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Unsichtbar

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11.06.2021
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Unsichtbar

Die Gruppe von Touristen, Chinesen, Japaner, Briten, Amerikaner, hatte sich vor dem nächsten Gemälde eingefunden, um der Erklärung der Museumsführerin zu dem Werk eines berühmten flämischen Meisters zu lauschen. Die Führerin, eine Kunstgeschichtestudentin, begann mit amerikanischen Akzent ihren unzählige Male abgespulten und daher sicher wie im Schlaf auswendig gelernten Vortrag. Er kannte sie, seitdem sie ihren Studentenjob vor einem Jahr in dieser Berliner Gemäldegalerie begonnen hatte, da er aber bis auf wenige für seine Arbeit als Museumswächter unerlässliche Worte, wie etwa "do not touch", "you must not", "you must go now, we close ", kein Englisch sprach, beschränkte sich seine Kommunikation mit ihr, wie auch mit allen anderen ausländischen Führerinnen, die noch kein oder sehr wenig Deutsch sprachen, auf Mimik und Gestik. Doch es war auch gar nicht mehr nötig, denn die sich täglich wiederholenden Abläufe in dem Haus waren so gut eingespielt, dass jeder wusste, was zu tun sei. Er war damit sehr zufrieden, denn er liebte Ordnung, Disziplin und Klarheit. Es war sein vierzigstes Jahr als Wärter der Berliner Museen, Jahre, in denen er nicht einen einzigen Tag gefehlt hatte, denn es gab gar keinen Grund dafür und in denen er seinen Beruf vorbildlich ausgeführt und niemals auch nur einen Anlass für Kritik gegeben hätte. Vorbildlich auch deshalb, da er jene bei seiner Tätigkeit selten gesehene und äußerst schwer zu erlernende Kunst oder Technik des Sichunsichtbarmachens wie kein anderer beherrschte.

Er liebte die Bilder. Es waren seine Bilder und es schmerzte ihn immer sehr, wenn einige von ihnen abgehängt und in das Depot verschoben wurden, um Platz zu machen für neu angekaufte Werke oder für Ausstellungen an andere Museen in alle Welt ausgeliehen wurden. Wenn sie dann zurückgekehrt waren, prüfte er Rahmen und Leinwand sorgfältig auf Beschädigungen oder Spuren liebloser Behandlung. Nicht dass er die Menschen hasste, nur zu gut wusste er, dass die Besucher die Existenz der Museen erst möglich machten und er hatte auch nichts gegen die Gäste aus dem Ausland, die oft in großen Gruppen kamen und die Räume füllten, aber richtig glücklich war er erst, wenn sie alle wieder fort waren und er allein mit den Bildern war und er hätte seinen Dienst, diese ganzen vierzig Jahre lang, auch dann mit der selben Hingabe und Ernsthaftigkeit geleistet, wenn niemals auch nur irgendein Mensch gekommen wäre. Seine Frau unterstütze ihn von Anfang an, die ganze Zeit hindurch, ohne sich ein einziges Mal zu beklagen. Sie befüllte seine Thermoskanne mit Kaffee und legte die mit Käse und Tomaten belegten Brote in die metallenen Frühstücksdose, die er schon vierzig Jahre lang benutzte, und bügelte seine graue Wärteruniform auf. Er hatte das niemals von ihr verlangt und es war ihm eigentlich eher unangenehm, aber sie ließ es sich nicht nehmen. Sie wusste von dem Wert seiner Arbeit für die Kunst und wie viel sie ihm bedeutete. Und sie liebte ihn. Er wiederum wusste das, und er erwiderte diese Liebe durchaus, konnte seine Liebe aber nicht ausdrücken. Weil du da bist, bin ich da und weil ich da bin, bist du da. Dieses Versprechen hatten sie sich in ihrer Jugend, als sie sich kennen gelernt hatten einander gegeben und es sollte wie zu einem Motto ihres langen gemeinsamen Lebens werden. Es war in den folgenden Jahren nicht nötig, darüber zu sprechen oder etwas zu erneuern. Er glaubte insgeheim, dass es ausreiche, dass er seine Arbeit geflissentlich und korrekt tue und sie ja schließlich verheiratet seien. In den ersten Jahren hatte er seiner Frau, wenn sie abends zusammen in der Küche saßen, noch viel erzählt von den Museumsbesuchern, deren Sprache, Kleidung und Benehmen, aus dem er sichere Rückschlüsse auf die Heimatländer und Kulturen, deren Sitten und Eigenheiten ziehen konnte.

Zu seiner Ausbildung gehörte unter anderem, wie er sich in Katastrophenfällen, wie Feuer oder Stromausfällen, bei Angriffen der Besucher auf die Gemälde mit Säure oder Gegenständen, Vandalismus, Diebstahl oder einfach beim Umgang mit auffälligen Personen, zu verhalten habe. In den ersten zwei Jahren seiner Ausbildung ging es zunächst nur darum, sehr lange in einer Pose zu stehen, seltener auch zu sitzen. Bei seiner Abschlussprüfung musste er in der Lage sein, mehrere Stunden regungslos zu verharren, ohne einen leidenden oder für die Besucher als unangenehm empfundenen Eindruck zu verursachen, indem er stets seinen Gesichtsausdruck kontrollierte und dabei allen Besuchern mit einem völlig neutralen Blick begegnete, diese aber niemals anzustarren. Er lernte, den Besuchern ein Gefühl der Sicherheit und Ordnung zu vermitteln, hier ging alles mit rechten Dingen zu, für den Schutz der Kunstwerke wie auch der Besucher sei gesorgt, das Museum sei eine Institution, die nur für die Kultur und die Kunst da sei, nicht nur für deren Existenzberechtigung bürge, sondern auch deren unverhandelbare Wichtigkeit bekunde und gleichzeitig den Betrachtern der Werke nicht im Wege zu sein, den Kunstgenuss in keiner Weise zu stören, kurz, die schwierige Balance zu halten, anwesend zu sein und doch unsichtbar zu bleiben. Er bestand alle Prüfungen mit Bestnoten.

Dann wurde seine Frau krank. Zu der großen Untersuchung, die Klarheit bringen sollte, um was es sich handelte, konnte er sie begleiten, da der Termin an einem seiner freien Tage lag. Das Ergebnis sollte erst ein paar Tage später vorliegen und wieder kam er mit, als der Arzt zu einem Besprechungstermin geladen hatte. Seine Ahnung, die sich schon früh eingestellt hatte, wurde nun durch den Gesichtsausdruck des Arztes bestätigt, was auch mit seiner Fähigkeit, aus den Gesichtern von Menschen deren Gedanken und Geschichten zu erraten, nein, genau zu erkennen, zu tun hatte. In seinen detaillierten Ausführungen vermied der Arzt das Wort unheilbar. Sie sahen sich nur an und wussten, dass es genau darum ging. Zuhause sprachen sie nur selten über ihre Krankheit. Er ging weiter ins Museum, sein Leben hatte sich nicht verändert und er versah seinen Dienst weiter mit der selben Routine, aber es kam immer öfters vor, dass er gesucht wurde und niemand wusste, wo er war. Dann tauchte er plötzlich wie aus dem Nichts wieder auf. Er war überall und nirgends, aber es wunderte sich niemand darüber und es stellte auch niemand Fragen. Oder er wurde von Besuchern übersehen oder auch leicht angerempelt. Er nahm es nicht übel, im Gegenteil, löste doch jede vermeintliche Rücksichtslosigkeit, die ja nur aus dem Umstand herrührte, dass man ihn übersah, eine Art von Zufriedenheit bei ihm aus.

Der Zustand seiner Frau verschlechterte sich und sie musste ins Krankenhaus. Er besuchte sie täglich, brachte ihr Blumen und Postkarten aus dem Museum mit Bildern der Gemälde mit, so als wolle er noch etwas nachholen. Sie freute sich und gab ihm zu verstehen, dass es nichts zu bereuen gäbe. Er wollte sich bei dem Arzt erkundigen, wie es stünde und wieviel Zeit noch bliebe, aber der Arzt war entweder nicht da oder hatte mit anderen unaufschiebbaren Dingen zu tun.
Er konnte bei ihr sein, als sie starb, ohne seinen Dienst unterbrechen zu müssen. Er hatte frei und es schien wiederum, dass seine Zuverlässigkeit, seine Pünktlichkeit und Gewissenhaftigkeit all die vielen Jahre hindurch vom Leben berücksichtigt wurde mit einem perfekten harmonischen Sicheinfügens privater Ereignisse, in diesem Fall der Tod seiner geliebten Frau, in sein Dienstleben und so war in Zusammenhang mit ihrem Tod keine Unterbrechung und auch kein großes Aufheben nötig, und genauso hatte er es sich gewünscht, was sie wusste, und ihm gleichsam diesen Wunsch erfüllt.

Es dauerte drei Wochen, bis im Museum das erste mal nach ihm gefragt wurde. Da er immer kam und niemals gefehlt hatte und auch niemand seine Anwesenheit oder Abwesenheit kontrollierte, hatte niemand bemerkt, dass er nun nicht mehr da war. Er war einfach verschwunden und als der Personalchef ihn auch nach Tagen nicht erreichen konnte und sich schließlich an die Polizei wandte und diese seine Wohnung öffnete, konnte nicht festgestellt werden, was mit ihm geschehen war. Es wurde in allen Krankenhäusern nach ihm geforscht, aber ohne Ergebnis. Man vermutete Selbstmord nach dem Tod seiner Frau, aber es wurde keine Leiche gefunden.

Nur die Reinigungskräfte, die die Ausstellungsräume früh morgens vor der Öffnung des Museums säuberten, berichteten sich manchmal gegenseitig, dass sie in einem sonst leeren Raum Schritte gehört hätten und wenn die Besucher in ihre Hotels oder ihre Heimatländer zurückgekehrt waren und sich die Fotos von den Gemälden ansahen, die es erlaubt war, zu fotografieren, wunderten sie sich manchmal über einen Schatten auf den Fotos, den sie sich nicht erklären konnten und manchmal auch über zwei.

 
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30.12.2020
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Hi @Jan Wiencke,
Alltag, Romantik, Seltsam - eine schöne Kombination für einen Samstagmorgen zwischen Teetrinken und Wäschewaschen. Und damit herzlich Willkommen im Forum! :)
Mir ist aufgefallen, du benutzt oft lange, verschachtelte Sätze. Ich habe mir den Text tatsächlich laut vorgelesen, um an manchen Stellen nicht durcheinander zu geraten. Dein Schreibstil klingt generell eher altmodischer (keine Kritik, ich finde es schön), doch in Kombi mit den Verschachtelungen macht es das nicht einfacher.
Dennoch erzählst du abwechslungsreich - manchmal melancholisch, dann wieder traurig, ab und an auch lustig. Das hast du mE gut gemacht :)
Eine Sache stört mich jedoch (beachte, das ist nur meine Meinung): es ist genau das - eine Erzählung. Dein Prota handelt nicht aktiv. Du erzählst nur, was er mal gemacht hat oder ihm in seinem Leben passiert ist. Um es einfacher zu sagen: du zeigst nicht, sondern erklärst. So wurde ich leider nicht mitgerissen. Zwar habe ich den Text gelesen und fand die Idee einfallsreich/ interessant, aber es bleibt (zumindest bei mir) nicht viel zurück.
Um zurück zum Positiven zu kommen: Die letzten Szenen haben mir wiederum gut gefallen. Du bringst einen Twist in das Ganze. Dein Prota kommt nicht mehr zur Arbeit, man fragt sich, was da los ist, am Ende lässt du Platz für Fantasie. (Mich würde mal interessieren, wie du selbst den letzten Satz interpretierst. Ich frage mich immer noch, ob er jetzt auch tot ist oder schlägst du den Bogen zu seinem Sein als Unsichtbarer ... keine Ahnung.)

Hoffentlich konnte ich dir mit meinen Eindrücken weiterhelfen :) Bezüglich der verschwurbelten Sätze - wenn du möchtest, suche ich sie dir raus. Wollte aber erstmal abwarten, ob du daran interessiert bist.

Liebe Grüße und noch viel Spaß im Forum,
Waldläufer

 
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11.06.2021
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Hallo lieber Waldläufer,
erst einmal vielen Dank für deinen Kommentar! Kann ich alles sehr gut annehmen. Ja, die langen Sätze, mit denen ich auch nicht ganz glücklich bin. Mein Problem ist, dass mir beim Schreiben ständig neue Gedanken kommen und ich Angst habe, sie zu verlieren, wenn ich den Satz beende. Andererseits bedeutet die Gattung Kurzgeschichte ja auch nicht, dass die Sätze unbedingt kurz zu sein haben. Wenn man beim Lesen aber nicht mehr mitkommt, wirds natürlich bedenklich....Mir geht es bei Literatur eher nicht so sehr um den Stil, als um den Inhalt. Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, die unscheinbar sind, für die sich eigentlich niemand interessiert, die aber doch ihr Leben, ihre Liebe, Aufgabe im Leben haben und auch gebraucht werden. Zum letzten Satz: er verschwindet aus dem Leben, aus dem er ja schon vorher manchmal weg war und niemanden hats gestört, vielleicht in eine Art Zwischenreich zwischen Leben und Tod und trifft dort seine Frau wieder und ist frei mit ihr hin-und her zu "wandeln", halt eben nur als Schatten, die man nur auf Fotos sehen kann, daher auch mein Tag #seltsam. Es ist meine erste Geschichte, muss noch an mir arbeiten, das ist mir klar. Habe noch ein paar halbgare Geschichten, die ich evt. mal reinstellen werde, wenn fertig. Vielen Dank für deine Zeit! Hat mir sehr geholfen. Liebe Grüße, Jan

 
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Hallo @Jan Wiencke,

Dein Text hat einen sehr guten inhaltlichen Lesefluss. Bei meinen ersten Lesen ist mir kein unnötiger Info-Ballast aufgefallen, jeder Satz war hilfreich beim Voranbringen deiner Geschichte. Ich bin durch die Zeilen geglitten, als wären sie mit Butter eingeschmiert, wenn ich mir das Bild erlauben darf.

Ich persönlich lese ja nicht so gerne "Alltagsgeschichten", weil die mich meistens nicht ansprechen, aber deine Story war da auf jeden Fall anders. Mir gefiel das leicht mysteriöse Ende, was mich von den Worten her an eine gut erzählte Schauergeschichte erinnerte, fast so, als würdest du von einenm Geist erzählen, was thematisch ja sehr gut passt.

Da ich nicht allzu viel Ahnung von Rechtschreibung und Grammatik habe, kann ich dazu nicht besonders viel sagen. Schien mir aber alles korrekt.

Kurz gesagt: super Arbeit, weiter so!

Liebe Grüße,
Zio

 
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11.06.2021
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Hallo Zio,
vielen Dank für deine lobenden Worte, das ermutigt mich sehr! Besonders dein Vergleich mit "wie Butter"- hätte ich gar nicht erwartet wegen der oft recht langen Sätze. Ja, ich mache bestimmt weiter. Alles Gute, Jan

 
Wortkrieger-Team
Monster-WG
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Hallo Jan,

und willkommen hier.

Die Gruppe von Touristen, Chinesen, Japaner, Briten, Amerikaner, hatte sich vor dem nächsten Gemälde eingefunden,
Da stimmt was in der Aufzählung nicht.
Man sagt ja auch nicht: Jede Menge Autos, Opel, Ford, Honda ...
Besser:
Die Gruppe von Touristen – Chinesen, Japaner, Briten, Amerikaner –, hatte sich vor dem nächsten Gemälde eingefunden,

"you must go now, we close ",
Am Ende Leerzeichen zuviel

Die Führerin, eine Kunstgeschichtestudentin, begann mit amerikanischen Akzent
Für mich klingt das, als hielte sie ihren Vortrag in Deutsch mit amer. Akzent.

wie auch mit allen anderen ausländischen Führerinnen, die noch kein oder sehr wenig Deutsch sprachen,
Wie? Also spricht sie doch kein Deutsch?
Verstehe ich jetzt nicht.

in dieser Berliner Gemäldegalerie
als Wärter der Berliner Museen,
Einmal Berlin reicht. Besser gefiele mir einfach nur der (erfundene) Name der Galerie/des Museums. Der Ort ist ja eher unwichtig.

äußerst schwer zu erlernende Kunst oder Technik des Sichunsichtbarmachens wie kein anderer beherrschte. Er liebte die Bilder. Es waren seine Bilder und es schmerzte ihn immer sehr, wenn einige von ihnen abgehängt und in das Depot verschoben wurden, um Platz zu machen für neu angekaufte Werke oder für Ausstellungen an andere Museen in alle Welt ausgeliehen wurden.
Das gefällt mir gut.

Nicht dass er die Menschen hasste, nur zu gut wusste er, dass die Besucher die Existenz der Museen erst möglich machten und er hatte auch nichts gegen die Gäste aus dem Ausland, die oft in großen Gruppen kamen und die Räume füllten, aber richtig glücklich war er erst, wenn sie alle wieder fort waren und er allein mit den Bildern war und er hätte seinen Dienst, diese ganzen vierzig Jahre lang, auch dann mit der selben Hingabe und Ernsthaftigkeit geleistet, wenn niemals auch nur irgendein Mensch gekommen wäre.
Auch hier passt ein Gedankenstrich besser:
Nicht dass er die Menschen hasste – nur zu gut wusste er, dass die Besucher die Existenz der Museen erst möglich machten

Ich finde den Satz viel zu lang. Viel zu viele Substantive. Viel zu viele Doppelungen (Menschen, Besucher, Gäste, Gruppen, Mensch – da hast du quasi alle Synonyme in einen Satz reingehauen.)


in die metallenen Frühstücksdose,
Ist das Metall wichtig?

Zu seiner Ausbildung gehörte unter anderem, wie er sich in Katastrophenfällen, wie Feuer oder Stromausfällen, bei Angriffen der Besucher auf die Gemälde mit Säure oder Gegenständen, Vandalismus, Diebstahl oder einfach beim Umgang mit auffälligen Personen, zu verhalten habe.
Da hast du mich leider auf eine falsche Fährte gelockt.
Ich würde in einer Kurzgeschichte nur das schreiben, was wichtig und vor allem für die Story relevant ist.
Metall, graue Uniform, Berlin ...
Kürzen, kürzen, kürzen.

Das Ende gefällt mir. Lässt einen großen Interpretationsspielraum zu.

Schönen Sonntag und liebe Grüße,
GoMusic

 
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11.06.2021
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Hallo GoMusic,
oh, da bin ich wohl an einen strengen Lehrer geraten, aber nichts für ungut, alles berechtigt. Kann ich alles annehmen. Bindestrich nach Touristen - besser und, ja klar, "mit amerikanischem Akzent" - ein Fehler, ich meinte "in amerikanischem Englisch". Berlin, grau - auch unwichtig, stimmt. Aber die Brotdose wollte ich metallen haben, da sie ja schon 40 Jahre gehalten hat, so wie sein Diensteifer, seine Ehe, Liebe. Eine aus Plastik wäre vielleicht längst hinüber. Zu viele Substantive - stimmt. Zu lange Sätze, kürzen - ja auch. Also vielen Dank für deine Hinweise, das hilft mir sehr! Liebe Grüße aus Hamburg, Jan

 
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13.06.2021
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Die langen Sätze wurden schon genannt. Die sind mir wirklich auch extrem aufgefallen und haben mir den Text ziemlich erschwert beim Lesen, habe deswegen einen Teil nur überflogen. Ich persönlich schreibe in meinen Texten fast nie Sätze, die über 1-2 Nebensätze hinausgehen (also maximal zwei Kommas, und das auch nur selten). Ist aber Geschmackssache.
Aber auch die Absätze sollten m.E. kürzer sein. Diese großen Textblöcke schrecken ab. Und generell szenischer erzählen, statt so viele Erinnerungen einzubauen. Dinge, die real passieren, statt theoretische Analysen - eben einen Film ablaufen lassen. Der Teil mit der Ehefrau wirkte ziemlich kalt auf mich - da hatte ich nicht so viel Sympathie mit dem Protagonisten.
Das Ende war eigentlich der spannendste Teil des Textes - man fragt sich, was plötzlich passiert ist.

 
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09.09.2015
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Die Gruppe von Touristen, Chinesen, Japaner, Briten, Amerikaner, hatte sich vor dem nächsten Gemälde eingefunden, um der Erklärung der Museumsführerin zu dem Werk eines berühmten flämischen Meisters zu lauschen.
Au, fein, tagsüber im Museum, das ist eine Thematik, die mich interessiert.

Hallo @Jan Wiencke,

dein Debüt hier lässt vermuten, dass es sich nicht um deinen ersten Schreibversuch handelt. Deine Art zu formulieren wirkt sehr ambitioniert, wenn der Stil auch noch etwas zu opulent daherkommt. An die alten Meister angepasst?
Auch die Grundidee mit dem deutungsoffenen Ende steht auf soliden Beinen und gefällt mir besonders gut. Da kann jeder interpretieren, wie er mag: Ist der Prota unsichtbar, weil er sein ganzes Leben auf diesen Zustand hingearbeitet hat, oder ist er seiner Frau gefolgt und geistert nur noch im Museum oder was auch immer.

Dass der Museumswächter namenlos bleibt, passt übrigens ausgezeichnet zu seiner
Erscheinung oder späteren Nichterscheinung.

hatte sich vor dem nächsten Gemälde eingefunden, um der Erklärung der Museumsführerin zu dem Werk eines berühmten flämischen Meisters zu lauschen.
Welches Werk und von welchem alten Flamen denn?

Man sagt ja, das Konkrete immer dem Allgemeinen vorziehen. Könnte sein, dass du hier einige interessante Details verschenkst. Vllt. hat dein Prota ein Lieblingsbild, vllt. sagt das sogar über seinen Charakter, seine Vorlieben etwas aus und steht in unmittelbarer Verbindung zu seinem Lebenslauf.

Ich würde mir in Anlehnung an die alten Meister ein Gemälde ausdenken und einen Fantasienamen einsetzen, ist halt dann ein Flame, der nicht so bekannt ist.
Könnte Jan van Damme, Jan van den Broek, Jan Willems sein.

Liest sich so, als hätten die Herren alle schon mal einen Pinsel in der Hand gehalten, oder?:lol:

Zwei Kürzungsvorschläge exemplarischer Natur:

Bei seiner Abschlussprüfung musste er in der Lage sein, mehrere Stunden regungslos zu verharren, ohne einen leidenden oder für die Besucher als unangenehm empfundenen Eindruck zu verursachen, indem er stets seinen Gesichtsausdruck kontrollierte und dabei allen Besuchern mit einem völlig neutralen Blick begegnete, diese aber niemals anzustarren.
Bei seiner Abschlussprüfung musste er in der Lage sein, mehrere Stunden regungslos zu verharren, ohne einen leidenden Eindruck zu hinterlassen. Er kontrollierte seine Gesichtsmuskeln und begegnete den Besuchern mit einem neutralen Blick, vermied es sie anzustarren.

Er lernte, den Besuchern ein Gefühl der Sicherheit und Ordnung zu vermitteln, hier ging alles mit rechten Dingen zu, für den Schutz der Kunstwerke wie auch der Besucher sei gesorgt, das Museum sei eine Institution, die nur für die Kultur und die Kunst da sei, nicht nur für deren Existenzberechtigung bürge, sondern auch deren unverhandelbare Wichtigkeit bekunde und gleichzeitig den Betrachtern der Werke nicht im Wege zu sein, den Kunstgenuss in keiner Weise zu stören, kurz, die schwierige Balance zu halten, anwesend zu sein und doch unsichtbar zu bleiben. Er bestand alle Prüfungen mit Bestnoten.
Der Abschnitt liest sich beinahe wie eine Satire, als wolltest du die Bedeutung der Erhaltung von Kunstobjekten anzweifeln. Ist schon viel Geschwafel? Oder? Wäre ja noch schöner, wenn ein Museum den Betrachtern der Kunstwerke im Wege stehen würde. Gehören diese Überlegungen in eine/diese Kurzgeschichte?
Sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, das ist die wahre Kunst des Erzählens.
Das kann man erlernen, darum sind wir hier. :read:

kurz, die schwierige Balance zu halten, anwesend zu sein und doch unsichtbar zu bleiben.
Du sagst es: KURZ! Daher die Bezeichnung Kurzgeschichte.

Ich bin so frei:
Er lernte, den Besuchern ein Gefühl der Sicherheit und Ordnung zu vermitteln und den schwierigen Balanceakt, anwesend zu sein und doch unsichtbar zu bleiben. Er bestand alle Prüfungen mit Bestnoten.

Natürlich sind das nur Beispiele, wie man den Text entschlacken könnte. Du sollst nicht alles umkrempeln, aber einen kritischen Blick auf die oftmals redundanten Informationen der Schachtelsätze könntest du schon werfen.
Ich weiß ja aus Erfahrung, dass man von Kürzungsvorschlägen nicht angetan ist. Da hat man sich abgeplagt, um jede Formulierung gerungen, sicherheitshalber noch ein Detail hinzugefügt, weil es so unwahrscheinlich originell klang und man auch sicher gehen wollte, dass die Leserschaft alles genauso begreift, wie man sich das als Autor vorgestellt hat, (die Leser sind viel cleverer als man meint und möchten nicht vorgekaut bekommen, was sie zu denken haben) und dann kommt der Ratschlag: Kürzen, streichen, weg damit! Aber probiers für dich mal aus. Trenne dich – auch wenn's schmerzt – von Ballast, lass den Text zwei Tage ruhen. Beim erneuten Lesen, Verblüffung! Der Geschichte wird nichts fehlen. Im Gegenteil, sie ist weniger langatmig und behäbig.

Er ging weiter ins Museum, sein Leben hatte sich nicht verändert und er versah seinen Dienst weiter mit der selben Routine,
derselben
Ist mir aufgefallen in einem ansonsten angenehm fehlerfreien Text. Das muss auch mal gesagt werden.

Dabei will ich es belassen. Macht sich nicht so gut, wenn ich Knappheit predige und Ausschweifung lebe.

Gute Zeit und ich bin gespannt, ob du dich überreden kannst, im Text einzugreifen.

LG Grüße
peregrina

 
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12.04.2007
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Er liebte die Bilder. Es waren seine Bilder und es schmerzte ihn immer sehr, wenn einige von ihnen abgehängt und in das Depot verschoben wurden, um Platz zu machen für neu angekaufte Werke oder für Ausstellungen an andere Museen in alle Welt ausgeliehen wurden.​

Zweierlei fällt mir sofort ins Auge bei Deinem Debut,

lieber Jan,

zum einen Deine Vorliebe für das Verb „lieben“ (Das ZEIT-Magazin* hat im Dezember 2013 Prominente befragt, was Liebe sei und mehr als drei Dutzend unterschiedliche (!) Antworten bekommen, wobei – wenn ich es jetzt noch korrekt im Schädel hab, Anke Engelke die mir am besten gefallene in einen einzigen Satz fasste, nämlich nicht an sich selbst denken, das tue schon ein anderer.

Das zwote beginnt mit diesem Satz

Doch es war auch gar nicht mehr nötig, denn die sich täglich wiederholenden Abläufe in dem Haus waren so gut eingespielt, dass jeder wusste, was zu tun sei.
Warum statt des Indikativs „was zu tun ist“ indirekte Rede (wo keiner da ein Wörtchen verliert) und das nicht nur hier ... Aber zuvor

Die Führerin, eine Kunstgeschichtestudentin, begann mit amerikanischen Akzent ihren unzählige Male abgespulten und daher sicher wie im Schlaf auswendig gelernten Vortrag.
M. E. gehört vor den „Akzent“ weniger der Akkusativ als der Dativ „mit amerikanischem Akzent“

Hier nun

Es war sein vierzigstes Jahr als Wärter der Berliner Museen, Jahre, in denen er nicht einen einzigen Tag gefehlt hatte, denn es gab gar keinen Grund dafür und in denen er seinen Beruf vorbildlich ausgeführt und niemals auch nur einen Anlass für Kritik gegeben hätte.
vermisse ich ein Komma vor dem „und“, denn die Konjunktion führt m. E. nicht den begründenden letzten Nebensatz „denn es gab keinen Grund dafür“ fort, sondern die eingeschobenen, einsamen „Jahre“, in denen er ...

Womit wir schon den ersten Grund haben, sich nicht in Schachtelsätzen zu „verlaufen“.

Ich mag kleistsches Format (deren Höhepunkt natürlich die Einsatzgeschichte bildet) – aber es erfordert mehr Konzentration als kurze Sätze.

Ähnlich hier

Es waren seine Bilder und es schmerzte ihn immer sehr, wenn einige von ihnen abgehängt und in das Depot verschoben wurden, um Platz zu machen für neu angekaufte Werke[,] oder für Ausstellungen an andere Museen in alle Welt ausgeliehen wurden.
wenn der Infinitivsatz zu Ende ist und die Alternative zur Verschiebung aufgezeigt wird

Sie befüllte seine Thermoskanne mit Kaffee und legte die mit Käse und Tomaten belegten Brote in die metallenen Frühstücksdose, die …
Warum für EINE Dose den adjektivistischen Plural?

Dieses Versprechen hatten sie sich in ihrer Jugend, als sie sich kennen gelernt hattenKOMMA einander gegeben und es …
„kennenlernen“ ein Wort, auch als Partizip!

Er glaubte insgeheim, dass es ausreiche, dass er seine Arbeit geflissentlich und korrekt tue und sie ja schließlich verheiratet seien.
Warum nur …
Fürchtestu den Indikativ?

Die Passage

Er besuchte sie täglich, brachte ihr Blumen und Postkarten aus dem Museum mit Bildern der Gemälde mit, so als wolle er noch etwas nachholen.
Ist eine echte als-ob-Situation und schreit darum nach dem Konjunktiv irrealis „so als wollte er ...“

Er wollte sich bei dem Arzt erkundigen, wie es stünde und wie[...]viel Zeit noch bliebe, aber der Arzt war entweder nicht da oder hatte mit anderen unaufschiebbaren Dingen zu tun.
Seit 1996 immer auseinander ...

Es dauerte drei Wochen, bis im Museum das erste [M]al nach ihm gefragt wurde.

Alles kein Grund, den Kopf hängen zu lassen und damit
herzlich willkommen hierorts!,

Friedel

* ( ZEIT ONLINE |),

 

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