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Reykjavik

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29.10.2017
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Reykjavik

„Ich kenne den Grund nicht, aus dem du zurückgekommen bist, und eigentlich glaube ich auch nicht, dass es einen solchen gibt. Mit größter Sorgfalt hast du dir deine eigene Welt konstruiert, die unentwegt um sich selbst kreist. Dort gibt es keinen Platz für deine Fehler, denn jede Entscheidung muss sich an den deinen messen lassen. Du bist dein Gott, und alles Abweichende ist weniger. Aber lass uns annehmen, es gäbe so etwas wie Reue in deiner Welt. Auch in diesem Fall fehlt deiner Rückkehr jeglicher Grund, denn mir hast du das alles nicht angetan. Ich kann dir nicht verzeihen, denn die Person, die du verlassen hast, die gibt es schon seit vielen Jahren nicht mehr. Es war ein kurzer Leidenskampf und mit dem Ende des Sommers endete auch er“.
Mit Bedauern klappte er seinen Laptop zu. Es war einer der Tage, an denen G. Stunden mit Schreiben verbracht hatte, ohne einen einzigen brauchbaren Satz auf dem Bildschirm zu hinterlassen. An solchen Tagen fehlte es ihm an jeglicher Assoziation mit seinem Selbst. Er fühlte sich so, als sei eine dünne Schicht Watte um sein Gehirn gepackt, die jegliche Verbindung zur Außenwelt gerade soweit abdämpft, dass alle Eindrücke plötzlich surreal und weichgezeichnet wirkten. Auch wenn seine Gedanken auf ihn in diesen Momenten schwerwiegend und bedeutungsvoll schienen, er hätte sie niemals in Worte fassen können, weil er gegenüber den Worten taub war. Er fühlte sich wie ein Maler, der wiederholt von wunderschönen Bildern träumt, doch dem beim Aufwachen schmerzlich bewusst wird, dass er sein Augenlicht schon vor Jahren verloren hatte.
Er blickte auf das Bild, das er vor langer Zeit gezeichnet hatte. Es zeigte seine damalige Liebschaft, wie sie an ihrem Schreibtisch saß und mit ernstem Gesichtsausdruck an einem Brief schrieb. Daneben der Brief. „An G.“ stand darauf, darin einige handgeschriebene Seiten, doch so er sie heute las, fehlte es ihnen an Bedeutung. Einige Worte darin konnte er entziffern, dann schien der Strom zum Fluss zu werden und die Sätze überschlugen sich. Einige Worte stachen ihm ins Auge und schienen für sich Sinn zu machen, aber so sehr er sich bemühte, das Gesamtbild blieb ihm verwehrt. So war es auch damals. Wirklich verstanden sie sich nie und niemand um sie herum verstand die Anziehung zwischen den beiden.
Sie war eine Künstlerin, konnte gut mit Menschen umgehen und liebte die Musik. G. machte das alles Angst. Er mochte die Musik, doch verstand er sie nicht und das gleiche galt wohl auch für die Menschen. Nur zu sehr wenigen Personen verspürte G. eine wirkliche Zuneigung, das waren jene, die mit ihm seine Interessen teilten, mit denen er über Literatur oder Wissenschaft diskutieren konnte. Alle anderen waren ihm zu kompliziert, das war auch der Grund, weshalb er kurz nach seiner Trennung Wien verließ und nach Reykjavik aufbrach. Es war sein erster Winter hier im Norden und er liebte die dunklen Monate. Hier war er allein mit seinen Büchern, mit seinem Computer und vor allem mit sich selbst. Es war wohl endlich an der Zeit, auch die Reste seiner Vergangenheit los zu lassen, aber ganz brachte er es noch nicht übers Herz. Und so schrieb er jeden Tag an seinem Abschiedsbrief an sie.
Ihr Bild als ständige Erinnerung in der ewigen Nacht Islands.

 
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Lieber orfeodrago,

ich begrüße dich bei den Wortkriegern.

Deinem zweiten Post entnehme ich, dass du auf Rückmeldung wartest.
Wenn es damit hakt, kann das im Moment mehrere Ursachen haben: Einige von uns sind noch mit der Fertigstellung ihrer Copywrite-Geschichten beschäftigt, andere mit den Antworten auf die Kommentare zu ihren schon geschriebenen Geschichten. So bleibt dann möglicherweise die eine oder andere Geschichte zur Zeit länger unbeachtet.

Natürlich kann es auch an der Geschichte selber liegen. So ging es nämlich mir. Ich habe deinen Text heute Vormittag gelesen und ihn unschlüssig, was ich von ihm halten soll, erst einmal zur Seite gelegt. Ich habe ihn einfach nicht verstanden. Nun habe ich ihn noch einmal gelesen und es geht mir eigentlich immer noch so. Ich begreife, dass da jemand nach Island gegangen ist, um die Trennung von einer Frau zu bewältigen.

Hier war er allein mit seinen Büchern, mit seinem Computer und vor allem mit sich selbst. Es war wohl endlich an der Zeit, auch die Reste seiner Vergangenheit los zu lassen (loszulassen), aber ganz brachte er es noch nicht übers Herz. Und so schrieb er jeden Tag an seinem Abschiedsbrief an sie.
Ihr Bild als ständige Erinnerung in der ewigen Nacht Islands.

Sprachlich machst du das recht gut. Aber allein dieser Schluss wirft bei mir einige Fragen auf, die ich mir aus deinem Text nicht beantworten kann:

Dein Protagonist schreibt jeden Tag Abschiedsbriefe, weil er die Vergangenheit loslassen möchte, aber dann sagst du, dass ‚er es noch nicht (ganz) übers Herz (brachte)’. Was bringt er nicht übers Herz? Das Loslassen? Da fehlt mir die innere Logik, ein Zwischenschritt, der mir deutlich macht, was du eigentlich sagen möchtest.

Und wie hängt dieser Schluss mit deinem Anfang zusammen:

„Ich kenne den Grund nicht, aus dem du zurückgekommen bist, und eigentlich glaube ich auch nicht, dass es einen solchen gibt. …“

Wer ist der Schreiber dieser Zeilen? Schreibt er das? Oder ist das ein Brief, den er beantworten möchte?

Mir scheint, du hast da schon eine Idee in deinem Kopf, möchtest erzählen, dass da jemand ans Ende der Welt (nach Reykjavik) geflohen ist, um hier seine Vergangenheit zu bewältigen. Aber die Details deines Textes – eine Geschichte ist es mMn nicht – vermitteln mir am Ende kein klares und nachvollziehbares Bild dessen, was ihn umtreibt, warum er sich getrennt hat, warum ihm dieses Abschließen mit der Vergangenheit so schwer fällt.

Ein paar Einzelheiten:

Dort gibt es keinen Platz für deine Fehler, denn jede Entscheidung muss sich an den deinen messen lassen.
‚an den deinen’ bezieht sich worauf? ‚deine Fehler’? Sehr unklare Formulierung.

An solchen Tagen fehlte es ihm an jeglicher Assoziation mit seinem Selbst.
Das verstehe ich gar nicht.

Es zeigte seine damalige Liebschaft, wie sie an ihrem Schreibtisch saß und mit ernstem Gesichtsausdruck an einem Brief schrieb. Daneben der Brief. „An G.“ stand darauf, darin einige handgeschriebene Seiten, doch so er sie heute las, fehlte es ihnen an Bedeutung.

Auch diese Sätze sind für mich verwirrend und ihre Aussage erschließt sich mir nicht.

Wirklich verstanden sie sich nie und niemand um sie herum verstand die Anziehung zwischen den beiden.
Auch hier packst du zwei Gedanken in einen Satz: Sie verstanden sich nie und die anderen verstanden ihre gegenseitige Anziehung nicht. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Er mochte die Musik, doch verstand er sie nicht und das gleiche galt wohl auch für die Menschen.
Auch hier wieder zwei Gedanken recht willkürlich miteinander verbunden: Er versteht die Musik nicht. Er versteht die Menschen nicht.

Fazit: Ich als Leser finde keinen Zugang zu der eigentlichen Geschichte, weil ich zu wenig oder zu verwirrende Informationen darüber erhalte, was eigentlich geschehen ist bzw. warum es deinem Protagonisten nicht gelingt, sich von seiner Vergangenheit zu lösen.

Lieber orfeodrago, geh doch noch einmal langsam über deinen Text und versuche dich in die Situation deines Lesers hineinzuversetzen. Der weiß nämlich am Anfang nichts, ist darauf angewiesen, dass du als Autor ihm ein klares Bild der Situation vermittelst.

Liebe Grüße
barnhelm

 

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