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Zu Tisch

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10.06.2018
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Zu Tisch

"Papa, die anderen lachen über mich."
Der Vater blickte den Sohn mit einem durchdringenden Blick an, fast als würde er ihm nicht glauben, fast als wäre das keine angemessene Antwort auf die Frage, wie es in der Schule war, fast als hätte er die Frage lieber nicht gestellt. Die Augen hefteten sekundenlang auf dem kleinen Jungen und in rasender Geschwindigkeit überkamen den Mann Gedanken, auf die er am Abend nicht stolz sein sollte. Natürlich war er etwas kleiner als die meisten in seinem Alter und nicht so sportlich, wie die meisten seiner Schulkameraden und da war natürlich die unschöne Narbe am Mundwinkel... Natürlich wusste er, dass man für weniger ausgelacht und ausgestoßen werden konnte aber bis jetzt war doch alles gut. Oder nicht?
"Was hast Du gesagt? Seit wann? Bis jetzt war doch alles gut, oder nicht?"
"Ach, seit ein paar Wochen."
"Wie bitte? Warum sagst Du denn nichts?"
"Mach ich doch."
"Ja, aber warum sagst Du denn nichts früher?"
Der Junge zuckte mit den Schultern und blickte den Vater verständnislos an.
"Ist doch egal."
"Nein, das ist nicht egal, überhaupt nicht egal! Wenn Du gemobbt wirst, muss ich das wissen, damit ich Dir helfen kann."
"Ich will doch gar keine Hilfe."
"Was? Wieso das nicht?"
"Die lachen doch."
"Die lachen nur? Schatz, so fängt das ganz oft an, erst lachen sie und wenn man dann nichts dagegen unternimmt, machen sie langsam mehr. Verstehst Du? Also, wieso lachen die Anderen Dich aus?"
Der Junge blickte von seinem Essen zu seinem Vater, wieder zurück und schob den Teller mit einem leisen Seufzen von sich weg.
"Die lachen, weil ich lache."
"Weil Du lachst?"
"Ja! Die Menschen lachen so wenig. Alle schauen immer so traurig oder genervt. Weißt Du noch, als Du mich mit in die Stadt genommen hast? In diese eine Straße, die große, ich hab den Namen vergessen."
"Ist doch nicht so wichtig, welche Straße Du meinst."
"Doch, die sieht so schön aus und da sind überall Menschen. Das ist die Straße, wo Du die Hemden gekauft hast."
"In der Kaufingerstraße?"
"Ja, genau, die meine ich."
"Also, was ist denn mit der?"
"Was meinst Du, wie viele Menschen waren an dem Tag dort, als Du mich dahin mitgenommen hast?"
"Viele.. keine Ahnung, das ist doch völlig egal! Was hat das mit den Kindern zu tun, die Dich auslachen?" Der Vater blickte auf die Uhr.
"Das ist gar nicht egal. Was meinst Du, wie viele Menschen waren da?"
"Mein Gott! Vielleicht ein paar Tausend."
"Hast Du einen von denen lachen sehen?"
"Das weiß ich nicht mehr. Natürlich lachen die Menschen nicht andauernd, viele sind gestresst und wollen schnell irgendwo hin oder sind von den anderen Menschen genervt, weil es in den Straßen so voll ist."
"Ich habe ein Kind lachen sehen und zwei Erwachsene, die haben sich angelächelt und dann geküsst aber der Rest hatte nichts im Gesicht. Ich finde das richtig traurig und als ich das so lange gesehen habe und am Abend im Bett nicht einschlafen konnte, habe ich gesagt, dass ich dagegen etwas tun möchte. Also bin ich am nächsten Morgen aufgewacht und rausgegangen und habe jeden Menschen angelacht. Es hat wirklich geholfen, denn so viele Menschen haben zurück gelacht und viele, die nicht gelacht haben, haben hinterher gelächelt, das hab ich gesehen, wenn ich mich umgedreht habe."
"Okay, das ist doch sehr schön. Erwachsene freuen sich immer, wenn Kinder lachen."
"Ja und dann bin ich am nächsten Tag wieder in die Schule gegangen."
Der Vater fürchtete zu verstehen.
"Und Du hast da auch jeden angelacht?"
"Genau und da haben dann ganz oft alle angefangen zu lachen und weil ich nicht aufgehört habe zu versuchen, alle zum lachen zu bringen, haben die Anderen angefangen, mir Namen zu geben."
Der Vater schloss die Augen und vor seiner inneren Szenerie spielte sich ein allzu vertrautes Schauspiel ab. Da standen viele Kinder im Kreis, hauptsächlich Jungs aber natürlich auch ein paar Mädchen. Die meisten waren still und schauten schweigend und schweigend zustimmend zu, wie die Anführer der Gruppe, die immer ein bisschen größer waren als die Anderen, laut auf den kleineren Jungen in der Mitte einbrüllten. Und in den kurzen Pausen, in denen sie nicht auf den Jungen einbrüllten und ihn Narbenkind nannten, lachten sie ihn aus und die hinter ihnen, die mehrheitlich schwiegen, die lachten nicht, aber sie schmunzelten. Ein Mädchen trat vor und malte den beiden Lautesten mit rotem Lippenstift die Narbe des Narbenkindes nach. Hey, hat Dir Deine Mama gesagt, dass Du hässlich bist, mit Deiner Narbe, und dass Du mehr lächeln sollst? Richte ihr aus, das hilft nicht! Und der kleinere Junge in der Mitte, den der Vater nicht wirklich sehen konnte, lachte er immer noch?
"Papa?"
Der Vater musste sich kurz finden.
"Gott, das ist schrecklich, wie lange geht das jetzt schon mit Dir und den Anderen?"
"Ein paar Wochen."
"Und Du hast nie etwas sagen wollen? Vertraust Du mir nicht?"
"Doch, Papa, ich vertraue Dir."
"Dann sag doch früher etwas! Hast Du Wunden oder blaue Flecken, die Du Mama und mir nicht gezeigt hast?"
"Nein, habe ich nicht! Wieso sollte ich blaue Flecken haben?"
Verdutzt blickte der Vater den Sohn an.
"Schlagen Dich die anderen Jungs nicht?"
"Nein! Ich habe doch gesagt, sie lachen über mich und stehen manchmal zusammen und wenn ich an ihnen vorbei gehe, fragen sie, warum ich immer so traurig gucken muss und ob ich nicht mal lachen kann. Dann lache ich noch mehr und sie auch. Manchmal führe ich den einen Kartentrick von Opa vor oder versuche Bälle zu balancieren, weil ich weiß, dass die anderen Kinder das lustig finden und manchmal lasse ich die Bälle absichtlich fallen, weil ich weiß, dass die anderen Kinder das noch lustiger finden. Dann nennen sie mich einen ungeschickten Clown und wir lachen."
"Also.. geht es Dir gut?"
Der Vater konnte immer noch nicht glauben.
"Ja, sehr gut!"
"Und es stört Dich nicht, dass die anderen Kinder über Dich lachen?"
Der Vater fixierte die Augen des Sohnes auf der Suche nach jedem verräterischen Zucken, während der Sohn antwortete: "Nein, Papa, ich freue mich darüber. Dann lachen sie wenigstens."

 

Hallo, LordNelson

Und ein herzliches Willkommen bei den Wortkriegern! Ich stürze mich direkt mal auf Deine Geschichte.

Du hast ein großes Ziel und eine schöne Idee. Lachen ist nichts Böses, auch wenn Leute über uns lachen, ist das nicht sofort böswillig, obwohl wir manchmal (oft, je nachdem) dazu neigen, Lachen als böswillig zu interpretieren. Wie eben der Vater in Deiner Geschichte. Ich mag auch Geschichten, die sich in erster Linie in einem Dialog abwickeln, sehr gerne, also bin ich bei Dir genau richtig. :D

Kleinigkeiten:

Natürlich war er etwas kleiner als die meisten in seinem Alter und nicht so sportlich, wie die meisten seiner Schulkameraden und da war natürlich die unschöne Narbe am Mundwinkel...

Komma weg vor „wie“. Außerdem unschöne Doppelung von "die meisten". Und wenn Du nicht das Wort, sondern einen Satz abbrichst, dann kommt vor den drei Punkten ein Leerzeichen.

Natürlich wusste er, dass man für weniger ausgelacht und ausgestoßen werden konnte aber bis jetzt war doch alles gut.

Komma vor „aber“.

"Wie bitte? Warum sagst Du denn nichts?"

Das „Du“ wird nur in Briefen (oder in meinen Wortkrieger-Kommentaren) groß geschrieben. Nicht und niemals in Geschichten. Bitte im gesamten Text korrigieren.

"Ja, aber warum sagst [d]u denn nichts früher?"

Ich weiß nicht, ob das Dialekt ist, aber diese Satzkonstruktion kommt mir sehr unintiutiv vor. Ich würde intuitiv sagen: „… aber warum hast du das nicht früher gesagt?/… warum sagst du denn nichts?/… warum hast du früher nichts gesagt?“ Also, insgesamt finde ich das Präsens seltsam, die Wortreihenfolge komisch, und das „nichts“ statt „nicht“ irritiert mich auch.

Viele..

Entweder einen Punkt oder drei Punkte, nicht zwei, nicht mehr als drei. Und wieder das Leerzeichen.

Kommen wir zu den beiden zentralen Punkten, die mir aufgefallen sind.

Erstens: Du tellst sehr viel, showst wenig. Kennst Du den Grundsatz: „Show, don’t tell“? Ich nehme an, nicht, deshalb zeige ich Dir mal solche Stellen, die sehr, sehr tellig sind.

Der Vater blickte den Sohn mit einem durchdringenden Blick an, fast als würde er ihm nicht glauben, fast als wäre das keine angemessene Antwort auf die Frage, wie es in der Schule war, fast als hätte er die Frage lieber nicht gestellt.
Der Junge [zuckte mit den Schultern und] blickte den Vater verständnislos an.
Der Vater fürchtete zu verstehen.
Der Vater musste sich kurz finden.

Was ist das Problem an telligen Textstellen, und woran erkennt man sie? Wenn Du Dir die rausgesuchten Sätze genau ansiehst, wirst Du feststellen, dass man nicht sehen kann, was Du sagst. Ich sage in diesem Zusammenhang gerne, dass das nicht anschaulich ist. Wie guckt denn jemand, der etwas Gehörtes nicht glauben kann? Woran sieht man, dass der Junge verständnislos ist? Was tut der Vater, wenn er sich kurz finden muss?

Wenn Du schreibst, willst Du, dass Deine Leser/innen sich die Szene vorstellen, sie vor ihrem inneren Auge sehen können. Dafür ist es viel nützlicher, zu zeigen, was man sieht. Es ist tatsächlich hinderlich, das Zeigen wegzulassen und stattdessen direkt zu erzählen, was das bedeutet. Der Junge blinzelt sehr krampfhaft, legt den Kopf schief. Diese Information enthältst Du mir vor, Du erzählst gleich: Er guckt verständnislos. Dabei kannst Du diese Interpretation besser weglassen, der Leserin das Denken überlassen. Wenn Du gut zeigst, dann brauchst Du das auch gar nicht.

Versuch das mal mit dem Zeigen. Du wirst feststellen, es macht Spaß.

Zweitens: Mir ist aufgefallen, dass der Junge sehr … ich sage mal … elaboriert spricht. Er spricht wie ich, Mädel in den Zwanzigern, nachdem ich mir über eine Sache tagelang Gedanken gemacht und mir meine Worte genau zurechtgelegt habe. Also absolut nicht wie ein Kind. Dadurch wirkt der Dialog auf mich komplett unrealistisch. Er ist einfach so … durchdacht. Auch da könntest Du vielleicht an Erklärungen durch das Kind sparen, den Leser/innen mehr Denkarbeit überlassen.

In meinen Augen muss das Kind auch nicht genau wie ein Kind sprechen. Ich habe schon reale Gespräche transkribiert und bin froh, dass Geschichtenfiguren nicht wie echte Menschen sprechen. Aber „elaboriert“ ist jetzt nicht unbedingt ein Adjektiv, mit dem die Sprache eines Kindes belegt werden sollte.

Insgesamt habe ich in beiden Punkten den Eindruck, dass Du Deinen Leser/innen ein bisschen wenig zutraust. Du interpretierst sofort, lieferst die Erklärung mit. Das macht das zwar leicht verständlich, führt aber auch dazu, dass ich schon vom zweiten Satz an genau weiß, worum es geht und wie die Geschichte endet. Wenn Du mich weniger bevormunden, weniger erklären, mehr zeigen, mehr erlebbar machen könntest, dann würde es sicher deutlich spannender werden.

Also, Dialog und Gestik Deiner Figuren könnten auf jeden Fall noch Feinschliff vertragen. Die Idee finde ich aber gut, also: Make it work!

Elaborierte Grüße,
Maria

 

Hallo Maria,

erst einmal vielen Dank für das warme Willkommen, die gute Kritik und das Lob für die Idee!

Zu den grammatikalisch-formalen "Kleinigkeiten" brauche ich nichts sagen, vielen Dank - gerade für den Hinweis mit dem groß geschriebenen "Du", das wusste ich schlicht nicht.

Zum Show und Tell: Sage ich auch nicht viel zu, ebenso: vielen Dank. Ich habe mich hier angemeldet, um zu lernen und mir war bewusst, dass das ein Feld ist, wo ich wohl sehr viel lernen muss. Die Stellen werde ich ausbessern.

Zur Figur des Kindes: Hier sage ich dann doch etwas mehr. Ich finde es sehr interessant, dass Du auf die sprachliche Form der Rede des Kindes hinweist, denn tatsächlich sind diese Abschnitte sehr bewusst geschrieben; zum Beispiel wiederholen sich in der Sprache des Sohnes Formulierungen um das Hilfsverb "haben". Logisch allerdings: das Kind sollte nicht erwachsen oder elaboriert klingen. Es darf sich ruhig so anhören, als hätte es bestimmte Formulierungen nicht im Moment gefunden ( immerhin geht das ganze ja nun schon einige Wochen ), aber gerade die beiden längeren Aussagen des Kindes gefallen mir auch nicht mehr wirklich, da muss ich nochmal ran.
Bezieht sich Deine Kritik, dass Du den Dialog als unrealistisch empfindest, hauptsächlich auf die beiden Textstellen oder auch auf den Rest, wo der Sohn ja eher knappe Antworten gibt?

Noch einmal vielen Dank für Deinen äußerst hilfreichen Kommentar!
Liebe Grüße

 

Hallo, LordNelson

Tatsächlich finde ich den Text besser, wo es kurz ist. Das ist ja auch irgendwie klar, ne, das erkennst Du schon ganz richtig. Aber für mich geht das Problem mit dem Kind und seiner Sprache hier los:

Die Menschen lachen so wenig. Alle schauen immer so traurig oder genervt.

Ich weiß nicht. „Die Menschen tun immer dies und jenes“? Sagen Kinder das? Und wenn sie das sagen, sagen sie das nicht eher, weil sie ihre Eltern das sagen hören? Dass Kinder derartig generalisierte Annahmen über ihre Umwelt haben, kommt mir extrem seltsam vor. Ich habe an dieser Stelle auch das Gefühl, den Autoren sprechen zu hören.

"Was meinst Du, wie viele Menschen waren an dem Tag dort, als Du mich dahin mitgenommen hast?"

Dass das Kind erst anführt, dass da tausend Menschen sind, und dann, dass die nicht lachen, kommt mir schon so unwahrscheinlich durchdacht vor. Auch dass es erst für das Teilargument eine Bestätigung einholt – heftig manipulativ. Eine Erwachsenenstrategie in meinen Augen. Fuß-in-die-Tür-Phänomen ausnutzen. Herzlichen Glückwunsch, Kind. Das kriege ich nicht hin, obwohl ich mir das immer wieder vornehme.

Ich habe ein Kind lachen sehen und zwei Erwachsene, die haben sich angelächelt und dann geküsst aber der Rest hatte nichts im Gesicht. Ich finde das richtig traurig und als ich das so lange gesehen habe und am Abend im Bett nicht einschlafen konnte, habe ich gesagt, dass ich dagegen etwas tun möchte.

Erstmal Zeichensetzung: Komma vor „aber“ und vor „und als ich“. Und das ist furchtbar analytisch. Ich habe genau tausend Leute gesehen, davon haben genau drei gelächelt. Deswegen war ich traurig. Deswegen konnte ich nicht schlafen. Deswegen wollte ich was dagegen tun. Ich habe das Gefühl, dass Du Angst hast, dass, wenn das Kind einfach sagen würde: „Die Leute lachen so wenig. Deshalb lache ich“, die Leser/innen das nicht verstehen würden. Deshalb bringst Du konkrete Beweise und Wenn-dann-Ketten. So reden Leute nicht. Auch Erwachsene nicht. Die erklären sich vielleicht, wenn jemand Fragen dazu hat. So auf Anhieb passiert so was nicht.

Also nein, das betrifft nicht nur die langen Passagen. Dein Kind kommt mir insgesamt extrem durchdacht und stellenweise sogar erwachsenenmäßig manipulativ vor. Alles ist so schrecklich logisch. Das passt für mich einfach hinten und vorne nicht.

Ich hoffe, damit kann ich Dir weiter helfen. Mach es nicht ganz so logisch. Erklär nicht alles. Das machen Menschen im RL auch nicht. Die machen halt einfach, oft wissen sie nicht einmal, warum überhaupt, geschweige denn, dass sie das so logisch erklären würden.

Und nu: Make it work!

Logische Grüße,
Maria

 

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