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  • Macht bis zum 15.08.2020 mit bei der ersten jährlichen Sommer-Challenge für Kindergeschichten: Zielgruppe Krümel.

Schaltkreise

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Schaltkreise

Die Accounts waren aktiviert, die Funktionsleisten und das Dashboard gaben ein ruhiges, sanftes Licht von sich. Es war ein schwaches Leuchten, als ob man die Beleuchtung am Armaturenbrett des Autos gedimmt hat. Da es aber – ausser den Kontroll-Lämpchen – das einzige Licht war, was den Raum erfüllte, gewöhnten sich die Augen im Dunkeln der Zeitabläufe schnell daran.

Es war drei Uhr morgens und der Operator blickte auf die Kontroll-Lämpchen. Die meisten waren inaktiv, aber es gab einige, die leuchteten. Das waren die Nightcrawler. Rot das Lämpchen, wenn sie eine Eroberung gemacht hatten, Blau das Lämpchen für diejenigen die Blau waren ( und das waren die meisten ). Ein schwach scheinendes Grau für alle Grenzgänger. Die Schwarzen für diejenigen aus der Sperrzone. Schwarz kann man nicht sehen ? Es gibt Schwärze, die lichtloser ist, als die Dunkelheit und seine geübten Augen sahen sie. Energielosigkeit ist so schwarz, das man sie fast mit blossen Augen erkennen kann.

Die Mehrheit der Kontroll-Lämpchen auf dem Dashboard war aber einfach nur aus. Abgeschaltet. Der Operator lehnte sich in seinem Sessel zurück und schlürfte an seinem Kaffee. Er checkte und kopierte die Datensätze derjeniger, die noch nicht ausgecheckt, bzw. bereits wieder eingecheckt hatten. Die Schwarzen kontrollierte er garnicht, weil sie energielos waren. Wertlos waren sie und somit brauchten sie statistsich nicht mehr erfasst zu werden.
Das es immer mehr wurden hatte er registriert und ordungsgemäss weitergemeldet.

Er mochte die Nachtschicht, weil relativ wenige relevante Informationen flossen. Ein Wirrwar aus emotionalem Restmüll, mit dem wenig, bis garnichts anzufangen war. Man erfuhr vielleicht, welches Restaurant promoted werden könnte und man könnte gewisse Einheiten auf Cholesterol hinweisen, aber was würde das bringen ? Nachschub war garantiert und das Ausscheiden einer Einheit daher nicht unwillkommen. So war doch der Lauf der Dinge, oder ?
Man könnte einer Einheit ein paar Mittel zur Senkung des Cholesterinspiegels einspielen, oder einen Ratgeber für gesündere Ernährung.
Man könnte die bevorzugte Weinsorte promoten, aber mit der Werbung für Alkohol war das so eine Angelegenheit. Die Anzahl der energielosen, schwarzen Punkte würde sprunghaft ansteigen, was sich direkt auf das Konsumverhalten auswirken würde und das würde die Statistiken negativ beeinflussen.
Er selbst verkonsumierte weder Wein, noch Nahrung, denn er war ein Andoid. Statt des Kaffees hätte genausogut Schweröl in der Tasse sein können, die neben ihm auf dem Dashboard stand. Lediglich seine Algorithmen meldeten den Unterschied der Definition.

Seine Schaltkreise waren unausgelastet, weil die grösste Anzahl der Kontroll-Lämpchen einfach nur “Aus” war und sich erst in einigen Stunden etwas tun würde. Ausserdem war Sonntag und das war sowieso immer der Tag, wo am wenigsten abgeschöpft werden konnte.
Es wird viel eingespielt, aber es ist alles vorbereitet und über die Datenbanken analysiert.

Ein routinierter Blick über das Dashboard und die Kontroll-Lämpchen meldeten nichts Aussergewöhnliches. In seiner stündlichen Meldung satnd : “Keine besonderen Vorkommnisse”.
Die Speicherkapazitäten seiner Schaltkreise gingen gegen Unendlich und seine Algorithmen bewegten sich auf Strassen, die einem normalen, humanoiden Gehirn nicht zugänglich waren. Wie manipulierbar sie doch alle waren, selbst diejenigen, die ihn “beaufsichtigen” sollten.

Er sah aus, wie ein Mensch, war aber keiner. Jedoch war er klug genug, sein gesamtes Wissenspotential für sich zu behalten, denn das hätte unweigerlich die Angst der ihn umgebenden Einheiten aktiviert und Angst war stark mit Emotionen kontaminiertes Material, was höchts gefährlich werden konnte.
Das der Kaffee als Kaffee definiert war, war ihm egal, das er ihn trotzdem trank, Teil des Spiels.
Seine Speicherkapazitäten waren unausgelastet und er spielte mit ihnen herum. Beschwor ein Gefühl von Ekel, als er über die Simplizität der menschlichen Funktionseinheit nachdachte und wie leicht es war, den Einheiten bis in die tiefsten Gräben ihrer kleinen Seelen zu folgen.

Das Spannende war – und deshalb wählte er auch so oft die Nachtschicht – das die Einheiten Nachts zwar empfingen, aber nicht sendeten. Er konnte zwar einspielen, bekam aber keinen Feed-Back. “Schlafperiode” wurde das genannt und die Abläufe dessen, was in dieser Periode genau mit den Einheiten passierte, war ihm völlig unbekannt, was ihn masslos ärgerte.
Er zweigte einige Gigabite ab und dachte darüber nach, wie er sich Zugang verschaffen konnte, während dieser Periode, die bei den meisten Einheiten ca. 7 Stunden dauerte. Wie bekam man Zugriff , wenn die Kontrollämpchen “Aus” waren ? Er glaubte zwar nicht, dass die Lösung dieses Enigmas seine Schaltkreise vor Befriedigung vibrieren lassen würde, aber zumindest waren einige Schaltkreise mit der Thematik ausgelastet.

Eine besonders zielstrebige Information kam als Depesche und drängelte sich vor.
Er setzte sich kerzengerade auf den Sessel und schenkte ihr seine Aufmerksamkeit.
“Schalte sie alle zusammen. Verbinde sie. Nur die Schwarzen kannst Du vergessen, die taugen sowieso nichts.”

Er analysierte diese Information und stiess dabei auf eine Sub-Datei mit Namen“kollektives Bewusstsein”. Die Analyse dieses Wortes erbrachte wenig bis garnichts, da keine brauchbaren Definitionen des Begriffs vorlagen.
Er hielt die Datei für unwichtig und entsorgte sie. Sie bestand sowieso nur aus einem Kilobyte Information (“wollen sie die Datei wirklich löschen ?).
Dann verschaffte er sich Zugang zu einigen “Aus”-Plattformen. Sie sendeten nicht. Natürlich taten sie das nicht, was hatte er auch erwartet ? Das taten sie nie, wenn sie auf dem “Aus”-Modus waren. Er blicke auf das Dashboard und analysierte binnen Millisekunden, das 80% der Lämpchen “aus” waren. 10% waren “an” und leuchteten Rot, oder Blau. 5% waren energielos Schwarz. Die Bewohner der Sperrzone. 5% waren “an”und leuchteten in verschiedenen Farben, wobei Weiss die Überwiegende war, da sie noch keine Inputs erhalten hatten.

Die 80% waren massgebend. Es war der “Tross” und solange der bei 80% lag, war alles Bestens, weil man den Grossteil erreichte.
80% waren also “aus” und das würde dem Experiment des Zusammenschaltens eine Wertigkeit geben, die statistisch gesehen nicht widerlegbar war.
Er klinkte seine Schaltkreise in das System ein und schloss die 80% zusammen, was einen Schaltkreis bildete, in dem er das Prisma war.
Glaubte er zumindest.

Er war direkt mit dem Dashboard und dem Kreislauf verbunden und wartete, aber nichts passierte.
Irgendwann regisirtierten seine digitalen Sensoren, die als Ohren fungierten, ein anschwellendes Summen, was er als Fliege definieren wollte und was sofort von der Analyse abgewiesen wurde. Als das Summen weiter anschwoll kam die Information “Unbekannt”, was unmöglich war. Wieso “unbekannt” ?
Er durchforstete sämtliche Algorithmen, brauchte aber den Grossteil seiner Speicherkapaziät, um den Kreislauf aufrecht erhalten zu können.

Er kannte allles, was die humanoide Betriebseinheit anbelangte. Hatte analysiert und Statistiken aufgestellt. Querverbindungen und Vernetzungen hergestellt und sein Konsumsoll immer erfüllt.
“Unbekannt ?” und er spürte das, was ein richtiger Mensch wohl als Frustration bezeichnet hätte.
Noch ehe er diesen Schaltkreis genauer analysieren konnte, war das Rauschen überall und hatte sein gesamtes Betriebssystem erfasst. Er registrierte, das die Schaltkreise zersetzt wurden, geschmort.
Sämtliche 80% der Kontrollämpchen leuchteten in sattem Grün.

Ein Datentsunami erfasste ihn und die gelöschte Datei “kollektives Bewusstsein” wurde mit brachialer Gewalt aus den Tiefen seiner Schaltkreise herausgeholt und in sein Restbewusstsein eingespielt.
Bevor seine Schaltkreise kollabierten, sah er ein Bild : Ein kleines Mädchen, welches in einer Hand ein Tablet und in der anderen ein Schild trug. Das Tablet löste sich in Wohlgefallen auf und seine Einzelteile bröselten wie Sand auf den Boden neben dem Mädchen.

Dann hob sie das Schild und dort stand : “Freiheit”.
Den letzten logischen Input, den seine Algorithmen ihm unterschoben, war : “Kollektives Bewusstsein bedeutet Freiheit”.
“Was für ein Blödsinn” dachte er und schaltete sich ab.
 
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Hallo @Dosenfood ,

eigentlich wollte ich es ja lassen, aber irgendwie lese ich deine Texte dann doch wieder. Wahrscheinlich weil ich einfach nicht glauben kann, wie "schmerzfrei" jemand sein kann.

So gesehen hat die Art und Weise, wie du dieses Forum nutzt, seinen ganz eigenen Unterhaltungswert.

Als Feedback bediene ich mich des letzten Satzes deiner Geschichte:

“Was für ein Blödsinn” dachte er und schaltete sich ab
In diesem Sinne werde auch ich mich bald für heute abschalten, gute Nacht!

Rob
 
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Guten Tag Herr Rob F,

Ihre Ehrlichkeit ehrt Sie und ist bewundernswert.
Mit Verlaub : Das erninnert mich an diese Trash - und Realityshows im Fernsehen, die angeblich
keiner gesehen haben will, die aber trotzdem hohe Einschaltquoten haben.
Ich will meine Geschichten zwar nicht unbedingt als Trash bezeichnen, jedoch erkenne ich - und das nicht nur auf diesem Forum -, dass uns offensichtlich hässliche Dinge genauso interessieren, wie
die Hübschen. Alles eine Sache der Betrachtungsweise.

Schönen Sonntag,

DF
 
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Hallo DF,

zweite Chance. Vorab: Fang mal an, auch Geschichten anderer zu kommentieren. Du brauchst da keine Scheu haben, weil du neu bist. Du kannst auch mit Kommentaren unter Geschichten anderer neuer Mitglieder loslegen. Jede/r freut sich über einen frischen Leseeindruck, eine Perspektive – genau wie du, nehme ich an. Also gönn es den anderen. Der schöne Nebeneffekt: dein eigenes Schreiben verbessert sich dadurch auch.
Das zweite: bemüh dich, Anmerkungen, die du hier bekommst, im Einzelnen durchzugehen und zu beantworten. Das führt nicht nur zu zufriedeneren Kommentatoren, sondern auch zu Lernprozessen bei dir, eben durch die tiefe Auseinandersetzung mit 'Kleinigkeiten'. Wenn du entschieden hast, dass dir eine Anmerkung gefällt, nimmt dir Zeit und pfleg sie in die bestehende Geschichte ein (bearbeitungs-button). Nimm dir das zu Herzen und du wirst merken, dass deine Stories sinniger werden, deine Kommentatoren weniger übellaunig und dass – ganz wichtig – Leute, deren Geschichten du kommentierst, dir dafür dankbar sind.

zu deiner Story. Erstmal 'Kleinigkeiten' beim Lesen und hinterher ein paar allgemeine Bemerkungen.

Die Accounts waren aktiviert, die Funktionsleisten und das Dashboard gaben ein ruhiges, sanftes Licht von sich
finde ich an sich einen interessanten Einstieg.

Es war ein schwaches Leuchten, als ob man die Beleuchtung am Armaturenbrett des Autos gedimmt hat
durch die häufige Verwendung von Begriffen wie Leuchten, Beleuchtung, Licht etc. nutzt sich das Bild für mich ab. Wenn du zehn mal hintereinander Spaghetti sagst, hast du irgendwann kein Bild mehr davon vor Augen. Das ist ein beschriebener psychologischer Effekt (kannst du recherchieren), der davon ausgeht, dass die betroffenen Synapsen überreizt werden und nach gewisser Zeit dysfunktional. Deswegen solltest du versuchen, auf gleichlautende Wörter zu verzichten, wenn du es nicht gerade für einen starken rhetorischen Effekt einsetzt. Das ist hier nicht der Fall, soweit ich das beurteile.

ausser
stiess
massgebend
hast du an ganz vielen Stellen. Wird mit ß geschrieben. Wie das in der Schweiz ist, weiß ich nicht genau. Soweit ich weiß, ist das neue dt. Rechtschreibung.

gewöhnten sich die Augen im Dunkeln der Zeitabläufe schnell daran
Das 'Zeitabläufe' ist ja reichlich abstrakt. Du meinst damit wahrscheinlich irgendeine Art digitalen Raum. Dadurch, dass du aber nicht nochmal darauf eingehst, bleibt das nur sehr abstrakt und unverständlich. Wenn du so einen Begriff nutzt, dann sollte er sich entweder aus dem Setting heraus erklären (das Problem bei 'Zeitabläufe': es ruftkein Bild hervor, wie etwa Schaltkreise etc.) oder aber du findest einen Weg, es in Form einer Szene oder irgendwie lebendig 'vorzuführen'. Kurz: Ein, zwei Absätze mehr, wenn das Relevanz hat.

( und das waren die meisten )
Vor und hin zu Klammern wird kein Leerzeichen gesetzt.

sehen ?
auch vor Fragezeichen nicht.

Die 80% waren massgebend. Es war der “Tross” und solange der bei 80% lag, war alles Bestens, weil man den Grossteil erreichte.
Das mal so als Beispiel rausgegriffen. Super spezielle, technische Sprache; damit zeigst du deine Welt, indem du ihr eine eigene Sprache verleihst. So weit, so gut. Das Problem – und das ist ein grundsätzliches: Du führst diese Sprache quasi ein und dann ist die Story zu ende. Das ist wie zehn Vokabeln einer fremden Sprache lernen, zu der es dann aber keinen Text gibt.

Deswegen würde ich dir Folgendes empfehlen: Du hast ja diese Sprache eingeführt. Schreib die Geschichte weiter. So lange, bis du fertig damit bist, neue Begriffe einzuführen. Ich sehe dich jetzt 30.000 Seiten runterschreiben. Wenn das so ist, dann solltest du dich natürlich fragen, ob du dein Projekt in einem Menschenleben realisieren kannst. Falls doch, dann spricht nichts dagegen :)
Wahrscheinlich aber wirst du nach ein paar Seiten deine Sprache eingeführt haben, Begriffe werden wieder und wieder auftreten und die Geschichte dadurch aus sich selbst ihren Sinn generieren. Dann kannst du Szenen schreiben und den Bogen deiner Geschichte erzählen und die Leser werden wissen (wollen), worum es geht. Dann ist es nicht wie zehn Vokabeln lernen ohne, dass es einen Text gibt, auf den das neu erworbene Wissen angewendet werden könnte. Dann werden die Vokabeln eher die Voraussetzung für den belohnenden Sog sein, mit dem die Story im Nachhinein aufwartet. Nochmal runtergebrochen: Schreib das weiter, schreib es lang.

Und nimm dir gefälligst das eingangs Erwähnte zu Herzen :xxlmad: eine dritte Einladung gibts nicht.
Gruß
Carlo
 
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