Was ist neu
  • Macht bis zum 15.08.2020 mit bei der ersten jährlichen Sommer-Challenge für Kindergeschichten: Zielgruppe Krümel.

Nach den Bomben

Mitglied
Beitritt
09.12.2019
Beiträge
264

Nach den Bomben

Das Gefecht hat aufgehört, seit die Bomben fallen. Freund und Feind versuchen zu fliehen, aber es gibt kein Entkommen. Die Detonationen reißen tiefe Spalten in den Boden. Auch ich laufe weg, stolpere, schaffe es aber, nicht zu fallen. Will über eine der Spalten springen, aber ich werde angerempelt, stolpere erneut und falle, immer weiter.

Es ist seit meinem Sturz fast eine Stunde vergangen. Ich befreie mich von den Körpern über mir. Alles ist still, ich klettere aus der Felsspalte. Vorbei an anderen Gefallenen, hier lebt niemand mehr.
Mein kybernetischer Organismus hat sich vollständig regeneriert. Ich erreiche die Oberfläche und bin umgeben von Leichenteilen. Kein Körper, der noch an einem Stück ist. Ein Durcheinander der roten Uniform meiner Kameraden und der schwarzen Kampfanzüge der Invasoren. Niemand sonst hat diesen tödlichen Regen überstanden. Ein Teppich aus Körperteilen unter strahlend blauem Himmel. Die riesigen Invasionsschiffe sind noch zu sehen, wie silberne Tränen, aber sie entfernen sich.
Die Emotionen, die ich fühlen müsste, sind seit der Transformation damals nur noch eine Erinnerung. Ich sehe sie in den Gesichtern der Menschen: Angst. Überraschung. Wut.

Ich empfange keine neuen Missionsparameter. Kein Signal im Umkreis von zweihundert Kilometern, weiter reichen meine Scanner nicht. Überall am Horizont steigt Rauch auf, die Flammen der Vernichtung lodern. Wie viel meiner Welt hat der Feind zerstört?
Ohne neue Parameter folge ich dem Standardprotokoll und gehe zum nächsten Militärstützpunkt. Zwölf Kilometer entfernt, ich werde nicht lange brauchen.

Die ersten Kilometer liegen hinter mir, auf der verbrannten Erde. Aber hier waren es nicht die Bomben, sondern die unbarmherzige Sonne. Die Menschen haben ihren Planeten selbst in einen Glutofen verwandelt. Ich beobachte die Vögel, wie früher am Meer. Hier sind es die Parasiten der Vernichtung.
Meine Frau und mein Sohn, ob sie noch leben? Seit der Transformation kann ich auch an sie nur noch wie an einen Gegenstand denken. Nicht nur mein Körper wurde eine Maschine: Immer stark sein und funktionieren. Keine Emotionen, keine Ablenkung. Gleichzeitig arbeitet das implantierte Programm so gut, dass andere meine Kälte kaum bemerken. Ein Cyborg der neuen Zeit.
Ich folge einem ausgetrockneten Flussbett, vorbei an fast zerfallenen Knochen. Der Stützpunkt kommt in Sichtweite. Die Überreste. Der Wind weht mir entgegen, mit ihm der Geruch von verbranntem Fleisch. Zwischen den Trümmern überall Leichenteile. Die Invasoren machen keine Gefangenen, sagte man mir immer.

Ich finde keine Nahrung oder Wasser in den Ruinen, alles wurde zerstört. Ohne Nachschub wird mein modifizierter Körper ungefähr zehn Tage durchhalten, bis die verbleibenden Organe versagen. Hier gibt es nichts mehr, ich gehe weiter, in Richtung der nördlichen Metropole. Meine Familie lebt dort. Oder nicht mehr? Ich empfange auch jetzt kein Signal und folge dem Standardprotokoll.

Verrostete Öltürme erscheinen am Horizont, teilweise eingestürzt, wie fallende Skelette. Es beginnt dunkel zu werden, als ich einen weiteren Stützpunkt erreiche. Größer als der Vorherige, genauso zerstört. Ich gehe weiter und treffe nach kurzer Zeit auf eine Überlebende. Ihre Beine wurden unterhalb der Hüfte weggesprengt. Der kybernetischer Körper hat die Wunden versiegelt. Mit den Armen zieht sie sich den harten Erdboden entlang. Ich laufe zu ihr, knie mich vor sie. Sie blickt zu mir auf mit glasigen Augen und fragt: „Wer bist du?“ Als würde sie nicht glauben, dass ich da bin.
„Ich bin Hector“, antworte ich. „Lass mich dir helfen.“

Ich trage sie zu den Ruinen des Stützpunktes und baue aus den Überresten einen Unterstand.
„Ich heiße Alva“, sagt sie, kaum noch in der Lage, sich wachzuhalten, durch den Schock und die Substanzen, die ihr Körper bei den schweren Verletzungen produziert. „Wie konnte das alles passieren?“
„Ich weiß es nicht, unsere Scanner haben keine Lufteinheiten an Bord der Invasionsschiffe ausgemacht. Sie haben uns alle getäuscht, auch ihre eigenen Soldaten. Die perfekte Ablenkung.“
„Aber wa… was wollen sie?“ Alva ist kaum noch da.
„Wir werden es erfahren. Nun schlaf, ich halte Wache.“

Die Sonne ist bereits seit zwei Stunden aufgegangen, als Alva aufwacht. Sie blickt mich an und fasst sich mit der rechten Hand ans linke Ohrläppchen, neigt dabei den Kopf etwas nach links. Ich streiche ihr einmal über die kurz geschorenen Haare, um den Staub zu entfernen. Sie macht damit weiter und sagt: „Was machen wir nun? Ich kann … kann nicht mehr …“ Sie blickt auf den Boden, wo ihre Beine sein müssten. Versucht noch etwas zu sagen, aber sie schafft es nicht mehr. Ihr ganzer Körper zittert, eine körperliche Schockreaktion. Ich halte sie, bis es aufhört.

Bis zum Horizont ist nichts anderes zu sehen als der vertrocknete Boden. Ich ziehe Alva hinter mir her, auf dem Teil eines Fallschirms, den ich zwischen den Überresten der Gebäude gefunden habe. Sie zittert immer wieder. „Hast du Familie?“, fragt sie. Nach einigen Sekunden: "Hector?"
"Ja, meine Frau und mein Sohn leben in der Metropole." Die nördliche Metropole. Von manchen noch immer Oslo genannt, auch wenn sie mit der früheren Stadt nur noch den geographischen Ort gemeinsam hat. Sie hat die Auslese überstanden, ist ein Ort des Lebens geblieben, während die meisten Städte der sich wandelnden Erde zum Opfer fielen. "Meine Eltern sind bereits verstorben, mein Vater bei einem Einsatz, meine Mutter war krank."
Alva geht nicht darauf ein und erzählt: "Meine Eltern und mein Verlobter wohnen ebenfalls dort. Mein Verlobter arbeitet als Arzt. Meine Eltern sind im Ruhestand. Vater war Finanzberater, Mutter Botanikerin. Für mich immer noch ein Wunder, dass dort etwas wächst.“

„Es ist nicht mehr weit, wir sind am Transformationslager.“ Sie liegt auf dem Bauch und hebt den Kopf, ich zeige in Richtung des weitläufig umzäunten Geländes mit den weißen Gebäuden. Vor drei Jahren ging ich dort hinein, wenige Kilometer vor den Mauern der Metropole. Als der Mensch, der ich heute nicht mehr bin.
„Es ist nicht zerstört“, stellt sie das Offensichtliche fest. „Warum nicht?“
Ich bleibe stehen und überblicke die Umgebung, entdecke kein Lebenszeichen. Auf der gegenüberliegenden Seite wurde ein Loch in den fünf Meter hohen Zaun gesprengt. „Lass uns nachsehen, wie es drinnen aussieht. Falls die Energieversorgung noch funktioniert, können wir uns untersuchen lassen. Vielleicht finden wir Nahrung und eine bessere Transportmöglichkeit für dich.“

Die Gänge und Räume sind verlassen. Bisher. Wir finden den Bereich für die medizinischen Untersuchungen. Die Energieversorgung ist aktiv, die Deckenbeleuchtung geht an. In dem Raum ist jemand. Ein Angestellter in weißem Kittel liegt auf dem Boden, seine Brust durchlöchert. Nicht weit entfernt einer der Invasoren, sein Körper in der Mitte durchtrennt. Sie mussten militärische Unterstützung gehabt haben, ich kenne keine andere Waffe als eine Laserklinge, die so einen sauberen Schnitt hinterlässt. Aus den Öffnungen ist eine dickflüssige graue Masse ausgetreten. Ich gehe zu dem Alien und zerschneide seinen schwarzen Kampfanzug mit der eigenen Klinge. Darunter befindet sich nichts anderes als die graue Masse, ich kann keine Konturen oder Organe erkennen. Als würde sie nur den Kampfanzug ausfüllen um menschenähnlich zu wirken.
Die Untersuchungskammern sind funktionstüchtig. Ich aktiviere eine und trage Alva hinein. Sie hat schon lange nicht mehr gesprochen, sagt nun aber zumindest: „Danke“ und fasst sich wieder an ihr linkes Ohrläppchen.
Der Scan läuft, es dauert nur wenige Sekunden. Sie hat keine Infektion, die Organe sind unverletzt. Der Mangel an Nährstoffen wird ausgeglichen. Bei mir sieht es ähnlich aus, nur mein linker Unterarm ist nicht ganz gerade. Ich habe ihn mir bei dem Sturz in die Spalte gebrochen. Es stört mich nicht, ich werde ihn nicht korrigieren lassen.

„Hier!“, ruft Alva, als ich schon fast an dem Regal vorbei war. Ich ziehe sie noch immer auf dem Fallschirm. Wir sind in einem der Lager, in dem Regal befinden sich einige schwebende Transportplattformen. Sie werden für den Transport von Geräten und anderen Gegenständen zwischen den Gebäuden verwendet, ich habe sie während meiner Zeit hier oft genug an mir vorbei schweben sehen. Aber sie sind groß genug für Alva, ich aktiviere eine davon, die Energieanzeige steht bei 86 %.
Ich lasse die Plattform auf einer Höhe von eineinhalb Metern schweben und frage: „In Ordnung?“
„Ja, hilf mir hoch!“, meint sie. Wieder der Griff mit der rechten Hand ans Ohrläppchen.
„Warum machst du das?“, frage ich.
„Was denn?“ Sie erkennt meinen Blick auf ihre Hand und antwortet: „Eine Angewohnheit noch aus meiner Kindheit. Immer wenn ich neugierig war. Jetzt bemerke ich es nicht mehr.“

Die Nahrungsvorräte wurden geplündert. Ich habe noch nie gehört, dass die Invasoren Menschen gefangen nehmen. Und sogar mit Nahrung versorgen.
„Was geht hier vor?“, frage ich Alva und mich.
„Sie haben das Militär ausgeschaltet und nehmen die Zivilbevölkerung mit“, antwortet sie. „Um uns zu studieren?“
„Wo haben sie sie hingebracht?“
„Finden wir es heraus. Wir können hier nicht bleiben, ohne Nahrung. Also weiter. Ich sollte meine Eltern und meinen Verlobten sehen. Und du deine Familie.“

Die nördliche Metropole ist am Horizont zu sehen. Die weiße Stadtmauer mit den hellen Gebäuden dahinter, in ihrer Größe zum Zentrum hin ansteigend.
Heimat von mehreren Millionen Menschen und Menschenähnlichen. Aber jetzt nicht mehr, sie ist verlassen. Ich weiß es und Alva genauso. Sie schwebt einige Meter vor mir. Ich versuche, etwas für sie zu empfinden. Irgendwas. Aber es ist nichts mehr da, weder für sie noch für andere. Zurückgeblieben in den Gebäuden, die wir hinter uns gelassen haben.
Was mache ich? Folge ich nur dem militärischen Standardprotokoll, zum Militärgebiet in der Metropole zurückzukehren? Ich möchte doch meine Frau und meinen Sohn finden! Aber es ist nur noch der logische nächste Schritt. Was soll ich auch sonst machen? Ich komme nicht mehr dahinter, wie es früher war. Gefühle sind nicht logisch.
Wir sind nicht mehr weit entfernt von der Stadtmauer, als hinter der Stadt ein großes Schiff aufsteigt. Eine perfekte Kugel, genauso silbern wie die beiden Invasionsschiffe, von denen es flankiert wird.
„Welcher Alptraum wartet auf sie?“, fragt Alva.
Ich antworte nicht. Wir gehen weiter, in die Stadt.

In den sandfarbenen Straßen liegen Leichen von Menschen und Invasoren. Es sind nicht viele. Hier lebt niemand mehr, nur der Wind ist zu hören. Wir nähern uns dem Militärviertel. Es existiert nicht mehr. Während die zivile Stadt verschont wurde, ist von diesem Gebiet nichts mehr übrig.
„Ich werde mein Haus aufsuchen, auch wenn dort niemand mehr ist. Wir treffen uns hier wieder“, sagt Alva und schwebt davon.
Auch ich mache mich auf den Weg zu meinem Haus, es ist nicht weit entfernt. Die Tür steht offen. Der Lavendelduft, den meine Frau so liebt, liegt in der Luft. Ich nehme ihn zur Kenntnis. Genauso wie die Blumen im Flur, auf der Anrichte.
Ich habe gehofft, dass meine Gefühle durch die Transformation nur weggeschlossen wurden, in einen für mich versteckten Bereich. Und irgendwann wieder erscheinen, wie eine im Wasser auftauchende Luftblase, die durch etwas blockiert wurde. Aber so ist es nicht. Sie haben mir meine Seele genommen und durch ein Programm ersetzt.
Dennoch gehe ich weiter durch das Haus, die Treppe nach oben, in unser Schlafzimmer. Blumen stehen auf dem Nachttisch und auf der Fensterbank. Sie erinnern mich an etwas, dass meine Frau mal gemacht hat. Ich nehme eine der Blumenvasen und denke an die Invasoren, die vielen Toten, hole aus und versuche, die Vase an die Wand zu schmettern. Und lasse die Hand wieder sinken.
Alva wartet auf mich vor den Ruinen des Militärviertels. „Was machen wir nun?“, fragt sie.
Das Standardprotokoll zeigt mir keine weitere Richtung. Es existiert kein Militär mehr, ich empfange auch jetzt kein Signal. Diese Situation wurde bei der Programmierung nicht berücksichtigt. Ich blicke sie an, durch sie hindurch. „Ich weiß es nicht“, antworte ich.

Die Lager mit den Vorräten sind leer geräumt, aber in den Wohnungen und Häusern existieren noch genügend Lebensmittel. Mein Programm verbietet es mir, mich selbst zu töten, genauso wie einen anderen Soldaten. Für Alva gelten die gleichen Regeln.
Also machen wir weiter, Tag für Tag. Ich helfe Alva im östlichen Teil der Stadt, in den Gewächshäusern. Sie lernt schnell durch die Unterlagen ihrer Mutter. Von Zeit zu Zeit geht das Sprinklersystem an, kleine Vorrichtungen über den Pflanzen. Sie erinnern mich an die Duschen am Strand, die Urlaube mit meiner Familie.
„Warst du schon mal am Meer?“, frage ich.
„Nein. Wir haben unsere Urlaube an den großen Seen verbracht.“
„Ich war mit meiner Frau und meinem Sohn dort, auch früher mit meinen Eltern. Es gibt dort einen Marinestützpunkt. Könnte sein, dass sie die Militärboote nicht zerstört haben und wir schaffen es nach Island oder Grönland. Vielleicht haben sie ja die Menschen auf den Inseln verschont.“
Alva überlegt, aber nicht lange: „Mein Platz ist hier, ich werde die Arbeit meiner Mutter fortführen. Dort draußen gibt es nichts mehr, hier habe ich eine Aufgabe.“

Alva und ich sehen uns an, bevor ich die Metropole durch das nördliche Tor verlasse.
"Was passiert mit unserer Welt?", fragt sie.
"Sie stirbt. Oder ist schon gestorben."
"Aber noch sind wir hier. Vielleicht kommst du wieder."
"Pass auf dich auf", erwidere ich und verlasse die Stadt.

Es ist ein langer Weg, aber ich habe genügend Vorräte. Das Meer erscheint am Horizont. Ich denke an Erlebnisse mit meiner Frau und meinem Sohn, als hätte jemand ungefragt einen Film gestartet. Wir liegen am Strand, unser Sohn baut Sandburgen und spielt im Wasser. Die Spaziergänge abends am Meer, die Restaurants an der Strandpromenade. Die Tage vergehen, wir lachen viel. Aufnahmen, die auch von Fremden handeln könnten.
Am Wasser angekommen lege ich den großen Rucksack ab und setze mich. Das Wasser erreicht meine Füße, die Flut kommt. Ich blicke zum Himmel, irgendwo, weit weg, waren die Menschen, die ich geliebt hatte. Bevor die Verbindung unterbrochen wurde. Und ich sehe die Vögel, hier suchen sie das Leben.
Das Wasser steigt weiter, erreicht meine Brust. Ich müsste aufstehen, mich in Sicherheit bringen. Aber es ist keine Gefahr. Ich denke wieder an die Zeit mit meiner Familie. Vielleicht warten sie hier auf mich, unter der Oberfläche. Erinnerungen, die mich empfangen und umgeben werden, erlösen von diesem Dasein ohne Ziel. Mein Kopf ist fast unter Wasser. Ich versuche noch einmal, mich zu erinnern. Mit einem Lächeln, als sich das Meer über meinem Kopf schließt.
 
Zuletzt bearbeitet:

MRG

Mitglied
Beitritt
12.03.2020
Beiträge
72
Hallo Rob,

dir ist eine vorzügliche Geschichte gelungen, die mich am Anfang richtig gepackt hat, aber das Ende war für mich enttäuschend. Hat sich für mich wie ein Einstieg eines ersten Kapitels gelesen, hat viel Spannung aufgebaut, nur um dann am Ende stark nachzulassen.

Das Gefecht hat aufgehört, seit die Bomben fallen.
Der erste Satz wirft Fragen auf: Um was für ein Gefecht geht es? Was für Bomben sind gefallen? Geht es um den zweiten Weltkrieg, gar um eine Atombombe? Ein starker Einstieg, der mich gut abgeholt hat.

Will über eine der Spalten springen, aber ich werde angerempelt, stolpere erneut und falle, immer weiter.
Das fühlt sich echt an, ich falle förmlich mit in den Spalt.

Mein kybernetischer Organismus hat sich vollständig regeneriert.
Mein ganzes Bild verändert sich und ich werde überrascht, das gefällt mir. Zugleich ist es ein gutes Beispiel von "show don't tell", bzw. einer indirekten Charakterisierung.

Die Emotionen, die ich fühlen müsste, sind seit der Transformation damals nur noch eine Erinnerung.
Der kybernetischer Körper hat die Wunden desinfiziert und versiegelt.
Mein Programm verbietet es mir, mich selbst zu töten, genauso wie einen anderen Soldaten.
Der Protagonist gewinnt an Tiefe und ich frage mich, was es mit der Transformation und dem kybernetischen Körper auf sich hat. In gewisser Weise steckt darin auch ein Versprechen von dir, dass du es mir als Leser erzählst.

Papa war Finanzberater, meine Mutter Botanikerin.
Der Dialog hat mich stutzen lassen, sie sagt "Papa", aber dann "Mutter"? Das hat sich für mich komisch gelesen, lag dahinter eine Intention? Wolltest du die Nähe zum Vater, bzw. Distanz zur Mutter darstellen? Das ist bei mir nicht angekommen.

Als der Mensch, der ich heute nicht mehr bin.
Der Lavendelduft, den meine Frau so liebt, liegt in der Luft. Ich nehme ihn zur Kenntnis.
Eines der Grundmotive des Protagonisten: Seine innere Leere wird hier deutlich und zugleich steckt in dieser Charakterisierung ein Gefühl der Nostalgie, er will unbedingt wieder zu dem werden, der er einmal war. Das ist ihm, jedoch, nicht mehr möglich: Er nimmt den Lavendelduft nur noch zur Kenntnis. Das ist dir gelungen, der Protagonist wird vor meinem inneren Auge lebendiger.

Wieder der Griff mit der rechten Hand ans Ohrläppchen.
Interessante Idee, das macht Alva deutlich interessanter, denn auf der einen Seite kann ich sie mir besser vorstellen und auf der anderen Seite wird sie nahbarer durch ihren Tick.

Und irgendwann wieder erscheinen, wie eine im Wasser auftauchende Luftblase, die durch etwas blockiert wurde. Aber so ist es nicht. Sie haben mir meine Seele genommen und durch ein Programm ersetzt.
Wow! Das ist eine der besten Passagen in deinem Text, mitreißend und sprachgewaltig. Besonders gut gefällt mir der kurze Satz "Aber so ist es nicht", der zwischen den beiden Sätzen eingebettet ist. Klingt gut in meinen Ohren.

Ich denke an meine Frau und meinen Sohn. Wir liegen am Strand, unser Sohn baut Sandburgen und spielt im Wasser. Die Spaziergänge abends am Meer, die Restaurants an der Strandpromenade. Die Tage vergehen, wir lachen viel. Wie ein Film, der auch über Fremde sein könnte.
Das kaufe ich irgendwie nicht ab. Auf der einen Seite ist er ein gefühlskalter Soldat, dessen Seele durch ein Programm ersetzt worden ist und auf der anderen träumt er von seiner Familie? Das war mir zu kitschig und hat für mich nicht zum Bild des Protagonisten gepasst.

Erinnerungen, die mich empfangen und umgeben werden, erlösen von diesem sinnlosen Dasein.
Zweifelt eine transformierte Kampfmaschine wirklich am Sinn seines Lebens?


Insgesamt habe ich deine Geschichte sehr gerne gelesen, dein Niveau ist hoch, dein Schreibstil ist flüssig und gut zu lesen. Besonders hervorheben möchte ich die ersten 3/4 deiner Geschichte, bei der ich unbedingt mehr wissen wollte. Das Ende hat mich dann allerdings enttäuscht, kam mir abrupt vor und meine brennenden Fragen sind nicht beantwortet worden. Ich würde gerne mehr aus dieser Welt lesen, kann mir da gut eine Serie vorstellen. Besonders interessiert mich das mit der Transformation und eine Kampfhandlung fände ich interessant, bei der die Fähigkeiten des Protagonisten entdeckt werden können. Hut ab, tolle Geschichte mit sehr viel Potenzial für mehr.
 
Mitglied
Beitritt
25.12.2019
Beiträge
79
Hallo Rob,

ich mag es sehr, in fremde Welten einzutauchen, da hat deine Geschichte von Anfang an mein Interesse geweckt. Es ging nicht um Krieg, der war bereits verloren, sondern um die melancholische (wenn man das für seine Denkweise überhaupt so sagen kann) Reise des Protagonisten durch die zerstörte Welt, das war ein interessanter Kniff und hat mir gefallen. Du hast damit gut übliche Alien-Invasions-Klischees umschifft. Trotz der stillen Atmosphäre habe ich mich nie gelangweilt und das Ende fand ich auch passend.
Alles in allem eine schöne Geschichte, aber, wie das immer so ist, Einsprungspunkte für Verbesserungen gibt es immer, und die sehe ich in deiner Geschichte in zwei Aspekten:

1. Die Welt. Du beschreibst wenig von der Umgebung und wenn du es tust, bleibt es sehr allgemein, sodass sich keine richtigen Bilder davon in meinem Kopf formen, wo die Figuren gerade sind oder wo sie entlanglaufen. Übermäßig detailiert muss und sollte das natürlich nicht sein, aber du solltest genug von der Umgebung beschreiben, um den Leser in der Welt zu verankern. Und bei der ganzen Zerstörung gibt es in dieser Welt sicherlich viel Interessantes und Schönes/Trauriges zu sehen.

2. Alva. "High-Scifi" Konzepte wie Cyborgs sind üblicherweise nicht mein Ding, aber dein Protagonist ist sehr gut gewählt, er ist sich seiner eigenen Emotionslosigkeit und Kälte bewusst und kämpft damit, hat für mich wunderbar funktioniert. Diese Kälte und sein Kampf damit hätten für mich sogar noch extremer ausfallen können. Die Scifi-Aspekte bleiben im Hintergrund, das ist zumindest mir sehr recht.
Alva hingegen ist nur Beiwerk, mit ihr wurde ich nicht richtig warm. Mir fehlte eine Funktion für sie in der Geschichte. Sie ist selbst ein Cyborg, scheint aber nicht den inneren Konflikt des Prots zu teilen, im Gegenteil ist sie wärmer und aktiver. Das finde ich gut und sehe hier auch das Potenzial, beide Figuren weiter zu vertiefen:
Oft initiiert der Prot die Gespräche mit Alva. Das passt eigentlich nicht so richtig zu seiner stoischen Art. Wie wäre es denn, wenn Alva durch einen "Glitch" in ihrem Programm oder so die menschliche Seite der beiden darstellt, die Dialoge anstößt und so langsam den Protagonisten aus der Reserve lockt? Könnte sie nicht der Grund sein, warum sich der Prot langsam wieder an seine Familie oder an seine Gefühle für sie erinnert? Nur eine Idee.

Textgestochere:

Mein kybernetischer Organismus hat sich vollständig regeneriert.
Ist der Prot nicht selbst der kybernetische Organismus?

Ich sehe sie in den Gesichtern der Mensch gebliebenen: Angst. Überraschung. Wut.
Ich weiß, was gemeint ist, aber die Formulierung hört sich für mich seltsam an. Und wenn, dann müsste es Menschgebliebenen heißen, glaube ich. Würde hier vielleicht einfach "Menschen" ausreichen?

Ihre Beine wurden unterhalb der Hüfte weggesprengt. Der kybernetischer Körper hat die Wunden desinfiziert und versiegelt. Mit den Armen zieht sie sich den harten Erdboden entlang.
Starkes Bild. Dass die Wunde desinfiziert wurde, kann man aber nicht sehen, obwohl er es als Cyborg natürlich wissen könnte. Ich finde trotzdem, das könntest du streichen.

„Aber wa … was wollen sie?“
Da hier ein Buchstabe fehlt, sollte vor den Auslassungspunkten kein Leerzeichen.

Zurück geblieben in den Gebäuden, die wir hinter uns gelassen haben.
Zurückgeblieben

Wir sind nicht mehr weit entfernt von der Stadtmauer, als hinter der Stadt ein großes Schiff aufsteigt. Es erinnert mich an eine der Pyramiden, über die ich mal im Geschichtsunterricht gelesen habe. Ich habe so eins noch nie gesehen, genauso silbern wie die beiden Invasionsschiffe, von denen es flankiert wird.
Die riesigen Invasionsschiffe sind noch zu sehen, wie silberne Tränen, aber sie entfernen sich.
Nur eine Kleinigkeit, ich würde erwarten, dass die Aliens einen konsistenten Baustil haben. Entweder alles ist rund wie die Tränen, oder kantig wie die Pyramide.

Der Lavendelduft, den meine Frau so liebt, liegt in der Luft. Ich nehme ihn zur Kenntnis.
Den zweiten Satz finde ich stark. Aber dadurch, dass er vorher schon bemerkt hat, dass der Duft in der Luft liegt, hat er es ja bereits zur Kenntnis genommen. So wirkt der zweite Satz redundant. Das würde ich umformulieren, aber den zweiten Satz auf jeden Fall beibehalten.

Ich habe gehofft, dass meine Gefühle durch die Transformation nur weggeschlossen wurden, in einem für mich versteckten Bereich.
Gefühlsmäßig würde ich sagen: weggeschlossen in einen Bereich

Ich nehme eine der Blumenvasen und denke an die Invasoren, die vielen Toten, hole aus und versuche[,] die Vase an die Wand zu schmettern. Und lasse die Hand wieder sinken.
Stark.

Also machen wir weiter, Tag für Tag. Alva beschäftigt sich mit der Botanik, aus den Aufzeichnungen ihrer Mutter. Ich versuche, die Energieversorgung der Stadt zu verstehen und aufrecht zu erhalten.

„Warst du schon mal am Meer?“, frage ich Alva.
„Nein. Wir haben unsere Urlaube an den großen Seen verbracht.“
„Ich war mit meiner Frau und meinem Sohn dort, auch früher mit meinen Eltern. Es gibt dort einen Marinestützpunkt. Könnte sein, dass sie die Militärboote nicht zerstört haben und wir schaffen es nach Island oder Grönland. Vielleicht haben sie ja die Menschen auf den Inseln verschont.“
Alva überlegt, aber nicht lange: „Mein Platz ist hier, ich werde die Arbeit meiner Mutter fortführen. Dort draußen gibt es nichts mehr, hier habe ich eine Aufgabe.“

Es ist ein langer Weg, aber ich habe genügend Vorräte.
Hier gibt es gleich drei Szenen, die für mich zu isoliert und abrupt aneinandergereiht wurden. Der erste Teil ist Tell, das ist aufgrund der Kürze nicht weiter schlimm, aber dann taucht da ohne Kontext oder Lokalität der Dialog aus dem Nichts auf. Da fehlt mir der Ort und vielleicht auch der Grund für das Gespräch. Alva könnte eine konkrete Gartenszene kriegen, der Prot sieht das Wasser aus der Gießkanne, was ihn ans Meer erinnert, oder so.
Der fehlende Abschied passt ja eigentlich zum Charaketer des Prots, kommt mir aber trotzdem zu plötzlich. Vielleicht könnten sich die beiden ein letztes Mal anschauen, er will die Hand zum Abschied heben, lässt sie aber wieder sinken, oder auch nicht, je nachdem, wo er hier mental zwischen Mensch und Cyborg steht.

Viele Grüße,
Catington
 
Mitglied
Beitritt
09.12.2019
Beiträge
264
Hallo @MRG ,

danke für deinen Kommentar, neben dem Positiven natürlich auch für die Kritik!

Ich finde deinen Vorschlag grundsätzlich gut, mal eine längere Geschichte in mehreren Teilen als Serie zu schreiben. Ich glaube, ich würde hierbei bezogen auf die SF-Handlung auch entsprechende Ideen haben. Allerdings leider nicht bezogen auf eine Weiterentwicklung von Hector, da er nun auch durch das Standardprotokoll keinerlei Vorgaben mehr hat, ist es weiterhin für mich das richtige Ende.

Aber du hast hierzu natürlich einen wichtigen Punkt genannt, kann er ohne Emotionen sein Leben als sinnlos empfinden? Emotional nicht, er empfindet ja keine Trauer oder Angst. Aber er hat ja auch keine Ziele mehr, die ihm vorgegeben werden, und da er für nichts und niemanden etwas empfindet, ist alles für ihn sinnlos geworden. Er hat ja weiterhin auch ein eigenständiges Denken, und warum sollte er weiterleben? Das Ende war auch gedacht als eine Überlistung des Sicherheitssystems, eigentlich kann er sich ja nicht selber töten. Aber er lässt es halt geschehen, versucht das steigende Wasser durch Erinnerungen als nicht gefährlich anzusehen, bis er ertrinkt.

Der Dialog hat mich stutzen lassen, sie sagt "Papa", aber dann "Mutter"? Das hat sich für mich komisch gelesen, lag dahinter eine Intention? Wolltest du die Nähe zum Vater, bzw. Distanz zur Mutter darstellen? Das ist bei mir nicht angekommen.
Das ist nur dadurch entstanden, dass ich es etwas abwechslungsreicher schreiben wollte, aber ich habe nun auch diese Stelle etwas einheitlicher gehalten mit Mutter und Vater, das passt ja eher zum Ton der Geschichte.

Das kaufe ich irgendwie nicht ab. Auf der einen Seite ist er ein gefühlskalter Soldat, dessen Seele durch ein Programm ersetzt worden ist und auf der anderen träumt er von seiner Familie? Das war mir zu kitschig und hat für mich nicht zum Bild des Protagonisten gepasst.
Ja, es wirkte bisher so, als würde sich der Protagonist plötzlich emotional an die guten alten Zeiten erinnern. Ich habe es nun ein wenig umformuliert, so dass es Erinnerungen sind, die ihm einfach dadurch in den Sinn kommen, dass er am Meer ist.

Es freut mich auf jeden Fall, dass die Geschichte für dich unterhaltsam war! Wenn dir auch das Ende nicht so zugesagt hat, aber für mich ist es richtig so, ich hatte es ja oben ein wenig begründet. Ich könnte mir eher vorstellen, in dieser Welt nochmal eine andere Handlung zu schreiben, die keinen direkten Berührungspunkt zu diesem Text hat. Also mal sehen ...

Viele Grüße,
Rob


Hi @Catington ,

auch diesmal vielen Dank fürs gründliche Lesen und dein Feedback!

Die Welt. Du beschreibst wenig von der Umgebung und wenn du es tust, bleibt es sehr allgemein, sodass sich keine richtigen Bilder davon in meinem Kopf formen
Das ist wohl diesmal der Inhalt, der mir beim Schreiben ein wenig verloren gegangen ist. Ich habe mal zwei Inhalte ergänzt, die hauptsächlich die tote Welt außerhalb der Metropole spiegeln. Ich denke für ein bis zwei weitere Inhalte ist noch Platz, werde am Wochenende mal sehen, ob mir noch etwas einfällt, ohne den Text zu überladen.

Alva hingegen ist nur Beiwerk, mit ihr wurde ich nicht richtig warm. Mir fehlte eine Funktion für sie in der Geschichte.
Ich finde deinen Vorschlag gut und passender zu den Charakteren, dass Alva ein wenig mehr die Gesprächsinitiative ergreift. Es gibt ja bisher eigentlich nur eine Szene, in denen die beiden etwas mehr über sich und ihre Familien reden, und hier ist Alva nun diejenige, die Hector zum reden animiert. Ich werde aber auch hierbei nochmal sehen, wo Alva noch etwas lebhafter werden kann.

Ich weiß, was gemeint ist, aber die Formulierung hört sich für mich seltsam an. Und wenn, dann müsste es Menschgebliebenen heißen, glaube ich. Würde hier vielleicht einfach "Menschen" ausreichen?
Hier wollte ich es wahrscheinlich zu genau machen, habe nun wie du vorgeschlagen hast einfach "Menschen" geschrieben

Nur eine Kleinigkeit, ich würde erwarten, dass die Aliens einen konsistenten Baustil haben. Entweder alles ist rund wie die Tränen, oder kantig wie die Pyramide.
Im Sinne eines einheitlichen Designs ist es nun eine Kugel statt einer Pyramide

Hier gibt es gleich drei Szenen, die für mich zu isoliert und abrupt aneinandergereiht wurden. Der erste Teil ist Tell, das ist aufgrund der Kürze nicht weiter schlimm, aber dann taucht da ohne Kontext oder Lokalität der Dialog aus dem Nichts auf. Da fehlt mir der Ort und vielleicht auch der Grund für das Gespräch. Alva könnte eine konkrete Gartenszene kriegen, der Prot sieht das Wasser aus der Gießkanne, was ihn ans Meer erinnert, oder so.
Es ist nun etwas weniger tell und eine Szene in den Gewächshäusern der Metropole geworden, auch mit einem entsprechenden Übergang zu dem Dialog.

Der fehlende Abschied passt ja eigentlich zum Charaketer des Prots, kommt mir aber trotzdem zu plötzlich.
Hier war ich selbst etwas überrascht, ich dachte ich hätte die beiden sich zumindest kurz verabschieden lassen ... Ist nun aber vorhanden, wie gewohnt distanziert und kurz.

Also danke für deine Tipps! Ich werde hauptsächlich noch überlegen, ob ich noch das ein oder andere finde zu der Umgebung auf Alvas und Hectors Reise, und was Alvas Rolle allgemein angeht. Deine Hinweise zu Rechtschreibung und Satzzeichen habe ich berücksichtigt.

Viele Grüße,
Rob
 
Zuletzt bearbeitet:
Beitritt
17.03.2020
Beiträge
56
Hallo @Rob F,

deine Geschichte ist wirklich solide geschrieben. Konnte man problemlos von Anfang bis Ende durchlesen.

Was ich ein bisschen vermisse ist eine Art von Moral der Geschichte. Du beschreibst Krieg, Leid, Emotionslosigkeit, aber ohne irgendeinen Verbesserungsvorschlag darzubieten.
Und natürlich soll der Protagonist kühl wirken, aber man braucht dann einen Kontrast, der sich übrigens durch die Figur Alva anbieten würde. Du beschreibst sie aber genauso emotionslos, was die Geschichte dann sehr eintönig wirklen lässt.
Wofür du das mit dem Ohrläppchen eingebaut hast erschließt sich mir nicht so ganz. Folgende Stelle:
„Warum machst du das?“, frage ich.
„Was denn?“ Sie erkennt meinen Blick auf ihre Hand und antwortet: „Eine Angewohnheit noch aus meiner Kindheit. Immer wenn ich neugierig war. Jetzt bemerke ich es nicht mehr.“
... macht nicht wirklich Sinn. Willst du da andeuten, dass die Figuren doch noch einen Ticken Menschlichkeit haben? Wenn du so etwas versuchst einzubauen, dann solltest du auch eine Entwicklung der Figuren vorsehen. Denn genau genommen bleiben die ja über die komplette Geschichte hinweg doch eher monoton, was vor allem noch mal die eher trockene Verabschiedung zeigt:
Alva und ich sehen uns an, bevor ich die Metropole durch das nördliche Tor verlasse.
"Alles Gute", sagt sie.
"Pass auf dich auf", erwidere ich und verlasse die Stadt.

"Ja, meine Frau und mein Sohn leben in der Metropole." Die nördliche Metropole, denke ich. Von manchen noch immer Oslo genannt, auch wenn sie mit der früheren Stadt nur noch den geographischen Ort gemeinsam hat. Sie hat die Auslese überstanden, ist ein Ort des Lebens geblieben, während die meisten Städte der sich wandelnden Erde zum Opfer fielen.
Dieser Absatz hier hat mir übrigens vom Schreib- und Erzählstil wirklich gut gefallen.

Sie schwebt einige Meter vor mir. Ich versuche, etwas für sie zu empfinden. Irgendwas.
Wieder diese Anspielung, die dann einfach ins Leere läuft. Deine Geschichte ist eigentlich zu gut ausgebaut, um eine bloße Situationsbeschreibung zu bleiben.

Auch ich mache mich auf den Weg zu meinem Haus, es ist nicht weit entfernt. Die Tür steht offen. Der Lavendelduft, den meine Frau so liebt, liegt in der Luft. Ich nehme ihn zur Kenntnis. Genauso wie die Blumen im Flur, auf der Anrichte.
Du willst wieder auf die Gefühlsregungen anspielen, aber dann würde ich es besser verpacken. Vielleicht mit einem Einschub aus seiner Erinnerung. Einen glücklichen Moment in seinem Zuhause oder etwas in der Art.

Ich habe gehofft, dass meine Gefühle durch die Transformation nur weggeschlossen wurden, in einen für mich versteckten Bereich. Und irgendwann wieder erscheinen, wie eine im Wasser auftauchende Luftblase, die durch etwas blockiert wurde.
Tut mir leid, aber bei mir geht der Vergleich nicht so richtig auf. Es ist einfach schwer, sich das vorzustellen. Vielleicht findest du etwas besseres.

Die Sprache ist aber ansonsten doch durchgehend gut.
Der Erzählstil ist so gewählt, dass es dem Leser noch Freiraum für die eigenen Phantasie lässt, auch wenn ich mir hier und da doch etwas mehr Details gewünscht hätte. Zum Beispiel, wie das zerstörte Oslo aussieht, von weitem und von nahem. Oder wie es früher mal aussah. Dafür hast du es in den ersten Absätzen mit den Leichenteilen sehr genau genommen. Das passt dann nicht in das Gesamtbild und wirkt eher unnötig.

Ich hoffe du kannst mit der Kritik etwas anfangen.

Viele Grüße
Murph
 
Mitglied
Beitritt
09.12.2019
Beiträge
264
Hi @murphy_does_his_best ,

danke auch dir für das Feedback!

Was ich ein bisschen vermisse ist eine Art von Moral der Geschichte. Du beschreibst Krieg, Leid, Emotionslosigkeit, aber ohne irgendeinen Verbesserungsvorschlag darzubieten.
Daran hatte ich beim Schreiben nicht unbedingt gedacht, das stimmt schon. Es war eher der Versuch, ob eine bis zum Ende eher trostlose Geschichte auch unterhaltsam und interessant sein kann. Eine ergänzende Aussage hierbei ist eher, wozu es führen kann, was der Mensch sich selber antut. Es ist natürlich nicht direkt vergleichbar, da es hierbei nicht um Emotionen geht, aber was mag in einer fernen Zukunft passieren, wenn die Experimente der Genmanipulation weitergehen (was sie ja werden). Meine Meinung und Aussage hierzu ist ganz klar: Finger weg von solchen Eingriffen in die Natur! Vielleicht findest sich dies ja ein wenig in diesem Text, selbst der emotionslose Hector beendet sein verändertes Dasein.

Und natürlich soll der Protagonist kühl wirken, aber man braucht dann einen Kontrast, der sich übrigens durch die Figur Alva anbieten würde. Du beschreibst sie aber genauso emotionslos, was die Geschichte dann sehr eintönig wirklen lässt.
Ich wollte hierdurch, bezogen auf das Ende, die zwei verschiedenen Varianten aufzeigen, die entstehen, als Alva und Hector keinerlei Vorgaben mehr haben.
Alva findet eine Aufgabe, sie führt die Aufgabe ihrer Mutter fort, wenn auch nicht aus emotionalen Gründen. Es ist also einfach etwas, dass sie machen kann, sie kann sich ja nicht selbst abschalten.
Hector findet keine solche Aufgabe und will eigentlich zu einem Marinestützpunkt, es ist für ihn das naheliegende als Soldat, weiter reisen und wieder Kontakt zum Militär herstellen. Aber er erkennt dennoch am Strand die Sinnlosigkeit seines Handels, keiner gibt ihm Befehle, und dann findet er einen Weg, das Programm zu überlisten und ertrinkt.
Eine Möglichkeit wäre, dass Alva ein Mensch ist, das würde als Kontrast natürlich viel besser wirken. Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich mich da ran traue, das wird dann vom Zusammentreffen und den Dialogen her schwierig, glaube ich. Also für den Moment lasse ich es mal so, dennoch danke für den Hinweis!

Willst du da andeuten, dass die Figuren doch noch einen Ticken Menschlichkeit haben? Wenn du so etwas versuchst einzubauen, dann solltest du auch eine Entwicklung der Figuren vorsehen. Denn genau genommen bleiben die ja über die komplette Geschichte hinweg doch eher monoton.
Genau, es könnte auch etwas anderes sein, aber es ging mir um eine Angewohnheit, die sie auch vor ihrer Transfomation schon hatte. Damals jedoch aus emotionalen Gründen, nun ist es für sie einfach eine übriggebliebene Gewohnheit.
Mir würde es wahrscheinlich als Leser auch besser gefallen, wenn die Protagonisten irgendwann nach und nach ihre Menschlichkeit, ihre Gefühle wiederentdecken - oder neu entdecken, vielleicht weil es einfach der Natur des Menschen entspricht und sie nach dem Krieg wieder aufleben. Es wäre dann nur leider nicht mehr mein Gedanke dieser Geschichte, ich wollte wie oben erwähnt bis zum Ende hin eher das Gegenteil einer positiven Entwicklung, in der Hoffnung, dass es trotzdem gut ankommt.

auch wenn ich mir hier und da doch etwas mehr Details gewünscht hätte. Zum Beispiel, wie das zerstörte Oslo aussieht, von weitem und von nahem.
Danke für den Hinweis, ich habe die nördliche Metropole/Oslo noch ein wenig beschrieben, mich aber auch hierbei entsprechend dem bisherigen Erzählstil kurz gehalten.

Ich hoffe du kannst mit der Kritik etwas anfangen.
Ja, konnte ich, vielen Dank! Habe ja den Text auch etwas angepasst, und die Rolle von Alva bleibt inhaltlich der Hauptpunkt, über den ich nochmal nachdenke. Ich habe das eher Monotone bis zum Ende bewusst gewählt, daher finde ich auch Alva als Cyborg ganz gut. Aber dein Vorschlag, hier eher einen Kontrast zu Hector zu wählen, ist auf jeden Fall interessant, aber inhaltlich auch schwieriger. Also mal sehen ...

Viele Grüße,
Rob
 
Zuletzt bearbeitet:
Beitritt
17.03.2020
Beiträge
56
Nochmal Hallo @Rob F,

ich gehe nochmal kurz darauf ein, weil ich denke, dass es dir weiterhilft.


Es war eher der Versuch, ob eine bis zum Ende eher trostlose Geschichte auch unterhaltsam und interessant sein kann
Wenn das die Intention war, ist dir das auf jeden Fall gelungen. Wie gesagt, es liest sich problemlos und man will auch wissen wie es ausgeht.

Eine ergänzende Aussage hierbei ist eher, wozu es führen kann, was der Mensch sich selber antut. Es ist natürlich nicht direkt vergleichbar, da es hierbei nicht um Emotionen geht, aber was mag in einer fernen Zukunft passieren, wenn die Experimente der Genmanipulation weitergehen (was sie ja werden). Meine Meinung und Aussage hierzu ist ganz klar: Finger weg von solchen Eingriffen in die Natur!
Da komme ich jetzt nicht ganz mit. Ich dachte die Invasoren kommen von "außerhalb". Dann kann die Menschheit dann eher nichts für die Situation. Also was ich sagen will ist, es kommt meiner Meinung nach nicht so richtig raus, was für große Probleme die beiden mit ihrem manipulierten Körper und Geist haben. Klar, hier und da merkt man, wie sie sich selbst hinterfragen und dass sie nicht mit der Situation umgehen können.
Aber um ehrlich zu sein, wenn ich einer der letzten Menschen auf dem Kontinent bin und alles in Schutt und Asche liegt, dann wäre ich wohl auch sehr apathisch, vielleicht bis zur Gefühlslosigkeit. Also solche Probleme könnten sogar gewöhnliche Menschen in der Situation haben. Und genau da sehe ich das Problem. Die beiden haben zwar Probleme mit sich selbst, aber in dem Umfeld hätte das jeder und es fehlt die Verbindung zu ihrem Cyborgdasein.

Ich hoffe, ich konnte meine Bedenken dadurch etwas präzisieren.

Viele Grüße
Murph
 
Mitglied
Beitritt
09.12.2019
Beiträge
264
@murphy_does_his_best

Hi nochmal,

zu deiner Rückmeldung:

Da komme ich jetzt nicht ganz mit. Ich dachte die Invasoren kommen von "außerhalb".
Genau, ich wollte dies auch nicht widerrufen. Sie haben mit der Transformation der Menschen zu emotionslosen Cyborgs nichts zu tun, das hat sich der Mensch schon selbst angetan.

Also was ich sagen will ist, es kommt meiner Meinung nach nicht so richtig raus, was für große Probleme die beiden mit ihrem manipulierten Körper und Geist haben.
Ja, es bleibt im Prinzip bei jedem Satz schwierig für mich mir vorzustellen, wie die beiden denken, wenn sie Ärger, Angst und Freude nicht (mehr) fühlen können. Auch die kurze Verabschiedung zwischen Alva und Hector werden eher Worte der Gewohnheit sein, und nicht weil sie sich vermissen werden.
Aus meiner Sicht ist es immer wieder das Wissen, dass sie früher diese Gefühle hatten, und vor allem Hector versucht immer wieder, irgendwie heranzukommen, was ihm aber nicht gelingt. Das also sehe ich als das Hauptproblem, nicht unbedingt der modifizierte Körper.

Aber um ehrlich zu sein, wenn ich einer der letzten Menschen auf dem Kontinent bin und alles in Schutt und Asche liegt, dann wäre ich wohl auch sehr apathisch, vielleicht bis zur Gefühlslosigkeit. Also solche Probleme könnten sogar gewöhnliche Menschen in der Situation haben. Und genau da sehe ich das Problem. Die beiden haben zwar Probleme mit sich selbst, aber in dem Umfeld hätte das jeder und es fehlt die Verbindung zu ihrem Cyborgdasein.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Ursachen in der Geschichte so trennen kann, dass beide Aspekte im Verhalten der Protagonisten unabhängig voneinander deutlich werden.
Also zum einen haben Alva und Hector ja schon Kriegszeiten hinter sich und leben auf einem sterbenden Planeten. Daher sprechen sie auch recht wenig über die Welt, eigentlich ja nur über den letzten, vernichtenden Angriff. Da gebe ich dir recht, alleine das würde schon zu einer emotionslosen und apathischen Persöhnlichkeit führen.
Hinzu kommt die tatsächlich völlige Emotionslosigkeit, woher diese kommt und was die Folgen davon sind, steht für mich im Vordergrund. Hierbei erwähne ich jedoch schon, woher sie kommt und stelle damit eine Verbindung zu ihrem Cyborgdasein her.
Ihre aktuelle Persöhnlichkeit ist dann die Summe dieser beiden Aspekte, aber wie gesagt, ich glaube dass kann in der Darstellung ihrer Handlungen und Dialoge nicht (mehr) trennen.

Es macht inhaltlich keinen großen Unterschied, aber ich habe nun die Abschiedsszene noch ein wenig erweitert und zumindest die sterbende Welt erwähnt:

Alva und ich sehen uns an, bevor ich die Metropole durch das nördliche Tor verlasse.
"Was passiert mit unserer Welt?", fragt sie.
"Sie stirbt. Oder ist schon gestorben."
"Aber noch sind wir hier. Vielleicht kommst du wieder."
"Pass auf dich auf", erwidere ich und verlasse die Stadt.


Viele Grüße!
Rob
 
Zuletzt bearbeitet:

Letzte Empfehlungen

Neue Texte

Neue Beiträge

Anfang Bottom