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Serie Tischgespräche bei Familie K.

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27.07.2015
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Tischgespräche bei Familie K.

Und es geht schon wieder los. Man könnte meinen, dass das gemeinsame Abendessen meiner Familie eine Art Theaterstück sei, welches Abend für Abend erneut aufgeführt wird. Vielleicht mit einigen ''special effects'', um dem interessierten Zuschauer etwas Abwechslung zu bieten. Damit meine ich jetzt nicht etwa neue Gesprächthemen. Nein, das bei Weitem nicht. Es sind eher Dinge von profaner Natur, wie die Kleidung und das Essen bei Tisch. Das Thema ist eigentlich immer dasselbe ...

Meine Eltern Gabi und Josef, beide Mitte vierzig und naja, sagen wir es mal mit den Worten meiner Schwester Ramona: ''spießig''. Ramona ist 14, Ramona ist Punk UND Veganer und wie man in diesem Alter nunmal so ist, versucht sie gegen alles zu rebellieren, was ihr in die Quere kommt. Wir sind eine ganz ''normale Familie'', wäre da nicht die neue Frisur meiner Schwester ...

Papa: ... dass du dir die Haare abrasiert hast! Weißt du wie das aussieht? Da schneidest du dir ne Halbglatze und ich soll das auch noch gut finden??!
Ramona: Das nennt sich ''Iro'', Papa, und alle meine Freunde haben das ...
Papa: Wenn alle deine Freunde ins Wasser, springen, springst du dann auch hinterher??!
Mama: Jetzt lass doch das Kind mal ...
Papa: Ja, genau! Fall du mir auch noch in den Rücken!
Ramona: Es sind meine Haare und ich kann damit machen, was ich will!
Papa plustert sich auf ...
Mama. Naja, Liebes ... der Papa hat da nicht ganz unrecht. Kannst du nicht wenigstens das blau ...
Ramona: NEIN, kann ich nicht! Ich find das geil!
Mama: Du hattest SO SCHÖNE Haare, Kind!
Ramona: Eben, HATTE!
Papa: Die Nachbarn reden alle schon. Der Herr Keuf von gegenüber hat mich letztens gefragt, ob du Drogen nimmst! Meinst du ich find das lustig, sowas gefragt zu werden?
Ramona: Ich kiffe nur, ich nehm kein Pep oder H.

Mama schaut entsetzt und traurig zugleich, ich starre auf meine Kartoffeln und überlege, ob einer von den beiden überhaupt weiß, was letztere Drogen eigentlich sind.

Papa: DU TUST WAAAAAAS???
Ramona: KIFFEN! Soll ich es dir aufschreiben?
Papa: Werd nicht frech!
Mama: Also, dass du Drogen nimmst ...
Ramona: Als ob ihr in eurer Jugend nie gekifft hättet!
Papa: Sicher nicht! Da hätten die Omma und der Oppa mich so verprügelt, dass ich nicht mehr hätte sitzen können, da kannst du dich aber drauf verlassen! Du lässt von sowas gefälligst die Finger, hast du mich verstanden?
Ramona: Nö.
Mama: Kind, du weißt doch, was die Frau Keuf für eine alte Klatschbase ist! Wenn das dann die ganze Straße denkt ...
Ramona: Mir doch egal.
Papa: UNS aber vielleicht nicht?
Ramona: Du bist voll der Heuchler, ey! Machst hier einen auf: MORAL! WO IST DIE MORAL! Die Aposteln sind schon da und schreien laut SKANDAL, SKANDAL!

(Ich führe in Gedanken den von ihr zitierten Song fort: ''So hält der Tor, allen den Spiegel vor, nur sich selber nicht, guck mal wer da spricht.'' Dabei zähle ich langsam bis drei. Eins ... zwei ... dr...)

Papa: Das sind alles deine asozialen ''Freunde'' schuld! Die kommen mir nicht mehr ins Haus!
Ramona: Du stopfst dich hier mit Fleisch voll und meinst mir erzählen zu dürfen, ich soll nicht kiffen?! Wenigstens essen meine Freunde und ich keine zu Tode gequälten Tiere!
Papa: Das eine hat überhaupt nichts mit dem anderen zu tun!
Ramona: Du beleidigst meine Freunde, aber DIE halten wenigstens zu mir! Übrigens gehe ich morgen Abend auf ne Party und penne dann bei Jobi!

Der plötzliche Themenwechsel (oder das übliche Ablenkungsmanöver) zeigt Wirkung und sorgt zunächst für ein kurzes Schweigen.
Mama wird blass, als wüsste sie, dass ihre Frage überflüssig ist, fasst sich aber und fragt: ''Ist Jobi die nette Blonde, die am Wochenende hier war?''
Ramona: Nein, Mum, Jobi ist der Spitzname von Sebastian.
(Ich weiß auch nicht, wie die zu ihren Spitznamen kommen. Wahrscheinlich werden die beim Kiffen erfunden ...)
Papa: Das ist aber nicht dieser langhaarige Bombenleger, den du hier letztens angeschleppt hast, oder??!
Ramona: Doch, genau DER!

Nun sind sich meine Eltern einig, nur, dass Mama versucht es nett zu sagen, während bei Papa endgültig die Bombe explodiert.

Mama: Also, Schatz, es wäre mir lieber du kämst nach Hause ... der Papa kommt dich auch um 22Uhr da abholen.
Ramona (lacht): Das fängt um 22Uhr erst an, Mum!
Papa: JETZT HAB ICH ABER DIE SCHNAUZE VOLL! DU GEHST NIRGENDWO HIN! ASOZIALES PACK, DA!
Ramona (fängt wie jeden Abend an zu heulen): DU HAST MIR GAR NICHTS ZU SAGEN! DAS IST MEIN LEBEN! ICH MACHE WAS ICH WILL!
Mamas ''Schluss jetzt, alle beide.'' findet (wie jeden Abend) keine Beachtung, es wird weiter geschrien.
Endlich fallen die Schlusssätze:

Papa: GEH IN DEINER ZIMMER, DASS ICH DICH NICHT MEHR SEH'N MUSS HEUT!
Ramona: ARSCHLOCH, ICH HASSE DICH!
Mama schau Papa traurig und entsetzt zugleich an: ''Musste das jetzt wieder sein? Jeden Abend dasselbe mit euch.''

Ich beende in Begleitung des Schweigens meiner Eltern mein Abendessen und bin ebenfalls froh wieder in meinem Zimmer zu sein. Immer wieder denke ich darüber nach, ob ich bei diesem Schauspiel eigentlich einer Komödie oder Tragödie beiwohne. Ich kann mich nie ganz entscheiden. Die Interpretation dieses Stückes fällt mir immer wieder schwer, dafür fällt mir meine kreative Hausaufgabe für den Deutschunterricht bedeutend leichter. Herr Förster wird von meinem kleinen ''Theaterstück'' begeistert sein.
 
Senior
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28.11.2014
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Liebe Meisterbienchen,
herzlich willkommen bei uns.

Dein kleines Kammerspiel gefällt mir sehr. Es kommt so authentisch rüber, dass man das Gefühl hat, so und nicht anders könnte es sich abgespielt haben, Wort für Wort. Ich sitze als Leser mit am Tisch und verfolge gespannt, was als Nächstes kommen wird. Das hast du wirklich gut hinbekommen. Und auch die Ausführung stimmt. Da ist nichts dran auszusetzen.

Bei mir bleibt natürlich die Frage: Wie geht’s weiter? Natürlich sind die Eltern die Verlierer. Das wissen sie im Moment noch nicht, aber sie ahnen es. Die Frage, ob es eine Komödie oder eine Tragödie ist, wird Ramonas Zukunft entscheiden.

Eine paar Kleinigkeiten:
Wiederholst du bewusst, dass die Mutter "entsetzt und traurig zugleich" schaut, oder ist es dir passiert?

ob ich bei diesem Schauspiel eigentlich einer Komödie oder (einer) Tragödie beiwohne. Ich kann mich nie ganz entscheiden.
Hier würde ich vor Tragödie noch ein 'einer' einfügen.

Auch solltest du auf Füllwörter achten. Im letzten Absatz fällt mir 'immer' (2 x) auf.


Aber, wie gesagt, sehr gern gelesen.
barnhelm
 
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30.06.2014
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Hallo Meisterbienche,
willkommen bei den Wortkriegern.
Die Interpretation dieses Stückes fällt mir immer wieder schwer,
So? Leider finde ich das gar nicht schwierig, denn es trieft vor Klischees und ist so vorhersehbar wie Hähnchenfleisch in der Hühnersuppe.
Ja, ich weiß, das Theaterstück mit einem pubertierenden Mädchen ähnelt sich von Tag zu Tag, von Familie zu Familie. Aber muss man es dann auch noch aufschreiben? Ich habe irgendwie auf eine originelle Wendung gewartet, aber so ist es ein bisschen sehr gewöhnlich. Ich habe nur noch auf: "Solange du die Beine unter meinen Tisch streckst" gewartet, sonst haben alle genau das gesagt, was man erwartet.
Gibt es solche Eltern überhaupt?
Wo ist das individuell, was es erzählenswert machen würde?

Was ich persönlich überhaupt nicht mag, sind solche Dinge:

Papa: JETZT HAB ICH ABER DIE SCHNAUZE VOLL! DU GEHST NIRGENDWO HIN! ASOZIALES PACK, DA!
Wie wäre es, einfach normal zu schreiben und ein brüllte er dazu zu schreiben? Großbuchstaben sind Chatstil.
Also, mich hat es jetzt nicht so ganz überzeugt. Weder inhaltlich, noch die Form.
Denn es ist ja auch nicht wirklich eine Kurzgeschichte.
Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, bleib mal hier, es gibt viel zu lernen. Viel lernt man durch lesen und kommentieren fremder Texte, da geht einem so manches Licht auf.
Habe eine gute Zeit,
Grüßle von Gretha
 
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11.12.2014
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Hallo Meisterbienchen,

Sprachlich bist du ja ganz gut drauf, auch erfreulich fehlerfrei ist dein Text, aber eine "Geschichte" ist dieser noch nicht ganz geworden. Da muss ich mich im Großen und Ganzen an Grethas Ausführungen anschließen.

Auch ich finde die Dialoge wenig überraschend und - insbesondere als dreifacher Vater mittlerweile erwachsener Kinder ;) - etwas zu naheliegend. Daher plätschert der Text recht unspektakulär seinem Ende entgegen und lässt mich schließlich etwas unerfüllt zurück.

Von der Textstruktur her hast du - ich meine wohlüberlegt - eher ein Theaterstück angelegt, sogar mit Regieanweisungen in Klammern ("lacht", "fängt an, zu heulen", etc.) was es zusätzlich erschwert, eine runde Geschichte darin erkennen zu können.

Ich finde aber, dass du es sprachlich drauf hättest, erzählerischer vorzugehen, die Dialoge eben nicht so trocken aneinander zu reihen und die vielen Klammerergänzungen besser und aktiver einzuflechten. Wenn es dir dann noch gelingt, ein überraschendes oder überzogenes Element, eine Wendung vielleicht, wie Gretha sagte, einzubringen, dann könnte daraus durchaus ein nette Geschichte werden. Dann könnte wohl auch eine Serie davon unterhaltsam werden.


Liebe Grüße
oisisaus
 
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14.08.2012
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Willkommen, Meisterbienchen

Wirklich gelungen finde ich eine Dialogszene dann, wenn auch ohne Nennung der jeweiligen Sprecher und im besten Fall mit nur ganz wenigen Redebegleitsätzen ich dem Gespräch folgen kann, ich also immer weiß, wer gerade spricht. Was auf der Bühne oder im Film problemlos funktioniert, ist in einer Lesegeschichte natürlich unheimlich schwierig umzusetzen, umso schwieriger, je mehr Personen sprechen.
Was ich sagen will: wenn ich sie an den Ansprüchen messe, die ich an eine Kurzgeschichte stelle, gefällt mir schon die äußere Form des Textes nicht besonders. Die Formatierung mit den jeweils angeführten Sprechern zu Beginn der Sätze erinnert mich mehr an ein Drehbuch-Script, als an eine sich selbst erklärende Kurzgeschichte.

Na ja, und was den Geschichten- bzw. Gesprächsinhalt betrifft, muss ich mich weitgehend Grethas Kritik anschließen. Der Text wirkt auf mich - möglicherweise weil er authentisch ist - einfach so alltäglich, so banal, so unspektakulär, ja, irgendwie nicht mehr als ein Protokoll.

Ramona: Das nennt sich ''Iro'', Papa, und alle meine Freunde haben das ...
Papa: Wenn alle deine Freunde ins Wasser, springen, springst du dann auch hinterher??!
Mama: Jetzt lass doch das Kind mal ...
Papa: Ja, genau! Fall du mir auch noch in den Rücken!
Ramona: Es sind meine Haare und ich kann damit machen, was ich will!
So banal (tausendfach gehört) beginnt es, und ehrlich gesagt, geht es für mich genauso uninteressant und vorhersehbar weiter. Nicht ein Satz, wo ich mir denke, na hallo, das war jetzt aber gut/originell/individuell, was weiß ich, kein Satz, wo ich mir denke, die Autorin bemüht sich über das reine Protokollieren einer Alltagsszene hinaus um so was wie Literarizität, um Bearbeitung des Themas, um eine Prämisse, eine Message, irgend so was halt.
Sorry, aber ich hab das genauso unbeeindruckt gelesen, wie ich einem belanglosen Gespräch wildfremder Menschen in der U-Bahn oder sonst wo zuhöre.

Tja, Meisterbienchen, ich weiß nicht recht, was ich dir darüber hinaus sagen kann, also was du machen müsstest, dass so eine Art Text für mich funktionieren könnte. Ich weiß es nämlich selber nicht, ist einfach unheimlich schwierig. Tröste dich damit, dass es zumindest schon einmal barnhelm gefällt, und vermutlich werden noch mehr kommen, die mit der Geschichte(?) mehr anfangen können als ich.
Ich warte einfach auf deine nächste Geschichte, weil mit der Sprache gut umgehen kannst du offenbar.


Willkommen bei uns, Meisterbienchen.

offshore
 
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27.07.2015
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Hallo barnhelm,
als erstes möchte ich dir danken, dass du dir die Zeit genommen hast mein kleines Werk so aufmerksam zu lesen. Es freut mich, dass es dir so gut gefallen hat und es mir gelungen ist dem Leser das Gefühl zu geben dabei zu sein, denn genau diese Atmosphäre wollte ich erschaffen.
Vielen Dank auch für deine Kritik an meinen Wiederholungen und den Füllwörtern, denn das ist mir selbst beim Lesen gar nicht so deutlich aufgefallen. Ich werde bei meinem nächsten Versuch genauer darauf achten.
Nochmal ganz lieben Dank für diese tolle erste Kritik.
LG meisterbienchen
 
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27.07.2015
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Hallo Gretha,
danke für deine ehrliche Meinung und auch für die gute und vor allem sachliche Kritik, die du auch mit Guten Argumenten belegst.
Um ehrlich zu sein habe ich diesen Text schon vor ein paar Jahren geschrieben und ich dachte mir ich fange mal mit ein paar alten Werken an und sehe, wie die ersten Reaktionen darauf so ausfallen. Mir ist durchaus bewusst, dass ich hier in erster Linie etwas aufgeschrieben habe, was ganz alltäglich zu sein scheint (darum habe ich es ja auch in meiner Einleitung betont). Es war mehr ein Experiment, ob die erwartete Kritik mit dem Wort "Klischee" fallen würde.
Aber natürlich hast du vollkommen Recht, auch mir fehlte beim Lesen und Schreiben des Textes ein wenig der Wendepunkt oder ein überraschendes Element am Ende. Dies zu erschaffen werde ich in Zukunft versuchen und werde auch deinen Rat befolgen und mir hier erstmal einige andere Werke durchlesen, um einige Anregungen zu bekommen und meinen Stil zu verbessern.
Nochmal vielen Dank für deine konstruktive Kritik.
LG meisterbienchen
 

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