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  • Macht bis zum 15.08.2020 mit bei der ersten jährlichen Sommer-Challenge für Kindergeschichten: Zielgruppe Krümel.

Momentaufnahme

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Anmerkungen zum Text
Ein kleines Attribut auf die wirklich gute Geschichte von @Proof : Du hast keine Ahnung, wie Kinder sein können

Momentaufnahme

Der Moment war gekommen. Er hatte gewartet. Warten war seine Spezialität. Die Dinge brauchten ihre Zeit. Wie eine Frucht mussten sie heranreifen, um dann gepflückt zu werden. Nunmehr war es soweit. Die Koffer standen bereits gepackt im Windfang. Er war Reisefertig.

Er hatte lange Zeit beobachtet. Das Ganze war eigendlich repetitiv. An verschiedenen Orten hatte er den selben Plan benutzt, in den verschiedensten Varianten zwar, aber im Grunde genommen lief es immer auf das Selbe hinaus. Alles war so simpel und er langweilte sich. Wenn es aber dann aber soweit war, war er jedesmal aufgeregt.

Schon vor Monaten hatte er sich in dem Viertel einquartiert. Voraussetzung war immer eine Wohnung – oder ein Zimmer – gegenüber eines Spielplatzes. Der Spielplatz musste bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Ein Abenteuerspielplatz war in Ordnung, wenn man ihn aus der Distanz gut einsehen konnte. Zu dem Spielplatz musste ein freies Gelände gehören, ein Rasen= stück.

Er gab vor, Abends zu arbeiten und verliess die Wohnung auch meistens Abends, allerdings nicht, um zu arbeiten. Er streifte durch die Stadt, ging ab und zu in die Spätvorstellung ins Kino. Um ca. 5 Uhr morgens war er dann wieder daheim. Niemals erregte er Aufsehen, grüsste freundlich, wenn er Nachbarn traf, ging am Wochenende einkaufen. Einer mehr in der anonymen Masse.

Tagsüber sass er an seinem Fenster und beobachtete den Spielplatz. Morgens erschienen die Mütter oder die Grosseltern mit den Kindern im Vorschulalter. Sie hielten sich meist eine Stunde auf, selten länger. Dann kamen ein paar Schulschwänzer. Einige von Ihnen rauchten und sie rauften und knufften sich. Sie lümmelten auf den Bänken herum. Manchmal kamen Dealer vorbei. Von Polizei keine Spur. Das interessierte ihn alles recht wenig und deshalb lies er auch die eine oder andere “Fenstersession” aus, um sich ein wenig auszuruhen und am Nachmittag komplett präsent zu sein. Schlaf brauchte er keinen.

Nach der Schule und dem Mittagessen füllte sich der Spielplatz mit Kindern der richtigen Altersgruppe. Eltern waren kaum anwesend und die meisten der Kinder wohnten in der näheren Umgebung. Die Mädchen tuschelten, lachten und hielten sich an ihren Android- Telefonen fest, während sie heimlich die Jungs beim Fussballspielen auf dem Rasenstück beobachteten. Als Tore dienten meistens Jacken, welche sich die Jungen vor dem Spiel auszogen. Die Jungs wussten natürlich, das die Mädchen ihnen heimlich zusahen. Es waren sich wiederholende Rituale.

Das Zielobjekt war meist schnell auszumachen. Am Rand. Sehnsüchtiger Blick. So nah dran und doch so weit entfernt. Meistens handelte es sich um Übergewichtige oder extreme hässliche Individuen. Sie waren noch zu jung, um zu verstehen und schon zu alt, um sich ihren Elern anzuvertrauen. Sie waren klein und wollten gross sein. Sie wollten dazugehören und taten es nicht, so sehr sie sich auch bemühten.

Die Worte “mobbing” oder “bullying” waren meist Fremdworte für sie und niemals hätten sie es sich selbst eingestanden oder gar anderen gegenüber zugegeben. Sie waren Aussenseiter und spürten es. Ihre noch junge Seele schrie vor Schmerz und sie hatten nicht die geringste Ahnung, was sie dagegen tun konnten. Allein.

Der Junge war sehr übergewichtig und hatte, trotz seines Alters, bereits Akne im Gesicht. Er sass im Schneidersitz auf dem Rasen und schaute den anderen Jungen beim Fussball zu. Wenn sie fertig waren, gesellten sie sich meist zu den Mädchen und flirteten mit ihnen. Nicht selten verliessen einige Pärchen lachend den Spielplatz. Der Junge blieb allein zurück und machte sich nach einer Weile mit gesenktem Kopf auf den Heimweg. Er hatte einige Male offensichtlich gefragt, ob er mitspielen durfte und erntete verbale Schläge, verbunden mit höhnischen Gelächter. Manchmal verprügelten sie ihn auch. Das kam darauf an, in welcher Stimmung sie gerade waren. Die Mädchen standen dabei und kicherten und tuschelten. Oftmals weinte der Junge. Zur Hilfe kam ihm keiner. Wenn er sich wehrte, war es nurnoch schlimmer. Oftmals rissen sie ihm die Kleider vom Leib und hinterliessen ihn in Unterwäsche. Zusammengerollt auf dem Rasen.

Der Junge war der Richtige. Das wusste er bereits nach ein paar Tagen. Es musste bereits eine geraume Zeit so gelaufen sein. Die Verzweiflung war dem Jungen anzusehen, wenn er gesenkten Hauptes den Spielplatz verlies. Oftmals wurden ihm Bosheiten hinterhergerufen. Jede Einzelne traf ins Schwarze seines verwundeten Herzens.

Er beobachtete den Jungen. Er erfuhr so ziemlich alles über ihn. Er wusste, das der Junge bei Facebook war, um zumindest imaginäre Freunde zu besitzen, denen er vorgaukeln konnte, das er ein anderer Mensch war. Er ahnte, das der Junge sich in eine Scheinwelt zurückgezogen hatte, wo niemand ihn verletzen konnte. Er wusste, das der Junge nur eine Mutter hatte, welche Tagsüber arbeitete und erst gegen 19:00 Uhr das Haus betrat. Der Junge war definitiv die meiste Zeit auf sich selbst gestellt. Oftmals ging er in die Vorabendvorstellung ins Kino. Die meiste Zeit des Nachmittages verbrachte der Junge zu Hause. Vor dem PC, wie er vermutete.

Sobald er das Haus verlies, schaute er sich ängstlich um. Blick nach links, Blick nach rechts. Grundsätzlich ging er gesenkten Hauptes. Er hatte Angst. Er schritt zügig voraus.

Er half dem Jungen. Nicht aus Mitleid, sondern aus Eigeninteresse. Der Junge war Knetmasse und er wusste das. Er hatte es hunderte von Malen praktiziert. Also knetete er ihn. Kinder sind misstrauischer, als Erwachsene und Aussenseiter hatten Antennen. Er ging behutsam vor. Er hatte Zeit. Jede Menge Zeit. Der Junge erzählte ihm viel. Ob alles, oder nicht, war ihm gleichgültig. Er hörte geduldig zu und schob den Jungen sanft in die von ihm gewünschte Richtung. Er nahm ihn mit zum Jahrmarkt . Niemals brachte er ihn nach Hause und der Junge wusste ebenfalls nicht, wo er wohnte.

Die Frucht reifte heran. Zeit verging. Der Junge lebte sein Aussenseiterleben und freute sich auf die wenigen Momente mit ihm. Er achtete sehr genau darauf, das niemand ihn mit dem Jungen in Verbindung bringen konnte und selten besuchten sie den selben Ort ein weiteres Mal. Auf dem Spielplatz war der Junge grundsätzlich allein und er sass an seinem Fenster und beobachtete das Schauspiel. Der Junge wurde aufmüpfiger, began sich zu wehren. Verbal. Meistens kam es dann zu Raufereien und er hatte gegen den Mob nicht die geringste Chance. Das war gut.

Es kam der Moment der Übergabe. Das war der kritische Moment. Der Moment der Ernte. Nahmen die Aussenseiter das Geschenk an, war alles bereit für die Ernte. Nahmen sie es nicht an, hatte er das Spiel verloren. Das war ihm zwar äusserst selten passiert, aber er erinnerte sich an jedes einzelne Mal und an die entsetzlichen Konsequenzen.

Der Junge nahm das Geschenk an. Es war danach lediglich nurnoch eine Frage der Zeit und er wartete. Wenig später folgte der Abschied. Tränen. Umarmungen. Wieder Allein. Verzweiflung. Gut.

Die Koffer standen bereit und er wartete. Es vergingen einige Wochen. Der Junge kam, litt und ging wieder. Das alte Spiel. Dann endlich kam er mit der Tüte. Er setzte sich auf den Rasen und schaute auf die Fussballspielenden Jungs.

Als das Spiel zu Ende war und die Jungs sich zu den Mädchen gesellten, holte er die Maschinenpistole aus der Tüte, stand auf und schoss in die Menge.

“Game Over” sagte er, schloss die Gardinen und ging.
 
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Hallo @Dosenfood,

spannendes Konzept, dass du hier umgesetzt hast. Die Geschichte kommt bis auf das Ende fast komplett ohne Dialoge aus. Auch wenn man hier wieder diskutieren kann bzgl. "show don't tell", so sehe ich die Fokussierung auf tell innerhalb einer Kurzgeschichte als valides Stilmittel an.

Du verwendest leider sehr Häufig den Begriff "Junge", was letztlich etwas ermüdent ist. Ich denke hier wäre ein wenig Abwechslung besser gewesen. (Kind, Schüler, Knabe, etc.).

Nun zur Handlung selber: Da ziehe ich meinen Hut. Das war ein ausgezeichnetes Spiel mit den Erwartungen des Lesers. Auch wenn der Anfang etwas holprig war, hast du mich irgendwann an einen Punkt gebracht, an dem ich mehr über den mysteriösen Mann wissen wollte, der da offensichtlich so etwas wie eine Observation aufgebaut hat.

Dann kommt der zweite Part und du fokussierst den Blick auf sein Interesse an den Kindern. Als Leser arbeitet man jetzt also mit dem Bild eines Kinderschänders, und die Art wie du seine Beobachtung der Mädchen sehr ausführlich ausschmückst, gibt dem Leser für einen kurzen Moment so etwas wie Bestätigung.

Im dritten Part fokussierst du die Erzählung auf die Beziehung mit dem Jungen, und wieder bekommt man als Leser dieses gute Gefühl der Bestätigung. Das muss ein Pedophiler sein! Aber das fein säuberlich aufgebaute Kartenhaus des Lesers reißt du am Ende in drei Absätzen ein. Der Mann macht den Jungen nicht zum Opfer, sondern zum Täter. Großartiger Twist! Solche Geschichten gefallen mir immer sehr gut, da man als Leser gezwungen ist, sich selbst zu hinterfragen.

Danke fürs Teilen.

Viele Grüße,
Ben
 
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15.09.2008
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Hallo dosenfood,
bevor ich mich dem Inhalt und Gehalt deines Textes zuwende, will ich dich bitten, deine Geschichte auf Rechtschreibfehler zu überprüfen.

Hier die ersten Abschnitte mit Korrektur (jeweils in Klammern):

Der Moment war gekommen. Er hatte gewartet. Warten war seine Spezialität. Die Dinge brauchten ihre Zeit. Wie eine Frucht mussten sie heranreifen, um dann gepflückt zu werden. Nunmehr war es soweit. (hier: so weit)

Die Koffer standen bereits gepackt im Windfang.
Er war Reisefertig. (Adjektiv Kleinschreibung: reisefertig)

Er hatte lange Zeit beobachtet. Das Ganze war eigendlich (eigentlich) repetitiv.

An verschiedenen Orten hatte er den selben (denselben) Plan benutzt, in den verschiedensten Varianten zwar, aber im Grunde genommen lief es immer auf das Selbe dasselbe hinaus. Alles war so simpel und er langweilte sich. Wenn es aber dann aber soweit (so weit) war, war er jedesmal (jedes Mal) aufgeregt.

Schon vor Monaten hatte er sich in dem Viertel einquartiert. Voraussetzung war immer eine Wohnung – oder ein Zimmer – gegenüber eines Spielplatzes. ( wem gegenüber? = einem / gegenüber einem Spielplatz)
Der Spielplatz musste bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Ein Abenteuerspielplatz war in Ordnung, wenn man ihn aus der Distanz gut einsehen konnte. Zu dem Spielplatz musste ein freies Gelände gehören, ein Rasen= stück. (Rasenstück)

Er gab vor, Abends zu arbeiten und verliess ( abends … verließ ) die Wohnung auch meistens Abends ( abends) , allerdings nicht, um zu arbeiten. Er streifte durch die Stadt, ging ab und zu in die Spätvorstellung ins Kino. Um ca. 5 Uhr ( fünf Uhr ) morgens war er dann wieder daheim. Niemals erregte er Aufsehen, grüsste ( grüßte) freundlich, wenn er Nachbarn traf, ging am Wochenende einkaufen. Einer mehr in der anonymen Masse.

Wie du siehst, sind in diesem kleinen Teil deines Textes bereits sehr viele Fehler.
Ich wünsche dir ein "gutes Auge" und vielleicht den Duden als Unterstützung für deine Korrekturarbeit!

Gruß kathso60
 

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