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Simcha

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Simcha

Wie ein Nichts fiel Simcha Guterman aufs Bett. Seine Glieder waren taub, nur sein Kopf dröhnte unerträglich. Die große Platzwunde an seiner Stirn brannte und pochte. Draußen in der Welt würde man wohl sagen, so was müsse genäht werden – aber nein, nicht daran denken, was es draußen in der Welt alles gab! Hier im Ghetto mussten die Wunden selbst heilen, wenn ihr Träger überleben wollte, und manchmal war es, als wüssten die Wunden das.

Erst hatten die Leute von der SS ihn Säcke durch die Eiseskälte schleppen und später Papierbögen sortieren lassen. Stundenlang hatte einer von ihnen sich an dem Anblick geweidet, wie er mit seinen vollkommen steifgefrorenen, zitternden Fingern versuchte, die Blätter zu fassen, um seine Arbeit in der vorgegebenen Zeit zu verrichten. Ohne, dass er sagen konnte, wie, war es ihm gelungen, aber der SS-Mann hatte ihn dennoch verprügelt, wahrscheinlich, damit er sich ja nicht einbildete, ein Deutscher brauche einen Grund, um einen Juden zu schlagen.

Das Grauenvollste an der menschlichen Natur war ihre Neigung zur Häme - zum Höhnen und Feixen über Hilflosigkeit. Die Dummheit war unverschuldet und für Grausamkeit konnte man stets noch Gründe finden – aber die Häme riss den Abgrund der Sinnlosigkeit auf, wodurch man sie weder rächen noch verzeihen konnte. Vor einigen Wochen hatten sie zehn Juden, die man hier die zehn Märtyrer nannte, anlässlich eines Festes herbeigeholt und den ganzen Tag über gefoltert – völlig sinnlos, nur zu ihrem Vergnügen. Einem hatten sie die Gelenke ausgekugelt, einem den Rücken gebrochen, allen hatten sie mit Messern einen Davidsstern in den Rücken und ein Hakenkreuz in die Brust geschnitten. Simcha zog einen Papierfetzen aus der Tasche. Er musste weiterschreiben an seinem Bericht, aber ihm fehlte die Kraft.

"Ich bin hingeschüttet wie Wasser...gelöst haben sich alle meine Glieder...eine Rotte von Bösen umkreist mich..." in der Freiheit hatten die Juden diesen Psalter gebetet - hier aber musste man dergleichen nicht mehr beten, hier war es Wirklichkeit.

Jakov kam herein. Auf dem Rücken trug er ein Kleiderbündel, unter dem sein kleiner, ausgehungerter Körper fast zusammenzubrechen schien. „Das sind meine Sachen“, sagte er ernst, „morgen fahren wir doch.“ „Ist gut“, sagte Simcha, „leg dich schlafen, die Reise morgen wird hart.“ Morgen würde das Ghetto liquidiert werden, und wohin es dann ging, wusste niemand. Vielleicht in den Tod. Als Jakov Simchas Wunde sah, hatte sein Gesicht sich einen Augenblick lang verzogen. In einem jener unerträglichen Kitschfilme da draußen hätte er vielleicht „Vater, was haben sie die nur angetan?“, oder etwas Ähnliches gefragt. Hier aber fragte man nichts mehr.

Simcha betrachtete seinen Sohn und spürte, wie ein winziges Lächeln seine Lippen verzog. Irgendetwas machte ihn vollkommen sicher, dass Jakov überleben würde. War es nicht unbegreiflich, dass er seinen Vater nicht dafür hasste, ihn in diese Welt gesetzt zu haben? Es war ein Wunder, genau, wie dass es im Ghetto kaum Selbstmorde gab. Als könnte, was immer jenseits des Grabes war, schlimmer sein, als eine Welt, in der Menschen sich damit vergnügten, anderen Figuren ins Fleisch zu schneiden! Aber über den Juden wachte noch immer ihr einziger, grausamer Gott, der sie für eben diese seine Welt zu brauchen meinte und ihnen daher unaufhörlich befahl, weiterzuleben. „Wir Juden beten zu dem lebendigen Gott – anders als die Ägypter, deren Glaube ewig um den Tod und um Tote kreiste. Sich stets unbedingt nach dem Leben hinwenden, wie hart es auch sein und wie sinnlos es scheinen mag – das ist das Mark unseres Glaubens.“ Das hatte Simchas Vater ihm einmal gesagt – aber Simchas Vater hatte auch das hier noch nicht erleben müssen.

Von draußen waren Schreie und Lärm zu hören. Wieder einmal drangen die SS-Trupps in irgendein Haus ein, zerstörten, plünderten und vergewaltigten die Frauen. Betrunken hatten sie sich schon oft so einen Spaß erlaubt und wollten es sich am letzten Abend, an dem das Ghetto noch existierte, wohl auch nicht nehmen lassen. Jakov fragte auch hierüber nichts, sondern legte sein Bündel ab, schloss das Fenster und ging hinaus. Simcha schloss die Augen. Er musste weiterschreiben! Von der Häme hier und von den zehn Märtyrern! Würde er das beschreiben können? Wenn das Dasein der Juden je irgendeinen Sinn gehabt hatte, dann war es der gewesen, für die übrige Welt ein Spiegel zu sein – nüchtern, streng und klar zu bleiben, um allen trunkenen Belsazaren ihr Menetekel lesen zu können. Was hatte der Welt ihr Spiegel nur gezeigt, dass sie ihn jetzt mit solcher Gewalt zerschlug? Würde sie es je wieder wagen, sich in einer der Scherben zu betrachten? Simcha versank in Schlaf.

Im Traum sah er eine unendliche, verbrannte Weite. Flüsse von giftiger Farbe schlängelten sich durch sie hindurch, voller Abfall und toter Fische. An den Ufern erblickte Simcha verkohlte Baumstümpfe, ansonsten war die Gegend wüst und leer. Hie und da lagen unerkennbare Gegenstände herum, ragten verrostete Gestänge in die Höhe. Simcha durchquerte diese Öde und gelangte zu einer riesigen Stadt, die von einer hohen Mauer umgeben war. Im Innern der Stadt leuchtete alles in den grellsten Farben und die Luft dröhnte von rasend schneller Musik. Gruppen von Menschen tanzten und torkelten herum und begossen einander mit Sekt. Alle waren trunken von der Musik, viele noch dazu von Alkohol. Sie trieben die wildeste Unzucht, teils miteinander, teils mit Maschinen, die ihnen die Unzucht zeigten. Schon die Kinder bedienten sie und griffen sich voller Lust an die Genitalien. In der Mitte der Stadt erblickte Simcha eine große Wiese voll dicht gedrängter Menschen, die in der wildesten Ekstase auf und ab sprangen und zu der Musik grölten, die hier ohrenbetäubend war. Vor ihnen war eine gewaltige Bühne aufgebaut, und darauf stand in grell blinkenden Lettern: „Der Mensch – das höchste und einzig wichtige Wesen des Universums“.

Da erblickte Simcha einen jungen Mann, der jene Wiese verließ – vielleicht war ihm übel geworden –, sich von ihr weg zum Innenrand der Stadtmauer stahl und an ihr emporblickte. Vielleicht wäre er hinübergeklettert und hätte einen Blick in die zerstörte Natur draußen geworfen, wenn die Mauer nicht so hoch gewesen wäre. Er setzte sich an der Mauer nieder, mitten zwischen zahllose leere Flaschen, die man dort hingeworfen hatte, wahrscheinlich, um sie später nach draußen zu werfen. Da entdeckte er zwischen all diesen Flaschen eine, die verkorkt und innen voller Papierstreifen war. Er hob sie auf und betrachtete sie verwundert, dann entkorkte er sie und begann auf einem der Schnipsel zu lesen.

Simcha erwachte. Sein Kopf dröhnte noch ebenso unbeschreiblich, wie zuvor, aber er erhob sich, setzte sich an seinen winzigen Tisch und begann zu schreiben. Plötzlich wusste er wieder, wofür er schrieb – vielleicht sogar, wofür er lebte. Wie auch immer dieser Wahnsinn ausgehen würde, wenn er vorüber war, würde all die Sinnlosigkeit von hier zurück in die Welt fluten. Es würden Zeiten kommen, in denen der Mensch alle Sinnsuche aufgeben, alle Schranken niederreißen und nur noch sich selbst huldigen würde. Für diese Zeiten schrieb Simcha. Diese Zeiten würden wieder einen Spiegel brauchen – sie musste man daran erinnern, wozu der Mensch fähig war. Simcha begann, die ersten Worte durch die Mauer aus Schmerzen, die ihn umgab, aufs Papier zu pressen. Vielleicht schrieb er Kapitel einer künftigen Bibel.

Über den Baracken der SS wurde es Abend. Oliver Tschanz war noch allein in seiner Baracke, stand am Fenster und atmete, so tief er konnte. Ihm war übel – heute hatte im Magazin einer jener Juden gearbeitet, die die Kameraden neulich so traktiert hatten. Mit angstschwirrenden Blicken war er herumgehuscht, hatte riesige Säcke geschleppt und seinen Peinigern die Schuhe geputzt. Dabei war blutiger Eiter in Form eines Davidssterns durch sein Hemd gesuppt. Tschanz schüttelte sich, wie stets, wenn er über die Juden nachdachte. Sie mussten vernichtet werden, und zwar schnell. Dass sie den Tod einem solchen Dasein nicht vorzogen, war Beweis genug für ihre bodenlose Würdelosigkeit. Mit Recht hatte man sie Kinder Satans, des Anklägers, genannt – seit dieses elende Sklavenhäuflein aus Ägypten abgehauen war, schien es seinen ganzen Lebenssinn in ewiger Anklage zu sehen, im ewigen Fluch über alles Große, Starke und Herrliche. Sang nicht ihr ganzer Psalter davon? Kein Volk hatte sich je so sehr darauf verlegt, alles, was anderen heilig war, als Götzendienst zu schmähen und alle großen Reiche und Taten der Menschheit in den Dreck zu ziehen. Es war bald zweitausend Jahre her, dass sie zum ersten Mal in die Germania eingedrungen waren, als Kaufleute und Köter der römischen Weltbeherrscher – bis zu den Haaren germanischer Mädchen alles verhökernd, was hier Recht und Glauben hieß. Anderthalb Jahrtausende hatte der Äther des Christentums sie betäubt, nun aber erwachte sie wieder, jene gnadenlose germanische Rachsucht – unter äußerster Anspannung zerriss sie nun ihre Fesseln. An eine Schonung der Juden war dabei gar nicht zu denken. Sie würden es alles zurückkriegen - schon jetzt verhandelten manche Perückenhersteller mit den Oberwärtern der KZ über den Preis für abgeschnittenes Judenhaar.

Seit Kriegsausbruch war Tschanz bei der SS und war bei zahllosen Erschießungen dabei gewesen. Vielleicht war für sie das Schlimmste bald überstanden, würden Erschießungen nicht mehr nötig sein, denn die Versuche mit Giftgas versprachen Erfolg. Nahe bei einem westpolnischen Dorf hatte er einmal drei Kinder erschießen müssen. Er war danach ohnmächtig geworden, aber alle Kameraden hatten ihm ihre Hochachtung ausgesprochen. Kinder zu töten war das Allerschwerste, auch wenn jeder einsehen musste, dass man sie nicht am Leben lassen konnte – ewig würden sie sonst auf Rache sinnen.

Die Kameraden hatten es übernommen, die Mutter der drei zu bändigen, die in eine Raserei verfallen war, wie sie es sonst nur von den Zigeunerweibern kannten. Sie hatte geschrien und geheult wie ein Tier, dann aber war sie urplötzlich in sich zusammengesunken und hatte den Rest völlig teilnahmslos angesehen, bis die Reihe an ihr war.

Plötzlich fuhr etwas wie ein unsäglicher Stromstoß Tschanz von innen her durch die Nerven. Mit einer aus dem Magen hervorschießenden Wucht stieß er das Fenster auf, sprang nach draußen und rannte. Er rannte schnurgeradeaus. Die Baracken flogen an ihm vorbei, verschwammen und lösten sich auf. Alles wurde Nacht um ihn. Er spürte nichts mehr und wusste nichts mehr, als dass er weiterrennen musste. Seine Beine wirbelten, sein Atem keuchte, aber der Atem war nicht mehr in seiner Brust, sondern hinter ihm, jagte und blies ihn vor sich her. Er wusste nicht, wie es aussah, aber es schnappte nach ihm, wollte ihn rückwärts saugen und verschlingen. Auf einmal spürte Tschanz einen heftigen Aufprall, merkte, wie er aufs Pflaster geschleudert wurde, und musste im selben Moment erbrechen. Alles drehte sich um ihn und es dauerte viele quälende Sekunden, ehe ihm die Besinnung wiederkam. Er fand sich mitten auf dem Pflaster des von einer einsamen Laterne beleuchteten Weges zwischen den Baracken. An der Wand der nächsten Baracke lehnte ein Offizier, mit dem er zusammengeprallt sein musste. „Können Sie nicht aufpassen? Was zum Teufel rennen Sie hier so herum?“, schnauzte er.

„Ich – Heil Hitler – ich bin – ich wollte – mir war übel!“, stammelte Tschanz und rappelte sich auf. Der Offizier betrachtete ihn und sein Erbrochenes und schien für einen Moment unschlüssig, ob es Ärger geben sollte, dann aber sagte er nur: „Gehen Sie in Ihre Baracke und schlafen Sie! Morgen fährt das Judenpack zum Henker!“ „Jawohl – Heil Hitler!“, rief Tschanz und machte sich davon.

Drinnen stürzte er auf die Toilette und übergab sich abermals. Er hoffte verzweifelt, seine Kameraden würden nicht eben jetzt zurückkehren und ihn finden. Er wusste, was ihn gejagt hatte. Es war genau das, wovon draußen in der Welt alle Greise, alle Müden und alle Weiber witzelten, was alle Pfaffen tönend von ihren Kanzeln verkündeten, ohne sich klar zu sein, dass auch sie selbst in Wahrheit unablässig vor ihm flohen – es war das Mitleid.

Tschanz wagte nur selten daran zu denken, was geschehen würde, wenn der Krieg verloren ginge. Heute aber drängte es sich ihm auf. Vor seinem inneren Auge sah er eine Welt, in der die Menschen nur noch ängstlich in ihren Häusern saßen, in denen durch Radio und Fernsehen unablässig das Leid aller Schwachen und Kranken tausendfach reproduziert auf sie eindrang. Draußen gingen sie nur noch gebeugt und mit verhülltem Gesicht einher, niedergedrückt von allem Leid der Welt, das auf ihre Schultern getürmt wurde und der ewigen Angst, schuldig am Schwächeren zu werden. Alle Jungen und Kräftigen saßen einsam in ihren Zimmern und schlugen die Zähne in ihr eigenes Fleisch. Wer sich auflehnte, dem wurde gesagt: „Sieh her, jene haben gegen das Mitleid gekämpft und sind zum Abscheu der ganzen Welt geworden. Willst du etwa werden, wie sie?“ Die Menschen jener Zeit würden nichts mehr hassen, als das Recht des Stärkeren und schließlich zugrunde gehen an der Einsicht, dass ohne es gar kein Leben möglich war. Ganz zuletzt würden sie auch noch meinen, mit den Toten Mitleid haben zu müssen, würden ihr Leben um Gräber kreisend zubringen, unablässig seufzend über diese und jene Getöteten. Nein – es gab kein Zurück mehr. Tschanz gab sich einen Ruck, zog die Toilettenspülung und ging zu seinem Bett. Für diesmal hatte das Mitleid ihn nicht gekriegt.

In Trauben standen die Juden vor den Türen des endlosen Güterzugs. Simcha und Jakov standen weit hinten, ihre wenigen Habseligkeiten hatte Simcha geschultert. Die beschlagenen Stiefel der SS-Männer knallten auf dem Kopfsteinpflaster, ihre Kampfhunde knurrten und hechelten. „Jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft…“ – in der Tat, jene Bibel gehörte ins Archiv. Aus den Blicken der Juden strömte der grenzenlose, brennende Hass, den man in sie hineingepresst hatte, wie eine physische Substanz zurück auf die Bewacher.

Da geschah etwas Unglaubliches: Einer der SS-Leute begann zu weinen! Er stand einfach da und weinte hemmungslos. Er wurde sofort entwaffnet und abgeführt, brach aber zusammen, sodass er fortgetragen werden musste. Die Verlegenheit über diesen Vorfall brachte Unruhe in seine Kameraden. Sie rannten herum, sinnlose Sätze brüllend, hie und da auf einen Juden einprügelnd. Simcha sah in die Gesichter seiner Leidensgenossen. Nicht eine noch so kleine Regung war in ihnen zu sehen – selbstverständlich kein Mitleid, aber auch keinerlei Schadenfreude über die plötzliche Blöße ihres Peinigers. Vollkommen trocken waren diese Gesichter geworden – trocken wie die beschriebenen Papierstreifen, die Simcha in seiner Jacke trug und für eine kommende, trunkene Welt verwahrte. Konnte man den Menschen an einen Punkt bringen, an dem selbst die Häme restlos versiegte? War die Häme, war die Sinnlosigkeit besiegt? Die Waggontüren wurden geöffnet. Simcha legte seinen Arm um Jakov.

Tschanz lag im Krankenblock der SS und weinte. Wie lange er hier schon lag, wusste er nicht. Waren es Stunden? Oder Tage? Hatte er zwischendurch geschlafen? Tschanz dachte daran, was man draußen in der Welt sagen würde, wenn man hiervon erführe. Psychologen würden ihre Brillen zurechtrücken und darüber abhandeln, und die Pfaffen würden ausrufen: „Preist den Herrn – ein ganz Verworfener hat zum Mitleid zurückgefunden!“ Mitten unter den Tränen packte Tschanz ein wahnsinniges Lachen. „Ja, ich bin Zarathustra, der Gottlose! Und ich will nicht, dass ihr gute Menschen werdet, ich will, dass ihr böser werdet – böser und immer böser!“ Schon als Schüler hatten ihn diese Zeilen mitgerissen – und wahrlich, aus dem betäubenden Äther, aus der trüben Brühe ihres Alltags waren sie dem Ruf bis zum Ende gefolgt. Böser konnte man nicht mehr werden. Was ihn nun erfasst hatte, hatte mit dem, was der Alltagschrist „Reue“ nannte, nichts mehr zu tun.
Er wusste gar nicht, worum er weinte. Um die Juden? Um sich? Um das Mitleid, das zwischen ihm und ihnen ein für alle Mal getötet war? Alles Unsinn! In Wahrheit waren er und das Mitleid beide aneinander gescheitert.
Es war passiert, als er an jenem Bahnsteig in die Augen der Juden gesehen hatte. All ihre Gesichter waren so hart und so spröde wie Ziegel gewesen. Da waren die Tränen plötzlich wie eine riesige Welle über ihn gekommen. Öfters hatten Kameraden versucht, mit ihm zu sprechen – teils höhnisch, teils zornig, teils mitleidig. Ihm waren sie auf einmal völlig gleichgültig - er würde seinen Abschied von der SS nehmen. Sie führten ihren Krieg gegen das Mitleid fort, der ihn nichts mehr anging. Wie es mit dem Krieg und den Juden weitergehen würde, interessierte ihn nicht mehr. Die Ziegel, die hier gebrannt worden waren, waren unsterblich und würden den Boden eines neuen Weltgebäudes bilden. Sie würden es dauerhaft daran hindern, aus Mitleid in sich zusammenzusinken. Er wusste auf einmal, dass es eine Welt danach würde geben können – mit dem Mitleid.

Anmerkung: Simcha Guterman verfasste während des Zweiten Weltkrieges einen Bericht über das Ghetto der polnischen Stadt Plock, den er auf Papierstreifen schrieb und in einer verkorkten Glasflasche vergrub. Er beschreibt unter anderem die Folterung der „Zehn Märtyrer“, sowie den Zusammenbruch eines SS-Manns während der Deportation der Juden aus der Stadt. Jakov, der, anders als Simcha, den Holocaust überlebt hatte, bestätigte später die Authentizität des Berichts, der 1978 bei Bauarbeiten gefunden wurde.

 
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Hallo @moma

Ich hab deinen Text gelesen, "gerne" wäre hier das falsche Wort und "Spaß" ist auch was anderes. Aber es war ein guter Text. Ich bin einige Male über etwas seltsame Formulierungen gestolpert, aber sogar das hat zum Gesamtbild beigetragen. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie alt du bist und wo du her kommst. Aber die Formulierungen haben mich sehr an ältere deutsche Texte erinnert, die ein oder andere kam mir auch jiddisch vor, ... sehe ich da den richtigen Hintergrund?
Der gesamte Text wirkt auf mich roh und unfrisiert, Gedanken aus dem Kopf direkt aufs Papier.
Aber statt einen unzusammenhängenden Salat aus halb fertigen Kausalstückchen aus zu kotzen, servierst ein stimmiges Gericht, das einem dennoch zu Recht im Hals stecken bleibt.

Figuren ins Fleisch zu schneiden!

Ich weiß schon, was du meinst, aber ich fände Symbole statt Figuren verständlicher.

Im Traum sah er eine unendliche, verbrannte Weite. Flüsse von giftiger Farbe schlängelten sich durch sie hindurch, voller Abfall und toter Fische. An den Ufern erblickte Simcha verkohlte Baumstümpfe, ansonsten war die Gegend wüst und leer. Hie und da lagen unerkennbare Gegenstände herum, ragten verrostete Gestänge in die Höhe. Simcha durchquerte diese Öde und gelangte zu einer riesigen Stadt, die von einer hohen Mauer umgeben war. Im Innern der Stadt leuchtete alles in den grellsten Farben und die Luft dröhnte von rasend schneller Musik. Gruppen von Menschen tanzten und torkelten herum und begossen einander mit Sekt. Alle waren trunken von der Musik, viele noch dazu von Alkohol. Sie trieben die wildeste Unzucht, teils miteinander, teils mit Maschinen, die ihnen die Unzucht zeigten. Schon die Kinder bedienten sie und griffen sich voller Lust an die Genitalien. In der Mitte der Stadt erblickte Simcha eine große Wiese voll dicht gedrängter Menschen, die in der wildesten Ekstase auf und ab sprangen und zu der Musik grölten, die hier ohrenbetäubend war. Vor ihnen war eine gewaltige Bühne aufgebaut, und darauf stand in grell blinkenden Lettern: „Der Mensch – das höchste und einzig wichtige Wesen des Universums“.

Ich hoffe, du nimmst mir den Vergleich nicht krumm. Ich finde die Stelle grandios. Von der Landschaft eines Stanisław Beksiński Bildes hin zu der Stimmung eines Werkes von H.R. Giger.

Grüße
TheDeadFrog

 
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Lieber @TheDeadFrog,

ich bin 22 Jahre alt und in Berlin geboren - ich weiß nicht, ob, wie Du vermutest, unbewusst Spuren jiddischen Dialekts in diese Geschichte eingegangen sind, vielleicht deshalb, weil sie unter dem Eindruck des besagten, jiddischen Berichts von Simcha Guterman entstanden ist.
Welche Stellen meinst Du denn?

Was das Wort "Figuren" betrifft - auch Simcha Guterman bezeichnet das in seinem Bericht so und es scheint mir, ehrlich gesagt, besser, weil der Symbolwert dieser Figuren ja nicht das Entscheidende ist.

Um ehrlich zu sein, mir die Geschichte selbst ein Wenig unheimlich - ich weiß selbst nicht, ob ich ihn gut finden soll. Es ist natürlich grundsätzlich bedenklich, wenn wir, die wir ein gesichertes Leben in einer völlig anderen Zeit leben, überhaupt irgendetwas über solche historischen Extremzustände zu schreiben. Andererseits - wie sollen wir anders auf eine Bewältigung oder Einordnung dieses Kapitels der Geschichte hinarbeiten? Meine Idee war, dass man sich dazu - so unmöglich beides erscheinen mag - versuchen muss, sowohl in Täter, wie in Opfer hineinzudenken. Jeder Leser wird selbst entscheiden müssen, wie viel von Simchas und wie viel von Tschanz' Dystopie Wirklichkeit geworden ist.

Naja, ich bin immerhin froh, dass mein Text noch keinen "Shitstorm" ausgelöst hat, oder wegen Volksverhetzung und Billigung des Holocaust gelöscht wurde, was ich schon befürchtet hatte. Anscheinend ist es deutlich genug zu erkennen, dass ich damit nicht für die Gedanken, die ich Tschanz in den Kopf lege, werben will. Aber ich bin der Meinung, dass eine wirkliche Bewältigung von Geschichte ganz über Fragen der Billigung oder Missbilligung und vor allem über die Verteufelung von Personen hinwegkommen muss.

Alles extrem schwierig, wo es um solche Dinge geht.

Aber wie auch immer -

Viele Grüße,

Moritz

 
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ich bin 22 Jahre alt und in Berlin geboren - ich weiß nicht, ob, wie Du vermutest, unbewusst Spuren jiddischen Dialekts in diese Geschichte eingegangen sind, vielleicht deshalb, weil sie unter dem Eindruck des besagten, jiddischen Berichts von Simcha Guterman entstanden ist.
Welche Stellen meinst Du denn?

Oh man,

moma,

da muss ich meinem Vorredner weitestgehend recht geben und mit dem Titel „Simcha“ wirstu nicht das haben, was der Name bedeutet – „Freude“. Dabei wäre es überhaupt kein Problem und eher natürlich, wenn Jiddisch gesprochen oder zumindet teilweise gesprochen würde.

Aber der Text wirkt nicht nur unausgegoren, sondern liefert auch noch durch unglückliche Formulierungen und unpassende, unfreiwillige Komik. Der dem Thema unangemessen Höhepunkt liegt für mich dann in der unfreiwilligen Komik des Wortspiels

..., um allen trunkenen Belsazaren ihr Menetekel lesen zu können

Der Name „Belsazar“ kennt keinen Plural ... -

und wenn Du hierzu

Das Grauenvollste an der menschlichen Natur war ihre Neigung zur Häme.
etwa hier DWDS – Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache unter „Häme“ schaust, wirstu zwar ein uraltes deutsches Wort finden, dass sich aber erst in den 1970er Jahren umgangssprachlich etablierte.

Und schließlich gelingt Dir ein Satz, der alle Möglichkeiten zum Missverständnis bereitet im potentiellen Perspektivenwechsel

Vor einigen Wochen hatten sie zehn Juden, die man hier die zehn Märtyrer nannte, anlässlich eines Festes herbeigeholt und den ganzen Tag über gefoltert – völlig sinnlos, nur zu ihrem Vergnügen.
ZU wessen Vergnügen – „sie“, die Folterknechte, die Gefolterten oder – wie’s ja schon immer gang und gäbe bei öffentlichen Hinrichtungen war, fürs Publikum

Ein Produkt der Flüchtigkeit?

Aber keine Bange (zu Deinem Beitrag gerade) Da wäre ich überrascht, wenn er einen Shitstorm oder ähnliches auslöste (in einer bekloppten Welt sicherlich nicht unmöglich) Und dass solche Ereignisse, Schicksale wachgehalten werden müssen, steht außer Zweifel.

"Tattoo" entstand zB in der Auseinandersetzung um ein Verfahren gegen einen Holocaustleugner. Auch Gerichtsakten können anregend sein ...

Tschüss , schönes Wochenende und bis bald

Friedel

 
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Hallo @moma

Da kam mir der gute Friedrichard zuvor. Aber das sind einige Stellen, die mir aufgefallen sind:

Wie ein Nichts fiel Simcha Guterman aufs Bett.

Dieses "Wie ein Nichts" find ich total strange. Üblicher wäre für mich "wie nichts" oder "als, ob es nichts wäre." Aber dann müsste es sich auf das Objekt beziehen nicht auf das Subjekt.

"Er trank den Schnaps wie nichts."

Die Dummheit war unverschuldet und die Grausamkeit konnte stets noch Gründe nennen

Geht klar, aber das "nennen" wäre bei mir instinktiv ein "finden".

Betrunken hatten sie sich ein solches Vergnügen schon oft bereitet

Vergnügen bereiten ist so ungelenk. "Betrunken hatten sie sich schon oft so vergnügt."

Aber Google translate sagt: "makh a lebn" für "sich vergnügen" ...

Vollkommen trocken waren diese Gesichter geworden – trocken wie die beschriebenen Papierstreifen, die Simcha in seiner Jacke trug und für eine kommende, trunkene Welt verwahrte.

Metaphern sind ne Bitch. Trunken -> Trocken ... Schon klar. Aber was sind denn trockene Gesichter? Nüchtern würde noch funktionieren, fänd ich aber unpassend. Teilnahmslos wäre vielleicht sogar besser, macht aber die Metapher kaputt.

All ihre Gesichter waren so hart und so spröde wie Ziegel gewesen.

Wieder so was, ich weiß schon, was du meinst aber "spröde" will da für mich nicht passen. Verschlossen, zerbrechlich, kalt, entseelt, leer, ...

Natürlich kann ich kein jiddisch! Aber ich kenne den ein oder anderen Text, hauptsächlich Liedtexte aus dem Klezmerbereich. Daher kamen wohl meine Assoziationen.

Grüße
TheDeadFrog

 

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