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Schatten der Dunkelheit 1.Der Erfolgreichste

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29.07.2020
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Schatten der Dunkelheit 1.Der Erfolgreichste

Antonie Modeska schaute auf seine Rolex und stieg aus der S6 Haltestelle Frankfurt Taunusanlage aus. "Schon wieder fünf Minuten zu spät", dachte er, "das sind doch alles nur unfähige Idioten. Es kann doch nicht so schwer sein, Züge pünktlich ankommen zu lassen. In China geht das doch auch, dort kommen fast hundert Prozent aller Züge pünktlich an."
Ein Lockführer kam ihm am Beinsteig entgegen und ging ganz gelassen Richtung Führerstand. Als er auf Antonies Höhe war, zischte Antonie: "Sie sind wieder zu spät" und zeigte dabei mit einem Finger auf seine Armbanduhr. Der Lockführer schaute Antonie an, zuckte kurz mit den Achseln und ging ganz unbeteiligt weiter. Antonie ärgerte sich noch immer. Hätte er sich nicht wenigstens entschuldigen können? Mit diesem Gedanken schritt er durch die breite, vollautomatische Schiebetür vom Main Tower in die weiträumige Empfangshalle, deren Wände mit braunem und weißem Marmor verkleidet sind, über das im Boden eingelassene Europa-Emblem. Diese Halle fühlte sich für Antonie befremdlich an, nicht dass er sie nicht kannte, durchschritt er sie doch jeden Morgen auf dem Weg in sein Büro. Aber heute war nicht wie jeder Tag. Das geschäftige Treiben der Empfangshalle, der feine Kaffeeduft der Kaffeebar neben den fünf Express-Aufzügen, waren so vertraut, aber doch heute so befremdlich. Einige der angestellten Manager saßen noch in den schweren braunen Ledersesseln neben der Kaffeebar mit einem Kaffee und dem Laptop auf ihren Beinen. Andere schritten hastig zu den Aufzügen, um in ihre Büros zu kommen, wieder andere standen geschwätzig in keinen Gruppen in der von der Morgensonne warm durchfluteten Halle.

Antonie ließ seinen Blick schweifen, hielt einen Moment inne, sah dann die Tür zum Treppenhaus und ging zügig auf diese zu. „Dr. Modeska? Ein Paket für Sie“. Karla, die Empfangsdame, lächelte ihm zu. "Nehmen Sie es gleich mit oder soll ich es mit der Hauspost zu Ihrem Schreibtisch bringen lassen?"
Antonie verharrte in der Bewegung, schaute in Karlas Richtung, aber ihre Blicke trafen sich nicht. "Dr. Modeska?" sprach Karla erneut. "Das Paket?" "Später," sagte Antonie, "...später". Er wollte nicht angesprochen werden. Er, der sonst mit Karla oder mit Kollegen in der Empfangshalle Kaffee trank und ein Schwätzchen hielt, ihm war nicht danach. Darum nahm er auch das Treppenhaus; er wollte nicht in den Aufzügen in ein Gespräch verwickelt werden. Er öffnete die Tür zum Treppenhaus und stieg langsam und bewusst die Treppen hinauf. Er wolle diesen Aufstieg bewusst erleben, er wollte spüren, wie er jede Etage erklomm. In den ersten fünf Etagen überholten ihn Männer in Anzügen, die auf dem Weg zu ihren Schreibtischen noch eine Sporteinheit auf ihren Fitnesstrackern absolvierten. In der 13. Etage kann ihm noch ein Angestellter, der für die Hauspost zuständig war, entgegen. In der 22. Etage saß einer der nervösen Jungen im dezentem Maßanzug mit blauem Hemd und einer viel zu ordentlich gebunden Krawatte auf einer der nach oben führenden Treppenstufen. "Wieder einer, der alles tun würde um der Beste im Team zu sein," dachte Antonie. Er zog sich mit einem 50 € Geldschein, den er zu einem Röhrchen gedreht hatte eine Line Kokain in seine fast noch kindliche Nase. Er war so damit beschäftigt, daß er Antonie erst im letzten Augenblick wahrnahm. Erschrocken versuchte er sein Tun zu verbergen, schob alles hastig hinter sich und machte dabei ein Gesicht wie ein kleiner Junge, der beim Stehlen von Süßigkeiten entdeckt wurde.
Antonie schaute ihn an, strich sich mit seiner rechten Hand über seine Stirn und seine Augen und ging ruhig weiter, als ob niemand auf der Stufe säße. Der junge Mann schaute Antonie unsicher hinterher. Dann sprang er auf, nahm die Reste seines Tuns und floh in ein für Antonie unbekanntes Bürostockwerk.
In der 46. Etage blieb Antonie stehen, verschnaufte etwas auf dem Treppenabsatz und stützte sich dabei an einem Feuerlöscher ab, der an der Wand hing. Seine rechte Leiste schmerzte und er krümmte sich leicht vor Schmerz, er zog ein akkurat gebügeltes Stofftaschentuch aus seiner Hosentasche und wischte sich damit den Schweiß von seiner Stirn. Nach einer kurzen Pause schaute Antonie nach oben und sagte leise zu sich: "Nur noch 10 Etagen, Antonie, nur noch 10 Etagen." Dann holte er noch einmal tief Luft und ging seinem Ziel entgegen, ruhig, ganz bewusst geleitet von seinem Inneren, seinen Gefühlen.
Nun stand er vor der Tür, der Tür, die seine Entscheidung bringen sollte. Wie oft stand er schon in seinem Träumen hier. Nun war er hier - erfüllt mit Einsamkeit. Er öffnete die Tür ganz langsam und bewusst und eine kühle Brise strich über seine verschwitze Stirn. Er merkte, dass er Gänsehaut an seinen Armen bekam. Dann drückte er die Tür weiter auf und schritt stolz und selbstsicher auf den Schotter des Dachs des Main Towers.
Die Aussicht war an diesem frühen Frühlingsmorgen noch ungetrübt vom Dreck des Tages. Antonie blieb einen Augenblick stehen, seine Anzugjacke wehte von dem starken Wind, der hier oben herrschte. Dann ging er bis zum Rand des Gebäudes und schaute in die Tiefe. Er, der immer alles geschafft hatte. Er, der erfolgreichste Rechtsanwalt der Kanzlei. Er, der Schwäche und Niederlagen nicht kennen wollte. Der, der immer kämpfen musste, um erfolgreich zu sein. Genau dieser Antonie stand nun hier. Sollte es so enden?
Warum konnte er sich nicht mehr an den Dingen erfreuen, die ihm früher so viel bedeutet haben? An der großen Eigentumswohnung, dem Sportwagen, an seinem Fußballverein. Er, als der beste Torhüter der Liga? Ja, er hatte ein Alkoholproblem, das wusste er. Zwei Entzüge waren gescheitert, aber das wollte Antonie nicht wahr haben. Sie halfen nur kurz, bis die Selbstzweifel und das Lebensmodell vom liebenden Familienvater wieder kamen. Dann ertrank er seinen Kummer über die Ungerechtigkeiten in Bier und wenn das nicht mehr half, musste der Gin ran. Lediglich dieses Laster hatten Antonie älter erscheinen lassen als er in Wirklichkeit war. Antonie, der heute 35 geworden war, wurde von den meisten auf 40 oder 42 Jahre geschätzt. Sollte sein Leben schon vorbei sein? Warum kam keiner seiner Freunde, warum stand er hier ganz alleine am Rand des höchsten Gebäude der Stadt?
Warum kam keiner seiner Freundinnen und sagte zu ihm, ich liebe Dich, ich will Dich? Ja gut, auf Anna konnte er nicht hoffen: diese Schlampe, die sich an einen Pizzaverkäufer rangemacht hatte. Antonie schlug sie vor Wut und Enttäuschung halb krankenhausreif. Wie konnte diese Schlampe vor seinen Augen mit so einem Proleten rummachen? Sich hingeben? Aber doch Ute, die neben ihm wohnte mit den beiden kleinen süßen Mädchen aus erster Ehe. Er, der alles für die Mädchen tat und Ute beim Einzug geholfen hatte. Ihr zeigte, wie sie ihr chaustisches Leben organisiert bekam. Schickte er ihr nicht täglich mehrere präzise Anweisungen per Whatsapp? Und was macht diese Kuh: Sie hat ihn einfach geblockt, und dann macht sie noch mit ihren Ex rum. Frauen sind …

"Leica!", hörte er plötzlich hinter sich rufen. Antonie wurde aus seinem Gedanken gerissen und schaute sich etwas verwirrt um, verlor dabei leicht die Balance und taumelte an den Rand des Gebäudes. Dann fing er sich wieder und schaute Richtung Treppenhaus. Vor der schweren Eisentür stand ein großer hagerer Mann, der seine grauschwarzen Haare stolz nach hinten gekämmt hatte. Seine markanten Wangenknochen, seine grauen Augen, seine bräunliche Haut ließen ihn sehr südländisch erscheinen. Antonie schätzte ihn auf Mitte 50, sportlich trainiert, er war sicher Grieche. An Antonies Beinen turnte ein keiner schwarz weißer Terrier mit braunem Kopf herum und wollte Antonie animieren, ihm den kleinen Ball zu werfen, den er in der Schnauze hielt.

"Was suchen Sie hier?", rief Antonie dem Mann an der Tür zu. Der Mann schaute Antonie an, fuhr sich mit einer Hand durch sein Haar und sagte ganz ruhig, fast beiläufig: "Was suchen Sie hier?". "Ich will meine Ruhe!", rief Antonie Richtung der Tür, dann schaute er zu dem Hund und sagte leise: "Nur meine Ruhe..." "Und ich will meinen Hund etwas Luft gönnen. Oh entschuldigen Sie, dass ich mich noch nicht vorgestellt habe. Ich bin Pavlos und die Kleine ist Leica, sie ist immer etwas aufdringlich; entschuldigen Sie ihre schlechte Erziehung."

Antonie schaute sich Pavlos genau an, Er stand immer noch an der Tür, ein stolzer selbstbewusster Mann. Er erinnerte ihn an seinen Vater, auch wenn dieser sicher nie knielange Jeans, einen beigen Strickpullover mit rotem Hasenumriss getragen hätte, der ihm viel zu groß erschien - denn der Halsausschnitt rechte fast bis zu den Schultern. Und dann noch diese bunten Fahrradschuhe! Antonie dachte: Selbst für ein Psychologen ist er sehr lässig angezogen. Sie hätten ruhig einen seriöseren schicken können.
Pavlos schlug leicht mit einer Hand an sein Bein. "Leica, bei Fuß!" Der keine Terrier rannte zu Pavlos und setzte sich neben ihm. "Antonie will nicht mit Dir spielen, kleine Maus, der will sich umbringen." "Woher kennen Sie meinen Namen?", fragte Antonie. "Du bist doch Antonie Modeska, oder? Der Rechtsanwalt? Und Du stehst hier schon seit 3 Stunden an der Brüstung. Das lässt mich vermuten, dass Du springen willst?" "Wer sind Sie? So ein zweitklassiger Psychologe, der verhindern soll, dass ich springe?" fauchte Antonie wütend zurück. "Nein," sagte Pavlos ruhig in einer fast väterlichen Stimme. Pavlos hasste es zu lügen, aber ab und an verlangte sein Job, nicht immer gleich die volle Wahrheit zu erzählen. "Ich sagte Dir schon, dass ich wegen meinem Hund hier oben bin." "Lüge mich nicht an, ich springe!" "Willst Du wirklich springen?" Pavlos fixierte Antonie mit seinen graublauen Augen.
"Ja," sagte Antonie leise, aber bestimmt. Pavlos fixierte ihn noch immer und minutenlang war es totenstill und nur der Wind kräuselte seine Haare. Ein großer stattlicher Mann von 190 oder 195 cm, schlank, aber etwas verlebtes Gesicht, dachte Pavlos. Feiner Anzug, sehr teuer, vermutlich aus Paris. Der wird so schnell nicht springen, er hat Angst vor dem Sterben, er hat Angst vor der Bedeutungslosigkeit. Er sucht das große Drama, er sucht sein Publikum, ein Publikum, das ihn schon lange verlassen hat. Er steht dort wie ein alternder Schauspieler auf einer Bühne, der es noch nicht wahr haben will, dass sein Publikum schon längst ein neues Idol feiert.
"Erzähl mir, warum Du hier oben bist, Antonie. Ich und Leica haben etwas Zeit und können gut zuhören." Antonie wusste nicht, was er sagen sollte, aber dann quollen die Worte nur so aus ihm heraus. Es war fast wie eine Erleichterung, eine Erlösung der Schuld. Er erzählte von seinem Vater, der ihm nie wirklich wahrnahm, dem er nie genügen konnte. Der der immer gesagt hat: Dieser Schwächling wird es nie schaffen, eine Familie zu gründen. Er erzählte von einem Besuch in einem Bordell mit seinem Vater zu seinem achtzehnten Geburtstag. Dass ihn die Frauen dort eher erschreckt hatten und er keine dieser Damen beglücken konnte. Dass sein Vater allen erzählte, dieser Schwächling will erwachsen sein, der bekommt je noch nicht mal einen hoch. Das er klagen musste, um seinen Doktortitel zu bekommen. Dass allen anderen der Erfolg in den Schoss fiele, während er für alles kämpfen müsse. Dass er jeden Tag zwölf Stunden im Büro arbeitete, um seine Kanzlei zu der namhaftesten von Frankfurt zu machen. Dass, wenn er von seinen Angestellten forderte, immer zu erreichbar zu sein, nur Missgunst ernte. Dass er sich um alles selber kümmern müsse. Dass sein Vater seinen Erfolg nicht anerkenne und ihn immer nur als kleinen Rechtsverdreher betitele, der keine Familie gründen könne. Dass seine Nachbarin ihn ausgenutzt hatte und jetzt wieder mit Ihrem Ex ficke. Dass er doch der bessere Mann sei, der perfekte Ehemann.
"Und nur deshalb willst Du springen?"
"Ja, verdammt! Ich bin es leid, für jeden der Depp zu sein! Niemand nimmt mich wahr...", dann wurde Antonies Stimme leiser und er flüsterte fast und sein Kopf senkte sich. "Niemand liebt mich."

Minuten vergingen niemand bewegte sich; selbst Leica saß bewegungslos neben Pavlos. "Warum?" fragte Pavlos, ganz zart und leise, fast liebevoll.
Antonie schaute Pavlos verdutzt an, dann wurde er wütend und schrie: "Was bist Du? Was willst Du? Was weißt Du schon? Du bist nur ein mittelmäßiger Psychologe, der mich hier runter holen soll. Mehr nicht, Du hast nichts verstanden."
Pavlos spielte dabei mit Leicas kleinen grünem Ball, den er immer wieder hoch warf und ihn auffing und Leica saß vor ihm und hatte nur Augen für den Ball. Dann sagte er beiläufig: "Was habe ich nicht verstanden?"
"Dass ich das Leben nicht mehr spüren kann!" Tränen quollen aus seinen Augen.
Pavlos fing erneut den Ball, dann ließ er ihn fallen. Leica schnappte ihn sich und lief aufgeregt um Pavlos Beine. "Darf ich Deinen Arm anfassen? Ich werde dich auch nicht von der Dachkante ziehen."
Einen Moment überlegte Antonie. "Warum willst Du mein Arm anfassen?"
"Weil ich dir das Leben zeigen will."
Antonie zögerte. Pavlos sagte: "Was hast Du zu verlieren? Nichts." Dann ging er langsam auf Antonie zu. Als er anderthalb Meter vor ihm stand, sagte Antonie: "Stopp! Das reicht."
Einen Augenblick sahen sich die beiden tief in die Augen. Dann streckte Antonie seine rechte Hand aus. "Und nun?"
Pavlos umfasste Antonies Handgelenk ganz vorsichtig, fast meditativ.
Antonie zitterte leicht bei der Berührung.
"Keine Angst. Ich werde nichts tun, was Du nicht willst. Ich werde Dich nicht von der Kante ziehen, wenn Du es nicht willst." Pavlos holte tief Luft, seine Brust wurde breiter und er schob sie nach vorn. Dann schloss er die Augen, sein Gesicht war ganz entspannt, sein Körper stand unter Spannung, seine Stimme wurde erdiger, ganz ruhig als käme sie aus dem Inneren seiner selbst. "Schliesse Deine Augen. Sei ganz locker. Atme ganz ruhig ... ganz ruhig und tief und konzentriere Dich nur auf Deinen Arm."
Antonie schloss seine Augen. Er spürte Pavlos Berührung; sie war keine Bedrohung; die Wärme der Berührung durchfloss seinen Arm.
"Leben ist Bewegung. Jegliche Bewegung ist Leben. Spürst Du die Bewegung in Deinem Arm? Das Blut in Deinen Adern?
Erst ganz langsam, aber immer stärker spürte Antonie ein Zucken, ein immer stärkeres Pochen in seiner Hand. "Siehst Du? Das ist Leben. - Dein Leben."
Einige Minuten vergingen und Antonie genoss das pulsierende Zucken in seinem Arm. Das Leben. Sein Leben. Antonie hatte noch immer die Augen geschlossen; er war so verblüfft von dieser Erfahrung. "Und was ist dann der Tod?"
Pavlos Griff wurde fester und Antonie spürte kein Zucken mehr, kein Pochen. Jegliche Bewegung war erloschen. Er versuchte, seine Armmuskeln zu bewegen, aber es gelang ihm nicht. Seine Hand war steif und jeglicher Versuch die Hand zu bewegen misslang. "Das, was Du nun spürst, das ist der Tod. Die Bewegung ist erloschen, nur noch Energie, die im Nichts ihre Bahnen sucht. Wenn sie auf eine andere Energie trifft, leuchtet sie kurz auf und erlischt. Willst Du Energie sein oder willst Du Bewegung sein?"
Dann löste Pavlos seinen festen Griff. Antonie spürte ein starkes Pochen, ein starkes Verlangen nach Leben. Pavlos ging zur Treppenhaustür, drehte sich um: "Antonie Modeska. Du stehst nun schon seit fast den ganzen Tag hier auf dem Dach und mir ist kalt, wollen wir nicht endlich gehen? Dir ist doch auch kalt und Leica will endlich mit ihrem Ball spielen."
Antonie verstand, dass er Leben musste, Dass er sich in seiner Welt bewegen musste, sich verändern musste, dass vielleicht nicht alles wird gut werden würde, aber vieles konnte er verändern. Wenn er sich bewegte, könnte er sein Leben verändern. Möglich, dass er dann auch sein Glück, seinen Frieden finden könnte.
Pavlos warf ein letztes Mal den kleinen grünen Ball und Leica rannte hinterher. Antonie schaute mit verweinten Augen dem Ball hinterher und in seinem Gesicht konnte Pavlos ein Lächeln erkennen. "Ja, wir wollen gehen." sagte Antonie leise. Er griff in die Luft und wollte den Ball fangen - griff weit hinter sich, spürte den Ball an seinen Fingern, verlor etwas das Gleichgewicht, setzte den rechten Fuß nach hinten, um sich zu fangen, aber sein Fuß war über die Dachkante getreten, er spürte, wie seine Schuhspitze an der Hauswand nach unten gleitet und keinen Halt findet. Langsam neigte sich sein Körper über die Dachkante, er spürte den Luftzug an seinen Kopf - denn Fall, der langsam, aber konstant schneller wurde.
Seine Bewegung, die im Nichts erstarrt, das Licht aus den Bürofenstern, das an ihm vorbeizieht. Antonie spürte die Energie, die aus seinem Körper wich, und seltsam und ruhig wusste er, dass er dem Tod sehr nahe war. Pavlos konnte noch das Erstaunen in Antonies Gesicht erkennen, als er rücklings über die Brüstung des Daches stürzte.
Leica stand mit wedelnder Rute an der Stelle, an der gerade noch Antonie gestanden hatte. Sie bellte.
"Wir müssen gehen", Pavlos öffnete die Eisentür zum Treppenhaus und ging langsam die Treppen herab. Leica lief die Treppen schneller herunter und an jedem Treppenabsatz wartete sie und schaute, als ob sie ihn fragen würde: noch eine Etage?
Am fünfzehnten Treppenabsatz kamen ihnen drei Feuerwehrmänner und ein Rettungssanitäter entgegen, die hastig zum Dach rannten. Pavlos drängte sich an die Wand vom Treppenhaus, um die Feuerwehrmänner vorbei zu lassen. Niemand beachtete ihn. Niemand fragte etwas. Dann sah Pavlos nur noch die Rücken der Feuermänner auf der nächst höheren Treppe schwer schnaufend Richtung Dach.
Er rief Leica zu sich: "Komm, bis ganz nach unten." Nach einer ganzen Weile erreicht Pavlos die Eingangshalle, die nun am späten Nachmittag fast ausgestorben war. Einige Manager, die sich in der Eingangshalle aufhielten, murmelten etwas von Selbstmord, andere: wer denn, einer von uns? Keiner nahm wahr, dass Pavlos ruhig zur großen Schiebetür ging, die sich automatisch öffnete. Zur rechten Hausecke des Eingangsportales lehnte ein altes Rennrad mit braunem Bambusrahmen an einer grauen Granitsäule. Er öffnete das Fahrradschloss und setzte sich auf den schmalen, abgewetzten Ledersattel, fuhr ein Stück, dann schaute er um die vor ihm liegende Gebäudeecke. Dorthin, wo er die Absturzstelle vermutete. Schnell hatten sich dort einige Schaulustige versammelt, die nur zurückgehalten wurden durch ein von der Polizei hastig gezogenes Absperrband.
Pavlos kam der Gedanke vom fehlenden Publikum auf dem Dach im Sinn. "Nun hast Du Dein Publikum.", murmelte Pavlos. Er verharrte einen kurzen Augenblick, setzte dann seine Fahrt mit seinem Rennrad fort und Leica lief Ihm dicht folgend hinterher. Die tiefstehende Abendsonne schien Pavlos direkt in die Augen, er griff in seine Tasche, holte eine sportlich geschnittene verspiegele Sonnenbrille hervor und setze sie sich mit einer Hand auf.
Bald schon hatte er die Stadt hinter sich gelassen und fuhr auf einer kerzengeraden, leeren Landstraße. Seine gleichbleibende, fast elegante Bewegung auf dem Rad wurde nur kurz unterbrochen, als er einen entgegen kommenden Leichenwagen erkannte, dessen Lichter sich in Pavlos Brille spiegelten. Er kannte diesen Wagen nur zu gut. Er wusste, dass er anhalten musste, auch wenn ihm nicht nach anhalten war. Seine langen schlanken Finger zogen die gelb chromierten Bremshebel an den mit Lederbändern umwickelten Rennlenker, langsam verzögerten die Bremsen seine Fahrt bis zum Stillstand, dann schaute er sich um und die von der Sonne angeschienene Glasfassade des Main Towers glitzerte golden in der Abendsonne. Er wartete auf den Leichenwagen, ein Chevrolet aus den 60er Jahren.
Leica bellte, als der Leichenwagen anhielt und sich die getönte Scheibe der Fahrertür langsam nach unten senkte.
"Und Pavlos - ist er gesprungen?" Pavlos drehte den Kopf langsam in Richtung des Fahrers. "Sicher ist er gesprungen, sie springen alle. Manche brauchen länger, mache sind noch nicht bereit, aber wenn sie bereit sind, springen sie alle." "Sicher springen sie alle, wenn Du da bist. Du bist ja auch der Erfolgreichste in Deinem Job." "Und was nun?" Catherine Sommer 34 Jahre. Letzten Monat sind ihr Kind und ihr Mann bei einem selbstverschuldeten Autounfall verstorben. Sie steht seit 20 Minuten auf der Main-Neckar-Brücke."
Pavlos wandte sich ab, seinen Blick ging Richtung Abendsonne, er verharrte noch einen Augenblick in dieser Stellung. Dann setzte er das rechte Bein auf die Pedale, die Muskeln in seinem Bein spannten sich an, er nahm erneut Fahrt auf, sein Rad glitt lautlos die Straße stadtauswärts entlang. Hinter im lief Leica und schaute ihn von Zeit zu Zeit an, als müsse sie auf Pavlos aufpassen. Der Fahrer des Leichenwagen startete den mächtigen Big-Block und mit einem tiefen brummen fuhr der Wagen Richtung Main Tower.
 
Zuletzt bearbeitet:
Wortkrieger-Team
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16.03.2015
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3.028
Hallo @Tim Taller

Willkommen bei den Wortkriegern und im Korrektur-Center, wo dein Text wegen der relativ hohen Fehlerdichte landet.

Bitte siehe dir auch diese Infos an.

Viel Erfolg bei der Überarbeitung.

Gruß, GoMusic
 
Wortkrieger-Team
Beitritt
02.09.2015
Beiträge
736
Hallo @Tim Taller ,

ich bin über Deine Überschrift gestolpert? Soll das eine Serie werden? Das lässt sich einstellen bei den Kurzgeschichten.

Dann ist mir aufgefallen, dass sich gegen Ende die Fehler häufen. Da solltest Du dringend drüber gehen:


Aber doch Ute, die neben ihm wohnte mit den beiden kleinen Mädchen aus erster Ehe. Er, der alles für die Mädchen tat, ihr beim Einzug geholfen hatte. Ihr zeigte, wie man das (oder: sie ihr) Leben organisiert bekam. Schickte er nicht täglich mehrere präzise Anweisungen per WhatsApp an Ute? Und was macht diese Kuh? Sie hat ihn einfach gebockt, und dann macht sie noch mit ihrem Ex rum. Frauen sind …
Erzähl mir, warum du hier oben bist Antonie, weißt du, ich und Leica haben etwas Zeit und können gut zuhören. Antonie wusste nicht, was er sagen sollte, aber dann quollen die Worte nur so aus ihm heraus. Es war fast wie eine Erleichterung eine Erlösung von der Schuld. Er erzählte von seinem Vater(,) der ihm nie wirklich wahrnahm, dem er nie genügen konnte.
Das nur als Beispiel. Die vielen Fehler machen den Text schwer lesbar.

Liebe Grüße
Mae
 
Wortkrieger-Team
Beitritt
16.03.2015
Beiträge
3.028
Soll das eine Serie werden?
Ja, so stand das anfangs im Infoblock. Ist dort nun aber verschwunden.

Keine Sorge: Wenn der Text aus dem Korrektur-Center raus kommt, stellen wir das für dich entsprechend ein,@Tim Taller

Gruß, GoMusic
 
Wortkrieger-Team
Beitritt
02.09.2015
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736
P. S. : Noch als Ergänzung, da durchgängig fehlerhaft:

Ihm, ihr, sie, du, er schreibt man generell klein, wenn sie nicht am Satzanfang stehen. Ausnahme: „Sie“ als Ansprache in der direkten wörtlichen Rede wird groß geschrieben.
In Briefen gelten auch andere Regeln, aber hier geht es ja um eine KG.

Du trennst auch häufig Neben- und Hauptsatz nicht mit Komma ab. Darauf musst Du achten: Der Hund, der über die Straße ging, die neu geteert worden war, hatte ganz schwarze Pfoten, als er nach Hause kam.
 
Monsieur le Directeur
Chef
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07.02.2000
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10.445
Wenn das eine Serie sein soll, dann bitte das entsprechende Präfix beim Titel verwenden, das gehört nicht in den Info-Block.
 
Mitglied
Beitritt
29.07.2020
Beiträge
3
Hallo,
Ich habe den Text noch einmal überarbeitet und ich hoffe er ist nun verständlicher. Sorry wenn ich Fehler mache. Ich nehme eure Anmerkungen gerne an. Und freue mich auf eure Resonanz
 
Wortkrieger-Team
Beitritt
02.09.2015
Beiträge
736
Hallo @Tim Taller ,

ich konnte heute früh nur überfliegen. Es sieht schon besser aus, aber gerade gegen Ende sind doch noch einige Fehler drin. Teile den Text am besten in drei Teile und bearbeite ihn an mehreren Tagen hintereinander, um Dich auf jeden Satz konzentrieren zu können oder fange beim nächsten Durchgang hinten an.

Aufgefallen ist mir besonders:

Die Satzzeichen sind noch nicht alle zutreffend gesetzt. Die Regel lautet so:

»Hallo«, sagte ich (also ohne Punkt)

aber:

»Hallo!«, rief ich.
»Hallo?«, fragte ich.

Das ist nicht ganz logisch, aber es ist so. Aufpassen muss man bei der Redebegleitung in der Mitte. Hier kommt es darauf an, ob der Satz nach der Redebegleitung weitergeführt wird.

»Hallo«, sagte ich, »ich bin hier.«
»Hallo?«, fragte ich. »Ist jemand hier?«

Du setzt in der wörtlichen Rede oft überflüssige Leerzeichen bei den Satzzeichen.

Das „Du“ steht in der wörtlichen Rede häufig groß. Siehe meinen Kommentar oben.

Manchmal schreibst Du „daß“ anstatt „dass“.

Es macht auch Sinn, wenn Du eine neue Zeile anfängst, wenn jemand Neues anfängt zu sprechen:


„Und Pavlos? Ist er gesprungen?"
Pavlos drehte den Kopf langsam in Richtung des Fahrers. "Sicher ist er gesprungen, sie springen alle. Manche brauchen länger, mache sind noch nicht bereit, aber wenn sie bereit sind, springen sie alle."
„Sicher springen sie alle, wenn du da bist. Du bist ja auch der Erfolgreichste in deinem Job."
"Und was nun?" —> Wer sagt das?
Catherine Sommer 34 Jahre. Letzten Monat sind ihr Kind und ihr Mann bei einem selbstverschuldeten Autounfall verstorben. Sie steht seit zwanzig Minuten auf der Main-Neckar-Brücke."
Okay, ich gebe zu, jetzt kommt eine Nerd-Regel. Es gibt Gedankenstriche – und Bindestriche - . Der Unterschied liegt in der Länge. Der Gedankenstrich wird auch Halbgeviertstrich genannt und den setzt man immer dann, wenn es um Gedanken geht, also um Atempausen und Einschübe.

Ich gehe heute – die Sonne scheint – zum Schwimmen ins Freibad.
Sie dachte nach – das war die Idee!

Und der Bindestrich verbindet Wörter:

Du musst die Waren noch aus- und einladen.

Weitere Verwendungen findest Du hier: Halbgeviertstrich – Wikipedia .

Auf dem PC ist es am einfachsten, Du drückst zeitgleich auf Steuerung und das Minuszeichen im Ziffernblock. Ansonsten findet man den – auch in den Symbolen.
Auf dem Mac ist es sehr einfach: Alt und - zeitgleich drücken.

Insgesamt machen Absätze den Text auch lesbarer.


Viel Spaß bei der nächsten Runde
Mae
 
Mitglied
Beitritt
29.07.2020
Beiträge
3
Schatten der Dunkelheit 1. Der Erfolgreichste
Antonie Modeska schaute auf seine Rolex und stieg aus der S6, Haltestelle Frankfurt Taunusanlage, aus. "Schon wieder fünf Minuten zu spät", dachte er, "das sind doch alles nur unfähige Idioten. Es kann doch nicht so schwer sein, Züge pünktlich ankommen zu lassen. In China geht das doch auch, dort kommen fast hundert Prozent aller Züge pünktlich an".
Ein Lockführer kam ihm am Beinsteig entgegen und ging ganz gelassen Richtung Führerstand. Als er auf Antonies Höhe war, zischte Antonie: "Sie sind wieder zu spät" und zeigte dabei mit einem Finger auf seine Armbanduhr. Der Lockführer schaute Antonie an, zuckte kurz mit den Achseln und ging ganz unbeteiligt weiter. Antonie ärgerte sich noch immer. Hätte er sich nicht wenigstens entschuldigen können? Mit diesem Gedanken schritt er durch die breite, vollautomatische Schiebetür vom Main Tower in die weiträumige Empfangshalle, deren Wände mit braunem und weißem Marmor verkleidet sind, über das im Boden eingelassene Europa-Emblem. Diese Halle fühlte sich für Antonie befremdlich an, nicht dass er sie nicht kannte, durchschritt er sie doch jeden Morgen auf dem Weg in sein Büro. Aber heute war nicht wie jeder Tag. Das geschäftige Treiben der Empfangshalle, der feine Kaffeeduft der Kaffeebar neben den fünf Express-Aufzügen, war so vertraut, aber doch heute so befremdlich. Einige der angestellten Manager saßen noch in den schweren braunen Ledersesseln neben der Kaffeebar mit einem Kaffee und dem Laptop auf ihren Beinen. Andere schritten hastig zu den Aufzügen, um in ihre Büros zu kommen, wieder andere standen geschwätzig in keinen Gruppen in der von der Morgensonne warm durchfluteten Halle. Antonie ließ seinen Blick schweifen, hielt einen Moment inne, sah dann die Tür zum Treppenhaus und ging zügig auf diese zu.
„Dr. Modeska? Ein Paket für Sie“. Karla, die Empfangsdame, lächelte ihm zu. "Nehmen Sie es gleich mit oder soll ich es mit der Hauspost zu Ihrem Schreibtisch bringen lassen?"
Antonie verharrte in der Bewegung, schaute in Karlas Richtung, aber ihre Blicke trafen sich nicht.
"Dr. Modeska?" sprach Karla erneut. "Das Paket?"
"Später", sagte Antonie, "...später". Er wollte nicht angesprochen werden. Er, der sonst mit Karla oder mit Kollegen in der Empfangshalle Kaffee trank und ein Schwätzchen hielt, ihm war nicht danach. Darum nahm er auch das Treppenhaus; er wollte nicht in den Aufzügen in ein Gespräch verwickelt werden. Er öffnete die Tür zum Treppenhaus und stieg langsam und bewusst die Treppen hinauf. Er wolle diesen Aufstieg bewusst erleben, er wollte spüren, wie er jede Etage erklomm. In den ersten fünf Etagen überholten ihn Männer in Anzügen, die auf dem Weg zu ihren Schreibtischen noch eine Sporteinheit auf ihren Fitnesstrackern absolvierten. In der 13. Etage kann ihm noch ein Angestellter, der für die Hauspost zuständig war, entgegen. In der 22. Etage saß einer der nervösen jungen Manager im dezenten Maßanzug mit blauem Hemd und einer viel zu ordentlich gebunden Krawatte, auf einer der nach oben führenden Treppenstufen. "Wieder einer, der alles tun würde um der Beste im Team zu sein", dachte Antonie. Er zog sich mit einem 50 € Geldschein, den er zu einem Röhrchen gedreht hatte eine Line Kokain in seine fast noch kindliche Nase. Er war so damit beschäftigt, dass er Antonie erst im letzten Augenblick wahrnahm. Erschrocken versuchte er sein Tun zu verbergen, schob alles hastig hinter sich und machte dabei ein Gesicht wie ein kleiner Junge, der beim Stehlen von Süßigkeiten entdeckt wurde.

Antonie schaute ihn an, strich sich mit seiner rechten Hand über seine Stirn und seine Augen und ging ruhig weiter, als ob niemand auf der Stufe säße. Der junge Mann schaute Antonie unsicher hinterher. Dann sprang er auf, nahm die Reste seines Tuns und floh in ein für Antonie unbekanntes Bürostockwerk.
In der 46. Etage blieb Antonie stehen, verschnaufte etwas auf dem Treppenabsatz und stützte sich dabei an einem Feuerlöscher ab, der an der Wand hing. Seine rechte Leiste schmerzte und er krümmte sich leicht vor Schmerz, er zog ein akkurat gebügeltes Stofftaschentuch aus seiner Hosentasche und wischte sich damit den Schweiß von seiner Stirn. Nach einer kurzen Pause schaute Antonie nach oben und sagte leise zu sich: "Nur noch 10 Etagen, Antonie, nur noch 10 Etagen". Dann holte er noch einmal tief Luft und ging seinem Ziel entgegen, ruhig, ganz bewusst geleitet von seinem Inneren, seinen Gefühlen.
Nun stand er vor der Tür, der Tür, die seine Entscheidung bringen sollte. Wie oft stand er schon in seinem Träumen hier. Nun war er hier - erfüllt mit Einsamkeit. Er öffnete die Tür ganz langsam und bewusst und eine kühle Brise strich über seine verschwitze Stirn. Er merkte, dass er Gänsehaut an seinen Armen bekam. Dann drückte er die Tür weiter auf und schritt stolz und selbstsicher auf den Schotter des Dachs des Main Towers.
 

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