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Tränen in Schwarz-Weiß

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24.01.2017
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Tränen in Schwarz-Weiß

"Du scheinst nicht aus der Gegend zu stammen. Du hörst Dich kein bisschen moselfränkisch an."

Als er ihr das sagt, nutzt er die Gelegenheit, ihr Gesicht zu mustern und findet Gefallen an ihren Lachfältchen. Ein richtig freches Rotzgörengesichtchen, denkt er. Er hatte ihr gegenüber diesen Ausdruck tatsächlich schon mal fallen lassen, anfangs, als sie sich über das Internet kennenlernten. Sie schien geschmeichelt zu sein.

Scheu sieht er sie weiter an, wie ein kleiner Junge der in der Grundschule zum ersten Mal neben einem Mädchen sitzen muss. Er mag das Schelmische, Mädchenhafte an ihr, obwohl sie bereits 53 ist – vier Jahre älter als er.

Nein, antwortet sie. Ich bin in einem kleinen Dorf bei Saarburg groß geworden. Trotzdem habe ich den Dialekt nie gelernt.

Sie stockt. Dann: Eigentlich kommen wir aus Magdeburg. Wir leben erst seit Ende der 60er in der BRD. Zuhause sprachen wir immer nur Hochdeutsch.

"Saarburg? Mann, ich habe Anfang der 90er in Trier studiert. Das war doch glatt um die Ecke!"

Das ist so seine Masche. Jedes Mal, wenn er Frau im Internet kennenlernt, lässt er den Bildungsbürger heraushängen, den Anti-Macho, den Stenz. Er denkt dabei immer ganz pragmatisch: Eine Frau, die darauf abfährt, passt zu mir. Er ist bereits seit zwei Jahren getrennt.

Schon als sie sich vor einer Dreiviertelstunde unter dem monströsen Reiterdenkmal trafen, wo Wilhelm der I. grimmig ins nahe Frankreich blickt, konnte er es sich nicht nehmen lassen, auf die gegenüberliegende Festung zu zeigen, mit der Bemerkung, dass sie die letzte preußische Trutzburg vor den Toren des Erbfeinds gewesen sei. Sie schien es nicht zu langweilen.

Sie schlenderten den Rhein flussaufwärts und waren schon fast an der Stadtgrenze, als sie einen Biergarten fanden, wo sie sich hinsetzten und zwei Kaffee bestellten.

"Aus der Zone kommst Du? Wie seid ihr denn da raus gekommen?"

"Ganz einfach: Wir sind rausgeschmissen worden! Mein Vater war Dissident und eine Zeitlang in Bautzen. Er hat sich ständig mit den Betriebsdirektor pubertäre Machtkämpfe geliefert und in der Pause seine dümmlichen Walter-Witze zum Besten gegeben - inklusive Fistelstimme. Die Arschgeige hat natürlich nichts auf die Reihe gekriegt, weder politisch noch sonst wie, außer, dass er uns vor allen Leuten zum Klassenfeind gemacht hat.
Meine Mutter todkrank ... Ich hatte sieben Geschwister und mein ältester Bruder ist geistig behindert. Die Genossen waren echt froh, dass sie uns loswurden."

Ihr Gesicht verdunkelt sich plötzlich. Traurigkeit und Melancholie mischen sich in den eben noch so schelmischen Ausdruck.

"Ich kann mich noch daran erinnern, als ob es gestern gewesen wäre. Ich war vier Jahre alt. Ich habe von jetzt auf gleich alles, aber auch wirklich alles, verloren. Meine Freundinnen, den Kinderhort, unseren Garten, die Straße, in der wir Völkerball spielten ..." Sie stockt. "...und meine kleine, liebe Puppe."

Nach einer peinlichen Pause des Schweigens, fährt sie fort: "Meine Puppe habe ich am meisten vermisst, als wir an der Saar ankamen. Ich habe tagelang Rotz und Wasser geheult. Der Fluss hatte Hochwasser. Aber danach war es gut ...."

"Geh'n wir wieder?", fragt er.

"Ja, warum nicht. Es wird Zeit, dass wir uns ein Restaurant für den Abend suchen."

Sie beugt sich etwas nach vorne, um an ihre Handtasche zu kommen. Er schaut ihr in den Ausschnitt und zwar absichtlich so, dass sie es merkt. Sie blickt hoch und lächelt ihn frech an. Mit ihrer feuerroten Kurzhaarfrisur kann sie sowieso nur schwerlich brav aussehen. Die Traurigkeit ist schlagartig weg und sie zeigt wieder ihr Rotzgörengesicht.

Er kennt das schon aus früheren Online-Dates. Die Wahrscheinlichkeit, im Internet die Liebe des Lebens zu finden ist fast genau so unwahrscheinlich wie im realen Leben. Aber am Ende bleibt meist wenigstens ein erotisches Abenteuer. ... und wer weiß, wie lange man das noch genießen kann. Er spürt wieder einmal den kleinen stechenden Schmerz an der Achillessehne.

Sie zahlen und gehen wieder auf der Rheinpromenade, diesmal flussabwärts, zurück zum steinernen Willi. Sie haben nur noch Augen für einander. Sie bemerken kaum die Frau im Sari und auch nicht die beiden jungen Türkinnen mit ihren knallbunten Kopftüchern, die ihnen entgegen kommen, als sie den riesigen Schatten einer alten, sterbenden Eiche streifen.

Plötzlich wird seine ganze Aufmerksamkeit von ihr weg und hin zu einem erbärmlichen Wimmern gelenkt. Von weitem sieht er einen kleinen, schwarzhaarigen Jungen aufgeregt und weit in den Himmel zeigen. Er heult dabei so herzzerreißend, dass es körperlich wehtut.
Er schaut zunächst verständnislos in dieselbe Richtung, in die der Kleine mit seinem Fingerchen aufgeregt zeigt, und erblickt dann in einiger Höhe und schon weiter über der rechten Rheinseite einen Luftballon. Offensichtlich ist er mit Helium gefüllt und so dem Kleinen in einem Moment kindlicher Unachtsamkeit aus der Hand geglitten.

Hinter dem Jungen steht ein kräftiger Mann orientalischen Typs und schaut genervt und gelangweilt auf den Kleinen herunter. Warum legt er nicht die Hand auf seine Schultern? Warum nimmt er ihn nicht in den Arm?

Plötzlich wird ihm sterbensschlecht, ganz so, als hätte ihn, eine lange Gerade in die Magengrube getroffen. Eine ozeantiefe Schwermut fällt über ihn her, so, als ob das ganze Leid dieser Welt seinen Körper durchdringt, so, als ob der Berg Meru seinen Körper zerquetscht. Er fällt in ein Meer beklemmender Dunkelheit.

Und dann passierte es: Er kann plötzlich nur noch schwarz-weiß sehen. Ja, schwarz-weiß! Ihn fröstelt, wobei ihnen eben noch ein laues Lüftchen aus Richtung der nun untergehenden Sonne angenehm ins Gesicht blies. Ihn befällt die Panik, die sich noch steigert, als es feststellt, dass die ganze Szenerie von einer Filmszene völlig transparent überlagert wird. In der Brücke von Remagen ist zu sehen, wie mehrere Hundert Zivilisten panikartig über die Brücke flüchten, die von einem halben Duzend Baltimores bombardiert wird. Diesen Film hatte er vor Jahren gesehen, und diese eine Szene hat sich, aus ihm noch immer unerfindlichen Gründen, in sein Gehirn gebrannt. In einer Nahaufnahme war zu sehen, wie ein kleines Mädchen auf der Flucht ihre Puppe auf der Brücke fallen lässt, deswegen am Arm der Mutter entgegen der Fluchtrichtung zerrt und verzweifelt versucht, mit der anderen Hand nach der am Boden liegenden Puppe zugreifen. Dann eine gewaltig Explosion und … Nichts … Die Puppe war ihre ganze Welt, in der Krieg keinen Platz hat.

Träume ich? Kann es sein das ich träume? Im Traum ist man sich ja nicht bewusst, dass man träumt. Man hält alles für real, so wie wenn man mittags in der Kantine sitzt und nicht den geringsten Zweifel hegt, dass man dort isst.

Er ist für einen Moment völlig verwirrt, als eine dritte Szene sich eben so transparent über die beiden anderen legt. Er sieht eine Begebenheit aus der Kindheit Ende der Sechzigerjahre. Er war mit seinem Vater auf der Kirmes. Dort hatte er ihm ein kleines Spielzeugauto geschenkt. Er freute sich wahnsinnig. So etwas hatte es nur ganz selten gegeben. Danach waren sie noch an der Mosel spazieren und über eine Brücke gegangen. Er ließ das Auto mit der Hand über das Geländer gleiten, stolperte, und schon fiel das Spielzeug den Fluss. Er hatte keine Gelegenheit, ihm nachzuschauen, denn schon setzte es eine ordentliche Tracht Prügel. … war damals halt so

Er spürt noch mal die Schmerzen von Vaters Ohrfeigen und plötzlich sieht er alles wieder in Farbe. Das merkwürdige, mehrschichtige, an A Day in the Life erinnernde Panoptikum in Schwarz-Weiß ist mit einem Mal verschwunden. Er fühlt sich unendlich alt und müde, aber ruhig. Er ist wieder in der Welt. Was ist passiert?

Sie schaut ihn verwundert an.

Er schluckt und mit unterschwelliger Aggression sieht er sie an. "Kann der alte Idiot nicht dem Kleinen einen neuen Ballon kaufen?" … Pause … und dann leiser: " … oder ihn wenigstens in den Arm nehmen?"

Sie schüttelt den Kopf.

Beide gehen weiter ohne noch ein Wort zu wechseln. Er hat ganz vergessen, dass sie noch zu Abend essen wollten. Und so manövriert sie ihn zielsicher in das Restaurant La Taverna , unweit vom Fluss.

Sie sitzen dort eine Weile ohne ein Wort zu wechseln. Jetzt fällt ihm ein, weswegen er hier hergekommen ist: Diese reife Frucht, vor Leidenschaft platzend, so süchtig nach Leben, die Lachfältchen, das freche Minenspiel, …

Wenn er diese Frau will – und er weiß jetzt, er will sie wie keine andere vor ihr -, muss er sich aus seiner Starre befreien. Hoffentlich hat sie nichts gemerkt. Sie hält mich sonst für verrückt.

"Du, immer wenn ich mich an Erlebnisse aus meiner Kindheit an der Mosel erinnere, sehe ich diese Szenen immer nur in Schwarz-Weiß vor meinem geistigen Auge. Und weißt Du auch wieso?" Das sagt er im Tonfall eines pensionierten Oberstudienrats.

Er schweigt für einen Moment und sie sieht in amüsiert an.

"Aus meiner Kindheit gibt es nur Schwarz-Weiß-Fotos. Und da ich sie mir immer wieder und wieder anschaue, ist mein Bewusstsein darauf konditioniert, Kindheitserinnerungen immer nur in Schwarz-Weiß zu memorieren."

Das ist er endlich wieder: Der Stenz, der Bildungsbolzen, die fleischgewordene akademische Tradition.

Sie essen, plaudern ein bisschen, tauschen Blicke aus, die Worte überflüssig machen, zahlen, verlassen das Restaurant und schlendern, jetzt Hand in Hand, in Richtung Parkplatz.

Dort angekommen gehen sie in Richtung seines Autos. Er ist klar, dass sie ihres hier stehen lässt und es erst morgen am späten Nachmittag wieder abholt. Das ist sonnenklar, ohne dass sie darüber sprechen.

Eines will er aber vorher noch aus dem Weg räumen.

"Du, mir ist da eben an der der Promenade was passiert …"

"Ich weiß."

"Du hast es bemerkt?"

"Ja."

"Vergessen wir es einfach. Du wirst es nicht verstehen. …jedenfalls noch nicht."

"Doch, ich habe verstanden."

"Das kannst Du nicht."

"Doch. Wir beide sind Kinder von Kriegskindern."

Er sieht sie ratlos an.

"Du warst so außer dir", sie stockt kurz, "weil der kleine Junge all die Tränen weint, die du nie geweint hast"

 
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Hallo SJLector

Das Stichwort "Kinder" meint, dass es sich um eine Geschichte für Kinder handelt. Das scheint mir bei deinem Text nicht der Fall zu sein. Kannst du das noch anpassen?

Mir ist der exzessive Gebrauch von Leerzeilen aufgefallen. Normalerweise werden Leerzeilen nur dann gesetzt, wenn Ort und / oder Zeit wechseln, wenn eine neue Thematik eröffnet wird etc. In deinem Text lassen sich solche Dinge nicht mehr erkennen, weil du so viele Leerzeilen setzt.

Wenn ich dazu komme, werde ich später auch noch was zur Geschichte sagen, jetzt grad ist die Zeit etwas knapp.

Lieber Gruss
Peeperkorn

 
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“…How can I go forward when I don't know which way to turn?
How can I go forward into something I'm not sure of? ...“
John Lennon: How?“ Auf “Imagine“, 1971​

heißt es in Lennons Titel, der genauso gut wie das von Dir im Text angesprochene, der wahrscheinlich beste Rocksong “A Day in The Life“ vom besten Album „Sgt. Pepper“ zu diesem m. E. manierlichen Erstling über die ersten Kontaktaufnahmen zweier sich bis dahin fremder Menschen, wenn bei einem gemeinsamen face-to-face (so auch ein Album der Kinks aus der gleichen kreativen Zeit), ersten Kennenlernen nebst Spaziergang durch Koblenz , wenn der an sich entspannende Gang von einem Rückblick in die letzte Generation Nachkriegszeit (die m. E. bis zum Vietnamkongress Februar 1967 und der folgenden APO-Zeiten anhielt [„unter den Talaren Staub von tausend Jahren“, oder anders ausgedrückt, die Zeit, bevor das öffentlich rechtliche Fernsehen farbig wurde],

lieber SJLector -
und damit erst einmal herzlich willkommen hierorts!,

aber auch ein bissken Trivialeres holt Dich nun ein neben Peeperkorns berechtigtem Hinweis (keine Bange, nix Schlimmes):

Hier will der Abschlusspunkt entfliehn, holen wir ihn zurück

"Eine Frau, die darauf abfährt, passt zu mir[.]"[...] Er ist bereits …
ähnlich hier, wobei die Auslassungspunkte auf drei reduziert werden sollten, wobei der letzte (der dritte also!) gleich den Abschlusspunkt abgibt
---, die Straße, in der wir Völkerball spielten ....". Sie stockt. "...[...]und meine kleine, liebe Puppe."
und zwischen Auslassungspunkten und „und“ ist ein Leerzeichen zu setzen


Hier ruft die „Bemerkung“

Schon als sie sich vor einer Dreiviertelstunde unter dem monströsen Reiterdenkmal trafen, wo Wilhelm der I. grimmig ins nahe Frankreich blickt, konnte er es sich nicht nehmen lassen, auf die gegenüberliegende Festung zu zeigen, mit der Bemerkung, dass sie die letzte preußische Trutzburg vor den Toren des Erbfeinds war. Sie schien es nicht zu langweilen.
nach dem Konjunktiv („er“ meint‘s wohl ironisch, dann Konjunktiv II, meint er‘s ernst, Konj. I. Also: wäre/sei

Hier hastu wahrscheinlich zwo Konstruktionen im Kopf gehabt, von denen die unterliegende ihre Spuren hinterlässt

..., wo sie sich hinsaßen und zwei Kaffee bestellten.
Sicherlich saßen sie, aber erst müssen sie sich „hinsetzen“ -

Nach einer peinlichen Pause beiderseiten Schweigens, …
„beiderseits“ oder „beider Seiten“

Dann verwechselstu gelegentlich (hoff ich doch, dass es so sei) den Artikel und das Pronomen "das" mit der Konjunktion "dass", wie hier

"Ja, warum nicht. Es wird Zeit das wir uns ein Restaurant für den Abend suchen."
Träume ich? Kann es sein das ich träume?


..., ganz so, als hätte ihn eine lange Gerade in [der] Magengrube getroffen. Eine schauerliche Depression fällt über ihn her, so, als ob das ganze Leid dieser Welt seinen Körper durchdringt.
„also ob“ schreit förmlich nach dem Konjunktiv, besser also „durchdränge“, wobei die „würde-Konstruktion“ nicht ausgeschlossen werden soll

In "Die Brücke von Remagen",
Titel lassen sich eigentlich auch ungestraft beugen wie in der „Brücke von Remagen“

Das Dutzend duzt sich nicht so sehr, als es flüchtet

... flüchten, die von einem halben Du[t]zend Baltimores bombardiert wird.

Sie hält mich wohlmöglich für verrückt.
Üblicherweise „womöglich“, weil das Adverb/die Konjunktion „wo“ eng verwandt ist mit der Konjunktion „wenn“, die nicht zusammengefügt werden kann mit dem Ajektiv „möglich“ und die Aussage des „womöglich“ deutlicher auf den Inhalt bringt des „wenn möglich“, ansonsten eben unmöglich

Natürlich zeigt der abschließende Dialog die Feinfühligkeit der Frau und dass es was werden kann …
was ich für einen feinen Schlusssatz in kleiner Abänderung für Dich und Deinen Erstling ansehe.

Gruß

Friedel

 
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Hallo SJLector,

deine Geschichte spricht mich von der Thematik her an: Erstes Beschnuppern, das Anbahnen einer neuen Beziehung, Kindheitserinnerungen und die Frage ihrer Bedeutung für das Erwachsenenleben. Das ist sowieso ein spannender Zusammenhang, mit dem ich mich gerade wieder mal intensiv auseinander setzte. Dabei hab ich erfahren, dass es oft der Vater ist, der uns verfolgt.

Auf jeden Fall hast du mich mit diesem Themenkreis schon mal gefangen und dann gesellt sich deine angenehme Erzählsprache dazu, treffende Formulierungen, eine feine Prise Selbstironie, das bringt mich zu dem Schluss, dass ich eine lesenswerte Geschichte vor mir habe.

Der Titel trifft auch ins Schwarze, wenn ich mal bei der Farbmetapher bleiben darf.

Die Aufbereitung allerdings, die Formgebung ist noch nicht so perfekt gelungen, ist aber im Handumdrehen zu reparieren. Eine gute Struktur ist für einen Text natürlich unumgänglich, der Leser muss wissen, wann er gedanklich Luft holen sollte, da sind die vielen Zeilenabstände verwirrend.

An Beispielen lässt sich Vieles anschaulich darstellen, ich bleib in der chronologischen Reihenfolge, vergiss bitte nicht, dass es sich oft nur um meine subjektive Sicht handelt.

"Du scheinst überhaupt nicht aus der Gegend zu stammen. Du hörst Dich kein bisschen moselfränkisch an."
entweder stammt man aus einer Gegend oder eben nicht, „überhaupt“ ist entbehrlich, oder sprichst du so?

Als er ihr das sagt, nutzt er die Gelegenheit, ihr Gesicht zu mustern und findet Gefallen an ihren Lachfältchen. "Ein richtig freches Rotzgörengesichtchen …", denkt er.
Ich bin zunächst an dem "Rotzgörengesichtchen" hängengeblieben, ich glaube zwar zu wissen, was du ausdrücken möchtest, du beschreibst es ja hier näher:
Scheu sieht er sie weiter an. Er mag das Schelmische, Mädchenhafte an ihr, obwohl sie bereits 53 ist – vier Jahre älter als er.
aber vielleicht gibt es einen Begriff ohne „Rotz“

Sie stockt. Dann: "Eigentlich kommen wir aus Magdeburg. Wir leben erst seit Ende der 60er in der BRD. Zuhause sprachen wir immer nur Hochdeutsch."

"Saarburg? Mann, ich habe Anfang der 90er in Trier studiert. Das war doch glatt um die Ecke!"

schön, da musste ich schmunzeln, von der Saale(Elbe) an die Saar

Das ist so seine Masche. Jedes Mal, wenn er Frau im Internet kennenlernt, lässt er den Bildungsbürger heraushängen, den Anti-Macho, den Stenz. Er denkt dabei immer ganz pragmatisch: "Eine Frau, die darauf abfährt, passt zu mir". Er ist bereits seit zwei Jahren getrennt.
…, wenn er eine Frau im …
das macht mir deinen Protagonisten sympathisch, er kann mit Ironie auf seine Marotten schauen, wenn seine Art nicht ankommt, dann scheint ihm nichts verloren
Vielleicht könntest du seine Gedanken generell kursiv darstellen (ich weiß, im Duden wird es mit Anführungszeichen empfohlen), da kann sie der Leser besser von der wörtlichen Rede unterscheiden oder bette sie ganz normal im Fließtext ein.

Sie schlenderten den Rhein flussaufwärts und waren schon fast an der Stadtgrenze, als sie einen Biergarten fanden, wo sie sich hinsaßen und zwei Kaffee bestellten.
... sie sich hinsetzten

"Ganz einfach: Wir sind rausgeschmissen worden! Mein Vater war Dissident und eine Zeitlang in Bautzen. Meine Mutter todkrank ... Ich hatte sieben Geschwister und mein ältester Bruder ist geistig behindert. Die Genossen waren echt froh, dass sie uns loswurden."
"Dissident" erscheint mir hier nicht konkret genug, würde die Tochter so allgemein über ihren Vater erzählen? Hast du kein konkretes Beispiel, wie der Vater angeeckt ist?
Die Auslassungspunkte kommen im folgenden Text häufig vor. Mmn brauchst du sie nicht als Stilmittel, sie sollen ja auf ein fehlendes Wort hinweisen und oft sind deine Gedanken aber vollständig ausformuliert

Nach einer peinlichen Pause beiderseiten Schweigens, fährt sie fort: "Meine Puppe habe ich am meisten vermisst, als wir an der Saar ankamen. Ich habe tagelang Rotz und Wasser geheult. Der Fluss hatte Hochwasser. Aber danach war es gut ...."
beiderseitigen,
aha, der Autor ein Schelm,
drei Punkte weg, der Satz ist beendet

Aber wenigstens ein erotisches Abenteuer springt meistens dabei heraus. Und wer weiß, wie lange man das noch genießen kann ... Es spürt wieder einmal einen kleinen stechenden Schmerz an der Archillessehne.
wieder Pünktchen überflüssig,
wieder der durchschimmernde Humor, die Achillessehne tut schon weh, wer weiß, wie lange Sex noch ein Thema ist, gefällt mir

Plötzlich wird ihm sterbensschlecht, ganz so, als hätte ihn eine lange Gerade in die Magengrube getroffen. Eine schauerliche Depression fällt über ihn her, so, als ob das ganze Leid dieser Welt seinen Körper durchdringt.
das Wort „Depression“ ist mir zu drastisch gewählt.

Er fällt in ein Meer beklemmender Dunkelheit.
Der Satz könnte von mir sein (zu weiblich), der passt nicht zu deinem saloppen Erzählton :cool:

Den Flashback auf der Brücke hast du sehr bildlich darstellen können, aber hier wundere ich mich, warum du in die Ich-Perspektive wechselst. Das braucht es nicht.

Träume ich? Kann es sein das ich träume? Im Traum ist man sich ja nicht bewusst, dass man träumt. Man hält alles für real, so wie wenn man mittags in der Kantine sitzt und nicht den geringsten Zweifel hegt, dass man dort isst.

Sie schaut ihn verständnislos an.
Bist du sicher, dass es nicht besser „verwundert“ heißen sollte, weil, sie versteht ihn ja offensichtlich später auch ohne Erklärung

"Du warst so außer dir …"

Sie stockt kurz.

" … weil der kleine Junge all die Tränen weint, die du nie geweint hast …"


Schönes Ende. (Pünktchen und Leerzeilen weg) Zwei Seelen, die sich auch ohne Worte verstehen, eine Vergangenheit, in der die Vaterfigur eine wesentliche Rolle spielte (sag ich doch), sorgt für Verständnis und ebnet den Weg für eine gemeinsame Zukunft (natürlich mit reichlich Sex).

Viel Spaß in unserer Kampfgruppe, die Voraussetzungen deinerseits sind gegeben.

Liebe Grüße,
peregrina

 

Hallo perengrina,

vielen Dank für Deine konstruktive Kritik. Im Beruf (IT-Admin) schreibe ich, wenn überhaupt, nur technische Dokumentationen und Übersetzungen.

Dies ist meine erster Text in fiktionaler Prosa. Deine Anmerkungen werden mir sicherlich weiterhelfen. Ich habe noch ein gutes Duzend anderer Geschichten im Kopf, die, wie der vorliegende, im hohen Maße autobiografisch sind.

Liebe Grüße
Stephan

 

Hej SJLector,

deine dating-story beginnt recht amüsant und flott. Der Dialog klingt wahrscheinlich und plausibel.
Und so kommt der Aussetzer des Protagonisten, zumindest für mich, recht plötzlich und aus dem Nichts und ich bin leicht überfordert, herauszufinden, was passiert ist und wie es dazu kommen konnte, aufgrund einer einzigen Situation. Und während ich noch darüber sinniere, ob er vielleicht ein Psychopath ist, löst sich die Situation schon wieder auf und die Dame nickt wohlwollend ab..
Schon leicht seltsam. Zumal ich ihm die Schwarz-/weisseherei nicht abnehme. Mir fehlt es an Tiefe und Hintergrund, um für mich verständlich und plausibel zu sein. Also vielleicht an einer längeren Ausführung, an Details.

Ein Leseeindruck und ein freundlicher Gruß, Kanji

 

Hallo SJLector,

herzlich willkommen hier. Ich dachte mir: lies mal wieder einen Text mit Historik-Tag und was finde ich: zwei Fünfzigjährige, die sich daten und sich an ihre Jugend erinnern, na ja, vor allem er, neben seiner Paarungs- und Profilierungslust. Ich meine, ich habe das gern gelesen, hatte was Amüsantes, Entlarvendes und der Humor-Tag hätte auch gepasst. Für einen ernsthaft gemeinten Text jedoch fehlt mir die Tiefe. Du bleibst im Wesentlichen an der Oberfläche der Figuren. Die Frau ist eben ein Rotbäckchengesicht, ein Opfer, eine, die ihn erträgt, weil sie nach Sex giert. So beschreibst du sie jedenfalls. Und er: tief im Widerspruch mit sich selbst und eher kalt. So verhält er sich gegenüber ihr. Fast aus dem Nichts kommen seine Gefühle. Du müsstest mehr Sorgfalt für die Zeichnung der Figuren verwenden. Und noch was: wie können sie sich Kriegskinder nennen, wenn sie 5ß sind? Und warum wechselst du vom Präsens ins Präteritum und zurück?

Textstellen:

Sie stockt. Dann: Eigentlich kommen wir aus Magdeburg. Wir leben erst seit Ende der 60er in der BRD. Zuhause sprachen wir immer nur Hochdeutsch.
warum kennzeichnest du die direkte Rede nicht?

Sie schlenderten den Rhein flussaufwärts und waren schon fast an der Stadtgrenze, als sie einen Biergarten fanden, wo sie sich hinsetzten und zwei Kaffee bestellten.
das ist umständlich erzählt, fast wertlos, die Information nicht nötig.

im Internet die Liebe des Lebens zu finden ist fast genau so unwahrscheinlich wie im realen Leben. Aber am Ende bleibt meist wenigstens ein erotisches Abenteuer. ...
ist das so? und im wirklichen Leben kann es auch geil und lustig zugehen :Pfeif:

Er ließ das Auto mit der Hand über das Geländer gleiten, stolperte, und schon fiel das Spielzeug den Fluss. Er hatte keine Gelegenheit, ihm nachzuschauen, denn schon setzte es eine ordentliche Tracht Prügel. … war damals halt so …
der Vater muss schnell gewesen sein, richtig schnell.

Diese reife Frucht, vor Leidenschaft platzend, so süchtig nach Leben, die Lachfältchen, das freche Minenspiel, …
aha, so denkst du dir das also, das ist, äh, eine frauenunfreundliche Denkweise, nicht wahr?

"Aus meiner Kindheit gibt es nur Schwarz-Weiß-Fotos. Und da ich sie mir immer wieder und wieder anschaue, ist mein Bewusstsein darauf konditioniert, Kindheitserinnerungen immer nur in Schwarz-Weiß zu memorieren."
mm, denken wir alles farbig? Auch schwarzweiß kann ja außerdem schön sein.

viele Grüße
Isegrims

 

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