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Mein Kamerad, der Eisbär

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Mein Kamerad, der Eisbär

Wir waren in einem Herbstwäldchen vielleicht einen Kilometer von der Jugendherberge weg. Kirchner saß neben mir auf der Bank und einer der beiden Polen reichte die Tüte weiter. Mir wurde mulmig. Ich sollte es lassen. Das Kraut schoss meinen Kopf in eine Einzelzelle, wo er wie eine kleine Eisenkugel klackernd zwischen den Wänden hin und her sprang. Ich zog trotzdem. Die Wolken begannen durch das Astwerk zu sickern. Ich sah den Teich vor uns an und dachte an eine Pfütze Pisse. Die Polen laberten irgendeinen Scheiß, rissen Sprüche und sendeten aggressive Vibes. Kirchner hielt das Gespräch mit ihnen am Köcheln. Gott sei Dank, vertrieben seine kryptische Ausdrucksweise und seine grundlos amüsierte Miene sie bald darauf. Ich blieb alleine mit ihm auf der Bank sitzen. Er war ein seltsamer Zeitgenosse. Ich hatte erst seit ein paar Monaten mit ihm zu tun. Er war riesig und teigig und hatte hervorquellende Augen, die meistens gerötet waren. Sein Haar hatte die Farbe von Kernseife, aber im Kopf war er schnell. Sehr schnell. Vielleicht sogar schneller als ich. Schwer zu sagen, denn man wusste nie so recht, wie er die Dinge meinte. Trotzdem hatten wir direkt einen Draht zueinander gehabt. Wir teilten die Vorliebe für Zerrbilder. So hatten wir schon bald ein paar gemeinsame Ikonen wie das Ehepaar Ruda, das den «Satansmord von Witten» begangen hatte – eine Wortwahl, mit der die Bild ausnahmsweise mal goldrichtig lag: Die beiden Rudas tranken Blut und gelangten in die Öffentlichkeit, weil sie einem Arbeitskollegen von ihm den Schädel mit einem Hammer eingeschlagen hatten. Danach hatten sie die Leiche mit einer Machete zerstückelt, und ich glaube, ab diesem Punkt wussten sie dann selbst nicht mehr so recht, wohin das alles führen sollte. Das verdarb ihnen aber nicht die Laune. In der Gerichtsverhandlung grinsten sie in die Kameras und zeigten dabei die Teufelshörner. Ein anderer Held von uns war Gerhard Schröder. Wir sammelten Fotos von ihm, auf denen er im quietschbunten Trainingsanzug breitbeinig gegen einen Fußball bolzte oder sich mit glühender Birne einen Pimmel von Bratwurst in den Mund schob. Über so was lachten wir, Kirchner nicht so laut wie ich. Bei ihm kam immer nur ein abgehacktes Hö-hö-hö heraus.
Er hielt mir einen Stöpsel seiner Kopfhörer hin.
«Hör mal!»
Ich steckte ihn ins Ohr und wurde vom schrecklichsten Deutsch-Punk überrannt. Trotzdem ließ ich den Stöpsel drin. Und während mir verstimmte Gitarren die Gehörgänge vollkotzten, betrachtete ich den Teich voller Galle, das braune Laub auf dem Gehweg und die in Nebel gehüllte Schnellstraße hinter dem Teich. Was war hier los? Hatte das Elend höchstpersönlich die Tuben auf der Palette ausgequetscht? Das war ja unfassbar beschissen alles und ich fragte mich, ob dies der unerträglichste Moment meines Lebens war. Ich kam zu dem Schluss, dass er es war, und nahm den Stöpsel raus.
«Lass zurückgehen», sagte ich zu Kirchner und er brummte zustimmend.
Wir erhoben uns. Der Nebel verdichtete sich, ja, er hüllte uns nun geradezu ein. Mein Kopf begann zu rotieren: Wie sollte ich es an den Lehrern vorbei auf unser Zimmer schaffen? Ich war überzeugt, dass auf meiner Stirn in roten Lettern stand: «Bekifft!» Es musste da stehen, so wie ich mich fühlte. Irgendeinen Zusammenhang von Innen und Außen gab es ja wohl. Es konnte gar nicht sein, dass man innerlich die Welt verließ, äußerlich aber in ihr zurückblieb. Also: Wie zum Teufel sollte ich es auf das Zimmer schaffen? Diese Frage hatte höchste Brisanz, denn ich hatte es fertiggebracht, sowohl in der Schule wie auch zu Hause ein Bild von mir zu zeichnen, das einen Musterschüler zeigte. Leider war ich nie ein guter Lügner. Meine einzige Chance war, ein Poker-Face zu simulieren und schnurstracks an den Lehrern vorbei aufs Zimmer zu marschieren, ohne Worte raus aus der Schusslinie. Wir liefen zur Straße und dann neben der Fahrbahn her, kamen aber nicht voran, so wie es auch in Träumen manchmal vorkommt. Die Autos rasten an uns vorbei. Sie hatten keine Relevanz für mich. Ich war gefesselt von ewigen Sorgen: Wie sollte ich unentdeckt bleiben? Aus den Augenwinkeln sah ich Kirchner neben mir her trotten. Er bewegte sich tapsig, war gänzlich unsportlich und unmännlich, war wesenhaft und geschlechtslos. Und ich schwöre, irgendwann wurde er zu einem Eisbären. Ich weiß, dass das nicht sein kann, Gras erzeugt keine Halluzinationen. Und es war auch keine Halluzination. Und doch lief ich neben Kirchner als Eisbär her durch einen raumlosen Nebel. Ich vergaß völlig, wo ich war, und geriet unbemerkt immer weiter auf die Straße. Kirchner zog mich am Ärmel zu sich heran und sagte mit sonorer Stimme:
«Pass auf!»
Ich schaute zu ihm hoch in sein zufriedenes Gesicht und ein Auto fuhr so dicht an mir vorbei, dass ich am Hals den Luftzug spürte. Ab da fühlte ich mich beschützt von dem großen, weißen Eisbärwesen neben mir. Endlich tauchte vor uns die Jugendherberge auf, einer dieser unvergleichlich hässlichen holländischen Zweckbauten. Kirchner ging voran und öffnete die Tür. Wir betraten die Eingangshalle, die auch gleich Aufenthaltsraum war. Und tatsächlich, die gesammelte Lehrerschaft war da, unterhielt sich mit den Schleimern oder kickerte mit ihnen. Ich konnte nicht fassen, wie gut all diese Menschen in den hellen Raum passten, der trotz der ganzen Möbel und Gestalten vollkommen leer war. Kirchner sagte «Hallo» und ich schob schnell auch ein «Hallo» hinterher, ein paar grüßten zurück, dann stiegen wir hastig die Treppe hinauf und gingen auf unser Zimmer, wo die anderen herumsaßen und Karten spielten. Ich fühlte mich, als wäre ich über den Strand der Normandie gestürmt, und kletterte hoch auf mein Bett, das mich empfing wie ein Mutterleib. Der grausame Teich lag bereits ein Leben zurück. Ich ließ mir Chips hochreichen und lehnte mich an die Wand. Da klopfte es an die Tür. Es war der Stufenleiter.
«Kirchner, kannst du bitte mal mitkommen?»
Kirchner erhob sich und folgte ihm hinaus. Ich schrie. Wir hatten es doch schon durchs Wasser geschafft, über den Stacheldraht und vorbei an den Rommelspargeln und Panzersperren. Und jetzt, auf der Düne mit dem wogenden Junigras zerfetzte eine Mine den friedlichen Eisbären. Trauer stieg in mir auf. Dann kam mir ein Gedanke: Vielleicht war ich gleich dran. Vielleicht würden sie gleich mich in den Verhörraum zerren. Panik ohne Ventil. Sie hatten mich in eine Falle gelockt, im wahrsten Sinne des Wortes. Aus diesem Zimmer gab es kein Entrinnen mehr. Gleich werden sie erneut an der Tür klopfen, beiläufig, und mich dann mitnehmen. Und kein Eisbär war mehr da, um seine schützende Tatze über mich zu halten. In den nächsten Minuten durchlief ich alle Stadien: Entsetzen, Revolte, Trauer, Akzeptanz. Am Ende war ich ein Philosoph, bereit, mit erhobenem Haupt zum Schafott zu schreiten. Die anderen bekamen von meiner Weisewerdung natürlich nicht das Geringste mit. Dann kehrte Kirchner zurück, allein. Wir fragten ihn, was war, und er sagte ruhig wie immer:
«Der hat mich über meine Fehlstunden ausgefragt, aber ich wollte ihm die ganze Zeit nur in seine rote Nase kneifen.»
Meine Brust zersprang vor Freude – wir hatten überlebt! Und jetzt wusste ich: Kirchners Kopf klackerte auch durch eine Einzelzelle. Leider tut er das auch heute noch.

 
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05.07.2020
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Hallo @Henry K. ein ziemlich guter Text, wie ich finde! Gelingt dir wunderbar, eine Stimmung aufzubauen und die Gedanken eines Jugendlichen einzufangen. Mich hat der Text auf jeden Fall gepackt und dazu verleitet, ihn gleich noch einmal zu lesen. Ein paar Anmerkungen habe ich unten aufgeführt. Insgesamt aber Kompliment für diese Geschichte!

Gerne gelesen,
Habentus

Anmerkungen:

Das Kraut schoss meinen Kopf in einen Flipperkasten.
Dieser Vergleich, mit dem du ja gewissermaßen einsteigst, hat mich irgendwie rausgerissen. Erst bin ich nur über die Formulierung gestolpert, aber dann konnte ich mir auch nicht wirklich etwas darunter vorstellen. Ich finde, dass der Vergleich einfach ein wenig schief klingt. Ist aber wahrscheinlich Geschmackssache.
Gott sei Dank, vertrieben seine kryptische Ausdruckweise und seine grundlos amüsierte Miene sie bald darauf.
Ein guter Satz. Ich kann mich an genau solche Situationen zurückerinnern. Sitzend auf den Rückenlehnen von Bänken am Waldrand. Mit Typen, die irgendwas Aggressives an sich haben. Und man hat die Hoffnung, dass die einfach abhauen und die Stimmung nicht vorher kippt. Gut eingefangen!
Er war riesig und teigig und hatte hervorquellende Augen
Da stört mich das zweite und
Sein Haar hatte die Farbe von einem Stück Seife
Da konnte ich mir nicht wirklich etwas drunter vorstellen. Es gibt ja Seifenstücke in allen möglichen Farbkombinationen.
und ich glaube, ab diesem Punkt wussten sie dann selbst nicht mehr so recht, wohin das alles führen sollte.
Schlimme Geschichte, aber mit diesem Satz triffst du es wahrscheinlich ziemlich gut auf den Punkt. Hat mir gefallen!
einen Pimmel von Bratwurst in den Mund schob.
Diese Formulierung hat mich stolpern lassen. Kann dir gar nicht sagen, warum genau. Vielleicht lags an Pimmel? Hat da für mich nicht so gepasst. Geschmackssache.
wurde vom schrecklichsten Deutsch-Punk überrannt.
Müsste es nicht heißen: von schrecklichstem Deutsch-Punk. Bin mir unsicher
Das war ja unfassbar beschissen alles und ich fragte mich, ob dies der unerträglichste Moment meines Lebens war.
Dieser Satz hat das alles gut zusammengefasst. Gefällt mir sehr gut!
Ich war überzeugt, dass auf meiner Stirn in roten Lettern stand: «Bekifft!»
Ja, wer kennt es nicht? Trifft es wieder ganz gut, wie ich finde.

In diesem Glauben wollte ich sie lassen, sie hatten genug Probleme mit meiner behinderten Schwester.
Tja, da war ich mir unsicher. Warum erwähnst du an dieser Stelle die Schwester. Sie spielt ja vorher und später keine Rolle mehr. Also für mich müsstest du sie entweder etwas mehr ausbauen oder streichen. Denn so ist es mir ein bisschen zu ... gewollt?
Er bewegte sich tapsig, war gänzlich unsportlich und unmännlich, war wesenhaft und geschlechtslos.
Da bin ich gestolpert, weil ich mich gefragt habe, ob ein Jugendlicher so redet. Von jemandem als unmännlichem und geschlechtslosem Wesen. Klar, seine Gedanken können in solche eine Richtung gehen, aber ob er sie so artikulieren würde? Unsicher. Andererseits ist das auch in Ordnung, wenn du deinen Protagonisten so sprechen lässt, weil es eben zum Stimmungsaufbau beiträgt, finde ich.
Keinem gelingt es wie den Holländern, Funktionalität und Trostlosigkeit so nahtlos zusammenzuschweißen.
Haha, guter Satz. Allerdings warst du wohl noch nie in Niedersachsen.
das mich empfing wie ein Mutterleib.
Diesen Vergleich fand ich wieder etwas schief.
Ich schrie.
Er schreit ja nicht wirklich, oder? Ist gemeint, dass er innerlich schreit oder?
Entsetzen, Revolte, Trauer, Akzeptanz. Am Ende war ich ein Philosoph, bereit, mit erhobenem Haupt zum Schafott zu schreiten.
Eine gute Stelle. Nur der Philosoph stört mich. Warum ist er am Ende ein Philosoph? Die Verbindung zum Schafott erschließt sich mir nicht.
Leider tut er das auch heute noch.
Starker letzter Satz!
Allerdings bleibt die Frage für mich, wie weit der Erzähler in der Zukunft über diese Dinge spricht. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass er da noch recht nahe dran ist. Zeitlich gesprochen. Nun scheint er aber ja doch weiter aus der Zukunft über diese Situation zu reden. Bin mir nicht sicher, ob das ein Problem ist. So gesehen passt dann natürlich wieder die Sprache, die für einen Jugendlichen an der einen oder anderen Stelle vermutlich unpassend wäre. Andererseits verlässt du dadurch ein wenig diesen Rahmen eines Jugendlichen, der davon berichtet, was ihn so beschäftigt. Bin mir unsicher, wie ich das finden soll.

 
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05.03.2015
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Hi @Habentus,
freut mich, dass dir Text so gut gefällt. Ich antworte noch länger, aber da grade geändert, hier schon mal der Hinweis: Der Flipperkasten ist raus. Mich hatte die doppelte Kiste (Flipper und Zelle) eh gestört und jetzt habe ich es kombiniert. Danke für diesen Hinweis, das hat's gebraucht.

Bis später mal, HK

Edit I: "Seife" zu "Kernseife"

Edit II: Die Schwester ist weg.

Edit III: Ein Satz zur holländischen Architektur gestrichen.

 

MRG

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12.03.2020
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Moin @Henry K.,

ich konnte mit dem Text leider nicht so viel anfangen. Du erzählst die Geschichte von zwei Jugendlichen, die sich von der Jugendherberge wegschleichen und zusammen mit den Polen einen Joint rauchen. Dabei denkt der Prota über seinen Bekannten Kirchner nach und offenbart denkwürdige Gemeinsamkeiten. Im Anschluss hören sie zusammen Musik, die dem Prota nicht gefällt. Daraufhin merkt der Prota wie mies er sich fühlt und die beiden beschließen zur Jugendherberge zurück zu gehen. Hier wird dann deutlich, dass sie Schüler auf einer Klassenfahrt sind und der Prota will sein Image als Musterschüler aufrechterhalten und bekommt daher einen Paranoidenanfall, als der Stufenleiter Kirchner sprechen will.

So und hier sind meine Probleme: Mir ist die Situation nicht so klar gewesen, erst dachte ich, dass es einfach um Stoner geht, die einen Konflikt mit den Polen haben würden; dann sind sie auf einmal Schüler und es geht um etwas ganz anderes. Zudem habe ich kein stimmiges Bild von deinem Prota bekommen: Einerseits scheint er auf Gewaltszenen zu stehen, andererseits scheint er eine unreife Sexualität zu haben (der Witz über Schröder) und dann ist er wiederum angeblich ein Musterschüler, der dieses Image aufrechterhalten will, aber nicht lügen kann und Gras raucht?
Was mir gut gefallen hat, war diese paranoide Schilderung, da konnte ich miterleben, wie es dem Prota geht und das fand ich gelungen.

Wir waren in einem Herbstwäldchen vielleicht einen Kilometer von der Jugendherberge weg. Kirchner saß neben mir auf der Bank und einer der beiden Polen reichte die Tüte weiter.
Im ersten Satz werden die Polen und die Tüte eingeführt; das löst bei mir sofort Erwartungen aus, dass sie wohl wichtig für die Geschichte sein werden.

Das Kraut schoss meinen Kopf in eine Einzelzelle, wo er wie eine kleine Eisenkugel klackernd zwischen den Wänden hin und her sprang.
Diesen Satz habe ich nicht verstanden. Das Kraut schoss den Kopf in eine Einzelzelle? Und dann klackert der Kopf im Kopf? Das würde ich mir noch mal angucken, ich bin da jedenfalls drüber gestolpert.

Ich sah den Teich vor uns an und dachte an eine Pfütze Pisse.
Er denkt an eine Pfütze Pisse? Liest sich für mich sprachlich nicht schön, charakterisiert den Prota aber weiter als Weirdo in meinen Augen.

Er war riesig und teigig und hatte hervorquellende Augen, die meistens gerötet waren. Sein Haar hatte die Farbe von Kernseife, aber im Kopf war er schnell. Sehr schnell. Vielleicht sogar schneller als ich. Schwer zu sagen, denn man wusste nie so recht, wie er die Dinge meinte.
Was genau meinst du hier mit teigig? Ansonsten fand ich die Stelle gut, weil du den Prota hier mit Kirchner vergleichst und ich die beiden voneinander abgrenzen kann. Was ich dann aber doch schade fand, ist, dass es nur eine Behauptung bleibst. Hier müsste für meinen Geschmack ein Beispiel kommen, wie genau Kircher seine Intelligenz denn zeigt.

So hatten wir schon bald ein paar gemeinsame Ikonen wie das Ehepaar Ruda, das den «Satansmord von Witten» begangen hatte
Beide scheinen psychische Probleme zu haben, wenn das ihre Ikonen sind und wahrscheinlich auch einen Hang zu Gewalt. Hat mich etwas erstaunt.

Ein anderer Held von uns war Gerhard Schröder. Wir sammelten Fotos von ihm, auf denen er im quietschbunten Trainingsanzug breitbeinig gegen einen Fußball bolzte oder sich mit glühender Birne einen Pimmel von Bratwurst in den Mund schob.
Das hat für mich dann als Gegenbeispiel überhaupt nicht reingepasst. An dieser Textstelle mache ich die unterentwickelte Sexualität fest, die ich weiter oben angesprochen habe.

Und während mir verstimmte Gitarren die Gehörgänge vollkotzten, betrachtete ich den Teich voller Galle, das braune Laub auf dem Gehweg und die in Nebel gehüllte Schnellstraße hinter dem Teich.
Die Gehörgänge vollkotzen? Das passt für mich überhaupt nicht zusammen, bin ich kurz gestolpert.

Diese Frage hatte höchste Brisanz, denn ich hatte es fertiggebracht, sowohl in der Schule wie auch zu Hause ein Bild von mir zu zeichnen, das einen Musterschüler zeigte. Leider war ich nie ein guter Lügner.
Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Er hat es geschafft, sich als Musterschüler darzustellen, was er wohl offensichtlich nicht ist und dann kann er nicht gut lügen?

Ab da fühlte mich ich beschützt von dem großen, weißen Eisbärwesen neben mir.
Kleinigkeit: "Ich mich".

Und tatsächlich, die gesammelte Lehrerschaft war da, unterhielt sich mit den Schleimern oder kickerte mit ihnen.
Aber ist der Prota nicht selbst ein Schleimer, wenn er sich als Musterschüler gezeichnet hat?

Ich schrie. Wir hatten es doch schon durchs Wasser geschafft, über den Stacheldraht und vorbei an den Rommelspargeln und Panzersperren. Und jetzt, auf der Düne mit dem wogenden Junigras zerfetzte eine Mine den friedlichen Eisbären.
Hier wieder eine Gewaltfantasie, das passt für mich ins Bild vom Prota und verstärkt die Interpretation, die ich weiter oben geäußert habe mit den psychischen Problemen.

Panik ohne Ventil. Sie hatten mich in eine Falle gelockt, im wahrsten Sinne des Wortes. Aus diesem Zimmer gab es kein Entrinnen mehr. Gleich werden sie erneut an der Tür klopfen, beiläufig, und mich dann mitnehmen. Und kein Eisbär war mehr da, um seine schützende Tatze über mich zu halten. In den nächsten Minuten durchlief ich alle Stadien: Entsetzen, Revolte, Trauer, Akzeptanz. Am Ende war ich ein Philosoph, bereit, mit erhobenem Haupt zum Schafott zu schreiten. Die anderen bekamen von meiner Weisewerdung natürlich nicht das Geringste mit.
Das war für mich die beste Stelle im Text.

So viel erst einmal von mir, wünsche dir ein schönes Wochenende.


Beste Grüße
MRG

 
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Hi @MRG,

vielen Dank für deinen Kommentar und deine Hinweise. Schade, dass der Text nicht deiner war/ist. Ich hoffe, deine Zeit war nicht ganz verschwendet. Für dich und spätere Kommentatoren hier ein paar Erläuterungen:

[....] Du erzählst die Geschichte von zwei Jugendlichen, die sich von der Jugendherberge wegschleichen und zusammen mit den Polen einen Joint rauchen. Dabei denkt der Prota über seinen Bekannten Kirchner nach und offenbart denkwürdige Gemeinsamkeiten. Im Anschluss hören sie zusammen Musik, die dem Prota nicht gefällt. Daraufhin merkt der Prota wie mies er sich fühlt und die beiden beschließen zur Jugendherberge zurück zu gehen. Hier wird dann deutlich, dass sie Schüler auf einer Klassenfahrt sind und der Prota will sein Image als Musterschüler aufrechterhalten und bekommt daher einen Paranoidenanfall, als der Stufenleiter Kirchner sprechen will.

So und hier sind meine Probleme: Mir ist die Situation nicht so klar gewesen, erst dachte ich, dass es einfach um Stoner geht, die einen Konflikt mit den Polen haben würden; dann sind sie auf einmal Schüler und es geht um etwas ganz anderes.


Also hier sehe ich ehrlich gesagt nicht so viel Unklarheit im Text, wie von dir geschildert. Im allerersten Satz fällt das Wort "Jugendherberge" - das rahmt für mich den Rest schon ziemlich ein (abgesehen davon, dass er auch noch das Tag "Jugend" hat).

Abgesehen davon sind "die Polen" ja auch Schüler - es gab ja früher immer "die Polen", "den Türken", "den Italiener" usw. auch wenn das natürlich weit von political correctness entfernt war.

Und hier wird es schon ein wenig grundsätzlich, denke ich: Wie viel "Code" darf/sollte ein Text enthalten? Ich meine, wenn man nicht alles ausbuchstabiert und trotzdem eine Zeit, eine Szene oder eine bestimmte Subkultur schildern will, dann stösst man genau auf Probleme wie hier. Insofern super, dass dein Feedback so ausfällt, es legt den Finger drauf.

Tatsächlich habe ich darüber nachgedacht, ob die beiden Figuren einfach nur mit "den Polen" zusammensein sollen - oder ob das eben genau zu einem Verständnisproblem bei manchem Leser führt. Ich habe mich dafür entschieden, weil die Alternativen den Sound der Story gestört hätten:

- Man hätte schreiben können "unsere polnischen Mitschüler", was fürchterlich klingt.
- Man hätte den Figuren irgendwelche Schulutensilien an die Hand geben oder sie über die Schule reden lassen können, was aber nicht zu ihnen und zur Situation passt.
- Man hätte "die Polen" durch deutsche Mitschüler ersetzen können, aber dann hätte man mit viel mehr Worten eine Art von Typ beschreiben müssen, die in dem "die Polen" einfach schon drinsteckt - so hart, wie das klingt, wenn man es heute in ein Forum voller Bildungsbürger schreibt.
- ...
- Ausserdem zahlt das abwertende "die Polen" stark auf die Gesamtästhetik des Textes ein, auf die ich vielleicht später noch mal genauer eingehe.

Zudem habe ich kein stimmiges Bild von deinem Prota bekommen: Einerseits scheint er auf Gewaltszenen zu stehen, andererseits scheint er eine unreife Sexualität zu haben (der Witz über Schröder) und dann ist er wiederum angeblich ein Musterschüler, der dieses Image aufrechterhalten will, aber nicht lügen kann und Gras raucht?

Wir haben es hier mit einem unzuverlässigen Erzähler zu tun. Die längere Ur-Version hat diesem Aspekt einen ganzen Absatz gewidmet. Er sagt selbst, dass seine Freundschaft zu Kirchner auf ihrer gemeinsamen Vorliebe für "Zerrbilder" beruht. Und dann tauchen eben genau diese Inkonsistenzen auf, die du beobachtest. Das heisst, man darf ihm nicht glauben, dass er nicht lügen kann. De facto kann er hervorragend lügen. Er spricht ja später selbst von seiner "ewigen Angst entdeckt zu werden". Anscheinend führt er eine Art Doppelleben.

Was mir gut gefallen hat, war diese paranoide Schilderung, da konnte ich miterleben, wie es dem Prota geht und das fand ich gelungen.

Schön! :-)

Henry K. schrieb:
Wir waren in einem Herbstwäldchen vielleicht einen Kilometer von der Jugendherberge weg. Kirchner saß neben mir auf der Bank und einer der beiden Polen reichte die Tüte weiter.
Im ersten Satz werden die Polen und die Tüte eingeführt; das löst bei mir sofort Erwartungen aus, dass sie wohl wichtig für die Geschichte sein werden.

Kann ich verstehen und würde mir vielleicht auch so gehen. Aber ist es schlimm, wenn Texte nicht so durchrauschen, wie man es anfangs erwartet? Ist es nicht fast gerade spannend, wenn es anders kommt? Klar, hier im Forum geht es immer um Handwerk und einen Aufbau, der dies oder das erreicht beim Leser, und die Toleranz gegenüber Ausschweifungen und Umwegen ist naturgemäss gering - wir lesen online und wir lesen Kurzgeschichten. Aber wenn man alles nur noch auf eine rohe und überklare Form eindampft, ist ja auch nichts gewonnen.

Henry K. schrieb:
Das Kraut schoss meinen Kopf in eine Einzelzelle, wo er wie eine kleine Eisenkugel klackernd zwischen den Wänden hin und her sprang.
Diesen Satz habe ich nicht verstanden. Das Kraut schoss den Kopf in eine Einzelzelle? Und dann klackert der Kopf im Kopf? Das würde ich mir noch mal angucken, ich bin da jedenfalls drüber gestolpert.

Der Text setzt hier und da ziemlich eindeutige Stilmittel ein. So auch hier, wo ein Vergleich bzw. eine Metapher bis aufs Äusserste strapaziert werden. Dazu kommt dann auch noch - in deiner Lesart, wo die Zelle für den Kopf steht - ein Paradoxon hinzu. Das ist schon gewollt so.

Henry K. schrieb:
Ich sah den Teich vor uns an und dachte an eine Pfütze Pisse.
Er denkt an eine Pfütze Pisse? Liest sich für mich sprachlich nicht schön, charakterisiert den Prota aber weiter als Weirdo in meinen Augen.

"Weirdo" sind deine Worte :-) Aber ja, das ist sprachlich nicht "schön". Freut mich, dass man hier kurz hängen bleibt wegen des Wortes.

Henry K. schrieb:
Er war riesig und teigig und hatte hervorquellende Augen, die meistens gerötet waren. Sein Haar hatte die Farbe von Kernseife, aber im Kopf war er schnell. Sehr schnell. Vielleicht sogar schneller als ich. Schwer zu sagen, denn man wusste nie so recht, wie er die Dinge meinte.
Was genau meinst du hier mit teigig? Ansonsten fand ich die Stelle gut, weil du den Prota hier mit Kirchner vergleichst und ich die beiden voneinander abgrenzen kann. Was ich dann aber doch schade fand, ist, dass es nur eine Behauptung bleibst. Hier müsste für meinen Geschmack ein Beispiel kommen, wie genau Kircher seine Intelligenz denn zeigt.

"Teigig" meint: Blass, weich, unförmig, konturlos, quallenhaft.

Henry K. schrieb:
So hatten wir schon bald ein paar gemeinsame Ikonen wie das Ehepaar Ruda, das den «Satansmord von Witten» begangen hatte
Beide scheinen psychische Probleme zu haben, wenn das ihre Ikonen sind und wahrscheinlich auch einen Hang zu Gewalt. Hat mich etwas erstaunt.

Ob sie "psychische Probleme" haben sei einmal dahingestellt. Andererseits: Welcher Teenager hat das nicht - genau wie eine "unreife Sexualität", von der du vorher sprichst? :-)

Aber einen Hang zu (aktiver) Gewalt hängt ihnen der Text eigentlich gerade nicht an - sie stören sich ja an den aggressiven Polen.

Henry K. schrieb:
Ein anderer Held von uns war Gerhard Schröder. Wir sammelten Fotos von ihm, auf denen er im quietschbunten Trainingsanzug breitbeinig gegen einen Fußball bolzte oder sich mit glühender Birne einen Pimmel von Bratwurst in den Mund schob.
Das hat für mich dann als Gegenbeispiel überhaupt nicht reingepasst. An dieser Textstelle mache ich die unterentwickelte Sexualität fest, die ich weiter oben angesprochen habe.

Das zweite Beispiel schafft hier als Stilmittel wieder bewusst einen maximalen Kontrast, zeigt aber auch den Hintergrund der Figuren auf. Sie sind beide "sehr schnell im Kopf" - zumindest ihrer eigenen Ansicht nach. Hier kommt nun Politik ins Spiel, wenn auch in Form einer Fratze.

Übrigens ist zumindest meiner Meinung nach hier auch keine "unterentwickelte" Sexualität herauszulesen. Vielmehr haben die Figuren ein sehr beobachtendes Auge und die Fähigkeit, Dinge auf den Punkt zu bringen.

Henry K. schrieb:
Und während mir verstimmte Gitarren die Gehörgänge vollkotzten, betrachtete ich den Teich voller Galle, das braune Laub auf dem Gehweg und die in Nebel gehüllte Schnellstraße hinter dem Teich.
Die Gehörgänge vollkotzen? Das passt für mich überhaupt nicht zusammen, bin ich kurz gestolpert.

Kann ich sehr gut verstehen. Wenn man den Satz isoliert liest, ist das als Metapher nicht haltbar, da stimme ich zu. Aber im übrigen Textgefüge verankert, funktioniert er für mich (noch).

Henry K. schrieb:
Diese Frage hatte höchste Brisanz, denn ich hatte es fertiggebracht, sowohl in der Schule wie auch zu Hause ein Bild von mir zu zeichnen, das einen Musterschüler zeigte. Leider war ich nie ein guter Lügner.
Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Er hat es geschafft, sich als Musterschüler darzustellen, was er wohl offensichtlich nicht ist und dann kann er nicht gut lügen?

S. o.

Henry K. schrieb:
Und tatsächlich, die gesammelte Lehrerschaft war da, unterhielt sich mit den Schleimern oder kickerte mit ihnen.
Aber ist der Prota nicht selbst ein Schleimer, wenn er sich als Musterschüler gezeichnet hat?

Nein, ein Schleimer biedert sich an, ein Musterschüler liefert gute schriftliche Arbeiten ab und gibt im Unterricht intelligente Antworten, die der Lehrermeinung durchaus völlig entgegenstehen können.

Henry K. schrieb:
Ich schrie. Wir hatten es doch schon durchs Wasser geschafft, über den Stacheldraht und vorbei an den Rommelspargeln und Panzersperren. Und jetzt, auf der Düne mit dem wogenden Junigras zerfetzte eine Mine den friedlichen Eisbären.
Hier wieder eine Gewaltfantasie, das passt für mich ins Bild vom Prota und verstärkt die Interpretation, die ich weiter oben geäußert habe mit den psychischen Problemen.

Hatte ich schon angesprochen. Ja, es ist eine Gewaltfantasie, aber keine aktive. Er ist hier wieder Opfer von Gewalt. Aber vielleicht meinst du das ja auch ...

Henry K. schrieb:
Panik ohne Ventil. Sie hatten mich in eine Falle gelockt, im wahrsten Sinne des Wortes. Aus diesem Zimmer gab es kein Entrinnen mehr. Gleich werden sie erneut an der Tür klopfen, beiläufig, und mich dann mitnehmen. Und kein Eisbär war mehr da, um seine schützende Tatze über mich zu halten. In den nächsten Minuten durchlief ich alle Stadien: Entsetzen, Revolte, Trauer, Akzeptanz. Am Ende war ich ein Philosoph, bereit, mit erhobenem Haupt zum Schafott zu schreiten. Die anderen bekamen von meiner Weisewerdung natürlich nicht das Geringste mit.
Erweitern ...
Das war für mich die beste Stelle im Text.

Freut mich ;-)

So viel erst einmal von mir, wünsche dir ein schönes Wochenende.

Wünsche ich dir auch!

VG, HK

 

MRG

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12.03.2020
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Hallo @Henry K.,

interessante Antwort, wie ich finde. Möchte noch kurz auf einen Punkt eingehen:

Kann ich verstehen und würde mir vielleicht auch so gehen. Aber ist es schlimm, wenn Texte nicht so durchrauschen, wie man es anfangs erwartet? Ist es nicht fast gerade spannend, wenn es anders kommt? Klar, hier im Forum geht es immer um Handwerk und einen Aufbau, der dies oder das erreicht beim Leser, und die Toleranz gegenüber Ausschweifungen und Umwegen ist naturgemäss gering - wir lesen online und wir lesen Kurzgeschichten. Aber wenn man alles nur noch auf eine rohe und überklare Form eindampft, ist ja auch nichts gewonnen.
Hier muss ich dir widersprechen; es geht mir nicht um das Eindampfen auf eine rohe oder überklare Form. Das was ich meinte, ist, dass jedes Wort in einer Kurzgeschichte bei mir als Leser etwas auslöst und Erwartungen weckt. Damit kann natürlich gespielt werden, aber wenn dann nichts damit passiert und ich als Leser das Gefühl habe, dass der Autor das auch nicht unbedingt geplant hat, entsteht bei mir schnell die Frage, weshalb ich das jetzt lesen sollte. Liegt es möglicherweise daran, dass der Autor selbst nicht so ganz genau weiß, worüber er schreiben will? Wurden die Hausaufgaben möglicherweise nicht gemacht? Denn für mich ist eine Geschichte etwas, das sich aus einem präsentierten Kern entwickelt (ich habe damit selbst übrigens riesen Probleme, was meine eigenen Stories angeht, aber ich arbeite daran). Wenn also etwas angelegt wird, was dann überhaupt nicht verwendet wird, dann entsteht bei mir schnell das Gefühl, dass es nicht in sich geschlossen ist. Damit meine ich aber nicht, dass es auf eine rohe und überklare Form eingedampft werden soll. Mein Punkt war eher, dass ich die Entwicklung aus der Geschichte an sich vermisst habe. Vielleicht kannst du damit etwas anfangen.

Beste Grüße
MRG

 
Mitglied
Beitritt
05.03.2015
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184

Hallo @Habentus,

hier die etwas verspätete längere Antwort auf deinen Kommentar.

Henry K. schrieb:
Das Kraut schoss meinen Kopf in einen Flipperkasten.
Dieser Vergleich, mit dem du ja gewissermaßen einsteigst, hat mich irgendwie rausgerissen. Erst bin ich nur über die Formulierung gestolpert, aber dann konnte ich mir auch nicht wirklich etwas darunter vorstellen. Ich finde, dass der Vergleich einfach ein wenig schief klingt. Ist aber wahrscheinlich Geschmackssache.

Habe den "Flipperkasten" gestrichen und in das übrige Bild integriert.

Henry K. schrieb:
Gott sei Dank, vertrieben seine kryptische Ausdruckweise und seine grundlos amüsierte Miene sie bald darauf.
Ein guter Satz. Ich kann mich an genau solche Situationen zurückerinnern. Sitzend auf den Rückenlehnen von Bänken am Waldrand. Mit Typen, die irgendwas Aggressives an sich haben. Und man hat die Hoffnung, dass die einfach abhauen und die Stimmung nicht vorher kippt. Gut eingefangen!

Schön, dass das so gut rüberkommt. War etwas unsicher, ob man versteht, warum "seine kryptische Ausdruckweise und seine grundlos amüsierte Miene" Leute vertreiben.

Henry K. schrieb:
Sein Haar hatte die Farbe von einem Stück Seife
Da konnte ich mir nicht wirklich etwas drunter vorstellen. Es gibt ja Seifenstücke in allen möglichen Farbkombinationen.

Habe es zu "Kernseife" präzisiert. Bleibt wahrscheinlich ein Grenzfall, weil viele Leute ja heute entweder Flüssigseife oder eben, wie du schreibst, bunte Seifenstücke verwenden. Aber ist wollte hier konkret werden und die Farbe eines "normalen" Stücks Seife passt perfekt zu der Farbe, die ich vor Augen habe - inklusive der Assoziationen, die dieses Wort auslöst.

Henry K. schrieb:
einen Pimmel von Bratwurst in den Mund schob.
Diese Formulierung hat mich stolpern lassen. Kann dir gar nicht sagen, warum genau. Vielleicht lags an Pimmel? Hat da für mich nicht so gepasst. Geschmackssache.

Hier stolpert man anscheinend drüber, ist auch im anderen Kommentar angesprochen worden. Bin aber noch nicht sicher, ob das schlimm ist. Rein sprachlich ist "Pimmel" für mich hier konsequent: Wenn man eine Bratwurst als Phallus deutet, dann ist es für mich naheliegend dies auch mit möglichst derben Worten zu tun - eine Wurst ist ja so ziemlich das derbste Essen überhaupt.

Henry K. schrieb:
wurde vom schrecklichsten Deutsch-Punk überrannt.
Müsste es nicht heißen: von schrecklichstem Deutsch-Punk. Bin mir unsicher

Bin auch unsicher. Geht vielleicht beides?

Henry K. schrieb:
Das war ja unfassbar beschissen alles und ich fragte mich, ob dies der unerträglichste Moment meines Lebens war.
Dieser Satz hat das alles gut zusammengefasst. Gefällt mir sehr gut!

Freut mich, dass dieser Satz funktioniert, war hier unsicher, ob er zu viel "Deutung" beinhaltet. Aber dann hab ich gedacht, dass es ja eigentlich Empfinden / Meinung ist - was wohl auch so gelesen wird.

Henry K. schrieb:
Ich war überzeugt, dass auf meiner Stirn in roten Lettern stand: «Bekifft!»
Ja, wer kennt es nicht? Trifft es wieder ganz gut, wie ich finde.

Henry K. schrieb:
In diesem Glauben wollte ich sie lassen, sie hatten genug Probleme mit meiner behinderten Schwester.
Tja, da war ich mir unsicher. Warum erwähnst du an dieser Stelle die Schwester. Sie spielt ja vorher und später keine Rolle mehr. Also für mich müsstest du sie entweder etwas mehr ausbauen oder streichen. Denn so ist es mir ein bisschen zu ... gewollt?

Also hier habe ich mit dem Hinweis auf die Eltern und die Schwester noch einmal die Angst entdeckt zu werden motivieren wollen. Du schreibst, dass man das Gefühl kennt, dass einem jeder den eigenen Rauschzustand ansieht. Wenn das auch andere Leser so sehen, wird hier schon ein allgemeines Gefühl von Sorge / Angst beschrieben und es braucht keine weitere Begründung mehr. Habe die Eltern und die Schwester also mal gestrichen, bis hier eventuell jemand kommentiert, dass ihm Figurenmotivation fehlt.

Henry K. schrieb:
Er bewegte sich tapsig, war gänzlich unsportlich und unmännlich, war wesenhaft und geschlechtslos.
Da bin ich gestolpert, weil ich mich gefragt habe, ob ein Jugendlicher so redet. Von jemandem als unmännlichem und geschlechtslosem Wesen. Klar, seine Gedanken können in solche eine Richtung gehen, aber ob er sie so artikulieren würde? Unsicher. Andererseits ist das auch in Ordnung, wenn du deinen Protagonisten so sprechen lässt, weil es eben zum Stimmungsaufbau beiträgt, finde ich.

Ja, guter Hinweis. Allerdings wird meiner Meinung nach schon klar, dass die beiden etwas speziell sind und sich dazu auch irgendwie eigenwillig in der Sprache bewegen. Kirchner redet kryptisch, der Erzähler versteht ihn aber - zumindest halbwegs. Da ist es schon möglich, dass solche Worte fallen, vor allem auch, da wir ja nicht genau wissen, wann erzählt wird (s. u.).

Henry K. schrieb:
das mich empfing wie ein Mutterleib.
Diesen Vergleich fand ich wieder etwas schief.

Hatte es anfangs noch ausgeführt, was das heissen soll, es dann aber gekürzt. Vielleicht liest es sich jetzt zu sehr ins Blaue geschossen ... Würde hier noch abwarten, ob mehr Reaktionen auf diese Stelle kommen.

Er schreit ja nicht wirklich, oder? Ist gemeint, dass er innerlich schreit oder?

Ja, innerlich. Hatte überlegt diese Präzisierung mitzugeben, aber das würde sich irgendwie übereifrig lesen und auch das Bild abschwächen. Generell hat der Text einfach auch sprachliche Stolperfallen. Soll er auch haben.

Henry K. schrieb:
Entsetzen, Revolte, Trauer, Akzeptanz. Am Ende war ich ein Philosoph, bereit, mit erhobenem Haupt zum Schafott zu schreiten.
Eine gute Stelle. Nur der Philosoph stört mich. Warum ist er am Ende ein Philosoph? Die Verbindung zum Schafott erschließt sich mir nicht.

Das spielt auf einen berühmten Ausspruch des französischen Philosophen Michel de Montaigne (1533 - 1592) an, der sagte: "Philosophieren heisst Sterben lernen". Ausserdem wird hier auf die Hinrichtung Sokrates' angespielt. In einem Prozess mit einer Art Skandalurteil zum Tode verurteilt soll Sokrates - so etwas wie der Urvater der abendländischen Philosophie - das Urteil akzeptiert und freiwillig auf eine Flucht aus dem Gefängnis verzichtet haben - aus Prinzip. Leute, die seinen nahenden Tod beklagten, soll er selbst getröstet haben. Am Ende soll er gefasst selbst nach dem Giftbecher gegriffen und diesen in einem Zug geleert haben.

Henry K. schrieb:
Leider tut er das auch heute noch.
Starker letzter Satz!
Allerdings bleibt die Frage für mich, wie weit der Erzähler in der Zukunft über diese Dinge spricht. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass er da noch recht nahe dran ist. Zeitlich gesprochen. Nun scheint er aber ja doch weiter aus der Zukunft über diese Situation zu reden. Bin mir nicht sicher, ob das ein Problem ist. So gesehen passt dann natürlich wieder die Sprache, die für einen Jugendlichen an der einen oder anderen Stelle vermutlich unpassend wäre. Andererseits verlässt du dadurch ein wenig diesen Rahmen eines Jugendlichen, der davon berichtet, was ihn so beschäftigt. Bin mir unsicher, wie ich das finden soll.

Über den Abstand der Erzählung zu den Geschehnissen habe ich mir ehrlich gesagt keine grossen Gedanken gemacht. Zumindest theoretisch ist der letzte Satz aber ja passend zu jedem Zeitabstand - da offen bleibt, ob Kirchner wie der Erzähler nur durch das Rauchen in eine Einzelzelle geschossen wird oder ob er da auch sonst drin steckt. So gesehen ist das Ende offen und mit ihm der implizite Zeitabstand. Weisst du, was ich meine?

Jedenfalls schon mal vielen Dank fürs Kommentieren und deine Mithilfe.

VG, HK

 
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Hallo @Henry K. ,

ist es okay, wenn ich mal (das macht nicht nur Katta) prokrastrinierend reinschneie und was Isoliertes rausklaube? :)

Henry K. schrieb:
wurde vom schrecklichsten Deutsch-Punk überrannt.

Müsste es nicht heißen: von schrecklichstem Deutsch-Punk. Bin mir unsicher
Bin auch unsicher. Geht vielleicht beides?
Nur die Korrektur ist korrekt. Es ist ein unbestimmter Artikel; der Fall des Adjektivs muss dem des Substantivs folgen, und von steht als Präposition außerhalb dessen. Die Frage geht auf Dativ: Von wem oder was werde ich überrannt? Das müsste laut Duden 6b) sein, vgl. dort: von einem Auto angefahren werden.

Deine Kombi funktionierte nur, wenn du mit einem bestimmten Artikel verkürzt sagen würdest: Ich wurde vom schrecklichsten Deutsch-Punk überrannt, den ich je gehört habe.

(Toller Titel, übrigens.)

Ganz herzliche Grüße,
Katla

 
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Hallo @Katla,

lass dich von mir nicht vom Prokrastinieren abhalten ;-)

Wo jetzt das Grammatikfass schon auf ist, habe ich auch noch mal nachgesonnen. Und ich bin der Meinung, dass das "vom" ein zusammengezogenes "von dem" ist. Demnach hiesse die Passage doch korrekt:

Ich wurde von dem schrecklichsten Deutsch-Punk überrannt.

Umgangssprachlich dann so wie im Text:

Ich wurde von dem vom schrecklichsten Deutsch-Punk überrannt.

Das ist ja auch analog zu einem normaleren Satz wie:

Ich wurde vom netten/netteren/nettesten Mann begrüsst.

Das hier klingt hingegen seltsam:

Ich wurde von nettem/netterem/nettestem Mann begrüsst.

Oder sehe ich hier was falsch? :drool:

VG, HK

PS:

(Toller Titel, übrigens.)

Merci!

 
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Hallo @Henry K. :),

sowas mag ich. Und behaupte, den Unterschied mache der Artikel, und in deinem Satz in der Geschichte hast du doch den unbestimmten verkürzt.

Deine Beispiele sind nicht identisch, weil
Ich wurde vom netten/netteren/nettesten Mann begrüsst. -> von dem im Sinne = von einem (unbestimmter Artikel verkürzt).
Ich wurde von nettem/netterem/nettestem Mann begrüsst. -> von dem (nur bestimmter Artikel verkürzt).
Und der zweite Beispielsatz könnte nur in einem Umfeld stehen, in dem dieser Mann in einem darauffolgenden Nebensatz näher definiert wird oder bereits eingeführt wurde (Da sind zwei Männer, der eine ist nett der andere unfreundlich, und ich wurde vom netten / von dem netten der beiden begrüßt.)
Wenn du den Deutschpunk nicht näher definierst, kannst du doch eigentlich nur den unbestimmten Artikel nehmen, weil es das Genre generell meint.

Meine 5 Cent ... Herzlichst,
Katla

 
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@Katla

Hi nochens,

Und behaupte, den Unterschied mache der Artikel, und in deinem Satz in der Geschichte hast du doch den unbestimmten verkürzt.

Ohne mich hier nachträglich rausreden zu wollen ... :-D ... tatsächlich habe ich den bestimmten Artikel verkürzt: Der Deutsch-Punk so wie der Jazz oder der Rock 'n Roll.

VG, HK

 
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@Henry K.
Ja, der Deutschpunk (als Pronomen + Substantiv, aber da benötigst du ja keine Deklination, weil das so im Nominativ steht). Die Deklination brauchst du aber in deinem Satz: Ich wurde von schrecklichstem Deutsch-Punk überrannt. Das wäre etwas gestelzt aber doch in Langversion: Ich wurde einem (bzw. von dem) schrecklichen Deutschpunk überrannt.
Das geht ja sogar mit bestimmtem Artikel, merke ich grad, guck mal: https://www.sprachschule-aktiv.de/s...ion-mit-bestimmten-und-unbestimmten-artikeln/
mask + Dativ + bestimmter Artikel: dem guten Film
mask + Dativ + unbestimmter Artikel: einem guten Film

Ich bleibe dabei, dass vom + Akkusativ nur geht, wenn es näher definiert wird:
Ich wurde von einem Albtraum gequält. Genauer -> Ich wurde von einem schrecklichen Alptraum gequält.
vs
Ich wurde von dem schrecklichsten Alptraum gequält, den ich je hatte.

Hast du in einem Satz, der weder vorher noch hinterher erklärt / ausgeführt wird:
Ich wurde vom (= von schrecklichem) Alptraum gequält.
Würde man doch sofort fragen: Aha, aber von welchem? Während: Ich wurde von einem schrecklichen Alptraum gequält. ein vollständiger Satz ist, der erst mal keine weitere Erläuterung braucht.

 
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Hallo @Katla,

ich habe ein wenig den Begründungsfaden verloren ... :lol: ... mich aber auch noch mal bei einer anderen Fachperson rückversichert und sie ist auch der Meinung, dass beide Varianten gehen: Es sei genau, wie du geschrieben hast: "vom schrecklichsten" ist bestimmt, "von schrecklichstem" unbestimmt.

Ich lasse es aus folgendem Grund bestimmt: Wenn ich "vom schrecklichsten Deutsch-Punk überrannt" schreibe, lässt das die (assoziative) Lesart zu, dass tatsächlich ein Punk den Erzähler überrannt hat - und zwar "der schrecklichste Punk". Bei "von schrecklichstem Punk überrannt" fällt diese Lesart hingegen weg, denn ein - und jetzt hab ich's gecheckt - Superlativ ist ja immer bestimmt, denn es kann ja nur ein "Individuum" geben, das mit dem Superlativ belegt wird. "Ein Punk", der den Erzähler überrennt, kann also nie "der schreckliste" sein.

Ok, ehrlich gesagt verwirrt mich das alles immer mehr :-) Ich danke jedenfalls schon mal für die Mithilfe

VG, HK

 
Monster-WG
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Hallo @Henry K. und @Katla ,

ich würde sagen es geht beides, aber es bedeutet unterschiedliches. Von schrecklichstem Deutsch-Punk bedeutet mMn, dass der Prot. Deutsch-Punk generell schrecklich findet. Vom schrecklichsten Deutsch-Punk, dass (nur) das gehörte Lied der schrecklichste Deutsch-Punk ist.

Bin gespannt ob ich richtig liege
feurig

 
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Erinnert mich sehr an eine Abschlussfahrt nach Wanderath, die Bandbreite der Abschlussklässler (Realschule) war von 15 bis 18 (abgebrochene Gymnasiasten, die den weisen Spruch des Klassenlehrers, solle keiner glauben, Realschule wäre einfacher als Gymnasium, so recht mitbekommen hatten), Beatles- und Stonesfraktionen und dazwischen Kinks, die von späteren Generationen die Geburtsstund des Punks zugesprochen bekamen, weil die Generation wahrscheinlich nur die ruppigen Anfänge kannten und erste Konzeptalben zu hoch waren. Kiffen war noch nicht, aber saufen und rauchen, zum größten Teil aus Angeberei - sofern nicht ein weibliches Objekt der Begierde den Allohol verhinderte. Kryptik pflegten wir alle … Ergriffen hat mich förmlich der Satz

Und doch lief ich neben Kirchner als Eisbär her durch einen raumlosen Nebel.

Paar Flüskes

Hier

Er war riesig und teigig und hatte hervorquellende Augen, …
begreif ich das „teigige“ zunächst nicht, aber vllt. meint es dicklich und „wabbelig“

Gott sei Dank, vertrieben seine kryptische Ausdruckweise und seine grundlos amüsierte Miene sie bald darauf.
Fugen-s vergessen, besser also Ausdrucksweise

«Lass zurückgehen», sagte ich zu Kirchner und er brummte zustimmend.
Okay, er spricht halt elliptisch

Ich vergaß völlig, wo ich war, und geriet unbemerkt immer weiter auf die Straße. Kirchner zog mich am Ärmel zu sich heran und sagte mit sonorer Stimme:
«Pass auf.»
Klingt nach mehr als einer Aussage!,

findet der Friedel,

der sich zudem "vom"/alternatiefen "von dem" von + dem-Schauplatz unterhalten fühlt. Glaube aber keiner, er kennte keine Blockaden ...

 
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Kirchner saß neben mir auf der Bank und einer der beiden Polen reichte die Tüte weiter.

Ich las das und dachte: Ach, so eine Geschichte wird das. Das sind ja Tropen für sich - Parkbank, Polen (oder andere Migranten) und Drogen und Schule und so einen 90er Touch. Und so eine Geschichte wurde das dann auch.
Wir waren in einem Herbstwäldchen vielleicht einen Kilometer von der Jugendherberge weg.
Wäldchen. Tischchen. Deckchen. So Verniedlichungen eignen sich für Prosa schlecht, wie ich finde. Ich denke dann direkt an Kinderbücher.
Das Kraut schoss meinen Kopf in eine Einzelzelle, wo er wie eine kleine Eisenkugel klackernd zwischen den Wänden hin und her sprang.
Du hattest es bei einer KG vom Peeperkorn erwähnt, dass Rauschzustände irgendwie meistens unzureichend beschrieben werden bzw beschrieben werden können. Unter dieser etwas stilblütigigen Metapher da kann ich mir auch nicht so richtig was vorstellen. Für was soll dieses Bild denn nun stehen? Für hin und hergeworfene Gedanken? Für ein geschütteltes, denkunfähiges Gehirn? Das gilt aber allgemein für alle Metaphern, IMMER!

Wir teilten die Vorliebe für Zerrbilder.
Was sind Zerrbilder? Das ist außerdem eine Behauptung, die im Text nie bewiesen wird. Kirchner bestätigt das nie. Du hast irgendwo erwähnt, dass es sich um einen unzuverlässigen Erzähler handeln soll. Der benötigt aber einen Gegenpart, nämlich eine tatsächliche Realität, die auch als solche angenommen wird, die wenigstens im Text existiert. Wenn Thomas Bernhard erzählt, dann lässt er oft seine Protagonisten schwadronieren, aber er löst das so: "Meier erzählte mir das, und er hat es von Müller gehört." Das ist wie stille Post, was ist denn tatsächlich erzählt worden, was ist das Original? Wenn ich aber einen Erzähler habe, der bewusst oder unbewusst nicht das Richtige, das Wahre sagt, brauche ich eine überprüfbare Instanz. Jemand im Text muss sagen: Nee, Moment, das war doch ganz anders. Oder seine Reaktion deutet daraufhin, dass das Selbstbild des Erzählers ein völlig anderes ist, er nimmt sich selbst anders wahr. "Aber sooo bist du doch gar nicht?" Sonst könnte man jeden Text auseinandernehmen, dekonstruieren und sagen: Ist nicht zuverlässig erzählt.

Der Nebel verdichtete sich, ja, er hüllte uns nun geradezu ein.
Das klingt wie etwas von Kracht, das hat so eine spielerische Note oder soll sie haben, aber es ist aufgesetzt und liest sich auch so.

Ich weiß, dass das nicht sein kann, Gras erzeugt keine Halluzinationen.
Gilt THC nicht als Halluzinogen? Wenn du es isst, werden die Körpertrips definitiv heftiger. Das neue Zeug ist sowieso viel krasser als das gute alte Dope aus den 90ern.
Und ich schwöre, irgendwann wurde er zu einem Eisbären.
Wem schwört er das? Ist auch eine etwas unkonkrete Erzählposition. Wer erzählt hier wem?

Dann kam mir ein Gedanke: Vielleicht war ich gleich dran. Vielleicht würden sie gleich mich in den Verhörraum zerren. Panik ohne Ventil. Sie hatten mich in eine Falle gelockt, im wahrsten Sinne des Wortes.
Ich glaube, das ist der Kern des Textes. Du erzählst das nur leider nicht. Das wird angedeutet. Du verschenkst hier das Potential in einem wirren, unzusammenhängenden Gedankenstrom, der nirgendwo hin führt, der eine kleine episodische Rauschbeschreibung ist. Diese Zweideutigkeit, die Wahrnehmung des Selbst, das ist hochinteressant, aber du brichst dann einfach ab und gehst aus dem Text raus, bevor es wirklich zu dieser Gegenüberstellung kommen kann. Das könnte jetzt so Kammerspiel-mässig weitergehen, diesen Schwank-Charakter verlieren und plötzlich bitterernst werden.

Leider tut er das auch heute noch.
Der letzte Satz verortet dann alles gegenwärtig, es wird aus der Retrospektive erzählt. Als seist du dir selbst nicht so ganz sicher, wohin mit all dem, wie verorten, welcher Fokus, irgendwie noch schnell eine Entwicklung andeuten, Distanz etablieren. Ganz ehrlich: das ist ein wenig lazy writing. Ich weiß nicht, wo du hin willst mit deinem Schreiben, für mich klang das nach Stuckrad-Barre, dieses Pop-Ding, Tristesse Royale etc, aber dafür hat der Text nicht genug Schneid und Verve, und auch irgendwie nicht die richtige Ästethik. Das wirkt alles viel zu brav und zu bieder. Versteh mich nicht falsch: eine Sache ist das Handwerkszeug zu haben, das andere sie auch in vollem Umfang zu nutzen. Das tust du hier meiner Meinung nach nicht.

Gruss, Jimmy

 
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Hallo @Friedrichard,

vielen Dank für deinen Kommentar. Freut mich, dass er anscheinend nicht nur Leute anspricht, die in der genauen Zeit jung waren. Und das ...

Ergriffen hat mich förmlich der Satz

Und doch lief ich neben Kirchner als Eisbär her durch einen raumlosen Nebel.

... ist natürlich ein tolles Kompliment :-)

Die Flusen werden beseitigt - danke für die Hinweise.

VG, HK

PS:

Da du die von/m Variante des Textes nur am Rande erwähnst, gehe ich mal davon aus, dass es zumindest so möglich ist ;-)

 
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Hallo @jimmysalaryman,

vielen Dank für deinen Kommentar, der viele spannende Aspekte des Textes berührt. Ich gehe mal der Reihe nach durch.

Henry K. schrieb:
Kirchner saß neben mir auf der Bank und einer der beiden Polen reichte die Tüte weiter.

Ich las das und dachte: Ach, so eine Geschichte wird das. Das sind ja Tropen für sich - Parkbank, Polen (oder andere Migranten) und Drogen und Schule und so einen 90er Touch. Und so eine Geschichte wurde das dann auch.

Jepp, hier wird das Rad nicht neu erfunden. Der Text ist letzte Woche recht schnell aus einem spontanen Impuls heraus entstanden, da ich gemerkt habe, dass beim Texthandwerken auch einiges an Spontanität und Emotion verloren geht. Bei mir jedenfalls. Da musste mal wieder ein Gegengewicht her. Zwei grössere, durchkomponierte Brocken liegen schon bereit, aber ich zögere noch - eben weil mir darin Leben fehlt.

+++++

Henry K. schrieb:
Wir waren in einem Herbstwäldchen vielleicht einen Kilometer von der Jugendherberge weg.
Wäldchen. Tischchen. Deckchen. So Verniedlichungen eignen sich für Prosa schlecht, wie ich finde. Ich denke dann direkt an Kinderbücher.

Ein Einwand, dem ich grundsätzlich zustimme. Aber hier von einem "Wald" zu sprechen, wäre vermessen und macht man es doch, kauft man für teuer Geld ein unnötiges Adjektiv. Was wäre denn deine Variante?

+++++

Henry K. schrieb:
Das Kraut schoss meinen Kopf in eine Einzelzelle, wo er wie eine kleine Eisenkugel klackernd zwischen den Wänden hin und her sprang.
Du hattest es bei einer KG vom Peeperkorn erwähnt, dass Rauschzustände irgendwie meistens unzureichend beschrieben werden bzw beschrieben werden können. Unter dieser etwas stilblütigigen Metapher da kann ich mir auch nicht so richtig was vorstellen. Für was soll dieses Bild denn nun stehen? Für hin und hergeworfene Gedanken? Für ein geschütteltes, denkunfähiges Gehirn? Das gilt aber allgemein für alle Metaphern, IMMER!

Aaaalso, man versucht ja alles richtig zu machen und die vergangenen Kritiken zu beherzigen. Also habe ich diesen Text von anfänglich 2.500 Wörtern auf die jetzige Länge von etwa der Hälfte heruntergekürzt und alles an Beschreibungen und Erläuterungen eliminiert, was entbehrlich war.

Damit ist dann auch rausgeflogen, dass hier gar nicht in erster Linie ein Rauschzustand, sondern ein Lebensgefühl bzw. eine Art Grundverfassung beschrieben wird. So war es ursprünglich ausformuliert:

Aber Gras schien einfach nur den Kopf in einen Flipperkasten zu schiessen, der in einer Einzelzelle steht. Später lernte ich die psychologischen Fachbegriffe für dieses Phänomen: "Schizoide Denkstrukturen" und "Derealisation". Aber damals dachte ich natürlich nicht in Kategorien des ICD. Das war für mich einfach die Wirkung von Gras.

Der Text enthält diese Infos jetzt nur noch implizit und zwar beispielsweise im Schlusssatz. Oder als mögliche Interpretation hier:

Und ich schwöre, irgendwann wurde er zu einem Eisbären. Ich weiß, dass das nicht sein kann, Gras erzeugt keine Halluzinationen. Und es war auch keine Halluzination. Und doch lief ich neben Kirchner als Eisbär her durch einen raumlosen Nebel

+++++

Henry K. schrieb:
Wir teilten die Vorliebe für Zerrbilder.
Was sind Zerrbilder? Das ist außerdem eine Behauptung, die im Text nie bewiesen wird. Kirchner bestätigt das nie. Du hast irgendwo erwähnt, dass es sich um einen unzuverlässigen Erzähler handeln soll. Der benötigt aber einen Gegenpart, nämlich eine tatsächliche Realität, die auch als solche angenommen wird, die wenigstens im Text existiert. Wenn Thomas Bernhard erzählt, dann lässt er oft seine Protagonisten schwadronieren, aber er löst das so: "Meier erzählte mir das, und er hat es von Müller gehört." Das ist wie stille Post, was ist denn tatsächlich erzählt worden, was ist das Original? Wenn ich aber einen Erzähler habe, der bewusst oder unbewusst nicht das Richtige, das Wahre sagt, brauche ich eine überprüfbare Instanz. Jemand im Text muss sagen: Nee, Moment, das war doch ganz anders. Oder seine Reaktion deutet daraufhin, dass das Selbstbild des Erzählers ein völlig anderes ist, er nimmt sich selbst anders wahr. "Aber sooo bist du doch gar nicht?" Sonst könnte man jeden Text auseinandernehmen, dekonstruieren und sagen: Ist nicht zuverlässig erzählt.

Muss es denn immer so grundsätzlich werden hier? ;-)

In meiner Lesart ist der Text ein Zerrbild und hier offenbart er sich - referiert also auf sich selbst. Das muss also meiner Meinung nach gar nicht im Text bestätigt werden.

Aber es wird ja dann auch sogleich "bewiesen" - oder was sind Satansmörder als Ikonen und Politikerfratzen als Helden, wenn nicht "Vorlieben für Zerrbilder"?

+++++

Henry K. schrieb:
Der Nebel verdichtete sich, ja, er hüllte uns nun geradezu ein.
Das klingt wie etwas von Kracht, das hat so eine spielerische Note oder soll sie haben, aber es ist aufgesetzt und liest sich auch so.

Naja, nicht ganz. Also klar, du kannst es "aufgesetzt" finden, aber es ist auch einfach nur die physikalische Bedingung für den "raumlosen Nebel", der auf der Strasse herrscht.

+++++

Henry K. schrieb:
Ich weiß, dass das nicht sein kann, Gras erzeugt keine Halluzinationen.
Gilt THC nicht als Halluzinogen? Wenn du es isst, werden die Körpertrips definitiv heftiger. Das neue Zeug ist sowieso viel krasser als das gute alte Dope aus den 90ern.

S. o.

+++++

Henry K. schrieb:
Und ich schwöre, irgendwann wurde er zu einem Eisbären.
Wem schwört er das? Ist auch eine etwas unkonkrete Erzählposition. Wer erzählt hier wem?

Wem erzählen Ich-Erzähler überhaupt Geschichten, wenn ein Text keine Anrede enthält? Genauso gut kann man doch auch immer fragen: Wer soll überhaupt der auktoriale Erzähler sein? - Keiner ist doch überall zugleich und guckt den Leuten in den Kopf.

+++++

Henry K. schrieb:
Dann kam mir ein Gedanke: Vielleicht war ich gleich dran. Vielleicht würden sie gleich mich in den Verhörraum zerren. Panik ohne Ventil. Sie hatten mich in eine Falle gelockt, im wahrsten Sinne des Wortes.
Ich glaube, das ist der Kern des Textes. Du erzählst das nur leider nicht. Das wird angedeutet. Du verschenkst hier das Potential in einem wirren, unzusammenhängenden Gedankenstrom, der nirgendwo hin führt, der eine kleine episodische Rauschbeschreibung ist. Diese Zweideutigkeit, die Wahrnehmung des Selbst, das ist hochinteressant, aber du brichst dann einfach ab und gehst aus dem Text raus, bevor es wirklich zu dieser Gegenüberstellung kommen kann. Das könnte jetzt so Kammerspiel-mässig weitergehen, diesen Schwank-Charakter verlieren und plötzlich bitterernst werden.

Das wäre eine alternative Variante, die du hier zeigst, die sicher auch spannend wär. In meinen Augen ist mein Text allerdings kein "wirre[r], unzusammenhängende[r] Gedankenstrom".

+++++

Henry K. schrieb:
Leider tut er das auch heute noch.
Der letzte Satz verortet dann alles gegenwärtig, es wird aus der Retrospektive erzählt. Als seist du dir selbst nicht so ganz sicher, wohin mit all dem, wie verorten, welcher Fokus, irgendwie noch schnell eine Entwicklung andeuten, Distanz etablieren. Ganz ehrlich: das ist ein wenig lazy writing.

Lazy oder locker - manchmal ist das nah beieinander :-) Man muss auch nicht alles bis in den letzten Winkel ausleuchten, denke ich. Dinge entstehen auch manchmal intuitiv und spontan und haben dadurch dann auch eine Notwendigkeit, finde ich.

Dass das Ende den Text in der "Gegenwart" verortet, stimmt aber nicht so ganz - er verortet ihn in der Gegenwart, in der die Geschichte vom Erzähler erzählt wird. Da es sich aber um ein Schriftstück handelt, kann man nicht sagen, wann er das tut bzw. getan hat. Wir wissen nur, es war zwischen heute dem Veröffentlichungsdatum und den im Text genannten Ereignissen.

+++++

Ich weiß nicht, wo du hin willst mit deinem Schreiben, für mich klang das nach Stuckrad-Barre, dieses Pop-Ding, Tristesse Royale etc, aber dafür hat der Text nicht genug Schneid und Verve, und auch irgendwie nicht die richtige Ästethik. Das wirkt alles viel zu brav und zu bieder. Versteh mich nicht falsch: eine Sache ist das Handwerkszeug zu haben, das andere sie auch in vollem Umfang zu nutzen. Das tust du hier meiner Meinung nach nicht.

Also der Text steht ganz sicher nicht "für mein Schreiben" und schon gar nicht für eines in irgendeiner Zukunft. Er ist eine Art Fingerübung gewesen, bei der ich drei Sachen üben bzw. ausprobieren wollte:

1. Emotionen einer Figur glaubhaft schildern
2. Eine Handlung mit Spannungsbogen finden
3. Eine ganz bestimmte Ästhetik umsetzen ...

... Letzteres war dabei am Ende das Hauptaugenmerk. Der Text hat sich dadurch dann in meinen eigenen Augen zu einer kleinen Allegorie entwickelt. Für was, lass ich aber offen. Ich gebe nur einen kleinen Hint:

Du hast neulich unter deinen Text Licht kommentiert, dass dich oft Songs zu Texten inspirieren. Ich glaube, du bist auch selbst Gitarrist? Und viele Leser loben den "Sound" deiner Storys. Da ist mir wieder aufgefallen, dass mein Sinn nicht das Ohr, sondern das Auge ist - auch von meinem biographischen Hintergrund her. Hier habe ich auf dieser Erkenntnis direkt aufgebaut ;-)

Mein ganzes Handwerkszeug, so man so was überhaupt auflisten kann, nutze ich hier aber sicherlich nicht. Hoffe ich zumindest! Wobei ich auch nicht unglücklich wäre, wenn ich in diesem Stil einen Roman zustande brächte ... haha.

VG, HK

 
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Wir waren in einem Herbstwäldchen vielleicht einen Kilometer von der Jugendherberge weg.

Nur noch mal ganz kurz, wenn ich darf, zum „Wäldchen“ und dem Einwurf jimmys @jimmysalaryman

... Wäldchen. Tischchen. Deckchen ...
ihn an Kinderbücher denken ließen, was mich nun wieder verwundert, weil Herder – ein größerer als Goethe oder Schiller in Bezug auf die deutsche Sprachgeschichte - und des Kindesbuches unverdächtig die verniedlichende Form des Waldes exzessiv verwendet – natürlich vor allem in den „Kritische(n) Wälder(n) / oder Betrachtungen, die Wissenschaft und Kunst des Schönen betreffend“. Gleichwohl gibt’s Synonyme für ein (kleines) Gehölz, das einfachste natürlich „kleiner“ Wald, das literarischste aber m. E. „Hain“, den Namen, den ich gelegentlich auch Freund Hein gönne, sind doch unsere Friedhöfe die gepflegtesten Anlagen überhaupt ...

Tschüssikowski

Friedel

 
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Genauso gut kann man doch auch immer fragen: Wer soll überhaupt der auktoriale Erzähler sein?
Das war aber nicht die Frage. Du könntest es so lösen, wie Joyce bei Molly Bloom, ein soliloquy, dann erzählt er sich das sozusagen selbst.
In meiner Lesart ist der Text ein Zerrbild und hier offenbart er sich - referiert also auf sich selbst.
Ich meinte das grundsätzlicher: was ist überhaupt ein Zerrbild? Ich verstehe das nicht, also die konkrete Bedeutung. Das hatte erst mal nichts mit dem Text an sich zu tun.
Und viele Leser loben den "Sound" deiner Storys. Da ist mir wieder aufgefallen, dass mein Sinn nicht das Ohr, sondern das Auge ist - auch von meinem biographischen Hintergrund her
Also ich meinte das im Sinne von - ich höre einen Song und dazu kommen mir Bilder. Das ist ja so eine Symbiose, du weißt schon, was ich meine. Ich glaube, mir geht es eher darum, dass mir der Text zu unentschieden ist. Entweder die Rausch-Bild-Ästhethik, dafür müsste es aber wirklich drüber und on top sein, oder dieses Spiel mit den divergierenden Selbstwahrnehmungen, was ich persönlich interessanter fände.

Gruss, Jimmy

 

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