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Spätschicht

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03.01.2019
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Spätschicht

Ganz schön leer hier im Büro. Gäbe es hier Grillen, würde ich sie zirpen hören.
Die Uhr tickt. Der Regen prasselt gegen das Fenster. Die Lampe vor mir flackert. Was für eine Atmosphäre. Vielleicht kommt bald ein Geist zwischen den Akten hervor? Ich würde mich freuen, dann wäre ich wenigstens nicht mehr so allein. Ich blicke auf meine Ablage. Sie ist fast leer, dabei habe ich noch sechs Stunden vor mir. Gelangweilt stütze ich mein Kinn in meine Hand. Immer diese Spätschicht. Wozu gibt es die überhaupt?
Ich arbeite mich durch meine Programme, trage Daten ein und surfe zwischendurch im Internet. Als ich wieder aufblicke, ist gerade mal eine Stunde vergangen. Ich seufze.
Das Telefon klingelt. Mein Kollege von unten verkündet, dass er nun Feierabend hat. Wie schön für ihn. Nun bin ich komplett alleine im Amt.
Noch fünf Stunden. Ich schaue auf den Schichtplan. Oh — eigentlich hatten drei weitere Kollegen mit mir Dienst. Alle haben sich krankgemeldet. Vermutlich Corona …
Ich bearbeite meine Dokumente, während ein Kobold zwischen den Akten hervorschaut. Ob er sich auch langweilt? Ich schüttel meinen Kopf. Jetzt sehe ich wirklich schon Geister.
Auf dem Weg zum Postkasten schaue ich in die menschenleeren Büros. Warum bin ich überhaupt noch da? Theoretisch könnte ich den ganzen Abend verschwinden. Erst wenn die Nachtschicht eintraf, würde man mich vermissen. Aber bis dahin wäre ich zurück. Ich stehe vor dem Postkasten. Gegenüber ist ein Italiener. Ich könnte essen gehen …

Mit einem Pizzakarton sitze ich wieder vor meinem PC. Ich bin einfach zu pflichtbewusst. Der Kobold will auch ein Stück haben. Natürlich gebe ich es ihm. Hab ich das wirklich gerade getan? Ich schau noch einmal unter meinen Tisch, doch der Kobold ist weg, zusammen mit dem Pizzastück. Diese Einsamkeit macht mich verrückt. Mein Handy spielt Musik, weil das Radio schon seit Wochen kaputt ist. Ich ruf meinen Freund an. Wir reden drei Minuten, doch er will zum Sport.
Noch vier Stunden.
Meine Ablage ist leer, genau wie mein Akku. Die Uhr tickt ununterbrochen. Genervt stehe ich auf und nehme die Batterie heraus. Jetzt ist es noch leiser. Warum gehe ich nicht einfach nach Hause? Ich könnte sagen, dass mit schlecht geworden ist.
Noch dreieinhalb Stunden.
Ich starre auf meinem Bildschirm. Ich weiß nicht mehr, was ich googeln soll. Ich dreh mich auf meinem Stuhl im Kreis und betrachte fasziniert die Decke. Ich wusste gar nicht, dass die Deckenverkleidung Löcher hat.
Drei Stunden und fünfzehn Minuten.
Ich zähle Aktenordner.
Noch drei Stunden!
Ich fahre mit meinem Stuhl im Büro umher. Ich schaffe es mit einem Anschwung von einer Wand zur Nächsten. Was für ein Spaß. Aber nur kurz.
Zweieinhalb Stunden, bis zum Feierabend ...
Es reicht. Ich gehe wieder zum Postkasten. Er ist leer.
Apathisch schau ich die Straße entlang. Wo bleibt die Nachtschicht? Kann sie nicht ausnahmsweise früher kommen?
Langsam geh ich die Treppen hinauf in den fünften Stock, schaue dort aus dem Fenster und beobachte ein vorbeifliegendes Ufo, danach geh ich zurück in den zweiten. Wie angewurzelt bleibe ich im Türrahmen stehen, dreh mich um und renne zurück in den fünften Stock. Hab ich dort wirklich ein Ufo gesehen? Ich reckte meinen Kopf nach draußen, doch abgesehen vom Halbmond sehe ich nichts. Natürlich war es schon weg. Langsam geh ich zurück in mein Büro. Stille empfängt mich. Ich setze mich auf meinen Stuhl, dreh mich im Kreis. Allmählich wird mir schlecht. Ich halt inne und starre die Akten an.
Zwei Stunden.
Ich sortiere meine fertigen Dokumente dreimal neu und fange an Ablagen zu zählen.

Ein Aktenschrank hinter mir fängt an zu zittern. Erschrocken spring ich auf. Ich nehme einen Ordner und halte ihn wie ein Schild vor mich. Das Zittern wird stärker. Ängstlich gehe ich auf den Schrank zu. Ich muss wissen, was da drinnen ist. Ich strecke meine Hand aus und öffnete die Schiebetür. Der Schrank explodiert. Ich schreie. Aktenordner und Papiere fliegen um mich herum. Ich sehe nichts mehr. Überall sind Dokumente, sie lachen mich aus. Den Akten wachsen Zähne und rote Augen. Ich höre sie knurren, sehe sie schnappen. Ein Ordner greift mich an, er verbeißt sich in meinen Arm. Sie werden mich fressen!
„Lena, wach auf! Hier greift dich niemand an.“
Ich reiße die Augen auf und blickte in drei grinsende Gesichter. Meine Ablösung ist endlich da! Mir fällt ein Stein vom Herzen. "Warum habt ihr bloß so lange gebraucht?"

 

Hey @Silberschwinge

wenn ich deinen Text richtig verstanden habe, ist der Protagonist alleine im Büro, hat Spätdienst und langweilt sich zu Tode. Am Schluss schläft er ein und die Nachtschicht, die kommt weckt ihn auf und löst ihn ab, oder?

Der Text ist nicht sehr lang, funktioniert aber so denke ich ganz gut. Mich hat der Text nicht groß unterhalten, da mir da einfach zu wenig Handlung ist. Im Grunde beobachten wir die Figur beim warten. Da ist keine Konversation, Spannung oder irgendetwas in diese Richtung. Anderseits lässt sich auf die Länge auch nicht soviel mehr Handlung reinpacken, denke ich.

Ich lese ihn noch ein zweites Mal und mache dabei Anmerkungen:

Vermutlich Corona …
Cool, dass du Corona mit einbaust. Scheinbar ist es in deiner Geschichte schon etwas fortgeschritten.
Allmählich werde ich depressiv
Depressionen sind eine Krankheit. Das würde ich nicht verwenden um eine "Laune" darzustellen. Könnte manch einer empfindlich darauf reagieren.
Ich wusste gar nicht, dass die Deckenverkleidung Löcher hat.
Was einen nicht so alles auffällt, wenn Langeweile herrscht.
Meine Lieder werden schwer.
Wenn du das noch subtiler verpacken würdest, wäre man noch überraschter, wenn man bemerkt, dass er eingeschlafen ist.

Mehr fällt mir erstmal nicht auf.
Man liest sich.
Gruß aufdemWeg

 

Hallo Zusammen,
ja gut vom Inhalt her gibt die Geschichte nicht viel her, aber ich persönlich fand sie ganz witzig. Sollte ja auch mehr ein geck sein, da die Büros, wegen Corona immer leerer werden. Der zukünftige Alltag: Alle krank, nichts zu tun, die Wirtschaft steht still.
Danke für die Kommentare.
VG
Schwinge

 

Hallo @Silberschwinge

Ich fand deine Geschichte sehr unterhaltsam, das Gefühl kennt man ja nur allzu gut wenn man in so einer Situation festsitzt! Persönlich hat mich das Ende etwas gestört, es kam recht plötzlich und ich denke es hätte von einer längeren Traumsequenz profitiert, vielleicht etwas das dem Leser langsam klar macht, was Sache ist, und die starke Atmosphäre des verlassenen Arbeitsplatzes ausnutzt, wobei hier wohl meine eigenen Präferenzen aus mir sprechen. :)
Gruss Vellaster!

 

Kennstu Emil?,

liebe Silberschwinge,

nicht Kästners Emil nebst Detektiven, sondern Emil Steinberger, Schweizer Kabarettist. In einem seiner Sketsche spielte er einen Polizisten im Nachtdienst, der das Telefon hütet und vor Langeweile umzukommen droht und deshalb ein Kreuzworträtsel löst und den Zuhörer daran teilhaben lässt. Da taucht für den Wachtmann das Problem des Grautiers mit vier Buchstaben auf, dass sich mit der Frage nach einem christlichen Feiertag mit sechs Buchstaben kreuzt. Für das Grautier fällt ihm „ Egel“ ein, dass sich folgerichtig für den Feiertag ein „Ogtern“ ergibt.

Und damit erst einmal herzlich willkommen hierorts, sind wir uns doch bisher nur sehr indirekt über ein Zitat zum Ritual begegnet.

Ähnlich wie Emils Sketch kommt mir Deine „Spätschicht“ vor – nur, dass ich da nix zu lachen finde. Das einzige, was sich dem Debut abgewinnen lässt, ist vllt. etwas über „Schriftsprache“ zu erfahren, denn die Unbeholfenheit geht früh los mit der Lautmalerei (wobei die Auslassugspunkte zunächst korrekt und dann falsch gesetzt werden. Aber da wurde schon drauf hingewiesen).

Gänzlich daneben geht das cartoonhafte

Hallo? Haaallo ...
aber hallo!, das sich im zweiten „Hallo“ gegen alle Regeln deutscher Sprachkunst richtet: Das doppel-l verspricht für die erste Silbe ein kurzes, unbetontes „hall“, das triple-a eine gedehnte Silbe.
Wie soll das gehen? Klingen?

Und wie aus heiterem Himmel fallen wir von der Gegenwart der tickenden Uhr in Vergangenes

Ich blickte auf meine Ablage. Sie ist fast leer, …
und wieder zurück in die Gegenwart und wieder zurück
Gelangweilt stützte ich ...
nebst dem Gemischtwarenlager aus vergangenen Dokumenten und dem Konjunktiv
Die Dokumente, die nach achtzehn Uhr kamen, könnten auch bis morgen warten.
der nun überhaupt nix mit der Zeitenfolge zu tun hat.

Aber so ganz nebenbei

..., trage Daten ein und surfe zwischen durch im Internet
wird „zwischendurch“ zusammengeschrieben. Und die Zeichensetzung ist auch nur sosolala
Weiter geht’s. Ich bearbeite meine Dokumente, prüf[,] ob vielleicht noch was im System zu tun ist.

Und dann ein Höhepunkt, wenn das historische Futur „erst wenn … eintrifft …“ als künftige Vergangenheit getarnt, als Konjunktiv II auftritt, wird die Geschichte richtig unglaubwürdig.
Erst wenn die Nachtschicht eintraf, würde man mich vermissen.

Die interessanteste Frage wäre dann, ob hier
Ich nehme einen Ordner und halte ihn wie ein Schild vor mich
der oder das Schild gemeint sei ...

Aller Anfang ist schwer, aber wo die Konzentration fehlt, erschwert man ihn durch eigenes Zutun. Da würde Dir auch nicht mein üblicher Rat helfen, den Deutschlehrer zu verklagen. Da kann kein Lehrer was dafür. Konzentrieren musstu Dich selber ...

Nix für ungut, schau'n wir mal, was draus wird, findet der

Friedel

 

Lieber Friedel, was bist Du gerade streng! ;) Ich finde, eine Flusenlese immer gut und wichtig! Und Du machst das immer ganz wunderbar und kenntnisreich. Doch als Schreiber übersieht man gern viele Fehler, weil man "noch so im Geschehen drin ist". Manchmal gebe ich auch Texte ab, wo ich schon zwei Tage später denke: "Wie konntest Du nur. Warum ist Dir das nicht aufgefallen?"
Mittlerweile bin ich sehr nachsichtig, was Rechtschreibfehler angeht, weil erst kommt der Text, der innere Film, die eigentliche Geschichte und danach die äußere Form, die sich leichter korrigieren lässt als konzeptionelle Mängel. Ich frage mich bei einem Text immer zuerst: funktioniert der Spannungsbogen, ist das Setting interessant, die Figuren glaubwürdig, das Geschehen nachvollziehbar? Und dann schaue ich mir die Details an. Wenn mich eine Geschichte begeistert, sind Fehlerchen mir nicht so wichtig. Einige sind mir auch aufgefallen. Aber über andere hat mein innerer Kritiker "hinweggelesen".

liebe Grüße und bleib gesund, lieber Friedel!!

Liebe Schwinge,

Dein erster Text. Als frühere Nachtarbeiterin im Büro konnte ich mir das Setting gut vorstellen. Ich selber genoss nachts meine Ruhe, nahm mir manchmal noch zusätzliche Arbeit mit, um vor Langeweile nicht umzukommen. Manchmal habe ich auch für mich etwas gemacht, an einer Kurzgeschichte geschrieben....
Deine Protagonistin sehe ich sehr deutlich vor mir. Nicht, wie sie aussieht, aber ich kann sie mir gut in diesem Büro vorstellen. Diese spezielle Stimmung in nächtlichen Büros hast Du sehr schön eingefangen, auch formal.

Der Kobold will auch ein Stück haben. Natürlich gebe es ihm.
Hat mir gefallen.
Ein Ordner greift mich an, er verbeißt sich in meinen Arm. Sie werden mich fressen!
Von Büroordnern fühle ich mich auch oft angegriffen. ;) Wir haben viel zu viele... Die beiden Sätze haben mir gut gefallen. Ich mag solche Personifizierungen. Vielleicht hättest Du sie sogar noch etwas ausbauen können. Da kommt Humor auf, der mir gefällt.

Ich mag Geschichten, die bei allem Realismus eine humorvolle Note haben. Und Humor kann auch auf leisen Pfoten daherkommen, auf Koboldpfötchen.

viele Grüße und einen schönen Abend, petdays

 

Hallo Zusamen,

@Vellaster
ich freu mich das die Geschichte dich unterhalten hat. Ja das Ende ist etwas kurz geraten, da hätte ich in der Tat noch einiges Ausschmücken können. Aber ich wollte nur eine kleine Geschichte zum übern schreiben. Das habe ich nicht an ein ausführliches Ende gedacht. Vielleicht schmücke ich es noch mal aus.

@Friedrichard
Du hast recht, ich habe mich teilweise in der Zeit vertan. Normalerweise schreibe ich im Präteritum, da sind mir aus Gewohnheit einige Wörter reingerutscht und nicht weiter aufgefallen. Da ist es gut wen noch mal jemand drüber liest. Also Danke für die Hinweise. An der Konzentration arbeite ich.

@petdays

Dein erster Text
Nicht ganz. Mein zweiter, aber eher einer zum Üben als alles andere.

Deine Protagonistin sehe ich sehr deutlich vor mir. Nicht, wie sie aussieht, aber ich kann sie mir gut in diesem Büro vorstellen. Diese spezielle Stimmung in nächtlichen Büros hast Du sehr schön eingefangen, auch formal.
Vielen Dank. Das war auch mein Hauptziel bei dieser Geschichte, eine Situation/Stimmung möglichst bildlich zu beschreiben. Jemand der das selber kennt, kann sich das sicher noch besser vorstellen, als jemand der noch nie in so einer Situation war. Aber ich hoffe das es auch der Allgemeinheit so geht.

Der Kobold will auch ein Stück haben. Natürlich gebe ich es ihm.
Hat mir gefallen.

Die Fabelwesen habe ich in nachhinein noch hinzugefügt. Schön das dir der Kobold gefällt.

Von Büroordnern fühle ich mich auch oft angegriffen.
Vor allem wenn sie einfach überall sind und man nichts Anderes mehr sieht.

Ich mag solche Personifizierungen. Vielleicht hättest Du sie sogar noch etwas ausbauen können. Da kommt Humor auf, der mir gefällt.

Ja, im Nachhinein finde ich auch, dass ich mich bei der Geschichte etwas zu kurzgefasst habe. Aber ich habe oben ja schon erwähnt, dass ich mit dem Text etwas üben wollte. Ich habe auch nicht erwartet, dass ich für diese winzige Geschichte so viele, verschiedene Kommentare bekomme. Tatsächlich mehr, als bei meinem längeren Text.
Ich freu mich aber darüber.

VG
Schwinge

 

Hallo @Silberschwinge,

ich bin etwas verdutzt, denn deine Geschichte über Langeweile, in der eigentlich nichts passiert, hat mir gefallen. Das hätte ich bei der Thematik nicht unbedingt erwartet. Ich kann mich wunderbar in die Situation der Prota hineinversetzen und du hast ihre Gedanken und Versuche, der Langeweile zu entkommen, nachvollziehbar und witzig beschrieben.

Ich dreh mich auf meinem Stuhl im Kreis und betrachte fasziniert die Decke.
Ich hätte mir mehr solcher Stellen gewünscht, und gerne auf extremer. Lass die Prota doch etwas Spaß im Büro haben. Sie könnte auf dem Bürostuhl ein Rennen durch den Gang fahren und ihre Zeit stoppen, Akten zu einem Kartenhaus stapeln, so was.

Einige Feen fliegen um die Computer und lachen mich aus.
während ein Kobold zwischen den Akten hervorschaut
und beobachte ein vorbeifliegendes Ufo
Eine Maus kichert
Mir haben die Fantasieeinschübe nicht gefallen, sie verwirren mich nur und reißen mich etwas aus dem Setting. Sind das Halluzinationen, oder war die ganze Geschichte bereits ein Traum? Ich finde, die Geschichte würde besser funktionieren, wenn sie (bis auf den Traum am Ende) in der Realität bleibt. Aber das ist wohl Geschmackssache, petdays haben die Kobolde ja gefallen.

Den Akten wachsen Zähne und rote Augen. Ich höre sie knurren, sehe sie schnappen. Ein Ordner greift mich an, er verbeißt sich in meinen Arm.
Hier passt das für mich jedoch wunderbar und ist ein gutes Ende :thumbsup:

Viele Grüße,
Catington

 

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