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Stille Nacht

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05.03.2015
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Stille Nacht

Es war still in dieser Nacht. Nur das Tak-Tak-Tak-Tak ihrer Absätze war zu hören. Um die Laternen lag ein Heiligenschein aus Nebel. Das Licht reichte kaum mehr bis zum Boden. Sie hielt den Blick geradeaus gerichtet, schaute nicht auf die Baracken, die sich in den Schatten des Bahndamms zwängten, mit Eisenschlössern verriegelt für den Winter, in ihren Gärten Unrat und Laub, bedeckt von etwas Schnee. Ein Bauzaun versperrte den Weg. Sie trat auf das Dunkel zu.

Es war still in dieser Nacht. Nur ein Keuchen war zu hören.

 
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10.09.2016
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Hey @Henry K.

ich würde sagen: durchaus guter Text. Die Szene ist detailliert beschrieben und hat eine klare Struktur. Der Schreibstil ist sauber, Flusen braucht man hier auch nicht lesen. Allerdings stört mich ein wenig die Unklarheiten in Bezug auf die Person, die im Text erwähnt wird. Es ist nicht klar, ob Frau oder Mann, auch nicht, wo sich die Person befindet oder warum sie dort ist. Der Text ist dadurch weniger verständlich und alles wirkt auf mich recht rätselhaft, wenn auch unheilvoll.
Eine Möglichkeit das zu ändern (und ein bisschen mehr Fleisch an die Knochen zu bringen), wäre, mehr Informationen über die Person im Text zu geben: wer sie ist, was sie macht, wie sie aussieht oder was sie anhat, ob sie alleine oder mit anderen Personen unterwegs ist.

Nur so ein paar Gedanken
LG

 
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16.04.2022
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Hallo @Henry K.

mir hat dein Text gut gefallen. Spannend und rätsehaft. Viel Atmosphäre, wenig Information. Die einzige Stelle an der ich ein wenig gestolpert bin, war hier:

Sie hielt den Blick
Du schreibst vorher über "die Laterne", über "ihr Licht" und dann über "Sie" - mir war beim ersten Lesen hier der Bezug nicht ganz klar und ich musste den Satz zweimal lesen.

Gruß

Mary

 
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15.12.2020
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Hallo Henry,

das, was wir bekommen, überzeugt durchaus in seiner Rätselhaftigkeit und konzentrierten Atmosphäre. Damit danach noch mehr im Kopf bleibt, bräuchte man vielleicht nur einen Hauch mehr Information? Das Keuchen intrigiert natürlich, und mir gefällt, dass es viele gedankliche Fortsetzungen der Szene zulässt; aber vielleicht sind es zu viele - vielleicht könnte ein weiteres, winziges Detail das Ganze auf drei oder vier mögliche, ein wenig konkretere Fortsetzungsmöglichkeiten reduzieren, sodass für den Leser eben etwas mehr hängen bleibt.

 
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05.03.2015
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@Carlo Zwei @Marys_Bücherwald @paulhoban98

Hallo zusammen,

und vielen Dank für die hilfreichen Kommentare, denen ich allen etwas abgewinnen kann. Die Idee war/ist es, einen realen, unheilvollen Ort zu beschreiben. Das scheint ja in Ansätzen schon zu gelingen. Unklar ist mir noch, ob ich jetzt an dieser Kürzestform herumschrauben will, oder ob ich noch mal eine längere Geschichte schreibe. Irgendwie soll es vor allem um den Ort gehen, aber dann steht natürlich nichts auf dem Spiel. Mit zu viel Story hingegen wird der Ort vielleicht hinter die Personen gerückt. Muss noch darüber nachdenken ;-)

Bis dahin viele Grüsse, HK

 
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28.12.2009
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Nur das Tak-Tak-Tak-Tak von Absätzen war zu hören.
Hallo,

ich bin da sonst auch ein Freund von, Geräusche auszuschreiben, aber irgendwie meine ich, passt es hier nicht, es nimmt die bedrohliche Atmosphäre etwas weg. Das kann auch in eine Slapstick-Richtung gehen. Und: Absätze, da dachte ich gleich an Absätze bezogen auf Textformate. Vielleicht Pfennigabsätze oder Stiefelabsätze?

Ihr Licht reichte kaum mehr bis zum Boden. Sie hielt den Blick stur geradeaus gerichtet, schaute nicht auf das Licht und nicht auf die Baracken, die im Schatten des Bahndamms kauerten, verrammelt für den Winter, in ihren Gärten Laub, bedeckt von etwas Schnee.
Zweimal Licht. Doppler auf so einer Kürze vielleicht nicht optimal. Dann: stur. Das steckt schon in geradeaus gerichtet drin irgendwie, oder? Barracken, die kauern und verrammelt sind. Das liest sich für mich unschön; warum hier so personifzieren? Die haben ja an sich keine Bedeutung und sind Kulisse, da würde ich eher noch die kühle Distanz wählen. Die im Schatten des Bahndamms lagen, oder so. Und verrammelt klingt auch irgendwie sehr umgangssprachlich, was ich hier nicht so passend finde. Es müsste härter klingen, weil die Atmo doch schon eher nach untergründiger Gefahr und Angstraum klingen ... abgeschlossen, verschlossen, winterfest gemacht. Und dann: Barracken mit Gärten davor? Das kriege ich nicht zusammen. Würdest du schreiben, Schrebergärten oder so, dann eher. Aber das soll doch unwirtlich und verrucht klingen, das Setting, da passt das nicht, finde ich. Vielleicht Mülltonnen, die offen stehen und wo auf dem Müll neben den Ratten noch ein wenig Schnee liegt.
Hätte sie doch ein Taxi genommen.
Kann man machen. Ich würde es streichen. Taxi klingt für mich nach Nähe, nach mehr Licht, nach anderen Menschen, nach Sicherheit. Das haut mich auch aus dem Setting heraus, weil es wie so ein plumper Fehler ihrerseits klingt. Vielleicht könntest du es so drehen, dass ihr jemand eine Abkürzung genannt hat, sie aber nicht sicher ist, ob das die richtige war. Dann das Keuchen. Na ja, nur so meine Gedanken.

Ich mag so Sachen. Stuart Dybeks kürzeste Story sind nur zwei Sätze, aber die erzählen eine ganze Geschichte, halt absolut komprimiert.

Gruss, Jimmy

 
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15.12.2020
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@Henry K. Ich finde das Format schon interessant, kann man ja auch als Übung ansehen, um später auch in längeren Geschichten aus jeder Passage das Maximum herauszuholen.

 
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05.03.2015
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Hallo @jimmysalaryman,

danke für deinen Kommentar. Hier ein paar Antworten dazu:

ich bin da sonst auch ein Freund von, Geräusche auszuschreiben, aber irgendwie meine ich, passt es hier nicht, es nimmt die bedrohliche Atmosphäre etwas weg. Das kann auch in eine Slapstick-Richtung gehen. Und: Absätze, da dachte ich gleich an Absätze bezogen auf Textformate. Vielleicht Pfennigabsätze oder Stiefelabsätze?

Über den ersten Punkt bin ich unschlüssig. Ich sehe deinen Punkt, andererseits ist es im ersten Satz. Ist da die Atmosphären bereits bedrohlich?

Zu den Absätzen: Schwierig. Auch hier sehe ich deinen Punkt, gleichzeitig wollte ich hier in dieser kurzen Story ausschliesslich möglichst elementare Worte verwenden, sprich kurze Worte mit wenigen Silben. Gut, "Ab-sät-ze" ist auch schon recht lang, aber deine Vorschläge würde da echt rausfallen. Hmmm ... schwierig. Muss ich sacken lassen.

Zweimal Licht. Doppler auf so einer Kürze vielleicht nicht optimal.

Guter Hinweis. Hatte ich drüber nachgedacht, ob das unschön ist. Ist auch so. Dachte, dass das Licht hier quasi der Kern der Story ist: "Stille Nacht", "Heiligenschein" und das "Licht, das kaum mehr bis zum Boden" reicht - in diesem Setting geschieht dann - mutmasslich - etwas Gottloses. Werde es aber einmal streichen, denke ich.

Dann: stur. Das steckt schon in geradeaus gerichtet drin irgendwie, oder?

Hier muss ich widersprechen. Das heisst, ich widerspreche nicht: Ja, es ist in "geradeaus" schon drin, aber das "stur" zeigt für mich an, dass sie absichtlich geradeaus guckt, dass das ein bewusster Akt ist. Warum muss sich absichtlich geradeaus gucken? Weil sie die bedrohliche Umgebung ausblenden will aus Angst.

Barracken, die kauern und verrammelt sind. Das liest sich für mich unschön; warum hier so personifzieren? Die haben ja an sich keine Bedeutung und sind Kulisse, da würde ich eher noch die kühle Distanz wählen. Die im Schatten des Bahndamms lagen, oder so.

"Lagen" wollte ich erst nahmen, aber das kommt als Verb schon vor. Dann hatte ich "lauern", denn ja, sie sind Kulisse, aber andererseits soll die Kulisse hier ja in den Fokus gerückt werden. Vielleicht wechsel ich zu "zwängen".

Und verrammelt klingt auch irgendwie sehr umgangssprachlich, was ich hier nicht so passend finde. Es müsste härter klingen, weil die Atmo doch schon eher nach untergründiger Gefahr und Angstraum klingen ... abgeschlossen, verschlossen, winterfest gemacht.

Hmmm, ich denke bei "verrammelt" daran, dass Holzbretter vor die Fenster geschraubt wurden, vielleicht lehnen auch Gerätschaften oder Baumaterial an den Wänden usw. Aber ja, umgangssprachlich klingt es vielleicht. Werde es wohl ersetzen.

Und dann: Barracken mit Gärten davor? Das kriege ich nicht zusammen. Würdest du schreiben, Schrebergärten oder so, dann eher. Aber das soll doch unwirtlich und verrucht klingen, das Setting, da passt das nicht, finde ich. Vielleicht Mülltonnen, die offen stehen und wo auf dem Müll neben den Ratten noch ein wenig Schnee liegt.

Also es soll sich schon um Schrebergärten handeln, aber nicht um diese klassischen mit robustem Häuschen und Gartenzwergen, sondern um eben: Baracken vor einem Bahndamm, wo dann im Garten irgendwelche Kanister rumstehen oder Wellblechreste rumliegen und man sich immer fragt, wer das wohl nutzt. Werde dann noch ein solches Müllelement hinzufügen, denke ich.

Hätte sie doch ein Taxi genommen.
Kann man machen. Ich würde es streichen. Taxi klingt für mich nach Nähe, nach mehr Licht, nach anderen Menschen, nach Sicherheit. Das haut mich auch aus dem Setting heraus, weil es wie so ein plumper Fehler ihrerseits klingt. Vielleicht könntest du es so drehen, dass ihr jemand eine Abkürzung genannt hat, sie aber nicht sicher ist, ob das die richtige war. Dann das Keuchen.

Hier liegt auch in meinen Augen der Knackpunkt, der das Ganze überhaupt erst zu so etwas wie einer Story macht. Ein Satz muss hier alles an Kontext geben, finde ich. Ich finde es gar nicht schlecht, dass sie eine Entscheidung getroffen hat, die sie in die Lage gebracht hat. Sonst wäre es wieder Zufall, das Verlaufen, eine Verständnisproblem. Schwierig, schwierig. Dass das Taxi nach Sicherheit klingt, soll ja genau so sein. Da verstehe ich deinen Einwand nicht ganz. Dadurch, dass sie sich Sicherheit wünscht, wird die Situation doch als bedrohlich markiert. Oder denkst du, das ist gar nicht mehr nötig?

VG, HK

 
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16.04.2022
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Hallo @Henry K.

jup, gut umgesetzt - das Licht - so hätte ich das auch gemacht.
Aber jetzt das:

Sie wich einem Bauzaun aus
Ausweichen? Würde man eher bei etwas verwenden, dass sich auf sie zubewegt oder? Also etwas, dass in ihren Weg kommt und dem sie ausweichen muss. Aber der Zaun steht doch da vollkommen bewegungslos?
Und statt Bauzaun vielleicht Absperrung?

Gruß

Mary

 
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15.12.2020
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Hallo @Henry K.,

Für mich geht da immer noch mehr. Ich würde direkt beim Keuchen ansetzen. Das hat bisher weder Quelle noch Richtung - an sich nicht immer falsch, aber hier würde ich mir eins von beidem Wünschen, um die Spannung nochmal zu erhöhen. Stand jetzt könnte es auch irgendein Opa sein, der gerade zufällig in der Nähe vorbeiläuft und einen Koller kriegt.

 
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15.12.2020
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@Henry K.,

Es könnte sie sein, die keucht, nachdem ein creepy Typ kommt und sie erwürgt. Aber es könnte eben auch alles andere sein. Ich liebe offene Enden, aber für die braucht es vorher m. M. n. ein wenig mehr Futter.

 
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12.04.2007
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Es war still in dieser Nacht. Nur ein Keuchen war zu hören.

Wie kann etwas still sein, wenn immerhin „ein Keuchen“ zu hören ist,

lieber Henry K.,

„keuchen“ definiert zB als „hörbar und mit Mühe atmen, schnaufen[d fortbewegen]“ (so das DWDS) – im Pott ist immer ein Rauschen zu hören, nicht mehr so sehr durch Fabriken als eher durch den Verkehr auf Straße, Schiene, Wasser und in der Luft (das wird in anderen Ballungsgebieten nicht anders sein).

Vielleicht meinstu ja (kulturkritisch) das Keuchen des gehetzten Kunden auf der vorweihnachtlichen Jagd nach „Schnäppchen“.

Wandeln wir das Adjektiv zurück ins Verb, bedeutet es Still[stell]en nicht nur des Säuglings …

und damit schöne Tage diese Tage vom

Friedel

 
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Hallo @Friedrichard,
tatsächlich werde ich es sein, der morgen durch die Fussgängerzone keucht - nicht auf der Jagd nach Schnäppchen, sondern nach einem Rettungsring. Aber dann wird der Sekt kalt- und der Kopf stillgestellt!
Wünsche auch schöne Tage!

 

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