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Orangerote Rüben

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29.07.2019
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Orangerote Rüben

„Einen Kaffee“, sagte der alte Mann mit dem Sack voll Rüben über der Schulter. Es war eigentlich kein Sack, sondern viel eher eine relativ dünne, durchsichtige Plastiktüte mit rotem Schnürrband. Doch der Alte trug die Tüte vom Biomarkt stolz über der Schulter wie ein Seemann der seinen Seesack etwas fester anpackt, da wo die Mädchen an den Hafenkanten sitzen, und platzierte dann ein halbes Gesäß auf dem hüfthohen Barhocker meiner Theke.
Ich nickte meiner Kollegin zu, weil ich heute allgemein zu sehr damit beschäftigt war, meinen Rausch von Gesternabend auszuatmen und Tanja schenkte dem alten einen Pott ein. Tanja hatte oft ein goldenes Händchen dafür, ob ein Kunde Pott oder Tasse brauchte, aber dieser Alte sagte sofort: „Ich will mich da nich' reinlegen, Mädchen. Der kleine Eimer bitte.“
Tanja sprach noch nicht so gut Deutsch, verstand aber die Anweisung des Alten und befüllte die Tasse.
Einige der Gäste drehten sich zu dem Mann mit den Rüben um. Eine Großmutter im selben Alter mit Brillengläsern so dick wie die Böden von den Gewürzgurkengläsern hinter mir im Regal fragte den Alten etwas, aber der Alte antwortete ihr nicht. Er sah stattdessen mich an. Deshalb drehte ich mich etwas mehr zur Spüle und rubbelte mit einem Lappen trockenes Geschirr noch trockener.
Als die Großmutter ein zweites Mal auf ihn einredete, unterbrach der Alte sie harsch mit den Worten: „Aus'm Garten sind die. Und nu' gib Ruhe.“
Ich musste schmunzeln, war jedoch von dem Fakt verunsichert, dass der Alte mich offensichtlich immer noch anstarrte. Seine Augen waren dunkel wie Muttererde und wenn er sie zu schmalen Schlitzen zusammenzog – wie eben in diesem Moment – glichen seine Pupillen verbranntem Mutterboden, was einen sehr bedrohlichen Eindruck machen konnte, wenn man zu lange hineinstarrte.
Er trank einen Schluck von seinem Kaffee und schob den Schluck dann langsam von einer in die andere Wange.
Dann kniff er die Augen ganz zu und sagte: „Mach 'n neuen Aufguss, Katinka. Der schmilzt, bevor ich ihn im Hals hab.“
Tanja schüttelte den Kopf und starrte mich verwirrt an.
„Die Kanne ist noch voll“, antwortete ich für sie. „Wir machen erst neuen, wenn der alte leer ist.“
Der Mann hustete und entledigte sich seiner Tüte Rüben, indem er sie auf die Theke warf.
„Himmel, was muss ich denn tun, um hier eine frische Tasse Kaffee trinken zu können?“
Ich begutachtete ausgiebig die volle Kanne der Maschine.
„Mindestens acht weitere bestellen.“
Der Alte hustete wieder und klopfte sich mit der Faust ans Herz.
„Katinka, neun Tassen Kaffee bitte.“
Tanja fragte den Mann, ob er sich denn sicher sei, dass er neun Tassen Kaffee vertragen konnte und er antwortete ihr: „Acht für das Spülbecken und den letzten reichst du mir, Katinka.“
„Tanja“, korrigierte Tanja.
„Nicht Tanja. Mir“, korrigierte der Alte.
„Tanja“ Meine ukrainische Saisonarbeiterin deutete mit beiden Händen auf ihr Dekolleté. „Ich. Tanja. Mich.“
Der Mann verdrehte die Augen und kramte seine Börse aus der hinteren Hosentasche. Er klatschte einen kleinen, roten Schein auf die Theke „Dann acht für die Spüle, einen für dich Mädchen und den letzten bringst du mir, ja?“
Tanja nahm das Geld entgegen und machte sich daran, die kalte Kanne Kaffee in den Ausguss zu entsorgen.
„Frauen“, sagte der Alte, in meine Richtung nickend. Ich zuckte mit den Schultern, als würde ich damit sagen wollen: Was will man machen.

Und als der alte Mann nach seiner Tasse Kaffee starb, behielt ich die Rüben. Die Chefin hatte nichts dagegen und die Notärzte hatten die Tüte nicht mitgenommen, als sie den Alten auf der Pritsche hinausgetragen hatten. Schon der Dritte diesen Monat. Und immer sind es orangerote Rüben. Irgendetwas stimmt nicht mit mir. Ich darf so nicht weitermachen. Aber jetzt gehe ich erst einmal nachhause, denn es ist Feierabend. Meine Zähne fahren durch das Fleisch der Karotte und es knackt mit jedem Biss, wie wenn Bäume umbrechen.

 

Moin, moin @sveniii ,

herzlich willkommen bei den Wortkriegern, schön, dass Du Dich an das Veröffentlichen einer Kurzgeschichte herantraust. Du hast Dich ja sicherlich schon umgesehen und weist, dass es uns um Textarbeit, also das Verbessern der Geschichten, das Dazulernen auf dem Gebiet des Schreibens und den Austausch über unser gemeinsames Hobby geht.
Hier kommt meine ganz subjektive Meinung zu Deinem Text.

„Einen Kaffee“, sagte der alte Mann mit dem Sack voll Rüben über der Schulter. Es war eigentlich kein Sack, sondern viel eher eine relativ dünne, durchsichtige Plastiktüte mit rotem Schnürrband.
ich finde erste Sätze sehr wichtig, sie sollen den Leser neugierig machen, ihn aber eventuell auch einfach verorten und eine Rahmen stecken. Deine finde ich absolut in Ordnung, nur der zweite haut mich dann einfach um.
Da sind zum ersten die besser zu meidenden Füllwörter, sie blasen nur auf, schwächen den Satz, versuche es doch mal ohne. Ob man für die Beschreibung einer Tüte gleich drei Adjektive braucht ist wohl eher Geschmackssache. Als Leserin versuche ich mir ja ein Bild zu machen und ich komme umso besser in die Geschichte rein, je eindeutiger der Start ist. So habe ich mir jetzt einen Sack vorgestellt (Jute, grob, groß) um sofort umschalten zu müssen. Siehst Du mein Problem?

wie ein Seemann der seinen Seesack etwas fester anpackt, da wo die Mädchen an den Hafenkanten sitzen,
Okay, eigentlich ist es heute gar nicht soooo heiß. Was möchtest Du mir sagen, zeigen? Vielleicht entschachtelst Du den Satz einfach etwas?

Gestern_abend
Dein Text ist hinsichtlich der Rechtschreibung fast Fehlerfrei, aber zwei Kleinigkeiten sind Dir durchgerutscht. Der Schür(r)haken ganz am Anfang hat auch einen Buchstaben zuviel. Bei den Kommas bin ich leider selbst eine Analphabetin ...

Der kleine Eimer bitte
Gefühlt: Den kleinen Eimer bitte!

Seine Augen waren dunkel wie Muttererde und wenn er sie zu schmalen Schlitzen zusammenzog – wie eben in diesem Moment – glichen seine Pupillen verbranntem Mutterboden,
schön, dass Du nach Vergleichen und Bildern schaust. Aber dieser erscheint mir nicht wirklich kreativ. Die Fastdopplung macht ihn eher unschön. Schau mal, Dir fällt bestimmt noch etwas besseres ein ...

„Tanja“, korrigierte Tanja.
„Nicht Tanja. Mir“, korrigierte der Alte.
„Tanja(!)“ Meine ukrainische Saisonarbeiterin deutete mit beiden Händen auf ihr Dekolleté. „Ich. Tanja. Mich.“
Der Mann verdrehte die Augen und kramte seine Börse aus der hinteren Hosentasche. Er klatschte einen kleinen, roten Schein auf die Theke „Dann acht für die Spüle, einen für dich Mädchen und den (L)etzten bringst du mir, ja?“
Tanja nahm das Geld entgegen und machte sich daran, die kalte Kanne Kaffee in den Ausguss zu entsorgen.
„Frauen“, sagte der Alte, in meine Richtung nickend. Ich zuckte mit den Schultern, als würde ich damit sagen wollen: Was will man machen.
Den Dialog finde ich recht gut, Feinschliff geht ja immer. Aber allmählich frage ich mich schon: Warum zum Henker erzählt mir das hier einer. Wann kommt die Geschichte?

Die Chefin hatte nichts dagegen und die Notärzte hatten die Tüte nicht mitgenommen, als sie den Alten auf der Pritsche hinausgetragen hatten.
unschöne Häufung , meist kann man mit etwas "Möbelrücken" schon gewinnen.
Spontan, ohne viel Überlegen: Die Notärzte trugen nur den Alten auf der Pritsche hinaus und die Chefin hatte nichts dagegen.

Schon der Dritte diesen Monat. Und immer sind es orangerote Rüben. Irgendetwas stimmt nicht mit mir.
Äh! Okay, ich mag mal eine Pointengeschichte, aber hier behältst Du diese ja sogar noch für Dich.

Meine Zähne fahren durch das Fleisch der Karotte und es knackt mit jedem Biss, wie wenn Bäume umbrechen.
mit den Zähnen durch etwas fahren, sie also hindurchziehen, es durchschneiden, setzt eine weiche Masse oder geschliffene Zähne voraus - da es danach knackt, würde ich ein anders Wort wählen - hineinschlagen, knabbern, o.ä

Tja, Svenii, irgendwie gab es jetzt nur technische Hinweise, zu Deiner Geschichte kann ich nicht viel sagen, denn es ist noch keine da! Gib Deinem Prot ein Gesicht (nicht nur ein toll beschriebenes Gepäckstück). Ein bisschen mehr Handlung schadet bestimmt auch nicht, tja und dann wolltest DU ja am Ende eine Pointe bringen ...
Ich würde mich freuen, nochmal reinzuschauen, wenn Du ein wenig nachlegst.
Bearbeiten einfach, indem Du unter dem Text links auf das blaue BEARBEITEN drückst.

Es hilft wirklich viel, wenn man sich mit anderen Geschichten auseinandersetzt, seine Meinung dazu formuliert und begründet. Und andere Autoren freuen sich halt auch über Feedback ...
Beste Wünsche
witch

 

Hallo @sveniii

ich hatte mir schon einen Kommentar zum Text zurecht gelegt und muss nun erkennen, dass greenwitch alles angesprochen hat, was mir aufgefallen ist. Der ungünstige Anfang, der leichte Verwirrung stiftet. Das mit der Muttererde - ein schönes Bild, das aber nicht schöner wird, wenn Du es wiederholst. Und das Ende dürfte etwas aufklärender sein. Anscheinend sorgt die Protagonistin für ein vorzeitiges Ableben von Gästen, die Rüben mit sich herumtragen.
Also ich mag es ja skurril, aber das ist dann doch zu weit weg von Logik und Glaubwürdigkeit. Selbst in absurden Konstellation, sollte eine erkennbare Aussage stecken. Zum Beispiel: Die gelben Schuhe bei "Der Besuch der alten Dame". Oder die völlig überzogenen Figuren bei "Anhalter durch die Galaxis". Mir fehlt vor allem die Motivation der Mörderin. Ist sie einfach nur durchgeknallt? Dann fehlt aber trotzdem ein Hinweis darauf und auf mögliche Ursachen. Wurde sie als Kind von Männern mit Rübensäcken belästigt? War ihr despotischer Vater ein Rübenhändler?
Was mir an dem Text sehr gut gefällt, ist die humoristische Färbung, die nicht zu dick aufgetragen wird. Du benutzt keine abgedroschenen Formulierungen und die Figuren wirken echt und lebendig. Ich kann mir sowohl Tanja als auch den Alten sehr gut vorstellen. Nur die Ich-Figur bleibt leider sehr unscharf.
Dass der Text noch ein wenig humpelt, liegt an Unsauberkeiten, die beim Bearbeiten leicht zu bereinigen wären.
Etwas schwieriger könnte es sein, Dir selbst klar zu machen, was die Essenz der Geschichte sein soll und das dann mit Hilfe eines erkennbaren roten Fadens auch dem Leser zu verdeutlichen.

Schönen Gruß!
Kellerkind

 

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