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  • Macht bis zum 15.08.2020 mit bei der ersten jährlichen Sommer-Challenge für Kindergeschichten: Zielgruppe Krümel.

Schneefresse

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Schneefresse

Seit Stunden über den lehmigen Boden, Humpelschritte, klein, oh, viel zu klein. Amani, Amani. Ist Atem in dir? Noch Atem? Schrei ihn heraus, solange du Atem hast. Wenn er sich mit Husten vermischt, rotz ihn auch heraus. Rotz den gelben, dickflüssigen Schleim heraus. Wenn er blutig ist, würg auch das Blut heraus. Würg den Schmerz zwischen den Beinen heraus. Immer beginnt er zwischen den Beinen, Amani. Hab dich mit Schmerzen geboren und jetzt hab ich Schmerzen, solche Schmerzen. Ein Hund mit geschecktem Fell streicht ihr um die Beine, läuft fort. Ja, tatsächlich, hinter der einzeln stehenden Palme, das Dorf. Ihre Lippen vibrieren, brechen auf in Töne, in Silben.

Wir sind es müde, unter dieser
können es nicht ertragen, dass
Können es nicht
tragen


Weitersingen, wie, oh, wie. Staubwolken wirbeln über das offene, ockerfarbene Land, tragen den Klang.

Die Dächer der Wellblechhütten, oh, so verschwommen. Sonne im Fenster. Erst kurz vor ihr ist das Kind auf dem rostigen Fahrrad ausgewichen. "Du, Schneefresse!" Sie hat nicht einmal Kraft, zu schimpfen.

Eine Frau, den Eimer auf dem Kopf, bleibt stehen, und ihr Kleid verrutscht.

Dieu auf der Treppe. Hohe Wangenknochen, die Zahnlücke. Wo kriegt er immer diese Zigaretten her.
"Zwei Tage! Wo bis' du gewesen? Du siehs' nich‘ gut aus." Sie möchte in seine Arme, er wird schmal und verschlossen.
"Is' das Mehl in dein'm Gesicht? Wo is' das andere Mehl?"
Sie schüttelt den Kopf, flüstert: "Amani. Amani?"
"Drin', Fieber. Nein, besser nich'. Malaika is' bei ihr."
"Du!"
Seine Hemdtasche, ausgebeult von der Packung Marlboro. "S'päter. S'päter, Bibi." Mein Arm im Schraubstock.

Und das grüne, dichte Gehölz, die Männer hocken beieinander wie lauernde Leoparden. Ein Regenguss ist gerade heruntergekommen.
Was wird er sagen. Dann wärst du ganz allein.

"Der kaputte Laster is' weg. Hat nich' viel gebracht. Jetz' sind Paka und die anderen bei Viviane, ihr Arschloch von Bruder wird dreißig", sagt Dieu, nimmt einen Zug.

Wolken am Halbrund, rötlich wie Haut. Der Druck einer Hand löst sich von ihrer Schulter, als flöge ein Vogel auf.

"Morgen fahr' ich wieder mit John raus. Wenn er nur nich‘ so ungeduldig wäre, das is‘ das Problem mit ihm, er verliert s'nell die Geduld ..."

Langsam zerrinnen die Wolken.

"Nun sag schon, wo is' das Mehl? Hattes' du einen Unfall?"
Sie spannt die Mundwinkel. Die Baracke am Ende des Waldes. Decken, offene Pfannen, auf denen Klebstoff schwelt. Weitere Männer, auf Kisten, auf dem Boden hingeräkelt. Einer von ihnen sagte aus dem Schatten: "Na?"

Wir sind müde

Ein Ohrring fehlt, der andere ist gebrochen.

Dieu schüttelt den Kopf, geht zu Shaquan hinüber, redet auf ihn ein. Sie hockt sich irgendwo hin, wischt über die Stirn. Mehl rieselt in hellen Flocken zu Boden. In der Ferne das Rauschen des Flusses.
 
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Hi @Manlio !
"Schöne Geschichte" mag ich da nicht sagen. Keine leichte Kost. Dazu passend lässt dein Schreibstil auch nicht zu, den Text "mal eben nebenbei" zu lesen. Da kriechen die Erkenntnisse Satz für Satz und Schritt für Schritt ins Bewusstsein. Dem Thema angemessen, wie ich finde. Und aus meiner Sicht schadet es nicht, wenn ein Text die Erbse zwischen den Ohren zum Rotieren bringt. Da spule ich dann auch gern mal ein Stück zurück, wenn ich einen Namen nicht gleich (oder nicht mehr) zuordnen kann. Von daher passt für mich die anspruchsvolle Form zum Inhalt, der so viel wuchtiger wirkt als kurz und knackig vor die Füße geworfen.

Zwei mögliche Flusen:
Eine Frau, den Eimer auf dem Kopf, bleibt stehen, und ihr blaues Kleid verrutscht.
Wenn wir den Einschub mal entfernen, steht da: "Eine Frau bleibt stehen und ihr blaues Kleid verrutscht." Da braucht es vor und kein Komma.
Wo kriegt er immer diese Zigaretten her.
Kleinlich, aber ich würde da ein Fragezeichen setzen.

Insgesamt von mir: Gut gemacht! Finde ich wichtig, solche unangenehmen Themen immer wieder ans Licht zu bringen.
Danke dafür!
LG
Joyce
 
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28.12.2009
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Hallo @Manlio

ein sehr guter Text, wie ich finde. Das sind kurze Passagen, hingeworfen wie Dialogfetzen, das löst die konventionelle Narration auf, da franst es aus, aber es soll ja auch gar nicht so sein, der Text will keine echte Geschichte sein, denke ich jedenfalls.

Mir sind manchmal zu viele Wörter aus dem ausgesucht düsterem Wortschatz dabei: toter Baum, schorfige Beine, trockene Lippen - da malst du mit kräftigen Strichen, aber es wirkt in der geballten Ladung zu krass, zu grell, zu viele Symbole, die etwas unterstreichen sollen, als würdest du da dem Text nicht ganz vertrauen. Hast du gar nicht nötig. Würde ich reduzieren.

Die Dialoge. Das erinnert mich an eine Übersetzung von den Gedichten John Berrymans, er hat einen Schwarzen als zweites Gesicht des Dichters, eine literarische Personae erfunden, die in der deutschen Übersetzung sehr ähnlich klingt.

Schneefresse. Der Titel spielt eine Rolle, ich weiß nur nicht genau, welche.

Gruss, Jimmy
 
Senior
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12.04.2007
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»Einsam stand ich und sah in die Afrikanischen dürren
Ebnen hinaus; vom Olymp regnete Feuer herab,
Reißendes! milder kaum, wie damals, da das Gebirg hier
Spaltend mit Strahlen der Gott Höhen und Tiefen gebaut.
...« aus Hölderlins »Der Wanderer«​

Glaubte zunächst, Hölderlin (natürlich der im Turm) zu lesen, was aber bei der Begegnung mit Gott
Dieu auf der Treppe.
abgehakt war und mit dem Namen Amani (Kisuaheli = „Friede/n“) Blechhütten u. a. verorten ließ. Ja, was wird aus der Wiege der Menschheit (wurde nicht Lucy in Ostafrika gefunden?), quasi unser aller Urmutter – und doch stutz ich auch hier, wenn ich an Trassen im Pott denke, die für Radfahrer und Fußgänger geöffnet sind und der Mountainbiker sich für den Herrn der Welt hält (da passte dann auch "Scheefresse" fürs Bleichgesicht), oder wenn sie den Wald entdecken und niederwalzen
Erst kurz vor ihr ist das Kind auf dem rostigen Fahrrad ausgewichen. "Du, Schneefresse!" Sie hat nicht einmal Kraft, zu schimpfen.
(auf die Zigaretten mit dem Versprechen von Freiheit des Cowboys, an sich Hilfsarbeitern, die das Vieh hüteten oder bis in die Schlachthöfe trieben, um sich hernach ggfs. einen neuen Job suchen zu müssen, will ich gar nicht zurückgreifen),

lieber Manlio.

"Drin', Fieber, hohes Fieber. Nein, besser nich'. Malaika is' bei ihr."
„Malaika“, ein „Engel“, passend zum Gott auf der Treppe ...

"S'päter. S'päter, Bibi."
Die Lösung des „schpäter“ mit dem s‘pitzen S‘tein zu lösen lässt mich alternativ Lautschrift vorschlagen, statt [‘ʃpætɐ], [‘spætɐ].

Friedel
 
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26.12.2014
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Hallo @joycec

Insgesamt von mir: Gut gemacht! Finde ich wichtig, solche unangenehmen Themen immer wieder ans Licht zu bringen.
Danke dafür!
Danke dir auch für den Kommentar! Die Flusen sehe ich mir noch an.

Hi @jimmy,

danke für deine freundliche Einschätzung. Ja, der Text ist sehr düster und adjektivlastig, ich schaue, ob ich das reduzieren kann. Man selbst sieht solche Sachen oft gar nicht, da ist dein Feedback sehr hilfreich.

Hola Friedel,

ja, sprechende Namen, sehr guter Hinweis. Leider ist aus dem Text die Hoffnung auf alles Metaphysische so ziemlich herausgenommen, wenn selbst Gott Marlboros raucht. Aber "Amani" als "Wunsch", als Hoffnung, das ist doch ziemlich real fundiert.

Die Lösung des „schpäter“ mit dem s‘pitzen S‘tein zu lösen lässt mich alternativ Lautschrift vorschlagen, statt [‘ʃpætɐ], [‘spætɐ].
Den Vorschlag muss ich mir noch ansehen, das hier ist ein Vorab-Kommentar, um Rückmeldung zu geben :)

Danke euch allen,
Manlio
 
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Lieben Dank nochmals für die Anmerkungen. Ich habe den Text etwas verändert und zum Teil gekürzt.

Viele Grüße
M.
 

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