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  • Macht bis zum 15.08.2020 mit bei der ersten jährlichen Sommer-Challenge für Kindergeschichten: Zielgruppe Krümel.

Ouzo im Tank

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Ouzo im Tank

Frauen, sagte Alexis, und der kannte sich mit denen aus, hatte sogar eine geheiratet, wunderschön war die, fast zwanzig Jahre jünger als er, aus Ljubljana. Frauen, sagte Alexis, der alte Grieche, Mensch gewordene Weisheit also, Platon, Sokrates, ich wusste Bescheid. Frauen, sagte Alexis, riechen mit ihrer Nase. Er tippte gegen seinen markanten Zinken, zweimal, mit dem Zeigefinger auf den Nasenrücken. Frauen, sagte Alexis, riechen mit ihrer Nase, wenn ein Mann nach Unschuld stinkt. Frauen riechen die Jungfrau, und das törnt sie ab. Frauen wollen den erfahrenen Bock, das war schon immer so. Frauen, sagte Alexis, ticken da anders als Männer. Für Frauen ist ein junger Mann etwas, das man streicheln kann, hübsch anzusehen, etwas, das sie an der Leine Gassi führen, um damit vor ihren Freundinnen anzugeben. Aber wenns ums Bett geht und die Vorhänge zugezogen werden, wollen alle Frauen den erfahrenen Rammler, den Veteranenpenis, der Sex zum Triumph für beide Seiten werden lässt. Den Penis des alten Haudegen, der viele Mösen gesehen hat, und weiß, wie er stoßen muss, um zu stechen, den wollen die Frauen, keinen unschuldigen Adonis, der ihnen nach fünf Minuten das Bettlaken vollkleckert ...
Alexis schenkte uns Ouzo nach, für ihn ein Stückchen Identität, für mich der kostenlose Rausch.
Jamas, sagte Alexis. Jamas, sagte ich, und wir stießen an. Auf die Frauen, sagte Alexis. Auf die Frauen, sagte ich, und wir tranken. Es war ein griechisches Lokal, Familien aßen dort zu Abend, aber Alexis kannte den Inhaber, und ich war kein Malaka, wie er Jannis erklärt hatte; wir besoffen uns unauffällig an einem ungedeckten Ecktischlein.
Frauen, sagte Alexis, haben feine Nasen, und du tust mir leid, weil du so jung bist, und ihre Mösen austrocknen, wenn sie deine Jungfräulichkeit riechen. In deinem Alter bin ich in den Puff gegangen, um den Gestank loszuwerden. Es ist auch die einzige Möglichkeit, um als junger Mann seine Jungfräulichkeit zu verlieren, in den Puff gehen, das sag ich dir, tu das, ansonsten legst du nie eine flach. Frauen können sich aussuchen, von wem sie sich entjungfern lassen, Männer müssen dafür bezahlen, so ist das. Du tust mir wirklich leid, Frauen rümpfen bei deinem Anblick die Nase, und da kannst du noch so hübsche blonde Löckchen haben; ein Penis, der Frauen anspricht, ist ein Penis, der in mindestens einer Möse gesteckt hat, eine Möse brauchst du nur, darin musst du investieren, fünfzig, hundert Euro, ich versprech dir, die beste Investition deines Lebens, danach steigen deine Chancen von null auf, sagen wir, fünf Prozent, eine Frau flach zu legen, ohne dafür bezahlen zu müssen, aber mit jeder Frau, die du flach legst, steigen deine Chancen weiter, immer mehr und noch mehr Frauen flach zu legen. Alles eine Frage des Geruchs. Mein Penis duftet nach fünfhundert Mösen, wie gesagt, ein Veteranenpenis, ohne diesen Penis wäre ich jetzt nicht mit der schönsten Frau der Welt verheiratet, da die schönste Frau der Welt geschnuppert hat, wie begehrenswert mein Penis duftet, und eine Frau begehrt nur, was andere Frauen begehren. Und angefangen hat alles mit einem Puffbesuch, das hat meine Karriere gestartet, wenn man so will, ich erinner mich sogar noch an ihren Namen, Tanja. Jamas!
Jamas, sagte ich und hielt mein Glas hoch.
Auf Tanja, sagte Alexis. Auf Tanja, sagte ich. Und wir tranken auf die Nutte. Dann sass ich im Auto und fuhr von der Landstraße auf die Autobahn Richtung München. Ich dachte an Alexis, der als Stürmer begonnen hatte, dann mit den Jahren aus dem Mittelfeld auf die Liberoposition durchgereicht worden war, und jetzt unser Tor hütete. Und ich dachte an seine hübsche Frau, die Slowenin, die immer am Seitenrand stand und so unnahbar wirkte, und immer nach dem Spiel, egal ob bei Sieg, Niederlage oder Unentschieden, Alexis um den verschwitzten Hals fiel, ganz hingebungsvoll und grazil, geschmeidig wie eine Schlange ...
Aber jetzt war ich Stürmer beim TSV, und ich drückte die Nadel auf hundertsechzig, mehr gab der Honda nicht her. Ich hielt das Lenkrad mit beiden Händen, da ich wusste, ich war besoffen. Alle Fenster runtergekurbelt, Motörhead laut gedreht, fuhr ich bei der Tankstelle raus, kaufte Red Bull, und hob am Geldautomaten fünfhundert Euro ab, bereit, wuchtig in meine Zukunft zu investieren. Ich dachte an Babsi, wie ich sie im JJ1 treffe, und ihre Augen sich weiten, wenn sie den Geruch meiner Entjungferung wittert. Diese vor Geilheit geweiteten grünen Augen stellte ich mir immer und immer wieder vor, das Beben ihrer Nasenflügel, bis das Schild auftauchte: Landeshauptstadt München.
Ich drosselte das Tempo und rollte mit hundert hinein. Dann war ich auf achtzig, sechzig, fünfzig, schaltete runter in den dritten Gang und kroch durch die Nacht. Ich hielt Ausschau nach rosa Neonröhren, Frauen in kurzen Röcken und hochhackigen Schuhen, Männern, die aussahen, als wären sie auf dem Weg in den Puff. Ich wusste, irgendwo in München gab es einen Puff, irgendwo in München musste es einen Puff geben - ein Straßenstrich, das wäre ideal.
Ich drehte Motörhead leiser, weil ein BMW-Fahrer bei Rot neben mich rollte und mir den Scheibenwischer machte. Nur nicht auffallen. Ich kurbelte die Fenster hoch. Hinter mir hupte es. Ich sah auf die Ampel. Grün, dann Gelb, dann Rot. Mein Hintermann hupte weiter, dann scherte er aus und rollte neben mich, zeigte mir den Finger. Es war eine Frau, und ich sah durch das Seitenfenster auf ihre Lippen, die sich bewegten. Stunde hundert Euro, Süsser erklang es in meinem Kopf, und bei Grün heftete ich mich an ihr Heck. Eine Blondine also, im fortgeschrittenen Alter zwar, aber das waren die meisten Frauen. Ich sah auf die Rücklichter ihres Kleinwagens, ein Opel Corsa, dagegen war mein silberner Honda eine Jacht. Vielleicht war sie gerade auf dem Heimweg von der Arbeit, hatte irgendein Großraumbüro geputzt, und jetzt versuchte sie Freier am Münchner Ring aufzugabeln, um ihr Gehalt aufzupäppeln. Von der Masche hatte ich zwar noch nie was gehört, es war wie Entern auf hoher See, aber ich ließ mich in Schlepptau nehmen. Meine Nutte blinkte, ich blinkte auch und gab ihr die Lichthupe, um anzuzeigen, dass ich verstand, was sie vorhatte. Sie bog ab, ich fuhr ihr nach.
Pflasterstraße jetzt, humpelnd ratternde Reifen, Rechts-vor-Links-Verkehr, Stoppschilder und Einbahnstraßen, dazu Straßenbahngleise, zickfach verzweigte Kreuzungen, überall Verkehrsschilder, die ich noch nie gesehen hatte, und enge Gässchen, zusätzlich verengt durch geparkte Autos mit eingeklappten Seitenspiegeln.
Ich musste abreißen lassen, ich war Landstraßen gewohnt, Traktoren überholen, Füchse überfahren, damit kannte ich mich aus. Ich hupte, aber die Piratennutte hupte nicht zurück, vielleicht hatte sie meinen jungfräulichen Ständer durch das Abgas gerochen.
Ich wollte zurück auf den Münchner Ring und versuchen, einen Lastwagen zu finden, dem ich hinterherfahren konnte. Fernfahrer wussten bekanntlich, wo die Nutten waren. Und sollte ich in Tschechien landen, auch gut, ich hatte gehört, da war es billiger. Stattdessen gelangte ich an einen Stadtpark, Büsche, Bäume, reichlich Verstecke für das heimliche Geschäft mit der Liebe. Ich drückte den Warnblinker rein, sprang aus dem Auto, und sah hinter einem Busch nach, der mir besonders verheißungsvoll erschien. Und tatsächlich, da lagen zwei, in Schlafsäcken, allerdings mit bärtigen Gesichtern und ich verdrückte mich wieder. Ich sah noch hinter zwei, drei Bäumen nach, aber dann wurde es mir zu finster dort, außerdem wollte ich meine Unschuld in einem Bett verlieren, das ging mir jetzt auf, und nicht wälzend auf einem stockfinsteren Waldboden, nein, ich war ein Freier mit Anspruch, saubere, weiße Bettlaken, das sollte es schon sein, auch wollte ich mit eigenen Augen sehen, bei Rotlicht, wie mein Schwanz in der Möse verschwand, und entjungfert wieder auftauchte.
Es rumste, ich war gegen den Bordstein geschrammt. Ich fasste das Lenkrad wieder mit beiden Händen und überlegte, gleich direkt nach Tschechien zu düsen, je früher, desto besser, diese Unternehmung musste man starten, solange man die Eier dazu hatte.
Dann sah ich das blinkende, neonpinke Wort: OPEN. Endlich! Ich fand auch gleich einen Parkplatz, stieg aus und ging rein. Aber statt Nutten gab es da drin nur Bier, Schnaps, Chips und Tabak zu kaufen. Hinter der Theke stand einer, der war nur wenig älter als ich, trotzdem wollte er meinen Ausweis sehen. Ich steckte die Packung Marlboro in die Hosentasche, griff mir das Augustiner und klemmte es unter den Arm. Beides hatte ich nur gekauft, um durch den getätigten Handel eine persönlichere Beziehung herzustellen. Jetzt war ich Kunde, sein Kunde, und er war Verkäufer, mein Verkäufer. Und jetzt, da wir so erfolgreich Waren gegen Geld getauscht hatten, bat ich ihn um Auskunft.
Einen Puff?, sagte mein Verkäufer. Klar gibt’s nen Puff in München. Ist sogar gleich einer in der Nähe, das Thai Paradies. Musst nur die Straße weiter, dann links abbiegen … Ist n gelbes Haus … Gegenüber vom Tengelmann.
Ich sprang ins Auto und fuhr los. Thai Paradies klang gut, klang sogar sehr gut. Glöckchen bimmelten. Thai Paradies. Ich dachte an Palmen, Strand, türkisblaues Meer, schwarzes, seidenglattes Haar, kleine, runde Hintern, schlanke Beine, rosa Strapse, buschige Mösen, und eine goldene Buddhastatue auf dem Nachtkästchen, die selig grinste. Ich grinste auch, und bog am Ende der Straße links ab. Ich hielt Ausschau nach einem gelben Haus und dem Tengelmannzeichen, dann nur nach dem Tengelmannzeichen, da die Häuser bei Nacht alle gleich aussahen, grau und rechteckig, mit einem Dreieck als Dach obendrauf. Ich gelangte an eine Kreuzung, und überlegte, ob ich hier geradeaus weiterfahren, oder links oder rechts abbiegen müsste. Ich bog links ab, da ich mir sicher war, mein Verkäufer hatte etwas von links abbiegen gesagt. Dann bog ich wieder links ab, und noch mal, und dann sah ich es wieder neonpink blinken: OPEN.
Was gut war, da ich noch Kondome kaufen wollte. Dazu könnte ich meinen Verkäufer noch mal nach dem Weg zum Thai Paradies fragen. Ich stieß die Ladentür auf und schritt zur Theke, bewegte die Lippen, die Zunge dazu, und die Wörter trudelten heraus, zwitschernd, trällernd, wie Rotkehlchen.
Also hör mal, erstens bin ich nicht dein Kumpel, sagte mein Verkäufer. Und zweitens verkauf ich dir kein Bier mehr, auch keine Kondome, du bist ja sternhagelvoll. Geh heim und schlaf deinen Rausch aus, und vor allem, geh zu Fuß! Steigst du wieder in dein Auto, ruf ich die Polizei!
Das war hart, wie ein Schlag in den Bauch. Ich zückte einen Fünfziger und schob ihn begleitet von wohlbedachten Worten über die Theke.
Wenn du unbedingt Ärger willst, sagte mein Verkäufer kopfschüttelnd. Er griff unter die Theke, schob eine Visitenkarte neben den Fünfziger, dann war der Fünfziger verschwunden und ich krallte mir die Visitenkarte. Thai Paradies stand darauf, in geschwungenen, gelben Buchstaben. Man sah auch einen nackten Frauenkörper ohne Gesicht. Angewinkeltes Knie, Silikontitten, schwarzes, seidenglattes Haar. Auf der Rückseite war der Ausschnitt eines Stadtplans abgebildet, man sah das Tengelmannzeichen, und gegenüber, auf der anderen Straßenseite, prangte ein rosa Herzchen. Ich steckte die Visitenkarte in meinen Geldbeutel und ließ dabei einen Fünfziger auf den Boden flattern. Ganz wie aus Versehen. Ganz abgeklärt und abgezockt.
Schweigegeld.
Dann verließ ich den Laden, stieg in mein Auto und fuhr los. Als ich auf die Autobahn Richtung Salzburg einbog, fühlte ich mich, als hätte ich alle ausgetrickst, meinen Verkäufer, die Polizei, die Nutten im Thai Paradies, ja, sogar Gott. Ich beschleunigte auf hundertsechzig, und preschte unaufhaltsam dem Ende der Nacht entgegen. Alles in allem war es ein erfolgreicher Ausflug gewesen. Ich wusste jetzt, wo das Thai Paradies war, und konnte es in den nächsten Tagen besuchen, um meine Jungfräulichkeit abzustreifen. Aber noch viel besser war die Einsicht, dass ich so vernünftig war. Selbst im Rausch dominierte mein Geist über meine Triebe. Ich stellte mir vor, wie die Bullen jetzt noch vor dem Thai Paradies darauf lauerten, dass ich um die Ecke bog, damit sie mich einbuchten konnten. Aber da konnten sie lange warten, ich war auf dem Heimweg, zum Haus meiner Eltern, meiner Kinderstube, bereit, ins Bett zu fallen. Vielleicht würde ich mir noch einen runterholen, sicher würde ich mir noch einen runterholen …
Dann zischte etwas Rotes rechts an mir vorbei. Es war ein VW Golf. Ich sah auf den Tacho, ich war auf hundert runter, trotzdem kein Grund, mich rechts zu überholen. Ich beschleunigte, und es begann leicht zu nieseln. Das Gaspedal durchgedrückt, sah ich die Rücklichter des Arschlochs näher kommen. Ich drehte Motörhead lauter, kurbelte das Fenster runter, und spürte die Regentropfen auf meinem Unterarm. Kurz bevor ich das Arschloch überholte, zog er nach links, und ich sah seine Bremslichter aufleuchten. Ich drückte die Bremse und gab ihm die Lichthupe. Jetzt prasselte es heftig gegen die Windschutzscheibe, überall krabbelten und wuselten Wassertropfen, alles verschwamm in der nächsten Kurve. Ich sah Fetzen roten Lichts vor mir, das näher kam, schnell, rapide, mit gesenkten Hörnern, drückte die Bremse durch und verriss das Steuer. Ich spürte diesen kurzen Moment der Schwerelosigkeit vor dem Aufprall, dann Krachen, Scheppern, und ein Schlittern kopfüber in den Graben.

Fein, alles war weiß. Die Wände, die Menschen, das Licht, so hatte ich mir das Paradies vorgestellt. Petrus leuchtete mir mit einer Lampe in die Augen, und ich folgte dem Licht. Ich sah fünf nackte, schlanke Beine baumeln, aber nur eine Thai, die auf der Wolke sass. Ich zählte die Zehen, zählte fünfundzwanzig Zehen, zählte fünf große Zehen, zählte fünf Füße, multiplizierte fünf mit fünf und kam auf fünfundzwanzig. Ich betrachtete die Nägel, die rot lackiert waren, fünfundzwanzig rot lackierte Zehennägel, die von einer Wolke baumelten; wippende Füßchen mit schneeballrunden Knöcheln, Achillessehnen wie Harfensaiten, schillernde Tautröpfchen tropften von den Fußsohlen ab und klimperten auf meinen Brustkorb. Ich hustete, und begann mit den Armen zu rudern, diese Wolke da, die musste ich nur erreichen, das wusste ich, dann wäre ich hinüber.
Er ist wach, hörte ich eine Stimme. Meine Augen waren ganz verklebt, aber irgendwie stemmte ich die pappige Geschichte auf. Da war ein Gesicht, umrahmt von blonden Locken, mit roten Lippen, prall aufgepumpt wie Schwimmflügel. Ich wandte den Kopf, sah in ein anderes Gesicht, schwarzes Haar umrahmte das; ne sprudelnde Ölquelle war das. Es sah jung aus, das Gesicht, spitze Nase, ein Kinn wie Zeus. Dann spürte ich den Druck an meinem linken Oberarm, und fasste gegen die Manschette. Ganz ruhig, ganz ruhig, tönte es besänftigend aus den Schwimmflügeln. Die Julia misst ihnen nur den Blutdruck. Ganz ruhig ...
Ganz ruhig, das war doch mal eine Ansage, da konnte man sich gleich entspannen, ganz ruhig, die Worte flüsterte man Hengsten ins Ohr, bevor man sie sattelte. Ich richtete mich im Bett auf und schrie etwas, auch weil ich einen Schmerz in der linken Schulter verspürte. Petrus wurde dazu gerufen, und der erklärte mir, ich hätte verdammtes Glück gehabt. Gehirnerschütterung und gebrochene Schulter, gerader Bruch, braucht keinen Gips, wächst von selbst wieder zusammen. Trotzdem mussten sie die Blutproben den Polizeibeamten mitgeben. Sie können sich auf was gefasst machen, sagte Petrus. Das Fegefeuer, klar. Außerdem seien meine Eltern informiert, sie seien sofort aufgebrochen, extra wegen mir, jeden Augenblick würden sie hier sein. Das war allerdings schlimm. Ich sackte zusammen, sehr zur Freude von Petrus.
Dann kamen meine Eltern. Es war wie immer, vielleicht die klassischste Familienkonstellation überhaupt, so oft hatte die Natur das geprobt, dass sie das Modell schließlich in Serienproduktion gab. Mein Vater hämmerte mit Vorwürfen auf mich ein, während meine Mutter mich aus tränennassen Augen besorgt ansah. Und am Ende der Anklage musste der Sohn nur versichern, er habe seine Fehler eingesehen. Die Mutter glaubte das natürlich sofort, und warf sich schluchzend um den Hals ihres lieben Sohnes, während der Vater im Hintergrund lauerte, misstrauisch, aber dem Familiensegen wegen versöhnlich gestimmt.
Drei Tage später auf dem Schrottplatz flennte meine Mutter wieder aus allen Rohren, als sie den zermatschten Honda sah. Ich fragte den Schrotthändler, wo mein Autoradio und die ganzen CD´s abgeblieben seien. Keine Ahnung, meinte der Schrotthändler, er wisse von keinem Autoradio, der Gauner. Wegen der Heulerei meiner Mutter musste ich den Hondaschrott für hundert Euro verscherbeln.
Auf dem Heimweg, ich sass auf dem Beifahrersitz, meine Mutter lenkte den VW Caddy, kehrte meine Mutter wieder ihre mystische Ader hervor. Ich glaube, sagte meine Mutter, du hast den Unfall nur überlebt, weil meine Eltern als Schutzengel im Himmel über dich gewacht haben.
Ich konnte grausam sein, ich klatschte Fliegen in den Tod, ohne mit der Wimper zu zucken, aber so grausam war ich dann doch nicht, ihr diese Fantasie abzustreiten. Ich sah auf ihre zarte, mit Muttermalen übersäte Hand, die den Steuerknüppel umklammerte, und legte meine Hand darüber. Ich hörte, wie sie tief durchatmete.
Weitere drei Tage später, sechs Tage also, nachdem ich aus dem Krankenhaus Bogenhausen entlassen worden war, traf ich Alexis beim Griechen. Ich war dort mit Babsi, um einen Kaffee zu trinken und zu plappern. Sie plapperte ständig von ihrem Freund, und plapperte davon, wie sehr sie ihn liebt, und plapperte davon, dass sie sich eigentlich gar nicht sicher sei, ob sie ihn so sehr liebe, wie sie glaubt, und dann plapperte sie, ihr Freund sei eben sieben Jahre älter als sie, und viele Dinge könne er eben gar nicht nachvollziehen, da er eben sieben Jahre älter sei als sie, und nicht wie ich, im gleichen Alter wie sie. Und manchmal denkt sie, ich würde sie viel besser verstehen. Und Geplapper und Geplapper, jedenfalls lief es gut, in die richtige Richtung, das Gefühl hatte ich.
An der Pissrinne traf ich Alexis.
Ich hab gehört, du hast nen Unfall gebaut, sagte Alexis. Auf der Autobahn. Scheiße, ich hab gedacht, du fährst nach Hause an dem Abend. Dann spürte ich Alexis Hand im Nacken, sie drückte mir in den Muskel - das tat weh. Besoffen darfst du nicht Auto fahren, Greg, sagte Alexis, schon gar nicht in den Puff, besoffen fährt man nur nach Hause, kapiert!
Ich nickte.
Gut, sagte Alexis und lockerte seinen Griff. Frauen, sagte Alexis dann. Frauen plappern, das ist Tatsache, sie plappern mit ihren Freundinnen, das beobachtet man überall. Aber wenn Frauen mit Männern plappern, dann ist die Möse feucht. Das ist die Regel. Die Frau, mit der du hier bist, ist das die Babsi, oder, von der du mir erzählt hast?
Ich nickte wieder.
Die plappert ständig, sagte Alexis, ich hör der ihre Stimme bis vor zum Tresen. Die ist geschmiert, da gleitest du ganz leicht rein, bis vor zum Törchen, hinter dem die Kinder gebaut werden. Musst nur den ersten Schritt tun, dann schmilzt sie wie ne Schneeflocke in deiner Hand.
Ich zog den Reißverschluss hoch, packte meinen Schwanz ein. Alexis klopfte mir auf den Hintern. Hol Sie dir, Greg! Die hats nötig, das sieht man der an, sagte er. Das war wie vor einem Fussballspiel, Alexis der Motivator, unser Torhüter. Am Tresen bestellte ich einen Capuccino und ein Bier.
Funkelnd grün, glitzernd, leuchteten Babsis Augen, als ich den Cappuccino vor sie hin stellte, und mich am Bier festhielt, während ich mich hinsetzte. Und da war ihr Lächeln, ihre Grübchen, sternchenförmig strahlten die über ihre rosigen Wangen. Dann begann sie zu plappern, darüber, wie gut wir uns verstehen, und dass sie überhaupt nicht versteht, warum sie sich mit ihrem Freund überhaupt gar nicht versteht, obwohl sie ihn ja liebt, ja, sie liebt ihn, sie liebt ihn, sie liebt ihn …
Ich tat den ersten Schritt, und berührte unter dem Tisch ihren Fuß, und das wars dann. Sie roch meinen Jungfrauenschwanz und zog das Bein weg.
Dann plapperte sie weiter. Später brachte ich sie zum Bahnhof, und sah dem Zug nach, bis er um die Kurve verschwunden war. Dann ging ich zurück zum Griechen, aber nur, um ein Bierchen mit Alexis zu trinken; von Ouzo hatte ich erst mal die Schnauze voll, da konnte der Grieche noch so viele Weisheiten scheißen. Wenn ich beim Bier blieb, wäre ich gegen seine Ratschläge immun, da war ich mir sicher.
 
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10.09.2014
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Hola @balon,

es kann nur ein Grieche sein, sich die richtigen Gedanken zur Welt zu machen; Genpool halt. Ich habe einen Riesenspaß beim Lesen, ich mag‘s saftig, kernig, kräftig. Genau mein Geschmack.

Nachdem sich die beiden der zweiten Flasche widmen, faselt Alex aber ziemlich konfus und eiert im Kreis. Da überkam mich (nach der Hälfte des Textes) fast ein wenig Überdruss, denn einem Besoffenen zuzuhören, ist genauso doof wie dessen Theorien mit dem langen Bart – nicht dass die falsch wären, ganz im Gegenteil – ich teile sie, aber um altbekannte Sachen:cool: so viel Gewese zu machen, ist bisschen wenig. Es langweilt den Leser, besonders den erwachsenen.

… wir besoffen uns unauffällig an einem ungedeckten Ecktischlein.
Die beiden haben Stil. Ich hab zwar gemeckert, aber der alte Grieche ist ja der Finanzier des Abends – folgerichtig hat ihm der Nassauer auch zuzuhören. Also Du – der Autor – hast alles richtig gemacht.

… die Slowenin, die … … Alexis um den verschwitzten Hals fiel, ganz hingebungsvoll und grazil, geschmeidig wie eine Schlange ...
Viel Geld riecht wohl anziehender als der Zebedäus von Alexis. Jedoch fehlt’s dem noch an (echter) Reife.

Frauen, hatte Alexis gesagt. Frauen wollen flachgelegt werden. Darin unterscheiden sie sich von Männern, Männer wollen flachlegen. Und es besteht ein Unterschied zwischen flachlegen wollen, und flachgelegt werden wollen. Als Mann muss man oben liegen.
Hier glaube ich, dass diese Wiederholung den Text unnötig zieht, schließlich ist es egal, ob Alexis labert oder der Prota dessen Labereien denkt – der Leser liest es quasi zweimal.

Sechskommasechsundsechzig Mösen pro Tag also. Wäre machbar für mich.
Wieviele Pillemänner hat Dein Prota? Okay, er ist ist dun – aber so doof? Das Problem dieses Rechenexempels ist die Befindlichkeit des Lesers, denn der fühlt sich nicht mehr ernstgenommen.

Leider vertieft sich dieser Eindruck:

Danach würde ich nach Deutschland zurückkehren, und Babsi zu einem Kaffee einladen, wir würden ein wenig plappern, ganz harmlos, regelrecht keusch schon, dann würde ich heimlich unter dem Tisch meinen Hosenstall aufziehen, und sie mit dem unwiderstehlichen Duft von zwanzig Mösen betören …
Haha, wie witzig. Doch ich werde bis zum Schluss lesen, wiewohl meine anfänglichen Sympathien schrumpfen. Denn besoffen oder nicht – so blöd kann nun wirklich keiner sein.

Tja, und dann, bei zweimal Tengelmann, hatte ich das Gefühl, die Geschichte dreht sich und dreht sich, der Autor sucht das Ende, doch vergebens. Noch ein ‚Knüller‘, noch fünfzig Euro in ’n Arsch – ach nee.
Du hast manchmal eine Art, Deinem Leser unausgereifte Sachen unterzubuttern:
Drei Tage später auf dem Schrottplatz flennte meine Mutter wieder aus allen Rohren, als sie den zermatschten Honda sah.
Nie im Leben bemüht sich die alte Dame zum Schrottplatz. Wofür denn?

Widerlich anzusehen, wie sich der Schrotthändler die Hände rieb.
Ein unsägliches Klischee – wenn Du das woanders lesen würdest … aber hallo!

Ich sah auf ihre faltige, mit Muttermalen übersäte Hand, …
Die Handrücken älterer Menschen sind gewöhnlich mit Pigmentflecken verunziert.

Ich hab gehört, sagte Alexis.
Kein guter Satz.
Trotzdem schreibst Du versiert. Und als ich es dann – fast wider Erwarten – zum Ende geschafft hatte, das gar nicht so verkehrt war:), dachte ich: Der balon sollte kürzen. Radikal.

Sein Text schleppt Tonnen von Zeugs mit sich, das niemand braucht, das die Geschichte nicht besser macht, sondern ganz im Gegenteil langgezogen und unattraktiv. Dabei gibt es schöne Sachen in Hülle und Fülle, nur hab ich den starken Eindruck, dass Du Deine Schreibkünste etwas unkritisch überwachst, von diesem furchtbaren ‚kill your darlings‘ ganz zu schweigen – wiewohl das an einigen Stellen notwendig wäre.

So, jetzt hab ich eine ganze Doktorarbeit geschrieben, doch das hat damit zu tun, dass ich zu Beginn hellauf begeistert war und selbstverständlich auf eine Wahnsinns-Story hoffte. Jetzt hoffe ich immer noch, denn das Potential ist ja vorhanden. Etwas einkochen, bis ein glänzender Sirup entsteht – dann passt es.

Trotz meiner Krittelei hab ich Deinen Text gern gelesen, und der Einstieg war für meinen Geschmack erste Sahne!

Beste Grüße!

José
 
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19.03.2019
Beiträge
32
ist genauso doof wie dessen Theorien mit dem langen Bart – nicht dass die falsch wären, ganz im Gegenteil – ich teile sie, aber um altbekannte Sachen:cool: so viel Gewese zu machen
Fühlt sich da jemand geschmeichelt?;)

Hallo @josefelipe

Erst mal vielen Dank dir fürs Lesen und den guten Kommentar. Kann gut nachvollziehen, wie die Geschichte auf dich gewirkt haben muss. Ich wollte einen flotten, kurzweiligen, leicht absurden Text schreiben, der sich zackig runterliest - wenn dich das stellenweise gelangweilt hat, schmerzt mich das schon, aber ich glaube, ich sehe jetzt auch die Redundanzen, die du angesprochen hast.
Frauen, hatte Alexis gesagt. Frauen wollen flachgelegt werden. Darin unterscheiden sie sich von Männern, Männer wollen flachlegen. Und es besteht ein Unterschied zwischen flachlegen wollen, und flachgelegt werden wollen. Als Mann muss man oben liegen.
Hier glaube ich, dass diese Wiederholung den Text unnötig zieht, schließlich ist es egal, ob Alexis labert oder der Prota dessen Labereien denkt – der Leser liest es quasi zweimal.
Hier hab ich gedacht, braucht es die Wiederholung, um zu zeigen, dass das Denken des Prots immer noch unter dem Einfluss des alten Griechen steht. Wahrscheinlich wird es aber auf die gesamte Textlänge zu oft wieder aufgewärmt ... Ich denk, da werd ich mit den Kürzungen ansetzen.
Sechskommasechsundsechzig Mösen pro Tag also. Wäre machbar für mich.
Wieviele Pillemänner hat Dein Prota? Okay, er ist ist dun – aber so doof? Das Problem dieses Rechenexempels ist die Befindlichkeit des Lesers, denn der fühlt sich nicht mehr ernstgenommen.
Naja, der muss ja nicht in allen gleichzeitig stecken; geht ja auch nacheinander. Aber ich versteh schon, was du meinst. Diese Stelle gehörte auch zu den wenigen, die ich bei der Überarbeitung als mögliche Streichung in Betracht gezogen habe - aber dann der Gedanke: Lass mal drin, und schau dir an wie es der Leser wahrnimmt ...
Leider vertieft sich dieser Eindruck:

Danach würde ich nach Deutschland zurückkehren, und Babsi zu einem Kaffee einladen, wir würden ein wenig plappern, ganz harmlos, regelrecht keusch schon, dann würde ich heimlich unter dem Tisch meinen Hosenstall aufziehen, und sie mit dem unwiderstehlichen Duft von zwanzig Mösen betören …
Haha, wie witzig. Doch ich werde bis zum Schluss lesen, wiewohl meine anfänglichen Sympathien schrumpfen. Denn besoffen oder nicht – so blöd kann nun wirklich keiner sein.
Das stimmt. Beim Schreiben musst ich darüber Schmunzeln, aber jetzt seh ich auch, dass es too much ist. Ich dacht mir, ich nehm den achtzehnjährigen Ich-Erzähler, der naiv und dumm sein darf, mach ihn zusätzlich noch besoffen, und dann kann ich rumspinnen wie ich will, ohne dass es völlig unplausibel wird ...
Du hast manchmal eine Art, Deinem Leser unausgereifte Sachen unterzubuttern:
Drei Tage später auf dem Schrottplatz flennte meine Mutter wieder aus allen Rohren, als sie den zermatschten Honda sah.
Nie im Leben bemüht sich die alte Dame zum Schrottplatz. Wofür denn?
Hier versteh ich nicht, was dein Problem ist? Sie fährt ihren Sohn zum Schrottplatz, weil der keinen Führerschein mehr hat; außerdem will sie den Schaden betrachten - wie schlimm der Unfall war.
Widerlich anzusehen, wie sich der Schrotthändler die Hände rieb.
Ein unsägliches Klischee – wenn Du das woanders lesen würdest … aber hallo!
Geb ich dir recht - ist auch gleich rausgeflogen.
Trotz meiner Krittelei hab ich Deinen Text gern gelesen, und der Einstieg war für meinen Geschmack erste Sahne!
Das freut mich!

Vielen Dank dir noch mal für deinen Kommentar. Empfand ich als sehr hilfreich.


Beste Grüsse
balon
 

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