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Mutter?

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15.11.2020
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Mutter?

Schuberts "Tod und das Mädchen" dudelte unbekümmert weiter, plötzlich viel zu laut und aufdringlich. Es war ein ganz albernes Lied, das er normalerweise im Traum nicht angehört hätte, aber er musste es tun für den Musikunterricht. Voller Elan und Freude schmetterten die Instrumente vor sich hin, während er, am ganzen Körper verkrampft, auf seiner Bettdecke lag und mit aufgerissenen Augen zur Decke starrte.
Es war soweit.
In der kraftlosen Hand hielt er noch das Smartphone, das an der Steckdose an der Wand angeschlossen war. Das Kabel war vorne ein wenig beschädigt und rutschte ständig aus dem Handy heraus – so auch jetzt, als seine Finger zur Seite klappten und das Smartphone auf die Bettdecke fiel, das Display voran. Tod und Mädchen tanzten weiter. Tanzten und tanzten.
Hatte er es nicht kommen sehen? Geahnt? Gewusst?
Es musste ein Irrtum sein. Er hatte einmal mehr irrtümlich schreckliche Vorstellungen. Eine Überreaktion. Hatte er es nicht schon so oft geglaubt, dass es nun so weit sein musste? Aber es war ja doch nie passiert. Es war völlig unmöglich, dass es passierte. Und doch war es mit jedem Tag wahrscheinlicher geworden.
Er lauschte, hörte aber nur die Violine von Schubert – oder war es die Bratsche? Sie krähten jedenfalls so laut, dass er nichts anderes vernehmen konnte. Endlich besann er sich, schüttelte sich, nahm das Handy und hielt das Lied an. War sowieso langweilig. Keine gute Musik.
Er blinzelte. Was tat das jetzt zur Sache? Es galt, herauszufinden, ob es Wirklichkeit war. Ein zweites Mal lauschte er mit angehaltenem Atem und spürte sein Herz, wie es immer und immer dumpfer schlug, je mehr Sekunden verstrichen, je länger die Stille anhielt.
Draußen fuhr ein Auto vorbei. Er zuckte zusammen.
Er musste nachsehen.
Wie? Wie hätte er das tun können? Er konnte nicht. Er konnte dieses Zimmer nicht verlassen. Ruckartig setzte er sich auf, dass das Bett knarzte – ihm wurde schwindlig, ein kurzer, stechender Schmerz fuhr ihm durch den Kopf. Der Kreislauf. Natürlich, er lag seit Stunden auf dem Bett und streifte durchs Internet. Seine Augen taten weh vom vielen Starren.
So hatte er diese Zeit zugebracht. Die letzten Stunden.
Er musste etwas trinken. Dann würde der Schwindel auch wieder weggehen. Er stand auf – ihm wurde völlig schwarz vor Augen, er schwankte und musste warten, ehe seine Sicht langsam zurückkehrte. Das passierte häufig. Nichts Besonderes.
Immer noch war es still. Ein zweites Auto, draußen auf der Straße.
Er hatte es doch deutlich gehört. Und er hatte es gespürt. Sein Kopf hatte das Holz am Kopfende seines Bettes berührt, und er hatte die kurze Vibration gespürt, den kurzen Aufschlag.
Ein Stuhl?
Er schauderte und zuckte erneut zusammen. Unmöglich, unmöglich, unmöglich! Er hatte es schon so oft geglaubt, viel zu oft. Nie war es geschehen.
Aber sie war sehr still gewesen, heute. Nun gut, sie war seit Wochen sehr still gewesen. Zurückgezogen. Nachdenklich.
Aber war es jetzt schon so weit?
Sie hätte ihm etwas gesagt.
Sie hätte ihm die Chance gegeben, etwas zu unternehmen.
Er starrte auf das Smartphone, das er in der Hand hielt. Ein Bild von der Moldau strahlte ihm entgegen. Einfach wieder auf Play drücken? Wieder hinlegen und wie so oft glauben, dass es doch nur Einbildung gewesen war?
Vielleicht war eben irgendetwas heruntergefallen. Das passierte schon einmal. Völliger Unsinn, gleich so etwas zu vermuten.
Er wandte seinen Blick vom Handy ab und blickte zur Zimmertür. Aufmachen? Nachsehen?
„Wenn“, hatte sie gesagt. War schon eine Weile her. Eine Weile, lang genug, um aus diesem „Wenn“ Wirklichkeit zu machen.
Das hätte sie ihm niemals angetan.
Sie würde es nicht tun.
Aber warum eigentlich nicht?
Er musste. Er konnte nicht ewig hierbleiben. Einmal musste es doch getan werden in den nächsten Stunden. Es war schon sieben Uhr abends. Früher oder später würde er sich bettfertig machen müssen. Morgen war Schule.
Musste er? Er konnte sich auch einfach wieder hinlegen. Früher oder später würde er dann etwas hören – er durfte eben Schubert nicht zu laut machen. Schritte würde er hören, Pfeifen oder Gesang, wie so häufig. Oder sie würde wieder mit sich selbst reden. Wie so häufig. Aber jedenfalls würde er etwas hören.
Von oben war es gekommen. Sie war nie oben.
Nun gut, nicht nie. Hin und wieder natürlich schon. Tu doch nicht so, als wäre es ein klarer Fall! Es ist völlig absurd. So etwas passiert nicht. Sie ist eigentlich ständig oben. War das Geräusch überhaupt wirklich von oben gekommen? So genau hatte er es nicht hören können. Er hatte es ja vor allem gespürt. Ein kalter, harter Aufprall. Nicht sonderlich laut. Aber auch nicht unbedeutend.
Hin und wieder fielen Dinge einfach um. Standen für Stunden, für Tage schräg da – und plötzlich kippen sie um. War doch schon oft genug passiert, dass er um zwei Uhr morgens aus dem Schlaf gerissen wurde und sich zu Tode erschreckte, weil die im Regal aufgestellten Schulbücher plötzlich abrutschten und einen Knall von sich gaben, obwohl keiner sie seit Stunden behelligt hatte.
Naja, so oft war es nun auch wieder nicht vorgekommen.
Und wenn nicht. Es war nur ein einfaches, kurzes Geräusch, was er gehört hatte. Warum machte er sich schon wieder so übertriebene Sorgen? Warum war es das erste, woran er dachte?
Warum?
„Wenn“, hatte sie gesagt. „Wenn, dann."
Nein, er konnte den Satz nicht denken. Zu schlimm. Wieso hatte sie es gesagt? So etwas sagte man doch nicht einfach so! So etwas sagte man überhaupt nicht!
Er drückte auf Play und die beiden tanzten weiter. Er schaltete die Lautstärke herunter, bis es nur noch ein leises Summen war. Aber er konnte nicht. Konnte nicht hier sitzen in Ungewissheit.
Aber wie sollte es möglich sein, nachzusehen?
Mit einem Keuchen schaltete er das Handy auf Standby, warf es aufs Bett zurück und stand wieder auf. Dann drehte er sich noch einmal um und schloss das Smartphone wieder ans Ladekabel an.
Spielte das jetzt wirklich irgendeine Rolle?
Ja. Natürlich. Warum denn nicht? Warum sollte es keine Rolle spielen? Es spielte doch sonst auch eine Rolle. Und es war nichts geschehen, was daran etwas hätte ändern können. Es war alles gut.
Er glaubte es nicht, konnte es nicht glauben, aber das hatte er schon so oft. War so oft davon überzeugt gewesen, dass nun der Moment gekommen war.
Aber diesmal war es anders. Die Stille im Haus hielt allzu lange an.
Draußen fuhr ein Auto vorbei. Gleich darauf zwei Spaziergänger. Er starrte aus dem Fenster und sah zwei Frauen, wie sie den Bürgersteig entlangwanderten, sich unterhielten. Leise konnte er die Stimmen vernehmen. Alles ganz normal.
Aber hier drin war es so still. Es war nie so still.
Er machte die wenigen Schritte zur Tür hastig, aber unsicher, packte die Klinke und verharrte.
Alles ganz albern! Gleich würde er ins Wohnzimmer treten und sie dasitzen sehen auf dem Sofa, aufs Notebook schauend. Wie immer eben.
Aber hatte er sie nicht hochgehen hören?
Nein. Oder? Er hätte es nicht gehört, wenn sie nach oben gekommen wäre. Die Musik war zu laut gewesen. Nicht nur dieser komische Schubert – auch davor hatte er ja Musik angehört, und nicht leise. Er hätte es nicht gehört.
Obwohl. Sie musste direkt an seinem Zimmer vorbei. Und die alte Treppe war nicht leise, wenn man sie hinaufstieg. Außerdem sang sie fast immer irgendetwas, wenn sie durchs Haus lief. Irgendeinen Unsinn. Und nicht leise.
Er hätte es gehört. Sie war nie nach oben gegangen. Sie saß im Wohnzimmer auf dem Sofa am Notebook. Vielleicht las sie auch ein Buch. Sie las in letzter Zeit wieder vermehrt. Ein gutes Zeichen. Es hatte mehrere gute Zeichen gegeben in der letzten Woche.
Schritte zur Verbesserung?
Oder ein letztes Aufbäumen.
Sie hätte etwas gesagt. Sie hätte ihm Bescheid gegeben. Irgendwie.
Sie hätte es nie getan. Sie hätte es ihm nicht angetan. Oder?
Er öffnete die Tür und starrte auf den Flur. Er sah nichts. Natürlich nicht, was denn auch? Den Flur eben.
Er lauschte. Aus dem Wohnzimmer kam nichts. Kein Tippen auf der Tastatur. Keine leise Stimme, die wieder mit sich selber redete.
Vielleicht las sie. Bestimmt las sie. Wenn sie las, war sie ruhig. Na klar. So wie jedermann. Und jederfrau. Ha.
Und was, wenn nicht? Wenn er nun ins Wohnzimmer trat und nichts fand?
Dann war sie eben oben! Was war schon dabei? Der obere Stock war genauso berechtigt wie der untere, das man ihn ab und zu besuchte!
Vorsichtig machte er Schritte, trat gleich darauf ins Wohnzimmer.
Niemand. Nichts. Das Notebook stand auf dem Sofa. Der Bildschirm war aufgeklappt, wie immer. Aber der Laptop war ausgeschaltet.
Er war nie ausgeschaltet. Nur nachts. Er war nicht einmal ausgeschaltet, während sie bei der Arbeit war. Vorausgesetzt, sie machte ihn schon morgens an. Das kam manchmal vor, weil sie irgendeine Email schreiben musste oder sonst was. Und dann blieb der Laptop an, bis sie von der Arbeit zurückkam. Er ging nicht nach einer bestimmten Zeit in den Standby-Modus. Sie musste das ausgeschaltet haben.
Jetzt war er aus.
Aber es war schon halb sieben, ein bisschen später sogar. Naja, vielleicht ein bisschen sehr früh zum Schlafengehen. Oder? Sie war sehr oft müde.
Aber halb neun. Halb neun ging sie schlafen, nicht früher. Eher später. Zwischen halb neun und halb zehn. Nicht um halb sieben.
Wenn sie nun aber eben doch entschieden hatte, schon etwas früher schlafen zu gehen? Dann war sie jetzt sicherlich oben im Bad. Dort konnte er sie unmöglich hören. Vielleicht zupfte sie sich die Augenbrauen oder sonst was. Dabei war irgendetwas heruntergefallen. Vielleicht ja der Klodeckel. Kann ja mal passieren.
Ja, so ist es. Also, zurück ins Zimmer, dieses blöde Lied fertighören, damit er morgen sagen konnte, er hatte es getan. Seine Musiklehrerin war gerade sowieso nicht gut auf ihn zu sprechen und er stand nicht sonderlich gut, da konnte es nicht schaden.
Welche Rolle spielte das jetzt? Jetzt, da er noch nicht wusste, ob es geschehen war oder nicht?
Aber das Leben ging doch weiter! Die Welt drehte sich weiter! Er konnte doch nicht einfach aufhören nachzudenken, nur weil er wieder so dämliche Einbildungen hatte. Er war ja schon ganz verrückt deswegen! Wollte er denn etwa, dass es passierte? Nein, natürlich nicht! Also warum dachte er ständig daran, fuhr schon beim kleinsten verdächtigen Geräusch zusammen?
Weil es immer wahrscheinlicher wurde.
Es war nicht mehr unmöglich.
Er starrte auf das ausgeschaltete Notebook.
Dann drehte er sich um und schaute zurück in den Flur. Dieser machte einen Knick – dort war die Treppe. Die alte Treppe, die sehr knarzte, wenn man sie hinaufstieg.
Sie musste jedenfalls oben sein. Aber er hatte sie nicht gehört. War sie extra leise gewesen?
Unsinn! Er hatte nur die Musik zu laut aufgedreht. Wieder einmal. Ständig warnten sie ihn, dass sein Gehör schlechter werden würde, wenn er immer so laute Musik hörte. Ihn kümmerte das nicht – aber eigentlich doch. Er hörte die Musik trotzdem immer laut, na klar.
Was spielte das jetzt für eine Rolle?
Er trat zurück in den Flur. Es waren nur wenige Schritte zum Kücheneingang. Dort musste die Entscheidung fallen. Jeden Abend bereitete sie ihr Frühstück vor. Sie schüttete Haferflocken in die Schüssel, zerkleinerte die Nüsse, die sie hineintun wollte. Jeden Abend vor dem Schlafengehen.
Er zitterte. Auf einmal fiel ihm auf, dass er zitterte. Völlig übertrieben! Was war denn passiert? Sie war nicht im Wohnzimmer, oh nein, uiuiui!
Und doch.
Er stützte sich an der Wand ab. Wenn sie das gesehen hätte, sie hätte schon wieder die Krise gekriegt! Mit den schmutzigen Händen an der Wand, und ich muss hinterher wieder streichen!
Was spielte das jetzt für eine Rolle?
Eine große! Sie würde es sehen, wenn er nun die Wand betatschte, und ihn wieder schelten. War ihm das egal? Wollte er es ihr schwer machen?
Und doch.
Er stolperte zur Küche und starrte hinein. Kein Frühstück vorbereitet. Nichts. Keine Schüssel mit Haferflocken, keine zerkleinerten Nüsse.
Er hätte es auch gehört, wenn sie es getan hätte.
Aber es war erst kurz nach halb sieben. Sie war nicht zum Schlafengehen oben. Sie hatte oben all die wichtigen Ordner mit den tausend Rechnungen und Verträgen, die sie aufbewahrte. Dort brauchte sie immer mal wieder etwas. Machte sie nicht gerade ihre Steuererklärung? Da brauchte sie sicherlich einige Rechnungen.
Aber die Steuererklärung machte sie am Notebook.
Und wenn schon! Das war doch alles nichts Schlimmes!
Und doch. Seit Minuten war es still.
Schweiß stand ihm schon auf der Stirn, aber er wischte ihn sich ärgerlich ab. Gleich würde sie die Treppe runterkommen, ihn sehen und ihn fragen, was er da trieb. Er ließ sich gehen wegen völlig absurder Annahmen. Ließ alles schleifen. Er hatte noch Mathehausaufgaben für morgen, die er vielleicht einmal anfangen sollte, wenn er nicht doch noch sitzenbleiben wollte.
Aber wenn es stimmte. Wenn es wirklich stimmte, was spielte dann all das noch eine Rolle?
Es stimmte aber nicht.
Er musste nachsehen.
Und dann? Dann würde er gleich oben vorm Bad stehen und hören, wie sie drinnen die Wimperntusche abwischte, während sie leise vor sich hin summte. Wie dumm er sich vorkommen würde! Also lieber gleich vernünftig sein. Also Hausaufgaben! Oder doch lieber YouTube?
Nein. Er brauchte jetzt Gewissheit. Er musste einfach.
Er ging weiter bis zur Treppe.
Und sah ihn schon. Sah ihn auf der vierten Stufe liegen. Ganz sorgfältig hin drapiert.
Es lag ein Schokoriegel rechts oben. Ein beschissener Schokoriegel.
Er konnte es noch nicht lesen, war zu weit weg, außerdem drehte sich alles um ihn. Aber er wusste es ja schon, hörte die Worte in seinem Kopf widerhallen.
„Wenn. Wenn, dann.“
Mit beiden Händen stützte er sich ab. Seine Finger fanden an der etwas rauen Wand keinen Halt. Die schon etwas schmutzige Wand. Sie muss mal wieder gestrichen werden, hatte sie ihm gestern gesagt. Gestern hatte sie die Worte gesprochen. Sie muss mal wieder gestrichen werden. Das hätte sie doch nicht gesagt, wenn sie es nicht schon vorgehabt hätte.
So ein Unsinn! Auf der Treppe lagen ständig Zettel! Rechnungen, die hoch mussten, um eingeheftet werden zum Beispiel. Briefe, die oben verpackt werden mussten. Irgendwelches Zeug von der Arbeit, das auf der Treppe gelagert wurde, weil es auch irgendwo hin musste aber keinen Platz hatte.
Mit einem Schokoriegel.
Und nicht links oder rechts, so wie üblich. Nein, genau in der Mitte. Er blinzelte, starrte hin. Wirklich, genau in der Mitte. Wie mit dem Lineal abgemessen.
Blödsinn!
Er stolperte vorwärts. Die Hoffnung schwand nun. Er las die Worte, fein säuberlich geschrieben. Er erkannte die Schrift kaum wieder. Sie hatte ja hin und wieder darüber geklagt, dass ihre Schrift nicht schön sei und dass sie sich eine lesbarere angewöhnen wolle. Nun, hier hatte er es nun. Fein säuberlich geschrieben.
Wenn, dann.
Es konnte nicht wahr sein.
Er rieb sich über die Augen, schlug sich gegen die Schläfen. Der Zettel verschwand nicht und der Schokoriegel erst recht nicht.
Der Schokoriegel. Das konnte nur ein Witz sein. Ein übler Scherz.
Gar nicht ihr Humor.
Er konnte nicht mehr an sich halten. Er stapfte zur Treppe, die ersten beiden Stufen hoch, riss den Zettel an sich. Der Schokoriegel flog vom Schwung von dannen und landete am Fuß der Treppe unbeachtet auf dem Boden. Er konnte ihn später noch aufheben und essen.
Oder?
Der Zettel war echt, und er erkannte jetzt, dass es ihre Schrift war. Wenn, dann.
Wie sollte er das tun? Völlig unmöglich. Die Polizei würde ihn ja ernst nehmen, würde hierherkommen und es würde Riesenärger geben!
Sie hatte es ihm gesagt. Schon vor Wochen, oder waren es Monate? Wenn, dann.
Er wurde von einer eigenartigen Aufregung gepackt. Er musste hoch. Er musste! Er musste es sehen. Es war alles ein Irrtum, ein Witz! In keiner Weise entsprach es der Wirklichkeit, was er sich jetzt nicht vorzustellen wagte. Er riss an dem Zettel, aber der war echt.
Er taumelte.
Kein Witz.
Die Realität kam über ihn. Es war wirklich kein Witz. Wie oft hatte er daran gedacht, es sich nur vorgestellt, heimlich, fast darum bemüht, die unheimlichen Gedanken vor sich selbst zu verbergen. Aber es war ja nur ein Schreckensbildnis gewesen. Niemals passierte es wirklich. Niemals. So etwas passierte nicht. Sie hatte es erwähnt, hatte es gesagt. Wenn, dann. Aber das war ja nicht ernst gemeint gewesen. War nur gesagt. Aus dem Zusammenhang gerissen in seinen Gedanken. Es war ja nur ein Beispiel gewesen. Wenn ich es machen würde, dann würde ich einen Zettel schreiben. Keine Rede davon, dass etwas Derartiges geplant war.
Und doch, ihre Blicke. Das schwindende Lächeln und die wachsende Zurückgezogenheit.
Er hätte es sehen müssen. Er hätte es verhindern müssen. Wieso hatte sie ihm keine Chance gegeben? Es zu verhindern.
Sie hatte ihm Chancen gegeben. Hätte er es nicht die ganze Zeit versuchen können? Sich Mühe geben können.
Nein! Er durfte sich doch nicht selber die Schuld geben. Das führte zu nichts, das wusste ja wohl jeder ganz genau. Wie oft schon hatte er Filme angeschaut und sich tierisch über die dämlichen Charaktere aufgeregt, die sich die Schuld gaben an etwas, wofür sie ganz offensichtlich nichts konnten. Nervig war das. Er durfte nicht.
Aber wie offensichtlich war es, dass er nichts dafür konnte?
Er wäre die einzige Chance gewesen. Der einzige, der es hätte verhindern können.
Verhindern, was denn? Es war nichts passiert.
Er musste. Musste anrufen.
Aber erst nachschauen. Er konnte nicht ohne. Er hätte niemals diese Nummer wählen können, wenn er es nicht schwarz auf weiß gesehen hätte. Was?
Er musste es sehen. Es konnte nicht. Es war noch nicht geschehen. Es würde nie geschehen.
Er kroch die Treppe hinauf, den Zettel zuerst noch kraftlos zwischen den Fingern, aber dann entglitt er und segelte nach unten, landete neben dem Schokoriegel. Denn konnte er später noch essen.
Spielte das eine Rolle?
Einen Schokoriegel kann man ja nicht einfach liegen lassen, ha!
Der Dachboden. Über der Treppe zum zweiten Stock war die Treppe zum dritten Stock. Umhüllt, abgeschirmt vom Rest des Hauses natürlich, mit einer eigenen Tür am unteren Ende. Der Dachboden. Er war nicht oft dort. Es gab dort nichts. Und es war ein wenig unheimlich.
Ha! Unheimlich.
Er starrte die Tür an. Hatte er nicht immer wieder Angst davor gehabt, eines Tages so durch diese Tür gehen zu müssen? Hatte er nicht manchmal nachts wach dagelegen und von oben aus ihrem Schlafzimmer etwas gehört, wenn sie sich regte, wenn sie sogar aufstand – um auf die Toilette zu gehen? Jedes Mal war er vor Schreck ganz schwach geworden. Aber es war ja nie passiert. Natürlich nicht.
Er riss die Tür auf.
Es war dunkel da oben. Gab nur ein winziges rundes Fenster, verstaubt. Zwischen ein paar Dachziegeln kam etwas Licht hindurch, das war alles.
Das Röcheln fuhr ihm durch Mark und Bein.
Wie ein Blitz schoss er aufwärts, blieb aber an der Stufe hängen, er stürzte und schlug sich beide Knie auf, konnte sich mit den Händen abstützen, holte sich an der alten Holztreppe einen Splitter. Schmerz durchfuhr ihn. Er keuchte, er spürte, wie ein Heulreiz ihn überkam, seine Mundwinkel verzogen sich zwanghaft nach oben, Tränen tropften hervor – er musste erbärmlich aussehen, aber ausnahmsweise war es ihm einmal egal, er kletterte nach oben, keuchte, weinte wegen des Schmerzes und sah sie.
Ein Blick war alles, was er noch bekam. Ein Blick und ein Schokoriegel.
Seit Minuten hing sie dort. Aber sie lebte noch. Und zuckte.
Sein Entsetzen kannte keine Maße mehr, wurde zur unbestimmten, undefinierbaren, alles umschlingenden Masse. Die hervorgequollenen Augen brannten sich in sein Gehirn.
Er stolperte rückwärts, kippte die Treppe hinunter, krachte und polterte Stufen herab, blieb benommen liegen, von Schmerz übermannt.
Er würde morgen nicht in die Schule gehen können, wenn er so weitermachte. Er würde sich noch den Kopf aufschlagen.
Vergingen Minuten? Er sprang wieder auf, hetzte sicheren Schrittes hinauf, schrie laut und warf sich auf den Boden. Er starrte hoch und wusste, dass es jetzt zu spät war.
Aber ein bisschen schwangen die Füße noch hin und her. Sie berührten dabei fast die Lehne vom umgekippten Stuhl.
 
Zuletzt bearbeitet:

MRG

Mitglied
Beitritt
12.03.2020
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122
Hallo @Tarokan,

und herzlich Willkommen hier im Forum. Deine Geschichte war dunkel und hat mich gepackt. Musste mich erst an die Formatierung gewöhnen, aber du hast mich als Leser gefesselt. Schritt für Schritt führst du mich weiter in dieses Horrorszenario. Das Ende lässt mich bestürzt zurück. Hier die Textarbeit:

Schockstarre überkam ihn. Er konnte sich nicht mehr rühren, war wie zu Eis gefroren. Smetanas Moldau dudelte unbekümmert weiter, plötzlich viel zu laut und aufdringlich.
Starker Einstieg, hat mein Interesse geweckt. Finde besonders den Kontrast zwischen gefrorene Eis und der unbekümmert "dudelnden" Moldau gelungen. Hat für mich gut funktioniert.

Es musste ein Irrtum sein. Er hatte einmal mehr irrtümlich schreckliche Vorstellungen. Eine Überreaktion.
Du sorgst hier dafür, dass ich anfange zu antizipieren. Was ist da wohl passiert? Löst Spannung aus und lässt mich interessiert weiter lesen.

Natürlich, er lag seit Stunden auf dem Bett und streifte durchs Internet. Seine Augen taten weh vom vielen Starren.

So hatte er diese Zeit zugebracht. Die letzten Stunden.
Meiner Meinung nach kannst du diesen Satz "So hatte er diese Zeit zugebracht. Die letzten Stunden" streichen. Das ist mir als Leser schon deutlich geworden.

Das passierte schon einmal. Völliger Unsinn, gleich so etwas zu vermuten.
Spannung erhöht sich, ich ahne furchtbares.

„Wenn“, hatte sie gesagt. „Wenn, dann.“
Das finde ich ein Kernstück deiner Geschichte. Das "Wenn, dann" hängt über der Geschichte wie ein Beil. Gut geschrieben.

miteinander quatschend
Mir kam "quatschend" etwas unpassend vor, ich würde "redend" bevorzugen, aber ist wohl Geschmackssache.

Außerdem sang sie fast immer irgendetwas, wenn sie durchs Haus lief. Irgendeinen Unsinn. Und nicht leise.
Das Singen ist ein schönes Detail, was die Szene lebendiger wirken lässt und es gibt der Geschichte Tiefe, finde ich.

Der Bildschirm war aufgeklappt, wie immer. Aber der Laptop war ausgeschaltet.
Weil es immer wahrscheinlicher wurde.
Du hast viele Vorahnungen, die du ggf. etwas zusammenkürzen kannst. Du hast mich nämlich als Leser schon eingefangen und jetzt möchte ich wissen, was passiert.

Er erkannte die Schrift kaum wieder. Sie hatte ja hin und wieder darüber geklagt, dass ihre Schrift nicht schön sei und dass sie sich eine lesbarere angewöhnen wolle. Nun, hier hatte er es nun. Fein säuberlich geschrieben.
Gänsehautmoment.

Er musste. Musste anrufen.
Das Röcheln fuhr ihm durch Mark und Bein.
Dein Protagonist tut mir leid! Was für eine schlimme Situation.

Aber ein bisschen schwangen die Füße noch hin und her. Sie berührten dabei fast die Lehne vom umgekippten Stuhl.
Das Ende ist bedrückend, die gesamte Geschichte ist bedrückend. Dir ist das wirklich gut gelungen.


Insgesamt musste ich mich erst an die Formatierung gewöhnen und meiner Meinung nach könntest du die Geschichte etwas kürzen, indem du ggf. ein paar dunkle Andeutungen rausnimmst, da die meiner Meinung in der Anzahl gar nicht nötig sind. Du hast mein Interesse geweckt und es ist für mich ausgesprochen spannend gewesen. Guter Einstieg, finde ich.


Beste Grüße
MRG
 
Monster-WG
Beitritt
10.07.2020
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Hi @Tarokan,

auch von mir herzlich willkommen! Ich schließe mich @MRG gerne an: Deine Story ist spannend, dunkel und sehr gut geschrieben. Starker Einstieg! Du erzählst sicher und ruhig, das liegt dir. Ein paar Vorschläge hätte ich:

1. Titel
Der Titel gibt die Pointe her; den würde ich ändern.

2. Länge
Ich glaube, dass die Story - gerade im Mittelteil - noch Kürzungspotenzial hat. Diese inneren Monologe sind sehr gut, auf die Dauer aber etwas repetitiv. Ich glaube, da kannst du noch kürzen. (EDIT: Der Text ist keine Novelle, sondern eine Kurzgeschichte - es gibt da zwar jede Menge konkurrierender Definitionen, aber die Textlänge spielt in jedem Fall eine Rolle, und deine Story passt prima ins Kurzgeschichten-Fach. :-) )

3. Foreshadowing und Smetana
Ich finde - siehe 1. -, dass du die Pointe nicht vorwegnehmen solltest. Gleichzeitig würde die Story, glaube ich, profitieren, wenn du das Thema (und die Pointe) früher anlegen und stärker andeuten könntest. Das würde die Spannung steigern und den Leser vor ein Rätsel stellen, das er lösen möchte. Eine Möglichkeit wäre das Musikstück. Warum hast du dich für "Die Moldau" entschieden? Die kommt vermutlich im Unterricht dran, okay - aber vielleicht könntest du ein Stück nehmen, in dem das Todes-Thema quasi schon mitschwingt? "Siegfrieds Tod" aus Wagners Ring oder irgendwas von Mahler oder so - sorry, ich hab von Musik keine Ahnung. ;-)

Sehr gerne gelesen - ich freue mich auf mehr!

Viele Grüße

Christophe
 
Zuletzt bearbeitet:
Senior
Beitritt
01.09.2005
Beiträge
1.009
Hallo @Tarokan,

ich weiß nicht, wie alt du bist, könnte mir aber vorstellen, dass du einen Stellvertreter-Prot gewählt hast. In dem Fall wäre es echt klasse, so diszipliniert einen so doch recht langen Text zu schreiben und das, meine ich, weitestgehend fehlerfrei.

Erstmal eine Kleinigkeit: Das Genre passt nicht. Ich würde Alltag/Jugend vorschlagen. Natürlich ist ein Suizid schlimm, oder wenn jemand bei einem Motorradunfall ein Bein verliert, aber beides würde verfilmt bei Netflix wohl eher mit Drama getaggt als mit Horror oder Splatter. Wenn er wieder vom Dachboden kommt, um den Krankenwagen zu rufen, und da oben poltert was, und dann hört er Schritte auf der Treppe, das wäre was anderes.

Unabhängig von der Zuordnung gibt es ein technisches Problem. Ein Sohn wird von der Mutter angerufen. Sie droht mit Suizid. Er geht auf den Dachboden. Da hängt sie.

Das ist relativ kurz, du nimmst dir aber sehr viel Platz dafür - und füllst ihn mit inneren Selbstgesprächen, die an kaum einer Stelle konkret werden (Etwa: "War da was gewesen? Oder doch nicht? Es mochte sein. Oder auch nicht.") und sich dann teilweise auch noch inhaltlich wiederholen, was recht anstrengend zu lesen ist.

Wenn du in medias res starten willst, um dann Vorgeschichte über Rückblenden einzubinden - ich mache das auch oft, bereue es allerdings auch fast immer - dann würde ich dieses "Es konnte nicht sein. Vielleicht doch. Oder?" mit kleinen Geschichten füllen. Statt einfach zu sagen, es wäre nicht das erste Mal, dass sie droht, eine Situation beschreiben, in der sie gedroht hat. Oder in der es sich für den Prot wie eine Drohung angefühlt hat, wenn du dir die Pointe erhalten willst.


Herzlich willkommen im Forum!
JC
 
Monster-WG
Beitritt
20.08.2019
Beiträge
282
Lieber @Tarokan

ich habe Deine Geschichte gelesen. Ein wenig störend war die Formatierung. Dennoch hat mich die Story gepackt und während dem Lesen habe ich mir ständig Fragen gestellt, wie z.b. warum handelt er nicht? Warum tut er sich so schwer?

Du baust langsam Tempo auf. Und das Ende ist dann richtig rasant. Sehr krass. Und die Reaktion des Protagonisten kann ich nicht so recht nachvollziehen.
Ich frage mich auch, wie alt er ist. Geht noch zur Schule, kommt mir aber eher wie ein Teenager vor. Vielleicht 16? 17?

Hier ein paar Gedanken und Anmerkungen:

Hatte er es nicht kommen sehen? Seit Monaten schon?

Das könnte man streichen.

Er lauschte, hörte aber nur die Hörner der Moldau – oder waren es die Trompeten?

Auch das könnte man streichen.

Unmöglich! Unmöglich, unmöglich!

Würde ich einheitlich machen: Unmöglich! Unmöglich! Unmöglich!

Er starrte aus dem Fenster und sah zwei Frauen, wie sie den Bürgersteig entlangwanderten, miteinander quatschend.

Aus dem Adjektiv könntest Du ein Verb machen.
... miteinander quatschten.

Wollte er es ihr schwierig machen?

... schwer machen würde besser passen

Schweiß stand ihm schon auf der Stirn, aber er wischte ihn sich ärgerlich ab.

Unnötige Füllwörter.
Vorschlag: Schweiß stand ihm auf der Stirn, er wischte ihn ärgerlich ab.

Aber konnte er offensichtlich nichts dafür?

Das klingt seltsam.
Vorschlag: Aber war es wirklich so, dass er nichts dafür konnte.

Während dem Lesen frage ich mich ständig, was da los ist. Hat die Mutter mit Selbstmord gedroht? Wie ist das Verhältnis der beiden? Sie lächelt immer seltener, zieht sich zurück, aber wie kann sie ihrem Sohn das antun? Sie im eigenen Haus erhängen in dem Wissen, dass er sie finden wird?

Seit Minuten hing sie dort. Aber sie lebte noch. Und zuckte.

Und hier bin ich richtig wütend auf den Jungen. Warum ist er nicht früher los und hat geschaut? Er wäre rechtzeitig gekommen, hätte den Notarzt gerufen, sie gerettet.

Er würde morgen nicht in die Schule gehen können, wenn er so weitermachte. Er würde sich noch den Kopf aufschlagen.

Denkt er das wirklich in dem Moment? Dass er morgen nicht zur Schule gehen kann?

Aber ein bisschen schwangen die Füße noch hin und her. Sie berührten dabei fast die Lehne vom umgekippten Stuhl.

Und er ruft immer noch nicht den Notarzt?

Du hast mich mit Deiner Story sehr nachdenklich zurückgelassen.

LG Silvita
 
Wortkrieger-Team
Beitritt
07.09.2014
Beiträge
787
Hallo Tarokan,
und herzlich willkommen hier. Mich hat deine Geschichte sehr beeindruckt. Das hat einen Sog, sehr düster und quälend. Ich finde auch, dass es diese lange Strecke braucht, dieses Kreisen, Beschwichtigen, die Angst, die Ahnung. Da geht jemand irgendwie auch zu seinem eigenen Schafott. Ich habe bisher zwei Menschen kennengelernt, die nahe Angehörige aufgehängt gefunden haben und es hatte bei beiden katastrophale Auswirkungen und hat Jahre gebraucht, um einen Weg damit zu finden. Insofern richtet sich meine Wut spontan eher auf die Mutter, aber wir erfahren natürlich nur sehr indirekt etwas über sie und ihre Motive. Tragisch, dass der Junge so im Schock ist, dass eine Rettung nicht mehr möglich ist. Wenn sie es überhaupt gewesen wäre. Das ist natürlich für ihn noch ein Paket obendrauf.

Schockstarre überkam ihn. Er konnte sich nicht mehr rühren, war wie zu Eis gefroren.
Den ersten Satz finde ich entbehrlich. Das ist gleich volle Dramatik, zu dick aufgetragen. Mit der Moldau einzusteigen finde ich viel stärker, bedrohlicher.
Das Kabel war vorne ein wenig beschädigt und rutschte ständig aus dem Handy heraus – so auch jetzt, als seine Finger zur Seite klappten und das Smartphone auf die Bettdecke fiel, das Display voran. Die Moldau floss weiter. Floss und floss.
Großartig diese Details. Überhaupt, wie du ihn zeigst, wie erstarrt, seit Stunden auf dem Bett, ein zutiefst unglücklicher überforderter Junge, der irgendwie flüchtet und versucht zu funktionieren.
Hatte er es nicht kommen sehen? Seit Monaten schon?
Das finde ich entbehrlich. Irgendwie auch nicht typisch für einen Jungen, diese Wortwahl. Zu behäbig.

Er hatte es doch deutlich gehört. Und er hatte es gespürt. Sein Kopf hatte das Holz am Kopfende seines Bettes berührt, und er hatte die kurze Vibration gespürt, den kurzen Aufschlag.
Er hat gehört, wie seine Mutter gesprungen ist, wie der Stuhl umgekippt ist. Er lebt mit einer psychisch kranken Mutter, weiß, dass sie selbstmordgefährdet ist und ist permanent in dieser Anspannung. Dass er es nicht nur hört, sondern spürt, finde ich extrem stark.


Musste er? Er konnte sich auch einfach wieder hinlegen. Früher oder später würde er dann etwas hören – er durfte eben die Moldau nicht zu laut machen. Schritte würde er hören, Pfeifen oder Gesang, wie so häufig. Oder sie würde wieder mit sich selbst reden. Wie so häufig. Aber jedenfalls würde er etwas hören.

Von oben war es gekommen. Sie war nie oben.
Immer wieder diese Wechsel, zwischen Beschwichtigung und dann haut der nächste Satz rein. Und im Hintergrund schwingt immer die ganze Vorgeschichte mit. Wie der Junge gelernt hat, seine Mutter zu beobachten, sich Sorgen zu machen.
„Wenn“, hatte sie gesagt. „Wenn, dann.“

Nein, er konnte den Satz nicht denken. Zu schlimm. Wieso hatte sie es gesagt? So etwas sagte man doch nicht einfach so! So etwas sagte man überhaupt nicht!
Wie er sich wehrt gegen diese Zumutung.
Aber hier drin war es so still. Es war nie so still.
Beklemmend.
Er hätte es gehört. Sie war nie nach oben gegangen. Sie saß im Wohnzimmer auf dem Sofa am Notebook. Vielleicht las sie auch ein Buch. Sie las in letzter Zeit wieder vermehrt. Ein gutes Zeichen. Es hatte mehrere gute Zeichen gegeben in der letzten Woche.
Das Verhältnis hat sich schon längst komplett umgedreht. Ein Leben in Angst um die Mutter.
Niemand. Nichts. Das Notebook stand auf dem Sofa. Der Bildschirm war aufgeklappt, wie immer. Aber der Laptop war ausgeschaltet.
Noch ein Zeichen. Ja, das Ganze läuft wirklich quälend langsam ab. Aber das ist eben die Geschichte.
Aber das Leben ging doch weiter! Die Welt drehte sich weiter! Er konnte doch nicht einfach aufhören nachzudenken, nur weil er wieder so dämliche Einbildungen hatte. Er war ja schon ganz verrückt deswegen! Wollte er denn etwa, dass es passierte? Nein, natürlich nicht! Also warum dachte er ständig daran, fuhr schon beim kleinsten verdächtigen Geräusch zusammen?
Es gibt so manche Redewendungen, die für mich einfach zu einem heutigen Jungen nicht passen, die klingen altertümlich.
Er zitterte. Auf einmal fiel ihm auf, dass er zitterte. Völlig übertrieben! Was war denn passiert? Sie war nicht im Wohnzimmer, oh nein, uiuiui!
Noch ein Mittel mit der aufsteigenden Panik klarzukommen. Sich über sich selbst lustig machen, bagatellisieren. Wie sich alles in diesem Jungen aufbäumt.
Eine große! Sie würde es sehen, wenn er nun die Wand betatschte, und ihn wieder schelten. War ihm das egal? Wollte er es ihr schwierig machen?
Hier ein Hinweis auf die Art, wie sie ihn mit ihrem Leid auch gequält, ihm Schuldgefühle gemacht hat.
Mit beiden Händen stützte er sich ab. Seine Finger fanden an der etwas rauen Wand keinen Halt. Die schon etwas schmutzige Wand. Sie muss mal wieder gestrichen werden, hatte sie ihm gestern gesagt. Gestern hatte sie die Worte gesprochen. Sie muss mal wieder gestrichen werden. Das hätte sie doch nicht gesagt, wenn sie es nicht schon vorgehabt hätte.
Puh.
Mit einem Schokoriegel.
Der Schokoriegel ist eines der entsetzlichsten Details in dieser Geschichte. Schnürt einem wirklich die Kehle zu.
Wenn ich es machen würde, dann würde ich einen Zettel schreiben. Keine Rede davon, dass etwas Derartiges geplant war.

Sie hatte ihm Chancen gegeben. Hätte er es nicht die ganze Zeit versuchen können? Sich Mühe geben können.
Hier denkt er mir eigentlich für diese Situation zuviel. Er ist ja schon auf der Zielgeraden.
Nein! Er durfte sich nicht selbst die Schuld geben.
Sehr erwachsen. Sehr reflektiert. Zu sehr, finde ich hier.
Er kroch die Treppe hinauf, den Zettel zuerst noch kraftlos zwischen den Fingern, aber dann entglitt er und segelte nach unten, landete neben dem Schokoriegel. Denn konnte er später noch essen.
Das finde ich im Vergleich dazu passender, diesen total irrealen Gedanken an den Schokoriegel.
Er würde morgen nicht in die Schule gehen können, wenn er so weitermachte. Er würde sich noch den Kopf aufschlagen.
Auch das sehr passend für ein Trauma. An die Schule denken, sich an Vertrautes klammern, wo gerade alles zerbricht. Irgendwie überleben.
Sein Entsetzen kannte keine Maße mehr, wurde zur unbestimmten, undefinierbaren, alles umschlingenden Masse. Die hervorgequollenen Augen brannten sich in sein Gehirn.

Er stolperte rückwärts, kippte die Treppe hinunter, krachte und polterte Stufen herab, blieb benommen liegen, von Schmerz übermannt.
Hier wäre auch eine Möglichkeit, die Sprache mehr zu verstümmeln. "brannten sich in sein Gehirn", das wäre für mich eher die nachträgliche Perspektive.

Ein starker Einstand. Und bitte, bitte, mach die Leerzeilen weg. Das passiert manchmal beim Einstellen.

Liebe Grüße von Chutney
 
Beitritt
03.10.2020
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23
Hi @Tarokan

Habe deine Geschichte schon gestern Abend gelesen, als sie noch frisch war und keine Kommentare unter ihr standen. Ich habe jetzt die Kommentare gelesen und kann mich in vielen Dingen meinen Vorkommentatoren anschliessen. Auch ich spürte die düstere, beklemmende Atmosphäre, die dein Text atmet. Die Geschichte ist flüssig geschrieben und gut lesbar.

Doch ansonsten habe ich leider auch die negativen Punkte wahrgenommen, wie sie bereits von anderen angemerkt wurden. Der stetige, innere Monolog des Protagonisten wurde für mich sehr schnell anstregend und mühsam zu lesen. Es wiederholt sich zu viel. Die ständigen Fragen, die in seinem Kopf herumkreisen. Wahrscheinlich ist dies sogar realistisch, schliesslich ist er verängstigt, wenn nicht sogar in Panik, und da drehen sich seine Gedanken wahrscheinlich genau so, wie Du es rübergebracht hast. Doch leider funktioniert dies nur suboptimal in deiner etwas längeren Kurzgeschichte. Ich würde dort einiges rauskürzen und der Mutter vielleicht ein etwas klareres Gesicht geben und auch den Protagonisten etwas deutlicher zeigen.

Schlussendlich erfährt man fast nichts über die Mutter und über den Prota selbst, die bleiben sehr blass. Es gibt bei der Mutter schon Anzeichen für eine Geisteskrankheit, aber ausser dass sie mit sich selbst redet (was vielleicht etwas klischeehaft ist) und dem Prota wohl ihre Selbstmordpläne mitgeteilt oder diese zumindest angedeutet hat, gibt's da keine näheren Informationen dazu und das fand ich etwas schade. Ich hätte mir klarere Gedanken des Protas erhofft, damit die Beklemmung noch besser spürbar wird. So wägt er nur ständig für sich ab: Habe ich was gehört oder nicht? Gehe ich raus und schaue nach oder nicht? Das ist wie gesagt auf Dauer mühsam und ich hätte beinahe aufgegeben. Auch dieses ständige "Wenn, dann." war auf Dauer einfach zu viel des "Guten" ...

Wenn du in medias res starten willst, um dann Vorgeschichte über Rückblenden einzubinden - ich mache das auch oft, bereue es allerdings auch fast immer - dann würde ich dieses "Es konnte nicht sein. Vielleicht doch. Oder?" mit kleinen Geschichten füllen. Statt einfach zu sagen, es wäre nicht das erste Mal, dass sie droht, eine Situation beschreiben, in der sie gedroht hat. Oder in der es sich für den Prot wie eine Drohung angefühlt hat, wenn du dir die Pointe erhalten willst.
Das finde ich einen guten Input und würde auch sowas in die Richtung vorschlagen, damit deine Story etwas mehr Substanz bekommt.

Die Sache mit dem Schokoriegel und dem Zettel sind ein schönes Detail. Das Ende kommt dann überraschenderweise ziemlich rasant, das liegt aber am zu langen Monolog davor. Der Schluss ist nicht sonderlich originell, ich denke, man weiss schon relativ früh, auf was die Geschichte hinausläuft. Erachte ich aber jetzt gar nicht als schlecht, ich fand das Ende ziemlich gut bzw. passend.

Eine Horror-Geschichte ist dies allerdings nicht. Dafür ist sie viel zu zahm.

Gerne gelesen!

Selbstmörderische Grüsse,
DM
 
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