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Roundworm

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AWM

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Roundworm

Mavis ist wieder abgehauen und das ausgerechnet heute, wo sie mich zum Geschäftsessen mit den Leuten von Feyue begleiten muss. Auf dem Nachttisch klebt ein Zettel: „You never cared.“ Ich schreibe Boris auf Wechat, ob er Mavis gesehen hat, wälze mich aus dem Laken und setze mich auf die Bettkante. Das Bett riecht nach Schweiß und Scheide, aber so, dass es nicht unangenehm ist. Meine Haut im Gesicht spannt, ist warm und juckt.
Auf dem Weg ins Bad stolpere ich über eine DVD-Box von Fritz Lang, die Mavis aus dem Laden in der French Consession mitgebracht hat. Wie alle Chinesen bewundert Mavis „german culture“, die es ja so im Grunde nicht gibt und nie gab. Jedenfalls kommt sie jede Woche mit DVD-Bootlegs aus diesem Laden an. Und die fahren jetzt hier herum: Nosferatu, Metropolis, M und so was.
“Why did the germans stop making movies?“
“They did not.“


Ich stelle mich vors Waschbecken auf die Zehenspitzen und halte meinen Penis unter den Wasserstrahl, wippe vor und zurück und rubbele mit Daumen und Zeigefinger Mavis` getrockneten Schleim von der Eichel. Als ich meine Zahnbürste aus dem Badezimmerschrank hole, sehe ich, dass Mavis ihr Make-up dagelassen hat, was mich beruhigt, obwohl ich eh nicht geglaubt habe, dass sie serious war.
Zurück im Schlafzimmer blinkt das Lämpchen meines iPhones.
Boris schreibt: „Sind in der YKL. Mavis auch da. Sieht wasted aus. You had discussions?“
„Sie muss da weg“, schreibe ich.
„Easy. Die Cops räumen erst after 5. Bis dahin alles normal ;-)“
Ich nehme die Seiko Alpinist aus dem Uhrenhalter, ziehe mir eine beige Chino und ein weißes Leinenhemd aus dem Schrank und schlüpfe in meine Espadrilles.
Im Treppenhaus kommt mir Shuilian entgegen. Sie trägt eine Einkaufstüte vor ihren Brüsten, die ihr bis unter die Nase reicht und ihre Blaselippen verdeckt. Als ich an ihr vorbeigehe, senkt sie den Kopf und ich tue, als ob ich auf meinem iPhone chatte. Unangenehme Sache, das.

In der Yong Kang Lu flattern Banner an den Hauswänden. Darauf stehen Slogans: YKL stays und Whose street? Our street!
Boris und Thorben sitzen vor dem Funkadeli auf Barhockern. Sie trinken Negroni mit Orangenscheiben und bemerken mich erst nicht, weil Thorben irgendeinen Vortrag über Strafzölle und das chinesische Wirtschaftssystem hält. Sie haben glasige Augen und rote Gesichter, dabei ist es erst 1pm. Thorben hebt die Hand, ohne mich anzusehen und redet weiter: „Die Chinesen sind Nazis.“ Er legt eine Kunstpause ein, will eine Reaktion auf seine edgy These, aber ich verdrehe nur die Augen und Boris schaut einer Amerikanerin hinterher, die in Hotpants über die YKL torkelt. Amerikanerinnen sind die einzigen Frauen, die Hotpants entsexualisieren können, denke ich.
„Ernsthaft“, sagt Thorben. Er legt seine Hand auf meinen Unterarm. „Der Nationalsozialismus war ein Staatskapitalismus. Den haben die Chinesen übernommen.“
„Wo ist Mavis?“, frage ich.
„One drink, one answer“, sagt Boris.
Ich drehe mich zu ihm: „Ich habe heute Abend das wichtigste Geschäftsessen ever. Und ich kann nicht gut mit Chinesen. Ich brauche Mavis´ Begleitung.“ Ich brülle fast, als ich das sage.
„Die Native und der Westerner“, sagt Boris. „Wenn du bei ihr aufkreuzt wie ne gestochene Tarantel, wird sie defiant. I know her.“
„Setz dich. Wenn du ruhig und dizzy bist, gehst du zu ihr. Will be fine“, sagt Thorben.
Boris winkt eine blasse Chinesin heran. „Three negroni. Two ice cubes and two slices of orange each.” Er zwinkert mir zu. Ich ziehe die Marlboro Gold-Schachtel aus der Brusttasche, zünde mir eine an und muss husten.

Thorben nimmt sein iPhone. „Der Mayor hat heute nachgelegt“, sagt er zu mir und liest vor:
“Bao BingShulian said that Yongkang Lu was originally open for food markets, but that the area was never authorized to open any bars. `Commercial construction is not supposed to be destroying building structures, so Yongkang Lu will be included in comprehensive renovations, which will require owners to recover original house structures, adjust or cancel street businesses, as well as stopping alcohol businesses.´ He stated that Yong Kang Lu was Shanghai´s eyesore, where foreigners get drunk, fight and behave inappropriately.”
Thorben legt das Smartphone auf den Tisch, schnippt mit Mittel- und Zeigefinger dagegen. Es schlittert über die Platte gegen den Aschenbecher. „Die YKL ist eine Enklave der Freiheit. Deshalb muss sie weg.“ Er ext seinen Negroni.
„Wäre das nicht ein Thema für deine Doktorarbeit?“, frage ich. Boris lacht und Thorben tut so, als hätte er mich nicht gehört.
„Chinesen macht Freiheit Angst. Das Autoritäre bewundern sie.“ Er kriegt diesen eidechsenartigen Blick wie immer, wenn er zu seinem Geschwurbel ansetzt.
„Vor zwei Wochen hatte ich einen Termin an der Central South Uni Changsha. Die machen ein environmental Projekt mit meinem Professor an der Fudan.“
„Hast du erzählt“, sage ich.
„Dachte mir, wenn du schon rausfährst, dann nimm den Zug. Mit Zug meine ich keinen G-Train, sondern einen richtig ,oldschool`. Hab mir das romantisch vorgestellt, das erste Mal raus aus Shanghai und dann mit dem Zug.“ Er lacht bitter. „14 Stunden. Bin aufgewacht, weil die Chinesen Hühnerfüße zum Breakfast ausgepackt haben.“ Er saugt seine Lippen ein und schüttelt den Kopf. „That smell.“
„Wildlings“, sagt Boris.
Thorben senkt den Ton: „Jedenfalls gehe ich in den Speisewagen und bestelle mir Reis mit Huhn. Und die Employees fragen mich, wo ich herkomme und wollen meine Haare anfassen.“
„Inappropriate“, schiebt Boris ein.
„German, Déguó rén, sage ich und die machen den Hitlergruß und lachen und laden mich auf einen Wein ein.“ Er nimmt sein Glas, in dem gar nichts mehr drin ist, kippt es und die Orangenscheiben fallen gegen seine Lippen. „Und“, sagt er und hebt den Zeigefinger „die Uni in Changsha. Schon klar, andere kulturelle Bedeutung, aber immerhin ist die international. Die hat eine fette Swastika in Veilchenblau als Logo.“
„Im Ernst?“, fragt Boris.
Thorben lässt sich in seinen Hocker fallen, zuckt mit den Schultern, sagt: „That´s the story.“
Die Chinesin stellt unsere Negroni hin.
„Auf die YKL“, sagt Boris.

Der Negroni wärmt meinen Rausch auf. Das Blut hängt schwer und warm in meinen Wangen. Ich ziehe den Drink weg und wir bestellen noch eine Runde, unterhalten uns über Game of Thrones und ein Lenkrad, das Boris für Citroen entworfen hat. Thorben hängt teilnahmslos überm Tisch, als hätte ihn sein Vortrag über die Chinesen-Nazis völlig entkräftet.
Irgendwann sehe ich aus dem Augenwinkel, wie ein Dutzend Aussies Tische und Stühle schleppt.
Thorben schaut vom Tisch auf: „Bauen die eine Barrikade?“ Seine Mundwinkel wandern nach oben.
„Interesting“, sagt Boris.
„Ich mach mit“, sagt Thorben.
„Die Cops knüppeln die später Down Under“, sage ich.
Boris zieht das Revers seines Jacketts zurecht, grinst und fährt sich über den Dreitagebart: „Hier sind Expats aus der ganzen Welt. Die Chinesen werden einen Scheiß tun. They still fear bad press.“
„Selbst wenn. Mit Natives gehen die nicht zimperlich um.“
„Mavis ist im Moon“, sagt Boris.

Im Moon läuft American Pie in der Version von Madonna. Es riecht nach altem Bier. Der Boden ist sticky. Mavis lehnt an der Bar und wirft ihr blond gefärbtes Haar über die rechte Schulter und macht einem Aussie in einem Tanktop mit der Aufschrift „Rave“ schöne Augen. Sie trägt ihre blauen Kontaktlinsen. Der Aussie hält ein Glas Rotwein, lacht und dabei wippen seine Surferhaare und streichen über seine gebräunten Schultern.
Ich verbeuge mich, ironically, aber etwas zu tief und sage: „Sorry to interrupt. We have to go.“
Mavis neigt den Kopf und bläst Luft zwischen ihren Zähnen durch, Madonna singt „something touched me deep inside the day the music died“ und der Aussie stellt seinen Rotwein auf den Tresen. Er hat Spider Veins um die Nasenlöcher. Ich greife Mavis´ Hand. Sie zieht sie weg.
„What you think u doing“, sagt der Aussie. Seinen Slang finde ich cringe.
„We live together.”
„Your boyfriend?“
Mavis sagt nichts und ich sage auch nichts.
Von der Straße dringt Geschrei herein. Der Barkeeper nimmt einen Feuerlöscher von der Wand und rennt hinaus. Ich drehe mich um und sehe, dass jemand eine Mülltonne angezündet hat. Das Plastik tropft wie schwarzes Wachs.
Ich schaue Mavis in die Augen, aber wegen der blauen Kontaktlinsen kann ich nicht connecten. Der Aussie legt seinen Arm um Mavis.
“Lets go! There is trouble in the air”, sage ich.
Ich bemühe mich, ruhig zu wirken und greife ihr Handgelenk. Der Aussie stößt mich vor die Brust, dass mir die Luft wegbleibt. Als ich mich wieder gefangen habe, stoße ich zurück und ich sehe, dass Mavis lächelt.

Ich komme zu mir und bin auf allen Vieren auf dem Asphalt. Unter meiner Schädeldecke hängt ein scharfer Schmerz und meine Ohren sausen. Ich beiße die Zähne zusammen und rappele mich auf.
Eine brusthohe Barrikade aus Tischen und Stühlen versperrt die Zufahrt zur YKL. Davor steht Thorben auf irgendeiner Box und fuchtelt mit den Armen. Um ihn hat sich ein Mob Foreigners versammelt. Ich kann nicht hören, was er sagt, aber der Mob grölt und reckt die Arme in die Luft. Die Leute halten Gläser in den Händen und Wein und Bier schwappt auf ihre Köpfe. Da ist etwas in ihrer Bodylanguage, das den Anschein macht, als hätten sie die ganze Zeit auf so etwas gewartet, als hätten sie es insgeheim nicht mehr ausgehalten, nur in der YKL zu sitzen und 25 RMB Rotwein zu trinken.
Hinter der Barrikade formieren sich die Chinesen. Sie haben ihre kleinen Körper in Riot Gear gehüllt und schlagen mit Gummiknüppeln auf Schilde.
„Fucker!“
Ich drehe mich um und sehe, dass der Aussie auf mich zustiefelt und taumele in Richtung Barrikade. Bevor ich im Getümmel untertauchen kann, kickt er mir in den Rücken, dass es durch meine Wirbelsäule bis in den Nacken zieht. Ich falle auf zwei Foreigners und dann straight auf den Asphalt. Über mir geht ein riesiges Gebrüll los. Die zwei, die ich überhaupt nicht kenne, schlagen auf den Aussie ein und andere versuchen, sie wegzuziehen. Der Mob tobt; ein Knäuel aus Gliedmaßen. Die Cops kreischen irgendetwas durch ein Megafon. Ich krabbele über den Asphalt, jemand fällt auf meinen Rücken, Schuhsohlen quetschen meine Finger, Schienbeine prallen gegen meine Rippen.
Als ich es aus der Menge geschafft habe, sehe ich, wie ein Typ mit einer Meshcap eine Flasche hinter die Barrikade wirft. Bald sausen Dutzende durch die Luft.

Ein Motor heult auf und ein Jeep mit einer Art Schneeschaufel am Kühlergrill rammt durch die Barrikade. Thorbens Körper verschwindet unter Stühlen und Tischen. Die Cops stürmen und die Foreigners rennen in alle Himmelsrichtungen davon, manche fallen, werden überrannt. Geschosse fliegen, ziehen weiße Rauchfäden hinter sich her, hüpfen über die Straße. Das Gas legt sich in meine Augen, auf die Haut und in die Lungen - like acid. Ich huste, bis der Rachen ganz trocken ist und ich meine Mandeln spüre, ziehe den Kragen meines Leinenhemds über die Nase und muss mich übergeben. Das Erbrochene fällt warm über meine Brust, klatscht zwischen die Espadrilles.
Eine Granate saust durch die Luft und bleibt vor dem Funkadeli liegen, genau dort, wo ich vorhin mit Boris und Thorben gesessen bin. Boris liegt auf dem Boden. Ein Knüppel saust herab und senkt sich in seine Stirn.
Jemand greift meinen Nacken und ich bekomme Goose Bumps.

Ich folge Mavis ins Moon. Wir rennen hinter die Bar, durch die Küche, in einen Hinterhof. Dort geht mir die Puste aus. Meine Lungen rasseln und ich stütze mich mit den Händen auf die Knie.
Der Geruch von Seafood und Koriander steht in der Hitze. An den Wänden der Backsteinhäuser klebt Efeu und zwischen den Fenstern sind Leinen gespannt, an denen Qipaos hängen. In einer Erdgeschosswohnung sitzt eine Chinesin am offenen Fenster und beobachtet mich. Sie hat Stäbchen in der Hand und führt Dumplings in ihren faltigen Mund, ohne den Blick von mir abzuwenden. Für einen Moment ist es, als wären wir ganz weit weg von der YKL, den Knüppeln und Granaten.

Mavis packt meinen Ellenbogen: „You wanted to save me. Now I save you.“
Wir rennen in einen Durchgang und kommen zu einem Eisentor. Ich rüttele an der Klinke, aber das Tor bewegt sich nicht und scheppert nur.
„Zhǐbù!“, brüllt es hinter uns.
Schritte hallen durch den Hof. An der Wand stehen Mülltonnen und ich steige auf eine und hieve mich auf das Tor. Ich packe Mavis´ Hand. Sie fühlt sich warm und feucht an und ich ziehe mit aller Kraft und in dem Moment greifen zwei Cops Mavis´ Beine.
In ihrem rechtem Auge liegt die Kontaktlinse schräg über der braunen Iris. Mavis sieht liebevoll aus, als sie fällt.

Ich schlendere am Bordstein entlang und trete auf einen losen Pflasterstein, unter dem sich Regenwasser gesammelt hat. Die Siffe spritzt mir das rechte Hosenbein hoch bis in die Kniekehle. Polizeiautos rasen vorbei. Ich drehe mich nicht nach ihnen um. Bald komme ich am Fuxing Park vorbei. Dort hat mir Mavis das erste Mal einen geblasen.
Wir standen unter einem Baum, dessen Äste fast bis zum Boden reichten, als seien sie zu schwer und zwischen den Blättern drang das orangene Licht der Laternen hindurch auf ihr schwarzes Haar. Später aßen wir Aubergine mit Knoblauch bei einem Street Stall und ich schlug vor, sie noch ins Funkadeli einzuladen, weil ich vor Boris mit ihr angeben wollte.
„Nǐ shì wǒ dù zi lǐ de huí chóng!“, kiekste Mavis. Ihre Wangen röteten sich. „You are a roundworm in my belly“, schob sie nach.
„What the fuck?“
Mavis hielt sich den Bauch vor Lachen und die Träger ihres Kleides rutschten von den Schultern:
“Means you know what I want without telling you. Who knows one better than a parasite in your belly?”
Das iPhone vibriert in meiner Hosentasche und ich zucke zusammen, bekomme es kaum aus der Tasche, so zittrig sind meine Hände.
„Dear Mr. Abelmann, we are looking forward to meet you and your wife at Hakkasan´s at 7 pm.”

Zuhause stelle ich mich unter die Dusche und drehe den Strahl eiskalt. Ich stehe einfach so da, lasse das Wasser auf meinen Kopf prasseln und schaue zu, wie es über die Quaddeln an meinem Bauch fließt, die ich vom Tränengas bekommen haben muss. Erst nach einer Ewigkeit fühle ich mich bereit, meine Haut zu berühren.
Als ich fertig bin, schaue ich in den Badezimmerspiegel und streiche die Haare aus dem Gesicht. In meiner Augenhöhle liegt ein Bluterguss. Das Lid hängt lila und faltig über. Ich öffne den Badezimmerschrank, nehme Mavis` Schminkzeug heraus und pudere das Auge vorsichtig ab. Ich muss mehrere Male nachpudern, weil ich weinen muss. Im Schlafzimmer ziehe ich einen Hackett-Anzug aus dem Schrank, nehme die Universal Geneve Poleroter aus dem Uhrenhalter, 6pm, und schlüpfe in meine Achilles Sneaker – Business Casual.
Dann klingele ich bei Shuilian.
 
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Senior
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Hallo AWM,

sorry, ich das ist überhaupt nicht meins (zu viele Marken, zu viel Nebenher-Gerede, nervige Protas, nerviger Sprachmix), dafür kannst du nix. Drei Sachen nur, weil ich schon mal hier war.
Amerikanerinnen sind die einzigen Frauen, die Hotpants entsexualisieren können, denke ich.
:D Haha, ja, denke ich auch.

aufkreuzt wie ne gestochene Trantel
Tarantel von Tarantula. Soweit ich die Redensart kenne, springt man auf wie von der Tarantel gestochen. Das Gift hat wohl die Wirkung, dass Gebissene sich unkontrolliert bewegen, daher auch der Tanz "Tarantella". Mit gezieltem irgendwohin-Laufen hab ich das noch nie verbunden gehört.
behave inappropriate
Adverb, nicht Adjektiv.

Ich hätte es klarer und persönlicher gefunden, wenn nur einer von denen halb Deutsch, halb Englisch redete, momentan ist da zwischen den Figuren kein Unterschied (ich bekam die deshalb auch ständig durcheinander, ungünstig, selbst wenn du die als homogene Gruppe darstellen wolltest).

Nach dem letzten Zitat hier war ich dann draußen. Andere können da sicher mehr mit anfangen.

Viele Grüße, Katla
 

MRG

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Guten Abend @AWM,

nachdem ich mich auf den Sprachmix eingelassen habe, bin ich richtig versunken in deiner Geschichte. Ich fand es von Anfang bis Ende spannend. Was mich etwas verwirrt hat, waren die beiden Namen Boris und Thorben, die beide englische Brocken in ihren Dialogen haben. Ich würde vorschlagen, die Namen zu verändern. In meinem Kopf hatte ich Möchtegerndeutsche, die auf cool tun und daher Englisch sprechen. War das so beabsichtigt? Falls ja, hat es funktioniert, aber mir nicht sonderlich gefallen. Besonders großartig finde ich, wie du diesen Konflikt und die anschließende Gewalt inszenierst. Es beginnt mit einer Auseinandersetzung zwischen dem Aussie und dem Protagonisten, geht über den ausbrechenden Konflikt auf der Straße und endet mit dem "Verlust" von Mavis. Mensch, das ist echt top! So, hier die Textarbeit:

Mavis ist wieder abgehauen und das ausgerechnet heute, wo sie mich zum Geschäftsessen mit den Leuten von Feyue begleiten muss.
Der erste Satz eröffnet die Geschichte, ich weiß genau, was dein Protagonist will und was seine Mission ist. Ich habe das als Leser richtig gerne, weil mir das bei dem roten Faden hilft und Spannung aufbaut. Wird er sie finden? Welche Hindernisse muss er überwinden?

Als ich meine Zahnbürste aus dem Badezimmerschrank hole, sehe ich, dass Mavis ihr Make Up dagelassen hat, was mich beruhigt, obwohl ich eh nicht geglaubt habe, dass sie serious war.
Ich musste bei diesem "serious" kurz stoppen. Das hat sich etwas merkwürdig gelesen, aber es passt zu dem weiteren Verlauf. Als ich mich auf das Vermischen der beiden Sprachen eingelassen habe, hat es mich nicht mehr gestört. Ich glaube allerdings, dass Leute, die sich nicht darauf einlassen ggf. nicht weiterlesen. Und dann verpassen sie diese beeindruckende Geschichte.

„Easy. Die Cops räumen erst after 5. Bis dahin alles normal ;-)“
Den Smiley würde ich streichen, hat mich genervt. Die Vermischung mit den beiden Sprachen habe ich akzeptiert, aber das hat mich schon etwas Überwindung gekostet, der Smiley ist mir dann zu viel.

Unangenehme Sache, das.
In diesen drei Worten wird alles deutlich. Zudem liest es sich wie ein Kontrast zu der Sprache, die du sonst in dieser Geschichte verwendest. Ich habe jedenfalls das Gefühl gehabt, dass dieses Detail wichtig werden könnte. Von daher wird das Ende dadurch ausgesprochen gut eingeleitet.

Amerikanerinnen sind die einzigen Frauen, die Hotpants entsexualisieren können, denke ich.
Dein Protagonist hat einen starken Fokus auf Sex und das passt in das Bild von ihm. Ich finde es gelungen, dass du so konsequent bei dieser Charakterisierung bleibst. Ich kann mir den Protagonisten gut vorstellen.

„Setz dich. Wenn du ruhig und dizzy bist, gehst du zu ihr. Will be fine“, sagt Thorben.
Hier finde ich es besonders störend, dass er Thorben heißt. Denn sein Name klingt für mich so gar nicht englisch.

Er kriegt diesen eidechsenartigen Blick wie immer, wenn er zu seinem Geschwurbel ansetzt.
Diese feine Beobachtung gefällt mir, macht die Szene lebendiger und ich kann die Charaktere dadurch gut unterscheiden.

„Mavis ist im Moon“, sagt Boris.
Und damit geht die Geschichte weiter und entwickelt sich organisch aus dem vorhergehenden Teil weiter. Ich mag das.

Seinen Slang finde ich cringe
Ich finde gut, dass du so konsequent bei der Vermischung zwischen Englisch und Deutsch bleibst.

Hinter der Barrikade formieren sich die Chinesen. Sie haben ihre kleinen Körper in Riot Gear gehüllt und schlagen mit Gummiknüppeln auf Schilde.
Das hat Gewaltpotential und ich frage mich als Leser, was wohl als nächstes passieren wird, spannend!

Als ich es aus der Menge geschafft habe, sehe ich, wie ein Typ mit einer Meshcap eine Flasche hinter die Barrikade wirft. Bald sausen Dutzende durch die Luft. Massive bad vibes.
Er ist sozusagen der Auslöser für den Konflikt. Das liest sich irgendwie realistisch, man kann eben nicht alles planen. Allerdings finde ich das "massive bad vibes" überflüssig, das wird mir als Leser mehr als deutlich.

genau dort, wo ich vorhin mit Boris und Thorben gesessen bin.
Das "bin" hat sich für mich merkwürdig gelesen. Ich hätte gedacht, dass es "gesessen habe" heißt.

„Zhǐbù!“, brüllt es hinter uns.
Schritte hallen durch den Hof. An der Wand stehen Mülltonnen und ich steige auf eine und hieve mich auf das Tor.
Die Schreie von hinten und er versucht sie mit hochzuziehen. Ich finde das richtig spannend geschrieben.

Mavis sieht liebevoll aus, als sie fällt.
Autsch, Volltreffer.

Dort hat mir Mavis das erste Mal einen geblasen.
Hier bleibst du wieder konsequent bei deinem Protagonisten, der ununterbrochen an Sex denkt. Passt zur Charakterisierung, finde ich gelungen.

„Wtf?“
Das Wtf hat mich aus dem Lesefluss geworfen. Hätte hier "what the fuck" bevorzugt, weil es sich zu sehr wie ein WhatsApp Chat liest (bzw. in dem Fall wie "WeChat".)

Das iPhone vibriert in meiner Hosentasche und ich zucke zusammen, bekomme es kaum aus der Tasche, so zittrig sind meine Hände.
Offensichtlich hat er Angst vor diesem Telefonat, was auch gut dazu passt, warum er so verzweifelt nach Mavis sucht.

Dann klingele ich bei Shuilian.
Auch wenn du es vorher vorbereitet hast, fand ich es überraschend, allerdings im positiven Sinne.

Insgesamt habe ich die Geschichte in einem Zug gelesen, spannend, experimentell und fesselnd. Ich finde, du kannst richtig gut schreiben. Besonders beeindruckt hat mich, wie du diesen Konflikt immer weiter hoch eskalieren lässt.


Beste Grüße
MRG
 
Zuletzt bearbeitet:

AWM

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26.03.2018
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Servus @Katla
sorry, ich das ist überhaupt nicht meins (zu viele Marken, zu viel Nebenher-Gerede, nervige Protas, nerviger Sprachmix)
Trotzdem Danke für deinen Besuch
Tarantel
Ja, das war ein Tippfehler. Muss mir deine Anmerkung auch noch mal durch den Kopf gehen lassen, ob das mit der Tarantel zu extrem ist. Oder besser ausgedrückt: Sicher ist es übertrieben, aber ich dachte mir, dass Boris das hier extra macht. Sie sitzen da und saufen und der Prota will was von ihm und er will, dass der Prota mit ihnen trinkt.
Adverb, nicht Adjektiv.
Geändert.
Ich hätte es klarer und persönlicher gefunden, wenn nur einer von denen halb Deutsch, halb Englisch redete, momentan ist da zwischen den Figuren kein Unterschied (ich bekam die deshalb auch ständig durcheinander, ungünstig, selbst wenn du die als homogene Gruppe darstellen wolltest).
Mir ist das schon wichtig, weil es ja um eine spezielle Blase geht. Vielleicht kann ich es aber anders schaffen, dass die Figuren unterschiedlicher reden und so leichter auseinanderzuhalten sind.

Vielen Dank für deinen Kommentar und Gruß

Hallo @MRG und vielen Dank, dass du vorbeigeschaut hast.
Was mich etwas verwirrt hat, waren die beiden Namen Boris und Thorben, die beide englische Brocken in ihren Dialogen haben. Ich würde vorschlagen, die Namen zu verändern. In meinem Kopf hatte ich Möchtegerndeutsche, die auf cool tun und daher Englisch sprechen. War das so beabsichtigt? Falls ja, hat es funktioniert, aber mir nicht sonderlich gefallen.
Es sind alle drei Deutsche. Es spielt in der Expat/Laowai-Szene.
Ich glaube allerdings, dass Leute, die sich nicht darauf einlassen ggf. nicht weiterlesen. Und dann verpassen sie diese beeindruckende Geschichte.
Hoffen wir, dass noch ein paar weiterlesen in den kommenden Tagen! :D
Den Smiley würde ich streichen, hat mich genervt. Die Vermischung mit den beiden Sprachen habe ich akzeptiert, aber das hat mich schon etwas Überwindung gekostet, der Smiley ist mir dann zu viel.
Okay, dachte, weil es in nem Chat ist, ist es okay.
Allerdings finde ich das "massive bad vibes" überflüssig, das wird mir als Leser mehr als deutlich.
Streiche ich
Ich hätte gedacht, dass es "gesessen habe" heißt.
Ändere ich
Das Wtf hat mich aus dem Lesefluss geworfen. Hätte hier "what the fuck" bevorzugt, weil es sich zu sehr wie ein WhatsApp Chat liest (bzw. in dem Fall wie "WeChat".)
Ändere ich

Freut mich sehr, dass dir die Geschichte gefallen hat und ich bedanke mich für das Lob!

Gruß
AWM
 
Senior
Monster-WG
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18.06.2015
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Hey AWM

Verstehe nicht, weshalb der Text bisher so wenige Kommentare erhalten hat. An der Geschichte kann es nicht liegen, finde ich, weil du hier einerseits wirklich gut erzählst, andererseits einiges wagst, das man mögen oder nicht mögen kann.

Also, ich mag es. Der Text triggert mich, weil ich hier schon das eine oder andere Mal geschrieben habe, wie sehr mich flache Twens als Protagonisten und Erzählinstanzen anöden. Oft hatte ich den Eindruck, entsprechende Texte hätten die Absicht, auf die Tiefe hinter der Fassade, auf Verzweiflung, Leere zu verweisen, würden aber am Ende dennoch der Oberfläche verhaftet bleiben. Hinter manchen Figuren steckt halt wirklich nichts und das langweilt mich dann zutiefst.
Bei deinem Text hatte ich nicht diesen Eindruck. Ich kann nur spekulieren, weshalb. Wahrscheinlich weil du ein interessantes Setting gewählt hast. Vielleicht, weil sich der Erzähler ironische Kommentare, expliziten Zynismus weitgehend verkneift, vielleicht, weil der Erzähler sich gar nicht die Mühe gibt, auf etwas anderes als die Oberfläche abzuzielen, das alles gar nicht oder kaum reflektiert. (Einzig das Weinen am Ende des Textes fällt da etwas raus, aber das finde ich gut platziert, das reicht bereits, um da doch etwas zu vermuten, in dieser Figur, das durch Geschäftsinn und Fremdheitserfahrung überdeckt worden ist.) Das hat eine gewisse Konseqeuenz, ebenso natürlich die Marken, die verschiedenen Uhren (schon etwas abgegriffen, aber okay), das Mischmasch aus Englisch und Deutsch, das so eine Coolness suggerieren soll, und an einigen Stellen tatsächlich cool ist, wie ich finde (sie ist nicht serious, ich kann nicht connecten). Mir ist Lost in Translation eingefallen und genau das habe ich während der Lektüre empfunden: Wie verdammt verloren dieser Erzähler ist. Das habe ich der Geschichte abgekauft. Kompliment.
Boris und Thorben sind zwar sprachlich wenig, inhaltlich aber gut abgegrenzt, da wird schnell klar, was der eine sagt und was der andere, finde ich.
Am Ende gehe ich mit einem etwas dumpfen Gefühl aus der Geschichte raus. Ich weiss nicht, ob ich da noch den einen oder anderen Haken vermisse, einen Preis, der gezahlt wird und über ein paar Tränen hinausreicht. Es ist halt auch so, dass fast alles dem Protagonist widerfährt und er sich in diesem Sinne auch nie schuldig macht, im Gegenteil, er kämpft um Mavis, er versucht sie hochzuziehen, bevor sie fällt. Seine Schuld liegt in dem, was du nicht erzählst. Keine Suche, kein Nachfragen, keine Sorgen. Seine Schuld liegt darin, sich an die Gegebenheiten anzupassen, sich abzufinden, in seinem Opportunismus. Hat halt keinen so grossen Knalleffekt, wenn man so was erzählt, wirkt aber, wenn ich es mir recht überlege, durchaus nach. Also doch: Wirklich ein guter Text.

Lieber Gruss
Peeperkorn
 
Senior
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Servus @AWM,

mir gefällt der Text sehr gut. Houellebecq, Ellis und Kracht scheinen für mich durch, aber das finde ich gut und nicht negativ, denn hier steckt zusätzlich viel deiner eigenen Note mit drin. Mir gefällt, wie gut der Text Zug hat, wie gleich von Anfang an etwas passiert und man dem Ganzen mit Interesse folgt.
Was ich sehr gut finde, ist das Chinesische. Keine Ahnung, ob China als Setting in der deutschen Literatur oder internationalen schon abgegrast wurde. Aber ich finde das hier sehr originell, das Setting, der Lifestyle in China mit blauen Kontaktlinsen, etc. Das ist einfach sehr authentisch und geiles, unverbrauchtes Material.
Sprachlich finde ich es auch gut. Ich finde die Story tatsächlich einen Fortschritt, wenn ich mich an vorige von dir erinnere. Ich glaube, es liegt daran, weil hier ein Großteil echt und unverbraucht wirkt. Nicht, dass das in vorigen nicht gewesen wäre. Aber hier ist es einfach sehr gut. Als Leser hatte ich das Gefühl, die Figuren seien echt und handeln nach ihrem eigenen Ermessen und stricken die Geschichte sozusagen selbst. Das ist viel wert.

Ich öffne den Badezimmerschrank, nehme Mavis` Schminkzeug heraus und pudere das Auge vorsichtig ab. Ich muss mehrere Male nachpudern, weil ich weinen muss. Im Schlafzimmer ziehe ich einen Hackett-Anzug aus dem Schrank, nehme die Universal Geneve Poleroter aus dem Uhrenhalter, 6pm, und schlüpfe in meine Achilles Sneaker – Business Casual.
Dann klingele ich bei Shuilian.
Auf so eine Szene hab ich beim Lesen gewartet: dass er weint, dass die Fassade mal für einen Augenblick fällt und ich - wenn auch nur kurz - einen wirklichen Einblick in die Psyche des Prots werfen darf. Das finde ich gut, dass das passiert. Das ist ein sehr intimer und persönlicher Einblick. Meiner Meinung nach könntest du diese Szene ein wenig ausbauen: Wie fühlt sich das für ihn an zu weinen? Er ist ja jetzt niemand, der casual weint. Mir scheint es, als ob er das seit langer Zeit nicht getan hätte; aber als ob da ein großer Schmerz in ihm wäre. Das wird sehr schnell abgearbeitet im Text, "weil ich weinen muss", aber ich habe das Gefühl, weinen wäre für deinen Prot eine größere Sache, eher ein kleiner Nervenzusammenbruch. Gerne im Badezimmer, als er sich das Auge pudert; dass das in ihm aufsteigt und ausbricht und er richtig bitterlich flennt, für einen Moment, dann wischt er sich die Nase ab und pudert fertig. Also ein bisschen mehr den Finger in die Wunde legen hätte ich hier gut gefunden. Aber das ist ein spitzfindiger Vorschlag.

In ihrem rechtem Auge liegt die Kontaktlinse schräg über der braunen Iris. Mavis sieht liebevoll aus, als sie fällt.
Nee. Das ist mir zu viel. Er kann die Kontaktlinse schräg über der Iris nicht sehen. Das ist zu gewollt und hier falle ich aus dem Text heraus, weil ich wieder den Autor hinter dem Geschriebenen spüre. Es ist dunkel, hitzig, nicht mal wenn ich bei vollem Tageslicht und nüchtern jemandem ganz nah ans Auge gehe und da versuche die Linse zu erkennen, sieht man das doch. Das klingt halt sehr nach Autor und ich würde es kicken.

Ansonsten habe ich nix weiter auszusetzen. Finde, du bist auf einem guten Weg. Wäre ich du, würde ich das Setting China weiter bearbeiten. Das ist super originell. Hab das Gefühl, dass das erzähltechnisch in den nächsten Jahren auch abgegrast wird und das von dort 'ne Menge kommen wird.

Beste Grüße
zigga
 

AWM

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Hallo @Peeperkorn
Verstehe nicht, weshalb der Text bisher so wenige Kommentare erhalten hat.
Ich bin ganz ehrlich: Mich hat das auch ganz schön verunsichert. Wenn man schlechtes Feedback bekommt, dann ist das zwar unschön, man weiß aber wenigstens, was am Text nicht stimmt. Umso mehr habe ich mich über deinen Kommentar gefreut!
Hinter manchen Figuren steckt halt wirklich nichts und das langweilt mich dann zutiefst.
Bei deinem Text hatte ich nicht diesen Eindruck.
Dankeschön!
Mischmasch aus Englisch und Deutsch, das so eine Coolness suggerieren soll, und an einigen Stellen tatsächlich cool ist, wie ich finde (sie ist nicht serious, ich kann nicht connecten).
Ich war 2015 für ein halbes Jahr in China und da hat man natürlich auch Kontakt zu solchen Leuten und die reden so. Es freut mich, dass das nicht irgendwie überzeichnet rüberkommt, obwohl es an manchen Stellen natürlich ein bisschen ins Lächerliche geht.
Habe da welche getroffen, die waren vier Jahre in Shanghai und sind kein einziges Mal rausgefahren. Die bleiben in ihrer Blase und das war die Yong Kang Lu, die mittlerweile dicht gemacht worden ist. Der Aufstand dagegen ist aber erfunden.
Interessant war auch ein gewisser Rassismus gegenüber den Chinesen bei gleichzeitiger politischer Überkorrektheit, was die Flüchtlings- und Migrationsproblematik in Deutschland anging, die zu der Zeit ja extrem aktuell war. Die Chinesen außerhalb der Stadt wurden z.B. ironisch Wildlings (nach Game of Thrones) genannt.
Wie verdammt verloren dieser Erzähler ist. Das habe ich der Geschichte abgekauft. Kompliment.
Danke!
Boris und Thorben sind zwar sprachlich wenig, inhaltlich aber gut abgegrenzt, da wird schnell klar, was der eine sagt und was der andere, finde ich.
Ich habe das auch so gesehen. Die beiden gehören der selben Blase an, aber sind doch ganz unterschiedliche Typen.
Am Ende gehe ich mit einem etwas dumpfen Gefühl aus der Geschichte raus. Ich weiss nicht, ob ich da noch den einen oder anderen Haken vermisse, einen Preis, der gezahlt wird und über ein paar Tränen hinausreicht.
Das stimmt. Es ist ja auch so, dass der Protagonist sich nicht wirklich verändert durch das Geschehene. Er sucht sich eine neue "Wirtin", die er benutzen kann. Den Titel kann man auch so sehen, dass der Protagonist am Ende in fast der gleichen Situation ist wie am Anfang. Der Text ist also auch aufgebaut wie ein "Roundworm". Aber deinen Einwand verstehe ich und ich dachte mir das auch. Es ist nicht so, dass irgendwelche Glaubenssätze des Protagonisten sich ändern etc. Er ist eigentlich ein "flat arc" und den Preis zahlen andere.

Vielen Dank für deinen Kommentar und Gruß!

Hallo @zigga und vielen Dank, dass du kommentiert hast.
Houellebecq, Ellis und Kracht scheinen für mich durch, aber das finde ich gut und nicht negativ, denn hier steckt zusätzlich viel deiner eigenen Note mit drin.
Sind alle drei Autoren, die ich mag (Kracht mit Einschränkungen). Nehme ich also als Kompliment und auch schön, dass genug eigene Note drin ist, um nicht epigonisch zu wirken.

Ich finde die Story tatsächlich einen Fortschritt, wenn ich mich an vorige von dir erinnere.
Dankeschön. Die letzte Geschichte war ja für einen Wettbewerb und über ein Thema, über das ich sonst wahrscheinlich nicht geschrieben hätte. Der Text hier fiel mir leichter, weil er mehr "aus mir selbst" kam.
Meiner Meinung nach könntest du diese Szene ein wenig ausbauen: Wie fühlt sich das für ihn an zu weinen?
Denke, das ist eine gute Idee.
Es ist dunkel, hitzig, nicht mal wenn ich bei vollem Tageslicht und nüchtern jemandem ganz nah ans Auge gehe und da versuche die Linse zu erkennen, sieht man das doch.
Ist so ein Darling-Ding. Diese blauen Kontaktlinsen, die die Chinesinnen tragen, um westlicher auszusehen, sind schon recht auffällig. Sie sehen einfach unnatürlich aus (sind extrem blau) und ich kann mir hier schon vorstellen, dass er das sieht, wenn er ihr das letzte Mal ins Gesicht schaut. Auf der anderen Seite wirkt die Stelle auch gut, wenn ich den Satz streiche.
Wäre ich du, würde ich das Setting China weiter bearbeiten.
Das habe ich vor. Mir macht es auch Spaß in diesem Setting zu schreiben.

Vielen Dank zigga und Gruß
AWM
 
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Saustarke Story, finde ich.
da bin ich mal ein paar Tage (fast ein halbes Jahr) inaktiv und zwischendurch wimmelt es hier vor Schätzen (na gut, ich hatte jetzt auch noch nicht so viel). Anyways, was soll ich hier groß kritisieren? Ich finde das wirklich sehr sehr stark und will dich ermutigen, das auch noch woanders einzuschicken. Eine Zeit lang habe ich Kracht gelesen (finde die Lektüre nach wie vor sehr gut), Houellebecq, muss ich ehrlich gestehen – und ich meine, du hättest mal erzählt, dass du den viel liest –, hatte ich noch nie in der Hand. Da gibt es sicher auch Anleihen.
Das jedenfalls ist für mich ein richtig guter Text. Schon der erste Absatz führt in die ganz eigene Sprache voll von Anglizismen, orts- und milieuspezifischen Bezeichnungen ein. Die (vorallem auch äußeren) Konflikte sind stark, die Schilderungen völlig ungeschönt und treffend. Trotz aller Kälte und berechnender Smartness dieser Figuren hat der Text doch eine Haltung. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich den Autor mittlerweile ganz gut zu kennen meine.
Ich muss mal langsam weitermachen, also gehe ich durch einzelne Textstellen:

Mavis ist wieder abgehauen und das ausgerechnet heute, wo sie mich zum Geschäftsessen mit den Leuten von Feyue begleiten muss. Auf dem Nachttisch klebt ein Zettel: „You never cared“. Ich schreibe Boris auf Wechat, ob er Mavis gesehen hat, wälze mich aus dem Laken und setze mich auf die Bettkante.

Guter Einstieg. Einfach interessant diese ganz eigene Sprache, das Milieu wird hier super eingeführt, und es stört kein bisschen, dass da gleich viele Namen und Bezeichnungen sind, gehört völlig dazu.

Das Bett riecht nach Schweiß und Scheide, aber so, dass es nicht unangenehm ist.

Super. Das meine ich mit den ungeschönten, treffenden Beschreibungen. Du hast die sprachlichen Fähigkeiten dazu. Dachte kurz, ob 'Scheide' es bereits trifft (oder es präziser sein müsste). Aber wir sind hier ja auch im Bereich der Erzählstimme. Klar ist das hier richtig.

DVD- Bootlegs

ohne Leerzeichen?

Und die fahren jetzt hier herum: Nosferatu, Metropolis,

die 'fahren'?

Ich stelle mich vors Waschbecken auf die Zehenspitzen und halte meinen Penis unter den Wasserstrahl, wippe vor und zurück und rubbele mit Daumen und Zeigefinger Mavis` getrockneten Schleim von der Eichel.

finde ich auch gut. Ja, ich muss das einfach mal sagen. Ich finde es persönlich nicht leicht, dass so explizit zu schreiben und dabei das richtige Gleichgewicht zu finden, wie du es hier tust.

„Ernsthaft“, sagt Thorben. Er legt seine Hand auf meinen Unterarm. „Der Nationalsozialismus war ein Staatskapitalismus. Den haben die Chinesen übernommen.“
„Wo ist Mavis?“, frage ich.
„One drink, one answer“, sagt Boris.

Und die Dialoge finde ich auch absolut authentisch und feierlich, weil sie dieses Milieu so perfekt treffen. Kenne ein paar (sehr wenige) Leute, die so reden, und sie tun es wirklich genau so und feiern sich dabei. Sowas hat Kracht ja auch abgebildet, aber nicht in China und nicht so, wie du es tust.

„Die Native und der Westerner“, sagt Boris. „Wenn du bei ihr aufkreuzt wie ne gestochene Tarantel, wird sie defiant. I know her.“

:lol: :lol: diese Ausdrucksweise. Musste an einigen Stellen richtig lachen darüber.

Thorben senkt den Ton: „Jedenfalls gehe ich in den Speisewagen und bestelle mir Reis mit Huhn. Und die Employees fragen mich, wo ich herkomme und wollen meine Haare anfassen.“
„Inappropriate“, schiebt Boris ein.

:lol::lol: vor allem: „Inappropriate“, schiebt Boris ein.

Der Negroni wärmt meinen Rausch auf. Das Blut hängt schwer und warm in meinen Wangen.

sehr gut. wärmt meinen Rausch auf

Ich schaue Mavis in die Augen, aber wegen der blauen Kontaktlinsen kann ich nicht connecten.

:lol:

Ich falle auf zwei Foreigners und dann straight auf den Asphalt.

:lol: gleichzeitig nehme ich schon auch den Ernst der Situation wahr. Erinnert mich an 1979 von Kracht, wo es da plötzlich losgeht.

Das Erbrochene fällt warm über meine Brust, klatscht zwischen die Espadrilles.

Stark

hindurch auf ihr schwarzes Haar. Später aßen wir Aubergine mit Knoblauch

Alter, diese Gegenüberstellungen. Großes Kino.

Du hast mich mit der Geschichte. Bin wirklich begeistert.
Liebe Grüße
Carlo

Und ich schließe mich @zigga an: Setting China weiter bearbeiten.
 
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AWM

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Servus @Carlo Zwei, vielen Dank für einen tollen Kommentar und natürlich auch für die Empfehlung! Habe mich über beides sehr gefreut!
Eine Zeit lang habe ich Kracht gelesen (finde die Lektüre nach wie vor sehr gut), Houellebecq, muss ich ehrlich gestehen – und ich meine, du hättest mal erzählt, dass du den viel liest –, hatte ich noch nie in der Hand. Da gibt es sicher auch Anleihen.
Ja, ich habe von Houellebecq alle Romane gelesen und auch einiges seiner sonstigen Sachen. Mag "Elementarteilchen" am liebsten. Habe auch mal einen Essay/Kritik über "Gegen die Welt, gegen das Leben" geschrieben, wo er über Lovecraft schreibt. Ich habe mich also viel mit ihm beschäftigt und mag seine Themen und seinen Kulturpessimismus sehr. Vom Schreiberischen habe ich ihn mir aber nicht zum Vorbild genommen. Er ist ja schon sehr tellig und hat manchmal richtige Essays in seinen Roman drin. Bei Ausweitung der Kampfzone ist das z.B. extrem.
Von Kracht habe ich auch alle Romane gelesen und auch "Der gelbe Bleistift" und "Ferien für immer". Er hat sich ja anfangs viel bei Ellis abgeschaut, den ich wiederum auch sehr gerne lese und so schließt sich wohl irgendwie der Kreis :D
Dachte kurz, ob 'Scheide' es bereits trifft (oder es präziser sein müsste). Aber wir sind hier ja auch im Bereich der Erzählstimme. Klar ist das hier richtig.
Habe darüber auch nachgedacht und fand dann, dass Scheide irgendwie am besten passt. Kann schwer in Worte fassen, warum. Vielleicht, weil es so neutral ist. Auf der einen Seite ist er ja sehr sexuell, dabei aber immer distanziert und da passt das glaube ich. Bei Pussy, Muschi oder sogar Fotze wäre das ja nicht der Fall.
ohne Leerzeichen?
hast recht
die 'fahren'?
Das sagt man im Süddeutschen, wenn etwas überall herumliegt.

Erinnert mich an 1979 von Kracht, wo es da plötzlich losgeht.
1979 ist mein Lieblingsbuch von ihm. Mochte das sehr und auch das Ende, als der Protagonist quasi für die Sünden des Westens im Arbeitslager steckt. Zumindest habe ich das so gelesen. Mit "Die Toten" konnte ich dagegen absolut nichts mehr anfangen. Fand das Buch wirklich schrecklich. Schon "Imperium" war nicht mehr so meines. Bin gespannt auf seine Faserland-Fortsetzung bin mir aber sicher, dass er sich damit keinen Gefallen tut. Vielleicht habe ich auch Unrecht.
Du hast mich mit der Geschichte. Bin wirklich begeistert.
Das freut mich sehr :)
Setting China weiter bearbeiten.
Das werde ich tun!

Gruß
AWM
 
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10.02.2000
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Mahlzeit @AWM,

ja, die Opiumkriege liegen schon ein paar Jährchen zurück und die Kulturrevolution ist vergessen. Deng hat sein Land nach vorne katapultiert wie niemand zuvor. Die Firma in der meine Frau arbeitet, hat ne Produktionsstätte in China. Allerlei seltsame Nachrichten kommen manchmal von dort. Und wenn Chinesen hier sind, um bei der Produktion was zu lernen, gibt es immer wieder so Abende in Restaurants, bei denen ab und zu auch der Ehepartner mitdarf und dann wird viel gelächelt und erzählt und ich merke, wie bemüht Westler sind, sich zu erklären, unsere Kultur näher zu bringen, aber man weiß nicht, ob das Nicken aus Langeweile oder Freundlichkeit geschieht. Das ist mir noch bei keinen anderen Menschen so aufgefallen, egal aus welchem Land. Und es gab durchaus schwierige Themen wie Todesstrafe, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit etc.

China ist ein Thema für sich.

Als einfach gestrickter Mensch habe ich mich in der Sprache deiner Geschichte unwohl gefühlt. Houellebecq hab ich mal kurz reingeguckt, aber gelangweilt verschenkt. Mag sein, dass es neu ist und durch Autoren wie ihn Sprache einen Fortschritt macht, aber ich werde wohl ein alter Sack bleiben und so sterben. Wenn sich Europa mal auf eine gemeinsame Sprache einigen würde wie Esperanto oder das gute alte Latein wiederbeleben würde, okay, das würde ich mitmachen. Aber die Zeit des Mixens BIS vielleicht mal eine Gemeinsamkeit entsteht, ist außerhalb meines Wesens.

Es ist wahrscheinlich vor allem die Intention der Sprachmixsprechenden, die das nicht tun, um auf ein höheres Level von Erkenntnis zu kommen, sondern - als ehemaliger Selbstständiger im IT-Bereich kann ich da ein Lied von singen - unbedingt dazu gehören wollen, unbedingt mal etwas raushängen lassen möchten. Meine Yacht, mein Haus, mein Auto, so in der Art. Sie sind auf eine infantile Art von vorgestern.

Das schmälert nicht deinen Schreibstil. Es ist aber, um einen Vergleich zu bemühen, als beträte ich das edle und wunderschöne Haus eines Stararchitekten mit modernster Küche, Atrium, voller Schnickschnack - und würde mich über die Kälte darin wundern. Lieber wohne ich in so nem 350 Jahre alten Sandsteingemäuer mit Ecken und Kanten und Balken und ner 450 Jahre alten Sandsteinmauer als Hofgrenze, von der ich das Moos abkratzen muss, die mir aber Geschichten erzählen kann über all die Menschen, die hier litten und liebten.

Es liegt also an mir. Nicht an dir. Die Empfehlung ist folgerichtig, denn es ist ein gutes Stück Kurzgeschichte. Und ganz am Ende, als er kurz weint, beweint er vielleicht sogar, dass er nicht umgeben ist, von den heimeligen Sandsteingemäuern, sondern sich wieder der modernen Welt stellen muss, in der die Chinesen besser zurechtkommen als wir.

Griasle
Morphin
 
Team-Bossy a.D.
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Hi AWM,

du bist einer, der mir deutlich macht, dass ich alt werde. Boah ...
Mir ist das einfach zu anstrengend. Wäre ich in dem Slang drin, würde ich das wahrscheinlich feiern, so aber ist es nicht meine Welt mit dem extremen Vermischen der Sprachen, das nimmt mir den Lesefluss, da bin ich irgendwann raus aus der Geschichte.

Hier einfach noch ein Statement, das bringt dir nicht viel, höchstens das Wissen darum, dass ältere Leser (jedenfalls ich) mit dem Sprachmix nicht warm werden, weil ich das auch wenig in meinem Alltag so erlebe.

Inhaltlich kann ich deswegen auch gar nicht ausholen, weil es mich wirklich richtig anstrengen würde und diese Herausforderung brauche ich nicht mehr.

Andere finden den Text klasse, das ist doch schön - das sind dann die wirklich interessanten Ergebnisse, wenn nicht jeder Bravo schreit.

Liebe Grüße
bernadette
 
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16.12.2020
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Hallo @AWM,

ich bin wegen der Empfehlung hier und muss sagen, dass ich wie viele andere wohl vor mir auch, zu Beginn etwas erschrocken war. Der Sprachmix kam unerwartet und war anstrengend. Einige der Wörter musste ich sogar googlen, um mir sicher sein zu können, dass ich alles richtig verstanden habe. Jetzt denke aber nicht, dass mich das abgeschreckt hat - okay, vielleicht mein lazy Couch-Ich, dem man alles in gut verdaulichen snack pieces vorsetzen muss. Nachdem ich die faule Sau beruhigt hatte (heute Abend darf er Netflix gucken), konnte ich mich gut mit dem "Kulturschock" anfreunden und habe sogar noch etwas gelernt.

Tatsächlich habe ich mir vorher noch nie wirklich Gedanken über die Expat-Szene gemacht. Du hast den Vorhang kurz gelüftet und einen interessanten Einblick in das Setting gewährt. Obwohl Dein Protagonist wirklich überhaupt nicht liebenswert war, oder zur Identifikation geeignet, ist es Dir gelungen die Geschichte zu gestalten, dass sie quasi einem immersiven Erlebnis gleicht. Braindance Cyberpunk 2077 like. Ich denke ein Grund dafür ist Dein mutiger Umgang mit Sprache. Das menschliche Gehirn ist nunmal auf Energiesparmodus ausgerichtet und alles was uns zwingt die gewohnten Denkpfade zu verlassen sorgt zuerst für Widerstand. Deswegen werden auch in Zukunft Leser abspringen und eher kritisch, als positiv, mit Deinem Text ins Gericht gehen. Mach Dir deshalb aber keine Sorgen, dieser sticht aus dem "Einheitsbrei" vieler guter Texte heraus und polarisiert, das ist es was es braucht, um erinnerungswürdig zu sein (unsterblich zu werden).
Inhaltlich werde ich mich heute nicht äußern, dafür fehlt gerade die Zeit, aber im Großen und Ganzen hat mir die Geschichte gefallen. Bin gespannt, was man von Dir noch so zu lesen bekommt.

Viele Grüße
Ebbe Flut
 

AWM

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26.03.2018
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Servus @Morphin und vielen Dank für deinen Kommentar
Das ist mir noch bei keinen anderen Menschen so aufgefallen, egal aus welchem Land. Und es gab durchaus schwierige Themen wie Todesstrafe, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit etc.
Ich habe 2015 ein Austauschsemester in Shanghai verbracht und war danach noch zwei Monate mit dem Zug quer durchs Land unterwegs. Ich habe andere Erfahrungen als du gemacht, hatte aber auch fast nur mit jungen Chinesen zu tun. Die waren sehr offen und sozusagen "liberal". Die Erfahrung habe ich auch danach gemacht. Als Journalist habe ich am Anfang der Corona-Krise über Wechat Stimmen aus Wuhan eingeholt und einen Freund interviewt. Die haben sich auch da sehr kritisch geäußert über das Vorgehen der Regierung und Veruntreuung von Hilfsgütern. An der Uni war es auch extrem offen und wir haben als Abschlussprojekt ein Magazin über Umweltprobleme in China erstellt. Allerdings wurden wir separat unterrichtet ohne die Chinesen, was den Verdacht erweckt, dass die westlichen Studenten mit dem Eindruck zurückgehen sollen: Das ist ja alles nicht so, wie es dargestellt wird. Keine Ahnung.
Houellebecq hab ich mal kurz reingeguckt, aber gelangweilt verschenkt. Mag sein, dass es neu ist und durch Autoren wie ihn Sprache einen Fortschritt macht, aber ich werde wohl ein alter Sack bleiben und so sterben.
Er ist aber nicht für einen Sprachmix bekannt. Ich denke Carlo fühlt sich eher durch gewisse Themen an ihn erinnert, die meine Geschichte auch aufnimmt: Sex, Globalisierung etc.
Bei mir ist es auch so, dass das die erste Geschichte mit so einem Sprachmix ist. War jetzt nicht als Experiment oder so angelegt, sondern musste einfach wegen des Settings und Protas so sein.
m einen Vergleich zu bemühen, als beträte ich das edle und wunderschöne Haus eines Stararchitekten mit modernster Küche, Atrium, voller Schnickschnack - und würde mich über die Kälte darin wundern.
Ein schöner Vergleich
Die Empfehlung ist folgerichtig, denn es ist ein gutes Stück Kurzgeschichte.
Dankeschön und Gruß
AWM

Hallo @bernadette
du bist einer, der mir deutlich macht, dass ich alt werde.
Ich denke nicht, dass die Geschichte irgendwie generationenspezifisch ist. Der Sprachmix ergab sich durch das Setting und die Expat-Szene, in der die Geschichte handelt.
Hier einfach noch ein Statement, das bringt dir nicht viel, höchstens das Wissen darum, dass ältere Leser (jedenfalls ich) mit dem Sprachmix nicht warm werden, weil ich das auch wenig in meinem Alltag so erlebe.
Trotzdem Danke für dein kleines Statement.
Gruß
AWM

Servus @Ebbe Flut und vielen Dank für deinen Kommentar
Obwohl Dein Protagonist wirklich überhaupt nicht liebenswert war, oder zur Identifikation geeignet, ist es Dir gelungen die Geschichte zu gestalten, dass sie quasi einem immersiven Erlebnis gleicht.
Ja, sympathisch ist er nicht gerade. Habe erst kürzlich (Achtung Sprachmix!) über "likeable characters" gelesen und dass es ein Irrglaube sei, dass Protagonisten so sein müssen. Es komme darauf an, dass sie "engaging" sind. Ich sehe das auch so und glaube der Protagonist ist schon "engaging".
Braindance Cyberpunk 2077 like
Habe ich noch nicht gespielt, weil mich die ganzen Bugs abschrecken.
Deswegen werden auch in Zukunft Leser abspringen und eher kritisch, als positiv, mit Deinem Text ins Gericht gehen.
Ich kann das schon verstehen, dass das anstrengend ist und wenn deshalb jemand abspringt, macht es mir nichts aus, weil es wirklich eine Geschmacksfrage ist. Schlimmer wäre es, wenn Leser abspringen, weil man nicht das erreicht hat, was man wollte, weil man handwerkliche Fehler gemacht hat.
Aber es ist auch nicht so, dass ich oft Sprachen mixe. Hier hat es einfach zum Setting und Prota gepasst.
Mach Dir deshalb aber keine Sorgen, dieser sticht aus dem "Einheitsbrei" vieler guter Texte heraus und polarisiert, das ist es was es braucht, um erinnerungswürdig zu sein
Vielen Dank für dein Lob und Gruß
AWM
 
Zuletzt bearbeitet:
Senior
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12.04.2007
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Ernsthaft“, sagt Thorben. Er legt seine Hand auf meinen Unterarm. „Der Nationalsozialismus war ein Staatskapitalismus. Den haben die Chinesen übernommen.“

Puh, wie lang ist das her, dass ich hierorts mal Pidgin (ein ganz klein bissken nur) geschrieben hab zur Love-Parade zu Duisburg und „der“ Motte will wieder ins Geschäft, hat einen „gemeinnützigen“ Verein gegründet, um Geld einzukassieren – analog wird campact die Gemeinnützigkeit entzogen, weil der Verein sich in Politik einmischt.

Ist Deine verwendete Sprache noch Pidgin oder schon Kreolisch?, frag ich mich, und damit erst einmal wa lakota,

AWM,

und zugleich, wenn es so weiter geht – am Ende der Pest im 14. Jh. die ja auch über die Seidenstraße herüberwanderte - war die Pax mongolica am Ende und der Aufstieg Europas begann – und nu titelt die Wirtschaftswoche „Willkommen in der Volksrepublik der verschwundenen Milliardäre“. Wer weiß das schon so genau und auf meine alten Tage werd ich keine weitere Lingua franca wie etwa Mandarin mehr lernen. Da les ich eher Wulfila im Original, weil ich da den Luther einfach neben legen kann zur Übersetzung … und die Volksrepublik wird wohl ihre Luther brauchen, dass Rotchina mit offenen Armen willkommen geheißen wird, wobei ich fürchte, die EU wird sich mit dem gerade abgeschlossenen Handelsvertrag nicht unbedingt einen Gefallen getan haben. Die Seidenstraße reicht schon seit einiger Zeit mit dem Güterzug bis Duisburg.

Die Nazis verstanden sich gut mit den Konzernchefs. Einer der führenden Ökonomen der Wiener Schule, Fritz Hayek, beriet sie übrigens. Bekannter ist eben dieser Mensch als einer der Gründer der School of Chicago geworden, die mit Reagan & Co. den Siegeszug des sog. „Neo-“, also den reinen Wirtschaftsliberalismus begründete und den Religionsersatz der sich selbstregulierenden Märkte durch die"unsichtbare" Hand - der ja schon von Adam Smith propagiert wurde, immerhin ein Pfarrer - beflügelte.

Du merkst, ich betrete hier überwiegend quasi einen anderen Kontinent, wenn nicht gar einen anderen Planeten und missioniere ein bisschen in dem, was ich kann, und das beginnt schon hier mit dem entlaufenen Punkt

Auf dem Nachttisch klebt ein Zettel: „You never cared“.


Und die fahren jetzt hier herum: Nosferatu, Metropolis, M und sowas.

„so was“ auseinander weil eigentlich ein verkürztes „so etwas“

..., sehe ich, dass Mavis ihr Make Up dagelassen hat, …
„Make-up“


Thorben hebt die Hand, ohne mich anzusehenKOMMA und redet weiter:
Infinitivsatz zu Ende, Hauptsatz wird fortgesetzt

Ich ziehe die Marlboro Gold-Schachtel aus der Brusttasche, ...
der Hauch der Freiheit des Cowboys – Hilfsarbeitern, und zugleich überwiegend Zeitarbeiter, die das Vieh zusammenhielten und ggfs. nach Chiago in die Schlachthöfe brachten, um hernach den nächsten Viehtransport zu übernehmen.
Nicht ungerne gelesen und Glückwunsch zur Empfehlung!, vom

Friedel,
der ein gutes Neues und einen schönes drittes Wochende dies Jahr wünscht!
 
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23.11.2016
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517
Hallo @AWM,

Deine Geschichte hatte ich schon vor längerem überflogen und bin ehrlich gesagt nur durch die Empfehlung nochmals durchgegangen.

Ja, dieser Sprachmix, den finde ich auch anstrengend. Was ich aber als viel schlimmer empfinde ist, dass es Menschen gibt, die tatsächlich so sprechen und selbst die Kindern schon damit anfangen. Natürlich mit anderen Begriffen. Das führt dazu, dass ich mit meinen Kindern stundenlang über englische Begriffe diskutiere, damit die begreifen, was sie überhaupt sagen.

Das sind Kinder. Aber auf internationaler Ebene habe ich das auch schon erfahren, empfand es aber immer als höchst affektiert. Menschen (vor allem junge), die mir erzählen, dass sie gar nicht mehr richtig deutsch sprechen können, vor lauter internationaler Luft, die sie inhaliert haben. Da hat man dann den Eindruck, dass mit jedem deutschen Wort auch ein IQ-Punkt verlorengegangen ist. Gemein, ich weiß.

Das stößt also bei mir eher negativ auf und ich fände etwas weniger Sprachmix besser. Das ist natürlich Geschmackssache und eine schwierige Gratwanderung.

Ansonsten gefallen mir Atmosphäre und Setting, das ist mal was anderes.

Und jetzt doch noch das Aber:

Der Protagonist entkommt mir mit seiner Oberflächlichkeit zu einfach dem Konflikt. Da passieren viele Dinge mit ihm, er hat keine Fäden in der Hand, und am Ende springt er einfach zur Nächsten. Ehrlich gesagt fände ich den Text besser, wenn der letzte Absatz gefehlt hätte. Dann kann man sich fragen, wie er weitermacht nach der Nachricht. Das fände ich stärker, da müsste man mehr darüber nachdenken, was das für ein Typ ist, über den man gerade gelesen hat, und wie er jetzt wohl aus der Sache rauskommt. Aber das ist Geschmackssache.

Gruß
Geschichtenwerker
 

AWM

Mitglied
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26.03.2018
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Servus @Friedrichard und vielen Dank für deinen Kommentar und die interessanten Infos
Wer weiß das schon so genau und auf meine alten Tage werd ich keine weitere Lingua franca wie etwa Mandarin mehr lernen
Das ist gar nicht so schwer. Ich habe ein paar Kurse gemacht. Grammatikalisch ist die Sprache EXTREM einfach. Schwierig sind nur die vier unterschiedlichen Betonungen, gerade wenn man schnell sprechen möchte. Um die Schriftzeichen noch zu lernen, fühle ich mich allerdings auch schon zu alt :D
Infinitivsatz zu Ende, Hauptsatz wird fortgesetzt
Ist aber optional. Alle anderen Anmerkungen habe ich umgesetzt.
der ein gutes Neues und einen schönes drittes Wochende dies Jahr wünscht!
Wünsche ich dir auch!
Gruß!
AWM
Hallo @Geschichtenwerker und vielen Dank für deinen Kommentar
dass sie gar nicht mehr richtig deutsch sprechen können, vor lauter internationaler Luft, die sie inhaliert haben.
ganz zu schweigen von der "superanderen Mentalität", die sie kennengelernt haben
Das stößt also bei mir eher negativ auf und ich fände etwas weniger Sprachmix besser.
Ja, bei mir auch. Aber darum geht es hier ja nicht. Ich finde das auch schrecklich, aber ich wollte das eben abbilden, wie ich dieses Milieu wahrgenommen habe.
Ansonsten gefallen mir Atmosphäre und Setting, das ist mal was anderes.
Dankeschön
Der Protagonist entkommt mir mit seiner Oberflächlichkeit zu einfach dem Konflikt. Da passieren viele Dinge mit ihm, er hat keine Fäden in der Hand, und am Ende springt er einfach zur Nächsten.
Verstehe ich auch den Punkt. Habe das bei Peeperkorn schon angesprochen. Er ändert sich nicht (vielleicht doch? Zumindest weint er) und keine Veränderung ist meist unbefriedigend bei einer Geschichte. Aber da ist halt das Bild des Roundworms. Er ist ja ein Parasit und ich fand es auch schön, dass die Geschichte in Bezug auf das so anfängt, wie sie endet und damit auch einen Roundworm bildet.
Gruß
AWM
 
Senior
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12.04.2007
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5.881
Das ist gar nicht so schwer. Ich habe ein paar Kurse gemacht. Grammatikalisch ist die Sprache EXTREM einfach. Schwierig sind nur die vier unterschiedlichen Betonungen, gerade wenn man schnell sprechen möchte. Um die Schriftzeichen noch zu lernen, fühle ich mich allerdings auch schon zu alt

Weiß ich, neben Chomsky hab ich mich schon während des Studiums mit anderen Theorien und Historie zur Sprache beschäftigt (TkH - Theorie kommunikativen Handelns, Habermas hat ja da schon "auch eine Arte Geschichte" (aktuell der Philosophie) der Soziologie geschrieben und die Vorarbeiten liefen ja schon seit 1970 - bei mir käme die Taubheit dazu und beim Singsang bin ich noch schlimmer als Dylan.

Tschüss und schönen Restsonntag - hier ist der erste Schnee seit zehn Jahren liegen geblieben ... und das, obwohl ich die Wnter für unsere modernen Regenzeiten halte.

Tschüssikowski

Friedel
 

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