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Taxi

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19.04.2020
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Taxi

Spiritus exteriores non est sanctum interiorem

Immer ganz links auf der Lebensautobahn und mit Vollgas. Im Lebenstaxi sitzt der Sensenmann auf der Rückbank und vermerkt : “Fahr’ du mal schön weiter deine 180 KM/H, links aussen.”
“Ich habe nicht gesehen, das hier Geschwindigkeitsbegrenzung ist”.
“Freie Fahrt für freie Fahrer. Jaja.”
“Genau. Ausserdem kann ich die Spitzengeschwindigkeit sowieso nicht erreichen, weil du im Auto sitzt.”
“Ich wiege nichts, ganz im Gegensatz zu dir, mein Bester.”

Mit ängstlichem Gesicht schaut er in den Rückspiegel und stellt die alles entscheidende Frage : “Kommt das Tempolimit ?”

“Du hast noch immer nicht begriffen, das eine langsamere Geschwindigkeit – oder eine Angepasste, wenn man so will – nicht unbedingt dazu führt, dass sich das Riskiko der unerwünschten Zusteiger mindert. Ein Gebäude am Wegesrand wird immer ein Gebäude bleiben, auch, wenn du mit 200 KM/H daran vorbeirauscht. Die Möglichkeit, vom schwarzen Loch aufgesogen zu werden, besteht immer, auch wenn du mit Lichtgeschwindigkeit fährst. Sagen wir einmal so : Mir steht es frei, wann, wo und bei wem ich zusteige, aber Taxis mit Bestimmung Zeitwüste bevorzuge ich natürlich. Weisst du, ich arbeite für niemanden, ausser für mich selbst. Ein richtiger Freigeist bin ich, wenn man so will. Ich bin autark und nicht wenig stolz darauf, steige dort zu, wo ich es für angebracht halte und mache meine Arbeit, die auch nicht anders ist, als alle anderen Arbeiten. Ich kitzle die Leute ein wenig mit meiner Sense, damit sie begreifen, was auf sie zukommt. Es ist immer wieder faszinierend, das die Menschen sich vor Angst fast in die Hose machen, wenn ich zusteige und doch viel zu schwach sind, noch irgendetwas an ihrem Fahrstil zu ändern.
Deine Reifen sind abgefahren, Bruder und sie haben keinen Gripp mehr. Das nächste Aquaplaning wird dich aus der Fahrspur hebeln und es kommt bestimmt.
Die Flucht vor der Realität ist auch immer eine Flucht vor sich selbt.”

“Das habe ich niemals bestritten.”

“Du bist zu faul und zu träge, um deinen Fahrstil zu ändern, aber sei beruhigt : da bist du in allerbester Gesellschaft. Du meinst, dass du einen fundamentalen Sieg errungen hast, wenn du einen Schleicher links mit Vollgas überholst, aber glaube mir : Die Schlacht wirst du nicht gewinnen. “

“Das tut sowieso niemand”

“Das ist zwar korrekt, aber das ist, wie ständig mit überhöhter Geschwindigkeit zu fahren. Irgendwann erwischen einen die Blitzer doch.”

“Ich wiederhole mich zwar ungern, aber hier gibt es weder Geschwindigkeitsbegrenzungen, noch Blitzer.”

“Du rast über die Betonpiste des Lebens und bist dabei dermassen überheblich, dass ich es schon fast spassig finde. Angst, beziehungsweise Furcht, wenn dir das besser gefällt, und Wut sind die Eiscreme des Sensemannes. Ein explosives Gemisch und Masslosigkeit ist der Zünder.”

“Kann ich das Radio anstellen ?”

“Was soll das ? Meinst du etwa, du wirst mich dadurch los ? Ich bin nicht dein Gewissen, wie du weisst. Das wird man schnell los, glaube mir. Du kannst dich nicht verstecken. Schaue auf das, was vor dir liegt.”

“Die Lebensautobahn”

“Genau die, Bruder und noch bist du – wie soll ich sagen – aktiver Verkehrsteilnehmer.”

“Und ?”

“Was und ? Je schneller du fährst, desto ungenauer wird der Sensenschnitt. Auch ich bin kein Stümper und benötige Ruhe und Präzision bei meiner Arbeit. Das ist Berufsethos.”

“Ich will die Gebäude aber nicht sehen, die am Wegesrand stehen. Will die Gestalten hinter den verdreckten Fenstern nicht sehen, die sehnsüchtig auf die Autobahn schauen. Alte Frauen, die alte Wäsche aufhängen und alte Männer, die altes Bier saufen. Farblose, von der Waschmaschine der Zeit ausgeblichene Kreisebenendreher. Ohne Perspektive, ohne Zukunft.”

“Hast du denn eine ? Eine Zukunft, meine ich ? Mit welchem Recht mäkelst du an anderen herum, wenn du selbst nicht vernüftig fahren kannst.”

“Diese Konversation führt zu nichts.”

“Das ist mir wohl bewusst, weil Individuen, wie du niemals dazulernen . Du hast bisher mit deiner halsbrecherischen Fahrweise unglaubliches Glück gehabt, aber auch du wirst älter, mein Freund. Und nachlässiger. Du scheinst einige mächtige Verbündete zu haben, aber glaube mir : auch die werden dieser Show langsam überdrüssig.”

“Ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen.”

“Immer wieder das selbe Gelaber, egal, wo ich gerade zusteige. Darum geht es doch garnicht. Es geht darum, dass du einen Fahrstil vorlegst, der nicht mehr aktuell ist, es vielleicht sogar niemals war. Ganz amüsant vielleicht, für eine Weile, aber jeder verliert irgendwann das Interesse.”

“Und man wird zum Abschuss freigegeben”

“So würde ich das zwar nicht unbedingt ausdrücken, aber wie du willst.”

“Was jetzt ?”

“Fahr’ da den Parkplatz an und lass’ mich aussteigen. Vielleicht sehen wir uns morgen, vielleicht auch nicht.”
 
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23.03.2019
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Wenn der Tod in ein Taxi bei voller Fahrt einsteigen kann, warum kann der Tod nicht bei voller Fahrt aussteigen? Mit dieser wichtigen Frage werde ich aus sdem Text entlassen.

Eigentlich ist der Text gut geschrieben. Inhaltlich fehlt ihm eine gehörige Portion Pepp. Ein Moralgespräch als alleiniger Inhalt einer Geschichte trägt irgendwie nicht. Handlung ist nicht vorhanden. Und wenn, sagen wir, der Tod ständig von seinem klingelnden Handy unterbrochen wird, denn er muss mit dem lieben Gott aushandeln, ob er wirklich im richtigen Taxi sitzt, dass mit 200 Sachen über die Autobahn kachelt.

Zum Beispiel. Nur um zu zeigen, dass du einiges Potenzial an Kreativität leider ungenutzt lässt.
 
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19.04.2020
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Guten Morgen Herr Wörtherr,

die Sache mit dem Handy ist richtig gut und hat mich zum Grinsen gebracht.

Ob ich krativ bin, oder nicht, sei einmal dahingestellt.

Schönen Sonntag und freundliche Grüsse,

DF
 

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