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Eine junge Frau mit kurzen, braunen Haaren geht die Fußgängerzone entlang. Sie hat es eilig, überholt andere Passanten. Wie wohl ihre Welt aussieht, frage ich mich, als ich aus dem Fenster meines Büros im zweiten Stock blicke.
Ich sitze hier an diesem grauen Tag und erarbeite die Zukunft eines Unternehmensbereichs. Mit weniger Mitarbeitern und wissend, dass auch meine Tätigkeit hier enden wird. Aber davon weiß die junge Frau nichts. Ihre Welt ist eine andere, nun überschneidet sie sich mit meiner.
Ich versuche, mir ihre Gedanken vorzustellen. Vielleicht ist sie auf dem Weg zu einem Termin. Aber sie ist zu spät losgegangen, jetzt ist sie genervt. Ihre Gedanken überschlagen sich. Sie geht an diesem Gebäude vorbei, beachtet es nur nicht. Würde sie nach oben sehen, könnte sie mich am Fenster entdecken. Ist sie nun Teil meiner Welt, aber ich nicht ihrer?
Vielleicht versuche ich es zukünftig mal im Verkauf, überlege ich, als ich zu dem Kaffeeverkäufer blicke, an dem die junge Frau vorbeieilt.

Ich sehe erneut auf die Uhr meines Smartphones. Noch knapp zehn Minuten bis zum Vorstellungsgespräch im Krankenhaus. Warum musste ich unbedingt noch ans Telefon gehen, als ich schon weg sein wollte?
Die Passanten nerven mich, als würden sie absichtlich langsam gehen um mir im Weg zu sein. Wie schon so oft gehe ich an dem grauen Gebäude vorbei. Bestimmt arbeiten hier nur Langweiler in Anzügen. Halten sich für wichtig, während sie aus dem Fenster sehen und in Gedanken den nächsten, teuren Urlaub planen. Mich erwarten wahrscheinlich Doppelschichten und ein eher fragwürdiges Gehalt.
Als wenn mich einer von denen beachten würde, in ihrer eigenen Welt. Genauso wie der Mann hinter seinem mobilen Kaffeestand. Wie oft habe ich ihm schon zugenickt, manchmal auch gelächelt. Aber ich scheine für ihn ein Geist zu sein, wie auch jetzt.

Nicht mehr lange und die Temperaturen gehen deutlich runter. Wodurch sich meine Arbeit nicht ändert, nur meine Kleidung. Kaffee wollen die Leute immer, bei jedem Wetter. Solange sie einkaufen gehen und hier in der Nähe arbeiten.
Ich sehe die junge Frau mit den kurzen, braunen Haaren erst, als sie schon fast vorbei ist. Heute hat sie es eilig. Wie lange hat es gedauert, bis ich endlich kapiert habe, dass sie tatsächlich mir zunickt? Manchmal sogar lächelt. Und ich bringe nicht mal den Mut auf, es zu erwidern. Aber vielleicht beim nächsten Mal, nun ist es wieder zu spät.
Schon seit fast einer Viertelstunde kein Kunde mehr. Ich blicke auf das graue Bürogebäude. Die Fenster sind hell erleuchtet an diesem grauen Tag. Auf der zweiten Etage sitzt ein Mann am Fenster, sein Blick scheint jemandem zu folgen. Vielleicht der jungen Frau? Würde uns dies miteinander verbinden?
Es ist ein schöner Gedanke, so selten, wie hier jemand mit mir spricht.
 
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Senior
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Hi @Rob F,
Aber davon weiß die junge Frau nichts. Ihre Welt ist eine andere, aber nun überschneidet sie sich mit meiner.
Fiel mir zu Beginn auf mit den beiden "aber". Kein schlechter Gedanke, so einen Zirkelbezug zwischen unterschiedlichen Personen herzustellen. A > B > C, das vertrüge sogar noch mehr Personen und noch mehr Inhalt, aber das geistert jetzt in meinem Kopf und hat natürlich mit deinem Text nix zu tun.

Mir gefällt auch, dass zumindest einer der Menschen eine Verbundenheit zwischen all den dem Leben unterworfenen Individuen herstellen kann, sich einen Blick für das Ganze bewahrt. Seltsamerweise sind das nicht selten Kneipiers, Barleute oder eben jemand wie dein Kaffeestand-Mann; auch weil er einen Fixpunkt im Gewusel der anderen darstellt.

Rein lesetechnisch habe ich den Eindruck, du bist zwischendurch deinen Gedanken gefolgt und hast ein paar Unterbrechungen gehabt, etwas aus dem Fluss gekommen. Dann sind Satzanfänge wie aus dem Rhythmus.

Hab ich gern gelesen.
Griasle
Morphin
 
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18.01.2021
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Drei sich völlig fremde Personen, die in der Zeitspanne eines Wimpernschlag ihres Lebens, miteinander unbewusst verbunden sind. Jeder im Gedanken mit seinem Problem und trotzdem die Frage, was mag der andere, Fremde, den man zwar sieht, aber trotzdem nicht wahrnimmt, denken. Eine Geißel unserer modernen Welt, die fehlende Kommunikation untereinander. Im Gegensatz zu Morphin bin ich der Ansicht, das die drei Personen ausreichen. Aber das ist eine optionale Meinung. Hat mir gut gefallen und ließ sich flüssig lesen.
L.G.
Retep
 
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09.12.2019
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Hallo @Morphin ,

danke für deinen Kommentar!

Ich plane Geschichten inhaltlich nicht im Detail, sondern fange jeweils mit einer Grundidee und einer ersten Szene an. Aber ich notiere mir zumindest ab und zu Handlungsideen und eine davon ist ein Satz eines damaligen Deutschlehrers:

Man kann nicht nicht kommunizieren.

Dem folgend also dieser kurze Text. Jeder kommuniziert an seine Umwelt, an alle, die einen wahrnehmen. Einige davon bemerken wir gar nicht, wie hier die junge Frau den Büroangestellten, der sie beobachtet. Oder wir kommunizieren nonverbal, wie zwischen der Frau und dem Kaffee-Verkäufer. Wobei die Frau davon ausgeht, dass der Verkäufer sie gar nicht wahrnimmt, was jedoch nicht stimmt. Und so geht es ja permanent zu im Alltag.

Fiel mir zu Beginn auf mit den beiden "aber"
Nun ist es nur noch eins.

Mir gefällt auch, dass zumindest einer der Menschen eine Verbundenheit zwischen all den dem Leben unterworfenen Individuen herstellen kann, sich einen Blick für das Ganze bewahrt. Seltsamerweise sind das nicht selten Kneipiers, Barleute oder eben jemand wie dein Kaffeestand-Mann; auch weil er einen Fixpunkt im Gewusel der anderen darstellt.
Ich hoffe, dass trotz der wenigen Zeilen pro Person deren unterschiedliche Denkweisen sichtbar werden. Der eine nüchtern/analysierend, die junge Frau eher hektisch und genervt, weil sie gerne mehr Zeit hätte. Und der Kaffee-Verkäufer umsichtig und mit dem Versuch, die Menschen auch als Menschen zu sehen, nicht nur als vorbeilaufende Statisten.

Also falls die Drei mal zufällig aufeinander treffen, dann bestimmt an seinem Kaffeestand :gelb:

Hab ich gern gelesen.
Danke, freut mich!

Viele Grüße,
Rob


Hallo @Retep ,

freut mich, dass du den Text gelesen hast, danke für dein Feedback!

Jeder im Gedanken mit seinem Problem und trotzdem die Frage, was mag der andere, Fremde, den man zwar sieht, aber trotzdem nicht wahrnimmt, denken. Eine Geißel unserer modernen Welt, die fehlende Kommunikation untereinander.
Ich habe in meiner vorherigen Antwort an @Morphin ein wenig die Grundidee hierzu beschrieben, der Satz eines ehemaligen Lehrers zur permanent stattfindenden Kommunikation.
Ein Zeichen der heutigen, hektischen Zeit ist es dann leider, dass immer weniger Kommunikation durch tatsächliche Gespräche stattfindet. Und auch bei Gesprächen, die im hektischen Alltag, vor allem im Arbeitsalltag, noch stattfinden, ist es ja oft eher ein kurzes informieren, anstatt tatsächlich über etwas zu sprechen, zu diskutieren.

Im Gegensatz zu Morphin bin ich der Ansicht, das die drei Personen ausreichen.
Ich kann es mir im Moment auch schwer vorstellen, ohne dass es zu unübersichtlich wird. Schon bei vier statt drei Personen ginge es ja schon um deutlich mehr Konstellationen untereinander.
Ich glaube, das käme für mich nur in Frage, wenn ich die Personen ausführlicher darstelle, die aus einem eigentlich nicht nachvollziehbaren Grund nicht direkt miteinander kommunizieren. In so einer Kurzdarstellung wie in diesem Text würde es glaube ich eher verwirren und seine Aussage verlieren.

Hat mir gut gefallen und ließ sich flüssig lesen.
Danke! :)

Danke für deine Eindrücke und viele Grüße!
Rob
 

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