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"Wie Schade"

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09.12.2019
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"Wie Schade"

Das Mädchen sitzt auf der anderen Seite des kleinen Cafés in Stuttgart. Sie kritzelt Notizen in ein schmales Buch und rührt gelegentlich mit gleichermaßen abwesender aber auch konzentrierter Miene in ihrem Kaffee. Warum sie wohl hier ist? Es ist spannend, darüber nachzudenken, dass jedes einzelne Ereignis, jeder einzelne Punkt in ihrem Leben sie dazu gebracht hat, genau um 16:13 dieses kleine Café zu betreten, irgendwo zwischen second-Hand-Shops und Friseursalons. Sie hat sich an den Tisch direkt am Fenster gesetzt, einen Cappuccino bestellt, ihr schmales Buch herausgeholt und seitdem sitzt sie dort. Blond. Grüner Pulli. Schwarze Hose. Ein unauffälliger Rucksack und eine Jeansjacke, die auf dem Stuhl neben ihr liegt. Sie ist ganz allein hier, aber das scheint sie nicht zu stören. Es macht mich nervös, bis ich merke, dass ich ja auch alleine hier bin.
Es ist auch spannend, darüber nachzudenken, dass jedes einzelne Ereignis, jeder einzelne Punkt in ihrem Leben, der noch kommen wird, sich wie ein Puzzleteil in etwas großes einfügt, dass wir vielleicht niemals verstehen werden. Und aus all diesen tausenden kleinen und großen, hellen und dunklen, blassen und grellen Punkten ergießt sich ein bunter Stoff, der sich Leben nennt, Das Mädchen wird nie wissen, wie groß der Stoff werden könnte, ob Puzzelteile eines anderen ihren noch schöner machen könnten, ob er aus lauter grauen Punkten oder nur aus fünf Teilen bestehen wird. Welches Bild wird auf dem Stoff gemalt werden? Millionen von Klecksen der buntesten Farben schwirren auf der Welt herum, bereit, geliebt oder gehasst zu werden, doch sie alle werden irgendwann zu einer individuellen Schönheit beitragen. Sie werden ein Bild definieren. Und sie können dich überall hinführen! Auf den Mount Everest, auf die Straße zurück, wo vielleicht deine große Liebe wartet, vor die Kamera, nach Paris, in eine kleine Wohnung über der Stadt, wo du rauchend dem Mond zusehen kannst, wie er still über dem Eiffelturm schwebt. Ans Meer oder in einen Laden, der Gitarren verkauft. Dort entdeckst du weitere Farbkleckse, die deine Geschichte vielleicht umschreiben und dich Musiker werden lassen. Ehe du dich versiehst, sitzt du im Tourbus und spielst Konzerte auf der ganzen Welt. Der Stoff strahlt plötzlich anders. Vielleicht führen die Farben das Mädchen in einigen Jahren wieder in dieses Café und sie denkt zurück, wer sie damals war und wer sie jetzt ist.
Jede Sekunde leuchten so viele neue Farbkleckse wie Sterne auf und verglühen wieder. Oder jemand anderes schnappt dir den ganzen Farbeimer vor der Nase weg und du siehst ihn nie wieder. So viele verpasste und neue Chancen, und das jede Sekunde! Das Mädchen kann nie wissen, wie viel Farbe noch übrig bleibt. Wie viele Farbkleckse bekommt sie noch? Wie viel Farbkleckse bekommt jeder einzelne von uns noch? Was, wenn es nur noch ein einziger ist? Was, wenn die Farbe "rot" nie wieder dabei ist? Wir können es nicht wissen. Wir können es nicht beeinflussen. Wir können nur entscheiden, was wir wollen, für bestimmte Farben und Formen kämpfen, doch wir können nicht wissen, welche Farben wir anziehen, während wir nur von einer einzigen angezogen werden. Kontrolle ist eine Illusion, die wir uns aus den Schatten der Farbpunkte aufbauen, damit wir mit denen zurecht kommen, die wir bekommen, aber nicht geplant hatten. Denn wir fürchten die unkontrollierbare Zukunft, vergöttern die absolut unveränderliche Vergangenheit und vergessen dabei, die schillernde Farbe des Moments zu bestaunen, der den bunten Stoff weiterwebt. Wie schade. Vielleicht fühlen wir uns deshalb oft so leer.

Ich kritzle die letzten Notizen in mein schmales Buch, klappe es zu und trinke nachdenklich meinen Cappuccino leer. Male ich mein Leben oder malt mein Leben mich? Ich schaue aus dem Fenster. Dann bezahle ich, ziehe meine Jeansjacke an, verstaue Stift und Papier im Rucksack und mache mich auf den Weg in mein Leben. Ich weiß genau, was ich jetzt als erstes tue.

 

Hallo @Samy Lee

Es ist spannend, darüber nachzudenken, dass jedes einzelne Ereignis, jeder einzelne Punkt in ihrem Leben sie dazu gebracht hat, genau um 16:13 dieses kleine Café zu betreten, irgendwo zwischen second-Hand-Shops und Friseursalons.
Leider finde ich das gar nicht spannend. Das liegt wahrscheinlich daran, dass mir die Figur nicht nahe gebracht wird. Wenn ich nichts über sie erfahre, fällt es mir schwer, Interesse zu entwickeln. Eine andere Möglichkeit wäre es, eine Ausnahmesituation oder ein unerwartetes Verhalten der Figur zum Ausgangspunkt der Betrachtungen über Schicksal und Universum zu machen.
Diese Betrachtungen für sich genommen habe ich in ähnlicher Form schon sehr oft gelesen und bieten mir, außer einigen gelungenen Formulierungen, auch keinen Quell der Weisheit. Die Gedanken sind sehr allgemein gehalten und dadurch letztendlich belanglos für mich. Zu Beginn erfolgt ja ein Versprechen, das aber nicht eingehalten wird. Der Erzähler geht ja gar nicht auf die Frage ein, was das Mädchen dazu gebracht hat, das Cafe zu betreten. Uns interessieren in Geschichten hauptsächlich die Figuren und wie sie das Leben meistern. Das ermöglicht uns, unsere eigenen Handlungen und Gedanken zu reflektieren. Gedanken, losgelöst von denkenden Figuren, sind langweilig.

Schönen Gruß!
Kellerkind

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo Samy Lee,

das Ich in deiner Geschichte, also das Philosophierende, von-einem-ins-nächste-Gedankennest stolpernde Ich, beobachtet ein Mädchen. Zum Schluss aber entpuppt sich dieses Ich als das Mädchen selbst. Es tut mir sehr leid, aber das überzeugt mich nicht wirklich. Es wirkt eher so, als wolltest du auf Teufel komm raus ein besonderes Ende schaffen.

Schwarze Hose. Ein unauffälliger Rucksack und eine Jeansjacke, die auf dem Stuhl neben ihr liegt. Sie ist ganz allein hier, aber das scheint sie nicht zu stören. Es macht mich nervös, bis ich merke, dass ich ja auch alleine hier bin.
Hier hast du schon klar gemacht, dass Beobachter und beobachtete Person nicht die Gleiche sind. Sonst müsste ich mir ja das Mädchen als Dr. Jekyll und Mr.Hyde vorstellen.

Mir scheint, du hast dich bei deiner ersten Fragestellung ("warum ist sie in dieses Cafè gegangen") vom Schmetterlingseffekt beeinflussen lassen. Der Schmetterlingseffekt besagt, dass einzelne (geringfügige) Handlung en die Änderung eines Systems bewirken. Leider verschwendest du damit den Schmetterlingseffekt an eine ebenso geringfügige Handlung. Ich würde übrigens deinen Text als Werbetext für ziemlich gelungen halten, weil er sehr optimistisch ist. Du verwendest sehr bildhafte Sprache, aber die Geschichte des Mädchens wird nicht weitergeschrieben. Für eine Kurzgeschichte halte ich ihn nicht.

Viele Grüße,

Emina

 

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