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Weiß

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Weiß

Alles ist so weiß. Die Wände. Eine Gardine, dicht gewebt und in Wellen vor dem Fenster. Und ich. Hinausschauen ist möglich. Aber nicht gesehen werden von draußen. Auch nicht von Heinrich, der zwei Stockwerke tiefer vor dem Haus stehenbleibt, heraufschaut und darüber nachdenkt, ob er klingeln soll oder nicht. Mir die Hausaufgaben bringen, das wird man ihm aufgetragen haben. Vielleicht denkt er auch daran, mit mir zu spielen. Schach auf seinem Brett, das er mindestens einmal in der Woche in die Schule schleppt. Meist gewinnt er. Sein Denken ist nicht weiß. In seinem Kopf existieren unzählige Farben. In mir ist nur Weiß. Das Ticken des Sekundenzeigers wird lauter. Heinrich überlegt lange. Zwanzig Sekunden sind so viel. Und es werden mehr. Die Tür geht auf.
»Was stehst du da am Fenster rum?!«
»Guck nur raus, Papa.«
»Geh deiner Mutter helfen in der Küche!«
»Mach ich, Papa.«
Ein dumpfes Geräusch. Wie kann eine Tür so dicht schließen? Das Ticken ist weg, lautlos. Da ist Druck in meinen Ohren und der Vorhang hat sich bewegt. Keines der beiden Fenster ist offen. Luftdruck. Aus dem Flur. Papa hat ihn mitgebracht und durch die offene Tür hereingelassen. Sind es vierzig Sekunden? Heinrich geht einen kleinen Schritt, dreht sich um, schaut einem Lastwagen nach, blickt ein letztes Mal zu mir hoch und sieht nur den weißen Vorhang hinter weißen Fensterrahmen in einem Haus, das auch mal weiß war. Es wird Zeit, Mutter zu helfen.

***​

Ich war schon in einer Autobahn-Raststätte. Dort war alles Geschirr weiß. Ein reineres Weiß hatte ich noch nie gesehen. Ich wollte damals nichts essen, denn dieses Weiß mit Spaghettisoße oder dunkelbraunem Gulasch zu beschmutzen, empfand ich als falsch. Papa stellte meinen Teller wieder auf den Stapel und lud sich eine doppelte Portion Kartoffelbrei und Gulasch auf seinen. Vom weißen Rand war nichts mehr zu sehen. Mutter weinte. Ich weiß gar nicht mehr, warum. Weiß ist wie geschaffen, um zu vergessen.
»Wo bist du mit deinen Gedanken? Die Suppenschüssel gehört doch in den rechten Schrank.« Mutters Stimme. In meinen Händen sehe ich die Suppenschüssel. Beige mit einer seltsamen Landschaft. Alles in blassem Grün gehalten. Steinmauern die Felder trennen, ein altes Bauernhaus, Obstbäume. So muss es früher ausgesehen haben auf der Welt.
»Entschuldigung, Mama.«
Sie nickt. Mutter ist nicht weiß. Sie ist alles andere, aber nicht weiß. Die Suppenschüssel passt gerade so in den rechten Schrank. Zwischen den erdbraunen Römertopf und die Kristallglaskaraffe. Mit einer Hand reicht sie mir das Besteck. Sortiert nach Messer, Gabel und Löffel. Fischmesser haben ein eigenes Fach. Gestern gab es Fisch, denn Fisch ist gut fürs Hirn, sagt Papa. Und wenn alle anderen ihren Fisch am Freitag essen, dann tun wir das am Donnerstag, denn wir sind nicht alle anderen. Und der Fisch war gut. Mutter ist nicht weiß, aber sie kann wirklich kochen.
»Du kannst mir helfen, den Rehrücken zu marinieren.«
»Klar, Mama, kann ich.«
»So, noch das hier. Dann ist die Maschine leer.« Ich nehme ihr die beiden Servierplatten ab. Alle Küchenschränke sind weiß. Ich glaube, immer noch so weiß, wie nach dem Kauf der neuen Küche vor drei Jahren. Ich muss mich bücken, direkt vor die Schwingtür des Unterschranks und direkt vor den Augen habe ich rote Spritzer. Eine Linie roter Spritzer, nach unten breiter werdend, wie ein Fächer. Und dünner, in die Länge gezogen. Genau jetzt muss ich die Augen schließen. Die Uhr in der Küche ist nicht zu hören. Papa hat Mutter eine moderne LCD-Uhr gekauft. Flüssigkristalle sind das, hat er gesagt. Von Sanyo. Mit Timerfunktion. Damit sie keinesfalls das Ende der exakten Garzeit verpasst; was ihr auch ohne Uhr nicht passiert ist, da bin ich sicher. Noch habe ich die Augen zu, das Weiß kommt nicht durch die geschlossenen Lider. Doch das Rot kann ich sehen. Ein Foto hinter der Stirn, das ich nicht ausblenden kann.
»Mama?«
»Was ist, mein Schatz?«
»Hier ist Blut.«
Heftiges Einatmen. Die Luft bleibt drin, das kann ich hören. Sanft schiebt mich eine Hand auf die Seite, dann rieche ich den nassen Lumpen und Mutters Parfüm. Jasmin von Papa. Zu Weihnachten hat er es ihr geschenkt. Damit du immer gut riechst für mich, sagte er und Mutters weiße Zähne waren zu sehen.
»Hol du zwei Flaschen Rotwein aus dem Keller, bitte. Ich mach das weg.«
»Ist gut, Mama.«
Augen auf. Der rote Blutfächer verschmiert, löst sich im Wasser, krustige Ränder bleiben hier und da zurück. Mutters Fingernagel entfernt sie. Immer von unten nach oben. Vorsichtig, damit das Weiß nicht beschädigt wird. Noch bin ich in der Hocke. Wie Mutter. Ihr Knie berührt meines. Ich rieche das Blut. Nein, das Eisen. Wenn der Alteisenhändler kommt, riecht es genau so. Und noch etwas anderes habe ich in der Nase. Keine Ahnung, was das ist. Ein wenig Schweiß vielleicht. Mutter schwitzt. Auf der Stirn glänzende Stellen, einen Augenaufschlag später werden Tropfen daraus, dann sinkt sie aufs kühle Linoleum, drückt sich mit beiden Händen ab, rutscht zurück und lehnt am Backofen. Mutter ist nicht weiß. Sie ist bleich, presst den Ellbogen in die rechte Hüfte und stöhnt. Immer noch in der Hocke, bewege ich mich zur Tür, schließe sie und setze mich neben sie.
»Du sollst doch den Rotwein holen. Tu es, bevor es zu lange still ist in der Küche. Bitte, Schatz! Lass mich einfach. Wird gleich wieder.« Sie zwinkert mir zu. Zwei Mal und nickt dabei. Ich kann das Weiße in ihren Augen sehen, durchzogen mit feinen roten Äderchen, wie Blitze eines entfernten Gewitters am Nachthimmel. So nah bei Mutter, wird aus der Farbe ihrer Haut ein Meer aus Grün, Blau und Lila. Ein Regenbogen, verdeckt vom bunten Kragen, Blümchenmuster. Sie packt meinen Unterarm und drückt zu.
»Geh! Alles in Ordnung.«
»Okay, Mama.«

***​

Im Keller ist spärliches Licht an schwarz gepuderten Wänden. Kohlestaub aus Jahrzehnten. Über Rutschen nach unten geschaufelt. Heute steht an der Stelle der Heizöltank, doch der Staub ist noch immer da. Zwei Flaschen Rotwein und drei Flaschen Bier. Hat zwar keiner gesagt, aber das ist die Regel. Gehst du in den Keller, bring immer drei Flaschen Bier mit. Papas Liturgie. Unabänderlich. Nur der Tod kann dieses Gesetz kippen. Bis jetzt ist niemand tot. Mutter packt den Rehrücken in eine Lasagneform und schneidet kleine Schlitze hinein. Alle paar Zentimeter. Dutzende davon. Ich stecke Knoblauchstücke in die winzigen Taschen, nicht überall, ab und zu ist es ein Stück Orangenschale, dann mal eine Nelke, etwas Sternanis, schwarzer Pfeffer, drei zerstoßene Pimentkörner. Mutter ist zufrieden. Sie gießt den Rotwein an, kippt noch zwei Schnapsgläser Balsamico dazu und rührt vorsichtig um. Dann deckt sie den Rehrücken ab.
»Heinrich war unten vor dem Haus. Aber er hat nicht geklingelt. Nur hochgeguckt und ist dann weiter. Wie komme ich jetzt an die Hausaufgaben, Mama?«
»Ich gehe später zum Edeka, Kartoffeln und Möhren kaufen. Dann schaue ich bei ihm vorbei und bring sie dir mit.«
»Kannst du denn die Strecke gehen?«
Sie sieht mich an, setzt sich dann an den Küchentisch. Ich hole ein Glas, gieße Wasser ein und gebe es ihr. Mutter trinkt auf einen Zug leer und atmet tief ein. Leise rücke ich den zweiten Stuhl vom Tisch ab und setze mich neben sie. Meine Hand auf ihrer. Mit der anderen deute ich auf meinen Hals. Sie nickt. Schritte im Gang, ein Husten. Mutter steht auf, strafft das Hauskleid und hebt den Deckel von der Lasagneform, schaut interessiert hinein. Papa kommt. Zwei leere Bierflaschen in der linken Hand, die er routiniert im Kasten hinter der Tür verschwinden lässt. Dann legt er die rechte Hand auf Mutters Rücken. Er hat Pranken.
»Mh, das sieht wirklich gut aus. Ich habe es gut getroffen. Einen Cousin, der uns mit Wild versorgt, eine Frau, die vorzüglich kochen kann, und eine Tochter, die mal Schönheitskönigin wird.« Mutter versucht ein Lächeln. Ihr Mutterlächeln. So weiße Zähne. Kaum zu unterscheiden von den weißen Küchenschränken. Vaters Hand schiebt Mutter an die Tischkante. Und gleich noch ein Stück. Das Kleid spannt sich am Bauch, das weiß lackierte Holz gräbt eine Furche in ihren Leib. »Du willst noch weg?«
»Kartoffeln kaufen, mehlig kochende, für Kartoffelbrei. Und ich wollte Buttermöhren dazu machen.«
Papa dreht den Kopf nach rechts, was bedeutet, er denkt nach, stellt sich vor, was Mutter gesagt hat. Das Bild von Rehrücken an Kartoffelbrei und Buttermöhren formt sich in seinem Kopf. »Und Preiselbeeren?«, merkt er an.
»Preiselbeeren haben wir noch ein ganzes Glas«, versichert Mutter. Er grinst.
»Also der Doc hat gesagt, ich soll mich ausruhen und ausgewogen ernähren, dann wird das wieder. Ich hab ihm von deinen Kochkünsten erzählt. Ich glaube, er war neidisch. Und ich denke, ich sollte die nächste Woche noch krank feiern. Bei der Verpflegung ist das wie Urlaub. Was denkst du, Katharina?« Er sieht mich an. Für ihn bin ich nicht weiß. Ich bin seine Schönheitskönigin. Katharina die Große. Obwohl ich lange nicht Papas körperliche Größe habe. »Schick Katharina. Die hat junge Beine und das schnell erledigt. Außerdem war sie heute nicht in der Schule. Von irgendwoher muss sie ja Hausaufgaben bekommen, nicht wahr?«
»Aber ...«
»Katharina wird gehen«, sagt Papa langsam und deutlich. Die Hand auf Mutters Rücken schiebt er hoch zur Schulter, das Kleid strafft sich. Ein paar Mal krallt er sie in Mutters Schlüsselbein. Ich sehe einen Regenbogen auf dem rechten Oberschenkel. Verblassende Farben, ineinanderlaufend, dunkle Pigmente dazwischen. Jetzt zu gehen, ist das Beste, was ich tun kann.
»Bin schnell wieder da. Heinrich wohnt nur paar hundert Meter weiter. Ich wette, er hat mir die Hausaufgaben mitgebracht.«
Er nickt und gräbt in Mutters Schulter nach Befriedigung. Sein Gesicht zeigt Glück, wenn er sie gefunden hat. Ich will es nicht sehen, schaue lieber auf den Rehrücken.
»Ist das nicht der, in den du mal verliebt warst?«
»Er in mich«, verbessere ich ihn. Papa löst die Hand von Mutters Schulter und geht zum Kühlschrank, holt die dritte Flasche Bier aus dem Türfach, blickt noch einen Moment in die Regale. Käse, Eier, Salat, Wurst. Alles gut gefüllt. Weißes Licht in einem strahlend weißen Innenraum. Das Leben im Kühlschrank muss außerordentlich sein. Ruhig und kühl. Behütet.
»Ich erinnere mich. Er war in dich verliebt, hat deine Mutter gesagt. Ziemlich gewagt, oder wie sehe ich das?«
»Sie sind beide fünfzehn, das kann mal passieren. Wir haben uns im selben Alter verliebt«, sagt Mutter und nickt schwach. Mein Zeichen. Ich stehe auf. Papa öffnet die Flasche. Ein wenige Sekunden dauerndes Zittern beherrscht seine Hände. Der Kronkorken fällt auf den Boden. Mit glänzenden Augen schaut er mich an.
»Bin in einer halben Stunde zurück«, erkläre ich und verschwinde zügig aus der Küche. In den weißen Flur. Weiße Zimmertüren. Selbst Mutters Buddhafigur neben dem Telefon ist weiß. Warum habe ich ihr ausgerechnet einen Buddha in dieser Farbe zu Weihnachten geschenkt? Papa sagt etwas, trinkt, das Gluckern kann ich hören, während ich die Schuhe anziehe. Was er sagt, ist nicht zu verstehen. Ein Flüstern nur. Das Regenbogenflüstern. Er wird Mutter einen neuen Regenbogen auf den Körper malen. Darin ist er ein Künstler.

***​

Kartoffeln, mehlig kochend, Möhren, Butter und für mich zwei Tüten Chips. Bei Heinrich klingle ich, laufe in den dritten Stock. Den Rucksack lasse ich unten in einem Kinderwagen zurück. So bin ich schneller. Und schneller wieder unten. An einer Wohnungstür im zweiten Stock sind Kinderbilder außen angebracht. Zwei mit Regenbogen. Klara und Stephanie steht drauf. Ich muss sie nicht kennenlernen, die beiden. Einen Augenblick lang will ich die Zeichnungen abreißen, bin aber schon oben angekommen und stehe hechelnd vor Heinrich, der mich mit großen Augen anstarrt.
»Katharina?«
»Warum hast du nicht geklingelt? Bist einfach weitergelaufen.«
»Ich ...«
Ein Hund könnte nicht betretener schauen. »Du hast Angst. Ein Feigling.« Er antwortet nicht. Was auch? Was kann er sagen? Was würde ich sagen?
»Nein, keine Angst. Ich kann nicht neben dir sitzen, stehen, gehen, dir die Hausaufgaben bringen, wenn es mir weh tut!«
»Wie kommst du darauf, dass ich nichts für dich empfinde?« Im Flur sehe ich seine Mutter. Sie winkt und ich hebe kurz die Hand. Eine Mutter ohne Regenbogenfleisch. Heinrich zittert.
»Ich weiß nicht. Hab ja ein paar Mal angerufen, aber dein Vater war ziemlich deutlich am Telefon. Ich solle die Finger von seiner Tochter lassen und so ...«
Ich seufze. »Ja, mein Vater … hast du die Hausaufgaben?« Das Treppenhaus ist in einer Pastellfarbe gestrichen. Eine Art gelbliches Orange. Fast angenehm. Heinrich trollt sich. Schweigend. Er ist so groß wie mein Vater und ich glaube, ich könnte ihn lieben oder tu es vielleicht schon. Seine Mutter kommt her.
»Katharina, schön dich zu sehen. Heinrich hat gesagt, du warst krank?«
»Meine Mutter. Hab mich um sie gekümmert.«
»Ach du je, dann sag ihr alles Liebe und gute Besserung. Ich hoffe, es ist nichts Ernstes.«
»Ich glaube, nur Eisenmangel oder so was.« Sie nickt ein paar Mal wissend.
»Gibt viele Frauen, die das haben. Roten Saft trinken, Fisch essen, auch Leber ist gut. Da wird man ziemlich schnell müde und schlapp. Hat was mit dem Sauerstoff zu tun.« Heinrich kommt zurück, drückt sich an seiner Mutter vorbei.
»Ich geh ein paar Meter mit Katharina. Bin gleich wieder zurück.« Sie hebt eine Augenbraue und lächelt. Ein echtes Lächeln. Ich mag sie. Bestimmt hat sie keine Regenbogengemälde auf sich und muss die schönen Farben verstecken.
»Tschüss«, sagt sie und winkt. Ich bin schon auf der Treppe.
»Nicht so schnell, Katharina.«
»Heinrich, deine Welt ist bunt und meine ist weiß. Ist dir das klar?«
»Wie?« Er bleibt stehen und runzelt die Stirn. Ich gehe weiter, lege an Geschwindigkeit zu.
»Wer erster unten ist«, rufe ich und hab schon den halben Weg hinter mir. Heinrich rennt nicht, lässt sich Zeit. Der Kinderwagen ist weg. »Scheiße«, platzt es aus mir raus. Das mit der halben Stunde kann ich vergessen.
»Was ist Scheiße?«
»Ich habe meinen Rucksack in einen Kinderwagen gelegt. Mit dem Einkauf. Das waren doch jetzt nur ein paar Minuten, oder?«
»Welche Farbe hatte der Kinderwagen?«
»Er war blau mit einem grauen Verdeck.«
»Warte hier.« Er rennt ein Stockwerk höher, klingelt und redet mit jemand. Gleich darauf kommt er mit dem Rucksack zurück und strahlt wie ein Honigkuchenpferd. Könnte schon sein, dass ich ihn liebe. Zwischen all dem Weiß müsste ich allerdings lange suchen nach irgendwelchen anderen Farben. »Frau Thünnes hat ihn mit in die Wohnung genommen, weil sie dachte, er würde nur geklaut.«
»Und wenn jetzt niemand geklingelt hätte? Dann hätte Frau Thünnes Kartoffeln, Möhren, Butter und meine Chips. Deine Frau Thünnes hat dir Scheiße erzählt, Heinrich. Sei nicht immer so leichtgläubig.«
»Bin ich nicht«, sagt er und öffnet die Tür, lässt mich nach draußen und folgt mir.
»Was tust du?«
»Ich gehe mit. Ich habe keine Angst vor deinem Papa. Auch wenn er mich alles geheißen hat. Ich liebe dich und irgendwie meine ich, du mich auch.« Das ist alles, was er sagt. Und mir fällt nichts ein. Wo sind die weißen Häuser, wenn man sie braucht? Die weißen Worte, die leeren Sätze ohne Sinn. Mein Blick ist auf dem Bürgersteig, dann auf Heinrichs Schuhen. Adidas Samba. Schwarz mit nur drei kleinen weißen Streifen. Gehe ich schneller, tut er es auch. Verlangsame ich, dann er ebenso. Sein Arm strahlt Wärme aus. Heinrichs Hand ist keinen Zentimeter von meiner entfernt. Ich muss nur den kleinen Finger strecken und tauche in eine Welt voller Farben. Das Weiß kann ich hinter mir lassen. Mein Fleisch wird nicht geknetet, gefaltet, geschreddert, durch den Wolf gedreht. Meine Ohren werden rein bleiben. Saubere Worte.
»Heinrich, du kannst nicht mit zu mir. Mama ist krank.«
»Eisenmangel, hab ich gehört. Ist nicht ansteckend, glaube ich.«
»Nein, ist es wohl nicht.«
»Und du bist fünfzehn, zwei Tage nach mir hast du Geburtstag und ich werde nächste Woche sechzehn. Da ist es wohl erlaubt, wenn wir mal ins Kino gehen oder dem neuen Thai-Restaurant am Chlodwig-Platz einen Besuch abstatten, oder?«
Nur den Finger ausstrecken. Und dann werde ich weinen.
»Kino und Thai-Restaurant … klingt gut. Aber das gibt es nur in der Welt der Farben. In deiner Welt, Heinrich. Meine Welt ist weiß. Darin wurde ich geboren und dort werde ich sterben. Glaub mir das.« Er bleibt stehen. Und ich muss das auch. Heinrich weint. Ich fasse es nicht. Die Menschen gehen an uns vorbei. Warum jetzt? Im Glotzen sind sie großartig.
»Ich verstehe das nicht mit der weißen Welt. Was meinst du damit?« Ein schniefender, schluchzender Junge, so groß wie mein Vater, also einsneunzig, mit zitternden Händen, direkt gegenüber von Mustafas Teppichladen, und ich weiß nicht, was ich ihm sagen soll. Nichts. Denn kaum etwas kann das Weiß besiegen. Doch, etwas muss ich ihm sagen, sonst wird seine Welt vielleicht ebenso weiß oder er begibt sich auf den Pfad dorthin und klaut allen anderen auch die Farben. Nur den Finger ausstrecken. Mehr muss ich nicht tun. Also passiert es jetzt. Ich nehme Heinrichs Hand.
»Komm.«

***​

Vor dem Haus bleiben wir stehen. Er bleibt stehen. Warum? Meine Hand in seiner. Ich kann förmlich sehen, wie seine Farben in meine Hand strömen, den Unterarm hinauf kriechen, von mir Besitz ergreifen. Nie mehr will ich loslassen.
»Du bist vorhin hinter der Gardine gewesen, stimmt's?«
»Stimmt.«
»Was hat es mit der weißen Welt auf sich, Katharina?« Ich hebe unsere Hände hoch, fast auf Höhe unserer Nasen.
»Danke, Heinrich.«
»Gerne. Aber für was?«
Ein Kuss auf seinen Handrücken ist erlaubt. Selbst in der weißen Welt. Also küsse ich die warme, leicht gebräunte Hand. In der Autoscheibe hinter ihm sehe ich mich lachen. Farbe fließt aus meinem Mund.
»Dass du jetzt mit hoch gehst. Ich schiebe dich in die Küche. Setz dich an den Tisch und sei still. Ich schau nach, wie es Mama geht. Okay? Sei einfach ruhig.«
»In Ordnung.«

Aus dem Rucksack hole ich den Schlüssel, schließe die Haustür auf. Sogar weiße Briefkästen, weißes Geländer. Ich bin wieder ich. Gefangen. Das Weiß presst mich, quetscht das wenige Leben in eine Schachtel, in die nicht mal ein Hamster passen würde. Ein letztes mal Luft holen, Wohnungstür öffnen. Geschwind ziehe ich Heinrich hinter mir her in die Küche. Es knirscht unter den Schuhen. Scherben. Heinrich schweigt. Dafür bin ich dankbar. Auf den Stuhl mit ihm, meinen Zeigefinger auf den Mund, dann bin ich wieder im Flur. Haare auf dem Teppich. Nur wenige, aber lang und blond. Die Schlafzimmertür ist einen Spalt offen. Das Wohnzimmer zu. Der Fernseher läuft. Fünf Schritte. Vorsichtig luge ich durch den Spalt. Mutter liegt auf dem Bett. Sie ist wieder krank. Der schönste Regenbogen des bisherigen Jahres. Wie ein Fanal klebt er mitten in Mutters wunderbarem Gesicht. Lautloser als ich kann sich niemand auf der Welt bewegen. Hinein in den Raum, Tür muss wieder fast geschlossen sein.
»Mama?«

Um das Bett herum und der rote Fächer ist wieder da. Winkt mir zu, halb unter der Decke. Aus Mutters rechter Schläfe macht er sich auf den Weg. Langsam aufs Bett knien. Es knarrt. Es knarrt, wenn Papa Mutter beglückt und hat bestimmt geknarrt, als ich entstand, zwischen weißen Bettlaken, vor dem weißen Kleiderschrank. Der rote Fächer wird zu feinen Nadelströmen, aufgesogen vom Weiß. Ich höre sie atmen. Ein Gedanke ist da hinten, neben dem Ohr. Guten Tag, denkt er. Da bin ich wieder. Du weißt, wer ich bin.
»Ja, ich weiß«, flüstere ich. Was kann ich tun? Eine Schale Wasser, etwas Gaze aus dem Verbandskasten, das wird fürs Erste gut sein. Die Polizei rufen. Aber die waren schon da. Anzeige? Nein, nein, Kind. Was wird dann aus uns? Mutter stöhnt. Langgezogen und lauter werdend. Dann schlägt sie die Augen auf. Ich blicke ins Weiß und sehe, davon ist nichts mehr vorhanden. Blutrot. Die englischen Hunde fallen mir ein. Ich muss bescheuert sein und stehe auf. Wasser muss her. Und Licht. Und Heinrich. Er ist so ruhig. Was hat er für einen Vater? Könnte der helfen? Ich sehe nicht das einfallende Licht, den Schatten, nur Vaters Hausschuhe, gestreifter Stoff. Brauntöne. Einen Kopf größer als ich. Mutter ächzt. Im Augenwinkel sehe ich ihren Arm, unkontrolliertes Winken. Zurückweichen. Nur das bleibt. Zwei Schritte. Jetzt entdecke ich Heinrich hinter Vater, der die Hand hebt und weiße Zähne sehen lässt. So langsam. Wie kann er so langsam die Hand heben? Muss er Kraft sammeln für mich?
»Du hast mich lange genug gefickt«, rutscht mir raus. »Und auch Mama.« Hab ich das gesagt? Aber wie leise! Warum? Hat er mich gehört? Die Hand ruht im Zenit ihrer Gewalt. Gleich fährt sie nieder. Heinrich kommt ihr zuvor. Die Buddha-Statue landet auf Vaters Kopf. Er fällt vor meine Füße. Stille im Raum. Atme ich? Mutter auf dem Bett. Heinrich dreht sich um, geht raus. Ich höre ihn telefonieren. Den Notarzt, die Polizei. In dieser Reihenfolge. Vater wird farblos.

 

Lieber @Morphin,

Ich finde deinen Text zu etwa vier Fünftel nahezu perfekt. Ich habe lauter Stellen gefunden, die mir extrem gut gefallen. Einige Beispiele:

Auch nicht von Heinrich, der zwei Stockwerke tiefer vor dem Haus stehenbleibt, heraufschaut und darüber nachdenkt, ob er klingeln soll oder nicht.
Das gefällt mir gut.

Mir die Hausaufgaben bringen, das wird man ihm aufgetragen haben.
Vielleicht besser: "Man wird ihm aufgetragen haben..."

Die Tür geht auf.
»Was stehst du da am Fenster rum?!«
»Guck nur raus, Papa.«
Das gefällt mir auch gut. Es klingt so kindlich und macht die Figur liebenswürdig. Auch, dass die Figur immer „Papa“ bzw. „Mama“ dazusagt. Allerdings erfahre ich an späterer Stelle, dass es sich um ein 15-jähriges Mädchen handelt, was meine Vorstellung von der Figur dann doch ein wenig erschüttert hat.

Heinrich geht einen kleinen Schritt, dreht sich um, schaut einem Lastwagen nach, blickt ein letztes Mal zu mir hoch und sieht nur den weißen Vorhang hinter weißen Fensterrahmen in einem Haus, das auch mal weiß war.
Mir gefällt, dass dieser Vorhang zwar einerseits wirklich da ist, andererseits wahrscheinlich auch metaphorische Bedeutung hat.

Ich wollte damals nichts essen, denn dieses Weiß mit Spaghettisoße oder dunkelbraunem Gulasch zu beschmutzen, empfand ich als widersinnig.
Toller Satz! Vielleicht findest du aber ein anderes Wort für „widersinnig.“ Vielleicht „sträflich“ oder so. Immerhin empfindet es die Figur ja nicht als Sinnlosigkeit, sondern eher als Schande.

Weiß ist wie geschaffen, um zu vergessen.
Das ist auch eine schöne Idee. Vielleicht könnte man auch sagen : „Weiß ist die Farbe des Vergessens.“

Gestern gab es Fisch, denn Fisch ist gut fürs Hirn, sagt Papa.
Und wenn alle anderen ihren Fisch am Freitag essen, dann tun wir das am Donnerstag, denn wir sind nicht alle anderen. Und der Fisch war gut. Mutter ist nicht weiß, aber sie kann wirklich kochen.
Das ist wirklich toll! Hier schaffst du es, drei Personen mit nur wenigen Sätzen wunderbar zu charakterisieren.

(...) das Weiß kommt nicht durch die geschlossenen Lider.
Sehr schön!

Damit du immer gut riechst für mich, sagte er und Mutters weiße Zähne waren zu sehen.
Das gefällt mir auch gut, weil daraus hervorgeht, wie besitzergreifend der Vater ist.

»Du sollst doch den Rotwein holen. Tu es, bevor es zu lange still ist in der Küche. Bitte, Schatz! Lass mich einfach. Wird gleich wieder.«
Auch gut. Hier wird es spannend, weil man sich fragt, was denn genau mit der Mutter los ist.

Ich kann das Weiße in ihren Augen sehen, durchzogen mit feinen roten Äderchen, wie Blitze eines entfernten Gewitters am Nachthimmel.
Das mit den Blitzen würde ich streichen, aber davon abgesehen gefällt mir auch hier, dass das Weiß wieder aufgegriffen wird.

So nah bei Mutter, wird aus der Farbe ihrer Haut ein Meer aus Grün, Blau und Lila. Ein Regenbogen, verdeckt vom bunten Kragen, Blümchenmuster. Sie packt meinen Unterarm und drückt zu.
»Geh! Alles in Ordnung.«
»Okay, Mama.«
Das mit der Farbe verstehe ich hier (noch) nicht ganz, aber es wird ja an späterer Stelle aufgeklärt. Der Dialog ist toll: Habe ich zwar schon am Anfang erwähnt, aber ich finde es echt gut, dass das Kind bei jedem Satz immer „Mama“ oder „Papa“ sagt. Dadurch kommt für mich so ein Respekt oder gar eine Unterwürfigkeit zum Ausdruck, die das Kind charakterisiert.

Gehst du in den Keller, bring immer drei Flaschen Bier mit.
Toll!

Nur der Tod kann dieses Gesetz kippen. Bis jetzt ist niemand tot.
Eigentlich ist mir das mit dem Tod erst zu dramatisch vorgekommen, aber durch den darauffolgenden Satz passt es dann doch wieder. „Bis jetzt ist niemand tot“ – gefällt mir sehr gut und steigert die Spannung.

Ich stecke Knoblauchstücke in die winzigen Taschen, nicht überall, ab und zu ist es ein Stück Orangenschale, dann mal eine Nelke, etwas Sternanis, schwarzer Pfeffer, drei zerstoßene Pimentkörner.
Das ist auch schön… hat etwas Sinnliches. Man sieht die Farben und riecht die Gerüche förmlich.

Sie sieht mich an, setzt sich dann an den Küchentisch. Ich hole ein Glas, gieße Wasser ein und gebe es ihr.
Auch schön beschrieben, wie fürsorglich das Kind ist.

Er hat Pranken.
Der Satz „Er hat Pranken“ fügt sich für mich nicht richtig ein. Vielleicht (nur ein Vorschlag) könntest du sagen, dass die Hand auf dem Rücken der zierlichen (so stelle ich sie mir zumindest vor) Mutter wie eine Pranke aussieht, um die beiden ein wenig zu kontrastieren.

"(...) und eine Tochter, die mal Schönheitskönigin wird.«
Lustig, ich hatte irgendwie einen Jungen vor Augen (auch wenn es dafür eigentlich keinerlei Anhaltspunkte gibt). Ich finds aber toll, dass es erst in der Mitte des Textes aufgeklärt wird, ob das Kind ein Junge oder ein Mädchen ist.

Mutter versucht ein Lächeln.
Ich würde eher schreiben, sie versucht, zu lächeln.

Ihr Mutterlächeln. So weiße Zähne. Kaum zu unterscheiden von den weißen Küchenschränken.
Das mit dem Lächeln ist gut. Ich würde den Vergleich mit den Küchenschränken aber streichen.

Das Bild von Rehrücken an Kartoffelbrei und Buttermöhren formt sich in seinem Kopf.
Ich würde statt „formt sich“ ein anderes Wort verwenden. „Entsteht“ würde mir besser gefallen.

»Also der Doc hat gesagt, ich soll mich ausruhen und ausgewogen ernähren, dann wird das wieder. Ich hab ihm von deinen Kochkünsten erzählt. (...)"
Vielleicht habe ich etwas überlesen, aber hier bin ich ein wenig verwirrt, da ich bis zu der Stelle mit den Kochkünsten gedacht habe, die Mutter würde sprechen. Dass der Vater auch krank ist, überrascht mich hier.

Für ihn bin ich nicht weiß. Ich bin seine Schönheitskönigin. Katharina, die Große.
Schöne Stelle! Das mit dem Weiß, das immer wiederkehrt, ist echt stark. „Katharina die Große“ ohne Komma, wenn es ein Titel bzw. Name sein soll.

Er nickt und gräbt in Mutters Schulter nach Erz oder Kohle oder findet in ihrem Gesicht das, was er sucht. Schmerz und das Kribbeln in seinem Bauch.
Hmm. Man begreift zwar, was gemeint ist, aber ich finde die Metaphorik hier ein wenig zu übertrieben im Verhältnis zum übrigen Text.

Das Leben im Kühlschrank muss außerordentlich sein. Ruhig und kühl. Behütet.
Das ist wahnsinnig gut!! Hier wird klar, was das Weiß genau für die Figur bedeutet. Generell gefällt mir, dass Farben im Text mit Wunden/Schmerz assoziiert werden und Weiß dann im Umkehrschluss etwas Kühlendes ist bzw. ein "Raum", in dem kein Schmerz, aber eben auch keine Gefühle existieren können. Ich würde nur „außerordentlich“ durch z.B. „wunderbar“ ersetzen.

Das Regenbogenflüstern. Er wird Mutter einen neuen Regenbogen auf den Körper malen. Darin ist er ein Künstler.
Hier wird das mit dem Regenbogen klarer. Eigentlich eine schöne Stelle, ich frage mich nur, ob es nicht etwas zu sanft wirkt, dafür, dass der Vater (wenn ich das richtig verstehe), die Mutter schlägt. Generell wäre es toll, wenn du es schaffen würdest, bereits früher anklingen zu lassen, dass der Vater gewalttätig ist.

Ein Hund könnte nicht betretener schauen.
Das mit dem Hund würde ich wegtun. „Er schaut betreten“ würde ausreichen.

Eine Mutter ohne Regenbogenfleisch.
Regenbogenfleisch ist ein schönes Kompositum, gefällt mir sehr gut.

Ein echtes Lächeln.
„Ein echtes Lächeln“ ist gut, das kontrastiert das Lächeln der Mutter von der Szene in der Küche.

»Wer erster unten ist«
Das wirkt mir etwas zu kindlich dafür, dass die beiden 15 Jahre alt sind. Wenn du sie etwas jünger machen würdest, würde es passen. Ich würde schreiben: „Wer zuerst/als erster unten ist.“

Könnte schon sein, dass ich ihn liebe. Zwischen all dem Weiß müsste ich allerdings lange suchen nach irgendwelchen anderen Farben.
Die Stelle mit dem Rucksack und Heinrich mag ich auch. Aber ich würde nicht schreiben „andere Farben“, da Weiß ja keine Farbe ist.

»Und wenn jetzt niemand geklingelt hätte? Dann hätte Frau Thünnes Kartoffeln, Möhren, Butter und meine Chips. Deine Frau Thünnes hat dir Scheiße erzählt, Heinrich. Sei nicht immer so leichtgläubig.«
Das ist auch gut gelungen!

Nur den Finger ausstrecken. Und dann werde ich weinen. Ein halbes Leben lang, das weiß ich.
„Und dann werde ich weinen“ gefällt mir sehr gut. Den nächsten Satz würde ich streichen, um die Wirkung nicht zu zerstören. Es wird sonst zu dramatisch.

Ein schniefender, schluchzender Junge, so groß wie mein Vater, also einsneunzig, mit zitternden Händen, direkt gegenüber von Mustafas Teppichladen, und ich weiß nicht, was ich ihm sagen soll.
Das ist gut. Dann kommt allerdings eine Stelle, die mir ein wenig zu überladen ist und die du meiner Meinung nach nicht brauchst:
Nichts. Denn kaum etwas kann das Weiß besiegen. Doch, etwas muss ich ihm sagen, sonst wird seine Welt vielleicht ebenso weiß oder er begibt sich auf den Pfad dorthin und klaut allen anderen auch die Farben.

Nur den Finger ausstrecken. Mehr muss ich nicht tun. Also passiert es jetzt. Ich nehme Heinrichs Hand.
»Komm.«
Das gefällt mir wieder sehr gut.

Er bleibt stehen. Warum?
Das würde ich auch streichen, da ja schon gesagt wurde, dass sie stehen bleiben.

»Du bist vorhin hinter der Gardine gewesen, stimmt's?«
Das ist schön.

Ein Kuss auf seinen Handrücken ist erlaubt. Selbst in der weißen Welt. Also küsse ich die warme, leicht gebräunte Hand. Mit dem Dackelblick könnte er reich werden.
Eine schöne Stelle! Ich würde aber das mit dem Dackelblick streichen.

In der Autoscheibe hinter ihm sehe ich mich lachen. Kein weißes Lachen. Farbe fließt aus meinem Mund.
Ich finde das mit „weißes Lächeln“ ein wenig problematisch, da man es mit schönen, weißen Zähnen assoziiert. Ich habe auch vorhin bei der Mutter gedacht, dass sie schöne Zähne hat und nicht, dass ihr Lächeln leer/gefälscht ist (das auch, dadurch dass die Farbe Weiß in dem Text so stark symbolisch aufgeladen ist. An der Stelle in der Küche hat es gut gepasst. Aber hier würde ich es streichen.)

Das Weiß presst mich, quetscht das wenige Leben in eine Schachtel, in die nicht mal ein Hamster passen würde.
Das mit der Schachtel und dem Hamster gefällt mir extrem gut.

Lautloser als ich kann sich niemand auf der Welt bewegen.
Schön, aber ich würde schreiben: „So lautlos wie ich“, um den Komparativ zu vermeiden. Lautlos ist ja schon lautlos.

Gut. Also bis hierhin ist dein Text großartig. Ein paar Kleinigkeiten könntest du noch ausbessern/ergänzen... Zum Beispiel (wie bereits erwähnt) früher andeuten, dass der Vater kein netter Mensch und liebenswerter Ehemann ist.
Der Schluss (ab der Stelle, wo Katharina und Heinrich die Wohnung betreten) hat mich nicht ganz überzeugt. Der Text ist mit so viel Feingefühl geschrieben, dass der Mord am Ende mir nicht ganz passend erscheint. Ich bin der Meinung, dass der Text dieses Ende gar nicht unbedingt braucht. Vielleicht kann das Ende offen bleiben bzw. der Text an einer früheren Stelle enden. Z.B.: Die beiden kommen in die Wohnung, sehen die Glasscherben, sehen, wie übel die Mutter zugerichtet ist und rufen dann schon den Notruf. Dann nähert sich der Vater und Heinrich greift nach dem Buddha. Aus. Natürlich nur ein Vorschlag.


Ah, was mir noch einfällt: Kennst du das Lied "Meine weiße Welt" von Tom Schilling? Dein Text hat mich sehr daran erinnert. ;-)

LG Jorinde

 

Hallo @Morphin

Schritt für Schritt enthüllt sich in deiner Geschichte das ganze Ausmaß des häuslichen Grauens, wie es sich sicher so oder ähnlich in zahlreichen Familien abspielt. Ein schweeeres Thema, das schon oft aufgegriffen worden ist - ich habe als dienstbarer Geist auch mal einen Roman dazu geschrieben/schreiben müssen. Die Sicht des Opfers darzustellen, ist natürlich die erste Wahl. Das machst du hier auf originelle Weise. Die Farbe Weiß, so unschuldig, muss herhalten als Sinnbild dafür, dass durch ein Monster alle Farbe aus dem Leben der Protagonistin gewichen ist.

Gefallen hat mir, wie ich durch die vielen Einzelheiten in die Welt der Erzählerin hineingezogen werde, auch der puzzleartige Aufbau, durch den Spannung erzeugt wird. Der innere Kampf der Erzählerin, dieses Sich-Sehnen nach einer farbigen Welt und zugleich ihre Angst davor wird gut dargestellt.

Das Symbol der weißen Farbe wird für meinen Geschmack aber in dem Text etwas überstrapaziert. Das wirkt an manchen Stellen an den Haaren herbeigezogen, zum Beispiel im Keller, und als Leser möchte ich dann rufen: „Ich hab’s ja begriffen!“

Die Dialoge zwischen der Erzählerin und Heinrich gefallen mir auch nicht so richtig: Das sind Fünfzehnjährige. Ich höre sie nicht sprechen.

Und am Ende würde ich es dem Leser überlassen, das Messer zu führen, also offen lassen, ob die Hauptfigur ihn tötet, so wie es auch @Jorinde21 vorschlägt.

Hier noch Kleinigkeiten:

Sein Denken ist nicht weiß, wie meines.
Ohne Komma.
Ich muss mich bücken, direkt vor die Schwingtür des Unterschranks und direkt vor den Augen habe ich rote Spritzer.
"Direkt vor die Schwingtür des Unterschranks" lese ich als Einfügung, also sollte dahinter nicht ein Komma stehen?
»Nein, keine Angst. Ich liebe dich, Katharina. Du mich nicht. Wie kann ich neben dir sitzen, stehen, gehen, dir die Hausaufgaben bringen, wenn es mir weh tut?«
Das nur als Beispiel für das, was ich oben geschrieben habe. So reden die Fünfzehnjährigen doch nicht. „Nein, kein Angst. Ich lieb dich, Kathi. Und du mich eben nicht. Meinst du, ich kann einfach so neben dir sitzen, steh’n, dir Hausaufgaben bringen? Das tut mir weh." Nur, damit du weißt, was ich meine. Katharina könnte von Heinrich auch ruhig Kathi genannt werden.
Bestimmt hat sie keine Regenbogengemälde auf sich und muss die schönen Farben verstecken.
Diese beschönigende Beschreibung ist ein bisschen zu viel für meinen Geschmack. Warum nicht mal das Kind beim Namen nennen und "Blutergüsse" schreiben? Aber zumindest das "schöne" vor den Farben passt nun wirklich nicht. Oder soll das Ironie sein?
Ich habe keine Angst vor deinem Papa. Auch wenn er mich alles geheißen hat.
Merkwürdige Formulierung. Klingt auch sehr gehoben.

Grüße
Sturek

 

Guten Morgen @Jorinde21,

besten Dank fürs Lesen und Kommentieren. Ich hab deinen Beitrag gestern gelesen und heute Nacht ist er durch meinen Kopf. Das Ende, okay, das Ende habe ich gekürzt.

Vielleicht findest du aber ein anderes Wort für „widersinnig.“ Vielleicht „sträflich“ oder so. Immerhin empfindet es die Figur ja nicht als Sinnlosigkeit,
Widersinnig ist ja genau NICHT sinnlos. Es ist nur entgegen Katharinas Sinn, den sie reinem, weißen Geschirr zuschreibt. Das war der Grund, warum ich widersinnig geschrieben habe, weil das Beschmutzen nicht dem Sinn folgt, der für sie richtig ist. Sträflich wäre etwas ganz anderes.

Du hast wirklich viel notiert und ich habe einiges a) übernommen oder b) noch mal anders formuliert. Tom Schilling sagt mir nix, bin überhaupt kein Deutsche-Texte-Hörer. Die meisten hier beschriebenen Situationen sind aus meinen paar Jahren als Arbeitserzieher mit straffällig gewordenen Jugendlichen. Auch die Sprache reicht dort von sehr einfach bis ausgesprochen komplex, auch mit vierzehn oder fünfzehn. Ich merk das auch bei meinen Kindern (zwar inzwischen aus dem Haus). Kind A hat wirklich gewähltes Deutsch gesprochen, Kind B eher umgangssprachlich, also da gibt es bis auf Fachtermini alles an Sprache.

Das Thema selbst zieht sich durch mein Leben. Gewalt an/in Familie, an/mit Kindern. Deshalb auch eher Andeutungen, Regenbogenfarben, langsames Aufdecken. Der Schreck kommt später. Ich werde immer wieder drüber schreiben, auch in meinen Romanen ist das der Fall, denn es aus unserer Gesellschaft noch nicht verschwunden und wird teilweise nicht thematisiert.

Noch mal vielen Dank für das ausgiebige Lesen und Kommentieren.

Grüße
Morphin

 

Guten Morgen @Sturek,

besten Dank fürs Lesen und Kommentieren. Ja, erst mal zu: Warum habe ich das so geschrieben? Grundsätzlich ist jeder Satz geplant. Hat also für mich in diesem Text, mit diesem Thema, mit diesen Figuren seinen exakten Sinn, seinen exakten Platz.

Natürlich schießt man ab und an übers Ziel hinaus, weswegen ich von @Jorinde21 einige Anmerkungen zum Anlass genommen habe, dieses oder jenes zu ändern. Über das Ende habe ich heute Nacht nachgedacht, ja, kann raus bzw. ist geändert, gekürzt.

Zur Sprache und auch gleich zum Realen dahinter. Der Text setzt sich aus eigenem Erleben (Sprache und Thema) und jobmäßiger Beschäftigung (Jugendliche) zusammen. Bei der Sprache von 15jährigen kann ich sagen, es gab/gibt alles, von banal bis sehr gutem Deutsch. Innerhalb dieses Spektrums kann man dann die Figuren anlegen. Gehobene Sprache ist genau so wenig unrealistisch, wie banale Alltagssprache, was ich auch bei meinen Kindern sehe.

So reden die Fünfzehnjährigen doch nicht.
Ich habe es ein klein wenig angepasst, aber Fünfzehnjährige können so reden, das ist eigenes Erleben oder Arbeit mit Fünfzehnjährigen.

Diese beschönigende Beschreibung ist ein bisschen zu viel für meinen Geschmack. Warum nicht mal das Kind beim Namen nennen und "Blutergüsse" schreiben?
Genau das wollte ich nicht. Nicht ein einziges Mal das Wort Blutergüsse schreiben. Das war ein Ziel von mir. Das hat viel mit den Beschreibungen von Jugendlichen zu tun, wenn sie erzählen, und dem Schreck ausweichen, umschreiben.

Merkwürdige Formulierung. Klingt auch sehr gehoben.
... hat mich alles geheißen ... das ist normale Umgangssprache. Das sagte letztens noch meine Tochter (20), als sie einem die Vorfahrt nahm. Der hat mich alles geheißen ... :D

Klar, das hat sie im Elternhaus gehört, aber vielleicht auch im Fernsehen, nem Kinofilm, wo auch immer. Es hat ihr gefallen und dann wird es übernommen.

Ja, also bei Sprache und Jugendlichen habe ich wirklich schon alles erlebt, von B1 bis DSH-Deutsch. Das kann etwas - muss aber nicht - mit einem sozialen Status zu tun haben, aber auch bei den Klischees habe ich schon eine Umpolung erlebt, dass Menschen, denen man einen niederen Status beimessen wollte, besseres Deutsch sprachen als umgekehrt. Deswegen bin ich bei Sprache und wer was wie spricht, immer vorsichtig.

Sohnemann hat mit 15 mit fünf seiner Kumpels einen 'Stammtisch' gegründet, 1 x in der Woche. Da haben sie dann Nietzsche, Schopenhauer etc. gelesen und versucht, deren Sprache in ihre Sprache zu übernehmen, bis mal irgendwann der Deutschlehrer anrief und fragte, was da los sei? Und die Eltern waren alle durchweg keine Akademiker, Literaten oder sonst wie abgehoben. Samstags auf dem Bolzplatz dann wieder normale Sprache.

Okay, jetzt muss ich weg. Noch mal vielen Dank und gewitterfreie Woche wünscht

Morphin

 

Lieber @Morphin,

Ich habe mir das überarbeitete Ende durchgelesen und finde es jetzt definitiv besser und vor allem glaubwürdig!

Vater wird farblos.
War zwar vorher schon drin, aber der Satz ist echt schön.

"Widersinnig" bedeutet laut Duden bedeutet "der Vernunft zuwiderlaufend", ist in gewisser Hinsicht schon ein Synonym zu "sinnlos", wenn es auch eine andere Konnotation hat. Mir ist schon klar, dass es ihr "wider den Sinn" ist, aber vielleicht könntest du schreiben: "Es war ihr zuwider..." Klingt für mich schöner, ist aber womöglich Ansichtssache.

Ich finde es auch spannend, dass du da quasi aus Erfahrung schreibst. Sehr interessant zu wissen.

Nochmal großes Lob für den Text!

LG Jorinde

 

Moin @Jorinde21,

so, jetzetle hab ich einfach mal das Wort 'falsch' verwendet. Das lasse ich mal wirken. Danke fürs Nachlesen und einen gewitterarmen Tag wünscht

Morphin

 

Hallo @Morphin

ich stehe deinem Text ein wenig widersprüchlich gegenüber. Zu Beginn und ungefähr bis zum Mittelteil hat er mich schlicht begeistert. Ich fand ihn extrem atmosphärisch, gleichzeitig aber angenehm unaufgeregt geschrieben und während des Lesens hat sich nicht nur sofort ein Bild vor meinem Augen ergeben, sondern auch die Stimmung wurde durch deinen Text für mich deutlich wahrnehmbar und erfahrbar. Das ist eine große Qualität, die deine Geschichte für mich auszeichnet!
Das gelingt dir auch immer wieder über den ganzen Text, wie ich finde nach hinten raus, dann aber etwas weniger.

Warum aber meine widersprüchliche Wahrnehmung deines Textes? Weil ich finde, dass die Protagonistin und Heinrich mitunter seltsam und nicht nachvollziehbar (für mich und mein Empfinden) aufeinander reagieren und miteinander interagieren. Das mag daran liegen, dass mir das Vorwissen über die Beziehung der beiden fehlt. Dennoch schadet das meinem Empfinden nach deinem Text, weil ich mitunter stocke, um mich zu fragen, warum sie das jetzt so gesagt haben. Ich glaube eigentlich auch nicht, dass das deine Intention war, den Leser zum Stocken zu bringen. Denn sonst wäre der Fluss, den ich im ersten Drittel als sehr stark empfunden habe, auch wiederum unpassend.
Nun, ich hoffe, du kannst mit meiner Meinung etwas anfangen. Ich habe auf jeden Fall ein paar Stellen markiert, vielleicht wird dann etwas deutlicher, was ich meine. Alles in allem meckern auf hohem Niveau! Das Ende (ich kenne nur das aktuelle) fand ich dann wiederum gelungen.


Alles ist so weiß. Die Wände. Eine Gardine, dicht gewebt und in Wellen vor dem Fenster. Und ich. Hinausschauen ist möglich. Aber nicht gesehen werden von draußen. Auch nicht von Heinrich, der zwei Stockwerke tiefer vor dem Haus stehenbleibt, heraufschaut und darüber nachdenkt, ob er klingeln soll oder nicht. Mir die Hausaufgaben bringen, das wird man ihm aufgetragen haben. Vielleicht denkt er auch daran, mit mir zu spielen. Schach auf seinem Brett, das er mindestens einmal in der Woche in die Schule schleppt. Meist gewinnt er. Sein Denken ist nicht weiß. In seinem Kopf existieren unzählige Farben. In mir ist nur Weiß.
Ein wirklich gelungener Einstieg, der mich sofort reingezogen hat!

»Was stehst du da am Fenster rum?!«
Ich finde ja, dass ?! einen Text immer etwas schwächt. Ich finde, dass es ein simples ? auch tut und es dir gelingt, die Stimmung durch den Kontext gut genug herüberzubringen. Aber ist vielleicht eine Geschmacksfrage?

Und wenn alle anderen ihren Fisch am Freitag essen, dann tun wir das am Donnerstag, denn wir sind nicht alle anderen.
Ein super Satz!

»Nein, keine Angst. Ich kann nicht neben dir sitzen, stehen, gehen, dir die Hausaufgaben bringen, wenn es mir weh tut!«
»Wie kommst du darauf, dass ich nichts für dich empfinde?«
Hier musste ich das erste Mal wirklich innehalten. Das passt für mich so gar nicht zusammen und klingt für mich unnatürlich und gestelzt. Ein Bruch im Vergleich zu allem Vorherigen im Text.

Ich gehe mit. Ich habe keine Angst vor deinem Papa. Auch wenn er mich alles geheißen hat. Ich liebe dich und irgendwie meine ich, du mich auch.
Mmh, auch hier wieder. Für mich klingt das einfach "nicht echt".
»Ja, ich weiß«, flüstere ich. Was kann ich tun? Eine Schale Wasser, etwas Gaze aus dem Verbandskasten, das wird fürs Erste gut sein. Die Polizei rufen. Aber die waren schon da. Anzeige? Nein, nein, Kind.
Hier fehlen Anführungszeichen, oder?

Die Hand ruht im Zenit ihrer Gewalt.
Das war mir hier auch wieder ein wenig "drüber". Ich denke, dass hier weniger merh wäre und (zumindest für mich) stärker wirken würde.
Den Notarzt, die Polizei.
Streng genommen, ruft man ja nicht den Notarzt, sondern den Rettungsdienst bzw. bei der integrierten Leitstelle an. Aber das ist vielleicht wirklich auch nur unnötige Klugscheißerei meinerseits.

Insgesamt sehr gerne gelesen!
Viele Grüße und noch einen schönen Restsonntag wünscht,
Habentus

 
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