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Wind

Ein scharfer Wind treibt von Ost nach West. Blätter segeln. Jamila zieht die Mütze übers Haar, den Reißverschluss der Jacke bis ganz hinauf. Eine Maske wärmt die Nase. Neben Jussuf stehen welche wie sie, aber er hält sich gerade. Dafür liebt sie ihn, morgens, mittags und abends.
Obwohl es nach Wald duften müsste, riecht es nach Diesel. Hier gibt es Wälder mit Birkenstämmen, so weiß. Weiter im Westen werden Städte auf festem Grund gebaut, atmen Glück. Ob sie von Wäldern umgeben sind?

Mit dem Flugzeug waren sie gereist, hatten sich Geld geliehen, die Ersparnisse aufgebraucht, um der Pest aus Not und Unterdrückung zu entkommen. Wie all die anderen. Über den Wolken hat sie Jussuf gesagt, dass sie ein Kind bekommen werden, sie sei sich jetzt sicher. Sein müdes Gesicht verwandelte sich in eine Sonne.

Zwei Busse kommen angefahren. Soldaten steigen aus. Die Sonne gleißt über sie hinweg. Winterkalt strahlt das Firmament, gibt nicht genug Wärme ab, obwohl keine einzige Wolke den Himmel trübt. Tarnfarben schreiten sie heran, Stöcke baumeln an ihnen herab. Manche führen Hunde an der Leine, struppig, stark. Der Anführer, die Haare hellblond, trägt ein schwarzes Barett und betrachtet die Wartenden. Nachdem er die Hände hinter dem Rücken verschränkt hat, fängt er an zu sprechen, ein junger Mann, dem nie ein richtiger Bart wachsen wird. Seine Stimme tönt heiß wie Eis in Jamilas Bewusstsein: „We take you to Paradise and help you to cross the border.“ Dann hebt er die Arme und schnippt mit den Fingern.

Uniformierte nähern sich den Menschen, mustern sie, trennen die einen von den anderen, schicken sie zu den bereitstehenden Bussen. Einer schubst Jussuf nach links, ein anderer Jamila nach rechts. Jussuf zeigt auf Jamila. Ein Soldat grinst. Er greift nach dem Eisen im Gurt, er schwingt’s. Seine Augen sind blau. Jussuf schaut zu Boden. Schließlich tragen sie ihre Taschen in verschiedene Richtungen, blicken einander hinterher. „Wir sehen uns drüben“, sagt Jussuf. Jamila nickt. Der Bus ist mit der Farbe eines südlichen Sommers lackiert.

Hinten sucht sie sich einen Platz, stellt die Tasche auf den Schoß, streicht über den Bauch, setzt sich so, dass die Lehne kaum den Rücken berührt. Das Polster riecht nach Lavendel, die Luft nach Schweiß und Bier. Zuletzt steigen die Soldaten ein. Drei Hunde legen sich zwischen die Sitzreihen, kräftiges Fell, schwarzbraun eingefärbt. Gute Tiere, treu und schön. Die Scheiben sind zugeklebt, eine Folie aus schwarzer Milch. Obwohl das Wasser schal schmeckt, trinkt sie davon, Schluck um Schluck. Wasser ist Leben. Im Dämmerzustand schweben Traum und Wirklichkeit. Bevor sie endgültig einschläft, hält das Fahrzeug an. Wie kurz der Weg zur Grenze ist! Über Land und Meer, über Stock und Stein führt der Weg zum Paradies. Wenn es doch draußen nicht so kalt wäre!

Der Anführer steht auf, verlässt den Bus und pfeift seine Rüden herbei, befiehlt ihnen: spielt auf nun zum Tanz. Seine Leute folgen ihm. Als die hintere Tür aufgeht, blendet die Wintersonne. Licht blitzt auf: Sterne, manche mit Schweif, obwohl die Nacht noch fern ist. Schreie erklingen, Pfiffe. Jamila steigt mit den letzten aus. Alle sind da, alle bereit. Arme werden gepackt, Schlagstöcke benutzt. Sie geben die Richtung vor, schieben und treiben die Schafe. Schneller und schneller. Plötzlich rennen sie, plötzlich laufen die Hunde frei, bellen. Hundefreiheit, auch wenn sie darin besteht zu jagen, zu beißen, das Wild zu stellen. Jamila bleibt etwas zurück, streift die Birken, schlägt Haken. Die Soldaten eilen an ihr vorbei, beachten sie nicht. Vielleicht ist sie unsichtbar, ein Geist. Irgendwann hört sie aus der Ferne die Rufe der anderen, Jussuf hört sie nicht. Aber sie sieht den Zaun, fester Draht, von Dornen gekrönt, unmöglich, ihn zu überwinden. Also geht sie zurück zum Wald. Das Laub schmatzt, als wollte es Jamila aufsaugen. Stille kehrt ein. Sie lehnt sich an einen schief gewachsenen Baum. Die Rinde blättert ab, weiße Flächen, darunter nackte Haut.

Um die Panik zu bekämpfen, schließt sie die Augen, denkt an das Kind, das da in ihr wächst, an Frühling und Fröhlichkeit und Jussuf. Ein Geräusch neben ihr weckt sie, etwas streift ihre Waden. Einer der Hunde hat sie gefunden. Anstatt zu bellen, zu beißen, reibt er sich an ihr, der Schwanz weht wie eine Fahne, ein großes Tier mit Smaragdaugen. Ohne dass sie darüber nachdenkt, sinkt sie auf die Knie, streichelt über das Fell. so weich, so dicht. Sein Wolfsgesicht schleckt über ihre Backe, schnüffelt an ihr. Er scharrt im Laub, stupst Jamila mit der Schnauze an und läuft vorneweg, weiter und weiter. Sie folgt ihm. Die Dämmerung wird kommen, die Schatten, bevor es dunkel wird. Bald entdeckt sie den Zaun wieder. Lange gehen sie, bemerken keinen. Bis sie das Licht erkennt, ein kleiner Punkt, der immer größer wird. Der Hund hält darauf zu, beschleunigt die Schritte, dreht sich ab und zu nach Jamila um.

Aus dem Nebel löst sich ein orangerotes Zelt auf der anderen Seite des Zaunes, ein ganzes Stück entfernt, davor ein Lagerfeuer. Rauch steigt zum Himmel empor, helle Schwaden. Menschen wärmen sich dort. Am Zaun stehen auf beiden Seiten Leitern, die Sprossen stabil. Beim Hochklettern fällt die Maske aus der Tasche. Der Hund bellt auf, schnappt sie sich und verschwindet so schnell zwischen den Bäumen, als wäre er nie da gewesen.

Erst als sie auf festem Boden steht, ruft sie nach den Menschen. Vier kommen ihr entgegen, drei Frauen, ein Mann. Eine reicht ihr den Becher mit Tee, die zweite gibt ihr zu essen, die dritte hüllt Jamila in eine Decke. Jussufs Gesicht ist zerkratzt, die Hose zerfetzt. Jamila umarmt ihn.

 
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Frohes Fest @Isegrims

was für eine wunderbare Geschichte. Wie Du doch die Fiktion beherrscht. Ich kann da nur zittern und bin mitten drin.

Obwohl es nach Wald duften müsste, riecht es nach Diesel. Hier gibt es Wälder mit Birkenstämmen so weiß. Weiter im Westen werden Städte auf festem Grund gebaut, atmen Glück. Ob sie von Wäldern umgeben sind?
Die wagen Andeutungen? Wo spielt deine Geschichte. Bilder steigen auf. Bilder und Bilder und ich rieche sie. Es ist kalt. Und es spielt zwischen Birken. Bist du in Tatarstan? Oder irgendwo in der Mongolei. Dann die arabischen Namen.
. Zwei Busse kommen angefahren. Soldaten steigen aus. Die Sonne gleißt über sie hinweg. Winterkalt strahlt das Firmament, gibt nicht genug Wärme ab, obwohl keine einzige Wolke den Himmel trübt. Tarnfarben schreiten sie heran, Stöcke baumeln an ihnen herab. Einige führen Hunde an der Leine, struppig, stark.
Es ist eine Grenze. Es scheint Krieg die Weiten zu durchziehen. Oder nicht? Sind die Anführer wirklich auf ihrer Seite.
Der Anführer, die Haare hellblond, trägt ein schwarzes Barett und betrachtet die Wartenden. Nachdem er die Hände hinter dem Rücken verschränkt hat, fängt er an zu sprechen, ein junger Mann, dem nie ein richtiger Bart wachsen wird. Seine Stimme tönt heiß wie Eis in Jamilas Bewusstsein: „We take you to Paradise and help you to cross the frontier.“ Dann hebt er die Arme und schnippt mit den Fingern.
Der Anführer ist schön beschrieben.
lustig, "Seine Stimme tönt heiß wie Eis"! Ich weiß nocht nicht was ich davon denken soll.
Einer schubst Jussuf nach links, ein anderer Jamila nach rechts. Jussuf zeigt auf Jamila. Ein Soldat grinst. Er greift nach dem Eisen im Gurt, er schwingt’s. Seine Augen sind blau. Jussuf schaut zum Boden. Schließlich tragen sie ihre Taschen in verschiedene Richtungen, blicken einander hinterher

Und die zwei flüchten mit ihrem ungeborenen Leben. Haben alles aufgegeben um woanders neu anzufangen.

„Wir sehen uns drüben“, sagt Jussuf. Jamila nickt. Der Bus ist mit der Farbe eines südlichen Sommers lackiert.
schön, das erzeugt Spannung. Und doch beschreibst Du fast nur. Die ganze Strecke sind nur Bilder.
Alle sind da, alle bereit. Arme werden gepackt, Schlagstöcke benutzt. Sie geben die Richtung vor, schieben und treiben die Schafe. Schneller und schneller. Plötzlich rennen sie, plötzlich laufen die Hunde frei, bellen. Hundefreiheit, auch wenn sie darin besteht zu jagen, zu beissen, das Wild zu stellen. Jamila bleibt etwas zurück, streift die Birken, schlägt Haken. Die Soldaten eilen an ihr vorbei, beachten sie nicht.
Und ihre Flucht! Sie wird getrieben, so sehe ich das zumindest, doch bei der Jagd vergessen... sie entzieht sich dem Treiben aus Angst, findet die Flucht zu sich selbst.

Um die Panik zu bekämpfen, schließt sie die Augen, denkt an das Kind, das da in ihr wächst, an Frühling und Fröhlichkeit und Jussuf. Ein Geräusch neben ihr weckt sie, etwas streift ihre Waden. Einer der Hunde hat sie gefunden. Anstatt zu bellen, zu beißen, reibt er sich an ihr, der Schwanz weht wie eine Fahne, ein großes Tier mit Smaragdaugen.
Da ist das wunderbare Tier. Der Helfer. Es denunziert sie nicht, er ist Freund und bringt sie auf die andere Seite. Er ist der Fährmann der Geschichte, in der viel angedeutet wird. Viel empfindet man (in dem Fall ich) und alles gleiten an einem vorbei. Und ich erwache mit Jamila bei dem Zelt. Der Albtraum ist vorbei. Die Grenze hinter ihr.

Eine gelungene Kurzgeschichte, wie ich sie gerne lese. Eine Lesefreude der besonderen Art.
Danke

Jussuf schaut zum Boden.
gefühlt würde ich sagen: Jussuf schaut zu Boden. Doch ich bin nicht wirklich gut in diesen Feinheiten

Drei Hunde legen sich zwischen die Sitzreihen, unter dem ungleichmäßig gefärbten Fell pure Kraft. Gute Tiere, treu und schön. Die Scheiben sind zugeklebt, eine Folie aus schwarzer Milch. Obwohl das Wasser schal schmeckt, trinkt sie davon, Schluck um Schluck. Wasser ist Leben.
Oder waren die Hunde schon immer auf ihrer Seite? Du hast viele versteckte Hinweise. Die Geschichte ist Reich und man ( der Leser) muss sie aufmerksam lesen. Sind nicht die Hunde die eigentlichen Führer?
Dieser beschreibende Teil ist schön... den mag ich! Wie viele andere in deiner schönen Beschreibung einer grausamen Wirklichkeit!

Vielen Lieben Dank für das Lesevergnügen

G.

 
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Bist du in Tatarstan?
@Husch

»Reden wir nicht nur von der Entschuldung der Ärmsten. Entschulden wir sie. Und nicht die Flüchtlinge, die zu uns drängen, sind unsere Feinde, sondern die, die sie in die Flucht treiben. […] Die Menschheit kann nur in Solidarität überleben.« Stefan Heym vorm zweiten Gesamtdeutschen Bundestag am 10. November 1994

Ein scharfer Wind treibt von Ost nach West.
...
Drei Hunde legen sich zwischen die Sitzreihen, unter dem ungleichmäßig gefärbten Fell pure Kraft.

Da muss ja der Liebhaber des Wolfes und seiner Derivate & Het windje reinschauen,

lieber Ise,

und zu Flucht (möge die Auseinanderschreibung einst zusammenwachsen) & Asyl hastu schon einiges geschrieben, von dem dieser kleine Text eine feine, nahezu poetische Ergänzung bildet – und da der „arabische Frühling“ nur kurz währte sucht man Auswege und die Kombination Flugzeug und Bus (nebst militärischer „Betreuung“) spricht für die Zwischenstation Belarus, Flüchtlinge als Druckmittel zu missbrauchen.

Flusenlese

Nahezu märchenhaft verkürzt

Obwohl es nach Wald duften müsste, riecht es nach Diesel. Hier gibt es Wälder mit Birkenstämmen so weiß ,
wobei die märchenhafte Verlängerung der Apposition „wie Schnee“ bei mir erzeugt, dass ich ein Komma oder einen Gedankenstrich vorm „so weiß“ anbringen würde ...

Seine Augen sind blau. Jussuf schaut zum Boden.

Hundefreiheit, auch wenn sie darin besteht zu jagen, zu beissen, das Wild zu stellen
„beißen“, Du hast doch keine Schweizer oder angloamerikanische Tastatur ...

Aber sie sieht den Zaun, fester Draht, von Dornen gekrönt, unmöglich, ihn zu übewinden.
„über...“

und unser ewiges Thema

Also geht sie zurück zum Wald. Das Laub schmatzt, als wolle es Jamila aufsaugen.
Typische als-ob-Situation, also besser „als wollte“, Konjunktiv II

Wie dem auch wird - feine Erzählung über ein - so mutmaße ich - langwährendes Thema!

Friedel

 
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Hallo @Isegrims

Ich muss leider gestehen, dass ich etwas Probleme mit deiner Geschichte hatte. Ich versuche, das mal zu erklären. Zunächst bleibt mir zu sagen, dass der Text super geschrieben ist. Deine Formulierungen sitzen und erschaffen Bilder im Kopf. Da gibt es nichts zu meckern. Auch das Thema ist gut gewählt, weil so aktuell.
Womit ich meine Probleme habe, ist die Art, wie du es aufbereitet hast. Das mag an mir liegen und hat vermutlich weniger mit dir oder deiner Geschichte zu tun. Und wie die anderen Kommentare andeuten, stehe ich wohl auch alleine mit meiner Meinung da. Aber mir hat nicht gefallen, dass sich im letzten Viertel alles mehr oder weniger "fügt". Der Wachhund führt sie zum Grenzzaun. Eine Leiter steht bereit und dahinter warten nicht nur freundliche Helfer mit heißen Getränken, sondern auch der verlorene Partner. Das ist natürlich eine wunderbare Vorstellung und vermutlich ging es dir auch darum, das Ganze zu einem guten Ende zu bringen, um ein wenig Hoffnung zu verbreiten. Wer kann es dir verübeln in den heutigen Zeiten? Mich persönlich hat es aber leider abgeschreckt. Der Zauber dieser Situation hat für mich nicht funktioniert.
Ich hätte einen realistischeren und kühleren Blick auf die Situation angebrachter empfunden und das hätte auf mich auch deutlich besser gewirkt. Gerade im Bezug darauf, dass wir zurzeit ein "Fest der Nächstenliebe" zelebrieren, während nicht weit von uns kleine Kinder in Wäldern erfrieren. Deutlicher können unsere Werte ja nicht ad absurdum geführt werden. Mit diesen Bildern im Kopf hat dein Ende deshalb bei mir nicht gezündet. Auch weil es meiner Meinung nach eben die tatsächliche Dramatik der aktuellen Situation ein Stück weit ausblendet.
Aber wie gesagt, es mag durchaus sein, dass das nur mir so geht. Weil ich ein zynischer Mensch mit einem Hang zum Pessimismus bin :)
Nichtsdestotrotz habe ich deinen Text aber gerne gelesen und wünsche noch ein paar schöne Feiertage!
Grüße Habentus

Nachtrag: Nun sehe ich, dass deine Geschichte als Märchen und unter Weihnachten getaggt war. Das ist mir beim ersten Lesen entgangen. Daher passt es dann ja wiederum besser, weil sie als Weihmachtsmärchen besser funktioniert. Hätte ich die Tags nicht übersehen, wäre ich vermutlich auch mit einer anderen Erwartungshaltung an deinen Text herangegangen.

 
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Moin @Isegrims, da noch Weihnachten ist, kriegt Deine Geshcichte auch noch einen Kommentar ab. Wobei ich mit den Tags noch etwas hadere, ja, Du triffst oft einen märchhaften ton, aber nicht durchgängig. Ja, man könnte dieses sehr postitive (und ich mag es durchaus) Ende als der Weihnacht geschuldet sehen, aber mit Weihnachten hat die Geschichte leider sonst so gar nichts zu tun, sie fing viel früher an und wird uns fürchte ich auch noch ins nächste Jahr begleiten. Ich plädiere also nur für den Gesellschaftstag.

Ein scharfer Wind treibt von Ost nach West. Blätter segeln
Das finde ich eine super ersten Satz, da hast du eine Verortung, eine Stimmung und wirklich viel gesagt. Ich überlege, ob die "Blätter segeln" nicht einen Erweiterung verdienen, nicht zu 'einfach' da stehen (oder segeln).

Neben Jussuf stehen welche wie sie, aber er hält sich gerade.
Hier ist für mich einerseits der Ton wirklich nicht märchenhaft, aber auch inhaltlich bzw. in der Verknüpfung ein Fragezeichen. Was sind denn welche wie sie? Schwangere, Frauen, Menschen? Das 'Aber' bezieht sich dann auf was?

Weiter im Westen werden Städte auf festem Grund gebaut, atmen Glück.
Hier frage ich mich, warum der "feste Grund" für sie Bedeutung hat? Du meisnt etwas übertragenes, schätze ich, aber ich kriege als Bild "Stein, Fundament". Ich bräuchte wohl eine Kleinikeit mehr, um das "Zuverlässig, Solide oder was Dir vorschwebt" auch zu sehen/fühlen, nicht nur logisch zu erschließen.

Ob sie von Wäldern umgeben sind?
Hier kommt schon das nächste Fragzeichen, was wahrscheinlich nur einen kleine Hinnweis mehr bedarf. Die Flüchtlinge kommen weniger (soweit ich es weiß) nicht aus bewaldeten Gebieten. Was bedeutet ihr also Wald?

Er greift nach dem Eisen im Gurt, er schwingt’s.
Warum brauchst Du die Einkürzung. Es klingt seltsam und märchenhaft ist es für mein Sparchgefühl auch nicht.

Wie kurz der Weg zur Grenze ist! Über Land und Meer, über Stock und Stein führt der Weg zum Paradies. Wenn es doch draußen nicht so kalt wäre!
Ja, hier ist die Sprache märchenhaft, aber ehrlich, ich finde sie für diesen harten Weg, die vielen Einzelschicksalen einfach auch nicht passend.

Also geht sie zurück zum Wald. Das Laub schmatzt, als wolle es Jamila aufsaugen. Stille kehrt ein. Sie lehnt sich an einen schief gewachsenen Baum. Die Rinde blättert ab, weiße Flächen, darunter nackte Haut.
Das ist wiederum schön geschrieben, da kann ich es sehen. Mir würde ein Konterpunkt gefallen, um diese schlimme Situation am Zaun nicht völlig hintenrunterfallen zu lassen, aber es ist ja bekanntlich kein Wunschkonzert.

Der Hund hält darauf zu, beschleunigt die Schritte, dreht sich ab und zu nach Jamila um.
Schön, da Du ihr einen Helfer an die Seite stellst (ich überlege gerade die Rollenverteilung, dann müsst die EU mal dringend auf die vier Beine und anfangen mit dem Schwanz zu wedeln.)

Eine reicht ihr den Becher mit Tee, die zweite gibt ihr zu essen, die dritte hüllt Jamila in eine Decke. Jussufs Gesicht ist zerkratzt, die Hose zerfetzt. Jamila umarmt ihn.
Ja, das ist dann wohl der Etil, der als Weihnachtsgeschichte durchgeht, dennoch bleibe ich dabei, dafür fehlt mir etwas mehr Bezug.

Gerne gelesen habe ich die Geschichte auf alle Fälle, es ist ja auch gut, wenn die Leserin zu anderen Ideen und Widerspruch gereizt wird, die Geschichte soll ja bewegen.

Wünsche noch einen schönen 2. Weihnachsttag
Herzliche Grüße
witch

 
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Hallo @Isegrims,

ich kommentiere auf dem Handy, darum kann ich schlecht einzelne Passagen zitieren und beschreibe mal kurz meinen Gesamteindruck. Ich habe den Text zwei Mal gelesen, weil ich mir nach dem ersten Lesen unschlüssig war, was ich von der Story halte. Aber auch nach dem zweiten Eindruck habe ich kein klares Urteil.

Mir scheint der Text einer dieser Fälle zu sein, wo eigentlich alles "richtig" gemacht wurde - und der bei mir trotzdem nicht recht zündet: Die Story wurde aufs Wesentliche reduziert, es wurden vor allem die sinnlich fassbaren Elemente beschrieben, es gibt zwei Figuren, mit denen man mitleiden kann ... Und letztlich wurde an vielen Stellen eine individuelle Sprache gefunden ("heisses Eis"). Insofern Kompliment, das ist wie aus dem Lehrbuch.

Und vielleicht wird die Story für mich gerade dadurch zu artifiziell. Es fiel ja in den Kommentaren schon das Wort "poetisch". Die Handlung ist aber sehr prosaisch, fast brutal. Zumindest mir als Leser geht es so, dass ich mich in so einem Fall sehr auf die Abläufe konzentrieren muss, erst recht wenn viel nur angedeutet wird.

Mischt sich in diesen Prozess dann noch eine eher lyrische Sprache wird es meinem Kopf zu viel - habe die Handlung auch nicht 100 % erfasst, muss ich gestehen. Warum bringen die Soldaten sie zur Grenzen und verfolgen sie dann?

Ich persönlich würde die Story ausdehnen, um Zeit und Raum für die Poesie zu schaffen. In einem gehetzten Setting will ich voranlesen und nicht bei einzelnen Worten und Bildern verweilen.

Alternativ würde ich, bei gegebener Länge, die lyrischen Elemente reduzieren. Nur als Beispiel: Warum muss erwähnt werden, dass die Leitern "Sprossen aus starkem Holz" haben? Das versieht bei so einer konzentrierten Story die Leitern direkt mit einer Bedeutung, die über ihre pure Funktion hinausgeht. Aber haben sie diese Bedeutung? Sie verhelfen der Frau über den Zaun, das ja. Aber ihre Flucht war holprig und ist noch nicht zu Ende - warum sollte also dieser Schritt plötzlich mit der Sicherheit von "starken Sprossen" versehen werden? Das mag den Moment charakterisieren, aber auf der Meta-Ebene führt das für mich in die falsche Richtung.

So sind mir einige Stellen aufgefallen, wo mir persönlich zu viel Aufladung da ist. Ist aber Geschmackssache. Ich hoffe, du kannst mit dem Kommentar etwas anfangen.

Wünsche einen schönen zweiten Weihnachtstag.

VG, HK

 
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»man wird eher den wind drehen oder aufhalten, als die gesinnungen des menschen heften können« Lichtenberg, zitiert nach dem Grimmschen Wörterbuch,

bester Isegrims,

und wenn ich meinem System trauen darf, lässt sich das Grimm’sche Wörterbuch in seinem Bd. 30 auf ca. 51 Seiten über die Etymologie des Windes (got. winds, ahd. wind/wint) aus (https://www.dwds.de/wb/dwb/wind#wind), dessen ursprünglich gemeinte „bewegte Luft“ [»im eigentlichen sinn 'die durch ungleichheiten der luftdruckvertheilung hervorgerufene freie bewegung der atmosphärischen luft im unbeschränkten raum .«, ebd.] und im Laufe seiner Geschichte zu mancherlei Überhöhung führt und am offensichtlichsten mit dem Verb „wehen“ verwandt ist – und somit auch „Windstärken“ von der Windstille übers leise Säuseln bis zum heulenden, krachenden Sturm, aber auch „Flauten“ usw., usf. bedeuten kann, bis hin zu bildlichen Vergleichen (Schiller wird zB mit dem „giftigen Wind des Hofes“ zitiert).

Was aber immer mitschwingt ist die Eigenschaft, dass der Wind „flüchtig“ und „ungebunden“ ist und wo er weht, „Wandel“ ansteht, der auch mal im Sozialen vor die „Wand“ gefahren wird.

Nu is' aber einstweilen gut.

Schönen Restfeiertag wünscht der

Friedel

 
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Ich fange mal an, eure Kommentare zu beantworten: nach und nach, weil: Weihnachten und die Schläfrigkeit geselliger Abende nachwirkt.

Vorab: das ist eine Weihnachtsgeschichte mit märchenhaften Zügen, deshalb endet sie, wie sie endet und der Fokus liegt nicht auf der Beschreibung der harten Wirklichkeit, wenngleich gerade dies mich inspiriert hat, diese Geschichte zu schreiben. gerade jetzt, gerade an Weihnachten.

Hey @FlicFlac

Schöne Lage-Beschreibung!
dankeschön!
Hier musste ich 2x lesen. Bissl complicated, finde ich, den Satzbau. Leichter wär's mit "In Tarnfarben" -
Kann man sicher beides schreiben, meine Lösung gefällt mir vom Rhythmus her besser.


Hallo @G. Husch

Schön, wie du beschreibst, was dir an dem Text gefällt.

was für eine wunderbare Geschichte. Wie Du doch die Fiktion beherrscht. Ich kann da nur zittern und bin mitten drin.
das ist ja nur halbwegs fiktiv, was ich erzähle passiert so oder so ähnlich an den Grenzen zu Europa.
Bilder steigen auf. Bilder und Bilder und ich rieche sie. Es ist kalt. Und es spielt zwischen Birken. Bist du in Tatarstan? Oder irgendwo in der Mongolei. Dann die arabischen Namen.
aber es passiert auch an anderen Stellen der Welt: Menschen, die auf der Flucht sind und erbarmungslos gejagt werden.
Es scheint Krieg die Weiten zu durchziehen. Oder nicht? Sind die Anführer wirklich auf ihrer Seite.
ein asymetrischer Krieg, aber worin besteht da der Unterschied?
"Seine Stimme tönt heiß wie Eis"! Ich weiß nocht nicht was ich davon denken soll.
Ich weiß: ein ungewöhnlicher Vergleich, aber an Eis kann man sich schon verbrennen.
Sie wird getrieben, so sehe ich das zumindest, doch bei der Jagd vergessen... sie entzieht sich dem Treiben aus Angst, findet die Flucht zu sich selbst.
sie versteckt sich, wird übersehen
Da ist das wunderbare Tier. Der Helfer. Es denunziert sie nicht, er ist Freund und bringt sie auf die andere Seite. Er ist der Fährmann der Geschichte, in der viel angedeutet wird.
deshalb der Tag "Märchen"
Oder waren die Hunde schon immer auf ihrer Seite? Du hast viele versteckte Hinweise. Die Geschichte ist Reich und man ( der Leser) muss sie aufmerksam lesen. Sind nicht die Hunde die eigentlichen Führer?
die Hunde ambivalent aufzufassen, finde ich legitim:Pfeif:
Wie viele andere in deiner schönen Beschreibung einer grausamen Wirklichkeit!
dankeschön!

Viele Grüße und wunderbare Weihnachten!
Geht bald weiter!

Isegrims

 
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aber es passiert auch an anderen Stellen der Welt: Menschen, die auf der Flucht sind und erbarmungslos gejagt werden.
Ja und deshalb muss ich Dir recht geben, ja wenn ich es richtig verstanden habe...
Das Märchen als universelle Form die auf Missstände hinweist.

Gut gewählt,
und wir sollten diese Situationen, die sich hier und dort gleichzeitig abspielen, nicht während unserer Weihnachtsfeiern vergessen, sondern mit schwingen lassen. Was wir dann reelle für die Flüchtenden tun können sei dahin gestellt.

Lass es Dir gut ergehen @Isegrims, auf ein Bald im Netz,

G.

ps. und auch Weihnachtsgrüße an @Friedrichard und seinem Zitat von Stefan Heym

 
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Lieber Friedel,

freut mich, dass du trotz der weihnachtlichen Unwägbarkeiten den Text kommentierst und deinen friedel'schen Blick darauf wirfst.
Entflust habe ich schon, vielen Dank!

»Reden wir nicht nur von der Entschuldung der Ärmsten. Entschulden wir sie. Und nicht die Flüchtlinge, die zu uns drängen, sind unsere Feinde, sondern die, die sie in die Flucht treiben. […] Die Menschheit kann nur in Solidarität überleben.« Stefan Heym vorm zweiten Gesamtdeutschen Bundestag am 10. November 1994
gutes Zitat!
Ja, ich habe schon früher über dieses Thema geschrieben, weil es eben evident ist, der narzistische Teil unseres Bewusstsein weg sieht, die Medien nach anfänglichem Engagement das Interesse verlieren.

und da der „arabische Frühling“ nur kurz währte sucht man Auswege und die Kombination Flugzeug und Bus (nebst militärischer „Betreuung“) spricht für die Zwischenstation Belarus, Flüchtlinge als Druckmittel zu missbrauchen.
Letzte Woche in der taz gelesen: ein Flüchtling an der Grenze zwischen Belarus und Polen berichtete, dass Soldaten mit Hunden die Gruppe zur Grenze getrieben haben.
Wie dem auch wird - feine Erzählung über ein - so mutmaße ich - langwährendes Thema!
langwährend, stimmt, umso wichtiger darüber zu schreiben.

Wünsche dir eine angenehm Weihnachtsnacht und sende viele Grüße
Isegrims


Hey @Habentus

Ich kann gut nachvollziehen, was du schreibst, wirklich.
Auch ein anderes Format wäre möglich gewesen, das stimmt.

Zunächst bleibt mir zu sagen, dass der Text super geschrieben ist. Deine Formulierungen sitzen und erschaffen Bilder im Kopf. Da gibt es nichts zu meckern. Auch das Thema ist gut gewählt, weil so aktuell.
selbst die Bilder hätten funktioniert, wenn ich ein alternatives Ende, ein weniger märchenhaftes Setting gewählt hätte.
Womit ich meine Probleme habe, ist die Art, wie du es aufbereitet hast. Das mag an mir liegen und hat vermutlich weniger mit dir oder deiner Geschichte zu tun.
trotzdem stößt auch diese Gestaltung etwas an, wendet den Blick, das wünsche ich mir zumindest mit dem Text zu erreichen.
Aber mir hat nicht gefallen, dass sich im letzten Viertel alles mehr oder weniger "fügt". Der Wachhund führt sie zum Grenzzaun. Eine Leiter steht bereit und dahinter warten nicht nur freundliche Helfer mit heißen Getränken, sondern auch der verlorene Partner.
Auch wenn sich das aus den Tags "Märchen" und "Weihnachten" fast zwangsläufig ergibt: die personale Erzählerin könnte auch etwas wiedergeben, was sie sich so erhofft hat. Was ist schon Wirklichkeit in einer unwirklichen Welt?
Das ist natürlich eine wunderbare Vorstellung und vermutlich ging es dir auch darum, das Ganze zu einem guten Ende zu bringen, um ein wenig Hoffnung zu verbreiten. Wer kann es dir verübeln in den heutigen Zeiten? Mich persönlich hat es aber leider abgeschreckt. Der Zauber dieser Situation hat für mich nicht funktioniert.
Den Text habe ich knappt gehalten, besonders das Ende, weil schon klar ist, dass es nicht gar so oft Wunder gibt. Aber manchmal darf eins passieren. Gerade an Weihnachten.
Gerade im Bezug darauf, dass wir zurzeit ein "Fest der Nächstenliebe" zelebrieren, während nicht weit von uns kleine Kinder in Wäldern erfrieren. Deutlicher können unsere Werte ja nicht ad absurdum geführt werden. Mit diesen Bildern im Kopf hat dein Ende deshalb bei mir nicht gezündet. Auch weil es meiner Meinung nach eben die tatsächliche Dramatik der aktuellen Situation ein Stück weit ausblendet.
Welche Werte? Wenn du mit wir unsere gutmenschenmäßigen Vorstellungen einer Welt meinst, die heil zu sein hat, ohne dass sie es ist, dann ist dies nicht das einzige Thema, bei dem wir wegsehen. Warum sichern wir "uns" beispielsweise Impfstoff und die Entscheidungsträger verhindern es, dass Generika freigegeben werden?
Nachtrag: Nun sehe ich, dass deine Geschichte als Märchen und unter Weihnachten getaggt war. Das ist mir beim ersten Lesen entgangen. Daher passt es dann ja wiederum besser, weil sie als Weihmachtsmärchen besser funktioniert.
Ja, ein Weihnachtsmärchen, das sollte diese Geschichte sein.

Viele Grüße sendet und lichtdurchflutete Weihnachten wünscht dir
Isegrims

 
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Lieber @Isegrims

harte Kost zum Fest. Jedenfalls hat das Ende bei mir funktioniert. Habe den Text gelesen und dachte gegen Ende, ach, ist ja wie im Märchen und habe erst dann auf die tags geschaut und siehe da, so war es von Dir auch gedacht. Hat mit mir auch was gemacht, also gerade dieses unrealistische, märchenhafte, weil, so ginge es doch auch. Geht aber leider nicht. Warum? Weil Mensch eben Mensch ist. Wäre es eine 1:1 Darstellung, dann wäre es wie Nachrichten gucken gewesen. Insofern finde ich die Idee, es so zu gestalten ganz spannend. Ab davon hat mich der Text aber nicht so recht mitnehmen wollen und ich musste echt ne Nacht drüber schlafen, um für mich rauszubekommen, woran es lag, denn er macht ja eigentlich so viel richtig. Inzwischen glaub ich, es liegt daran, dass der Text zu viel will und keinem so richtig gerecht wird. Er will hart und brutal sein - auch in der Sprache (kurze Sätze), aber auch Märchen mit einem Hauch Poetik, er nimmt irgendwie die Bibelgeschichte auf, Maria und Josef, er arbeitet auf der anderen Seite mit Bildern, die mich an den Faschismus denken lassen: Frauen, Kinder und Alte nach links, die Männer nach rechts (jedenfalls hatte ich sofort diese Assoziation), er will die Realität abbilden und biegt dann ab. Auf mich wirkt es unterm Strich dann eben unentschlossen, zu viel, zu überladen. Ist jetzt mein ganz persönlicher Eindruck, ich glaube nämlich auch, dass der Text außerhalb unseres WK-Kosmus, unserer Nerdbrille, schon gut funktioniert. Und ich finde die Idee dahinter auch wirklich gut. Also tatsächlich diesen Bruch - Flucht, die auf gut endet. Wobei die Flucht ja noch lange nicht beendet ist, es ist die erste Etappe von weiteren. Und ob sie je irgendwo landen, wo sie wirklich glücklich leben können, wo man sie glücklich leben lässt, selbst wenn sie einen Pass, einen Job, ein Dach bekommen haben, da wären ja noch der Rassismus, und natürlich auch immer die Sehnsucht nach der Heimat. Die Gedanken an die Zurückgelassenen und so weiter. Also, meine Auseinandersetzung mit dem Text, die geht wohl sehr in die von die gewünschte Richtung.

Die Sonne gleißt über sie hinweg. Winterkalt strahlt das Firmament, gibt nicht genug Wärme ab, obwohl keine einzige Wolke den Himmel trübt. Tarnfarben schreiten sie heran, Stöcke baumeln an ihnen herab.
Ja, das wirkt ganz eigenartig auf mich. Soldaten schreiten - Schlagstöcke baumeln - Kälte strahlt ... Das will sich bei mir nicht fügen. Mir ist es zu gewollt, es lenkt ab, Du versucht irgendwie einen Sumpf mit Glitzersteinchen erschaffen. Ja, dann wird es halt am Ende auch kein Sumpf. Und Märchen - sprachlich ist es davon ja ganz weit weg, das geht sich erst mit dem Ende aus. Und da wirkt es dann auch bisschen wie drangeklebt. Über die größte Strecke des Textes bin ich ja eher in einer Doku. Und das zieht sich ja durch.

Ja, Idee finde ich gut, Thema wichtig!, Umsetzung ist mir zu verspielt, wirkt auf mich nicht konsequent, für mich wirkt das zu viel gewollt, aber das ist Geschmack und ja, der ist halt wie er ist und sagt so gar nichts über die Lesegewohnheiten anderer Leute aus. Und ich denke tatsächlich, dass der Text in der Welt außerhalb unserer Schreibstube funktioniert. Er ist so kalt, inhaltlich, sprachlich, aber ich friere nicht mit. Diesmal nicht wirklich.

Restjahresgrüße,
Fliege

 
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53

Lieber @Isegrims,

Ein scharfer Wind treibt von Ost nach West. Blätter segeln.
andere haben den Anfang gelobt, ich finde ihn gut, aber nicht herausragend. Du baust gelungen eine Atmosphäre auf, wirklich viel sagst du hier aber noch nicht.

Neben Jussuf stehen welche wie sie, aber er hält sich gerade.
Das verstehe ich nicht.

Weiter im Westen werden Städte auf festem Grund gebaut, atmen Glück. Ob sie von Wäldern umgeben sind?
Beim ersten Lesen habe ich auch diesen Satz nicht verstanden, jetzt aber schon. Das hast Du gut gemacht; viele Sätze, quasi jeden Absatz, musste ich zweimal lesen, weil deine Sprache so reichhaltig und präzise ist, dass man als unaufmerksamer Mensch, wie ich einer bin, schnell darin unterzugehen droht.
Nur an einigen wenigen Stellen hast du dich m.E. verheddert:

Zuletzt steigen die Soldaten ein. Drei Hunde legen sich zwischen die Sitzreihen, unter dem ungleichmäßig gefärbten Fell pure Kraft.
ungleichmäßig ist zu unpoetisch für den Text, pure Kraft wirkt, sorry, ein wenig albern.

Wie kurz der Weg zur Grenze ist! Über Land und Meer, über Stock und Stein führt der Weg zum Paradies.
zu kitschig, passt für mich nicht so richtig; gerade dieses über Stock und Stein,

Der Anführer steht auf, verlässt den Bus und pfeift seine Rüden herbei, befiehlt ihnen: spielt auf nun zum Tanz.
Das musste ich sehr oft lesen. Wirkt künstlich, zu poetisch. Dein Text ist zwar stilistisch gesehen sehr poetisch aber es reißt aus der Geschichte heraus, wenn die Figuren auch so sprechen.

Aber sie sieht den Zaun, fester Draht, von Dornen gekrönt, unmöglich, ihn zu überwinden. Also geht sie zurück zum Wald. Das Laub schmatzt, als wollte es Jamila aufsaugen.
schmatzen ... Hat mich kurz wirklich beeindruckt. Aber schmatzt Laub überhaupt? Matsch vielleicht, aber Laub knistert oder knackt doch eher? Tolle Formulierung, aber an der Stelle unpassend.

Um die Panik zu bekämpfen, schließt sie die Augen, denkt an das Kind, das da in ihr wächst, an Frühling und Fröhlichkeit und Jussuf.
vielleicht lieber Freude? Fröhlichkeit ist etwas sperrig.

Menschen wärmen sich dort. Am Zaun stehen auf beiden Seiten Leitern, die Sprossen aus starkem Holz.
Das wurde schon von @Henry K. kritisiert, ich schließe mich dem an. Das Detail kommt zu sehr aus dem Nichts.

Dein Text ist überraschend kontrovers, mir hat er sehr gut gefallen, anderen auch, aber für einige hat er nicht funktioniert. @Henry K. schlägt vor:

Ich persönlich würde die Story ausdehnen, um Zeit und Raum für die Poesie zu schaffen.
Das finde ich nicht sinnvoll. Poesie wirkt doch gerade, weil sie so stark verdichtet ist. Gerade weil Du dich nicht zu sehr auf eine komplexe Handlung konzentrieren musst, hat die Sprache Raum zum Atmen.

@Fliege findet den Text zu überladen, weil er thematisch und stilistisch widersprüchlich sei:

Er will hart und brutal sein - auch in der Sprache (kurze Sätze), aber auch Märchen mit einem Hauch Poetik, er nimmt irgendwie die Bibelgeschichte auf, Maria und Josef, er arbeitet auf der anderen Seite mit Bildern, die mich an den Faschismus denken lassen: Frauen, Kinder und Alte nach links, die Männer nach rechts (jedenfalls hatte ich sofort diese Assoziation),
Vor märchenhafter Kulisse, in poetischer Sprache, wird ein brutal-realistisches Bild gezeichnet. Die märchenhafte Bibelgeschichte wird mit Andeutungen in Richtung Faschismus kontrastiert. Warum nicht? Gerade das hebt den Text doch von anderen ab.

Du zeigst einen winzigen Ausschnitt aus der Flucht deiner Hauptfiguren, einen noch kleineren Ausschnitt aus ihrem Leben. Es wurde von einem Happy End gesprochen, das sehe ich nicht so @Fliege erläutert gut, warum. Die Figuren sind am Ende in Sicherheit, aber diese Sicherheit ist offensichtlich nicht andauernd. Damit ist das Ende auch kein Kontrast zur sonstigen Atmosphäre.

Strukturelle Veränderungen würde ich also nicht vornehmen, die Geschichte funktioniert, wenn auch nicht für jeden. Mich hat sie jedenfalls erreicht.

Ich hoffe sehr, dass du mit meinen Gedanken etwas anfangen kannst.

Viele Grüße,
Manfred

 
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Fiel mir doch gerade Dylan's

"Far between sundown's finish / an' midnight's broken toll
We ducked inside the doorway, / thunder crashing
As majestic bells of bolts struck/ shadows in the sounds
Seeming to be the chimes of freedom / flashing
Flashing for the warriors / whose strength is not to fight
Flashing for the refugees / on the unarmed road of flight

An' for each an' ev'ry / underdog soldier in the night
An' we gazed upon / the chimes of freedom flashing.
..."

“Chimes of Freedom“
ein ...

& natürlich, wie Byzanz Ende des 5. Jh. Flüchtlinge instrumentalisierte ...

 
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Liebe @greenwitch

danke für den Kommentar: wir sind ja sozusagen in diesem Jahr die einzigen, die kurz vor den Festtagen den Weihnachts-Tag bedienen.
(Übrigens fand ich deinen Text wirklich kurzweilig, geschickt geplottet, was mich aber abgehalten hat, ihn zu kommentieren, war, neben dem Zeitmangel dieser Magen-Darm-Typ: so was provoziert bei mir Widerwillen und hätte bestenfalls zu einem über dem Autorinnenkopf ausgeleerten Eimer Sarkasmus und Spott geführt)

Du triffst oft einen märchhaften ton, aber nicht durchgängig. Ja, man könnte dieses sehr postitive (und ich mag es durchaus) Ende als der Weihnacht geschuldet sehen, aber mit Weihnachten hat die Geschichte leider sonst so gar nichts zu tun, sie fing viel früher an und wird uns fürchte ich auch noch ins nächste Jahr begleiten. Ich plädiere also nur für den Gesellschaftstag.
Ich glaube, wir haben eine andere Vorstellung von Weihnachten. Für mich hat gerade diese Geschichte etwas mit Weihnachten zu tun, dem Kern sozusagen, dem Licht in einem dunklen Wald. Das Santa Claus Weihnachten ist mir zu rosa.
Das finde ich eine super ersten Satz, da hast du eine Verortung, eine Stimmung und wirklich viel gesagt. Ich überlege, ob die "Blätter segeln" nicht einen Erweiterung verdienen, nicht zu 'einfach' da stehen (oder segeln).
ich mag den ersten Satz auch, auch den zweiten, gerade wegen der Kargheit und dem, was zwischen den Zeilen schwingt.
ber auch inhaltlich bzw. in der Verknüpfung ein Fragezeichen. Was sind denn welche wie sie? Schwangere, Frauen, Menschen? Das 'Aber' bezieht sich dann auf was?
er steht gerade, obwohl er zu denen gehört, die gar nicht da sein sollten, das empfindet Jamila auch so, deshalb ist der Satz bewusst so gewählt.

Hier frage ich mich, warum der "feste Grund" für sie Bedeutung hat? Du meisnt etwas übertragenes, schätze ich, aber ich kriege als Bild "Stein, Fundament".
weil sie sich festen Grund wünscht, aus der Brüchigkeit ihrer Welt geflohen ist.
Die Flüchtlinge kommen weniger (soweit ich es weiß) nicht aus bewaldeten Gebieten. Was bedeutet ihr also Wald?
Was Ambivalentes, glaube ich, einerseits kann man sich im Wald verbergen, andererseits ist es Wildnis
Warum brauchst Du die Einkürzung. Es klingt seltsam und märchenhaft ist es für mein Sparchgefühl auch nicht.
Ich an ein paar Stellen die Todesfuge von Paul Clean zitierte deshalb. Letztlich ist der Text aus einer Zeitungsnachricht und der erneuten Lektüre des Gedichts entstanden. Außerdem klingt es so besser.
Todesfuge (Paul Celan)
aber ehrlich, ich finde sie für diesen harten Weg, die vielen Einzelschicksalen einfach auch nicht passend.
ja, mit dieser Stelle hast du wahrscheinlich recht, muss ich nachdenken, ob und wie ich das ändere, kann ich nicht sofort, muss ich drüber schlafen
Schön, da Du ihr einen Helfer an die Seite stellst (ich überlege gerade die Rollenverteilung, dann müsst die EU mal dringend auf die vier Beine und anfangen mit dem Schwanz zu wedeln.)
Oh ja!
Gerne gelesen habe ich die Geschichte auf alle Fälle, es ist ja auch gut, wenn die Leserin zu anderen Ideen und Widerspruch gereizt wird, die Geschichte soll ja bewegen.
das ist fein und so soll's sein!

Viele Grüße aus dem Nachweihnachtstag
Isegrims


Hey @Henry K.

schön, dass du kommentierst. Wir haben zwar eine völlig andere Vorstellung von Texten und ihren Wirkweisen, von dem, was wir gern lesen, über was es sich zu schreiben lohnt, aber ich lese doch gern auch das, was meinen Vorstellungen widerspricht.

Die Story wurde aufs Wesentliche reduziert, es wurden vor allem die sinnlich fassbaren Elemente beschrieben, es gibt zwei Figuren, mit denen man mitleiden kann ... Und letztlich wurde an vielen Stellen eine individuelle Sprache gefunden ("heisses Eis"). Insofern Kompliment, das ist wie aus dem Lehrbuch.
na ja, Lehrbücher lese ich nicht, aber ich bin der Meinung, dass man den LeserInnen Raum zum Innehalten geben, nicht alles antizipiert werden darf. Dafür sorgen Neologismen oder scheinbar widersprüchliche Vergleiche. Außerdem bedeuten die Bilder was.
Und vielleicht wird die Story für mich gerade dadurch zu artifiziell. Es fiel ja in den Kommentaren schon das Wort "poetisch". Die Handlung ist aber sehr prosaisch, fast brutal. Zumindest mir als Leser geht es so, dass ich mich in so einem Fall sehr auf die Abläufe konzentrieren muss, erst recht wenn viel nur angedeutet wird.
Das ist ein Punkt. über den ich lächeln muss. Ist denn nicht alles, was wir schreiben fiktiv, artifiziell? Selbst wenn wir unseren Alltag wiedergeben, etwas Narzissmus und Selbstbespiegelung betreiben.
Diese Geschichte sollte übrigens gerade durch den Gegensatz von Poesie und brutaler Wirklichkeit wirken.
Ich persönlich würde die Story ausdehnen, um Zeit und Raum für die Poesie zu schaffen. In einem gehetzten Setting will ich voranlesen und nicht bei einzelnen Worten und Bildern verweilen.
Genau das, was ich oben beschrieben habe: dann läufst du als Leser einfach mit, musst nicht stoppen und das Reduzierte, Konzentrierte selbst auflösen.
Alternativ würde ich, bei gegebener Länge, die lyrischen Elemente reduzieren. Nur als Beispiel: Warum muss erwähnt werden, dass die Leitern "Sprossen aus starkem Holz" haben? Das versieht bei so einer konzentrierten Story die Leitern direkt mit einer Bedeutung, die über ihre pure Funktion hinausgeht.
Über die Sprossen denke ich noch mal nach, danke für den Hinweis. Ich wollte allerdings damit zeigen, dass sie sicher über die Grenze kommt, jetzt keine Gefahr mehr droht.
Das mag den Moment charakterisieren, aber auf der Meta-Ebene führt das für mich in die falsche Richtung.
gerade auf der Meta-Ebene finde ich den Text passgenau. Was meinst du mit falsche Richtung, was ist falsch?
So sind mir einige Stellen aufgefallen, wo mir persönlich zu viel Aufladung da ist. Ist aber Geschmackssache.
Ich erinnere mich an den Stammtisch: wir haben tatsächlich unterschiedliche Auffassungen von dem, was wir gerne lesen (und worüber wir schreiben), was völlig in Ordnung ist.

Viele Grüße und eine angenehme Zwischenzeit
Isegrims

 
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Hallo @Isegrims,

hier noch eine Antwort auf deine Antwort, damit nichts offen oder unklar bleibt:

Henry K. schrieb:
Und vielleicht wird die Story für mich gerade dadurch zu artifiziell. Es fiel ja in den Kommentaren schon das Wort "poetisch". Die Handlung ist aber sehr prosaisch, fast brutal. Zumindest mir als Leser geht es so, dass ich mich in so einem Fall sehr auf die Abläufe konzentrieren muss, erst recht wenn viel nur angedeutet wird.
Das ist ein Punkt. über den ich lächeln muss. Ist denn nicht alles, was wir schreiben fiktiv, artifiziell? Selbst wenn wir unseren Alltag wiedergeben, etwas Narzissmus und Selbstbespiegelung betreiben.
Diese Geschichte sollte übrigens gerade durch den Gegensatz von Poesie und brutaler Wirklichkeit wirken.

Naja, das kommt drauf an, wie man das Wort "artifiziell" auslegt. Ja, Literatur ist immer insofern artifiziell, als sie von Autorenhand und -kopf "erschaffen" ist. Sie ist also immer ein "künstlich erzeugtes" Produkt, wenn man so will.

Ich meine hier aber eher eine Bedeutung von "artifiziell", die auf den Stil eines Textes abzielt. Man hat hier doch ein Spektrum, das ich spontan in etwa so zeichnen würde: Am einen Ende steht ein nüchterner Berichtsstil, der stets möglichst klar, explizit und trennscharf sagt, was er meint.

Am anderen Ende steht eine kodierte Sprache, die sich nicht nur durch ihre inhaltliche Aussage, sondern auch als Sprache selbst in den Vordergrund drängt und maximal viel Interpretationsspielraum in Hinblick darauf lässt, was überhaupt ausgesagt wird. "Artifiziell" hiesse hier entsprechend so was wie "poetisch", "lyrisch", "alltagsfern", "andeutend", "künstlich", "kunstvoll", "künstlerisch" oder - negativ konnotiert - "gekünstelt" bzw. "manieriert".

Aber ich verstehe deine Rückfrage auch nur als kleinen Seitenhieb, als Erinnerung daran, Kategorien nie so einfach für voll zu nehmen. Denn du schreibst ja dann selbst, dass du einen Gegensatz von "Poesie und brutaler Wirklichkeit" schaffen wolltest. Damit ist dir ja offensichtlich sehr klar, was einen poetischen Stil von einem "brutal-wirklichen" (= nicht artifiziellen) Stil unterscheidet ;-)

Henry K. schrieb:
Ich persönlich würde die Story ausdehnen, um Zeit und Raum für die Poesie zu schaffen. In einem gehetzten Setting will ich voranlesen und nicht bei einzelnen Worten und Bildern verweilen.
Genau das, was ich oben beschrieben habe: dann läufst du als Leser einfach mit, musst nicht stoppen und das Reduzierte, Konzentrierte selbst auflösen.

Ja, hier wird - wie eigentlich immer hier im Forum - selbst durch eine kurze Replik, durch einen kurzen Austausch direkt wieder das Grundsätzliche berührt: Will man den Leser einlullen und führen oder will man ihn fordern? Soll die nackte Geschichte mitreissen oder soll der Text erst durch den Subtext und eine sprachliche Spurensuche zur vollen Blüte gelangen? Das sind sicher am Ende Geschmacksfragen.

Ich persönlich kann nur für mich sagen: Dazu, einen Text wirklich zu sezieren, ihn zu untersuchen, ihn zwei und drei Mal zu lesen, um in Metaphern und Bildern zu schwelgen und nach übersehenen Hinweisen und Andeutungen zu stöbern - dazu fehlen mir meistens Zeit und Wille.

Und manchmal hält mich auch das offensichtliche Selbstbild des Autors davon ab, dass ich mich mit ihm und seinem Werk überhaupt weiter beschäftigen will. Denn wenn man dem Leser zu viel abverlangt, rückt man schnell in eine pseudo-überlegene Position. Der eigene Anspruch, etwas Besonderes zu schaffen, scheint dann leicht durch den Text durch. Überall steht dann: "Schau, was ich hier wieder für dich postiert hab, mit meinem Autorengeschick."

So kann gerade ein ambitionierter Text mit einem Schlag kippen und zu "Gewichse" des Autors werden. Mein Paradebeispiel dafür ist "Lolita", einer der sehr wenigen Klassiker, die ich nach ein paar Dutzend Seiten tatsächlich weggeschmissen habe - wohlwissend, dass viele das Buch für eines der grossartigsten der gesamten Weltliteratur halten.

Aber der Anhang mit all den Entschlüsselungen der ganzen Anspielungen und Referenzen war für mich als Tatsache schon unerträglich. Da triefte wirklich aus jeder Seite die Grosskotzigkeit von Nabokov, der ja auch noch - das muss man sich mal vorstellen, wie grossartig das ist - das Werk nicht in seiner Muttersprache, sondern in Englisch verfasst hat. Und dann noch die moralische Unverfrorenheit des Themas! Das alles bettelt darum, dass man davor auf die Knie fällt als Leser und Literaturliebhaber. Und da sage ich dann eben gerade deshalb: Leck mich am Arsch! :-)

Bevor hier Missverständnisse aufkommen: In deinem Text sehe ich nicht, dass so eine Eitelkeit durchschlägt - ich wollte nur auf eine Gefahr hinweisen, die in meinen Augen besteht, wenn man einen "zu tiefgründigen", "zu kodierten", "zu vielschichtigen" Text schreiben will.

Henry K. schrieb:
Das mag den Moment charakterisieren, aber auf der Meta-Ebene führt das für mich in die falsche Richtung.
gerade auf der Meta-Ebene finde ich den Text passgenau. Was meinst du mit falsche Richtung, was ist falsch?

Hier bezog ich mich nur auf die Leitern. Habe ja ausgeführt, warum ich das Detail unpassend finde.

Henry K. schrieb:
So sind mir einige Stellen aufgefallen, wo mir persönlich zu viel Aufladung da ist. Ist aber Geschmackssache.
Ich erinnere mich an den Stammtisch: wir haben tatsächlich unterschiedliche Auffassungen von dem, was wir gerne lesen (und worüber wir schreiben), was völlig in Ordnung ist.

Ja, wobei der Austausch dort ja nur einen Moment währte, sodass ich diese Aussage noch nicht abschliessend unterschreiben würde. Es gibt sicher auch eine Menge Schnittstellen!

VG, HK

 
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welcome again, Friedel!

dessen ursprünglich gemeinte „bewegte Luft“ [»im eigentlichen sinn 'die durch ungleichheiten der luftdruckvertheilung hervorgerufene freie bewegung der atmosphärischen luft im unbeschränkten raum .«, ebd.] und im Laufe seiner Geschichte zu mancherlei Überhöhung führt und am offensichtlichsten mit dem Verb „wehen“ verwandt ist – und somit auch „Windstärken“ von der Windstille übers leise Säuseln bis zum heulenden, krachenden Sturm, aber auch „Flauten“ usw., usf. bedeuten kann, bis hin zu bildlichen Vergleichen
Wind ist tatsächlich eine Metapher, die unverbraucht genug ist, um sie vielfältig zu verwenden. Mit dem Wind kommt so manches geflogen, weht in die eine und andere Richtung.
Was aber immer mitschwingt ist die Eigenschaft, dass der Wind „flüchtig“ und „ungebunden“ ist und wo er weht, „Wandel“ ansteht, der auch mal im Sozialen vor die „Wand“ gefahren wird.
und Wind hat aufgrund seiner Flüchtigkeit eben auch etwas mit Flucht zu tun, leitet Wandel ein, weht auch weg, was nicht mehr an der richtigen Stelle steht.

Dank für deine Gedanken, @G. Husch !

Ja und deshalb muss ich Dir recht geben, ja wenn ich es richtig verstanden habe...
Das Märchen als universelle Form die auf Missstände hinweist.
Nahezu jedes Märchen weist auf soziale Unterschiede hin, das stimmt. Und zeigt gleichzeitig oft einen Ausweg aus der zuvor als klar und erbarmungslos beschriebenen Welt, ich denke zum Beispiel an "Sterntaler" - eine echte Weihnachtsgeschichte.
Gut gewählt,
und wir sollten diese Situationen, die sich hier und dort gleichzeitig abspielen, nicht während unserer Weihnachtsfeiern vergessen, sondern mit schwingen lassen.
Ich denke, der Kern von Weihnachten besteht eben darin, innezuhalten, das Licht zu sehen, die Hoffnung, eine Krippe eben.


@Fliege, liebe Fliege
Aus deinem Kommentar werde ich nicht schlau - jedenfalls nicht restlos. Ich verstehe, was du schreibst - vieles, ohne es zu belegen, kann es auch irgendwie nachvollziehen, weil die Kritik logisch aufgebaut ist, aber dennoch frage ich mich, woran dein Missbehagen liegt, denn du beschreibst den Text im Grunde so, wie er funktioniert - zumindest für ziemlich alle anderen hier.

Hat mit mir auch was gemacht, also gerade dieses unrealistische, märchenhafte, weil, so ginge es doch auch. Geht aber leider nicht. Warum? Weil Mensch eben Mensch ist. Wäre es eine 1:1 Darstellung, dann wäre es wie Nachrichten gucken gewesen. Insofern finde ich die Idee, es so zu gestalten ganz spannend.
Ein Märchen ist ein Märchen ist ein Märchen. Weiter oben habe ich die "Sterntaler" als Referenz angeführt; das Bauprinzip ist dasselbe; eine kalte Welt. Gut, das Mädchen gibt alles, was sie hat, bis sie nackt und bloß ist, aber die von mir beschriebenen Protagonisten doch auch.
Inzwischen glaub ich, es liegt daran, dass der Text zu viel will und keinem so richtig gerecht wird. Er will hart und brutal sein - auch in der Sprache (kurze Sätze), aber auch Märchen mit einem Hauch Poetik, er nimmt irgendwie die Bibelgeschichte auf, Maria und Josef, er arbeitet auf der anderen Seite mit Bildern, die mich an den Faschismus denken lassen: Frauen, Kinder und Alte nach links, die Männer nach rechts (jedenfalls hatte ich sofort diese Assoziation), er will die Realität abbilden und biegt dann ab
Der Text will gar nicht so viel, er beschreibt eine Situation, die mich berührt. Wie ich finde auch nicht dokumentarisch, dazu hätte ich auf die Metaphern, die Zitate aus der Todesfuge verzichten können.
ich glaube nämlich auch, dass der Text außerhalb unseres WK-Kosmus, unserer Nerdbrille, schon gut funktioniert. Und ich finde die Idee dahinter auch wirklich gut. Also tatsächlich diesen Bruch - Flucht, die auf gut endet.
Ich glaube, dass der Text auch im WK-Kosmos funktioniert, schließlich bekommt er eine Menge Zuspruch, warum er bei dir nicht funktioniert, gut, erschließt sich mir nicht, ist aber eine ästhetische Frage oder auch eine: was erwarte ich von einem Text, oder von einem mir bekannten Autor, welche Urteile habe ich gefällt, bevor ich dem Text Raum zum Wirken gegeben habe.

Und noch was: nachdem du geschrieben hast, die Geschichte würde draußen gut funktionieren, habe ich ein bisschen gegoogelt (ich bin zur Zeit wettbewerbsfähig nicht unterwegs) und habe eine Ausschreibung des Geest-Verlags zum Thema Anti-Rassismus gefunden und den Text gestern Abend losgeschickt. Heute steht er auf der Webseite des Verlags, weil er wahrscheinlich was kann.
Wind: Geest-Verlag

Wobei die Flucht ja noch lange nicht beendet ist, es ist die erste Etappe von weiteren. Und ob sie je irgendwo landen, wo sie wirklich glücklich leben können, wo man sie glücklich leben lässt, selbst wenn sie einen Pass, einen Job, ein Dach bekommen haben, da wären ja noch der Rassismus, und natürlich auch immer die Sehnsucht nach der Heimat.
Absolut richtig, die Flucht endet vorläufig; wenn die Grenze überschritten ist, wird ein Ziel erreicht, weitere Etappen folgen.
Mir ist es zu gewollt, es lenkt ab, Du versucht irgendwie einen Sumpf mit Glitzersteinchen erschaffen. Ja, dann wird es halt am Ende auch kein Sumpf. Und Märchen - sprachlich ist es davon ja ganz weit weg, das geht sich erst mit dem Ende aus.
Klar, so prall ist die verwendete Sprache nicht, aber das hätte einfach nicht gepasst.
Und ich denke tatsächlich, dass der Text in der Welt außerhalb unserer Schreibstube funktioniert. Er ist so kalt, inhaltlich, sprachlich, aber ich friere nicht mit. Diesmal nicht wirklich.
Heiß wie Eis sozusagen, schade, dass du nicht mitzitterst.

Liebe Grüße aus dem Taunus euch allen
Isegrims

Geht bald weiter

 
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Lieber Ise,

Ich glaub, Du hast meinen Komm irgendwie in den falschen Hals bekommen. Und vielleicht liegt es daran, dass ich mich nicht klar genug habe ausdrücken können, dann sorry, aber ich konnte es eben nicht besser. Und dies auch nur zur Klarstellung:

denn du beschreibst den Text im Grunde so, wie er funktioniert - zumindest für ziemlich alle anderen hier.
Genau. Ich sagte doch, dass er auch bei mir funktioniert. So in seinen Grundmauern. In der Aussage, was er erzählen will. Auf der inhaltlichen Ebene halt. Ich weiß gar nicht, warum Du jetzt so tust, als würde ich dem Text das vorwerfen.
Ein Märchen ist ein Märchen ist ein Märchen.
Ja. Genau. Der Text endet auf Märchen. 2/3 des Textes haben damit aber nichts zu tun. Und ich habe so gar nichts gegen das Ende, weil es bei mir eben auch was tut. Nur ist es eben nur 1/3 Märchen. Und da wäre auch noch die vielen Anspielungen, Bibel, Faschisimus, Todesfuge. Zu Teilen ist es ein kalter, harter Text (Satzbau), der in den Metaphern aber wieder Poetik ist - kann man ja alles machen, nur für mich!! ist das in seiner Gesamtheit zu viel auf kleinstem Raum, was auf mich eben überfrachtet wirkt. Und über Geschmack muss man nicht streiten. Nicht mal Du :p Aber so what? Es ist dein Weg, Du bist Herr und König über deine Texte und die Leute gehen mit. Also musst Du keinen Pfifferling auf meine Befindlichkeiten geben.
Und noch was: nachdem du geschrieben hast, die Geschichte würde draußen gut funktionieren, habe ich ein bisschen gegoogelt (ich bin zur Zeit wettbewerbsfähig nicht unterwegs) und habe eine Ausschreibung des Geest-Verlags zum Thema Anti-Rassismus gefunden und den Text gestern Abend losgeschickt. Heute steht er auf der Webseite des Verlags, weil er wahrscheinlich was kann.
Ich habe das auch total ernst gemeint. Ich denke wirklich, dass ich eher die Ausnahme bin. Und auch daran ist nix schlimmes. Ich mag auch Saramago nicht, selbst wenn er hundert Mal den Nobelpreis gewonnen hätte.
Freue mich aber sehr, wenn mein Kommentar bewirkt hat, dass der Text jetzt prominent im Netz steht. Freue mich für Dich. Und auch das ganz aufrichtig.

Und nun nimm das Positve auch einfach mal an. Ich meine das auch so.
Entspannte Grüße,
Fliege

 
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Hallo @Isegrims =)

(aber auch ein Seitwärtshallo an @Fliege : Fand eure kurze Kommentardiskussion interessant)

Schön, dass du den Text veröffentlichen konntest =). Habe ich gern gelesen!

Was mir direkt aufgefallen ist, woran sich mein Hirn festgenagelt hat, ist der Erzähler. Ich lese hier eine ordnende Hand, die über Vergangenheit und Zukunft bescheid weiß. Doch der Erzählstrang bleibt in der Gegenwart, wirkt unmittelbar, reiht Ereignisse aneinander. Mal taucht der Erzähler auf, mal nicht. Nach dem ersten Lesen blieb mir der Eindruck einer großen Collage haften.

Hier weiß der Erzähler etwas über das Aussehen oder die Reife eines Menschen ...

Nachdem er die Hände hinter dem Rücken verschränkt hat, fängt er an zu sprechen, ein junger Mann, dem nie ein richtiger Bart wachsen wird.

Hier beschreibt er das Tier für den Leser ...
unter dem ungleichmäßig gefärbten Fell pure Kraft.

Hier hält er sich zurück ...
Uniformierte nähern sich den Menschen, mustern sie, trennen die einen von den anderen, schicken sie zu den bereitstehenden Bussen. Einer schubst Jussuf nach links, ein anderer Jamila nach rechts. Jussuf zeigt auf Jamila. Ein Soldat grinst. Er greift nach dem Eisen im Gurt, er schwingt’s. Seine Augen sind blau. Jussuf schaut zu Boden.

Ich möchte den Text nicht überinterpretieren. Aber die Erzählerfigur rückt für mich vor die eigentlichen Figuren. Sein Gehabe irritiert mich. Handelt er willkürlich, handelt er wie ein Gott, ist er ein Gott? Ich denke, deine Erzählerfigur sortiert nicht nur die Geschichte als Abfolge von Ereignisse, er ist nicht nur Strukturprinzip. Die Abfolge von Passagen unmittelbaren Erzählens im Präsens mit denen zusätzlicher Informationen, oft innerhalb der Szene selbst, macht ja den Erzähler erst auffällig.

Auch wenn der Text veröffentlicht wurde, erschließt sich mir nicht die Bedeutung der schwarzen Milch / Todesfuge. Sorry, ist eine fiese Frage: Hast du den Vergleich nötig?

Lg
kiroly

 
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Was mir direkt aufgefallen ist, woran sich mein Hirn festgenagelt hat, ist der Erzähler. Ich lese hier eine ordnende Hand, die über Vergangenheit und Zukunft bescheid weiß. Doch der Erzählstrang bleibt in der Gegenwart, wirkt unmittelbar, reiht Ereignisse aneinander. Mal taucht der Erzähler auf, mal nicht. Nach dem ersten Lesen blieb mir der Eindruck einer großen Collage haften
schreibstu,

lieber @kiroly,

und ich grab immer gerne meine ersten Tag aus in der Berufsschule als Lehrling (heute: „Auszubildender“) zum Chemielaboranten, als auf dem Pult eine kleine Modelleisenbahn (Lok nebst Waggon) stand und der Lehrkörper uns jungen Bengeln (kein Frl. war dabei) fragte, was Zeit sei – und ich verrats Dear in den Worten des Schweizer Nationaldichters, wenn es heißt

»Die Zeit geht nicht, sie stehet still,
Wir ziehen durch sie hin;
Sie ist ein Karawanserei,
Wir sind die Pilger drin.

...« (vollständig unter https://www.mumag.de/gedichte/kel_g05.html, wird Dear gefallen!, bin ich von überzeugt)

Es gibt nur Gegenwart - alles andere spielt sich in unserem Kopf (oder anderen Erinnerungsträgern wie die mündliche Erzählung in schriftlosen Kulturen) auf einer gedachten Geraden - hinterrücks Vergangenheit, von der wir uns scheinbar entfernen, und vorm geistigen Auge als Zukunft, der wir uns annähern (wenn wir nicht vorher abhandenkommen).

So nebenbei, ich bin überzeugt, dass jedes höhere Lebewesen zwar Zeit nicht definieren kann, aber so was wie Erinnerung hat – sonst könnte es mit den „dummen“ Hunden ja nicht klappen und ich müsste sie jede „Nase lang“ belehren und mir dann evtl. kalte Füße im tiefsten Winter einhandeln (war der letzte Winter – wo sogar ein Brillenglas mir ausfiel, als ich die warme Stube betrat – nicht vor acht Jahren – oder so etwa …?)

Und um Vergangenes festzuhalten, bedarf es der des natürlichen Mediums (ziemlich das Höchste an uns, selbst wenn wir uns eines Klapses auf den Arsch erinnern) und vor allem der Schrift, um nicht des unsicheren/schwankenden Gedächtnisses ausgeliefert zu sein.

Selbst wenn nicht jeder ein Goethe ist, als kreativer Mensch ist man ein kleiner Gott im DIN-Format ...

Wenn Gott Humor hat, wird er mir verzeihen. Wenn nicht, gehts eben in wärmere Zonen

Kommt gut rüber & bleibt vor allem gesund -
und jetzt die neueste Variante auf Lennons Hippy X-Mas! https://youtu.be/pzkg3kBIv88

 

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