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Wie kommt er dazu, so etwas zu tun?

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Wie kommt er dazu, so etwas zu tun?

Ich traf Theresa wieder, wo ich es nie erwartet hätte: auf unserem Wochenmarkt, zwischen Blumenkohl und Apfelsinenkisten.
Sie trug die Kleidung, die schon auf der Schule ihr Markenzeichen gewesen war, dezenter als früher, aber noch immer genauso elegant. Der hellbraune Mantel war von Burberry, wie man unschwer erraten konnte. Ein paar graue Strähnen glänzten in ihrem Haar. Wir werden alle nicht jünger, weiß Gott.
"Evi! Das ist aber eine Überraschung!"
Sie hatte mich schon zu Schulzeiten "Evi" genannt, obwohl ich eigentlich Johanna heiße, aus der Laune eines Augenblicks heraus, und weil ihr der Name gefiel. Wir umarmten uns.
"Was machst du denn hier draußen?", fragte ich lächelnd.
"Du wirst es nicht glauben, aber Alireza und ich sind vor ein paar Monaten hergezogen. Er arbeitet jetzt in Hamburg, ich habe auch schon eine Stelle gefunden. Back to the roots sozusagen. Wie das Leben halt manchmal so spielt."
"Das ist ja super!"
"Wohnst du noch immer auf dem Hof deiner Eltern?"
"Ja. Sie sind schon ein bisschen in die Jahre gekommen, weißt du, ich gehe ihnen zur Hand, so gut ich kann."
"Die gute alte Evi!", rief sie und tätschelte meine Schulter. "Du hast dich nicht verändert. Das habe ich immer an dir geschätzt ..."
"Wie geht es deinen Jungs?", fragte ich, dunklen Erinnerungen vom letzten Klassentreffen nachspürend.
"Oh, Stefan war ja schon lange in trockenen Tüchern, wenn ich das so sagen darf, er hat eine Lehrerin geheiratet, mittlerweile haben sie einen Sohn. Wir Schneiders werden eine regelrechte Lehrer-Familie. Und denk dir, sogar Erik, mein Älterer, mein kleines Sorgenkind, hat jetzt eine Frau kennengelernt. Das freut mich so sehr, du kannst es dir nicht vorstellen. Ich dachte, er findet nie eine Partnerin. Die Sache ist noch ganz frisch, ich hoffe, alles wird gut und verläuft nicht so schnell im Sande wie seine Internet-Bekanntschaften."
"Wie schön!"
"Du, ich muss leider weiter, aber wir sollten uns unbedingt mal wieder treffen. Die alten Zeiten aufleben lassen." Handy-Nummern waren schnell getauscht, und da sah ich ihre hohe Gestalt über den Platz davongehen, die so schlecht zwischen all die Jeans und Cordjacken passte.

"Rosinas Kaffeestübchen" ist das hübscheste Café im Ort. Ich war ein paar Minuten zu früh und wartete in der grauen Winterluft.
Mehr Zeit war vergangen, als vielleicht beabsichtigt. Theresa und ich hatten regelmäßig Nachrichten ausgetauscht, aber mal konnte ich nicht, mal hatte sie zu viele Termine.
Theresa wirkte aufgewühlt. Den Cappuccino stürzte sie herunter und bestellte sofort einen doppelten Espresso nach.
"Es ist einfach nicht zu glauben!", sagte sie und hatte Mühe, ihre Stimme zu dämpfen.
"Was ist denn passiert?"
"Er will sie wirklich heiraten. Wirklich und tatsächlich!"
"Erik meinst du?"
"Na, wen sonst", schnaubte sie. "Nach drei Monaten Beziehung! Eine Aushilfe im Bioladen!"
"Ist sie ..."
"Eine Wuchtbrumme ist sie", fiel Theresa mir ins Wort. "Ein fettes Weibsstück. Und Haare auf den Zähnen! Meinst du, sie hat einen Hauch Respekt vor mir, der Mutter ihres Freundes? Wo die ihr Selbstbewusstsein hernimmt, möchte ich wissen!"
Der Kellner brachte den Espresso und stahl sich davon.
"Dann muss er ja eine Menge von ihr halten."
"Ja, er liebt sie, sagt er! Liebt sie! Was versteht er von Liebe, der dumme Junge! Das Weib hat ihm den Kopf verdreht! Flüstert ihm Honig ins Ohr, weil sie sonst keinen mehr abbekommt, und er ist dumm genug, darauf zu hören. Oh Evi, womit habe ich das verdient? Da lässt man dem Jungen die beste Ausbildung zukommen, und dann verliebt er sich in eine Bioladen-Aushilfe mit grünen Haaren, die vermutlich nicht mal die Realschule abgeschlossen hat! Wie kommt er dazu, so etwas zu tun?"
Ich dachte nach, aber mir fiel kein Wort ein, von dem ich glaubte, dass es Theresa nicht noch mehr gereizt hätte. So schwieg ich und nippte an meinem Kaffee.
"Wenn sie wenigstens jung wäre! Aber nicht einmal das ist sie, nein, im Gegenteil, sie muss hart auf die vierzig zugehen oder gar schon drüber sein! Wieviele Männer die wohl schon verbraucht hat! Ich bin echt am Boden zerstört, Evi."
Leise fuhr sie fort, wie lange sie gearbeitet habe, um ihren Kindern den optimalen Start ins Leben zu ermöglichen, ging weit zurück in die Vergangenheit, als sie sich unter vielen Mühen nebenbei zur Lehrerin fortgebildet und Alireza geheiratet hatte. Sie rührte in der leeren Tasse und starrte vor sich hin und ich fand an dem Tag keinen Zugang zu ihr; mir blieb nur, dabei zu sitzen und hin und wieder etwas Begütigendes zu sagen. Meine alte Schulfreundin tat mir von Herzen leid.

Es war schade, dass ich von Erik fast gar nichts wusste. Ich hätte gern philosophische Betrachtungen über sein Wesen angestellt und ihn psychologisch beurteilt, um Theresa dabei zu helfen, ihn wieder auf die rechte Bahn zu bringen. Aber ich habe ihn nie persönlich getroffen und alles, was ich über ihn weiß, habe ich von meiner Freundin. Er hat sich wohl stets schwer getan mit Frauen, obwohl er attraktiv ist, aber immer auf die Frau fürs Leben gehofft. Ein guter Junge, wie mir scheint. Die Sache ist nur, gute Jungen geraten oft an schlechte Frauen. Ich beneidete Theresa nicht. Ich habe keine Kinder, aber in diesem Augenblick war ich froh darüber.

Wieder ging einige Zeit ins Land, ehe Theresa und ich uns trafen. Ich traute mich kaum nachzufragen, wie die Sache stehe, fürchtete, Theresa nur noch mehr zu verdrießen. Auch hatte ich viel auf dem Hof zu tun, und als mein Vater für ein paar Wochen ins Krankenhaus musste, hatte ich gar keinen Kopf für andere Sachen.
Da kam eines Tages von ihr die Nachricht, ob wir uns noch am selben Abend treffen könnten. "Ich muss mit jemandem reden, wegen Erik. Alireza stellt sich taubstumm." Ein paar Stunden später saßen wir in ihrem Wohnzimmer, und Theresa schenkte sich bereits das zweite Glas eines Rheinweines ein, der ihre Zunge löste.
"Warum Reza das alles nicht stört, ist mir ein Rätsel. Er sagt nur, ich solle Erik machen lassen, ihn seinen Weg gehen lassen. Reza interessiert doch bloß seine Arbeit. Früher war das zwar auch schon so, aber jetzt, in dieser Situation, macht mich sein Desinteresse fertig."
"Gibt es wirklich keine Chance, dass sie Kinder bekommen?", fragte ich.
"Keine! Und das hat diese Tante doch längst gewusst! Vermutlich ist sie wegen ihres Übergewichts unfruchtbar, aber natürlich möchte sie Erik glauben machen, sie sei erst jetzt zu dieser Erkenntnis gelangt!"
"Dann scheint es tatsächlich keine andere Möglichkeit als eine Adoption zu geben."
"Mag sein, aber jetzt kommt der Hammer. Weißt du, was für Kinder sie adoptieren wollen? Flüchtlingskinder! Kanacken!"
Ich zuckte zusammen. "Kanacken?"
Theresa war hochrot geworden. "Du weißt, was ich meine! Irgendwelche unbegleiteten Flüchtlinge! Das ist natürlich auf ihrem Mist gewachsen! Eriks Fehler ist, er ist einfach zu gutmütig. Sie kann mit ihm umspringen, wie sie will. Dass er mal einen Ton sagt, Pustekuchen. Da hat sie natürlich leichtes Spiel."
"Aber du hast doch selbst einen Ausländer geheiratet ...", wagte ich einzuwerfen, etwas verwundert über Theresas Ausdrucksweise.
Sie starrte mich aus ihren hübschen braunen Augen an. "Alireza ist iranischer Christ, und außerdem hat er nicht, einen schlabberigen Trainingsanzug tragend, in einem Flüchtlingscamp in Griechenland gehaust, sondern es durch Leistung nach Deutschland geschafft. Alireza und ich sind uns ziemlich ähnlich, ganz im Gegenteil zu diesem Bioladen-Biest. Die hat doch noch nie im Leben etwas geleistet, und jetzt schleppt sie solche Leute in die Familie!" Theresa schlug mit der Handfläche auf den Tisch und leerte ihr Glas in einem Zug.
"Ich fürchte, da kann man wohl wenig machen. Dein Sohn ist erwachsen, er muss wissen, was er tut."
"Tja, das sagst du so weise. Das Problem ist, er weiß doch gar nicht, was er will. Eine Frau wollte er, aber damit hört's auch schon auf. Man braucht einen starken Willen, um sich im Leben durchzusetzen. Ich glaube, wir haben den Jungen viel zu sehr verhätschelt. Jetzt rächt sich das, denn wenn man dieser Frau eines zugute halten muss - was sie will, das weiß sie."
Ich nahm einen weiteren Cracker und schaute aus dem Fenster. Ein Frühlingssturm fuhr durch die Bäume des Anwesens und ließ letztjährige Blätter erzittern, ehe sie zu Boden fielen.
Wie bei unserem letzten Treffen wusste ich nicht weiter, das Gespräch war an einem toten Punkt angelangt. Mir war klar, dass Theresa von mir erwartete, sie zu trösten und in ihrem Ansinnen zu bestärken, Erik aus der Beziehung zu lösen, und doch konnte ich mich aus unerfindlichen Gründen nicht dazu überwinden. Es schien mir, im Gegenteil, fast, als müsste ich Erik gegen seine Mutter verteidigen, was mir aber auch wiederum unsäglich dumm vorkam. So war es kein Wunder, dass ich Theresa bald unter fadenscheinigen Entschuldigungen verließ und missmutig durch die Nacht nach Hause stapfte.

Ich weiß nicht, wie die Sache weitergegangen ist, Theresa und ich haben uns, trotz der räumlichen Nähe, aus den Augen verloren. Aber einmal glaube ich, den Sohn meiner Freundin gesehen zu haben: Es war in Hamburg, in der Innenstadt, ich ging die Mönckebergstraße entlang, als ein Mann mit zwei dunkelhaarigen Kindern und einer dicken, grünhaarigen Frau aus einem der Geschäfte trat. Die Frau sagte laut etwas zu einem der Kinder, woraufhin der Mann sie barsch anfuhr. Die ganze Familie sah vollkommen fertig aus.
 
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Monster-WG
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Lieber @Manlio

ich habe Deine Geschichte gerne gelesen. Ich mag das Tempo, den Schreibstil und die Eindrücke sind gut geschildert. Ich bin nah bei den Protagonisten, kann mir alles gut vorstellen. Einige Dinge sind ein wenig klischehaft, aber das passt zu der Story.

Hier ein paar Anmerkungen:

Sie trug die Kleidung, die auf der Schule ihr Markenzeichen gewesen war, dezenter jetzt, unter dem Einfluss zunehmenden Alters, aber noch immer genauso elegant. Der hellbraune Mantel war von Burberry, wie man unschwer erraten konnte. Ein paar graue Strähnen glänzten in ihrem Haar. Wir werden alle nicht jünger, weiß Gott.

Der Einstieg ist Dir gut gelungen.
Als Leser weiß ich sofort, dass die beiden sich von der Schule kennen und zwischenzeitlich älter geworden sind.

"Wie geht es deinen Jungen?", fragte ich, dunklen Erinnerungen vom letzten Klassentreffen nachspürend.

Vorschlag: "Wie geht es Deinen Jungs?"

Fände ich ihm Dialog passender.

Das freut mich so sehr, du kannst es dir nicht vorstellen. Ich dachte, er findet nie eine Partnerin. Die Sache ist noch ganz frisch

Hier freut sich die Mutter noch. Und später ändert sich alles.

Theresa wirkte aufgewühlt. Den ersten Cappuccino stürzte sie geradezu herunter und bestellte beim Kellner sofort einen doppelten Espresso nach.

Hier geht es mir ein wenig zu schnell.
Eben steht die Prota noch draußen und wartet und im nächsten Moment stürzt sie den Cappuccino runter. Wie wäre es mit einer kurzen Begrüßung und Beschreibung, wie die beiden reingehen? Auch ein paar Sinneseindrücke wären nett.

Ich dachte nach, aber mir fiel kein Wort ein, von dem ich glaubte, dass es Theresa nicht noch mehr gereizt hätte. So schwieg ich und nippte an meinem Kaffee.

Die Reaktion finde ich absolut glaubwürdig und nachvollziehbar.

Sie rührte in der leeren Tasse und starrte vor sich hin und ich fand an dem Tag keinen Zugang zu ihr; mir blieb nur, dabei zu sitzen und dann und wann etwas Begütigendes zu sagen. Meine alte Schulfreundin tat mir von Herzen leid.

Hier empfinde ich tiefe Sympathie für Deine Prota. Sehr glaubwürdig. Ein wenig tut sie mir leid, weil es bei dem Treffen nur um T. geht, sie selbst gar nicht wahrgenommen wird.

Aber ich habe ihn nie kennengelernt und alles, was mir über ihn bekannt ist, habe ich von meiner Freundin.

Vorschlag: Aber ich habe ihn nie persönlich getroffen und alles, was ich über ihn weiß, habe ich von meiner Freundin.

Ich habe keine Kinder, aber in diesem Augenblick war ich ganz froh darum.

Vorschlag: Ich habe keine Kinder. Manchmal litt ich ein wenig darunter, doch in diesem Augenblick war ich froh darum.

Er meint nur, ich solle Erik machen lassen, ihn seinen Weg gehen lassen. Reza interessiert doch bloß seine Arbeit. Früher war das zwar auch schon so, aber jetzt, in dieser Situation, macht mich sein Desinteresse fertig

Die Reaktion des Mannes finde ich sehr gut und realistisch. Gute Einstellung, den Sohn machen zu lassen.
Schade, dass T. sich so dagegen sträubt.

Vermutlich ist sie wegen ihres Übergewichts unfruchtbar, aber natürlich möchte sie Erik glauben machen, sie sei erst jetzt zu dieser Erkenntnis gelangt.

Uff. Das ist heftig.
Passt aber zu T., die sich da ja richtig reinsteigert.
Ein wenig kann ich sie verstehen. Ich denke, bei diesem Punkt geht es leider vielen Eltern so.

"Aber du hast doch selbst einen Ausländer geheiratet ...", wagte ich einzuwerfen, etwas verwundert über Theresas Ausdrucksweise.

Ich finde es gut, dass Deine Prota sich hier einbringt.

"Ich fürchte, da kann man wohl wenig machen. Dein Sohn ist erwachsen, er muss wissen, was er tut."

Sehr glaubwürdig. Gute Einstellung.

Wie bei unserem letzten Treffen wusste ich nicht weiter, das Gespräch war an einem toten Punkt angelangt. Mir war klar, dass Theresa von mir erwartete, sie zu trösten und in ihrem Ansinnen zu bestärken, Erik aus der Beziehung zu lösen, und doch konnte ich mich aus unerfindlichen Gründen nicht dazu überwinden.

Auch das finde ich absolut nachvollziehbar.

Es schien mir, im Gegenteil, fast, als müsste ich Erik gegen seine Mutter verteidigen, was mir aber auch wiederum unsäglich dumm vorkam. So nahm es kein Wunder, dass ich Theresa bald unter fadenscheinigen Entschuldigungen verließ und missmutig durch die Nacht nach Hause stapfte.

Und auch hier bin ich voll bei Deiner Prota.

Ich weiß nicht, wie die Geschichte weitergegangen ist, Theresa und ich haben uns, trotz der räumlichen Nähe, aus den Augen verloren.

Das ist sehr verständlich.
Letztendlich für Deine Prota besser. Was hat sie von einer Freundin, die immer nur sich sieht?

Die Frau sagte laut etwas zu einem der Kinder, woraufhin der Mann sie barsch anfuhr. Die ganze Familie sah vollkommen fertig aus.

Ein trauriges Ende, leider sehr realistisch.

Ganz liebe Grüße und einen schönen Tag,
Silvita
 

AWM

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26.03.2018
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Servus @Manlio ich finde den Titel gut und er hat mich neugierig gemacht. Die Geschichte hat mir leider nicht gefallen. Mir ist auch nicht klar, was du mit der aussagen willst. Das Ende scheint ja die Sichtweise der äußerst unsympathischen Mutter irgendwie zu bestätigen? Außerdem ist die Geschichte ja recht handlungsarm. Für die Protagonistin gibt es keinen wirklichen äußeren Konflikt. Gerade deshalb bräuchte es hier für mich einen stärkeren philosophischen Konflikt. Deine Prota müsste eine Einstellung haben, die konträr zu der von Theresa ist und am Ende wird eine der beiden Einstellungen bestätigt, was die Aussage des Textes ergeben würde. Sie wäre dann hin und hergerissen zwischen alter Freundschaft und dem recht widerlichen Menschen zu dem Theresa geworden ist. Der Prota scheint das aber alles recht egal zu sein, was die so von sich gibt. Mir ist das auch viel zu krass. Ich würde das viel unterschwelliger erzählen. Theresa als eine, die sich weltoffen gibt, aber ein Problem mit der neuen Liebe des Sohnes hat, es für sich selbst aber nicht zugeben kann und deshalb andere Gründe vorschiebt. Dass sie da mit Wörtern wie Kanacke um sich wirft und die Prota da so neutral zu steht, nehme ich nicht ab.
Ich traf Theresa wieder, wo ich es nie erwartet hätte: Auf unserem Wochenmarkt, zwischen Blumenkohl und Apfelsinenkisten.
nach dem Doppelpunkt muss es klein weitergehen, weil kein vollständiger Satz folgt.
Sie trug die Kleidung, die auf der Schule ihr Markenzeichen gewesen war, dezenter jetzt, unter dem Einfluss zunehmenden Alters, aber noch immer genauso elegant. Der hellbraune Mantel war von Burberry, wie man unschwer erraten konnte. Ein paar graue Strähnen glänzten in ihrem Haar. Wir werden alle nicht jünger, weiß Gott.
Würde ich einfach machen. Sie trug ihren Burberry-Mantel, der schon damals in der Schule ihr Markenzeichen war.
"Du wirst es nicht glauben, aber Alireza und ich sind vor ein paar Monaten hergezogen. Er arbeitet jetzt in Hamburg, und ich habe auch schon eine Stelle als Lehrerin gefunden. Back to the roots sozusagen. Wie das Leben halt manchmal so spielt."
Finde, bei deinen Dialogen solltest du kürzen. Die hören sich teils unnatürlich an. Ich selbst habe als Faustregel jedes überflüssige Wort zu kürzen, was natürlich von Charakter zu Charakter auch variiert. Alireza und ich sind vor ein paar Monaten hergezogen. Er arbeitet jetzt in Hamburg und ich habe auch eine Stelle als Lehrerin gefunden. Back to the roots. Wie das Leben so spielt."
"Ja. Sie sind schon ein bisschen ältlich, musst du wissen, ich gehe ihnen zur Hand."
"Sie werden langsam alt. Ich gehe ihnen zur Hand."
"Du hast dich wahrlich nicht verändert. Das habe ich immer an dir geschätzt - diese Konstanz - diese Kontinuität ..."
Auch wie die teilsweise reden "wahrlich" etc. Das ist mir zu gestelzt für einen Dialog.
"Du, ich muss leider weiter, aber wir sollten uns unbedingt mal wieder treffen, wo ich doch jetzt auf der Ecke wohne. Die alten Zeiten aufleben lassen."
Auch hier ist sowas wie "wo ich doch jetzt auf der (um die?) Ecke wohne" überflüssig
Handy-Nummern waren schnell getauscht, und da sah ich ihre hohe Gestalt über den Platz davongehen, die so schlecht unter all die Jeans und Cordjacken passte.
finde den Nebensatz komisch. "... zwischen die Jeans- und Cordjacken-Träger passte." und wieso tragen in HH alle Jeans und Cordjacken?
Ich war ein paar Minuten zu früh und wartete in der grauen Winterluft.
Mehr Zeit war vergangen, als vielleicht beabsichtigt. Theresa und ich hatten regelmäßig Nachrichten ausgetauscht, aber mal konnte ich nicht, mal hatte sie zu viele Termine.
Finde ich ungeschickt. Das mit "Mehr Zeit" bezieht man als Leser auf den Satz davor und wundert sich, weil sie ja zu früh ist.
"Eine Wuchtbrumme ist sie", fiel Theresa mir ins Wort. "Ein fettes Weibsstück. Und Haare auf den Zähnen! Meinst du, sie hat einen Hauch Respekt vor mir, der Mutter ihres Freundes? Wo die ihr Selbstbewusstsein hernimmt, möchte ich wissen!"
Ja viel zu krass einfach. Bei Wuchtbrumme bin ich noch mitgegangen, aber was danach folgt ist einfach Holzhammer und ich glaube nicht, dass sie so reden würde und sei es nur aus sozialer Erwünschtheit.
Meine alte Schulfreundin tat mir von Herzen leid.
Das macht deine Prota eben auch unsympathisch.
auf die Frau für's Leben gehofft
fürs
der ihre Zunge spürbar löste.
spürbar" streichen
Es schien mir, im Gegenteil, fast, als müsste ich Erik gegen seine Mutter verteidigen, was mir aber auch wiederum unsäglich dumm vorkam.
Hier würde ja der Konflikt liegen. Loyalität der Freundin gegenüber, die aber mittlerweile abstoßende Einstellungen hat. Das würde aber nur gehen, wenn sie die nicht so krass und offen kommunizieren würde und deine Prota eben auch irgendein Weltbild hätte und nicht so neutral wäre.

Gruß
AWM
 
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Monster-WG
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02.05.2020
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Hallo @Manlio ,

leider hat mich deine Geschichte etwas ratlos zurückgelassen. Warum deine Protagonistin deine Protagonistin ist, habe ich nicht verstanden.
Die Erwartungshaltung als Leser ist ja eigentlich, dass es eine Geschichte über einen Prot zu erzählen gibt, weil irgendetwas im Leben des Protagonisten schief läuft, so dass es sich lohnt darüber zu berichten. Nun sehe ich aber bei deiner Protagonistin kein Problem auflaufen.
Eigentlich ist es die Freundin der Protagonistin, die in ein Problem rein rennt - wenigstens in ein subjektives Problem - und - wenn die Familie, die deine Protagonistin am Schluss sieht, tatsächlich besagter Erik mit Frau ist - offenbar mit der Vorstellung ihrer perfekten Familie, in der jeder das perfekte Rädchen ist, scheitert. Wahrscheinlich hast du sie nicht als Prot genutzt, weil sie einfach unsympathisch ist und ein Leser mit einem unsympathischen Prot seltenst mitleidet.
Allerdings würde die Geschichte mit dieser Protagonistin tatsächlich für mich funktionieren. Möglicherweise würde die Geschichte auch für mich funktionieren, wenn deine Protagonistin nicht als Protagonistin, sondern als Erzähler der Geschichte ihrer Freundin agieren würde, als Beobachter, wie in "Der große Gatsby" zum Beispiel.
In der aktuellen Fassung fehlt mir jedoch leider irgendeine Form von Krise, Konflikt, sogar emotionale Beteiligung der Protagonistin. Denn selbst wenn deine Protagonistin teilweise unangenehm berührt ist, drückt sich dies nie anders als durch ich-weiß-nicht-weiter-Tatenlosigkeit aus, die Situation ihrer Freundin tangiert weder sie noch ihr Leben und das bringt der Geschichte einfach keinen Spannungsbogen.

Viele Grüße
Feurig
 
Senior
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10.02.2000
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Mahlzeit @Manlio,

ich kann mit deiner Geschichte sehr viel anfangen. Warum? Seit vielen Jahren bin ich fast täglich mit geflüchteten Menschen zusammen. Das Spektrum dessen, was wir zusammen tun, ist groß. Es reicht vom Essen kochen bis zum Lösen komplexer Probleme in allen Bereichen des Lebens.

Diese Jahre haben aber auch die Zahl meiner Bekanntschaften drastisch reduziert. Zuerst hielt ich das für Zeitmangel. Dann trauten sich doch einige zu fragen, ob sich die Arbeit mit geflüchteten Menschen lohne. Inzwischen wurde daraus recht offene Ablehnung.

Allerdings gab es auch die, die einfach nichts sagten und wegblieben. Diese menschliche Handlungsweise kann man jederzeit umkehren. Man stellt fest, dass sich Meinungen herausbilden, die man nicht vermutet hätte, so nicht kannte oder deren Entstehung man gar nicht mitbekam. Und nun die Frage: intervenieren oder nicht?

Und meist wird nicht interveniert. Nicht dagegen gehalten. Nicht nach einem Grund für die Meinung gefragt; und vor allem nicht eine eigene Meinung geäußert. Mitunter weil man erst jetzt merkt, wie egal dieser Mensch einem ist. Und das man sich bisher etwas vorgemacht hat.

Dein Text zeigt eben das. Die Gleichgültigkeit. Es gibt eben genau KEINE Spannung, weil Spannung bspw. Diskurs bedeuten würde zwischen den Freundinnen. Dein Text zeigt, wie es sehr oft ist und wie ich es bestätigen kann. Genau das passiert. Natürlich auch mir. Denn auch ich ziehe mich zurück, da ich schon vorher vermute, auf Ablehnung zu stoßen.

Wann fallen die Menschen in Extreme? Wann werden sie extrem? Warum ist mir das unangenehm? Warum beginne ich nicht mit dem Widerstand?

Zentrale Elemente einer Gesellschaft wie der unseren. Wer wollen wir sein? Um sich diesen Fragen in den eigenen vier Wänden zu stellen, sie im Spiegel an sich selbst zu richten, muss man tiefer ins Leben einsteigen.

Einzig über deinen letzten Absatz bin ich gestolpert, weil der nach meiner Sichtweise den Fokus vom eigentlichen Problem ablenkt. Aber das ist nur meine Sichtweise.

Dein Text hat mir gefallen, weil er exakt das abbildet, was ich erfahre und beobachte. Welche Fragen daraus für einen selbst entstehen, muss in der Verantwortung des Lesers bleiben.

Griasle
Morphin
 
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26.12.2014
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Hallo feurig,

leider hat mich deine Geschichte etwas ratlos zurückgelassen. Warum deine Protagonistin deine Protagonistin ist, habe ich nicht verstanden.

Ich finde, du beschreibst bestimmte Merkmale der Kurzgeschichte sehr gut. In gewissem Maße könnte man vielleicht sogar von einer Anti-Geschichte sprechen, denn derjenige, dem etwas widerfährt, der also das Zeug zum Protagonisten hätte, das ist doch eigentlich Erik. Bei ihm siedeln sich alle Konflikte "wahren Lebens" an, die Entscheidung, Kinder anzunehmen statt selbst welche zu bekommen zum Beispiel. Aber über Erik wird die ganze Zeit nur geredet. Auch seine Mutter, die ja schon mehr betroffen ist, ist nicht Handlungsträgerin (da sie ja auch nur redet), auch nicht Johanna, die nicht einmal mitleidet, sondern relativ passiv berichtet.
Ich kann deine Ratlosigkeit nachvollziehen.

In der aktuellen Fassung fehlt mir jedoch leider irgendeine Form von Krise, Konflikt, sogar emotionale Beteiligung der Protagonistin. Denn selbst wenn deine Protagonistin teilweise unangenehm berührt ist, drückt sich dies nie anders als durch ich-weiß-nicht-weiter-Tatenlosigkeit aus, die Situation ihrer Freundin tangiert weder sie noch ihr Leben und das bringt der Geschichte einfach keinen Spannungsbogen.

Ich gestehe das zu, es ist richtig, die Erzählerin ist nicht betroffen und wenn emotional betroffen, dann gibt sie darüber kaum etwas oder nichts preis. Du hast es insofern sehr gut getroffen.

Danke für dein Feedback,
M.
 
Senior
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01.10.2002
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Hallo Manlio,

Deine Geschichte wirkt auf mich polarisierend. Die einen werden die Partei für die Schulfreundinnen ergreifen, die anderen für den Sohn und die grünhaarige Frau.
So ganz ist mir nicht klar, auf welcher Seite Du stehst.
Das ist ein interessantes Konzept, sich als Autor herauszuhalten, obwohl ich nicht daran glaube, dass es erzählerische Neutralität wirklich gibt.
Es ist ein Text, der eine Reaktion herausfordern will, das finde ich einerseits gut, andererseits bin ich ratlos.
Ich frage mich, wohin Du mit dem Text möchtest, was ist Deine Intention, wie möchtest Du die Leserreise gestalten: Wie soll sich Dein Leser zu Beginn und zum Ende der Geschichte fühlen?

So, wie die Figuren sich kaum wandeln, bemerke ich auch keine Leserreise. Alles ist unverändert eine Momentaufnahme, durchaus realistisch erzählt.

Ob mir die Reise und das "Fazit" gefällt ... Meine Sympathien sind eher bei Sohn und der Grünhaarigen, vielleicht, weil sie engagiert sind, weil es mich nervt, dass die Mutter die "Schwiegertochter" ablehnt wegen des zu großen Altersunterschiedes, weil sie fettphobisch und abwertend reagiert und auch für andere Menschen keine Empathie empfindet, wohl für niemand, weil sie im Grunde kein Herz mehr hat, enttäuscht und "abgeklärt" ist, vielleicht aus ihrer Sicht zu Recht, aber ihre Sicht ist limitiert, eigentlich eine traurige Frau, ein Typus, den es wohl häufiger gibt, auf gewisse Weise sehr alltäglich, "harmlos wirkend" und "normal", aber das ist auch das Gefährliche daran.

Grüße, Petdays
 
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CoK

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24.08.2020
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Lieber @Manlio

für mich war deine Geschichte auch eine Momentaufnahme.
Zwei Schulfreundinnen treffen sich wieder, merken, dass sie sich nichts mehr zu sagen haben und gehen auseinander.
Es ist eine Geschichte aus dem Alltag, die ich schon erlebt habe. Dass du keinen großen Konflikt beschrieben hast, finde ich jetzt nicht so schlimm, denn ich konnte ihn fühlen. Denn Mutterkonflikt mit dem Wunsch, den Sohn wohl verheiratet zu wissen. Den Konflikt der Freundin, die Sympathien für den Sohn hat, jedoch Theresa auch versteht.
Dann kam noch mein Konflikt dazu, den mir deine Geschichte bereitete. Ich mochte beide nicht. Hatte Sympathien für den Sohn und seine Frau und dann geht deine Geschichte so krass aus.
Mir hat sie gut gefallen und die Konflikte haben mir völlig gereicht.
Wir Schneiders werden eine regelrechte Lehrer-Familie. Und denk dir, sogar Erik, mein Älterer, mein kleines Sorgenkind, hat jetzt ee Frau kennengelernt.
Ich habe einen großen Bekanntenkreis an Lehrern und stelle hier immer wieder fest, dass es dieser Berufssparte schwer fällt die passenden Partner zu finden. Die Eltern oft versuchen zu kuppeln.(Kenne sehr viele Singellehrer/inen).
Eine Wuchtbrumme ist sie", fiel Theresa mir ins Wort. "Ein fettes Weibsstück. Und Haare auf den Zähnen! Meinst du, sie hat einen Hauch Respekt vor mir, der Mutter ihres Freundes? Wo die ihr Selbstbewusstsein hernimmt, möchte ich wissen!"
Da vergisst man schon mal seine akademische Ausbildung.
Da lässt man dem Jungen die beste Ausbildung zukommen, und dann verliebt er sich in eine Bioladen-Aushilfe mit grünen Haaren, die vermutlich nicht mal die Realschule abgeschlossen hat! Wie kommt er dazu, so etwas zu tun?"
Unglaublich, welche Frechheit selber zu entscheiden.
. Die Sache ist nur, gute Jungen geraten oft an schlechte Frauen. Ich beneidete Theresa nicht.
Umgekehrt habe ich das schon viel öfter gehört.
"Mag sein, aber jetzt kommt der Hammer. Weißt du, was für Kinder sie adoptieren wollen? Flüchtlingskinder! Kanacken!"
Ich zuckte zusammen. "Kanacken?"
Das ist für mich, das Herzstück der Geschichte und leider zu oft Realität.
Es schien mir, im Gegenteil, fast, als müsste ich Erik gegen seine Mutter verteidigen, was mir aber auch wiederum unsäglich dumm vorkam. So nahm es kein Wunder, dass ich Theresa bald unter fadenscheinigen Entschuldigungen verließ und missmutig durch die Nacht nach Hause stapfte.
Nur keine Stellung beziehen. Nicht nachdenken müssen. Abhauen,Mund halten.

Die Frau sagte laut etwas zu einem der Kinder, woraufhin der Mann sie barsch anfuhr. Die ganze Familie sah vollkommen fertig aus
So traurig. Leider zu oft Realität.
Das habe ich immer an dir geschätzt - diese Konstanz - diese Kontinuität ..."
Man muss doch zumindest im Wortschatz zeigen, dass man studiert hat und etwas weiß.
Mir hat dein ruhiger, beschreibender Schreibstil sehr gut gefallen.


Wünsche dir ein schönes Wochenende
Lieber Gruß CoK
 
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Mitglied
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28.12.2014
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Hallo Manilo,

zugegeben, ich bin etwas ratlos. Zwar habe ich deine Geschichte gerne gelesen. Sie ist flott erzählt, hat mich neugierig gemacht und während ich las, fragte ich mich, mal gespannt, wie er die Geschichte zu Ende bringt.

Das aber genau ist der Punkt, der mir nicht gefällt. Deine Sprünge sind recht groß. Zuerst einmal trifft die Erzählerin Theresa nach langer Zeit wieder. Sie verabreden sich und dann klappt es auch mit dem Treffen. Dabei jedoch klagt Theresa recht ausgiebig, recht ansatzlos, wie mir scheint.
Beim nächsten Treffen geht es dann plötzlich gar nicht mehr darum, dass Erik die Grünhaarige zur Freundin haben möchte, nein, jetzt geht es um Kinder.

Dann endet die Geschichte mit der Erzählung einer Begegnung in der Stadt, bei der es sich um den jungen Mann und seine Frau und deren nun adoptierte Kinder gehandelt haben könnte.

Das alles lässt mich schon ein wenig ratlos zurück. Was wolltest du aussagen? Worüber soll sich der Leser Gedanken machen? Schwierig.
 
Mitglied
Beitritt
05.09.2020
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97
Moin @Manlio,

habe deine neue Geschichte gelesen und steige direkt ein:

"Ja. Sie sind schon ein bisschen ältlich,
Im Deutschen gehören ja die Anführungszeichen am Anfang nach unten.
Das Wort "ältlich" finde ich etwas seltsam, habe ich noch nie jemandem in einer Unterhaltung sagen gehört.

Wieviel Männer die wohl schon verbraucht hat!
Wie viele

Meine alte Schulfreundin tat mir von Herzen leid.
Was ich hier gut finde: Dass sie nicht bewertend ist, obwohl Theresa genau das im Übermaß macht (indem sie die Verlobte ihres Sohnes bewertet). Ihr tut Theresa leid, obwohl sie höchstwahrscheinlich unfair ihrem Sohn und seiner Verlobten gegenüber ist.

Es war schade, dass ich von Erik fast gar nichts wusste. Ich hätte gern philosophische Betrachtungen über sein Wesen angestellt und ihn psychologisch beurteilt, um Theresa dabei zu helfen, ihn wieder auf die rechte Bahn zu bringen.
Hier allerdings denke ich: Offenbar denkt sie genauso wie Theresa, ohne die Bewertungen dieser zu hinterfragen, was recht unreflektiert wirkt. Das "philosophische" und "psychologisch" zieht das Ganze dabei für mich fast ins Ironische.

die Frau für's Leben gehofft.
Hier kann (muss?) meines Wissens nach das Apostroph weg.

Er hat sich wohl stets schwer getan mit Frauen, obwohl er attraktiv ist, aber immer auf die Frau für's Leben gehofft. Ein guter Junge, wie mir scheint.
Diese beiden Attribute, sich schwer tun mit Frauen und attraktiv sein, machen ihn zu einem guten Jungen?

Die Sache ist nur, gute Jungen geraten oft an schlechte Frauen.
Auch das kommt mir sehr plakativ und naiv vor...

Ich traute mich kaum, über Handy nachzufragen, wie die Sache stehe,
Die Formulierung "über Handy nachzufragen" finde ich etwas unschön.

Auch hatte ich viel auf dem Hof zu tun, und als mein Vater für ein paar Wochen ins Krankenhaus musste, gar keinen Kopf für andere Sachen.
Könnte man auch flüssiger formulieren, zB: Die viele Arbeit auf dem Hof und der Krankenhausaufenthalt meines Vaters beschäftigten mich sehr.

"Warum Reza das alles nicht anficht,
anficht - ein weiteres Wort, das in einer normalen Unterhaltung seltsam klingt.

"Keine! Und das hat diese Tante doch längst gewusst! Vermutlich ist sie wegen ihres Übergewichts unfruchtbar, aber natürlich möchte sie Erik glauben machen, sie sei erst jetzt zu dieser Erkenntnis gelangt. Gott, wie ich sie hasse!"
Wow, das ist echt verdammt egoistisch von ihr. Diese Charaktereigenschaft hat man ja bereits oben angedeutet bekommen.

Es schien mir, im Gegenteil, fast, als müsste ich Erik
Ziemlich verschachtelt... Warum nicht zB: Im Gegenteil schien es mir fast, als müsste ...

Mir war klar, dass Theresa von mir erwartete, sie zu trösten und in ihrem Ansinnen zu bestärken, Erik aus der Beziehung zu lösen, und doch konnte ich mich aus unerfindlichen Gründen nicht dazu überwinden.
Finde ich überhaupt nicht unerfindlich, ganz im Gegenteil - an ihrer Stelle hätte ich mich aktiv davon abhalten müssen, sie nicht zu fragen, ob sie sich vielleicht von ihrem Sohn so langsam mal abnabeln müsste. Ganz zu schweigen von ihren sehr fragwürdigen Ansichten.

So nahm es kein Wunder, dass ich
Ist das Dialekt? Ich kenne es nur als "war es kein Wunder" ...

Schade, am Ende wäre es nett gewesen, wenn sie einen glücklichen Eindruck von Erik und seiner Familie in der Innenstadt bekommen hätte. Indem du das Gegenteil zeigst, bekräftigst du zumindest teilweise die Position von Theresa und alle ihre Argumente (weil dies der einzige Eindruck von Eriks Familie ist, den man als Leser*in bekommt). Natürlich muss und kann nicht immer alles perfekt sein, aber so lässt einen die Geschichte etwas platt zurück.

Dass du nicht den moralischen Zeigefinger erhebst, finde ich allerdings gut (das habe ich ja bei meiner Lotto-Oma dafür umso mehr gemacht).

Deine Protagonistin finde ich dabei doch sehr charakterschwach, muss ich sagen. Sie sagt nichtmal ihre Meinung, hatte zwischen dem einen und dem zweiten Treffen ja auch Zeit, über die Erik-Geschichte nachzudenken. Dass sie nicht wirklich mit den Ansichten von Theresa übereinstimmt, kommt klar rüber - sie sagt ja auch richtig, dass sie selbst einen Nicht-Deutschen geheiratet hat. Ist ja auch okay, nicht jeder muss jedem seine Meinung sagen, aber dann kommt sie auch in der weiteren Beschreibung (abseits der Gespräche mit Theresa) ziemlich larifari-mäßig rüber, wie eine Schlaftablette, die keine eigene Meinung hat, bzw. irgendwie teilnahmslos und planlos ist.
Es wäre schön gewesen, am Ende nochmal ihre Gedanken zu der Familie Eriks gezeigt zu bekommen.

Was ich an deiner Geschichte positiv finde: Dass sie eine Reaktion hervorruft, man sich mit seiner eigenen Position auseinandersetzt, drüber nachdenkt.

Beste Grüße,
rainsen
 
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Ich habe keine Kinder, aber in diesem Augenblick war ich ganz froh darum.

Ja, nackter und gelungener Naturalismus -

liebe Johanna, genannt Evi,

’tschuldigung, natürlich Manlio,

und neben den lebensnotwendigen Vorurteilen (Vorsicht im Verkehr, während der Arbeit und gegenüber dem Vorgesetzten usw.) und den offensichtlichen (muss ja nicht immer gegen den/die, das Fremde oder die Abweichung von der Norm sein) und so spricht man, nicht nur die Unterschicht, welche die Zahl der "Kinder" immer nur im Plurak kennt und der arme Friedel mit nur einem Kind, alles Töchter, aufgeschmissen ist. Sagt er ja, lügt er, sagt er nein, kommt der Nachbar ... wenngleich erzählen von der präzisen Zahl abstammt wie die Schrift als Strichkunst zur Inventur. Ich stell mir – in momentaner Ermangelung, selber Theater zu machen, die Geschichte im Ohnesorgtheater (Millowitsch eher nicht, weiß gar nicht, obs Peterle noch gibt) vor und Heidi Kabel trifft eine andere Plaudertasche … Und der eigentlich Witz für mich liegt im Namen der „Theresa“ (jetzt wirds abenteuerlich): Der weibliche Vorname Theresa bedeutet übersetzt „die von Thera Kommende“ – der Sadt auf Santorin ...

Flusenlese, Lob an @rainsen, wurd schon von ihm angemerkt
Wie[...]viel Männer die wohl schon verbraucht hat!

Ein guter Junge, wie mir scheint.
Das ist fein, da kann ich eine uralte Anekdote erzählen, die ich in vielfacher Auflage hier verbreite, denn mein Geschichts- und Deutschlehrer an der Realschule behauptete immer, nur die Sonne scheine und selbst der Mond habe sein Licht nur geliehen. Das bringe scheinen in die Lage des brauchen’, von dem es heiße: Wer brauchen ohne zu gebraucht, braucht brauchen gar nicht zu gebrauchen.
Und er hatt' recht!, selbst wenn ganze Philosophien sich auf Schein und Sein aufbauen, nur als Vollverb geht es ohne Infinitiv.
Die Dudenredaktion umgeht zumeist übrigens das Problem, wo sich das Präfix „er“ vorsetzen lässt, dann scheint etwas nicht mehr zu sein, sondern erscheint schlicht.

Hier gelingt’s doch!
"Dann scheint es tatsächlich keine andere Möglichkeit als eine Adoption zu geben."

„Kanake“ (abgeleitet von mir vom Titel "Kanakdeutsch")
übrigens ohne ck … Gut. Gesprochen ist es nicht so gut zu erkennen …

Schöne Geschichte, dass sich Vorurteil nicht nur aufs Fremde, sondern gegen Normabweischung generell auswirken kann.

Wenn noch nicht gemerkt, gern gelesen vom

Friedel
 
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26.12.2014
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Hallo AWM,

vielen Dank für deine Anmerkungen, ich habe schon manche Vorschläge eingearbeitet, wird fortgesetzt.

Außerdem ist die Geschichte ja recht handlungsarm. Für die Protagonistin gibt es keinen wirklichen äußeren Konflikt.

Was soll ich sagen? Da bin ich in der Bredouille, weil ich den Text so beabsichtigt hatte und ich kann mich schlecht wehren gegen deine Kritik, die ihre Berechtigung hat. Ich sagte bereits zu feurig, dass es sich in gewissem Sinne um eine Anti-Geschichte handelt. Handlung findet immer nur woanders statt, obwohl viel Zeit vergeht (die vier Abschnitte des Textes entsprechen lose den Jahreszeiten). Die Statik des äußeren Geschehens soll ein Spiegel der psychischen Statik von Theresa sein - sie ist nicht bereit oder fähig, ihr Denken zu verändern, beharrt auf ihren Maßstäben.

Dass es keinen Konflikt gibt, bemerkst du ebenfalls zu Recht. Wenn ein Konflikt vorliegt, dann der zwischen Mutter und Sohn, aber der Sohn nimmt am Text nur ganz am Rande teil. Das war nicht unbeabsichtigt. Was ich hier vorstellen will, ist die bürgerliche Welt als bewegungslose Welt, der Bürger hat es sich behaglich eingerichtet und seine festen Vorstellungen, und Teil dieser Welt ist auch Johanna, eine schwache Persönlichkeit, die Theresa nicht kritisiert, ihr sogar zustimmt, zulässt, dass Theresa sie "umtauft".

Mir ist das auch viel zu krass. Ich würde das viel unterschwelliger erzählen.

Ein weiterer guter Punkt. Dass Theresa sich verhält, wie sie sich verhält, ist nicht komplett unwahrscheinlich, doch sehr demonstrativ, plakativ. Den Gegensatz zwischen der noblen äußeren Form und dem hässlichen Inneren wollte ich möglichst deutlich machen. Das ist vielleicht zu holzhammermäßig, wahrscheinlich sogar. Das ist eine Wutrede.

Danke für deine Gedanken.
M.
 
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10.02.2000
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Noch mal Mahlzeit,

"Handlung" definieren ist wohl eher schwer. Für mich persönlich hat die Geschichte Handlung. Ganz alltägliche Handlung. Keine Handlung, die aus dem Alltäglichen hervorsticht. Muss aber auch nicht. Und Menschen wie Theresa begegnen mir in meiner Arbeit fast täglich.

Es ist also nicht viel zu krass für mich, sondern alltäglich. Was macht also diese Geschichte? Bewegt sie Welten? Nein. Sie hält den "Theresas" einen Spiegel vors Gesicht. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und dazu ist sie gut geschrieben und nicht plump daher geworfen.

Jede/r von uns muss in der Alltäglichkeit bestehen oder sie eben als daran gewöhnt hinnehmen. Diese Geschichte behandelt den Kern unserer Gesellschaft. Das überall immer sichtbarere WIR gegen DIE. Und für das erste Semester Soziologie kann man sie durchaus heranziehen. Ihre Handlung ergibt sich aus dem, was wir in der Lage sind zu empfinden, zu beobachten, zu wissen und zu verstehen.

Griasle
Morphin
 
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Monster-WG
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16.03.2015
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Hi Manilo,

ein super interessantes und stets aktuelles Thema hast du da aufgegriffen.
Flüssig, sauber, bildererzeugend.
Zum Nachdenken anregend.

Für meinen Geschmack aber leider zu einfach verpackt in drei Treffen der alten Schulfreundinnen, wo das ganze Geschehen "nur" per Dialog, quasi "nacherzählt", abgewickelt wird.
Ich hätte mir gewünscht, die Geschichte aus Sicht von Erik zu erleben. Erik und Theresa. Evi braucht's da gar nicht ...
Nur meine persönliche Meinung.

Kleinigkeiten:
an dir geschätzt - diese Konstanz - diese Kontinuität
Halbgeviertstrich – dieser hier links.
Hast du nochmal weiter unten.

wo ich doch jetzt auf der Ecke wohne.
"auf der Ecke": Ist das etwas Regionales? Mir zumindest unbekannt.

Handy-Nummern waren schnell getauscht, und da sah ich ihre hohe Gestalt über den Platz davongehen, die so schlecht unter all die Jeans und Cordjacken passte.
Da habe ich zwei Dinge:
"... , und da sah ich ...": Entweder: "..., und dann sah ich ..." oder "... , und da sah ich ihre hohe Gestalt schon ..."
Sie passt nicht in die Kleidung, weil sie eine hohe Gestalt ist (so kann man das verstehen, weil im selben Satz die Höhe/Größe angesprochen wird)?
"Unter" würde aber m.E. besser passen, wenn man zu dick ist. Vielleicht ist das auch was Regionales.

Danke für den Text. Aus dem Leben.
Hat mir gefallen.

Liebe Grüße,
GoMusic
 
Monster-WG
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02.05.2020
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Hallo @Manlio ,

das Thema "Anti-Story" hat mich die letzten Tage etwas beschäftigt.

Die Statik des äußeren Geschehens soll ein Spiegel der psychischen Statik von Theresa sein - sie ist nicht bereit oder fähig, ihr Denken zu verändern, beharrt auf ihren Maßstäben.
Statik durch Statik darzustellen ist ja völlig korrekt. Bei Theresa driftest du jedoch ab dem "Höhepunkt" deiner Geschichte - ihrer ausgelassenen Wut über die Adoptionspläne ihrer ungewollten Schwiegertochter - in Spekulation bezüglich ihrer Statik ab, denn da Johanna den Kontakt auslaufen lässt, haben wir keine Informationen darüber, wie "Oma" letztlich zu ihrem neuen Job steht. Das heißt, wir können lediglich spekulieren, dass sie sich nicht geändert hat. Auch lässt die letzte Szene keine direkteren Aussagen zu Theresa zu, außer erneute Spekulationen.

Was ich hier vorstellen will, ist die bürgerliche Welt als bewegungslose Welt, der Bürger hat es sich behaglich eingerichtet und seine festen Vorstellungen, und Teil dieser Welt ist auch Johanna, eine schwache Persönlichkeit, die Theresa nicht kritisiert, ihr sogar zustimmt, zulässt, dass Theresa sie "umtauft".
Und hier passt natürlich dann auch die letzte Szene, denn sie kann prinzipiell so gedeutet werden, dass Johanna völlig zurecht Theresa gegenüber geschwiegen hat, denn der einzige Auftritt Eriks kann Johanna zur Beruhigung ihres Seelenheils und Aufatmen verwenden, wer weiß, vielleicht meldet sie sich ja daraufhin sogar wieder bei Theresa, denn nun kann sie guten Gewissens ihrer Freundin nickend, lächelnd und hand-tätschelnd gegenübertreten.

Das mag alles alltäglich und zutreffend sein. Realistisch betrachtet kann sich ja auch jeder Mensch eine einzelne Momentaufnahme aus dem Leben einer Familie so zurechtlegen, wie er es will.

Letztlich liest jedoch eine Theresa deine Geschichte und nickt zufrieden, weil die Theresa in deiner Geschichte bei der Einschätzung ihrer Schwiegertochter und deren Adoptionspläne ja vollkommen recht hatte, denn Erik ist ja offensichtlich nicht glücklich.
Eine Johanna liest die Geschichte und fühlt sich darin bestätigt lieber lächelnd zu nicken anstatt ihre Meinung zu äußern, weil ja offenbar die Theresas der Welt immer recht haben. Theresa hat ja bereits geahnt, dass diese Beziehung für Erik schlecht laufen wird.
Kritischere Menschen betrachten die letzten Szene mit hängenden Mundwinkeln, weil sie liebend gern gesehen hätten, wie den Theresas und Johannas in dieser Welt gezeigt wird, dass man auch mit adipöser Ehefrau und adoptierten Kindern ein glückliches Leben führen kann.
Eltern seufzen wahrscheinlich einfach, weil sie wissen, dass jede normale glücklich und zufriedene Familie mal mit Gewitterwolken über den Kopf aus einem Supermarkt kommt und aussehen kann, als hätte sie ne Woche nicht geschlafen - wahrscheinlich weil genau das passiert ist.

Damit führt deine Geschichte zwar zu einem Ende, aber letztlich erfahren wir weder wie die Johanna deiner Geschichte auf Erik reagiert, noch erfahren wir, was aus Theresa geworden ist. Realistisch betrachtet wissen wir nicht einmal was aus Erik geworden ist, nur dass er tatsächlich adoptiert hat. Wenn es denn Erik ist.

Liebe Grüße
Feurig
 

AWM

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26.03.2018
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Servus @Manlio
Was ich hier vorstellen will, ist die bürgerliche Welt als bewegungslose Welt, der Bürger hat es sich behaglich eingerichtet und seine festen Vorstellungen, und Teil dieser Welt ist auch Johanna, eine schwache Persönlichkeit, die Theresa nicht kritisiert, ihr sogar zustimmt, zulässt, dass Theresa sie "umtauft".
Ich will noch einmal präzisieren: Ich kritisiere nicht vornehmlich, dass es wenig äußere Handlung gibt, sondern dass es zwischen der Protagonistin und Theresa keinen Konflikt in ihren Glaubenssystemen gibt. Du redest von festen Vorstellungen. Die finde ich eben bei deiner Protagonistin nicht, ohne dass ich erkennen kann, warum du das so gemacht hast. Es sind also auch keine festen Vorstellungen, die stellvertretend für ein Bürgertum stehen, weil sie eben bei ihr gar nicht vorhanden sind. Da dieser Konflikt zwischen Anschauungen fehlt, fehlt für mich eine treibende Kraft in deiner Geschichte: Deine Prota nimmt weder an einem äußeren noch an einem wirklichen inneren Konflikt teil. Aus ihrer Perspektive zu erzählen, tut deiner Geschichte meiner Ansicht nach nicht gut.
Deshalb geht für mich auch das, was @Morphin schreibt an der Sache vorbei.
Dein Text zeigt, wie es sehr oft ist und wie ich es bestätigen kann. Genau das passiert. Natürlich auch mir. Denn auch ich ziehe mich zurück, da ich schon vorher vermute, auf Ablehnung zu stoßen.
Deine Prota zieht sich ja nicht zurück, weil sie Angst hat, mit ihrem Standpunkt auf Ablehnung zu stoßen. Sie hat überhaupt keinen Standpunkt.
Die Frage ist auch: In welchem Milieu bewegen wir uns hier und warum hat Theresa keine Angst, mit ihrer Ausländerfeindlichkeit auf Ablehnung zu stoßen? Laut einer Studie von 2019 traut sich nur jeder fünfte Deutsche seine Meinung zu Themen wie Flüchtlingen und Islam öffentlich zu äußern: Die Leute haben Angst vor der Politischen Korrektheit. Deine Theresa ist Lehrerin und wohnt in einer Großstadt. Sie entstammt einem Milieu, das erwiesenermaßen den Grünen zuneigt und flüchtlingsfreundlich ist. Auch dazu gibt es Studien. Klar gibt es auch dort Leute, die so denken, aber ich nehme eben nicht ab, dass sie sich einer Frau, die sie ewig nicht gesehen hat, dermaßen offen gegenüber äußert und Wöter wie Kanake benutzt. Da ist kein Vortasten, ob deine Prota vielleicht auch so denkt. Das ist mit der Tür ins Haus. Sich so als Lehrerin zu äußern, kann den Job kosten und deine Theresa muss in ihrem Milieu eine gewisse Vorsicht gelernt haben. Das wirkt auf mich konstruiert und wie eine Pappkameradin. Sie erfüllt eine allzudeutliche Funktion in deiner Geschichte.

Gruß
AWM
 
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26.12.2014
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Hallo Morphin,

danke für deine Kommentare!

Man stellt fest, dass sich Meinungen herausbilden, die man nicht vermutet hätte, so nicht kannte oder deren Entstehung man gar nicht mitbekam.

Ja, das wollte ich mit dem Text zeigen. AWM hat eingewendet, dass ihm das nicht glaubwürdig vorkommt. Theresa würde gegenüber einer Freundin, die sie so lange nicht gesehen hat, nicht derart "vom Leder ziehen".

Ich unterstelle hier, dass Theresa sich das traut, weil Johanna eine alte Freundin ist, weil sie vielleicht früher sehr eng miteinander waren (bleibt offen, könnte klarer dargestellt werden). Zudem ist Theresa die stärkere Persönlichkeit in der Beziehung. Sie weiß, wie sie mit Johanna umspringen kann, vermutet einfach ins Blaue, dass Johanna keine Einwände erheben wird.

AWM, das war jetzt, wie ich merke, eher an dich gerichtet, ich weiß nicht, ob es dich überzeugt.

Dein Text zeigt eben das. Die Gleichgültigkeit. Es gibt eben genau KEINE Spannung, weil Spannung bspw. Diskurs bedeuten würde zwischen den Freundinnen.

Ja, das ist korrekt, Gleichgültigkeit, das Fehlen von Empathie ist ein Thema, das mich sehr interessiert. Man hätte hier die Freundinnen als Antagonistinnen aufbauen können, aber ich bewege mich mit dem Text in einer Welt, in der der Konflikt immer äußerlich bleibt oder doch zumindest nicht offen zutage tritt.

Wann fallen die Menschen in Extreme? Wann werden sie extrem? Warum ist mir das unangenehm? Warum beginne ich nicht mit dem Widerstand?

Ja, eine gute Frage, und ich lasse mir den Vorwurf gefallen, das viel zu sehr nur anzureißen, statt "Antworten zu geben", aber ich wollte den Text bewusst kurz, flash-fiction-artig halten, Fragen nur aufwerfen, statt Antworten zu geben.
Aber dennoch gestatte ich mir die Behauptung, Theresas Rassismus entsteht aus der Unbeweglichkeit ihrer Welt, einer behaglichen Stasis, in der sie sich eingerichtet hat, sie hat die Herausforderungen hinter sich, ist "angekommen", sie möchte, dass andere so sind wie sie. Eine steile These, genehmige ich mir hier dennoch mal.

Welche Fragen daraus für einen selbst entstehen, muss in der Verantwortung des Lesers bleiben.

Daher die Knappheit des Textes.

Soweit zunächst,
M.
 
Senior
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10.02.2000
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Jo @Manlio,
Ich unterstelle hier, dass Theresa sich das traut, weil Johanna eine alte Freundin ist, weil sie vielleicht früher sehr eng miteinander waren
Gut möglich, dass sie sich das traut, weil die Grenze des Sagbaren durch die heftigen Populismus-Monate seit 2015 so weit in die Mitte der Gesellschaft verschoben wurden. Das ist zumindest das, was ich hier erlebe in meinen Vorträgen oder bei Veranstaltungen. Die Masse traut sich mehr, und damit der Einzelne oder in deinem Fall die Einzelne. Dabei ist es nicht mehr wichtig, ob das Gegenüber verwandt, Freund, Polizist oder sonst was ist. Es läuft raus wie Wasser aus der Bergquelle.
 
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26.12.2014
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Hallo Morphin,

sehr schön beobachtet. Ich hatte das nicht im Blick, vielleicht habe ich da unbewusst einen gesellschaftlichen Wandel - diese wachsende Gereiztheit in der Mitte der Gesellschaft? aufgenommen ;)

Danke nochmals für die Rückmeldung.
 
Mitglied
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17.08.2016
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Hallo @Manlio,
Für mich liegt der Reit deiner Geschichte vor allem in dem, was Theresa so ziemlich unverblümt von sich gibt. Es ist vor allem diese De-Maskierung: von der, hm, bürgerlich-liberalen Marktbesucherin zur intoleranten, keine Meinung außer ihrer eigenen duldenden, ja offen ausländerfeindlichen Kleinbürgerin.

Hier war noch alles gut, hach, was ist sie stolz auf ihre Söhne:
Oh, Stefan war ja schon lange in trockenen Tüchern, wenn ich das so sagen darf, er hat eine Lehrerin geheiratet, mittlerweile haben sie einen Sohn. Wir Schneiders werden eine regelrechte Lehrer-Familie. Und denk dir, sogar Erik, mein Älterer, mein kleines Sorgenkind, hat jetzt eine Frau kennengelernt. Das freut mich so sehr, du kannst es dir nicht vorstellen. Ich dachte, er findet nie eine Partnerin.

Und nur ein paar Absätze später:
"Eine Wuchtbrumme ist sie", fiel Theresa mir ins Wort. "Ein fettes Weibsstück.

Oder hier:
Alireza und ich sind uns ziemlich ähnlich, ganz im Gegenteil zu diesem Bioladen-Biest. Die hat doch noch nie im Leben etwas geleistet, und jetzt schleppt sie Kanacken in die Familie!

Herrlich (und erschreckend), wie sie ihr wahres Gesicht zeigt.

Nun gut, die Ich-Erzählerin bleibt passiv, im Prinzip ergäbe sich hier der Ansatzpunkt für eine ordentliche verbale Rauferei. Andererseits finde ich es auch einen interessanten Ansatz, dass sich Theresa da ganz unwidersprochen in Rage redet, vielleicht ja die Zaghaftigkeit ihrer Freundin als eine Art Zustimmung deutend.

Den letzten Absatz, in dem Evi vermeintlich Erik mit Familie sieht, hätte es meiner Meinung nach nicht gebraucht. Damit lenkst du etwas ab vom Hauptthema, wie ich finde. Und letztendlich, was ist die Aussage: Hat Theresa doch von Anfang an gewusst?

Ich denke, ich würde die Geschichte eher im Ungefähren ausklingen lassen.

Dennoch, wegen der mMn gut gelungenen "Wandlung" von Theresa gern gelesen.

Beste Grüße,
Fraser
 

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