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  • Macht bis zum 15.08.2020 mit bei der ersten jährlichen Sommer-Challenge für Kindergeschichten: Zielgruppe Krümel.

Macht

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Macht

Das holografische Dossier schwebt über dem gläsernen Schreibtisch. Auf seinem Deckblatt das Logo der Welthandelsorganisation mit der Überschrift „Globale Ressourcenverteilung“. In die Glasplatte sind kleine Diamanten eingefasst und reflektieren in vielfältigen Farben das Sonnenlicht. Mit der Kaffeetasse aus Marmor in der Hand blickt der Mann mit den kurzen grauen Haaren aus dem Fenster. Eine Sonnenbrille schützt seine Augen. Die Sonne taucht hinter den anderen, niedrigeren Hochhäusern auf. Am Horizont sind die Vororte in dem aufgewirbelten, roten Staub kaum zu erkennen. Über ihnen kreisen die Vögel. Die Jalousien beginnen, sich zu schließen.

Unter der gleißenden Sonne hat das Mädchen einen weißen Schal um Gesicht und Hals gewickelt. Nur die Augen bleiben frei, zu Schlitzen verengt. Der Staub umgibt sie, bedeckt die weiße Kleidung wie rötlicher Puder. Auch das große, weiße Zelt hinter ihr ist bedeckt. Ein kleiner Junge sieht aus dem Fenster, eine durchsichtige Folie, und streckt die Hand in Richtung des Mädchens. Sie blickt zu den entfernten Hochhäusern der Stadtmitte. Bis in den wolkenlosen, blauen Himmel reichen ihre Türme. Das größte Gebäude befindet sich in deren Mitte, hellgrau mit den großen, dunkelblauen Buchstaben direkt unter dem Dach: Welthandelsorganisation. Dort fliegen keine Vögel. Nur die Gleiter der Einwohner.

Die leuchtenden Buchstaben „blue lounge“ zieren die Wand. Darunter ein Klavier, der Spieler fühlt mit geschlossenen Augen die Musik. Sein makelloser weißer Anzug schimmert in dezentem blau. Hinter der Fensterfront wirbelt ein Sturm den roten Staub durch die Luft. Niemand sieht in diese Richtung. Der Mann mit den kurzen grauen Haaren betrachtet die Speisekarte, die Gläser seiner Sonnenbrille sind nur leicht getönt. Ihm gegenüber macht die dunkelhaarige, orientalische Frau das Gleiche. Die Diamantohrringe reflektieren das Licht.

Ein Gleiter schwebt in der Dämmerung mehrere Meter über der Menschenmenge. Auf seiner Ladefläche liegen Lebensmittelpakete und Wasserkanister. Die Menschen am Boden sind in weiß und hellen Farben gekleidet. Die Köpfe unter Stoff versteckt. Einige sind gestolpert, versuchen sich an den Umstehenden hochzuziehen. Ein Mann beugt sich schützend über sein Kind. Sie sind umgeben vom Staub. Das Mädchen steht am Rand der Menschentraube. Ihr Blick ist auf den Gleiter und die Soldaten gerichtet. Die Vögel halten einen sicheren Abstand.

Das von Glas umgebene Dach des Wolkenkratzers bietet den beiden Besuchern einen Ausblick auf die künstlerisch beleuchteten Gebäude der Innenstadt. Mit Bildern von abstrakter Kunst, Landschaften und den Wahrzeichen der Welt. Gleiter schweben durch die Häuserschluchten, vervollständigen das bunte Bild der Nacht. Der Mann mit den grauen Haaren hat den Kopf nach vorne geneigt. Die dunkelhaarige Frau mit dem orientalischen Aussehen lächelt und hält ihm den Zeigefinger an die Lippen. Ihr Oberkörper ist leicht nach hinten gelehnt.

Die Soldaten verschwinden in der Menschenmenge, werden zu Boden gedrückt. Ein Zivilist hat eins der automatischen Gewehre in der Hand und feuert in die Luft. Auf der Ladefläche des gelandeten Gleiters drängen die Menschen, zerren an den Vorräten. Ein weiterer Gleiter mit leuchtendem Blaulicht schwebt über der Menge. Die Geschütze sind nach unten gerichtet. Mehrere Scheinwerfer durchdringen die Nacht, leuchten das Gebiet aus. Der Pilot hat den Finger am Abzug. Das Mädchen steht im Abseits.

Nur das im Raum schwebende holografische Bild verteilt sein Licht in dem Büro. Es zeigt die beleuchtete Menschenmenge von oben. Der Mann mit den grauen Haaren hat seine Hand nahe dem „Eingreifen“-Befehl des Bildes, nur wenige Zentimeter entfernt. Hinter ihm steht die Frau mit den dunklen Haaren, eine Hand liegt auf seiner Schulter. Sie hat den Mund leicht geöffnet, die Lippen formen ein Wort mit angedeutetem Lächeln.

Mit Tränen in den Augen rennt das Mädchen, befindet sich bereits einige Meter entfernt von der Menschenmenge. Die Geschütze des Gleiters versprühen Funken, erhellen die Nacht noch mehr. Nur noch wenige Menschen stehen. Schützend heben sie die Arme nach oben. Die Kleidung der Gefallenen ist blutgetränkt. In der Mitte der Menge steht ein Mann, seine weiße Kleidung noch unversehrt. Mit geschlossenen Augen, die Arme zur Seite gestreckt.

Die orientalisch aussehende Frau betrachtet den holografischen Flyer zum Phantom der Oper. Sie und der Mann mit den grauen Haaren sitzen in einem Gleiter, fliegen über die bunten Lichter der Stadt. Er hält ihre Hand, blickt sie von der Seite an. Ihre Gesichtszüge sind angespannt, die Lippen geschlossen. Im rechten Augenwinkel schimmert eine Träne.

Im Schneidersitz ruht das Mädchen in dem Feld aus Leichen. Vögel belagern die Körper unter dem wolkenlosen Himmel. Vor ihr liegt der Mann mit der weißen Kleidung, sein Hemd durchlöchert und rot. Am Rand des Massengrabs steht ein junger Mann. Mit kurzen, hellblonden Haaren, die bereits die ersten grauen Strähnen haben. Er trägt eine Sonnenbrille. Das Mädchen hat die Kopfbedeckung abgenommen, die dunklen Haare zusammengebunden. Das Gesicht mit den orientalischen Zügen der grellen Sonne ausgesetzt.
 
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Hallo @Rob F,

Deine Geschichte ist sehr interessant gelungen! Nüchtern und vom Geschehen distanziert erzählst du die Geschichte und beschreibst alles recht genau. Ein paar Anmerkungen zum Satzbau habe ich noch:
Die Jalousien haben begonnen, sich zu schließen.
Die Jalousien beginnen sich zu schließen.
Sie blickt zu den entfernten Hochhäusern in der Stadtmitte, sie reichen bis in den wolkenlosen, blauen Himmel.
Den Satz solltest Du trennen.
Das Mädchen, einige Meter entfernt von der Menschenmenge, weglaufend mit Tränen in den Augen.
Hier würde ich den Aktiv verwenden. "Das Mädchen steht einige Meter entfernt von der Menschenmenge und läuft mit Tränen in den Augen weg."
Nur noch wenige Menschen stehen, heben schützend die Arme nach oben.
Auch hier würde ich den Satz trennen und zwei daraus machen.

Du beschreibst das Aussehen (orientalisch, etc) sehr genau. Sicherlich hat das seinen Grund. Allerdings kommt dieser nur versteckt zum Vorschein. Vielleicht könntest Du darauf mehr eingehen?

Liebe Grüße
Kat_to_Be
 
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Hey @Rob F ,
ich starte mal einen Gegebesuch.
Also, ich fand deine Geschichte sehr schön gemalt. Die Farben, die staubige Luft und die Menschen konnte ich sehr gut sehen und fühlen, obwohl du alles irgendwie nur anskizziert hast. Ein fieses Detail fand ich den Vater mit seinem Kind. (Hat mir ein bisschen den Schlaf geraubt letzte Nacht) 😉

Ich hab den Text jetzt drei Mal gelesen. Trotzdem komme ich nicht richtig darauf: Passiert das alles zur gleichen Zeit? Zuerst dachte ich ja, dass Frau und Mädchen eine Person sind.
Aber sie steht im Büro hinter dem Mann, als er überlegt einzugreifen. Oder?

Gleiter der Bewohner schweben durch die Häuserschluchten, vervollständigen das bunte Bild der Nacht.
Den Satz finde ich komisch. Der Bewohner würde ich weglassen.


Ansonsten eine sehr gut geschriebene Geschichte!
Vor allem den Unterschied von der Ober- und Unterschicht in deiner Welt hast du schön anschaulich dargestellt. Der Titel sagt es ja auch schon.
Hab es gerne gelesen!😊

Liebe Grüße
Sijo
 
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Hallo @Kat_to_Be ,

danke für deinen Kommentar! Und es freut mich natürlich, wenn der Text interessant war.

Ich habe entsprechend deiner Anmerkungen die Sätze angepasst, teilweise etwas abgewandelt, danke für deine Vorschläge!

Du beschreibst das Aussehen (orientalisch, etc) sehr genau. Sicherlich hat das seinen Grund. Allerdings kommt dieser nur versteckt zum Vorschein. Vielleicht könntest Du darauf mehr eingehen?
Ich wollte hierbei, es ist ja eine Geschichte in Bildern, zwar alles detailliert beschreiben, aber auch noch ein wenig Raum lassen, damit der Leser gedanklich das ein oder andere hinzufügen/ausmalen kann.

Viele Grüße!
Rob


Hi @Sijo ,

danke, freue mich über deinen Gegenbesuch!

Die Farben, die staubige Luft und die Menschen konnte ich sehr gut sehen und fühlen, obwohl du alles irgendwie nur anskizziert hast.
Danke! Es ist von der Erzählart her die zweite Geschichte, die ich in diese Richtung versuche, auch hierbei mit der Frage: Wie viel beschreibe ich, damit die Welt vorstellbar ist, aber dennoch Platz bleibt für die eigenen Vorstellungen des Lesers.

Ein fieses Detail fand ich den Vater mit seinem Kind. (Hat mir ein bisschen den Schlaf geraubt letzte Nacht)
Aber es ist doch nur eine erfundene Geschichte, nichts davon ist wirklich passiert ;)
Alles ist gut!

Passiert das alles zur gleichen Zeit? Zuerst dachte ich ja, dass Frau und Mädchen eine Person sind.
Aber sie steht im Büro hinter dem Mann, als er überlegt einzugreifen. Oder?
Durch die Informationen des Textes wären ja zwei Varianten denkbar:

Von meiner Seite her spielen die Szenen zu zwei verschiedenen Zeiten, das Mädchen und die Frau mit dem orientalischen Aussehen sind demnach die gleiche Person. Es geht, wenn du davon ausgehst, dass es in der Szene im Büro, als der Mann den Schießbefehl gibt, um einen anderen, späteren Aufstand geht. Demnach ist das Mädchen vom Opfer zur Täterin geworden, um in Zukunft in Sicherheit zu sein.

Aber durch den Inhalt des Textes wäre es auch denkbar, dass es zwei verschiedene Personen sind. Hierbei wäre dann für mich die Aussage, dass eine Person gleicher Herkunft auf beiden Seiten der Gesellschaft stehen kann.

Gleiter der Bewohner schweben durch die Häuserschluchten, vervollständigen das bunte Bild der Nacht.
Den Satz finde ich komisch. Der Bewohner würde ich weglassen.
Habe den Satz geändert, danke für den Hinweis!

Ansonsten eine sehr gut geschriebene Geschichte!
Vor allem den Unterschied von der Ober- und Unterschicht in deiner Welt hast du schön anschaulich dargestellt. Der Titel sagt es ja auch schon.
Hab es gerne gelesen!
Danke für das positive Feedback, freut mich, wenn es unterhaltsam war!

Viele Grüße,
Rob
 

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