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Valēre

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09.12.2019
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Valēre

Keine Menschen waren zu sehen, nur geöffnete Regenschirme und Autos schoben sich durch die künstlich erhellten Straßen. Scheint nicht so, dass der Regen in absehbarer Zeit aufhört, dachte Carmen und wandte sich vom Fenster ihres Büros ab.
Sie speicherte und schloss das Arbeitsdokument, ein Bericht über die langfristigen Folgen der Pandemie. Oder eher die Illusion einer Einschätzung, professionell und wissend formuliert. Als sie den Laptop herunterfahren wollte, entdeckte sie in ihrem Arbeitsordner eine Datei mit der Bezeichnung „Valēre“. Zuckte dabei kurz zusammen, als hätte sie etwas erschreckt.
Carmen überlegte kurz, hatte sie diese Bezeichnung schon mal gehört? Ein internes Projekt hier im Kooperationszentrum der Welthandelsorganisation?
Das Speicherdatum war von heute, kurz nach acht Uhr. Sie beugte sich vor und prüfte die Dateieigenschaften. Es war von Marc Bennett erstellen worden. Auch dieser Name kam ihr bekannt vor. Nach seinem Eintrag im Adressbuch des Intranets arbeitete er im Bereich Medizin und Technik. Hatte sie ihn schon mal gesehen, vielleicht bei einem gemeinsamen Projekt? Sie war nicht sicher, nahm den Telefonhörer und wählte seine Nummer.
Während sie wartete, öffnete sie die Datei, wurde jedoch zu einer Passworteingabe aufgefordert. Als sie gerade auflegen wollte, nahm jemand ab. „Hallo?“, meldete sich eine Frauenstimme, gefolgt von einem rauen Husten. „Entschuldigung.“
Carmen war kurz verunsichert. „Hallo, Carmen Lennas hier. Ist Marc Bennett noch da?“
„Nein, er ist heute nicht zur Arbeit erschienen. Haben Sie etwas gehört?“
„Wovon?“
„Er hat sich nicht krank gemeldet und geht auch nicht an sein Handy. Passt nicht zu ihm, so zuverlässig, wie er sonst immer ist.“

Nachdem sie aufgelegt hatte, prüfte sie noch einmal Marc Bennetts Detailinformationen. Er arbeitete in einem Team mit dem Kürzel „M-T-4“. Eine oberflächliche Suche im Intranet deutet darauf hin, dass sie sich mit der Wirkung von Impfstoffen und deren schneller Änderbarkeit durch verschiedene Techniken beschäftigten.
„Wie auch immer, nicht mein Gebiet“, flüsterte Carmen, fuhr den Laptop herunter und klappte ihn zu.
Sie stand auf und blickte nochmal aus dem Fenster. Es regnete weiterhin, wenn auch nicht mehr so stark. Die Farben der Regenschirme und Autos wirkten wie die von verwaschenen Kleidungsstücken. Auf dem Weg zur Tür nahm sie ihre Jacke von der Garderobe und war schon fast aus dem Büro, als sie nochmal umkehrte und sich ihren Regenschirm schnappte. Und lächelte darüber, dass ihr diesmal schon früh aufgefallen war, was sie vergessen hatte.

Carmen fuhr über die Landstraße, wie fast jedes Mal nach der Arbeit. Es war zwar eine längere Strecke, aber wenig befahren und daher deutlich stressfreier als der Weg durch die Stadt. Die Scheibenwischer arbeiteten gegen den leichten Nieselregen auf der Frontscheibe.
Schon seit einigen Minuten fuhr ein Wagen hinter ihr. Zunächst mit konstantem Abstand, aber nun kam er schnell näher. Sie blinzelte, als das Licht im Rückspiegel heller wurde. Etwas durchschlug die Heckscheibe, pfiff an ihrem Ohr vorbei und hinterließ ein Loch im Glas vor ihr. Instinktiv drehte sie den Kopf ruckartig nach hinten und verzog dabei das Lenkrad. Der Wagen kam nach rechts von der Fahrbahn ab, fuhr auf ein Feld. Mit einem kurzen Aufschrei sah sie wieder nach vorne, ihre Hände verkrampften. Dünne Risse zogen sich von dem Loch über das Glas.
Im Rückspiegel erkannte sie den anderen Wagen, er hatte etwas weiter ebenfalls die Straße verlassen und folgte ihr. Bis sein Vorderreifen über etwas fuhr, das in der Dunkelheit und unter dem hohen Gras nicht zu sehen war. Für einen Moment bewegte sich der Wagen geneigt nur auf den zwei linken Reifen, dann fiel er auf die Seite und kam rutschend zum Stehen.
Carmens Hände schmerzten, als der Wagen immer mehr durchgerüttelt wurde, aber sie hielt gradlinig auf die wenigen Lichter am Horizont zu. Wenn sie richtig lag, befand sich dort das Nachbardorf, in dem ihre Freundin Yvonne wohnte.

Sie hielt einige Meter vor der Straße, die am Dorf entlang führte und stellte den Motor ab. Sah nochmal in den Rückspiegel, bevor sie die Augen schloss und versuchte, durch ruhiges Atmen die Gedanken und ihren zitternden Körper zu beruhigen.
Als sie sich etwas besser fühlte, griff sie nach ihrem Smartphone, das auf dem Beifahrersitz zusammen mit dem Arbeitslaptop lag. Sie wollte es schon entsperren und Yvonne anrufen, als ihr Blick erneut auf den Rechner fiel. Und dabei an die seltsame Datei von Marc Bennett dachte. An den Schuss und die Verfolgung über das Feld. Instinktiv schaltete sie das Smartphone vollständig aus und steckte es in ihre Handtasche. Sie nahm den Laptop und verließ den Wagen. Hastig schloss sie die Tür und aktivierte die Zentralverriegelung. "Scheiße", murmelte sie nach einigen Schritten und eilte zurück, um auch die Handtasche mitzunehmen.

Hinter ihr war niemand zu sehen, als sie zu Yvonnes Wohnung lief. Soweit die nassen Straßen es zuließen, zumindest hatte der Regen aufgehört. Mehrmals musste sie anhalten, wenn das Zittern in ihren Beinen zu stark wurde. Um wie viele Zentimeter hatte die Kugel ihren Kopf verfehlt? Waren es überhaupt Zentimeter? Immer wieder meinte sie, das Zischen zu hören, als das Geschoss an ihr vorbeigesaust war.
Sie erreichte nach einigen Minuten das Mietshaus und klingelte, ging zurück auf den Bürgersteig. Wie erwartet zog Yvonne die Gardinen zurück, im Wohnzimmer ihrer Wohnung auf der ersten Etage. Carmen winkte und schon wenige Sekunden später betätigte Yvonne den Türöffner.
Carmen lief zum Eingang und in den Hausflur. Rannte die Treppen hoch und hörte, wie die Tür wieder ins Schloss fiel. Yvonne stand im Flur ihrer Wohnung, leger in Jeans und T-Shirt gekleidet, ein halb gefülltes Weinglas in der Hand.
„Hey, alles in Ordnung?“, fragte sie, als Carmen an ihr vorbei war und die Wohnungstür schloss. „Ist was passiert?“
Carmen schloss die Augen und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand. Sie wollte gerade anfangen, zu erzählen, als Tränen ihre Wangen hinabliefen.
Yvonne stellte das Glas auf eine Kommode und umarmte sie. Wartete geduldig, bis Carmen sich etwas beruhigt hatte. „Besser?“, fragte sie.
Carmen nickte, blieb aber weiter ruhig stehen.
„Okay, dann hole ich dir gleich erst mal ein Glas Wein. Und du erzählst, was los ist."

Yvonne kam zurück ins Wohnzimmer. „Die Polizei ist auf dem Weg, haben sie zumindest versprochen.“
„Danke.“ Carmen lag unter einer dünnen Wolldecke auf der Couch.
„Hier.“ Yvonne hatte ihr ein weiteres Kissen mitgebracht und schob es unter ihren Kopf. „Trink noch etwas vom Wein, das hilft“, sagte sie mit einem Augenzwinkern und setzte sich auf einen Sessel.
„Reicht für den Moment, ich fühle mich eh schon wie nach einer langen Nacht.“
„Kann ich mir vorstellen. Aber wird sich schon alles aufklären. Vielleicht besteht ja gar kein Zusammenhang zu der Datei und … wie hieß er, Marc Banner?“
„Bennett. Mag sein, war nur mein erster Gedanke, als ich aus dem Wagen stieg. Vielleicht gucke ich auch zu viel Fernsehen.“ Sie beugte sich zur Seite, nahm das Weinglas und trank doch noch einen Schluck.
Carmen lehnte sich wieder zurück und schloss die Augen, sie schwiegen einige Minuten.
„Was macht denn dein Freund?“, fragte Yvonne schließlich.
„Und deiner?“, erwiderte Carmen und lächelte zum ersten Mal, seit sie das Büro verlassen hatte.
„Tja, wir sollten wohl mal wieder um die Häuser ziehen.“
„So sieht´s aus. Und uns aus der Gefangenschaft unserer Arbeitgeber befreien.“
Das leise Brummen eines Autos näherte sich. Yvonne stand auf und sah aus dem Fenster. Scheinwerfer erhellten die Straße, der Streifenwagen parkte vor der Einfahrt zum Hinterhof.
„Da sind sie schon“, sagte sie zu Carmen und wollte sich vom Fenster abwenden, als sie aus dem Augenwinkel ein weiteres Auto erblickte. Ein dunkelblauer Kleinwagen, nicht zu hören in der Wohnung. Wahrscheinlich ein Elektrofahrzeug, dachte sie. Und bekam Gänsehaut, als sie die getönten Scheiben bemerkte. Sie sah weiter zu, als die beiden Polizisten aus dem Auto stiegen. Die Blinker leuchteten kurz auf durch die Zentralverriegelung, sie näherten sich dem Hauseingang. Der andere Wagen war fast auf gleicher Höhe, als die Scheibe des Beifahrers heruntergefahren wurde.
„Was ist los?“, fragte Carmen. Sie hatte sich aufgerichtet und betrachtete Yvonne, bemerkte ihre Anspannung.
„Irgendetwas stimmt nicht …“
Der dunkelblaue Wagen fuhr nun wie in Zeitlupe. Oder war es ihre Wahrnehmung? Jemand mit einer schwarzen Gesichtsmaske hielt eine Pistole aus dem Beifahrerfenster und feuerte. Der erste Schuss traf einen der Polizisten, sein Kopf wurde nach vorne geschleudert. Er brach zusammen und blieb regungslos liegen. Der andere wirbelte herum und griff instinktiv nach seiner Dienstwaffe. Eine Kugel traf ihn in die Schulter, er taumelte zurück und fiel. Hob dennoch die Waffe und schoss. Zuerst traf er den Außenspiegel, der splitternd auseinanderflog. Die Waffe des Angreifers zuckte zurück, Yvonne bemerkte jedes Detail. Der zweite Schuss erwischte den Angreifer, ein Schmerzensschrei hallte durch die Straße. Der Fahrer rief etwas und beschleunigte den Wagen, schon wenige Sekunden später war er nicht mehr zu sehen.

„Heilige Scheiße, was …“ Carmen stand auf und blickte neben Yvonne aus dem Fenster.
Der verletzte Polizist hielt sich die Schulter, stand auf und ging vornübergebeugt zu seinem Kollegen, der blutend auf dem Boden lag. Fühlte einige Sekunden seinen Puls. Schleppte sich weiter zum Wagen, entriegelte ihn und setzte sich hinters Steuer. Carmen und Yvonne sahen wie versteinert zu.
„Wir müssen weg hier“, sagte Carmen schließlich, um sich aus der Schockstarre zu lösen. „Komm.“ Sie zog Yvonne am Ellenbogen.
„Warte“, antwortete Yvonne mit dünner, zittriger Stimme. „Er wird Verstärkung rufen, wir sollten ...“
„Meine Verfolger wahrscheinlich auch. Ich verschwinde.“
Carmen nahm ihren Laptop und ging in den Flur.
„Und wo willst du hin?“, rief Yvonne, machte das Licht im Wohnzimmer aus und folgte ihr.
„Keine Ahnung, können wir unterwegs überlegen.“ Sie nahm ihre Jacke von der Garderobe. „Gibt es einen Hinterausgang?“
„Ja, aber wir müssen im Hof über eine kleine Mauer klettern. Dann sollten wir durch das Nachbarhaus verschwinden können, mein Wagen steht nicht weit weg. Hier.“
„Was ist?“, fragte Carmen, die schon fast aus der Tür war.
„Deine Handtasche. Irgendwann trage ich dir noch deinen Kopf hinterher.“
„Hoffentlich nicht. Danke.“

„Wir könnten zu meinen Eltern, sie wohnen in einer kleinen Gemeinde. In ´ner guten Stunde wären wir da“, sagte Yvonne.
Carmen blickte aus dem Seitenfenster in die Dunkelheit neben der Landstraße. „Nein, ich möchte niemanden gefährden. Am besten verstecken wir uns irgendwo bis morgen früh.“
„Nicht weit von der Gemeinde gibt es die ein oder andere verlassene Scheune. Falls sie sie nicht mittlerweile abgerissen haben, ich habe bei den letzten Besuchen nicht wirklich darauf geachtet.“
Carmen überlegte, während die kaum sichtbare Landschaft vorbeizog. „Warum nicht, versuchen wir´s.“ Sie blickte erneut in den Rückspiegel. „Niemand zu sehen“, flüsterte sie, mehr zu sich selbst.
„Okay, in die richtige Richtung fahren wir schon mal. Ich denke, ich finde es auch ohne meine Navi-App.“ Auch Yvonne hatte ihr Smartphone ausgeschaltet. „Meinst du, sie sind dir zu mir gefolgt?“
„Glaub nicht, aber wer weiß.“ Carmen gähnte, ihre Augen tränten. „Ich vermute eher, dass sie an einer Zufahrtsstraße zum Dorf auf einen Polizeiwagen gewartet haben und ihm hinterhergefahren sind.“
„Oder sie haben meinen Anruf beim Präsidium mitgehört.“
Carmen blickte zu ihr und bekam Gänsehaut. Sie erahnte, welche Möglichkeiten ihren Verfolgern dafür zur Verfügung stehen müssten. „Vor wenigen Stunden war noch alles in Ordnung. In was bin ich da geraten?“
Yvonne legte die rechte Hand auf Carmens Arm. „Im Moment wissen sie nicht, wo wir sind. Morgen früh bei Tageslicht sieht die Welt schon wieder anders aus.“
Während sie schweigend weiterfuhren, versuchte Carmen, sich an Marc Bennett zu erinnern.

Carmen schreckte hoch, als Yvonne die Fahrertür zuzog. Blinzelte und rieb sich die Augen.
„Wo warst du?“, fragte sie mit trockener Stimme.
Die aufgehende Sonne schien durch die angelehnte Scheunentür. Kühle Morgenluft wehte ins Wageninnere, Yvonne hatte die Fenster geöffnet.
„Ein Spaziergang zum Dorfladen war mir lieber, als dein Geschnarche zu hören. Ich habe Käse, Fleischwurst und Ei im Angebot.“ Yvonne hielt eine Brötchentüte hoch. „Und ich hoffe, du magst deinen Kaffee schwarz.“ Auf der kleinen Ablagefläche zwischen den Sitzen standen zwei große Becher, der Geruch breitete sich aus.
„Perfekt“, meinte Carmen, nahm einen Becher und trank. „Ich entscheide mich für Käse.“
Yvonne zog die Tüte auf und hielt sie ihr hin. Sie aßen für einige Minuten schweigend, bis Yvonne fragte: „Und nun?“
Carmen blickte gedankenverloren auf ihren Kaffeebecher, kaute die Reste des Brötchens.
„Das Naheliegende wäre zur Polizei, aber genau damit werden sie rechnen. Sie schrecken noch nicht mal davor zurück, Polizisten zu ermorden. Mein Gott.“
„Was werden Sie am wenigsten vermuten?“, überlegte Yvonne.
Carmen blickte zu ihr. „Mein Vater war einige Jahre in einem Kegelverein, kam dort gut mit allen klar. Bis sich die Stimmung gegen ihn änderte, ohne dass er wusste, warum. Alle wirkten distanziert und er bekam zufällig die ein oder andere Lästerei mit.“
„Und?“
„Anstatt sich zurückzuziehen, oder es zu ignorieren, hat er das Gegenteil gemacht. An einem Kegelabend, an dem die meisten anwesend waren, rief er: ‚Hört mal alle her, ich hab ´ne Frage!‘ Erst als er sich sicher war, dass alle zuhörten, fragte er: ‚Und was genau habt ihr nun für ein Problem? Wenn euch etwas nicht passt, sagt es mir doch direkt.‘ So wie mein Vater es erzählte, herrschte betretenes Schweigen, niemand antwortete. Bis er schließlich sagte: ‚Okay, dann können wir ja weitermachen. Die nächste Runde geht auf mich.‘“
Yvonne trank den Rest ihres Kaffees. „Und sagst du mir nun, was das hiermit zu tun hat?“
„Wir sind nirgendwo sicher und vielleicht würden wir die Polizei noch nicht mal erreichen. Aber sie werden kaum damit rechnen, dass ich zurück zur Arbeit fahre. Dort nach Antworten suche.“
„Bist du irre?“, fragte Yvonne mit aufgerissenen Augen.
„Überleg doch mal. Sie werden mich bestimmt nicht vor vielen Zeugen erledigen und ich glaube nicht, dass alle Mitarbeiter mit drin hängen und Verbrecher sind. Irgendetwas anderes läuft hier ab und im Büro habe ich vielleicht eine Möglichkeit, es herauszufinden.“
„Ich weiß nicht, direkt in die Höhle des Löwen?“
„Hast du einen anderen Vorschlag?“
„Glaube nicht …“
Carmen nahm sich ein weiteres Brötchen. „Von dort aus können wir immer noch die Polizei rufen. Also los.“

Sie näherten sich der Innenstadt. Carmen betrachtete die Firmengebäude unter grauem Himmel, vereinzelte davon Hochhäuser. Wie schweigende Wächter, die ihre Geheimnisse hüteten. Was passierte in diesen abgeschotteten Welten, wovon die meisten Mitarbeiter nichts wussten?
„Bieg an der nächsten Ampel rechts ab“, sagte sie zu Yvonne. „Nach ungefähr einem Kilometer kommt auf der linken Seite ein Möbelhaus mit einem großen Parkplatz.“
„Warum da?“
Carmen sah weiter aus dem Seitenfenster. „Ich möchte nicht durch die Tiefgarage der Behörde. Von dort aus sind es nur ein paar Minuten und zu dieser Zeit werden genügend Leute auf dem Weg zur Arbeit sein.“
Yvonne atmete tief durch. „Okay.“
„Sagt dir das Wort ‚Valēre‘ etwas?“
„Nein, nie gehört. Warum?“
„So hieß die Datei, die Marc Bennett in meinen Arbeitsordner kopiert hat. Warum auch immer, ich konnte sie noch nicht mal einsehen, er hat sie mit einem Passwort geschützt.“
„Vielleicht ist er ja heute wieder da.“
„Ja, vielleicht … Einige Türen im Gebäude lassen sich nur mit einer Schlüsselkarte öffnen. Aber es ist gerade in der morgendlichen Hektik nicht ungewöhnlich, wenn jemandem die Tür offengehalten wird, damit er noch hindurch kann. Also verhalte dich ganz normal und selbstsicher, als wärst du eine Angestellte, die zufällig den gleichen Weg hat wie ich.“
„Damit das ängstliche Schaf nicht bemerkt wird.“
Carmen blickte zu ihr. „Genau.“

Beide atmeten aus, als Carmen die Tür ihres Einzelbüros hinter sich schloss.
„Und was nun?“, fragte Yvonne.
Carmen klinkte ihren Laptop in die Dockingstation, öffnete und startete ihn. „Ich suche im Intranet, wo sich Marc Bennetts Büro befindet. Vielleicht ist er ja tatsächlich wieder da, oder seine Kollegin weiß etwas.“
„Oder wir rufen doch besser die Polizei?“
„Können wir dann immer noch. Moment, ich hab´s gleich … Hier. Zwei Etagen tiefer, Raum 708. Der Zugang zum Treppenhaus ist nur ein Stück den Flur runter.“ Carmen sperrte den Laptop und ging zur Tür. „Bleib ein wenig hinter mir, und denk dran: Du bist hier eine Angestellte und hast nichts zu verbergen.“
Yvonne blickte sie an und schüttelte leicht den Kopf. „Bringen wir’s hinter uns.“

Carmen klopfte kurz an, bevor sie eintrat. Beide Plätze in dem Zweierbüro waren unbesetzt. An einem war der Laptop eingeschaltet, der Bildschirmschoner aktiv. Der andere Rechner war zugeklappt, der Schreibtisch fast leer.
„Komm rein“, flüsterte Carmen und schloss hinter Yvonne die Tür.
Sie ging zu dem Platz mit dem ausgeschalteten Laptop. Ein Foto stand daneben, es zeigte einen Mann mit kurzen, braunen Haaren. Carmen schätze ihn um die vierzig. Er hatte den Arm um eine Frau gelegt, die lachend neben ihm stand. Davor zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, beide eher verhaltend lächelnd. Vielleicht um die zehn Jahre alt, vermutete sie und blickte erneut zu dem Mann. Erkannte sein Gesicht und begann, sich zu erinnern.
Marc Bennett. Das zufällige Kennenlernen auf der Jubiläumsfeier. Die gemeinsamen Mittagspausen und die Informationen, die er ihr nach und nach zu Valēre gab. Es ging um Kontrolle, geistige Schwäche. Eine Substanz, die Menschen injiziert wurde, sie dadurch von außen durch Schlüsselwörter manipulierbar machte. Carmen setzte sich und schloss die Augen.
Irgendwann hatten sie angefangen, abends wegzugehen. Was mochte er seiner Frau und seinen Kindern erzählt haben? Hatte es sie interessiert? An einem Samstagabend waren sie durch die Stadt gezogen, hatten sich geküsst. Sie war mehrfach neben ihm aufgewacht, immer bei ihr zuhause.
Auch gestern, am Tag seines Verschwindens. Er war vor ihr losgegangen, hatte sie lange geküsst und ihr dann einen Zettel in die Hand gedrückt. „Wofür ist der?“, hatte sie noch gefragt, jedoch keine Antwort erhalten. Wortlos hatte Marc ihre Wohnung verlassen.
Aber es war nicht gestern passiert, sondern heute. Der Schuss auf ihren Wagen, die Flucht mit Yvonne … nichts davon war geschehen. Noch nicht, aber es war eine mögliche Zukunft.
Carmen öffnete die Augen. Draußen war es dunkel, ihr Büro nur von der Schreibtischlampe erhellt. Sie war allein. Regen prasselte gegen die Scheibe, unten auf die Regenschirme und Autos. Wieder sah sie die Datei, die Marc in ihren Arbeitsordner kopiert hatte. Valēre. Und prüfte zuerst ihre rechte, dann die linke Hosentasche. Nahm den Zettel heraus und entfaltete ihn. Toskana21 stand darauf. War es nur ein Passwort, oder auch ein Versprechen?
Nach einem Doppelklick auf die Datei erschien das Fenster zur Passworteingabe. Carmen tippte es ein, drückte Enter und begann zu lesen.

Carmen. Hiermit erhältst du die letzten Informationen, die ich dir geben kann. Ich konnte dir zuvor nicht mehr erzählen, sonst hättest du dich vielleicht auffällig verhalten und wärst in noch größerer Gefahr. Auch du gehörst zu den Testpersonen von Valēre, ohne es zu wissen. Sobald du den Namen dieser Datei liest, wird die Substanz, die dir verabreicht wurde, initial aktiviert. Durch weitere Schlüsselwörter bist du nun manipulierbar, würdest Dinge machen, die du selbst nicht mitbekommst und nicht bewusst steuern kannst.
Die Wirkung hält jedoch nur drei bis vier Tage, danach bist du nicht mehr gefährdet. Wahrscheinlich hast du bereits eine der Nebenwirkungen erlebt, eine Zukunftsvision. Begleitet von einem kurzzeitigen Gedächtnisverlust. Nach meinen bisherigen Recherchen hat noch niemand herausgefunden, wodurch dies geschieht.
Ich bin auf das Präparat zufällig aufmerksam geworden, eigentlich forscht die Firma an Impfstoffen, deren Wirkungen sich durch Strahlungen beeinflussen lassen. Ein Mitarbeiter ist anonym an mich herangetreten, nachdem ich mehrmals zur Recherche dort war. Im Moment testen sie im Verborgenen die Verträglichkeit und verabreichen Valēre innerhalb von Grippeschutzimpfungen. So hast auch du es unwissend erhalten.
Alles andere habe ich dir in den letzten Wochen erzählt, du wirst dich wieder erinnern. Ich habe keine andere Wahl mehr, als zu fliehen. Welcher Auftraggeber auch immer hinter diesem Mittel steckt, er ist auf mich aufmerksam geworden. Es tut mir leid, wenn ich dich hiermit noch mehr in Gefahr bringe, aber vielleicht findest du einen Weg, es zu stoppen. Die Existenz dieses Mittels an die Öffentlichkeit zu bringen.
Wenn du das hier liest, bin ich schon weg. Wende dich bei der Polizei an Hauptkommissar Werdeck. Er kennt die Informationen, die ich bisher habe und wird dir zu hören.
Wenn es so sein soll, sehen wir uns wieder.
Pass auf dich auf, alles Gute,
Marc

Carmen las die Nachricht zweimal. Spürte ihren Herzschlag, das Pochen der Halsschlagader. Sie hatte diesen Zeitpunkt schon mal erlebt, wenn auch nur in einer Vision. Nun kannte sie den Inhalt der Datei, auch die Erinnerungen an die letzten Wochen waren wieder da. Marc hatte sie nach und nach auf diesen Moment vorbereitet. Sie wusste, dass es irgendwann soweit sein würde, aber erst jetzt wurde es für sie real.
Wenn die Vision stimmte, hatte sie zumindest einen Plan. Zeit, es herauszufinden.

Sie fuhr auf der regennassen Landstraße durch die Dunkelheit. Das Licht hinter ihr wurde heller, der Wagen näherte sich. Ihre Hände umklammerten das Lenkrad, die Knöchel traten hervor. Als sie mit dem Schuss rechnete, schloss sie kurz die Augen. Und hörte das Klirren, spürte den Luftzug, als die Kugel sie nur knapp verfehlte. Diesmal sah sie nicht zurück, sondern zog den Wagen bewusst auf das Feld. Hoffte, dass es die gleiche Stelle war wie in ihrer Vision.
Carmen atmete erleichtert aus, als der Verfolger auch diesmal über etwas unter dem hohen Gras fuhr. Nur wurde er stärker herum geschleudert, drehte sich über die Seite aufs Dach und blieb nach einigen Metern liegen.
Teil eins überstanden, dachte sie und versuchte, das Auto ruhig zu halten. Die Lichter am Horizont kamen näher.

Sie erreichte Yvonnes Wohnung. Fühlte sich wie eine Marionette, die durch einen Albtraum geführt wurde. Durchlebte auch die nächsten Momente wie in der Vision. Yvonne, die leger gekleidet in der Wohnungstür stand, mit einem Weinglas in der Hand. Wie sie weinend und zitternd an der Wand lehnte, von Yvonne umarmt wurde. Mit ihr ins Wohnzimmer ging, sich auf die Couch setzte und auf das Glas Wein wartete, bevor sie zu erzählen begann.
„Ich werde die Polizei rufen“, sagte Yvonne und stand auf, als Carmen fertig war.
„Nein!“, rief Carmen. Ab hier würde sie von der ihr bekannten Zukunft abweichen. „Ich kenne dort jemanden, lass mich das machen.“

Der näherkommende Wagen war zu hören, diesmal stellte sich Carmen direkt neben Yvonne ans Fenster. Wie erwartet parkte der Streifenwagen vor der Einfahrt zum Hinterhof. Die Polizisten stiegen aus, gingen jedoch nicht zur Haustür, sondern begaben sich hinter den Wagen. Blickten die Straße entlang, in die Richtung, aus der sie gekommen waren.
Nur wenige Sekunden später bog der dunkelblaue Kleinwagen in die Straße, näherte sich fast lautlos. Die Beamten zogen ihre Waffen, hielten sie auf Hüfthöhe. Der Wagen hatte sie fast erreicht, wurde langsamer. Das Beifahrerfenster fuhr herunter. Sie hoben die Pistolen über das Dach des Polizeiwagens und zielten. Der Angreifer schaffte es, einen Schuss abzugeben, der jedoch beide Polizisten verfehlte, in die Hauswand einschlug. Dann wurde er von mehreren Kugeln getroffen, sein Schrei durch einen weiteren Treffer erstickt. Auch den Fahrer hatte es erwischt, der dunkelblaue Wagen fuhr gegen ein parkendes Auto und kam zum Stehen. Weit wäre er ohnehin nicht mehr gekommen, ein weiteres Polizeifahrzeug fuhr von der anderen Seite in die Straße und blockierte die Ausfahrt.
„Mein Gott“, flüsterte Yvonne und führte eine Hand zum Mund.
Carmen legte einen Arm um sie, zog sie an sich. „Es ist in Ordnung, hier sind wir sicher“, sagte sie und schloss die Augen.

***

Carmen hielt mit dem gemieteten Wagen auf dem Parkplatz vor dem kleinen Hotel in Grassina. Toskana21 stand in weißen Buchstaben auf dem Holzschild über dem Eingang. Sie stellte den Motor ab und trank aus einer Wasserflasche, bevor sie das Auto verließ.
Nur wenige Wolken waren am Himmel an diesem lauen Frühlingstag. Sie wollte Richtung Hotel gehen, als ihr jemand auf die Schulter tippte. Erschrocken zuckte sie zusammen und drehte sich um. Ein Mann mit weißem Hut stand vor ihr, sein Gesicht im Schatten kaum zu erkennen. Er nahm die Kopfbedeckung ab und lächelte sie an.
„Lange nicht gesehen“, sagte Marc.
Carmen wollte ebenfalls lächeln, etwas sagen. Aber die Erschöpfung der Anreise, der letzten Wochen ließ sie zu ihm taumeln. Sie legte den Kopf an seine Brust, stille Tränen liefen über ihre Wangen. Er legte seine Arme um sie, drückte sie vorsichtig an sich.
„Du hast es geschafft“, flüsterte er.
„Es hätte schief gehen können.“
„Ich weiß, aber du warst auch so in großer Gefahr. Einige der Testpersonen haben sie in den Tod geschickt.“
Sie löste sich von ihm, blickte ihn an. Strich über seinen Dreitagebart.
„Noch immer weiß niemand, wer dahinter steckt. Auch ich werde hier erst mal sicherer sein als in Deutschland. Kommissar Werdeck hat mir so oft die gleichen Fragen gestellt, dass ich sie bis an mein Lebensende nicht mehr vergessen werde.“
„Was ist passiert?“
„Ich wurde verfolgt, nachdem du mir die Datei kopiert hattest, irgendwie haben sie es mitbekommen. Eine Freundin half mir, Yvonne, und … „ Carmen atmete tief durch. „Sie haben einen der Verfolger lebend geschnappt. Alles weitere wird wohl davon abhängen, ob er spricht. Werde es dir ein andermal ausführlich erzählen.“ Sie lehnte ihren Kopf wieder an ihn.
„Keine Sorge, sie werden ihn schon zum Reden bringen. Hauptsache, dir ist nichts passiert. Und du bist hier.“ Er küsste sie auf die Stirn. „Komm.“
Sie gingen zum Hoteleingang.
„Was ist mit deiner Familie?“, fragte Carmen leise, fast so, als wünschte sie, er würde es nicht hören.
„Sie wissen, dass ich lebe. Wir werden eine unkomplizierte Lösung finden, für unsere Kinder. Hoffe ich zumindest.“
Vor dem Eingang blieb Carmen stehen, drehte sich um und lief zurück.
„Was ist?“, rief ihr Marc hinterher.
„Bin gleich wieder da. Hab mein Gepäck im Wagen vergessen.“

 
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03.10.2020
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Hi @Rob F

Spannung klingt doch immer gut. Mal schauen, was mich in deiner neuen Geschichte erwartet. Bist ja ganz schön fleißig und scheinst im Flow zu sein! Sehr schön, davon kann ich nur träumen ... Wie dem auch sei, ich schreibe ein paar Dinge auf, die mir während dem Lesen ins Auge gesprungen sind. Vieles davon ist Kleinkram:

Das Speicherdatum war von heute, kurz nach acht Uhr. Sie beugte sich vor und prüfte die Detaileigenschaften.
Detaileigenschaften ist irgendwie so ein gestelztes Wort. Könntest auch einfach Dateieigenschaften nehmen, das kennt man doch.

„Hallo, Carmen Lennas hier. Ich Marc Bennett noch da?“
Ist anstelle Ich

Der Einstieg ist mir ein klitzekleines Bisschen zu lang, die Erwähnung der Dateien etc. ist nicht super spannend. Braucht's das? Dann habe ich mich gefragt, wieso sie hier so reagiert:

Zuckte dabei kurz zusammen, als hätte sie etwas erschreckt.
Wieso erschrickt sie? Wegen einer simplen Datei? Was verbindet sie mit dem Namen, dass sie so darauf reagiert?

Deren schnelle Änderbarkeit durch verschiedene Techniken.
Das verstehe ich nicht. Die Impfstoffe lassen sich adaptieren, verändern, erweitern? Da frage ich mich sofort: Wie denn? Was für Techniken?

Die Farben der Regenschirme und Autos wirkten wie die von verwaschenen Kleidungsstücken.
Der Satz wirkt etwas ungelenk. Würde folgendes vorschlagen: Die Regenschirme und Autos hatten die Farbe von verwaschenen Kleidungsstücken.

Auf dem Weg zur Tür nahm sie ihre Jacke von der Garderobe und war schon fast aus dem Büro, als sie nochmal umkehrte und ihren Regenschirm nahm.
Zweimal nehmen. Da fällt Dir ganz bestimmt ein Synonym ein ;)

Bis zum Ende des zweiten Absatzes fand ich die Story noch nicht sehr spannend. Klar, man erfährt, dass der Marc Bennett nicht zur Arbeit erschienen ist und Carmen bei der WHO angestellt ist, aber ich denke, da könntest Du den Text etwas verdichten, schneller vorankommen, weil im dritten Abschnitt, als sie dann verfolgt wird, ab dort zieht es mich als Leser viel stärker rein, weil Action abgeht.

Instinktiv drehte sie den Kopf ruckartig nach hinten und verzog dabei das Lenkrad. Der Wagen kam nach rechts von der Fahrbahn ab, fuhr auf ein Feld. Mit einem kurzen Aufschrei sah sie wieder nach vorne und umklammerte das Lenkrad.
Beide Sätze hören mit dem Wort Lenkrad auf.

Der Wagen kam nach rechts von der Fahrbahn ab, fuhr auf ein Feld.
Hier dachte ich, der Wagen käme zum Stillstand. Aber sie brettert danach ja weiter übers Feld. Das verwirrte mich. Wenn Du über ein unebenes Feld fährst, vor allem mit einem stinknormalen Auto, dann rüttelt's und schüttelt's dich bestimmt ordentlich durch? Es wäre klarer, wenn Du etwas in die Richtung einbauen würdest.

Für einen Moment bewegte sich der Wagen zur Seite geneigt nur auf den zwei linken Reifen, dann fiel er auf die Seite und kam rutschend zum Stehen.
Wortwiederholung.

Und dabei an die seltsame Datei von Marc Bennett dachte, mit einem Passwort geschützt.
Hinterer Satzteil würde ich wegnehmen. Das hattest Du am Anfang schon geschrieben und wenn Du es hier wiederholst, klingt es dann so nach: Hey, die ist mit einem Passwort geschützt! Das muss irgendeine ominöse Datei sein! Achtung, liebe Leser! ;)

Ich finde, nachdem auf sie geschossen wurde und sie über das Feld fliehen konnte, beruhigt sie sich zuerst sehr schnell wieder. Im nächsten Abschnitt blickt sie dann schon über die Schulter zurück und ihre Beine zittern, später bricht sie in Tränen aus, aber vor allem dieser Satz hier suggeriert mir, dass sie schon wieder völlig "down to earth" ist:

Nach einigen Schritten ging sie kopfschüttelnd zurück, um auch die Handtasche mitzunehmen.
Würde das anders schreiben. Ganz rausnehmen wohl nicht, denn es ist ja eine ihrer Eigenschaften, dass sie stets ihre Handtasche liegen lässt.

Das der Verfolger auf dem Feld umkippt und ihre Kollegin Yvonne im nächsten Dorf wohnt, klingt in meinen Ohren etwas zu konstruiert, so im Sinne von: Muss halt so sein, damit die Story weitergeht. Ich möchte Dir das einfach als kleine Anmerkung dalassen, verlange keinesfalls, dass Du meinetwegen die Geschichte veränderst. Vielleicht geht es ja nur mir so.

Immer wieder meinte sie, das Zischen zu hören, als das Geschoss an ihr vorbeisauste.
Hier bin ich mir unsicher, aber das klingt so, als würde sie sich an den Moment zurückerinnern, als das Geschoss an ihr vorbeisauste. Ich glaube aber, Du möchtest ausdrücken, dass sie das Pfeifen des Geschosses immer noch zu hören glaubt? Da wäre es besser, wenn Du schreibst: Immer wieder meinte sie, das Zischen des vorbeisausenden Geschosses zu hören.

oder sowas in die Richtung wie:

Das Zischen des vorbeisausenden Geschosses hatte sich in ihren Ohren festgesetzt.

Carmen winkte und schon wenige Sekunden später betätigte Yvonne den Türöffner.
Den Türöffner kenne ich nur von Häuserblöcken aus der Stadt. Gibt es die auch auf dem Land in Mehrfamilienhäusern?

„Okay, dann hole ich dir gleich erst mal ein Glas Wein. Und du erzählst, was los ist.
Da fehlen die Schlusszeichen beim Dialog.

„Die Polizei ist auf dem Weg, haben sie zumindest versprochen.“
Das klingt danach, als hätte sie die Erfahrung gemacht, dass die Cops sie nicht ernst nehmen oder so? Denn es wurde ja auf ihre Kollegin geschossen, das sollte schon Grund genug sein, dass die Polizei aufkreuzt, auch wenn sie soweit unverletzt geblieben ist.

Und bekam eine Gänsehaut, als sie die getönten Scheiben sah. Sie stand wie erstarrt, als die beiden Polizisten aus dem Auto stiegen.
Ich finde ihre Reaktion etwas heftig. So als wüsste sie sogleich, dass in dem Elektroauto die Bösen sitzen, so als könnte es gar nicht anders sein. Nur wegen den getönten Scheiben? Ich weiß nicht ...

Der andere Wagen war fast auf gleicher Höhe, als die Scheibe des Beifahrers heruntergefahren wurde.
Zweimal fahren ganz kurz hintereinander.

Die Waffe des Angreifers zuckte zurück, Yvonne bemerkte jedes Detail.
Das finde ich nicht ganz stimmig. Also verstehe natürlich schon, was Du rüberbringen willst, das klingt aber fast so, als hätte sie einen Feldstecher oder irgendwelche Röntgenaugen, mit denen sie alles bis ins kleinste Detail wahrnehmen kann. Außerdem ist es doch dunkel und die Szene passiert in einer gewissen Entfernung. Kann man da jedes Detail erkennen? Ich würde das anders schreiben.

Der zweite Schuss erwischte den Angreifer, ein Schmerzensschrei hallte durch die Straße.
Der Schrei hallt durch die Strassen, die Schüsse aber nicht (zumindest schreibst Du das nicht). Ballern die mit schallgedämpften Waffen?

Der verletzte Polizist hielt sich die Schulter, stand auf und ging vornübergebeugt zu seinem blutend am Boden liegenden Kollegen.
Wieder etwas unrund, denke ich. Gerne lasse ich Dir einen Vorschlag da: Der verletzte Polizist hielt sich die Schulter, stand auf und ging vornübergebeugt zu seinem Kollegen, der blutend auf dem Boden lag.

„Wir könnten zu meinen Eltern, sie wohnen in einer kleinen Gemeinde.
Sagt man das so? Warum nicht einfach, sie wohnen in einem Dorf / einem kleinen Städtchen?

„Nicht weit von der Gemeinde gibt es die ein oder andere verlassene Scheune. Falls sie sie nicht mittlerweile abgerissen haben, ich habe bei den letzten Besuchen nicht wirklich darauf geachtet.“
Klingt nicht wirklich nach einem guten Plan ;) Kann aber auch sein, dass sie zu aufgeregt / nervös sind, dass sie noch klar denken können. Den zweiten Satz würde ich aber rausstreichen, ist auch ein wenig Infodump, den brauchst Du nicht.

Sie erahnte, welche Möglichkeiten ihre Verfolger dafür haben müssten.
Sie erahnte, welche Möglichkeiten ihren Verfolgern zur Verfügung stehen mussten? Der Satz klingt besser ohne dieses Allerweltswort haben.

In was bin ich da geraten?
reingeraten?

Die aufgehende Sonne schien durch die angelehnte Scheunentür.
Aha, steht die Scheune also doch noch und sie konnten sich dort verstecken.

Yvonne zog die Tüte auf und hielt sie ihr hin.
Detail: Carmen hatte sich für ein Käsebrötchen entschieden. Da erwartete ich, dass Yvonne ihr das entsprechende Brötchen raussucht und ihr nicht einfach die Tüte hinstreckt. Sonst hätte sie ja nicht fragen müssen.

Den Ausflug zum Kegelverein verstehe ich nicht ganz, oder besser gesagt, welche Funktion das in deinem Text hat. Also sie will damit sagen, dass es manchmal gut ist, sich direkt in die Höhle des Löwen zu begeben, das erklärt sie anhand des Beispiels mit dem Kegelverein und ihrem Vater. Wieso aber wurde der Vater plötzlich gemieden bzw. verhielten sich die anderen so distanziert? Wieso erzählt sie das so umständlich? Ich denke, das könntest Du komplett rausstreichen, so wie ich das sehe, hat das hier keine Funktion, außer plausibler zu machen, warum sie ins Büro fahren. Braucht's aber nicht, denke ich. Würde auch knapper oder ganz ohne funktionieren.

Allgemein habe ich bis hierhin das Gefühl, dass Du etwas zu ausführlich geworden bist, mit deiner Story. Ich denke, man könnte da einiges rauskürzen, ohne etwas zu verlieren oder zu riskieren, dass der Leser der Geschichte nicht mehr folgen kann. Die Handlung ist ja bisher, und ich meine das nicht abwertend, ziemlich simpel.

Ich stellte mir auch die Frage: Warum wird Carmen überhaupt verfolgt? Die seltsame Datei von Bennett ist ja passwortgeschützt und sie konnte nichts einsehen? Weshalb gehen da irgendwelche Schurken über Leichen? Weiß Carmen schon allein durch die Existenz der Datei zu viel? Ich nehme an, das klärt sich bis zum Ende der Geschichte.

Wie schweigende Entitäten, die ihre Geheimnisse hüteten. Was passierte in diesen abgeschotteten Welten, wovon die meisten Mitarbeiter nichts wussten?
Das fällt etwas aus dem Rahmen. Ich finde es aber nicht schlecht. Vielleicht könntest Du den zweiten Satz etwas umstellen oder aufteilen: Was passierte in diesen abgeschotteten Welten? Welche Dinge geschahen dort, von denen die meisten Mitarbeiter nichts wissen durften?

Erst jetzt bemerkten sie, wie sie schwitzten.
Ich finde es etwas seltsam, dass sie zeitgleich bemerken, wie sie schwitzen ... Vielleicht anders formulieren.

Carmen schätze ihn um die Vierzig.
Ich glaube, vierzig klein? Nachher kommt noch das Alter der Kinder, dort schreibst Du: schätzte sie um die zehn.

So wirst auch du es unwissend erhalten haben.
So hast auch du es unwissend erhalten?

Oder hätte es sein können, dass sie die Nachricht schon vorher liest, also bevor sie den Grippeimpfstoff mit dem Zusatzpräparat verabreicht bekommen hätte?

Also hier nimmt die Geschichte ja eine wirklich unvorhergesehen Wendung. Kam ziemlich überraschend, hätte nicht mit so etwas gerechnet!

Hoffte, dass es die gleiche Stelle war, wie in einer Erinnerung, die gerade stattfand.
Klingt wieder etwas komisch. Vielleicht: Hoffte, dass es die gleiche Stelle war, wie in ihrer Erinnerung. oder Hoffte, dass es die gleiche Stelle war, wie in einer Erinnerung, die sich gleichzeitig abspulte. Irgend sowas. Würde ich nochmal drüber nachdenken, an deiner Stelle :) Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht ganz, was Du hier eigentlich ausdrücken möchtest.

Dann wurde er von mehreren Kugeln getroffen, sein Schrei durch einen weiteren Treffer erstickt. Auch den Fahrer hatte es erwischt, der dunkelblaue Wagen fuhr gegen ein parkendes Auto und kam zum Stehen.
Wieso werden die beiden einfach von der Polizei erschossen? Ist das nicht ein wenig heftig? Vor allem, was hat Carmen für Beweise vorgebracht, was solch eine Reaktion der Polizei rechtfertigen würde? Oder habe ich etwas verpasst?

Nur wenige Wolken waren am Himmel an diesem lauen Frühlingstag.
Mir fällt insgesamt auf, dass Du teilweise etwas zu einfach schreibst, zumindest für meinen Geschmack. Bei so einem Satz könntest Du doch ein anderes Wort verwenden als einfach waren? Nur wenige Wolken befanden sich am Himmel, an diesem lauen Frühlingstag. Nur wenige Wolken zogen über den Himmel, Wolken tummelten sich am Himmel etc. pp. Das würde deinen Text lebendiger machen, so wirkt er manchmal beinahe etwas steril.

Einige der Testpersonen haben sie in den Tod geschickt.
Wer hat die in den Tod geschickt? Dieselben Leute, die das Präparat erfunden haben, das Valere?

Sie haben einen der Verfolger lebend geschnappt.
Ah! Einer hat also überlebt. Trotzdem krass, haben sie den anderen einfach kaltgemacht ...

„Bin gleich wieder da. Hab mein Gepäck im Wagen vergessen.“
Ich weiß, das soll so eine Charaktereigenschaft von ihr sein, dass sie gerne mal etwas vergisst. Aber das passiert ihr ja sonst nicht, sie lässt immer nur ihr Gepäck liegen, ihre Handtasche. Deshalb wirkt es auf mich nicht natürlich, sondern konstruiert.

Damit bin ich durch. Ich hoffe, ich habe jetzt nicht stellenweise Stuss zusammengeschrieben. Bin so vorgegangen, dass ich Abschnitt für Abschnitt gelesen habe und dabei immer direkt meine Gedanken dazu niedergeschrieben habe. Also ein laufender Prozess während dem Lesen.

Ich denke, Du kannst meiner ausführlichen Rückmeldung entnehmen, dass ich den Text eher durchwachsen fand. Eine gewisse Spannung baut sich schon auf, aber meiner Meinung nach reicht das nicht, um komplett durch den Text zu tragen. Wie schon zuvor geschrieben, würde ich einiges rauskürzen. Gerade am Anfang. Schneller einsteigen. Vielleicht nicht im Büro, sondern während sie sich das erste Mal auf der Flucht befindet? Was zuvor passiert ist, kann sie dann Yvonne ja hektisch und panisch erzählen. Nur ein Beispiel.

Leider verstehe ich die Story nicht komplett. Dafür erfahre ich zu wenig über das Mittel oder das "Programm" Valere und was es mit dem Menschen macht. Wieso wird das überhaupt so unter das gemeine Volk gebracht? Was macht das Mittel genau, für was ist es überhaupt nützlich? Wieso wird es ihr verabreicht? Was macht sie zu einer der Auserkorenen? Es gibt viele Fragen, die der Text offen lässt, aber vielleicht ist das ja auch genau so gewollt. Oder geht es noch weiter, ist die Geschichte noch nicht abgeschlossen? Ich habe das Gefühl, mir fehlen nach der Lektüre noch einige Informationen, damit ich mir ein Gesamtbild zusammensetzen kann.

Soweit meine ersten Eindrücke. Das ist jetzt ziemlich lang und ausführlich geworden. Ich hoffe, irgendwas davon ist Dir nützlich. Gelesen habe ich es trotz allem Rumnörgeln gerne.

Viele Grüsse,
DM

 
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nur geöffnete Regenschirme und Autos schoben sich durch die künstlich erhellten Straßen.​
Gefällt mir :D

Und damit hi @Rob F,

dein Text hat an allen Ecken tolle Ideen, finde ich, konnte mich aber nicht ganz erreichen, weil ich die Story nicht richtig verstanden habe. Passiert mir manchmal und dann bin ich nie sicher, ob das jetzt am Autor liegt oder an meinem etwas unaufmerksamen Lesestil (und Charakter). Also mal schauen, was ich zum Inhalt sagen kann, erstmal ein paar Sachen zur Sprache, das ist einfacher:

Sieht nicht danach aus, dass der Regen in absehbarer Zeit aufhört, dachte Carmen​
Ich find's ja immer schöner, wenn Gedanken in Kursiv stehen, aber das ist wohl Ansichtssache.
weltweiten Pandemie.​
Pandemien sind immer weltweit.
„Valēre“. Zuckte​
Das wirkt komisch, da müsse ein Komma hin und dann "sie zuckte" oder so. Du arbeitest öfters mit solchen Halbsätzen und Satzanfängen, die etwas merkwürdig wirken. Zum Beispiel hier:​
als sie nochmal umkehrte und ihren Regenschirm nahm. Und lächelte darüber,​
Carmen schreckte hoch, als Yvonne die Fahrertür zuzog. Blinzelte und rieb sich die Augen.​
Wenn die Vision stimmte, hatte sie zumindest einen Plan. Zeit, es herauszufinden.​
(Hier würde das vielleicht mit einem Komma, Gedankenstrich oder und funktionieren.)

Man kann ja so schreiben, dass so etwas funktioniert. Dein Text ist ansonsten aber in ziemlich normaler Sprache verfasst, da stechen solche Sachen heraus und wirken unpassend.

Im folgenden Absatz sind mir zu viele Carmens:​

Hinter ihr war niemand zu sehen, als sie schnellen Schrittes zu Yvonnes Wohnung ging. Soweit die nassen Straßen es zuließen, zumindest hatte der Regen aufgehört. Schon nach wenigen Minuten erreichte sie das Mietshaus. Dennoch musste sie auf dem Weg mehrmals anhalten und sich an einer Hauswand abstützen, wenn das Zittern in ihren Beinen zurückkehrte. Um wie viele Zentimeter hatte die Kugel ihren Kopf verfehlt? Waren es überhaupt Zentimeter? Immer wieder meinte sie, das Zischen zu hören, als das Geschoss an ihr vorbeisauste.
Sie klingelte und ging zurück auf den Bürgersteig. Wie erwartet zog Yvonne die Gardinen zurück, im Wohnzimmer ihrer Wohnung auf der ersten Etage. Carmen winkte und schon wenige Sekunden später betätigte Yvonne den Türöffner.
Carmen lief zum Eingang und in den Hausflur. Rannte die Treppen hoch und hörte, wie die Tür wieder ins Schloss fiel. Yvonne stand im Flur ihrer Wohnung, leger in Jeans und T-Shirt gekleidet, ein halb gefülltes Weinglas in der Hand.
„Hey, alles in Ordnung?“, fragte sie, als Carmen an ihr vorbei war und die Wohnungstür schloss. „Ist was passiert?“
Carmen schloss die Augen und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand. Sie wollte gerade anfangen, zu erzählen, als Tränen ihre Wangen hinabliefen. Ihr ganzer Körper zitterte, fast hätte sie den Laptop fallen lassen.
Yvonne stellte das Glas auf eine Kommode und umarmte sie. Wartete geduldig, bis Carmen sich etwas beruhigt hatte. „Besser?“, fragte sie.
Carmen nickte, blieb aber weiter leicht zitternd stehen.
„Okay, dann hole ich dir gleich erst mal ein Glas Wein. Und du erzählst, was los ist.​

Gelegentlich wirken deine Dialoge auf mich etwas gestelzt. Zum Beispiel:​
„Reicht für den Moment, ich fühle mich eh schon wie nach einer langen Nacht.“​
„So sieht´s aus. Und uns aus der Gefangenschaft unserer Arbeitgeber befreien.“​
Und bekam eine Gänsehaut​
Sagt man nicht "Und bekam Gänsehaut"?

Und nur Navi, ohne das -App:​

ich finde es auch ohne meine Navi-App.“​
„Bin gleich wieder da. Hab mein Gepäck im Wagen vergessen.“​
Das habe ich einfach nicht verstanden, sollte mir das etwas sagen?

Wo wir beim Inhalt wären. Aber kurz noch zur Sprache: Insgesamt fand ich das solide. Ich bin über wenige Sachen gestolpert und das ganze ließ sich gut lesen. Gelegentlich hätte ich mir aber vielleicht auch eine etwas aufregendere Sprache gewünscht, aber das passt ja auch nicht zu jeder Geschichte und jedem Autor. Musst du wissen.

Also, nun zum Inhalt. Folgende Eindrücke hatte ich direkt beim Lesen:

Am Anfang war ich erstmal verwirrt, warum denn Carmen so extrem aufgebracht war von dieser Datei. Kann eigentlich niemand auf ihrem PC Dateien ablegen? Aber sie kann ja nachschauen, welcher User das war, also schon? Aber wenn dann jeder das kann, warum ist das so ein großes Ding für sie? Zugegeben, der Name ist komisch aber ... das wirkte auf mich gekünzelt. So wie "Muss so sein weil Plot". Oder hat das was damit zu tun, dass sie ja eigentlich schon irgendwie weiß, was dieses Valere ist, sie kennt ja auch den Typen eigentlich.

Und ab hier:​

Marc Bennett. Das zufällige Kennenlernen auf der Jubiläumsfeier. Die gemeinsamen Mittagspausen und die Informationen, die er ihr nach und nach zu ‚valēre‘ gab. Es ging um Kontrolle, geistige Schwäche. Eine Substanz, die Menschen injiziert wurde. Sie dadurch von außen durch Schlüsselwörter manipulierbar machte. Ihre Beine zitterten, sie setzte sich und schloss die Augen.
Irgendwann hatten sie angefangen, abends wegzugehen. Was mochte er seiner Frau und seinen Kindern erzählt haben? Hatte es sie interessiert? An einem Samstagabend waren sie durch die Stadt gezogen, hatten sich geküsst. Sie war mehrfach neben ihm aufgewacht, immer bei ihr zuhause.
Auch gestern, am Tag seines Verschwindens. Er war vor ihr losgegangen, hatte sie lange geküsst und ihr dann einen Zettel in die Hand gedrückt. „Wofür ist der?“, hatte sie noch gefragt, jedoch keine Antwort erhalten. Wortlos hatte Marc ihre Wohnung verlassen.
Aber es war nicht gestern passiert, sondern heute. Der Schuss auf ihren Wagen, die Flucht mit Yvonne … nichts davon war geschehen. Noch nicht, aber es war eine mögliche Zukunft.
Carmen öffnete die Augen. Draußen war es dunkel, ihr Büro nur von der Schreibtischlampe erhellt. Sie war allein. Regen prasselte gegen die Scheibe, unten auf die Regenschirme und Autos. Wieder sah sie die Datei, die Marc in ihren Arbeitsordner kopiert hatte. Valēre. Und prüfte zuerst ihre rechte, dann die linke Hosentasche. Nahm den Zettel heraus und entfaltete ihn. Toskana21 stand darauf. War es nur ein Passwort, oder auch ein Versprechen?
Nach einem Doppelklick auf die Datei erschien das Fenster zur Passworteingabe. Carmen tippte es ein, drückte Enter und begann zu lesen.​
war ich dann vollkommen verwirrt. Da habe ich schlicht nicht mehr verstanden, was genau hier gerade passiert. Ich dachte die ganze Zeit: Das wird noch geklärt, wird noch geklärt, wurde es dann aber nicht und deswegen beschleicht mich das Gefühl, dass ich einfach nicht richtig aufgepasst habe. Manche mögen es ja, Geschichten zu lesen, die wie Storypuzzle funktionieren, aber für sowas habe ich keinen Kopf. Liegt vielleicht also an mir, aber weil ich die Story eigentlich interessant finde, würde ich mir wünschen, sie wäre klarer formuliert.

Beim Lesen kam mir nie langeweile auf; ich finde nicht, dass Kürzungen nötig sind. Viel eher würde ich vorschlagen, das Ganze eindeutiger zu formulieren und wenn's dabei länger wird, wäre das mE auch nicht schlimm. Dabei sollten aber natürlich keine Info-Dumps entstehen.

Trotz allem hab ich's gerne gelesen.

Grüße,
Manfred

 
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Hi @DissoziativesMedium ,

ein ausführliches Feedback, vielen Dank!

Wieso erschrickt sie? Wegen einer simplen Datei? Was verbindet sie mit dem Namen, dass sie so darauf reagiert?
Es wird ja erst später aufgeklärt, sollte also hier zumindest schon mal etwas neugierig machen. Auch da sie sich danach nicht sicher ist, ob sie das Wort Valēre und den Namen Marc Bennett schon mal gehört hat.

Das verstehe ich nicht. Die Impfstoffe lassen sich adaptieren, verändern, erweitern? Da frage ich mich sofort: Wie denn? Was für Techniken?
Es war eher als eine Randnotiz gedacht, womit er sich fachlich beschäftigt. Auch für die spätere Erklärung, wie er auch Valere aufmerksam geworden ist.

Bis zum Ende des zweiten Absatzes fand ich die Story noch nicht sehr spannend. Klar, man erfährt, dass der Marc Bennett nicht zur Arbeit erschienen ist und Carmen bei der WHO angestellt ist, aber ich denke, da könntest Du den Text etwas verdichten, schneller vorankommen, weil im dritten Abschnitt, als sie dann verfolgt wird, ab dort zieht es mich als Leser viel stärker rein, weil Action abgeht.
In den ersten beiden Absätzen passiert noch nicht viel, aber sie sind ja andererseits auch nicht allzu umfangreich und ein wenig Einleitungszeit benötige ich dann schon zu Carmen, wo sie arbeitet ...
Ansonsten, würde ich z.B. direkt mit der Szene im Auto beginnen, müsste ich ja danach das ein oder andere rückwirkend erwähnen, was auch etwas konstruiert wirken könnte.
Muss ich nochmal schauen, da wäre dann für mich auch ein wenig die Frage, wie spannend die Szene im Auto wäre, wenn der Leser noch überhaupt nichts zu Carmen weiß.

Hier dachte ich, der Wagen käme zum Stillstand. Aber sie brettert danach ja weiter übers Feld. Das verwirrte mich. Wenn Du über ein unebenes Feld fährst, vor allem mit einem stinknormalen Auto, dann rüttelt's und schüttelt's dich bestimmt ordentlich durch? Es wäre klarer, wenn Du etwas in die Richtung einbauen würdest.
Ja, so wie bisher klingt die Fahrt übers Feld doch recht einfach, ich habe am Ende dieses Absatzes noch etwas ergänzt.

Hinterer Satzteil würde ich wegnehmen. Das hattest Du am Anfang schon geschrieben und wenn Du es hier wiederholst, klingt es dann so nach: Hey, die ist mit einem Passwort geschützt! Das muss irgendeine ominöse Datei sein! Achtung, liebe Leser!
Habe den abschließenden Satzteil entfernt.

Würde das anders schreiben. Ganz rausnehmen wohl nicht, denn es ist ja eine ihrer Eigenschaften, dass sie stets ihre Handtasche liegen lässt.
Ich habe den Satz mal geändert in:
"Nach einigen Schritten eilte sie zurück, um auch die Handtasche mitzunehmen."

Das der Verfolger auf dem Feld umkippt und ihre Kollegin Yvonne im nächsten Dorf wohnt, klingt in meinen Ohren etwas zu konstruiert, so im Sinne von: Muss halt so sein, damit die Story weitergeht. Ich möchte Dir das einfach als kleine Anmerkung dalassen, verlange keinesfalls, dass Du meinetwegen die Geschichte veränderst. Vielleicht geht es ja nur mir so.
Ich hatte hierzu nach deinem Kommentar überlegt, ob es weniger konstruiert wirkt, wenn Carmen noch etwas weiterfahren müsste, um Yvonne zu erreichen. Vielleicht auch aus dem Wunsch heraus, nach dem Angriff erstmal nicht alleine zu sein. Bin mir halt nur nicht sicher, ob das einen nennenswerten Unterschied machen würde, ich denke, ich werde es erstmal so lassen.

Ich finde ihre Reaktion etwas heftig. So als wüsste sie sogleich, dass in dem Elektroauto die Bösen sitzen, so als könnte es gar nicht anders sein. Nur wegen den getönten Scheiben? Ich weiß nicht ...
Ich habe es mal geändert in ein noch etwas gelasseneres:
"Sie sah weiter zu, als die beiden Polizisten aus dem Auto stiegen."
geändert.

Wieder etwas unrund, denke ich. Gerne lasse ich Dir einen Vorschlag da: Der verletzte Polizist hielt sich die Schulter, stand auf und ging vornübergebeugt zu seinem Kollegen, der blutend auf dem Boden lag.
Danke für den Vorschlag, habe ihn so übernommen

Sie erahnte, welche Möglichkeiten ihren Verfolgern zur Verfügung stehen mussten? Der Satz klingt besser ohne dieses Allerweltswort haben.
auch diesen

Den Ausflug zum Kegelverein verstehe ich nicht ganz, oder besser gesagt, welche Funktion das in deinem Text hat. Also sie will damit sagen, dass es manchmal gut ist, sich direkt in die Höhle des Löwen zu begeben, das erklärt sie anhand des Beispiels mit dem Kegelverein und ihrem Vater. Wieso aber wurde der Vater plötzlich gemieden bzw. verhielten sich die anderen so distanziert? Wieso erzählt sie das so umständlich? Ich denke, das könntest Du komplett rausstreichen, so wie ich das sehe, hat das hier keine Funktion, außer plausibler zu machen, warum sie ins Büro fahren. Braucht's aber nicht, denke ich. Würde auch knapper oder ganz ohne funktionieren.
Bei beiden Protagonistinnen beschriebe ich zwar keine deutliche charakterliche Tiefe, aber ich wollte doch schon ein wenig Dialog haben. Insofern ist es auch für Carmen ein lautes Überlegen und eine Herleitung, was sie denn überhaupt noch machen könnte. Demnach aus der Defensive in die Offensive übergehen, genauer wollte ich die Hintergründe der Situation ihres Vaters hier auch nicht beschreiben.

Ich finde es etwas seltsam, dass sie zeitgleich bemerken, wie sie schwitzen ... Vielleicht anders formulieren.
Ich habe den Satz einfach mal ganz rausgenommen, gefiel mir irgendwie nicht mehr ...

Klingt wieder etwas komisch. Vielleicht: Hoffte, dass es die gleiche Stelle war, wie in ihrer Erinnerung. oder Hoffte, dass es die gleiche Stelle war, wie in einer Erinnerung, die sich gleichzeitig abspulte. Irgend sowas. Würde ich nochmal drüber nachdenken, an deiner Stelle :) Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht ganz, was Du hier eigentlich ausdrücken möchtest.
Eine passende Formulierung finde ich hierbei etwas schwierig, genaugenommen ist es ja eine Vision, an die sie sich erinnert. Und sie hofft, dass alles nun genauso eintrifft. "Erinnert" sie sich demnach nun tatsächlich an etwas ... aber vielleicht denke ich hierbei auch zu kompliziert.
Ich habe den Satz mal vereinfacht in:
"Hoffte, dass es die gleiche Stelle war wie in ihrer Vision."

Wieso werden die beiden einfach von der Polizei erschossen? Ist das nicht ein wenig heftig? Vor allem, was hat Carmen für Beweise vorgebracht, was solch eine Reaktion der Polizei rechtfertigen würde? Oder habe ich etwas verpasst?
Ja, bei dieser Szene muss ich mit ein wenig Abstand nochmal überlegen.
Diese Szene wird ja hauptsächlich durch das verursacht, was Marc Bennett zuvor schon alles der Polizei mitgeteilt hat. Sie wissen also, dass sie es hierbei mit gefährlichen Leuten zu tun haben. Und sie schießen ja erst, nachdem der Angreifer den ersten Schuss abgegeben hat.
Muss ich also nochmal schauen, ob ich es etwas anders/realistischer beschreiben kann.

Wer hat die in den Tod geschickt? Dieselben Leute, die das Präparat erfunden haben, das Valere?
Ja, das meinte ich damit. Der abschließende Dialog ist ja recht kurz, ich hoffe also, das dies auch so klar wird.

Ich hoffe, ich habe jetzt nicht stellenweise Stuss zusammengeschrieben.
Nein, ganz im Gegenteil :gelb:
Viele hilfreiche Anmerkungen und Hinweise, danke!!

Leider verstehe ich die Story nicht komplett. Dafür erfahre ich zu wenig über das Mittel oder das "Programm" Valere und was es mit dem Menschen macht. Wieso wird das überhaupt so unter das gemeine Volk gebracht? Was macht das Mittel genau, für was ist es überhaupt nützlich? Wieso wird es ihr verabreicht? Was macht sie zu einer der Auserkorenen? Es gibt viele Fragen, die der Text offen lässt, aber vielleicht ist das ja auch genau so gewollt. Oder geht es noch weiter, ist die Geschichte noch nicht abgeschlossen? Ich habe das Gefühl, mir fehlen nach der Lektüre noch einige Informationen, damit ich mir ein Gesamtbild zusammensetzen kann.
Es würde sich wahrscheinlich auch gut für eine längere Geschichte eignen, aber einiges dafür sollte eher als allgemeines Setting dienen:
Das Carmen bei der WHO arbeitet und es um ein mächtiges Präparat geht, mit dem Menschen manipuliert werden können. Und demnach in den falschen Händen sehr gefährlich sein kann, wenn es z.B. gegen die Regierungen anderer Länder eingesetzt wird.
Ich wollte jedoch den Schwerpunkt auf Carmens Erlebnisse legen und hoffe, dass die ergänzenden Informationen hierfür soweit ausreichen.

Vielen Dank für deine Mühe, es freut mich auf jeden Fall, dass du diese längere Geschichte bis zum Ende gelesen hast, auch wenn es kein durchgehendes Top-Spannungsniveau ist. Bei zu viel Tempo, Verfolgungsjagden ... sehe ich halt das Risiko, dass der Handlungshintergrund und die Personen zu kurz kommen und es dann gerade dadurch nicht interessant ist.

Ich habe durch eine Vorschläge auch noch weitere Formulierungen geändert, auch wenn ich nicht alles im Detail erwähnt habe.

Viele Grüße und noch einen schönen Abend,
Rob

 
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Hallo @Manfred Deppi ,

danke fürs Lesen und den Kommentar!

Ich find's ja immer schöner, wenn Gedanken in Kursiv stehen, aber das ist wohl Ansichtssache.
Sehe ich auch so, wenn es längere Gedankengänge sind, die sich dadurch deutlicher vom restlichen Text abgrenzen lassen. Bei den hier kurzen Einschüben lasse ich es mal so.

Pandemien sind immer weltweit.
Ja, macht Sinn ... habe das "weltweit" entfernt.

Das wirkt komisch, da müsse ein Komma hin und dann "sie zuckte" oder so. Du arbeitest öfters mit solchen Halbsätzen und Satzanfängen, die etwas merkwürdig wirken.
Das bleibt bei mir eine grundsätzliche Überlegung, ob ich auf solche "Halbsatzbeginne" verzichte. Das führt dann halt nur dazu, dass ich häufiger Sätze beginne mit: "Dann machte sie das ... Dann machte sie dies ...", was ich auch als Leser eher nervig finde. Muss ich also allgemein nochmal schauen, ab und zu finde ich es so schon in Ordnung, auch um an einigen Stellen das Tempo zu erhöhen.

Im folgenden Absatz sind mir zu viele Carmens:
Ja, mir auch ... Ich habe gedanklich an der ein oder anderen Stelle mal versucht, Carmen durch "sie" zu ersetzen, aber so richtig geht es nicht, da ich in diesem Absatz dauernd zwischen Carmen und Yvonne hin und her wechsele. Es wäre dann also nicht immer eindeutig, wer nun mit "sie" gemeint ist.

Sagt man nicht "Und bekam Gänsehaut"?
Habe es geändert.

Und nur Navi, ohne das -App:
In dem Fall meint sie die App ihres Smartphones, die sie nicht benutzen kann, da sie es ja aus Vorsicht ausgeschaltet hat.

Gelegentlich hätte ich mir aber vielleicht auch eine etwas aufregendere Sprache gewünscht, aber das passt ja auch nicht zu jeder Geschichte und jedem Autor. Musst du wissen.
Ich bin wahrscheinlich immer noch sehr darauf bedacht, dass die Handlungen in den Szenen alle soweit vorstellbar sind. Kann deinen Punkt aber gut nachvollziehen, ab und zu mal ein wenig mehr "drauf los" wäre wahrscheinlich nicht verkehrt ... ich nähere mich dem in kleinen Schritten, hoffe ich.

Am Anfang war ich erstmal verwirrt, warum denn Carmen so extrem aufgebracht war von dieser Datei.
Es sollte an dieser Stelle zwar nicht verwirren, aber neugierig machen, was es denn mit der Datei und Marc Bennett auf sich hat.

Da habe ich schlicht nicht mehr verstanden, was genau hier gerade passiert. Ich dachte die ganze Zeit: Das wird noch geklärt, wird noch geklärt, wurde es dann aber nicht ...
Ob die weiteren Informationen ausreichend sind, kann ich beim Schreiben nicht immer einschätzen, aber der Inhalt der "Valēre"-Datei von Marc, den Carmen zum Ende hin liest, beschreibt ja schon etwas hierzu:

(...)
Auch du gehörst zu den Testpersonen von Valēre, ohne es zu wissen. Sobald du den Namen dieser Datei liest, wird die Substanz, die dir verabreicht wurde, initial aktiviert.
(...)
Wahrscheinlich hast du bereits eine der Nebenwirkungen erlebt, eine Zukunftsvision. Begleitet von einem kurzzeitigen Gedächtnisverlust. Nach meinen bisherigen Recherchen hat noch niemand herausgefunden, wodurch dies geschieht.
(...)
Im Moment testen sie im Verborgenen die Verträglichkeit und verabreichen Valēre innerhalb von Grippeschutzimpfungen. So hast auch du es unwissend erhalten.
(...)

Noch ergänzend:

Ab dem Zeitpunkt, als Carmen den Namen der Datei (Valēre) liest, ist es erstmal eine Vision, die sie hat, über die nächsten Stunden.
Erst, als sie in ihrer Vision wieder Marcs Büro erreicht, beginnt sie, sich zu erinnern:

(...) und blickte erneut zu dem Mann. Erkannte sein Gesicht und begann, sich zu erinnern.
Marc Bennett. Das zufällige Kennenlernen auf der Jubiläumsfeier. (...)

Danach merkt sie, dass sie sich noch immer in ihrem Büro befindet, sie hat es gar nicht verlassen, nachdem sie die Datei entdeckt hat:

(...) Aber es war nicht gestern passiert, sondern heute. Der Schuss auf ihren Wagen, die Flucht mit Yvonne … nichts davon war geschehen. Noch nicht, aber es war eine mögliche Zukunft. (...)

Aber durch ihre Vision kennt sie nun die Zukunft und weiß, wie sie gegen die Verfolger vorgehen kann, und ist damit ja auch erfolgreich.

Ich hoffe, das erklärt es soweit, sonst am besten nochmal nachfragen. War nicht meine Absicht, es verwirrend zu schreiben ...

Danke für dein Feedback und viele Grüße,
Rob

 
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Hallo @Rob F,

anfangs war ich neugierig und hab mich gefragt, wo es hinführt. Durch das Arbeitsdokument über die Pandemie und das Husten der Frau am Telefon dachte ich erst, es ging vielleicht um eine Verschwörung um die Seuche oder den Impfstoff. Dann begann diese Verfolgungsjagd und ich hab mich gefragt, was sie von Carmen wollen, die offensichtlich nichts weiß. Teilweise sah es aus, als ginge es um eine mächtige Geheimorganisation mit dem Abhören der Telefone, aber dann stellten sie sich so unprofessionell an. Außerdem konnte ich die Handlungsentscheidungen der beiden Frauen oft nicht nachvollziehen. Die Überraschung durch die Erklärung, was Valēre ist, hat schließlich alles, was davor passiert ist, mir als unnötig an dem Punkt erscheinen lassen, als hätte ich das umsonst gelesen. Es gab keinen Hinweis, an dem ich das Gefühl hätte, ich hätte selbst drauf kommen können oder als würde da noch mehr hinterstecken als das, was ich gelesen habe. Das Ende fand ich okay. Es wurde der Hauptkonflikt erklärt. Die volle Hintergrundgeschichte muss ich nicht wissen, aber ich hätte gerne das Gefühl, dass es eine konsistente Hintergrundgeschichte gibt.

Hier ein paar Details:

Sie war nicht sicher, nahm den Telefonhörer und wählte seine Nummer.
Ich hab es so verstanden, dass das "Sie war nicht sicher" auf den Satz davor bezogen ist, ob sie Marc schon mal gesehen hat. Dann gehören diese beiden Satzhälften hier nicht zusammen und ein Punkt wäre hier eindeutiger. Oder ich hab es falsch verstanden und es ist gemeint, dass sie zögert, bevor sie den Anruf tätigt, dann könnte man das deutlicher ausdrücken.

Im Rückspiegel erkannte sie den anderen Wagen, er hatte ebenfalls die Straße verlassen und folgte ihr. Bis ein Vorderreifen über etwas fuhr, das in der Dunkelheit und unter dem hohen Gras nicht zu sehen war. Für einen Moment bewegte sich der Wagen geneigt nur auf den zwei linken Reifen, dann fiel er auf die Seite und kam rutschend zum Stehen.
Ich dachte erst, sie beobachtet den Wagen im Rückspiegel, bis ihr eigener Wagen in die Senkrechte geht. Das ist mir erst aufgefallen, als ich mich gewundert habe, wie Carmens Wagen durchgerüttelt werden kann, wenn er doch steht. Wenn da was unter dem Gras ist, würde ich erwarten, dass Carmen zuerst drüberfährt, wenn der andere in ihren Spuren folgt. Vielleicht würde es wenigstens helfen, zu verdeutlichen, dass der andere Wagen gemeint ist.

Carmen blickte aus dem Seitenfenster in die Dunkelheit neben der Landstraße. „Nein, ich möchte niemanden gefährden. Am besten verstecken wir uns irgendwo bis morgen früh.“
Das klingt irgendwie klischeehaft nach Ärger. Ja, lass uns irgendwo hingehen, wo es keine Zeugen gibt, falls sie uns verfolgen.

„Oder sie haben meinen Anruf beim Präsidium mitgehört.“
Carmen blickte zu ihr und bekam Gänsehaut. Sie erahnte, welche Möglichkeiten ihren Verfolgern dafür zur Verfügung stehen müssten.
Das finde ich etwas weit hergeholt. Die Leute im Auto müssen doch gesehen haben, in welche Richtung Carmen verschwunden ist. Ich sehe nicht, was diesen Schluss der Überwachung zulässt.

„Wir sind nirgendwo sicher und vielleicht würden wir die Polizei noch nicht mal erreichen. Aber sie werden kaum damit rechnen, dass ich zurück zur Arbeit fahre. Dort nach Antworten suche.“
Nach der Geschichte hab ich erwartet, dass sie sich den Angreifern stellen, das wäre im Geist der Geschichte.

„Überleg doch mal. Sie werden mich bestimmt nicht vor vielen Zeugen erledigen
Dann sollte es doch die gut besetzte Polizeistation sein. Sie haben Angst, dass die Männer Polizisten töten, aber um ihre Kollegen macht sie sich keine Sorgen? Die Logik erschließt sich mir nicht.

„Von dort aus können wir immer noch die Polizei rufen. Also los.“
Keine Ahnung, warum sie diesen Vorschlag macht, wenn das letztes Mal schon nicht geklappt hat und sie eben noch gedacht haben, dass sie die Polizei sowieso nicht anrufen können.

Wie schweigende Entitäten, die ihre Geheimnisse hüteten.
"Entitäten" ist sehr abstrakt. Gibt es keinen bildlicheren Begriff für das, was es ausdrücken soll?

Durch weitere Schlüsselwörter bist du nun manipulierbar, würdest Dinge machen, die du selbst nicht mitbekommst und nicht bewusst steuern kannst.
Das passt überhaupt nicht zu dem, was ich gelesen habe. Das Foto von Marc hat die Erinnerungen getriggert, nicht der Name.

Warum fährt Carmen im Auto nach Hause, wenn sie in einer Vision gesehen hat, dass sie dabei sterben könnte? Es wurde gesagt, das wäre "eine mögliche Zukunft". Mir wäre das Risiko zu groß, dass mich die Kugel diesmal durch einen dummen Zufall trifft.

Warum versuchen die Männer überhaupt, Carmen im fahrenden Auto zu erschießen? Wenn sie sie beseitigen wollen, sollten sie entweder warten, bis sie zu Hause ausgestiegen und ein leichtes Zielt ist, vielleicht vor der Wohnungstür gerade nach ihrem Schlüssel kramt. Oder das Auto gleich manipulieren, damit es wie ein Unfall aussieht.

(Das sind rhetorische Fragen, deren Antwort ich in der Geschichte erwarten würde.)

Für mich waren hier zu viele Ungereimtheiten drin. Ich versuche, Vorschläge zu machen, was man verbessern könnte, aber mir erschließt sich der Plan dieser Männer nicht, warum sie so offensichtlich vorgehen. Ich spinne hier einfach mal etwas herum, ohne auf Konsistenz zu achten.
- In der Vision mehr Hinweise einstreuen, die die Manipulation durch Schlüsselwörter zeigen. Beispielsweise, dass die Frau am Telefon irgendwas sagt, woraufhin Carmen den Drang verspürt, Feierabend zu machen. Dass Yvonne irgendwas sagt, woraufhin Carmen entscheidet, die Flucht zu ergreifen. Vielleicht, dass auf dem Foto von Marc ein Schriftzug steht, der die Erinnerung und das Verlassen der Vision triggert.
- Die Männer sollten ihre Mordabsichten ernster nehmen. Vielleicht platzieren sie eine Bombe im Wagen und Carmen überlebt schwer verletzt, als sie sich zu Yvonne schleppt. In der zweiten Runde kann sie dann rechtzeitig anhalten und zu Fuß weiterfliehen, bevor die Bombe hochgeht. Oder wenn sie so groß sind, dass sie offensichtlich vorgehen können, könnten sie auf die Reifen des Wagens schießen, weil sie Carmen zum Anhalten zwingen wollen, doch sie fährt einfach weiter.
- Dass Carmen nicht über das Ding im Rasen fährt, aber die Verfolger schon, finde ich sehr konstruiert. Sie könnte stattdessen an einem Zaun anhalten und die Verfolger in einem Wald, einer Gartenanlage etc. abschütteln, bevor sie zu Yvonne flieht.
- Die Geschichte vom Kegelverein sollte irgendwas sein, was besser zur Konsequenz passt. Vielleicht ein Schüler, der zur Übungsstunde des Chors gegangen ist, um sich vor dem Nachsitzen zu drücken. Irgendwer, der sich irgendwo versteckt, wo es zu offensichtlich ist, um als Versteck in Frage zu kommen.

Viele Grüße
Jellyfish

 
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Hallo @Jellyfish ,

danke für dein ausführliches Feedback!

Die Überraschung durch die Erklärung, was Valēre ist, hat schließlich alles, was davor passiert ist, mir als unnötig an dem Punkt erscheinen lassen, als hätte ich das umsonst gelesen.
Deinen Eindruck hierbei kann ich auf jeden Fall nachvollziehen, solche Situationen kommen ja z.B. in Zeitreise-Romanen vor: Etwas, das der Protagonist erlebt hat, wird durch eine Zeitreise, eine Tat in der Vergangenheit, wieder aufgehoben.
Für die weitere Handlung ist es jedoch dennoch wichtig, durch die Erkenntnisse, die der Prota dabei gesammelt hat.
Hierbei geht es zwar nicht um eine Zeitreise, aber durch die Vision, die Carmen durchlebt, hat sie einen Plan, wie sie weiter vorgehen kann.
Und ich fand es ganz interessant, dass die Vision in etwa dort endet, wo sie angefangen hat und dann der zweite Teil der Handlung beginnt.

Die volle Hintergrundgeschichte muss ich nicht wissen, aber ich hätte gerne das Gefühl, dass es eine konsistente Hintergrundgeschichte gibt.
Wenn du hierzu noch Detailfragen hast, werde ich sie natürlich noch beantworten. Ich verweise aber erstmal allgemein auf meine Antwort zum vorherigen Kommentar, habe dort am Ende etwas dazu geschrieben und auch entsprechende Textstellen genannt.

Ich hab es so verstanden, dass das "Sie war nicht sicher" auf den Satz davor bezogen ist, ob sie Marc schon mal gesehen hat. Dann gehören diese beiden Satzhälften hier nicht zusammen und ein Punkt wäre hier eindeutiger
So hatte ich es auch gedacht, sie war sich nicht sicher in dem Moment, ob sie Marc Bennett schon mal gesehen hat. Aus meiner Sicht gehören die beiden Satzhälften schon zusammen, genau deswegen nimmt sie ja den Telefonhörer und ruft an.

Ich dachte erst, sie beobachtet den Wagen im Rückspiegel, bis ihr eigener Wagen in die Senkrechte geht. Das ist mir erst aufgefallen, als ich mich gewundert habe, wie Carmens Wagen durchgerüttelt werden kann, wenn er doch steht. Wenn da was unter dem Gras ist, würde ich erwarten, dass Carmen zuerst drüberfährt, wenn der andere in ihren Spuren folgt. Vielleicht würde es wenigstens helfen, zu verdeutlichen, dass der andere Wagen gemeint ist.
Ich habe mir diesen Abschnitt nochmal durchgelesen, der zweite Satz beginnt nun geringfügig anders:
"Bis sein Vorderreifen über etwas fuhr, das in der Dunkelheit ..."
Hierdurch wird nun m.E. deutlicher, welcher Wagen den Unfall hat, danke für den Hinweis!

Das finde ich etwas weit hergeholt. Die Leute im Auto müssen doch gesehen haben, in welche Richtung Carmen verschwunden ist. Ich sehe nicht, was diesen Schluss der Überwachung zulässt.
Es ist ja eher eine Vermutung von Yvonne. Gerade auch vor dem Hintergrund, dass die Verfolger vielleicht noch aus der Entfernung erkennen konnten, in welche Richtung Carmen geht, aber woher hätten sie wissen sollen, in welchem Haus sie sich befindet? Demnach vermutet Yvonne einen anderen Grund, weswegen die Verfolger kurz nach der Polizei erscheinen. Finde ich hier also nicht so abwegig. zu vermuten, dass ihr Anruf abgehört wurde.

Nach der Geschichte hab ich erwartet, dass sie sich den Angreifern stellen, das wäre im Geist der Geschichte.
Hierbei ist mir leider nicht klar, was du meinst ... ?
Warum sollten sie das machen, unbewaffnet, ohne ihren eigentlichen Gegner zu kennen?

Dann sollte es doch die gut besetzte Polizeistation sein. Sie haben Angst, dass die Männer Polizisten töten, aber um ihre Kollegen macht sie sich keine Sorgen? Die Logik erschließt sich mir nicht.
Carmen begründet zuvor diesen Schritt damit, dass ihre Verfolger nicht damit rechnen werden, dass sie zurück zur Arbeit fährt. Sie befürchtet, dass sie auf dem Weg zur Polizei angegriffen werden könnte, die Verbrecher schrecken ja nicht davor zurück, zur Not auch Polizisten zu erschießen. Daher geht sie diesen anderen Weg.

Keine Ahnung, warum sie diesen Vorschlag macht, wenn das letztes Mal schon nicht geklappt hat und sie eben noch gedacht haben, dass sie die Polizei sowieso nicht anrufen können.
Es ist ja nicht ihr grundsätzlicher Plan, sie möchte selbst nach Antworten rufen. Aber die Polizei in ein vollbesetztes Bürogebäude zu rufen ist für sie dennoch weniger gefährlich, auch für die Polizisten, als wie zuvor abends im dunklen in eine kleine Seitenstraße. Weiterhin hätte sie ja nun die Möglichkeit, die Polizisten beim Anruf entsprechend zu warnen.

"Entitäten" ist sehr abstrakt. Gibt es keinen bildlicheren Begriff für das, was es ausdrücken soll?
Ich habe "Entitäten" mal durch "Wächter" ersetzt.

Das passt überhaupt nicht zu dem, was ich gelesen habe. Das Foto von Marc hat die Erinnerungen getriggert, nicht der Name.
Ja, das Foto von mir Marc bewirkt, dass Carmen sich erinnert, die Vision endet. Aber hier verwechselst du zwei Inhalte:
Zunächst die Tatsache, dass Carmen wieder durch das Foto in der Realität ankommt, sie befindet sich noch immer in ihrem Büro.
Die Wirkung von Valēre hat jedoch mit dem Bild nichts zu tun, sie ist genauso, wie Marc es in der Datei an Carmen geschrieben hat.

Warum fährt Carmen im Auto nach Hause, wenn sie in einer Vision gesehen hat, dass sie dabei sterben könnte? Es wurde gesagt, das wäre "eine mögliche Zukunft". Mir wäre das Risiko zu groß, dass mich die Kugel diesmal durch einen dummen Zufall trifft.
Sie entschließt sich für diesen riskanten Schritt, nur was wäre die Alternative? Sie vertraut auf die Vision und hat einen Plan, wie sie vorgehen will. Bei allem anderen, z.B. wenn sie woanders hinfährt (falls sie überhaupt dort ankommt), wäre sie ja in noch größerer Gefahr. Sie hätte keinen Anhaltspunkt, wo die Verfolger sind und was sie vorhaben.
Auch wenn sie aus dem Büro heraus direkt die Polizei gerufen hätte, musste sie ja befürchten, dass etwas passiert.

Warum versuchen die Männer überhaupt, Carmen im fahrenden Auto zu erschießen? Wenn sie sie beseitigen wollen, sollten sie entweder warten, bis sie zu Hause ausgestiegen und ein leichtes Zielt ist, vielleicht vor der Wohnungstür gerade nach ihrem Schlüssel kramt. Oder das Auto gleich manipulieren, damit es wie ein Unfall aussieht.
Da musste ich auch nochmal drüber nachdenken, im Moment sehe ich es so, dass die Verbrecher möglichst schnell zuschlagen. Und bei einem Angriff auf einer einsamen Landstraße, im dunklen, müssen sie nicht unbedingt mit Zeugen rechnen. Weiterhin hätte es ja auch fast geklappt, Carmen hatte großes Glück, dass die Verfolger den Unfall haben.

Dass Carmen nicht über das Ding im Rasen fährt, aber die Verfolger schon, finde ich sehr konstruiert.
Ich habe noch ergänzt, dass die Verfolger erst etwas weiter die Straße verlassen, ich hoffe, es ist dadurch plausibler.

Ich hoffe, ich konnte meine Gedanken hierzu soweit erklären!

Viele Grüße und noch schöne Ostertage,
Rob

 
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Lieber @Rob F

jetzt hatte ich endlich Zeit, Deine Geschichte zu lesen. Die Idee finde ich schon mal gut und sehr interessant. Überraschende Wendungen waren dabei, Dinge, mit denen ich so nicht gerechnet habe. Der Text ist flüssig geschrieben, an einigen Stellen könntest Du das Tempo erhöhen, um die Spannung noch besser rüberzubringen. Manche Dinge hab ich erst im Nachinein verstanden, fand das aber nicht schlimm. Das Ende ist interessant und lässt Fragen offen.

Hier ein paar Leseeindrücke:

Keine Menschen waren zu sehen, nur geöffnete Regenschirme und Autos schoben sich durch die künstlich erhellten Straßen. Sieht nicht danach aus, dass der Regen in absehbarer Zeit aufhört, dachte Carmen und wandte sich vom Fenster ihres Büros ab.

Wortwiederholung

Eine oberflächliche Suche im Intranet deutet darauf hin, dass sie sich mit der Wirkung von Impfstoffen beschäftigten. Deren schnelle Änderbarkeit durch verschiedene Techniken.

Würde ich zusammenziehen.
Vorschlag: ... dass sie sich mit der Wirkung vom Impfstoffen und deren schnellen Änderbarkeit durch verschiedene Techniken beschäftigten.

Auf dem Weg zur Tür nahm sie ihre Jacke von der Garderobe und war schon fast aus dem Büro, als sie nochmal umkehrte und sich ihren Regenschirm schnappte. Und lächelte darüber, dass ihr diesmal schon früh aufgefallen war, was sie vergessen hatte.

Carmen fuhr über die Landstraße, die sie fast jedes Mal nach der Arbeit nahm.


Wortwiederholung.

Schon seit einigen Minuten fuhr ein Wagen hinter ihr. Zunächst mit konstantem Abstand, aber nun kam er schnell näher. Sie blinzelte, als das Licht im Rückspiegel heller wurde. Etwas durchschlug die Heckscheibe, pfiff an ihrem Ohr vorbei und hinterließ ein Loch im Glas vor ihr. Instinktiv drehte sie den Kopf ruckartig nach hinten und verzog dabei das Lenkrad. Der Wagen kam nach rechts von der Fahrbahn ab, fuhr auf ein Feld. Mit einem kurzen Aufschrei sah sie wieder nach vorne, ihre Hände verkrampften. Dünne Risse zogen sich von dem Loch über das Glas.

Das ist eine spannende Stelle. Vielleicht lässt Du sie noch schreien oder fluchen, sowas in der Art. Um ihre Emotionen während der Szene zum Ausdruck zu bringen.

m Rückspiegel erkannte sie den anderen Wagen, er hatte etwas weiter ebenfalls die Straße verlassen und folgte ihr. Bis sein Vorderreifen über etwas fuhr, das in der Dunkelheit und unter dem hohen Gras nicht zu sehen war. Für einen Moment bewegte sich der Wagen geneigt nur auf den zwei linken Reifen, dann fiel er auf die Seite und kam rutschend zum Stehen.
Carmens Hände schmerzten, als der Wagen immer mehr durchgerüttelt wurde, aber sie hielt gradlinig auf die wenigen Lichter am Horizont zu. Wenn sie richtig lag, befand sich dort das Nachbardorf, in dem ihre Freundin Yvonne wohnte.

Auch hier fehlen mir ihre Emotionen. Was fühlt sie? Was denkt sie? Um richtig mitfiebern zu können, brauch ich da mehr.

Sie hielt einige Meter vor der Straße, die am Dorf entlang führte und stellte den Motor ab. Blickte nochmal in den Rückspiegel, bevor sie die Augen schloss und versuchte, durch ruhiges Atmen die Gedanken und ihren zitternden Körper zu beruhigen.

Hast Du gleich weiter unten wieder.

Sie wollte es schon entsperren und Yvonne anrufen, als ihr Blick erneut auf den Rechner fiel. Und dabei an die seltsame Datei von Marc Bennett dachte. An den Schuss und die Verfolgung über das Feld, die zu ihrem Glück schnell vorbei war. Instinktiv schaltete sie das Smartphone vollständig aus, steckte es in ihre vorm Beifahrersitz stehende Handtasche. Sie nahm den Laptop und verließ den Wagen, schloss die Tür und aktivierte die Zentralverriegelung. Nach einigen Schritten eilte sie zurück, um auch die Handtasche mitzunehmen.

Das klingt ein wenig holprig.
Vorschlag: Sie wollte es schon entsperren und Yvonne anrufen, als ihr Blick erneut auf den Rechner fiel. Automatisch dachte sie an die seltsame Datei von Marc Benett, dann an den Schuss, die Verfolgung über das Feld. Sie holte tief Luft, schaltete das Smartphone vollständig aus, steckte es in ihre Handtasche, bevor sie den Laptop nahm und den Wagen verließ. Hastig schloss sie die Tür, aktivierte die Zentralverriegelung. Oh nein!, schoss es ihr durch den Kopf, als sie einige Schritte gegangen war. Sie eilte zurück, schnappte sich die Handtasche aus dem Wagen.

Hinter ihr war niemand zu sehen, als sie schnellen Schrittes zu Yvonnes Wohnung ging. Soweit die nassen Straßen es zuließen, zumindest hatte der Regen aufgehört. Schon nach wenigen Minuten erreichte sie das Mietshaus. Dennoch musste sie auf dem Weg mehrmals anhalten und sich an einer Hauswand abstützen, wenn das Zittern in ihren Beinen zurückkehrte.

Klingt ein wenig holprig.
Vorschlag: Immer wieder drehte sie den Kopf, als sie zu Yvonnes Wohnung lief. Niemand zu sehen. Zumindest hatte der Regen aufgehört. Die Strecke war nicht weit, dennoch musste sie mehrmals pausieren, sich an einer Hauswand abstützen, wenn das Zittern in den Knien zu stark wurde. Außer Atem kam sie schließlich vor dem Mietshaus an.

Carmen schloss die Augen und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand. Sie wollte gerade anfangen, zu erzählen, als Tränen ihre Wangen hinabliefen. Ihr ganzer Körper zitterte, fast hätte sie den Laptop fallen lassen.
Yvonne stellte das Glas auf eine Kommode und umarmte sie. Wartete geduldig, bis Carmen sich etwas beruhigt hatte. „Besser?“, fragte sie.
Carmen nickte, blieb aber weiter leicht zitternd stehen.
„Okay, dann hole ich dir gleich erst mal ein Glas Wein. Und du erzählst, was los ist."

Mir kommt in dem ganzen Text zu viel "zittern" vor. War grad schon im Abschnitt weiter oben und hier dann wieder. Das ist gar nicht nötig, dass Du das ständig wiederholst. Ihre Panik kommt auch so rüber.

Kann ich mir vorstellen. Aber wird sich schon alles aufklären. Vielleicht besteht ja gar kein Zusammenhang zu der Datei und … wie hieß er, Marc Banner?“
„Bennett. Kann sein, im Moment kann ich ohnehin kaum klar denken. War nur mein erster Gedanke, als ich aus dem Wagen stieg. Vielleicht gucke ich auch zu viel Fernsehen.“ Sie beugte sich zur Seite, nahm das Weinglas und trank doch noch einen Schluck.

Wortwiederholung.

Da sind sie schon“, sagte sie zu Carmen und wollte sich schon vom Fenster abwenden, als sie aus dem Augenwinkel ein weiteres Auto erblickte.

Wortwiederholung.

Der dunkelblaue Wagen fuhr nun wie in Zeitlupe. Oder war es ihre Wahrnehmung? Jemand mit einer schwarzen Gesichtsmaske hielt eine Pistole aus dem Beifahrerfenster und feuerte. Der erste Schuss traf einen der Polizisten in den Hinterkopf. Er brach zusammen, blieb regungslos liegen. Der andere wirbelte herum und griff instinktiv nach seiner Dienstwaffe. Eine Kugel traf ihn in die Schulter, er taumelte zurück und fiel. Hob dennoch die Waffe und schoss. Zuerst traf er den Außenspiegel, der splitternd auseinanderflog. Die Waffe des Angreifers zuckte zurück, Yvonne bemerkte jedes Detail. Der zweite Schuss erwischte den Angreifer, ein Schmerzensschrei hallte durch die Straße. Der Fahrer rief etwas und beschleunigte den Wagen, schon wenige Sekunden später war er nicht mehr zu sehen.

Diese Szene fand ich sehr spannend.

„Warte!“, rief Yvonne, machte das Licht im Wohnzimmer aus und folgte ihr. „Und wo willst du hin?“

Wortwiederholung.

Deine Handtasche. Irgendwann trage ich dir noch deinen Kopf hinterher.“
„Hoffentlich nicht. Danke.“

„Wir könnten zu meinen Eltern, sie wohnen in einer kleinen Gemeinde. In ´ner guten Stunde wären wir da“, sagte Yvonne.


Hier fand ich den Ortswechsel etwas abrupt.

Yvonne legte die rechte Hand auf Carmens Arm. „Im Moment wissen sie nicht, wo wir sind. Morgen früh bei Tageslicht sieht die Welt schon wieder anders aus, du wirst sehen.“

Wortwiederholung.

Carmen schätze ihn um die vierzig. Er hatte den Arm um eine Frau gelegt, die lachend neben ihm stand. Davor zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, beide eher verhaltend lächelnd. Vielleicht so um die zehn, schätzte Carmen und blickte erneut zu dem Mann. Erkannte sein Gesicht und begann, sich zu erinnern.

Doppelung.
Vorschlag: Carmen schätze ihn um die vierzig. Er hatte den Arm um eine Frau gelegt, die lachend neben ihm stand. Davor zwei Kinder, eine Junge und ein Mädchen, beide eher verhaltend lächelnd. Vielleicht um die zehn Jahre alt. Carmen blickte erneut zu dem Mann, erkannte sein Gesicht und begann, sich zu erinnern.

Marc Bennett. Das zufällige Kennenlernen auf der Jubiläumsfeier. Die gemeinsamen Mittagspausen und die Informationen, die er ihr nach und nach zu Valēre gab. Es ging um Kontrolle, geistige Schwäche. Eine Substanz, die Menschen injiziert wurde. Sie dadurch von außen durch Schlüsselwörter manipulierbar machte. Ihre Beine zitterten, sie setzte sich und schloss die Augen.

Hier war ich natürlich erstmal mega verwirrt, denn ganz am Anfang kommt ihr lediglich der Name bekannt vor und jetzt das. Hat mich sehr überrascht, aber im Verlauf der Geschichte fügt sich dann alles. Sehr gut. Hat mir gefallen.

Hier hast Du auch wieder "zittern".

Aber es war nicht gestern passiert, sondern heute. Der Schuss auf ihren Wagen, die Flucht mit Yvonne … nichts davon war geschehen. Noch nicht, aber es war eine mögliche Zukunft.

Und auch hier ein Überraschungsmoment.

Die Wirkung hält jedoch nur drei bis vier Tage, danach bist du nicht mehr gefährdet. Wahrscheinlich hast du bereits eine der Nebenwirkungen erlebt, eine Zukunftsvision. Begleitet von einem kurzzeitigen Gedächtnisverlust. Nach meinen bisherigen Recherchen hat noch niemand herausgefunden, wodurch dies geschieht.

Die Auflösungen finde ich jeweils sehr gelungen.

Ein Mann mit weißem Hut stand vor ihr, sein Gesicht im Schatten kaum zu sehen. Er nahm die Kopfbedeckung ab und lächelte sie an.
„Lange nicht gesehen“, sagte Marc.

Wortwiederholung.

Ich hab mich über das Wiedersehen der beiden gefreut.

Es hätte auch schief gehen können.“
„Ich weiß, aber du warst auch so in großer Gefahr. Einige der Testpersonen haben sie in den Tod geschickt.“

Wortwiederholung.

Was ist mit deiner Familie?“, fragte Carmen leise, fast so, als wünschte sie, er würde es nicht hören.
„Sie wissen, dass ich lebe. Wir werden eine unkomplizierte Lösung finden, für unsere Kinder. Hoffe ich zumindest.“
Vor dem Eingang blieb Carmen stehen, drehte sich um und lief zurück.
„Was ist?“, rief ihr Marc hinterher.
„Bin gleich wieder da. Hab mein Gepäck im Wagen vergessen.“

Und das Ende hat mich etwas verwirrt. Will sie nicht mehr mit ihm zusammensein, weil er Familie hat? Das hat sie ja anscheinend früher nicht gestört. Generell ein spannendes offenes Ende, aber hat mich etwas neugierig zurückgelassen.

Gern gelesen!

Liebe Grüße und einen schönen Tag,
Silvita

 
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Hallo @Silvita ,

danke fürs Lesen und den Kommentar!

Manche Dinge hab ich erst im Nachinein verstanden, fand das aber nicht schlimm.
Ich habe hierbei versucht, es durch die Datei, die Carmen von Marc erhält, etwas ausführlicher zu erklären. Die detaillierten Hintergründe zu Valēre würden wahrscheinlich für eine weitere Geschichte reichen, aber hierbei sollte es vordergründig um Carmens Erlebnisse gehen.

Würde ich zusammenziehen.
Vorschlag: ... dass sie sich mit der Wirkung vom Impfstoffen und deren schnellen Änderbarkeit durch verschiedene Techniken beschäftigten.
Habe ich so übernommen, danke für den Vorschlag!

Das klingt ein wenig holprig.
Ich habe die beiden Textstellen überarbeitet und dabei einige deiner Vorschläge übernommen.

Mir kommt in dem ganzen Text zu viel "zittern" vor. War grad schon im Abschnitt weiter oben und hier dann wieder. Das ist gar nicht nötig, dass Du das ständig wiederholst. Ihre Panik kommt auch so rüber.
Habe es etwas reduziert, war mir in der Vielzahl gar nicht aufgefallen ...

Hier fand ich den Ortswechsel etwas abrupt.
Es fehlt demnach der Weg von der Wohnung zum Wagen und wie sie losfahren. Die Geschichte ist nur ohnehin schon etwas länger und es würde dabei nichts nennenswertes passieren, werde es also erstmal so lassen.

Hier war ich natürlich erstmal mega verwirrt, denn ganz am Anfang kommt ihr lediglich der Name bekannt vor und jetzt das. Hat mich sehr überrascht, aber im Verlauf der Geschichte fügt sich dann alles. Sehr gut. Hat mir gefallen.

Hier hast Du auch wieder "zittern".

Das freut mich, wenn zum Ende hin zumindest Carmens und Marcs Situation deutlich wird!
Das erneute "zittern" habe ich entfernt.

Die Auflösungen finde ich jeweils sehr gelungen.
Danke, dadurch, dass Marc es in der Datei mitteilt, konnte ich hier etwas telliger werden ...

Und das Ende hat mich etwas verwirrt. Will sie nicht mehr mit ihm zusammensein, weil er Familie hat? Das hat sie ja anscheinend früher nicht gestört. Generell ein spannendes offenes Ende, aber hat mich etwas neugierig zurückgelassen.
Es war eigentlich nur als abschließende Anspielung gedacht zu Carmens Vergesslichkeit, ihre Füße waren mal wieder schneller als ihre Gedanken ... daher hat sie das Gepäck im Wagen vergessen und holt es nun.
Sie möchte schon bei Marc bleiben, dies sagt sie ja im Prinzip auch am Ende:
"Bin gleich wieder da. Hab mein Gepäck im Wagen vergessen.“
Hierbei sollte es also keine versteckte Anspielung sein ;)

Die Emotionen während der Verfolgung zu Beginn habe ich recht knapp gehalten, das stimmt natürlich. Ich habe es hauptsächlich dadurch angedeutet, dass ihr Kopf ruckartig herumfährt, ihre Hände verkrampfen und schmerzen ... Andererseits passiert alles sehr schnell und danach wird ja m.E. auch nach und nach deutlich, wie sehr Carmen die Geschehnisse mitnehmen. Muss ich nochmal schauen, werde es erstmal so lassen.

Die Wortwiederholungen habe ich aufgelöst, super, was dir noch alles aufgefallen ist!

Danke für deine Eindrücke, sie haben einige Formulierungen auf jeden Fall verbessert.

Viele Grüße und noch einen schönen Tag,
Rob

 
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Hi @Rob F

Ich wollte auch noch einmal bei Dir vorbei schauen. Ich hatte deine Geschichte schon vor Tagen gelesen und fand sie irre spannend. Ich habe es bereut nicht mitgeteilt zu haben, doch irgend etwas hat mich abgelenkt, in meinem eigenen Leben. ich wollte mir Zeit nehmen, nicht einfach nur schreiben. Sie hat mir beim ersten lesen super gefallen. Ich fand sie und finde sie sehr gut geschrieben. Ich bin ihr Gefühlsmäßig gefolgt und fühlte mit. Die Ambiente ist super. es ist ein Krimi und man will weiter lesen.
Die Verfolgungsjagt fand ich gut gemacht. Auch der Kampf von Carmen mit ihren Ängsten. Die Flucht über die Felder, ... es hat mich nicht einmal gestört, dass es nicht geholpert hat.

in der Wohnung. Wahrscheinlich ein Elektrofahrzeug, dachte sie. Und bekam Gänsehaut, als sie die getönten Scheiben sah. Sie sah weiter zu, als die beiden Polizisten aus dem Auto stiegen. Die Zentralverriegelung aktivierten und sich dem Hauseingang näherten. Der andere Wagen war fast auf gleicher Höhe, als die Scheibe des Beifahrers heruntergefahren wurde.
„Was ist los?“, fragte Carmen. Sie hatte sich aufgerichtet und betrachtete Yvonne, bemerkte ihre Anspannung.
„Irgendetwas stimmt nicht …“
Der dunkelblaue Wagen fuhr nun wie in Zeitlupe. Oder war es ihre Wahrnehmung? Jemand mit einer schwarzen Gesichtsmaske hielt eine Pistole aus dem Beifahrerfenster und feuerte. Der erste Schuss traf einen der Polizisten in den Hinterkopf. Er brach zusammen, blieb regungslos liegen. Der andere wirbelte herum und griff instinktiv nach seiner Dienstwaffe. Eine Kugel traf ihn in die Schulter, er taumelte zurück und fiel. Hob dennoch die Waffe und schoss. Zuerst traf er den Außenspiegel, der splitternd auseinanderflog. Die Waffe des Angreifers zuckte zurück, Yvonne bemerkte jedes Detail. Der zweite Schuss erwischte den Angreifer, ein Schmerzensschrei hallte durch die Straße. De

Hier jedoch eine Stelle die etwas zu genau ist, wenn man sie, so wie ich, mit den Augen von Yvonne wahrnimmt. Und ich denke das ist dein Ziel. Die Zentralverriegelung müsstest du vielleicht in das Aufblitzen der Blinker übersetzen und den Kopfschuss in das Zusammenbrechen eines Polizisten, oder es riss ihm z.B. das Ohr ab, oder so, so wie es Yvonne von ihrem Fensterplatz eben erlebt, damit könntest du sie noch effektvoller machen, denke ich und Du würdest den Leser mehr an die Personen heranführen.

Es hat mich amüsiert das es in deiner Kurzgeschichte um Impfungen geht. Um ein Kartell das auch mit kriminellen Machenschaften zu tun hat. Sehr Aktuelle, gerade in dem Augenblick wo sich jeder Impfen lassen soll und die Methoden der Pharmaindustrie in den Alternativmedien aufgezeigt werden.
Auch hat mich die ganze Art deines Road-Krimis, an "Schnupfen" von Stanislaw Lem denken lassen.
Auch heute ende ich hier aus Zeitmangel.
Lass Dich gegrüßt fühlen und ich wünsche Dir noch eine schöne Woche.

G.

 
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Hallo @G. Husch ,

danke fürs Lesen und deine Eindrücke!

Sie hat mir beim ersten lesen super gefallen. Ich fand sie und finde sie sehr gut geschrieben. Ich bin ihr Gefühlsmäßig gefolgt und fühlte mit. Die Ambiente ist super. es ist ein Krimi und man will weiter lesen.
Danke, das freut mich auf jeden Fall! Sie ist ja etwas länger, ich hatte die Sorge, dass die ein oder andere Szene vielleicht zu ausführlich ist, oder ich inhaltlich den Faden verliere.

Hier jedoch eine Stelle die etwas zu genau ist, wenn man sie, so wie ich, mit den Augen von Yvonne wahrnimmt. Und ich denke das ist dein Ziel. Die Zentralverriegelung müsstest du vielleicht in das Aufblitzen der Blinker übersetzen und den Kopfschuss in das Zusammenbrechen eines Polizisten, oder es riss ihm z.B. das Ohr ab, oder so, so wie es Yvonne von ihrem Fensterplatz eben erlebt, damit könntest du sie noch effektvoller machen, denke ich und Du würdest den Leser mehr an die Personen heranführen.
Ja, das ist auf jeden Fall ein wichtiger Hinweis, gut aufgepasst! Hierbei hatte ich gar nicht daran gedacht, es mir aus Yvonnes Sicht vorzustellen. Ich habe diese Szene nun entsprechend angepasst.

Es hat mich amüsiert das es in deiner Kurzgeschichte um Impfungen geht. Um ein Kartell das auch mit kriminellen Machenschaften zu tun hat.
Hierbei war ich mir nicht sicher, ob es nicht auch stören könnte, nach dem Motto:
"Jetzt nicht auch noch etwas mit Impfungen in einer Geschichte, das Thema haben wir ja in den täglichen Nachrichten schon genug ..."
Freut mich also, wenn es hier ganz gut gepasst hat!

Auch hat mich die ganze Art deines Road-Krimis, an "Schnupfen" von Stanislaw Lem denken lassen.
Kenne ich bisher nicht, aber vielleicht sollte ich da mal reinschauen :gelb:

Vielen Dank für den Kommentar und deine Meinung!

Und noch einen schönen Tag ...
Rob

 

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