiner Freunde entdeckt hat, das Miryam heute MMA macht und sagte "Kein Wunder, nach den damaligen Geschehnissen"? Und darauf festgestellt wurde, dass du der letzte warst, der ihn gesehen hat?
Wenn dem so ist, dann ist das eigentlich der Anfang deiner Geschichte. Das Treffen mit deinen Freunden, der Feststellung was Miryam heute macht, der von deinem Freund eingeworfene Bezug zum Tod Tristan - den ich nicht so recht teilen mag, was aber irrelevant ist - und dem darauf folgenden gemeinsamen Abtauchen in die Erinnerungen, von dir erzählt, weil du der letzte warst, der ihn lebend gesehen hat. Das wäre damit die echte Abfolge und damit der logische Initiator der Geschichte.
"Weil ich der letzte war, der ihn gesehen hat" ist ohne den Kontext nicht logisch, sondern klingt eher nach "Hach, ich will eine echte Alltagsgeschichte bei den Wortkriegern einstellen, was hab ich denn erlebt, das sich lohnen würde aufzuschreiben. Ach ja, ich hab ja Tristan als letzter lebend gesehen, das ist doch mal eine Geschichte wert."
Und wenn es nicht Miryams MMA Tätigkeit war, was war denn dann der Grund, dass diese Erinnerung hochkam? Gib uns den Kontext, warum du aka der ich-Erzähler ausgerechnet jetzt diese Geschichte erzählst, wenn du schon den Grund, warum du die Geschichte erzählst, einbaust. Ohne Kontext wirkt es nicht echt, kann es nicht echt wirken.

Drei weitere Stellen, die auch schon andere Kommentatoren genannt haben, möchte ich noch rausgreifen.
1. Der unbeteiligte ich-Erzähler. War immer da, hat aber nichts ertragen müssen. Das ist okay, aber auch hier ist mir die Erklärung "Weil ich körperlich überlegen war" zu klein. Ich hatte in dem Alter, das du damals hattest einen Kumpel, an den ich sofort dachte, als ich deine Erklärung hörte. Defenseline im Football, unser gelegentlicher Wagenheber. Während seiner Landschaftsbau-Ausbildung hat er mal eine Straßenwalze, die auf Hanglage keine Handbremse gezogen hatte und losfuhr, überholt und mit den Händen nach vorne gestreckt aufgehalten. Nein, er wurde nicht überrollt. Er gab nur mit einem beschämten Blick auf die bandagierten, geprellten Handgelenke zu, dass er auch einfach reinspringen und die Handbremse ziehen hätte können, wenn er schon schnell genug war, um sie zu überholen. Meine Mutter hat ihm mal - nachdem wir schon Jahre befreundet waren - die Tür wieder vor der Nase zugeschlagen, nachdem er geklingelt hatte, weil das ihr erster Reflex war, als sie ihn im Halbdunklen vor der Haustür stehen sah.
Kurz: er war auf jeden Fall körperlich überlegen. Und trotzdem hat ihn, als er auf dem geteilten Hof von Realschule und Gymnasium unterwegs war, ein schmächtiger Kerl angesprochen: "Es wundert mich echt, dass um dich keine kleinen Teilchen kreisen." Mein Freund fand das so intelligent formuliert, dass er beschloss ihn nicht zu verdreschen. Zeigt aber, dass die körperliche Überlegenheit nicht immer schützt, da spielen auch andere Faktoren mit rein. Die den Kontext bilden würden, warum du in Ruhe gelassen wurdest.

2. Die Erinnerung an Tristan, wie er im Tor steht, ist meiner Meinung nach deiner Geschichte nicht dienlich. Sie ist natürlich eine echte Erinnerung, aber sie lenkt den Leser in die falsche Richtung. Nämlich, dass Tristan nicht einer von vielen war. Dass es in der Geschichte um Tristan geht und nicht um die gesamte Kollegstufe und deren zerstörerischen Einfluss auf Tristan. Meiner Meinung nach ist es der Geschichte dienlich, wenn du diese Erinnerung skippst.

3. Der Anwaltssohn. Ist auch schon angesprochen worden. Natürlich kann der Leser auf gut Glück, oder durch Kombinatorik, darauf kommen, dass der nicht körperlich überlegen war, sondern eher der Prügelknabe aufgrund seiner Schwabbeligkeit gewesen wäre. Deine Freunde werden ihn sofort richtig vor Augen gehabt haben, sie kennen ihn schließlich. Wir hier haben ähnliche Adjektive nur im Zusammenhang mit dem ich-Erzähler gehört und dann ist es schwierig von einer gegenteiligen Konstitution auszugehen. Nach deiner Erklärung musste ich spontan an Jabba the Hut denken, denn sie gab den bisher fehlenden Kontext.

mir fällt spontan noch ein 4. ein:
Du schreibst in der Salto-Erinnerung, dass sich dann solche Geschehnisse häuften, letztlich zeigen die darauffolgenden Episoden eher einen lethargischen Tristan. Und dein Fokus geht stark von der Konstellation der Kollegstufe weg, auf einzelne Fokus-Punkte von Tristan. Das war eben so, die Frage bleibt jedoch - wenn du eigentlich "die Geschehnisse (Mehrzahl) die Miryams MMA-Kariere ausgelöst haben" erzählen möchtest, tust du das eigentlich nicht. Du erzählst den Niedergang von Tristan, der sich ein paar Lines zu viel gezogen hat. Und das kann ich so schreiben, weil auch ich keinen Bezug zu Tristan finde und weil mir der Kontext seiner Lethargie fehlt. Es macht den Eindruck als hätten sich sowohl Shahab als auch Kreisler von Tristan abgewendet. War es so? Das wäre ein möglicher Kontext, bleibt aber unklar und damit bleibt der Leser ratlos.

So, ist länger geworden, als ich wollte
LG
feurig

 
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@feurig Vielen liebe Dank auch für deinen langen Kommentar. Finde ihn sehr hilfreich.

Hallo @Henry K. ,

stimmungstechnisch hast du mich abgeholt, wenn das dein Ansinnen ist, hast du das - zumindest bei mir - erreicht. Da spielt natürlich mit rein, dass ich ebenfalls Erinnerungen an die Kollegstufe habe, natürlich andere, aber grundsätzlich gibt es natürlich Überschneidungen. Lines und Ninjasterne waren bei uns kein Inhalt, ich habe das von anderen privilegierten Privatschulgängern zwar gehört, die waren aber zehn Jahre jünger. Vielleicht bin ich also einfach in einem älteren Setting in die Schule gegangen *hust*


Schön, dass das mit der Stimmung geklappt hat. Freut mich.

Für mich persönlich stellt Alltag ein sehr schwieriges Genre für Geschichten da, eben weil das Leben und der Alltag eben keine Geschichte ist und es daher für mich eine hohe Kunst ist, aus dem alltäglichen Leben eine Geschichte zu formen. Selbsterlebtes halte ich hierbei für noch schwieriger, denn dabei sind die eigenen Emotionen hochgradig involviert, der Kontext ist gelernt, und das Erlebte wird oftmals mit der Geschichte gleichgesetzt.

Völlig richtig. Da, wie ich oben erwähnt hatte, mich das aber am Schreiben am meisten reizt, begebe ich mich auf den Weg, hier nach einer Form zu suchen. Wird vermutlich ein langer Weg :-D

Deine Aussage: So war das aber und Tristan stand nunmal im Tor und hatte das Hemd in der Hose, ist nicht der erste so lautende Kommentar eines Autors einer selbst erlebten Geschichte und wird auch nicht der letzte sein. Und genau bei dieser Aussage fängt die Schwierigkeit an, bzw. sie bringt das Problem hervorragend auf den Punkt.

Aus deiner subjektiven Sicht, die den Kontext der damaligen Geschehnisse inklusive dem Zeitgeist aus dem FF abrufen kann, inklusive deiner Freunde, die das genauso kennen, macht die Geschichte in jeglicher Form Sinn. Egal wie viel Drehungen, Schleifen du machst, egal wie viele Auslassungen du vornimmst, sie werden dir immer folgen können und auch Erinnerungen, die eigentlich nicht zum Kern der Geschichte gehören mit einem NIcken annehmen. Weil sie den Kontext kennen, weil sie die Erinnerung teilen.
Wir hier - nehmen wir möglicherweise auch hier angemeldete Freunde von dir aus - haben weder diesen Kontext, noch teilen wir deine Erinnerungen.
Deine Aufgabe als Autor ist es also den Kontext und die relevanten Erinnerungen in eine Ordnungen zu bringen, die uns die eigentliche Geschichte innerhalb der vielen Erinnerungen und Geschehnisse erzählt.


Da bin ich 100 % einverstanden. Das habe ich natürlich auch versucht. Ich habe mich aber bewusst für den minimalistischsten Anfangsversuch entschieden, damit ich sozusagen naturwissenschaftlich vorgehen kann: Reicht die Menge A an Informationen dem unbeteiligten Leser? Nein? Dann erweitern wir sie ein wenig. Reicht sie jetzt? Nein, noch nicht. Dann wieder ein bisschen mehr Kontext usw. So will ich mich rantasten - ich glaube, das hat den größten Lerneffekt für mich.

Diese Ordnung muss daher auch nicht zwingend chronologisch sein. Gerade in einer Rückblende musst du nicht die Chronologie einhalten, wenn eine geänderte Reihenfolge dem Erzählen der Geschichte dient. Damit meine ich nicht, dass du die eigentliche Chronologie ändern musst, du erzählst die Geschichte nur nicht chronologisch.

Nehme ich mal so mit - kann ich gerade noch auf diese Geschichte beziehen, aber vl ja später mal.

Wenn ich deine Kommentare zu dieser Geschichte richtig deute, und da ist Spekulation dabei, bist zwar du der Erzähler der Geschichte, weil du Tristan als letztes gesehen hast, das ist aber eigentlich nicht der echte Auslöser. Denn, mal ehrlich: Wenn du die Geschichte nur erzählst, weil du ihn als letztes gesehen hast, warum erzählst du die Geschichte den ausgerechnet erst jetzt und nicht direkt am nächsten Tag. "Ich habe Tristan gestern noch gesehen." das ist ein logischer Grund, die Geschichte zu erzählen. Aber jetzt? 5, 10, 15 Jahre später? Da ist der Grund nicht mehr, weil du der letzte warst, der ihn gesehen hast. Ist der eigentliche Grund - und hier kommt meine Spekulation - weil einer deiner Freunde entdeckt hat, das Miryam heute MMA macht und sagte "Kein Wunder, nach den damaligen Geschehnissen"? Und darauf festgestellt wurde, dass du der letzte warst, der ihn gesehen hat?

Nein, so war es nicht. Aber ist ja auch egal. Jeder Kommentar kritisiert den Anfang, daher muss er wohl weg.

Wenn dem so ist, dann ist das eigentlich der Anfang deiner Geschichte. Das Treffen mit deinen Freunden, der Feststellung was Miryam heute macht, der von deinem Freund eingeworfene Bezug zum Tod Tristan - den ich nicht so recht teilen mag, was aber irrelevant ist - und dem darauf folgenden gemeinsamen Abtauchen in die Erinnerungen, von dir erzählt, weil du der letzte warst, der ihn lebend gesehen hat. Das wäre damit die echte Abfolge und damit der logische Initiator der Geschichte.

Habe darüber nachgedacht, was der "wirkliche" Grund ist, diese Geschichte zu erzählen, und es ist wirklich einfach, dass ich schon lange von der Schulzeit erzählen wollte und mir das als Gipfel des Ganzen der logischste Anknüpfungspunkt schien.

"Weil ich der letzte war, der ihn gesehen hat" ist ohne den Kontext nicht logisch, sondern klingt eher nach "Hach, ich will eine echte Alltagsgeschichte bei den Wortkriegern einstellen, was hab ich denn erlebt, das sich lohnen würde aufzuschreiben. Ach ja, ich hab ja Tristan als letzter lebend gesehen, das ist doch mal eine Geschichte wert."
Und wenn es nicht Miryams MMA Tätigkeit war, was war denn dann der Grund, dass diese Erinnerung hochkam? Gib uns den Kontext, warum du aka der ich-Erzähler ausgerechnet jetzt diese Geschichte erzählst, wenn du schon den Grund, warum du die Geschichte erzählst, einbaust. Ohne Kontext wirkt es nicht echt, kann es nicht echt wirken.

Der Auslöser wiederum, dass gerade jetzt zu tun, war eventuell eine kürzlich vom User Peeperkorn hier veröffentlichte Geschichte über einen kiffenden Rektor samt dealendem Sohn, die ich als nicht authentisch und in gewisser Weise verharmlosend empfunden hatte (was ich auch kommentiert hatte). Im Rückblick könnte das der unterbewusste Auslöser gewesen zu sein - aber das ist auch Spekulation, da es, wenn dem so war, ja eben unterbewusst geschehen ist.

Drei weitere Stellen, die auch schon andere Kommentatoren genannt haben, möchte ich noch rausgreifen.
1. Der unbeteiligte ich-Erzähler. War immer da, hat aber nichts ertragen müssen. Das ist okay, aber auch hier ist mir die Erklärung "Weil ich körperlich überlegen war" zu klein. Ich hatte in dem Alter, das du damals hattest einen Kumpel, an den ich sofort dachte, als ich deine Erklärung hörte. Defenseline im Football, unser gelegentlicher Wagenheber. Während seiner Landschaftsbau-Ausbildung hat er mal eine Straßenwalze, die auf Hanglage keine Handbremse gezogen hatte und losfuhr, überholt und mit den Händen nach vorne gestreckt aufgehalten. Nein, er wurde nicht überrollt. Er gab nur mit einem beschämten Blick auf die bandagierten, geprellten Handgelenke zu, dass er auch einfach reinspringen und die Handbremse ziehen hätte können, wenn er schon schnell genug war, um sie zu überholen. Meine Mutter hat ihm mal - nachdem wir schon Jahre befreundet waren - die Tür wieder vor der Nase zugeschlagen, nachdem er geklingelt hatte, weil das ihr erster Reflex war, als sie ihn im Halbdunklen vor der Haustür stehen sah.
Kurz: er war auf jeden Fall körperlich überlegen. Und trotzdem hat ihn, als er auf dem geteilten Hof von Realschule und Gymnasium unterwegs war, ein schmächtiger Kerl angesprochen: "Es wundert mich echt, dass um dich keine kleinen Teilchen kreisen." Mein Freund fand das so intelligent formuliert, dass er beschloss ihn nicht zu verdreschen. Zeigt aber, dass die körperliche Überlegenheit nicht immer schützt, da spielen auch andere Faktoren mit rein. Die den Kontext bilden würden, warum du in Ruhe gelassen wurdest.

Da hatte ich ein paar Sätze in der Urversion drin, die ich dann aber gerade als zu viel Info über den Erzähler empfand:
Mich tangierte das alles kaum, weil es in meiner Gewichtsklasse recht einsam zuging. Und mit den paar Typen, die ähnlich viel auf die Waage brachten, verstand ich mich blendend. Und selbst wenn es nicht so gewesen wäre: Warum hätten sie sich gerade an mir abarbeiten sollen? Es gab ja genügend Schwächere. Man muss nicht der Schnellste sein, wenn man vor einem Löwen davonrennt, es reicht, nicht der Langsamste zu sein.

2. Die Erinnerung an Tristan, wie er im Tor steht, ist meiner Meinung nach deiner Geschichte nicht dienlich. Sie ist natürlich eine echte Erinnerung, aber sie lenkt den Leser in die falsche Richtung. Nämlich, dass Tristan nicht einer von vielen war. Dass es in der Geschichte um Tristan geht und nicht um die gesamte Kollegstufe und deren zerstörerischen Einfluss auf Tristan. Meiner Meinung nach ist es der Geschichte dienlich, wenn du diese Erinnerung skippst.

Ich werde die Passage wahrscheinlich sogar ausweiten, aber dann dafür nutzen, die Figur Shahab früher einzuführen. Sie wird in einer neuen Version mehr Gewicht bekommen. Wahrscheinlich ist es die einzige Möglichkeit, diese "Geschichte" zu retten, indem ein Trio Shahab, Tristan, Kreisler gebildet wird, in dem Shahab der Capo ist, Tristan der Maniac und Kreisler der Intrigant bzw. Opportunist.

3. Der Anwaltssohn. Ist auch schon angesprochen worden. Natürlich kann der Leser auf gut Glück, oder durch Kombinatorik, darauf kommen, dass der nicht körperlich überlegen war, sondern eher der Prügelknabe aufgrund seiner Schwabbeligkeit gewesen wäre. Deine Freunde werden ihn sofort richtig vor Augen gehabt haben, sie kennen ihn schließlich. Wir hier haben ähnliche Adjektive nur im Zusammenhang mit dem ich-Erzähler gehört und dann ist es schwierig von einer gegenteiligen Konstitution auszugehen. Nach deiner Erklärung musste ich spontan an Jabba the Hut denken, denn sie gab den bisher fehlenden Kontext.

Hab schon eingeräumt, dass das hier keine glückliche Wahl als Figur war, denn es braucht viel zu viel Kontext, wo man einfach nur mit der Körpergröße viel schnellere und passendere Assoziationen und Bewertungen schaffen kann. Wird dann angepasst werden.

mir fällt spontan noch ein 4. ein:
Du schreibst in der Salto-Erinnerung, dass sich dann solche Geschehnisse häuften, letztlich zeigen die darauffolgenden Episoden eher einen lethargischen Tristan. Und dein Fokus geht stark von der Konstellation der Kollegstufe weg, auf einzelne Fokus-Punkte von Tristan. Das war eben so, die Frage bleibt jedoch - wenn du eigentlich "die Geschehnisse (Mehrzahl) die Miryams MMA-Kariere ausgelöst haben" erzählen möchtest, tust du das eigentlich nicht. Du erzählst den Niedergang von Tristan, der sich ein paar Lines zu viel gezogen hat. Und das kann ich so schreiben, weil auch ich keinen Bezug zu Tristan finde und weil mir der Kontext seiner Lethargie fehlt.

Ehrlich gesagt habe ich hier darauf spekuliert, dass der Leser den "Ernst" rückblickend als Dämonen im Kopf wertet, die Tristan einfach schon immer beschäftigt haben. Am Ende war er psychotisch - das wird man meines Wissens nicht ohne entsprechende Disposition. Ich hatte gedacht, dass hier Andeutungen reichen: Tristan war im Grunde immer schon von Gedanken besessen und hat sich manchmal eruptiv dagegen gewehrt. Dass Maryam nur beim Aussetzer in der Klasse und bei heftigen Diskussionen in der Pause beteiligt ist in der Geschichte, ihr Gesichtsausdruck leid zeigt und der Erzähler "eine Ahnung" bekommt, sollten darauf hinweisen. Auch dass Tristan eine Aura von Entrückung hatte, war so ein Signal. Ich habe mir vorgestellt, dass er sich bei allem ständig konzentrieren muss, um nicht von seinen Gedanken vereinnahmt zu werden. Und am Ende gelingt das nicht eben nicht mehr. Auch das impulsive Handeln in der Wohnung habe ich als solches Signal platziert: Die anderen beiden sind nervös, aber cool dabei, Tristan platzt. Dass seine Freundin das alles am stärksten mitbekommt, war dann für mich wie klar.

Das würde ich dann auch stärker rausarbeiten, da es ja offensichtlich doch zu diffus war.

Es macht den Eindruck als hätten sich sowohl Shahab als auch Kreisler von Tristan abgewendet. War es so? Das wäre ein möglicher Kontext, bleibt aber unklar und damit bleibt der Leser ratlos.

Das wäre eine Möglichkeit für die Überarbeitung, ja. Muss ich drüber nachdenken.

VG, HK

 
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Der Auslöser wiederum, dass gerade zu tun, war eventuell eine kürzlich vom User Peeperkorn hier veröffentlichte Geschichte über einen kiffenden Rektor samt dealendem Sohn, die ich als nicht authentisch und in gewisser Weise verharmlosend empfunden hatte (was ich auch kommentiert hatte).
Haha, und dann wird der Scheiss auch noch empfohlen! Auslöser. Genau das habe ich mir gedacht, als ich den Text hier gelesen habe. Mal zeigen, wie hart es wirklich zu und her ging, nicht? Vergewaltigung im Nebensatz!
Egal. Der Punkt ist: Wenn du meinen Text als unauthentisch und verharmlosend (Was genau habe ich denn verharmlost? Was ist da der Referenzpunkt? Was ist denn die Realität, die es adäquat darzustellen gilt? Deine?), wenn du das also so empfindest, dann schreib das bitte anständigerweise unter meinen Text und nicht unter deinen, wo ich das höchstens per Zufall entdecke und im Normalfall keine Stellung dazu beziehen kann. Du hast in deinem Kommentar nämlich weder den einen noch den anderen Ausdruck verwendet. Zu deinem Text ist mir bisher leider nicht viel Konstruktives eingefallen. Daher belasse ich es mal bei diesem kleinen Einwurf.

Gruss
Peeperkorn

 
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@Markov @AWM @Novak @feurig

Hallo noch mal, dieses Mal in die Runde. Ich habe darüber nachgedacht, wie man aus den gegebenen Grundelemente die hier vermisste Geschichte machen kann:

Der Ich-Erzähler, Shahab und Tristan sind in einer Klasse und das Sporttrio: Sie spielen nach der Schule Fußball, sie spielen in der Schule (in der Pause, beim Turnier), vl. spielen sie sogar zusammen in einem Verein. Sie gehen auch zusammen ins Stadion, hängen nach der Schule ab usw., sind also "normale" Jungs. In der elften Stufe löst sich dieses Gefüge auf, es kommen neue Schüler an die Schule, auch Kreisler. Er schmeißt Parties und hat Gras und Koks. Shahab und Tristan kippen darauf rein, der Erzähler nicht. Aber er ist weiterhin nah dran und erlebt den Abstieg der beiden hautnah mit, kann aber nichts machen. Tristans Abstieg endet mit dem schon beschriebenen Selbstmord, Shahabs Schicksal ist ne Überraschung. Und am Ende bestraft der Ich-Erzähler Kreisler für seine "Schuld".

Ist das "ein Plot"? Sprich: Ergeben diese Anpassungen Sinn und formen sie "eine Geschichte"? Wäre dankbar über Meinungen.

VG, HK

 
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Hallo @Peeperkorn,

vielen Dank für deinen Kommentar. Ich habe dich nicht verlinkt, weil du ja (bis jetzt) nichts mit der Diskussion zu tun hattest. Dachte mir, es sei unnötig, da jetzt für Wirbel zu sorgen. Aber wie sagte Bart Simpson ganz richtig: Tust du's, ist es schlecht, lässt du's, dann erst recht ;-)

Genau das habe ich mir gedacht, als ich den Text hier gelesen habe. Mal zeigen, wie hart es wirklich zu und her ging, nicht?

So what?

Egal. Der Punkt ist: Wenn du meinen Text als unauthentisch und verharmlosend (Was genau habe ich denn verharmlost? Was ist da der Referenzpunkt? Was ist denn die Realität, die es adäquat darzustellen gilt? Deine?), wenn du das also so empfindest, dann schreib das bitte anständigerweise unter meinen Text und nicht unter deinen, wo ich das höchstens per Zufall entdecke und im Normalfall keine Stellung dazu beziehen kann. Du hast in deinem Kommentar nämlich weder den einen noch den anderen Ausdruck verwendet.

Ich werde jetzt nicht meinen Kommentar nachschlagen und wörtlich zitieren, aber ich kommentierte dort, dass ich das Verhalten bzw. die Zeichnung der Jungenfigur für nicht authentisch halte. Ich bezog das auf die Schilderung seines Rausches und auf seine Sprache.

Dass die Story verharmlosend ist, habe ich dort nicht explizit geschrieben. Da hast du recht. Der Grund: Es tat dort nichts zur Sache. Kunst ist ja keine Politik und somit frei von einem moralischen Auftrag. Jeder kann schaffen, was er will, und die Intention des Autors ist ja eh passé in der Interpretation. Insofern sind die Kommentare zu deiner Story überhaupt nicht der Ort für so eine Anmerkung. (Ich habe aber kommentiert, dass der geschilderte Rausch des Jungen in meinen Augen klischiert, weil zu blumig-weltentdeckend ist und nicht zu dem eines Dauerkiffers passt.)

In den Kommentaren zu meiner Story befragt nach meiner eigenen Motivation finde ich es aber legitim, zu enthüllen, dass ich - wie soll ich es nennen? - "unschuldige", "naive" ... Drogengeschichten wie deine (und viele andere) als verharmlosend empfinde, erst recht, wenn sie explizit von stattlichen Mengen und nicht nur von Gelegenheitsjoints handeln. Denn so will ich selbst das Thema eben gerade nicht behandeln.

VG, HK

 
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Hallo @Henry K.

zu deinem Plotvorschlag:

Zunächst finde ich es gut, dass der Erzähler näher dran wäre. Auf diese Weise wirkte es nicht so beliebig, dass er die Story erzählt.
Anhand deiner Beschreibung wird mir noch nicht klar, wo du den Konflikt der Geschichte verorten willst. Meiner Meinung nach wäre der Versuch des Erzählers Shahab und Tristan vor dem Abwärtsstrudel zu bewahren, was jedoch erfolglos bleibt, ein möglicher Konflikt. Unabhängig davon, ob du das als Konflikt herausarbeitest, solltest du es dir nicht zu einfach machen und "lapidar" sagen, dass der Erzähler machtlos war. Dann nämlich entstünde der Eindruck, ihm seien seine Freunde egal.
Ich weiß nicht, was du mit der Bestrafung Kreislers meinst. Aber: der Erzähler wäre ja derjenige, der standhaft bleibt, der die Fahne hochhält, während die anderen fallen. Wenn er sich am Ende zur Bestrafung Kreislers hinreißen lässt, fällt er ebenso um. Ich sehe da die Gefahr, dass es unglaubwürdig rüber kommt, zumindest wenn sich das Umfallen des Erzählers nicht vorab andeutet.

Viele Grüße
Markov

 
Monster-WG
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Dachte mir, es sei unnötig, da jetzt für Wirbel zu sorgen.
Lieber hinter dem Rücken schlecht machen und so.
Tust du's, ist es schlecht, lässt du's, dann erst recht
Ne, ne. Das ist kein Dilemma gewesen. Musst du nicht so darstellen. Du hättest deine Absichten auch anders deutlich machen können.
"unschuldige", "naive" ... Drogengeschichten wie deine (und viele andere) als verharmlosend empfinde
Nutzt du die Gelegenheit also, um noch mal nachzutreten. Du hast in meinen Augen so ziemlich nichts an meiner Geschichte verstanden.

Also noch mal deutlich: Lass solche Aktionen in Zukunft bitte sein.

Gruss
Peeperkorn

 
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Hi @Markov,

Anhand deiner Beschreibung wird mir noch nicht klar, wo du den Konflikt der Geschichte verorten willst. Meiner Meinung nach wäre der Versuch des Erzählers Shahab und Tristan vor dem Abwärtsstrudel zu bewahren, was jedoch erfolglos bleibt, ein möglicher Konflikt.

Ja, darüber bin ich mir selbst noch nicht im Klaren. Im Grunde schwebt mir hier eine Art klassisches Drama vor, bei dem es nur Verlierer gibt: Die Figuren Shahab und Tristan kippen um, Kreisler ist ohnehin ein teuflischer Anheizer ohne Fallhöhe. Das heisst, der Erzähler schildert den Fall sowohl von Shahab als auch von Tristan. Beide Fälle unterscheiden sich aber: Shahab verschwendet sein Potenzial, ein echter Leader zu werden, Tristan verschwendet sein Potenzial, sich kreativ auszudrücken.

Die Frage wäre aber tatsächlich, wie nah der Erzähler dann dran sein muss. Reicht es, die Figuren mit ihren Talenten und ihren Träumen zu zeichnen und fallen zu lassen? Oder muss er selbst emotional involviert sein? Bin da hin- und hergerissen.

Unabhängig davon, ob du das als Konflikt herausarbeitest, solltest du es dir nicht zu einfach machen und "lapidar" sagen, dass der Erzähler machtlos war. Dann nämlich entstünde der Eindruck, ihm seien seine Freunde egal.

Es könnte ja sein, dass die beiden seine Freunde waren und sich dann immer weiter von ihm entfernen. Durch Schule, gelegentliche Treffen in der Freizeit und Hörensagen könnte er trotzdem über alles informiert bleiben. Oder nicht?

Ich weiß nicht, was du mit der Bestrafung Kreislers meinst. Aber: der Erzähler wäre ja derjenige, der standhaft bleibt, der die Fahne hochhält, während die anderen fallen. Wenn er sich am Ende zur Bestrafung Kreislers hinreißen lässt, fällt er ebenso um. Ich sehe da die Gefahr, dass es unglaubwürdig rüber kommt, zumindest wenn sich das Umfallen des Erzählers nicht vorab andeutet.

Hatte hier tatsächlich nur an die Befriedigung des Lesers gedacht: Wenn Kreisler sozusagen den Teufel mit dem Streichholz mimt, will man ihn doch am Ende auch fallen sehen. Oder? Der Erzähler würde damit eine Rächerrolle einnehmen, aber, ja, sich damit ebenfalls vom Weg der Moral abwenden. Vielleicht wäre das eine starke Aussage. Vielleicht macht es alles dann aber auch zu archaisch. Bin unschlüssig. Mal sehen, ob noch andere Meinungen eintrudeln.

Auf jeden Fall erst mal vielen Dank für deine Mithilfe und deine Zeit!

VG, HK

 

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