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Mr. Ewiel

Monster-WG
Beitritt
13.09.2018
Beiträge
41
Zuletzt bearbeitet:

Mr. Ewiel

Sehr geehrter Herr Wolfgang Kasulke,

Voller Begeisterung las ich Ihre Anzeige der Kölner WG für individuelle Geister - wahrscheinlich auch richtige Geister. Betrachten Sie dieses Schreiben als Bewerbung auf eines Ihrer Zimmer, doch in erster Linie als Ehrerbietung für so eine Natur von Freigeist wie Ihnen. In dieser WG sehe ich die ideale Möglichkeit, mein Weltbild wieder herzustellen. Denn leider habe ich nicht allzu viel zu berichten. Aber ich bin ehrlich, es handelt sich ohnehin nicht ganz um die Wahrheit. Ich bin eben ein Verfechter der Halbwahrheit. Heißt es schließlich nicht ›Wahre die goldene Mitte‹?

Derzeit befinde ich mich in einer verqueren Lage. Zum einem verlor ich mein Gedächtnis. Zum anderen hab’ ich nen Schatten - wie der Volksmund gern sagt. Genauer gesagt, hat mein Schatten ein eigenes Bewusstsein. Die sich daraus ergebenden Möglichkeiten erstickten einstweilen in der Tatsache, dass mich dieser Fluch anscheinend in der Jugend ereilt hatte. Seitdem bin ich zwar älter, unvergleichbarer und genialer geworden. Mein Schatten jedoch verblieb in seiner pubertären Phase. Irgendwann entwickelte er die Fähigkeit, sich mit dem Schatten eines anderen Geschöpfes einzutauschen. Dessen körperliche Gestalt auszuhorchen und sogar etwas zu steuern. Selbst mit meinem Gedächtnisschwund kann ich Ihnen im Halbschlaf die Affinität mehrerer Quanten-Dimensionen erläutern. Aber sich mit einem pubertären Schattenwurf einigen?

Laut den Steckbriefen der Medien mit einhergehender Bestätigung meines identischen Spiegelbildes, habe ich anscheinend einen stilvollen Zwillingsbruder. Bin ich doch viel zu intelligent, um erwischt zu werden.
Vielleicht fragen Sie sich, was ich bisher unternommen habe? Glücklicherweise befinden sich zwischen den vielen überbewerteten Gesetzen ein paar Nützliche. Unter anderem, dass ich mich nicht selbst belasten muss.
Allerdings könnten wir ja eine Art der hypothetischen Eventualität annehmen:
Ich würde es niemals wagen, aber vielleicht verdankt die Menschheit meiner Wenigkeit, dass ihr Duschwasser stets zu heiß oder zu kalt herausschießt. Womöglich beteiligten sich meine ingeneurischen Fähigkeiten daran, dass Sie nach dem Stau im Berufsverkehr, auch einem Papierstau im Büro entgegenstehen. Es besteht eine nicht geringe Möglichkeit eines global abgeschlossenen neuronalem Experiments, wodurch Sie bei einem üblichen USB-Anschluss stets drei Versuche benötigen diesen einzustecken.
Wenn ich dem Tagebuch meines beeindruckenden Zwillingsbruders glauben darf, so verdanken wir seiner Genialität das Stockholmsyndrom der papierbehafteten Organisation - oder wie der Bürger gerne sagt ›Bürokratie‹.
Abschließend zu dieser hypothetischen Aufzählung möchte ich mein Lieblingszitat aus der lateinischen Sprache aufführen: ›In dubio pro reo‹.

Weiterhin besitze ich umfassendes Wissen der Baukunst und dessen Anfälligkeiten. Der Duft vom Sprengstoff verschafft mir stets eine Gänsehaut auf meiner haarbefreiten Kopfhaut. Zusätzlich begleitet mich die Fähigkeit der mentalen Manipulation. Hierbei gehe ich davon aus, dass einem Mann wie Ihnen, bestimmt klar ist, dass Manipulation ein neutrales Werkzeug ist. Das ich stets nur für meinen sozialen Umgang einsetze, um Geschöpfen jeglicher Herkunft beizustehen.
Zwischendurch gehe ich meinen zwei bescheidenen Freizeitbeschäftigung nach. Schachspielen und dem tief sitzenden Drang, mein Talent der Arbeitsdeligierung in einer kleinen, selbstständigen Weltherrschaft zu verwirklichen. Natürlich nur, soweit es mir mein erneutes Einleben in diese Zivilisation erlaubt.
Im Prinzip kann ich alles, nur nichts richtig. Verstehen Sie mich nicht falsch. Immer das Richtige zu tun, halte ich einfach nicht für richtig.
Ein Fluchtfenster, für den unwahrscheinlichen Fall eines Brandes, wäre sehr genehm. Genauso eine große, freie Wand für nicht erwähnenswerte Pläne,Notizen,Bilder,Blaupausen,Fäden,Nadeln,Fotos,Karten sowie Rezepte unverträglicher Substanzen gehören zu meinen bescheidenen Erwartungen bezüglich des Zimmers. Wenn Sie unbedingt wollen, gerne eine schusssichere Tür und bitte keine Wanzen - jeglicher Art.
Wie oben beschrieben bin ich bereit die etwas einfacheren und hilfloseren Geister der WG zu betreuen. Früher oder später wachsen wir doch zu einer Art Familie? Um die Familie sorgt man sich. Das Leben kann so grausam sein. Geben Sie Acht auf sich. Unfälle sind schrecklich, aber sie passieren.

Gerne übersende ich Ihnen meine Zusammenstellung an Alibis und manipulierten Richtern. Ich bedanke mich bei Ihnen für die Möglichkeit, endlich Ruhe und Anklang in dieser noch kopflosen Welt zu finden.

Mit überzeugendem Gruß,
Mr. Ewiel

 

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