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Vor ihrem Haus

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02.01.2011
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Vor ihrem Haus

Christian steht neben seinem silbernen Toyota-Geländewagen auf dem Parkplatz von REWE; er hat den Rücken durchgestreckt, die Beine breit auseinander. Er trägt seine dunkelgrüne Arbeitshose mit den Seitentaschen, Sicherheitsschuhe, einen Fleece-Pullover und darüber die blaue Daunenweste mit dem Reißverschluss geöffnet. Die Hände in den Jackentaschen. Sein Gesicht ist geprägt von den hervortretenden, hellen und leuchtenden Augen, die in tiefen Höhlen liegen. Den dicklichen Backen. Dem kleinen Mund. Den Geheimratsecken. Den verwachsenen, holzbraunen Haaren, die am Hinterkopf jede Form verloren haben.
Jacky biegt ihren Volvo über die Fahrbahnschwelle auf den Parkplatz. Ihr Wagen wackelt und klappert, als sie Christian dort stehen sieht. Sie trägt rosa Fäustlinge aus Hasenfell, eine senfgelbe Daunenjacke, stonewashed Jeans, Lammfell-Boots und ein Stirnband.
Sie steuert den Wagen neben den Unterstand der Einkaufswägen. Sie schaltet den Motor ab, bleibt einen Moment sitzen. Die Fensterscheiben ihres Wagens sind gefroren; nur kleine Löcher, kaum größer als ihre Handteller, sind frei gekratzt. Dann steigt sie aus, steckt den Schlüssel ins Türschloss und verriegelt den Wagen. Der Frost auf dem Asphalt glänzt. Ihr Atem kondensiert. Die Wolkendecke steht tief, dick, grau und schneeweiß. Die Sonne scheint schwach und farblos.
»Hallo«, sagt Christian.
Er steht wie eine Statue vor seinem Wagen; übergroß. Unbewegt. Seine Stimme klingt tief und heiser. Er spricht das L mit schwerer, nach vorne geschobener Zunge nach fränkischer Mundart. Er blickt sie unverhohlen an.
»Hallo«, sagt sie und lächelt leicht.
Sie bleibt vor ihm stehen und sieht hoch zu ihm. »Also?«, sagt sie.
Er blickt über sie hinweg, ohne Lächeln, über den Parkplatz. Dann schaut er kurz zu ihr, nickt und sagt: »Ja.«
Er nimmt die Hände aus der Jacke, steckt die Daumen in die Hosentaschen. Er schaut ihr einen Moment ins Gesicht. Dann dreht er sich um, geht zur Beifahrertür, öffnet sie und beginnt, mit rosigen Wangen zu lächeln. Seine Backen glänzen frisch rasiert im Sonnenlicht. Auch das Blech seines Toyotas und die Radabdeckkappen glänzen frisch gewachst und poliert.
Sie steht da, die eine Hand am Gurt ihrer Handtasche, und sagt: »Einen Kaffee?«
»Einen Kaffee«, sagt er und nickt, die Hand an der Wagentür.
Er streckt den Kopf ins Wageninnere, sieht mit glasigen Augen hinein; dann blickt er wieder zu ihr.
Sie steht da und sieht ihn an: Wie er dort steht. Den Arm über die geöffnete Wagentür. Die Hand in der Hosentasche. Die Beine überkreuzt.
Sie läuft zum Beifahrereingang, nimmt die Handtasche von der Schulter und steigt in den Geländewagen.
Sie legt die Tasche auf ihren Schoß und hält sie mit beiden Händen.
Er schließt die Beifahrertür, langsam und behutsam, mit einer Zärtlichkeit, mit der man Kleinkinder berührt.
Die Tür schließt nicht richtig, also öffnet er sie erneut und stößt sie mit einem Ruck zu.
Der Wagen wackelt.
Die Kette mit dem Buddha, die am Rückspiegel hängt, schaukelt.
Jacky blickt durch die Windschutzscheibe. Ein aufgeschaufelter Schneeberg liegt an der Hecke des Parkplatzrandes. Der Schnee strahlt weiß im Licht; aber auch grau-brauner Matsch lugt wie Fäulnis aus seiner Oberfläche.
Christian läuft an der Fahrzeugfront vorbei; eilig, in großen Schritten. Einen Moment glaubt Jacky, er humpelt. Aber es ist nur seine eigene, sonderbare Art, schnell zu gehen.
Christian öffnet die Fahrertür, steigt mit einem Ächzen ein und setzt sich.
Er sieht Jacky einen langen Moment ins Gesicht, ohne Lächeln; wortlos, schnaufend, mit einem Bein aus dem Wagen hängend; sein Mund offen. Die Unterlippe abstehend. Die kurzen, grauen Zähne. Die Spalte zwischen den oberen, vorderen Schneidezähnen.
Er hebt sein Bein ins Innere, schließt die Tür und sieht ihr wieder in die Augen. Seine Nase nach oben gebogen, spitz und breit. Das tiefe Kinngrübchen. Sein Atem.
»Also?«, fragt Jacky.
Sie blickt noch durch die Windschutzscheibe. Ihre Hände liegen auf der Tasche.
Sie schaut zu ihm. »Was gibtʼs?«, fragt sie. Dann: »Was hast du mir Wichtiges mitzuteilen?«
Er lächelt mit rosa Wangen. Der kleine Mund; der kantige, ovale Schädel. »Einen Kaffee«, sagt er.
Im Getränkehalter vor dem Schaltknüppel stecken zwei To-Go-Becher von Höreder Bäck.
Er streckt die Hand aus und zeigt auf die braunen Pappbecher. Sein Mund geschlossen.
»Ja«, sagt sie. Der Geruch von Tapetenkleister, Schweiß und Holzspänen strömt von ihm. Aber auch der eines blumigen Damen-Deodorants.
Christian streckt seine Hand aus, bückt sich nach vorne, ächzt und legt seine Finger um den Pappbecher. Er hebt den Kaffee zu seinem Mund, blickt Jacky mit großen, ängstlichen, fragenden Augen ins Gesicht. Er spitzt die Lippen, setzt den Schnabel des Plastikdeckels an den Mund und nimmt einen Schluck.
Als er den Becher absetzt, macht er: »Ah.«
Er sieht ihr noch in die Augen. Seine dicken, kräftigen, rosa Hände. Die breiten, großen Finger, in denen alles befremdlich klein wirkt.
Jacky greift mit der Rechten nach ihrem Pappbecher, trinkt einen Schluck.
»Mit fetter, heißer Milch«, sagt er, »viereinhalb Prozent Fett, wie duʼs magst.« Er sagt: »Ich hab extra gefragt, dass es auch die richtige ist.«
Jacky fährt sich mit der Zunge über die Hinterseite ihrer Zähne, über den Gaumen. Sie sieht auf die digitale Temperaturanzeige in der Mittelkonsole: 23 ℃. Anschließend zieht sie sich mit den Händen, die noch in den Fäustlingen steckten, das Stirnband ein Stück am Ohr zurecht.
Sie sieht durch die Windschutzscheibe.
»Danke«, sagt sie.
Dann blickt sie ihm ins Gesicht und sieht ihn wortlos an.
»Jedenfalls«, sagt er, lächelt und legt den linken Arm auf das Lenkrad, »machen wir das mit der Werkstatt jetzt. Es ist sicher. Hubi war gestern noch mal bei der Bank. Sie machen es.«
»Das ist super«, sagt sie.
Ihre Hand liegt auf der Handtasche.
Er beginnt, mit rosigen Wangen zu lächeln. Seine hellen Augen werden einen Moment gläsern, als würden Tränen in ihm aufsteigen.
Jacky lächelt nicht. Sie bewegt sich nicht. Ihre Augen sind weit geöffnet, die Brauen tief in die Stirn gezogen.
»Es ist schön, dass ihr das macht«, sagt sie.
»Ja«, sagt er. Das Lächeln in seinem Gesicht verschwindet und er dreht den Kopf, blickt durch die Windschutzscheibe. Er nickt.
Sie sieht, wie sich die einzelnen Finger seiner großen Hand auf dem Lenkrad bewegen. Sie hört sein Atmen. Erst jetzt fallen ihr die Sägespäne auf, die ihm wie Haarschuppen auf dem Fleece-Pullover liegen.
Sie fährt sich mit der Zunge über die Lippe, blickt auf die Temperaturanzeige der Mittelkonsole, die Hand an der Tasche.
»Das wollte ich dir nur sagen«, sagt er, »damit du auf dem Laufenden bleibst. Damit du weißt, was abgeht.«
Christian schaut ihr wieder unverhohlen ins Gesicht. Sein Blick springt abwechselnd von ihrem rechten ins linke Auge. »Wir können wohl einen Großteil der Maschinen übernehmen«, sagt er.
»Danke«, sagt Jacky. »Dass du mir das gesagt hast.« Sie nickt und blickt ihm ins Gesicht.
Er sieht sie an; mit großen, ängstlichen, fragenden Augen und zusammengepressten Lippen.
Er schaut wieder durch die Windschutzscheibe. Dann hebt Christian den Pappbecher zu seinen Lippen, legt den Kopf in den Nacken und trinkt vier kräftige Schlücke aus dem Schnabel.
Sein Adamsapfel bewegt sich wie der Schlitten einer Pistole.
Er setzt den Becher ab. Mit Daumen und Zeigefinger streicht er sich über die Unterlippe. Er schnauft tief ein und aus. »Das wird alles verändern«, sagt er leise und heiser. Er räuspert sich, blickt in den Fußraum und wischt mit der Hand etwas vom Hosenbeinstoff seines Oberschenkels. »Eigentum verändert«, sagt er.
Sie blickt ihn wortlos an, mit den Brauen weit in die Stirn gezogen, den Pappbecher im Fäustling.
»Das sagt man«, sagt sie.
Sie sieht ihn weiter an, regungslos, und er blickt regungslos durch die Windschutzscheibe.
Christian räuspert sich, streicht mit Daumen und Zeigefinger über seine Unterlippe. Er atmet tief ein.
»Okay«, sagt er.
»In Ordnung«, sagt sie. »Danke dir für den Kaffee«, sagt sie, »und dass du mir das gesagt hast.«
Sie lehnt sich nach vorne und stellt den Pappbecher in den Getränkehalter.
Er sitzt regungslos da; aus dem Augenwinkel blickt er auf den Kaffeebecher im Getränkehalter.
Dann sieht er wieder durch die Windschutzscheibe.
»M-hm«, sagt er.
Er atmet tief durch die Nase ein und aus.
Schließlich öffnet Christian die Fahrertür, hebt die Füße aus dem Wagen und stützt sich mit der Hand an die Karosserie.
Als er aus dem Auto steigt, rutscht ihm die Daunenweste hoch.
Jacky sieht das hellblaue Messerholster, das er versteckt hinten am Gürtel trägt. Sie sieht den orangen Kunststoffgriff des Mora-Messers oben aus dem Holster stehen.
Jackys mit Sommersprossen gesprenkeltes Gesicht läuft an. Ihr rotes, struppiges Haar sieht aus wie ein brennender Busch. Sie greift mit beiden Händen nach ihrer Handtasche, hält den Stoff fest in den Fingern.
Christian geht an der Fahrzeugfront vorbei, mit seinem humpelnden Gang.
Christian öffnet die Beifahrertür. Das Auto wackelt.
»Danke«, sagt sie, blickt kurz hoch zu ihm und steigt aus dem Geländewagen.
Er nickt und blickt über den Parkplatz.
Die Haut seines Gesichtes wirkt fahl und grau. Seine Augen gläsern und matt.
»Ich liebe dich«, sagt er. »Ich möchte, dass du dir Gedanken über das machst, was wir heute besprochen haben.« Er sagt: »Auf uns wartet ein ganz neues Leben.«
»Ja«, sagt sie. »Mach ich. Aber du weißt, wie es ist.« Dann sieht sie ihm in die Augen und wiederholt: »Du weißt, was ist.«
»Du wirst sehen.« Er sagt: »Nur Geld kann einen verändern. Wenn ich eins gelernt hab, dann das. Dass wenn du kein Geld hast, du Sachen machst und sagst, die du bereust. Die dich und deine Liebsten verletzen. Und wenn du Kohle hast, dass all das nicht passiert. Dass du zu einem besseren Du wirst. Geld heilt und Geld verletzt«, sagt er, »so ist’s nun mal. Mein Wort gilt.«
Er tippt sich mit dem Zeigefinger auf die Stirn. »Nicht so wie Lasse oder Marco. Ich mach’ mein eigenes Ding. Du wirst sehen. Ich versprech es dir. Wenn ich es einem versprechen möcht’, dann dir. Ich weiß, dass wir füreinander bestimmt sind. Du bist mein Engel. Du bist von dort oben, von Mama, gekommen, und hast mich gerettet.«

Sie läuft über den Parkplatz. Raben hocken auf dem Flachdach von REWE und krähen.
Jacky entriegelt die Fahrertür und steigt in ihren Volvo.
Sie schließt die Tür, drückt den Verriegelungsknopf nach unten und schmeißt die Handtasche auf den Beifahrersitz.
Einen Moment sitzt sie regungslos da und blickt aus dem Fenster. Sie atmet tief ein, bläst die Backen auf und pustete ihren Atem aus.
Sie zieht die Fäustlinge von den Händen und startet den Motor. Der Kaffee klebt wie Zucker an ihren Zähnen. Christians Geruch liegt wie Sauerkirsche auf ihrer Zunge.
Sie öffnet die Fahrertür und spuckt auf den Boden. Zweimal. Dreimal.
Sie schließt die Fahrertür, drückt den Verriegelungsknopf nach unten und fährt sich mit dem Ärmel über den Mund.
Mäusebussarde kreisen über die gefrorenen und schneebedeckten Äcker, die an REWE grenzen.
Sie sieht in den Rückspiegel und blickt einen Moment in die eigenen Augen.
Sie atmet tief ein und aus.

Sie sieht Christian einen Tag später, am Abend.
Sie reiht sich im REWE mit dem Einkaufswagen in die Kassenschlange ein.
Er steht am Bäckereiverkauf. Vornübergebeugt lehnt er mit den Ellbogen auf der Glasvitrine. Unter seiner Daunenweste lugt das Messerholster hervor.
Die Verkäuferin – blond, Pferdeschwanz, breite Wangenknochen, Anfang zwanzig – antwortet Christian lächelnd.
Er hält zwei Schachteln Pall Mall in der Hand. Die Beine überkreuzt.
Die Verkäuferin lächelt und antwortet Christian, und er lacht, senkt den Kopf, nickt und hebt ihn wieder.
Hinter dem Bäckereitresen spricht sie mit einem Kunden, geht zur Kaffeemaschine und stellt eine Tasse unter.
Die Verkäuferin blickt zu Christian, lächelt und spricht.
Christian öffnete die Plastikumhüllung einer Kippen-Schachtel, steckt sich eine Zigarette hinters Ohr und spricht etwas, lächelnd.
An der Kasse zahlt Jacky.
Sie blickt zu Christian. Dann sieht sie auf das Kassenband und ihre Hände.
Der junge Kassier ist höchstens neunzehn. Seine Fingernägel sind schwarz lackiert.
Sie hebt Milch, Toastbrot, Toilettenpapier, Erdnussbutter, Flips und zwei Sixpacks Kronenbier in den Einkaufswagen.

Vor dem Supermarkt schiebt Jacky den Einkaufswagen zu ihrem Volvo. Christian kommt aus den Schiebetüren gerannt. Die Dunkelheit liegt ölschwarz auf dem Parkplatz. Nur die Neonröhren von REWE strahlen.
Er hustet und röchelt, als er sie einholt.
»Warte«, sagt er.
Sie sieht ihm ins Gesicht. »Das hättest du nicht gebraucht.«
»Doch.« Er sagt: »Es ist nicht, wie du denkst.«
Sie sieht die Zigarette, die hinter seinem fleischigen Ohr steckt.
»Ich weiß nicht, von was du redest«, sagt sie.
»Da ist nichts zwischen mir und ihr«, sagt er.
»Es geht mich nichts an«, sagt sie. Dann: »Und selbst, wenn.«
Sie öffnet die Heckklappe; er beginnt hastig, Milchpackungen in den Kofferraum zu verladen.
»Hör auf«, sagt sie.
Christians Augen leuchten wie Scheinwerfer.
Sie hebt einen Sixpack Kronenbier in den Kofferraum.
»Das hätte ich auch selber gekonnt«, sagt sie. »Denkst du, dass ich dich dafür brauche?«
Er keucht noch; Atemwolken strömen aus seinem Mund.
Jacky läuft zur Fahrertür, öffnet sie und steigt in den Wagen.
Christian steht am Heck, mit den Daumen in den Hosentaschen.
Er sagt: »Es tut mir alles wahnsinnig leid.«
Sie parkt rückwärts aus und legt den ersten Gang ein.
In der pechschwarzen Dunkelheit sieht sie ihn zwischen den anderen Autos stehen.
Er ist achtunddreißig Jahre alt, und sein Schatten glänzt wie Lack.

Zuhause klingelt das Telefon.
Sie löscht das Licht.
Sie geht in den Gang, schiebt am Fenster den Vorhang einen Spaltbreit zur Seite und blickt hinunter auf die Straße.
Sie sieht die kreisrunden, eulenhaft leuchtenden Scheinwerfer von Christians Toyota.
Er steht halb auf dem Gehweg geparkt, neben einer hohen Hecke. Das Wageninnere ist dunkel.
Das Telefon klingelt.
Schnee flimmert, vom Wind aufgewirbelt, durch die Dunkelheit. Straßenlaternen werfen grelles, weißes Licht auf den Gehweg und Asphalt.
Das Telefon klingelt noch immer.
Sie nimmt den Hörer ab.
»Ja?«, sagt sie.
»Ich binʼs«, sagt Christian. »Ich bin jetzt da.«
Sie sieht einen Moment das Flimmern des Schnees, die schattigen Umrisse seines Toyota.
Schweigen.
»Du brauchst nix sagen«, sagt er.
Sie hört ihn ein- und ausatmen. Er erzeugt beim Ausatmen durch die Nasenlöcher einen hohen, traurigen Ton.
»Ich will einfach, dass du mir zuhörst. Es tut mir unendlich leid, was ich gemacht hab. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie leid mir das tut. Ich hab noch nie was so abgrundtief bereut wie das, was ich gemacht und zu dir gesagt hab. Ich denk jeden Tag daran. Ich krieg keine Minute rum, ohne daran zu denken. Mein ganzer Kopf ist voll damit. Ich hab noch nie so intensiv über eine Sache nachgedacht.«
Für einen Moment klingt er, als bekäme er Atemnot.
Aber es ist nur seine eigene, seltsame Art, zu weinen.
»Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll. Ich bin dabei, den Verstand zu verlieren. Entschuldige«, sagt er.
Er schnauft ein paar Sekunden lautstark. »Ich weiß nicht, wie man liebt. Es hat mir nie jemand gezeigt, wie man liebt. Bis auf dir. Ich weiß, dass ich dich liebe. Ich hab sowas noch nie im Leben gefühlt. Ich liebe dich so sehr. Ich liebe dich so sehr. Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr. Ich hättʼ nie gedacht, dass es sowas gibt. Dass ich sowas wie dich noch mal kennenlerne. Ich sterbe, wenn ich dich verliere; entschuldige«, sagt er.
Er schluckt und atmet weiter auf diese Weise.
Sie hört, wie er im Auto hin und her rutscht.
»Ich hätte das nicht zu dir sagen sollen. Ich hätte dich nicht auf die Art anfassen sollen. Das war das Letzte. Das Allerletzte.« Dann: »Es war nicht böse gemeint. Es war zu keinem Zeitpunkt böse gemeint. Du weißt, es ist alles wegen meinem scheiß verdammten Stiefvater. Wegen allem, was er uns angetan hat.« Dann: »Aber ich hab es gesagt und gemacht.« Schließlich: »Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll.«
Stille.
Jackys Hände sind eiskalt.
Das Telefon wiegt schwer wie ein Backstein.
Jacky schnauft.
»Ja«, sagt sie, mit heiserer Stimme. »Das war die reinste Scheiße, die du abgezogen hast.«
Sie schnauft.
Sie atmet laut in den Hörer.
Ihr Atmen ist wie Worte.
Auch er atmet am Telefon, und ihr gemeinsames Atmen ist wie die Fortführung ihres Gesprächs in einer anderen Sprache.
Schließlich sagt Christian: »Ja.« Er sagt: »Es gibt nichts, für das ich mich mehr schäme. Ich weiß jetzt, wie man sich fühlt, wenn man sowas gemacht hat. Und ich will nie wieder dahin. Das kannst du mir glauben.«
Jackys Atem wird leiser.
Aber Christian und sie atmen weiter in ihre Telefonhörer.
Er, mit den Augen aus dem Dunkeln des Wagens auf ihr beleuchtetes Fenster im vierten Stock gerichtet; sie, mit dem Blick vom Gang ihrer Zweizimmerwohnung auf das silberne, glänzende, im Dunkeln stehende Auto mit den eulenhaften, grellen Scheinwerfern dort unten auf dem Gehweg gerichtet.
Christian atmet tief ein.
»Alles ist Scheiße«, flüstert er mit zittriger Stimme.
Unten im Auto wischt er sich mit der Hand über die Augen.
»Was mach ich nur?«, flüstert er ins Handy.
Er legt die Hand abschirmend über seine Augen.
Er weint.
Sein bulliger Oberkörper bebt. Der kleine Mund verzogen. Die Haut rot angelaufen, aufgequollen.
»Was hab ich nur gemacht?«, sagt er. »Ich möchte an den Tag zurück, an dem ich diese Scheiße gebaut hab. Ich werdʼ alles anders machen; was kann ich nur tun?; entschuldige. Entschuldige, entschuldige, entschuldige.«
Er heult so bitter.
Jacky beißt sich auf die Lippen.
»Entschuldige, entschuldige, entschuldige«, sagte er.
Er heult. Das Handy an sein Ohr gepresst. »Ich bin so dumm. Ich bin so schlecht. Ich weiß nicht, was ich tue. Du weißt, dass ich es nie böse gemeint hab.«
Ein Moment der Stille.
Jacky sagt: »Niemand braucht sich dafür zu entschuldigen, wie man sich fühlt.«
Christian zieht die Nase hoch.
Er wischt sich über die Augen.
»Ja«, sagt er. »Danke.«
Er sagt: »Solche lieben Dinge hat noch nie jemand zu mir gesagt. Das bist immer nur du.«
Er atmet tief ein und aus.
Er rutscht im Sitz hin und her.
»Bitte«, sagte er. »Komm zu mir zurück. Bitte.« Er sagt: »Bitte. Bitte. Bitte.« Dann: »Es ging mir noch nie so gut wie in diesem Sommer. Ich hätte nie gedacht, dass es so etwas gibt. Dass man so ein Leben leben kann.«
Er blickt durch die Windschutzscheibe. »Ich kann gar nicht aufhören, an dich zu denken.«
Er schüttelt den Kopf. »Ich denke den ganzen Tag an dich. Ich hab sowas noch nie erlebt. Ich kenne mich gar nicht mehr.«
Er atmet tief ein und aus. »Ich weiß, dass wir zusammengehören.«
Er sagt: »Das ist das Wertvollste, was man im Leben finden kann. Das weiß ich jetzt. Und ich will das Fundament dafür neu legen. Ich will, dass es funktioniert. Dass so etwas, was passiert ist, nie wieder passiert. Das kannst du mir glauben.«
Er blickt durch die Windschutzscheibe in die Ferne und sagt: »Ich verstehʼ jetzt diese ganzen romantischen Filme. Wovon die Leute reden, wenn sie von Liebe reden. Ich hab das 38 Jahre lang nicht getan, aber jetzt tu ichʼs. Ich versteh es.«
Er lächelt. »Und ich weiß, dass ich nie wieder ohne Liebe leben will. Und dass diese Art der Liebe nur mit dir kommt. Das ist Magie.«
Er blickt einen Moment vor sich; schaut auf seine dicken, großen Hände. »Wie wir uns gefühlt haben. Ich hätte nie gedacht, dass das möglich ist, sich so zu fühlen.«
Dann sagt er noch einmal: »Magie.«

Zwei Tage lang hört Jacky nichts von Christian.
Dann klingelt Jackys Wecker. Sie zieht sich die Schlafmaske vom Gesicht, setzt sich auf die Bettkante und fährt sich über die Augen.
Sie blickt aus dem Schlafzimmerfenster.
Christians Toyota-Geländewagen parkt halb auf dem Gehweg.
Durch die Windschutzscheibe sieht Jacky ihn hinter dem Steuer sitzen.
Sie blickt hinaus.
Morgensonne.
An der Haustür zieht sie ihre Daunenjacke über und steigt in ihre Lammfell-Boots.
Ein Blick in den Spiegel.
Zupft sich die Haare zurecht.
Noch in Schlafanzughose steigt sie das Treppenhaus hinab.
Sie öffnet die Wohnhaustür.
Geht den Bürgersteig entlang. Der Himmel ist grau, von einer einzigen Wolkendecke behangen.
Die Straße ist dunkel vor Nässe vom geschmolzene Schnee.
Die Luft klamm.
Sie klopft an die Scheibe der Fahrertür, tritt einen Schritt zurück.
Steckt die Hände in die Jackentaschen.
Christian dreht den Kopf, blickt sie an. Dann schaut er wieder durch die Windschutzscheibe.
Die Buddha-Figur, die am Rückspiegel hängt.
Jacky hört, wie Christian die Verriegelung der Tür öffnet.
Er blickt dabei nicht zu ihr. Sondern durch die Windschutzscheibe.
Die Tür öffnet er langsam.
Schließlich fällt sie mit einem Ruck auf.
Der Geruch von Red Bull, Alkohol und Schweiß strömt aus dem Wagen.
Er legt den Arm auf das Lenkrad. Dreht den Kopf zu ihr.
Blickt ihr unverhohlen in die Augen.
Sein Gesicht ist aufgequollen und faltig.
Glänzend wie Autolack.
Die Augen rot und glasig.
Wie Rückleuchten.
Das Haar steht vom Kopf ab.
Geheimratsecken.
Kein Lächeln.
Der kleine Mund leicht geöffnet.
Die kurzen, grauen Zähne.
Die strichförmigen, dünnen Lippen.
Spröde.
Das tiefe Kinngrübchen.
Die übergroßen, dicken Hände.
Er ächzt.
Er stellt den Fuß auf den Türrahmen. Klobige, neue Sicherheitsschuhe.
»Du Nutte. Du Schlampe«, sagt er.
Christians kleiner Mund verzieht sich.
Er spitzt die Lippen.
Seine Wangen laufen rot an.
Die kantige, nach oben gebogene Nase.
»Du dummes Stück Scheiße. Du Hure.« Er sagt: »Was glaubst du, wer du bist?«
Er presst die Lippen zusammen.
Aufgequollener, roter Kopf.
Die Augen hervortretend aus den tiefen Höhlen.
Weit aufgerissen.
Leuchten wie Standlicht.
Christian hebt sich ächzend ein Stück aus dem Fahrersitz.
Fällt zurück.
»Das hab ich alles für dich getan«, sagt Christian. »Das hätte ich alles haben können. Und ich hab es für dich aufgegeben. Du räudige, eingebildete Hündin.«
Er sagt: »Du dreckiges Stück Scheiße. Du blöde, behinderte Fotze. Du Affe.«
Christian stützt sich mit der Rechten am Lenkrad und der Linken an der Karosserie ab; hebt sich ein Stück aus dem Fahrersitz.
Mit dem klobigen Sicherheitsschuh auf dem Türrahmen.
Er streckt den Kopf durch die Fahrertür.
Ächzt.
Christian fällt aus dem Wagen.
Ein kurzer Schrei.
Mit dem Gesicht schlägt er auf den nassen Asphalt.
Seine Beine überkreuzt im Wagen.
Er stöhnt.
Das Gesicht auf dem Asphalt.
Er spuckt.
Er zieht die Beine aus dem Wagen.
Christian liegt auf dem Boden vor dem Toyota-Geländewagen.
Einen langen Moment.
Er hebt den Kopf, blickt zu Jacky. Schürfwunden an Stirn und Wangen.
Der Dreck der Straße, vermengt mit seinem Fleisch.
Sein linkes Auge schielt.
Der Mund geöffnet. Steinchen und Dreck in seinen aufgeplatzten Lippen.
Er rülpst.
Er rülpst.
Erbrochenes schwappt aus seinem Mund.
Auf dem Boden vor seinem Wagen.
Hängt ihm am Kinn.
Er spuckt.
Die Kotze fließt den Asphalt entlang.
Jacky tritt zurück.
Christian spuckt und hustet.
Er hebt den Kopf, blickt zu ihr; sieht sie an, mit leerem Blick, dem Schielen. Der Mund steht offen.
Er stöhnt.
In der blauen Daunenweste, der Arbeitshose.

Oben in der Wohnung schließt sie die Tür doppelt ab.
Ihre Hände zittern.
Ihr Atem flach und schnell.
Im Gang zieht sie den Vorhang einen Spaltbreit zur Seite.
Sie beobachtet, wie er vor dem Toyota steht und sich die Arbeitshose abklopft.
Wie er sich an der Karosserie festhält. Wackelige Schritte zur Seite geht. Den Kopf neigt, mit dem Fuß auf den Türrahmen steigt.
Fällt in den Wagen. Auf den Fahrersitz.
Setzt sich auf.
Greift nach der Tür und schließt sie.
Fährt sich durch die Haare.
Er schaut direkt hoch zu ihr.
Schaut sie direkt an.
Obwohl sie im Dunkeln am Fenster steht.
Oben, im vierten Stock.
Schaut er direkt hoch zu ihr.
Er verschränkt die Arme.
Lehnt sich in den Fahrersitz zurück.
Draußen dunkelt es.
Die gelbe Kotze neben seinem Toyota.
Das schwache, graue Licht, das durch die Wolkendecke scheint.
Er greift an die Wagendecke und schaltet die Innenbeleuchtung ein.
Gelbes Licht.
Beugt sich vor.
Blickt hoch zu ihrem Fenster.
Zu ihr.
Er bewegt den Mund, als ob er etwas zu ihr sagen möchte.
Als ob er ihr durch die Bewegung seines Mundes eine Nachricht zukommen lassen möchte.
Schatten im Gesicht.
Die Schürfwunden an Stirn und Wangen.
Seine hellen, leuchtenden Augen.
Die Buddha-Figur am Rückspiegel.

 

CoK

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Hallo @zigga,

da ich deine Kommentare unter meinen Geschichten immer sehr schätze, werde ich mich jetzt anstrengen, auch einen hoffentlich für dich nützlichen Leseeindruck wiederzugeben.

Christian steht neben seinem silbernen Toyota-Geländewagen auf dem Parkplatz von REWE;
Er geht zu Rewe einkaufen, fährt einen Geländewagen, ist also wahrscheinlich kein Sozialhilfeempfänger.
die blaue Daunenweste
Er trägt eine Daunenweste, bestätigt für mich, er hat ein Einkommen.
Er trägt seine dunkelgrüne Arbeitshose mit den Seitentaschen, Sicherheitsschuhe,
Entweder ist der Handwerker oder Lagerarbeiter, er arbeitet in keinem Büro wenn er Sicherheitsschuhe trägt.
Sein Gesicht ist geprägt von den hervortretenden, hellen und leuchtenden Augen, die in tiefen Höhlen liegen. Den dicklichen Backen. Dem kleinen Mund. Den Geheimratsecken.
Er hat Glubschaugen und scheint der Beschreibung nach nicht besonders attraktiv zu sein.
verwachsenen, holzbraunen Haaren, die am Hinterkopf jede Form verloren haben.
Ja, kenne ich. Als :) die Friseure zu hatten, hat sich mein Mann die Haare selber geschnitten.
Die Fensterscheiben ihres Wagens sind gefroren;
Es heißt wirklich so: gefroren. (Hab ich gerade gegoogelt, hat mich irritiert. Ich sage immer verreist.)

Sie trägt rosa Fäustlinge aus Hasenfell, eine senfgelbe Daunenjacke, stonewashed Jeans, Lammfell-Boots und ein Stirnband.
Die Freundin kann sich also auch eine Daunenjacke und Lammfell- Boots leisten.
Er spricht das L mit schwerer, nach vorne geschobener Zunge nach fränkischer Mundart.
Ich mag das, erinnere mich an Lothar Matthäus.
Seine Backen glänzen frisch rasiert im Sonnenlicht. Auch das Blech seines Toyotas und die Radabdeckkappen glänzen frisch gewachst und poliert.
Sie scheint ihm wichtig zu sein: Frisch rasiert und das Auto geputzt.
Einen Kaffee«, sagt er und nickt, mit der Wagentür in der Hand.
Warum ist das wichtig mit der Hand und der Wagentür? Für mich klingt das irgendwie seltsam. Die Hand an der Wagentür!
Sie legt die Tasche auf ihren Schoß und hält sie mit beiden Händen.
Hier spüre ich Angst.
Er schließt die Beifahrertür, langsam und behutsam, mit einer Zärtlichkeit, mit der man Kleinkinder berührt.
Ja, die meisten Deutschen lieben ihre Autos:)
Der Wagen wackelt.
Warum wackelt der Wagen? So ein kleiner Jeep? Du hast weiter oben schon geschrieben, dass Jackys Wagen wackelt.
Sie läuft zum Beifahrereingang, nimmt die Handtasche von der Schulter und steigt in den Geländewagen.
Mir würde besser gefallen: Sie läuft zur Beifahrerseite.
Die Kette mit dem Buddha, die am Rückspiegel hängt, schaukelt.
Wie die großen Ganoven, bei denen goldenen Kreuze am Spiegel hängen. Seine Nase nach oben gebogen, spitz und breitDa bekomme ich kein Bild spitz und breit?Er hebt den Kaffee zu (seinem)Mund, blickt Jacky mit großen, ängstlichen, fragenden Augen ins Gesicht.
Klar, ist sein Mund. Zum Mund?
Er spitzt die Lippen, setzt den Schnabel des Plastikdeckels an den Mund und nimmt einen Schluck.
So banale Dinge …
Sie bewegt sich nicht. Ihre Augen sind weit geöffnet, die Brauen tief in die Stirn gezogen
Im Gegensatz hier ihre Angst.
den Kopf in den Nacken und trinkt vier kräftige Schlücke aus dem Schnabel.
Wieder so scheinbar unwichtig: vier kräftige Schluck.( Schlücke finde ich lustig, vielleicht schreibt man das ja so)
Christian geht an der Fahrzeugfront vorbei, mit seinem humpelnden Gang.
Christian öffnet die Beifahrertür. Das Auto wackelt.
Es wackelt - ist das so ein Trail Running?

Nur Geld kann einen verändern. Wenn ich eins gelernt hab, dann das. Dass wenn du kein Geld hast, du Sachen machst und sagst, die du bereust. Die dich und deine Liebsten verletzen. Und wenn du Kohle hast, dass all das nicht passiert. Dass du zu einem besseren Du wirst. Geld heilt und Geld verletzt«, sagt er, »so ist’s nun mal.
Dieses verkorkste Weltbild!.
Du bist von dort oben, von Mama, gekommen, und hast mich gerettet.«
Irgendwie war ich jetzt bei einem Kind. Das Kind im Manne!
Sie läuft über den Parkplatz. Raben hocken auf dem Flachdach von REWE und krähen.
Jacky entriegelt die Fahrertür und steigt in ihren Volvo.
Sie schließt die Tür, drückt den Verriegelungsknopf nach unten und schmeißt die Handtasche auf den Beifahrersitz.
Einen Moment sitzt sie regungslos da und blickt aus dem Fenster. Sie atmet tief ein, bläst die Backen auf und pustete ihren Atem aus.
Sie zieht die Fäustlinge von den Händen und startet den Motor. Der Kaffee klebt wie Zucker an ihren Zähnen. Christians Geruch liegt wie Sauerkirsche auf ihrer Zunge.
Sie öffnet die Fahrertür und spuckt auf den Boden. Zweimal. Dreimal.
Sie schließt die Fahrertür, drückt den Verriegelungsknopf nach unten und fährt sich mit dem Ärmel über den Mund.
Mäusebussarde kreisen über die gefrorenen und schneebedeckten Äcker, die an REWE grenzen.
Sie sieht in den Rückspiegel und blickt einen Moment in die eigenen Augen.
Sie atmet tief ein und aus.
Mein Lieblingsabschnitt.
Schnee flimmert, vom Wind aufgewirbelt, durch die Dunkelheit. Straßenlaternen werfen grelles, weißes Licht auf den Gehweg und Asphalt. Die Dunkelheit verschluckt das Licht der Laternen.
Versteh ich nicht: Es ist so hell, dass man den aufgewirbelten Schnee sieht und die Straßenlaterne wirf grelles, weißes Licht auf den Gehweg. Dann schreibst du, die Dunkelheit verschluckt das Licht.

Es hat mir nie jemand gezeigt, wie man liebt. Bis auf dir. Ich weiß, dass ich dich liebe.
Was für ein krankes Bild von Liebe.
Auch er atmet am Telefon, und ihr gemeinsames Atmen ist wie die Fortführung ihres Gesprächs in einer anderen Sprache.
Schön.
Der Dreck der Straße, vermengt mit seinem Fleisch.
War er so schwer verletzt?
Aber auch der eines blumigen Damen-Deodorants.
Könnte da nicht unterscheiden Deo oder billiges Parfüm.

Mir gefällt deine Geschichte. Ohne genau zu erfahren, warum Jacky sich trennen will, erfahre ich, was für ein Blender, brutaler, seltsamer Charakter dieser Christian ist. Ich erfahre wenig von Jacky und ich will es auch nicht. Es gibt viele gesichtslose Frauen, die das gleiche Schicksal teilen.
Für mich toll geschrieben.

Liebe Grüße
CoK

 
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Hallo @zigga

ich erinnere mich noch an meinen aller ersten Kommentar hier, war zu einer deiner Geschichten. Ich kann mich nicht mehr ganz an den Titel erinnern. War aber ähnlich und hat mich schon damals sehr inspiriert. Inspiriert auch deswegen, weil ich - auch wenn das Niveau bei weitem nicht auf deiner Ebene ist - einen sehr ähnlichen Schreibstil habe.
Mir gefällt dein Stil extrem gut, kurze Sätze, Ellipsen, Wiederholungen, Super.

Ich habe mir deine Geschichte durchgelesen und hatte zu keinem Zeitpunkt das Bild vor den Augen verloren. Super geschrieben.

Den üblichen Kleinkram lasse ich außen vor, haben sich sicherlich andere schon drum gekümmert.

Auf die Gefahr der Wiederholung hin, möchte ich einige Stellen, die ich mir rausgesucht habe, noch kurz kommentieren.

Unterm Strich: toll geschrieben, bildhaft, kurzweilig. Hatte Spaß dran.

»Einen Kaffee«, sagt er und nickt, mit der Wagentür in der Hand.
Daran habe ich mich etwas aufgehalten, muss ich gestehen. Könnte aber auch mein pers. Empfinden sein. Mehr gefallen hätte mir hier:

Hand an der Wagentür, auf der Wagentür, über der Wagentür... ?

Er ist achtunddreißig Jahre alt, und sein Schatten glänzt wie Lack.
Das hättest du meiner Meinung nach rauslassen können.


»Ich hätte das nicht zu dir sagen sollen. Ich hätte dich nicht auf die Art anfassen sollen. Das war das Letzte. Das Allerletzte.« Dann: »Es war nicht böse gemeint. Es war zu keinem Zeitpunkt böse gemeint. Du weißt, es ist alles wegen meinem scheiß verdammten Stiefvater. Wegen allem, was er uns angetan hat.« Dann: »Aber ich hab es gesagt und gemacht.« Schließlich: »Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll.«

Ich weiß, was du damit bezwecken möchtest, aber "Dann:" "Dann:" "Schließlich".
Lass es weg, und keinem fällts auf. Ist für mich der einzige Kritikpunkt um ehrlich zu sein.

»Ja«, sagt sie, mit heiserer Stimme. »Das war die reinste Scheiße, die du abgezogen hast.«
Sie schnauft.
ohne Komma

Ihr Atmen ist wie Worte.
Hört sich komisch an...

Vielleicht sowas: "Ihr Atem wie Worte." ??

Sie atmet laut in den Hörer.
Ihr Atmen ist wie Worte.
Auch er atmet am Telefon, und ihr gemeinsames Atmen ist wie die Fortführung ihres Gesprächs in einer anderen Sprache.
Atem Overflow... Das war dann bisschen zu viel "Atmen, atmen, Atmung"

Unten im Auto wischt er sich mit der Hand über die Augen.
»Was mach ich nur?«, flüstert er ins Handy.
Er legt die Hand abschirmend über seine Augen.
Er weint.
Sein bulliger Oberkörper bebt. Der kleine Mund verzogen. Die Haut rot angelaufen, aufgequollen.
»Was hab ich nur gemacht?«, sagt er. »Ich möchte an den Tag zurück, an dem ich diese Scheiße gebaut hab. Ich werdʼ alles anders machen; was kann ich nur tun?; entschuldige. Entschuldige, entschuldige, entschuldige.«
Hier bin ich das erste und einzige Mal etwas aus der Geschichte gefallen, weil die Perspektive mich verwirrt hat. Kann sie ihn wirklich so gut und detailliert sehen? Ich denke er sitzt im Dunkeln im Auto?

Alles Meckern auf seeeehr hohem Niveau.

Die Geschichte TOLL
Stil TOLL
Inspiration "izz da"

Hat mir sehr gut gefallen.

See ya, viele Grüße
Napier

 
Seniors
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Liebe @CoK,

vielen herzlichen Dank fürs Lesen und Kommentieren!

da ich deine Kommentare unter meinen Geschichten immer sehr schätze, werde ich mich jetzt anstrengen, auch einen hoffentlich für dich nützlichen Leseeindruck wiederzugeben.
Das ist sehr nett, ich bin gespannt auf deine Nächste

verwachsenen, holzbraunen Haaren, die am Hinterkopf jede Form verloren haben.
Ja, kenne ich. Als :) die Friseure zu hatten, hat sich mein Mann die Haare selber geschnitten.
:D Ja, ich wollte das an der Stelle so ausdrücken bzw darstellen, dass Christian sich ins Zeug legt und zurecht macht, aber dass er eben seinen Hinterkopf nie anschaut. Ich denke, das sagt schon was über eine Person aus, wenn die Haare hinten im Gegensatz zu anderen Orten dann so anders sind.

Die Fensterscheiben ihres Wagens sind gefroren;
Es heißt wirklich so: gefroren. (Hab ich gerade gegoogelt, hat mich irritiert. Ich sage immer verreist.)
Jepp, ich war mir auch unsicher, als es jemand angemerkt hatte, aber es stimmt

Einen Kaffee«, sagt er und nickt, mit der Wagentür in der Hand.
Warum ist das wichtig mit der Hand und der Wagentür? Für mich klingt das irgendwie seltsam. Die Hand an der Wagentür!
Ihr habt recht - wird geändert

Sie legt die Tasche auf ihren Schoß und hält sie mit beiden Händen.
Hier spüre ich Angst.
Freut mich, dass das so bei dir funktioniert

Der Wagen wackelt.
Warum wackelt der Wagen? So ein kleiner Jeep? Du hast weiter oben schon geschrieben, dass Jackys Wagen wackelt.
Hm ja, ich dachte wegen dem vorigen Satz: Die Tür schließt nicht richtig, also öffnet er sie erneut und stößt sie mit einem Ruck zu.

Sie läuft zum Beifahrereingang, nimmt die Handtasche von der Schulter und steigt in den Geländewagen.
Mir würde besser gefallen: Sie läuft zur Beifahrerseite.
Ist ein Punkt; ich denke mal drüber nach, CoK

Er hebt den Kaffee zu (seinem)Mund, blickt Jacky mit großen, ängstlichen, fragenden Augen ins Gesicht.

zigga schrieb:


Klar, ist sein Mund. Zum Mund?
Gekauft

den Kopf in den Nacken und trinkt vier kräftige Schlücke aus dem Schnabel.
Wieder so scheinbar unwichtig: vier kräftige Schluck.( Schlücke finde ich lustig, vielleicht schreibt man das ja so)
Laut Duden kann man auch Schlücke sagen - das sagt man hier in der Region, ich bin ein großer Schlücke-Anhänger! :D

Nur Geld kann einen verändern. Wenn ich eins gelernt hab, dann das. Dass wenn du kein Geld hast, du Sachen machst und sagst, die du bereust. Die dich und deine Liebsten verletzen. Und wenn du Kohle hast, dass all das nicht passiert. Dass du zu einem besseren Du wirst. Geld heilt und Geld verletzt«, sagt er, »so ist’s nun mal.
Dieses verkorkste Weltbild!.
Du bist von dort oben, von Mama, gekommen, und hast mich gerettet.«
Irgendwie war ich jetzt bei einem Kind. Das Kind im Manne!
Schön, dass du das so gelesen hast - so hatte ich mir gewünscht, dass Leser das lesen würden bzw sich so dabei fühlen

Jacky entriegelt die Fahrertür und steigt in ihren Volvo.
Sie schließt die Tür, drückt den Verriegelungsknopf nach unten und schmeißt die Handtasche auf den Beifahrersitz.
Einen Moment sitzt sie regungslos da und blickt aus dem Fenster. Sie atmet tief ein, bläst die Backen auf und pustete ihren Atem aus.
Sie zieht die Fäustlinge von den Händen und startet den Motor. Der Kaffee klebt wie Zucker an ihren Zähnen. Christians Geruch liegt wie Sauerkirsche auf ihrer Zunge.
Sie öffnet die Fahrertür und spuckt auf den Boden. Zweimal. Dreimal.
Sie schließt die Fahrertür, drückt den Verriegelungsknopf nach unten und fährt sich mit dem Ärmel über den Mund.
Mäusebussarde kreisen über die gefrorenen und schneebedeckten Äcker, die an REWE grenzen.
Sie sieht in den Rückspiegel und blickt einen Moment in die eigenen Augen.
Sie atmet tief ein und aus.
Mein Lieblingsabschnitt.
Cool!

Schnee flimmert, vom Wind aufgewirbelt, durch die Dunkelheit. Straßenlaternen werfen grelles, weißes Licht auf den Gehweg und Asphalt. Die Dunkelheit verschluckt das Licht der Laternen.
Versteh ich nicht: Es ist so hell, dass man den aufgewirbelten Schnee sieht und die Straßenlaterne wirf grelles, weißes Licht auf den Gehweg. Dann schreibst du, die Dunkelheit verschluckt das Licht.
Kommt raus. Du hast recht. Der Satz hat schon länger bei mir ein schlechtes Gefühl ausgelöst.

Es hat mir nie jemand gezeigt, wie man liebt. Bis auf dir. Ich weiß, dass ich dich liebe.
Was für ein krankes Bild von Liebe.
Schön.

Der Dreck der Straße, vermengt mit seinem Fleisch.
War er so schwer verletzt?
Ja, du hast Recht, Fleisch kann man auch wortwörtlich verstehen, dann muss es eine Fleischwunde sein. Hmmmm. Ich meinte das eher bildlich gesprochen. Aber ja, ich denke hier mal drüber nach.

Aber auch der eines blumigen Damen-Deodorants.
Könnte da nicht unterscheiden Deo oder billiges Parfüm.
Das ist ein Punkt.

Mir gefällt deine Geschichte. Ohne genau zu erfahren, warum Jacky sich trennen will, erfahre ich, was für ein Blender, brutaler, seltsamer Charakter dieser Christian ist.
Ich erfahre wenig von Jacky und ich will es auch nicht. Es gibt viele gesichtslose Frauen, die das gleiche Schicksal teilen.
Für mich toll geschrieben.
Vielen herzlichen Dank noch mal CoK, fürs Vorbeischauen und Kommentieren. Dein Lob und dass dir die Story gefällt, freut mich natürlich sehr.


Hallo @Napier,

vielen Dank dir fürs Lesen und Kommentieren. Dein Lob geht natürlich runter wie kaltes Bier. Mich hat das sehr gefreut, dass dir der Text so gut getaugt hat und du ihn so positiv einschätzt. Vielen Dank dafür.

ich erinnere mich noch an meinen aller ersten Kommentar hier, war zu einer deiner Geschichten. Ich kann mich nicht mehr ganz an den Titel erinnern.
War aber ähnlich und hat mich schon damals sehr inspiriert. Inspiriert auch deswegen, weil ich - auch wenn das Niveau bei weitem nicht auf deiner Ebene ist - einen sehr ähnlichen Schreibstil habe.
Zum Glück habe ich ein Elefantengedächtnis, was Kommentare angeht, und weiß, dass das 2019 bei Es sind die Fische gewesen war. ;)

Mir gefällt dein Stil extrem gut, kurze Sätze, Ellipsen, Wiederholungen, Super.
Ich habe mir deine Geschichte durchgelesen und hatte zu keinem Zeitpunkt das Bild vor den Augen verloren. Super geschrieben.
Danke! Freut mich

Den üblichen Kleinkram lasse ich außen vor, haben sich sicherlich andere schon drum gekümmert.
:D Ich nehme jede Art von Kommentar.

Auf die Gefahr der Wiederholung hin, möchte ich einige Stellen, die ich mir rausgesucht habe, noch kurz kommentieren.
Go for it

Unterm Strich: toll geschrieben, bildhaft, kurzweilig. Hatte Spaß dran.
Fett!

»Einen Kaffee«, sagt er und nickt, mit der Wagentür in der Hand.
Daran habe ich mich etwas aufgehalten, muss ich gestehen. Könnte aber auch mein pers. Empfinden sein. Mehr gefallen hätte mir hier:

Hand an der Wagentür, auf der Wagentür, über der Wagentür... ?

Ist geändert. Hatte Tomaten auf den Augen.

Er ist achtunddreißig Jahre alt, und sein Schatten glänzt wie Lack.
Das hättest du meiner Meinung nach rauslassen können.
Ok, interessant - meinte noch niemand. Ist ein wenig ein Darling von mir, und das sollte immer Verdacht auslösen. Ich dachte, hier kann ich mehr oder minder subtil einschieben, wie alt die beiden eigentlich sind. Und gleichzeitig mein Spielchen mit dem Autovergleich ein wenig weiter treiben. Hm, ich denke drüber nach, vielen Dank für deine Rückmeldung hier

»Ich hätte das nicht zu dir sagen sollen. Ich hätte dich nicht auf die Art anfassen sollen. Das war das Letzte. Das Allerletzte.« Dann: »Es war nicht böse gemeint. Es war zu keinem Zeitpunkt böse gemeint. Du weißt, es ist alles wegen meinem scheiß verdammten Stiefvater. Wegen allem, was er uns angetan hat.« Dann: »Aber ich hab es gesagt und gemacht.« Schließlich: »Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll.«

Ich weiß, was du damit bezwecken möchtest, aber "Dann:" "Dann:" "Schließlich".
Lass es weg, und keinem fällts auf. Ist für mich der einzige Kritikpunkt um ehrlich zu sein.
Ja, das ist mehr oder weniger auch so ein wenig ein stilistischer Test. Ich hab da natürlich literarische Vorbilder, die so Dialoge zeichnen, und fand das sehr geil. Ob das wirklich so stark ist, wie ich es mir vorstelle, hm, ja, ich kann die Kritik absolut nachvollziehen auf jeden Fall. Ist vermerkt. Ich muss mal drüber nachdenken.

»Ja«, sagt sie, mit heiserer Stimme. »Das war die reinste Scheiße, die du abgezogen hast.«
Sie schnauft.
ohne Komma
Stimmt!

Ihr Atmen ist wie Worte.
Hört sich komisch an...

Vielleicht sowas: "Ihr Atem wie Worte." ??

Ja, kann ich auch nachvollziehen. War erstaunt, dass da noch niemand drauf hingewiese hat, bzw. ich dachte, ich komme damit durch! :D Ist halt ein wenig gewagt an der Stelle .. hmm ... ja, ich kann es nachvollziehen. Ich denke mal drüber nach

Sie atmet laut in den Hörer.
Ihr Atmen ist wie Worte.
Auch er atmet am Telefon, und ihr gemeinsames Atmen ist wie die Fortführung ihres Gesprächs in einer anderen Sprache.
Atem Overflow... Das war dann bisschen zu viel "Atmen, atmen, Atmung"
Haha, da hast du Recht. Aber vllt haben sie an der Stelle auch einen Atmungs-Overflow? Ist ne billige Ausrede jetzt von mir, ich weiß. Ich arbeite mal drüber.

Unten im Auto wischt er sich mit der Hand über die Augen.
»Was mach ich nur?«, flüstert er ins Handy.
Er legt die Hand abschirmend über seine Augen.
Er weint.
Sein bulliger Oberkörper bebt. Der kleine Mund verzogen. Die Haut rot angelaufen, aufgequollen.
»Was hab ich nur gemacht?«, sagt er. »Ich möchte an den Tag zurück, an dem ich diese Scheiße gebaut hab. Ich werdʼ alles anders machen; was kann ich nur tun?; entschuldige. Entschuldige, entschuldige, entschuldige.«

Erweitern ...
Hier bin ich das erste und einzige Mal etwas aus der Geschichte gefallen, weil die Perspektive mich verwirrt hat. Kann sie ihn wirklich so gut und detailliert sehen? Ich denke er sitzt im Dunkeln im Auto?
Ha, guter Punkt. Ich dachte mir das auch schon beim Schreiben. Ich hatte das mal draußen aus dem Text und fand, irgendetwas fehlt. Vielleicht ist das aber auch nur meine Fehleinschätzung. Ohne dass man sieht als Autor, wie er weint und sich über die Augen streift etc. hatte ich die Sorge, man würde sich nicht mehr so einlullen lassen von Christian. Hm, ja. Das ist ein perspektivisches Ding. Du hast Recht. I will think about it, bro

Alles Meckern auf seeeehr hohem Niveau.


Die Geschichte TOLL
Stil TOLL
Inspiration "izz da"


Hat mir sehr gut gefallen.

Danke dir! Kann nur wiederholen, dass mich dein Kommentar sehr gefreut hat. War natürlich auch ne Menge Lob, aber das ist ja bekanntlich das liebste geistige Junkfood! :D


Beste Grüße
zigga

 
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@kiroly

Alter, ich muss mich entschuldigen. Sehe gerade aus Zufall, dass mir dein Kommentar durch die Finger gerutscht ist. Ich dachte, ich hätte längst auf ihn geantwortet. Großes Sorry. Ich hole das gleich in diesem Beitrag nach.

So, jetzt:

Ja, ich brauche dir ja nicht zu sagen, wie soghaft und gut du schreibst =) Sehr gerne gelesen
Vielen Dank, das freut mich!

Aber klar, ein paar Subjektivitäten fallen mir auch auf. Bitte entschuldige etwaige Redundanzen mit anderen Kommentaren.
Ich liste einfach auf, was mir aufgefallen ist, ok? Und ich klinge viel zu kritisch. Tschuldige zigga.
Nur her damit:aua:

Du arbeitest ja mit einer reduzierten, statischen Sprache.
Die Wolken sind grau. Die Dunkelheit liegt. Die Wolken werden nicht grau. In diesem Setting entwickelt sich wenig. Umso stärker wirken einzelne Details. Die Buddhakette zum Beispiel. Vielleicht kannst du die Beschreibungen etwas reduzieren. Mit den langen Beschreibungen stellst du die Figuren wie bei einem Schachspiel auf. Hier Jacky, hier Christian und jeder versammelt seine kleine Armee auf dem REWE Parkplatz. Ist, denke ich, gar nicht nötig. Die Details nutzen sich ab wie Steine in einem Fluss, die gegeneinanderschlagen.
Dass die Sprachbilder statisch sind, ist eine gute Beobachtung. Das ist mir selbst nicht aufgefallen. Aber es stimmt.

Ja, die Beeschreibungen können teilweise ausufernd wirken, das verstehe ich und kanne s nachvollziehen. Ich werde da noch mal durchgehen. Vorkommentatoren haben mir da schon gute Streichkandidaten markiert. Vielen Dank für deine Rückmeldung an der Stelle.

- Jackys Entscheidung
Du lieferst Jacky und Christian dieser Welt aus. Ich fühlte mich manchmal an meine Kolleginnen erinnert, da existiert gar nicht das Gefühl von Handlungsfreiheit oder der Glaube, man könne auf die Welt Einfluss nehmen. Man reagiert. Es passiert. Oder, komisch ausgedrückt: "Man wird passiert".
"Man wird passiert." Das ist sehr gut. Werde ich dir mal klauen und irgendwo einbauen! :D

Aber dann telefoniert Jacky. Und Christian kämpft um sie, wirft über den Telefonhörer alles für diese Beziehung in ein einziges Gespräch.
Das freut mich, dass das so rübergekommen ist für dich. Vorkommentatoren haben mal angemerkt, dass sie Christian auch an der Stelle keinen Deut getraut haben, dass er das ernst meint. Ich wollte gerne an der Stelle, dass der Leser Christian aber das glaubt, dass der Leser selbst ins Straucheln kommt, und sich fragt, meint es Christian vielleicht doch ernst?

Hier gibst du Jacky alle Macht über die Story. Sie entscheidet. Gehe ich zu ihm oder gehe ich nicht zu ihm. Eine Szene weiter beschreibst du ihre Entscheidung. Sie entscheidet sich, an sein Auto zu klopfen. Christian hat gesoffen, nennt sie Hure und Nutte und schlägt ein. Im Grunde die ganze Tragik deines Textes: Da ist eine Jacky, die entscheiden darf und diese einzige Entscheidung macht sie zum Opfer seiner Gewalt.
Ja, unterschreibe ich

Zwei Szenen, zwei Christians: Der Flehende und der Gewalttätige. Ich denke, du könntest diese beiden Christians mehr mischen. Deine Textform ordnet die Christians. Dieser glatte Bruch durch den Szenenwechsel Telefonat-Auto war mir zu plakativ. Er beschimpft sie dort sofort. Warum nicht später? Warum zeigst du nicht sein Bemühen um Jacky auch in ihrer Gegenwart?
Ja, das wäre auch meine eigene Kritik an dem Text. Es ist natürlich im Rahmen Kurzgeschichte und wir sind da schon bei 20 Normseiten knapp. Aber ja, ich hab vor ein paar Wochen einen Roman unserer Zeit - eine Netflix-Serie - namens Maid gesehen, ist ja ziemlich bekannt. Gerade da hab ich die Story hier geschrieben und war relativ deprimiert, weil dort toxische Beziehung einfach meisterhaft gezeigt wird. Das kriegt man auf kurze Strecke nicht hin, zumindest ich nicht mit meinen derzeitigen Fähigkeiten. Dieses Hin und Her, die Versprechungen, aber auch die zwei Gesichter einer Person, was mit Alkohol oder Psyche zu tun hat. Verdammt schwierig.
Ich hatte hier auch noch mehr Szenen drin ursprünglich war das Teil länger, aber es wirkte redundant auf mich, auch Szenen, in denen Christian sich noch mal mehr bemüht etc. Das hat für mich nicht geklappt und ich hab es eingedampft. Ist eine legitime Kritik, ich verstehe sie, aber auf die Story bezogen kann ich das denke ich leider nicht umsetzen. Vielleicht mal in längerer Form.

Ich wäre auch vorsichtig mit Erklärungen für Christians Verhalten, die zu plausibel sind. Alkohol zum Beispiel. Dieses ganze Sinnlose, dieses Passive, dieses Unberechenbare: Das, finde ich, sollte eher aus der Lebenslage kommen. Das beschreibst du ja bereits. Alkohol gibt Christian eine Rechtfertigung. Und mir als Leser einen Grund. Aber ein Grund, der sein Verhalten mit einem Wort beschreiben kann, existiert nicht. Das ist ja das gesamte Bild aus Agonie, Hilflosigkeit, Spracharmut, Kontrollverlust. Es ist das ganze Leben, dem Christian ausgeliefert und ausgesetzt ist. Christian hat nicht gelernt, wie er das, was er gerne wäre, schaffen kann. Aus dieser unheimlichen Tiefe ziehst du mich in Text und Milieu.
Ja, gebe dir voll Recht. Wertvolle Anmerkung.

Sie hebt Milch, Toastbrot, Toilettenpapier, Erdnussbutter, Flips und zwei Sixpacks Kronenbier in den Einkaufswagen.
Amerikanische Woche bei REWE
:D

Mäusebussarde kreisen über die gefrorenen und schneebedeckten Äcker, die an REWE grenzen.
Vielleicht besser Singular?
Haha, sehr gut. Ich hab mich immer gefragt, ob das jemandem auffällt, dass Mäusebussarde ja eigentlich Aloner sind.

Ihr Wagen wackelt und klappert
Klingt recht salopp. Es klappert die Mühle am rauschenden Bach ...
Ja der Satz ... werde mal drüber nachdenken, wie ich das löse

zigga schrieb:


Mit dem klobigen Sicherheitsschuh auf dem Türrahmen.
Er streckt den Kopf durch die Fahrertür.
Ächzt.
Christian fällt aus dem Wagen.
Ein kurzer Schrei.
Mit dem Gesicht schlägt er auf den nassen Asphalt.
Seine Beine überkreuzt im Wagen.
Er stöhnt.

Erweitern ...
Die Form zum Ende - kann man machen, aber hier wird es künstlich, als pause eine fremde Hand die Konturen der Menschen ab. Ganz subjektiv, ich finde, dieser Formwechsel in einzelne, singuläre Worte drückt mich von der geschehenen Geschichte zum gemachten Text. Hier wird deutlich, dass ich einen Text lese und der Autor einen Text aus einer Geschichte konstruiert. Ich war bei der Form, nicht bei der Geschichte. Ich hoffe, das ist verständlich ... frag gerne nach.
Ja, interessant, dass du das so siehst. Ich denke, mir gefällt diese Konstruktion gerade zu sehr, als dass ich sie ändern würde. Stimmt schon, ja, da kann man die Konstruktion durch sehen. Aber irgendwie wirkt es auch wie Paukenschläge, zack zack, :D, aber ja, das ist das selbe Phänomen, wenn Sprache zu artsy ist und man nicht mehr bei der Story sein kann.
Aber mit einzelnen Worten, abgesehen vom runtergebrochenen Einzeiler-Stil, kann ich verstehen. "Ächzt." oder so. Ja, aber ich finde das in der Form eigentlich gerade ganz gut.

@kiroly, Thank you very much! Für Lesen, Kommentieren, Gedanken.

Beste Grüße
zigga

 

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