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    Aktuelles Buch: China Miéville: Perdido Street Station

    Brass und die Schlacht auf den purpurnen Feldern

    Es tut not zu wissen, dass Brass ein einfacher Mann war. Nie aus seinem Weiler herausgekommen. Kannte den Fürsten nur vom Hörensagen, wenn weit gereiste Männer Einkehr hielten in der Schänke und erzählten von fernen Orten. Dort, Brass drückte sich dermeist am Feuer herum und würfelte, hörte er zum ersten Mal vom Fürsten. Der Fürst, so kam es ihm zu Ohren, sei ein stattlicher Mann, stark wie zwei Ochsen und größer als ein großer Mann mit einem mittelgroßen auf den Schultern. Und gewitzt sei er, gescheit wie ein Storch und ein Mann, dem man dienen müsse, Mann und Weib gleichermaßen.
    „Wohl doch nicht gleichermaßen!“, brüllte Pitt dann, der mit am Feuer hockte und würfelte.
    „Doch! Gleichermaßen!“, sagte der weit gereiste Mann in das Gelächter der Männer des Weilers hinein.
    „Dann!“, schrie Pitt noch einmal auf. „Ist der Fürst wohl ein Mann, den man lieber neben als hinter sich weiß!“
    Es wurde gelacht, getrunken und von Weibern ward gesungen. Dem weit gereisten Mann wurde auf die Schulter geschlagen und man bedrängte, befragte, betatschte und umringte ihn; Pitt und Brass jedoch würfelten am Feuer weiter und es kümmerte sie nur ihr Spiel und dass sie es warm hatten und dass es laut zuging und dass alles seine Richtigkeit hatte, das kümmerte sie auch.
    Ein paar Monde später, als der weit gereiste Mann mit anderen Männern zurückkam, und Waffen und Pferde dabei hatte und Brass davon in Kenntnis setzte, er müsse für seinen Fürsten kämpfen, zog man Pitt aus seiner Hütte, hängte ihn mit dem Kopf nach unten an einem Querbalken auf und trieb ihm einen Speer von hinten durch den Leib, dass das Blut, was aus seinem Mund kam, von einem solchen Rot war, dass Brass meinte, so müsse Blut aussehen, wenn es nachts vergossen werde. Ein unsinniger Gedanke, denn Pitt starb am hellen Tag. Aber Brass hatte viele unsinnige Gedanken.

    Das erste Mal sah Brass den Fürsten, als er für ihn auf den purpurnen Feldern kämpfte. Damals waren die Felder braun und kahl. Purpur nannte man sie erst nach jenem Tag.
    Der Fürst, aber das wusste Brass damals noch nicht, war ein junger Mann, dem die Rüstung seines Vaters noch zu weit war, des Vaters Schwert zu schwer, das Land des Vaters zu klein, zu kahl, nicht rot genug. Und vielleicht haben die alten Leute Recht, die sagen, dass das Schicksal mit rot geschrieben werde. Vielleicht haben andere Recht, die sagen, dass Geschichte von vielen kleinen Männern geschrieben wird und nicht von wenigen großen.
    Brass jedenfalls stand in Reih und Glied. Die Rüstung war ihm zu eng, unter dem schweren Helm konnte er wenig hören und noch weniger sehen und die Halbrüstung des Nebenmanns rieb an seiner Schulter. Der Fürst ritt an der Schlachtreihe vorbei auf einem schwarzen, schönen Pferd. Jemand blies in ein Horn, jemand schlug eine Trommel und Brass marschierte.

    Das Marschieren nach Trommeln wird für jeden Mann das einzige, was zählt. Es ersetzt das Denken, Brass dachte nicht mehr an das Feuer in der Schänke, daran wie ihm die Arme weh taten, wenn er den Tag auf dem Feld verbracht hatte, dachte nicht mehr daran, wie sich Gras anfühlte nach einem Sommerregen, dachte nicht an den Geruch von Heu oder an das, woran du denkst, wenn du die Nase eines Pferdes anfasst, dachte nicht daran, wie schön es ist, wenn du dich einfach in eine warmen Ecke kauern kannst und einschläfst oder wie es ist, wenn du dir mit Schnee die Brust, den Rücken und den Schwanz abreibst, dachte nicht an Wein, nicht an Weib und nicht an die Würfelei. Brass dachte an Trommeln. Menschen verschmelzen, wenn sie zu Trommeln marschieren. Der Mann neben ihm war ein Fischer, schon vermählt, schon Vater, aber nur eine Tochter. Was sollte nur werden? Wo die Aussteuer hernehmen? Der Mann neben jenem war nur ein einziger Sohn, noch nichts gelernt, auf dem Feld mitgeholfen, die Mutter wollte ihn zur Lehre geben, der Vater sagte, es werde sich schon finden, der Hof sei groß genug für drei. Der Platz daneben war leer, vielleicht wär Pitt da mit gelaufen.
    Man hörte das Surren von Pfeilen in der Luft, ob's die eigenen waren, konnte Brass nicht sagen, er umklammerte den Speer fester, sah nur den Nacken des Mannes vor sich und hörte das Schlagen der Trommel in seinen Gebeinen. Dann trafen die Schlachtreihen aufeinander.

    Manchen kann man von Blut nicht genug erzählen. Es wurde viel gestorben und viel gemordet an jenem Tag. Die Männer waren noch nicht sehr geschickt im Schlachten, aber mit einigem Eifer dabei. Lange war Brass eingekeilt in den Menschenmassen um ihn herum, hatte keinen Feind vor sich, keinen neben sich, nur Freunde, konnte allein hoffen, dass der vor ihm nicht allzu bald fiel, dass er seine Kraft noch etwas schonen konnte, bis es an ihm war, den Speer zu nehmen. Die Reihen lichteten sich, von hinten wurde geschoben, Brassens Herz klopfte und klopfte, hatte die Trommel bald ihrer Notwendigkeit enthoben, und da: Der Mann vor ihm fiel oder floh oder verschwand oder war einfach nicht mehr da, sein erster Feind. Ein Barbar. Nie würde Brass diesen Anblick vergessen, als er in die Hocke ging, den Speer mit der rechten Hand fest hielt und ihn dem Feind von unten in den Leib trieb. Fell hatte der um seine Schulter gewickelt, Fell, wie man es anfassen und berühren konnte, wie um etwas daraus zu machen, das einen warm hielt. Schnell zog er den Speer heraus, hinter ihm schrie jemand: „Reiter“, und Brass blickte auf und tötete einen anderen und dann noch einen, es bereitete ihm nicht viel Mühe, der Speer von unten schien die wilden Fremden zu überraschen, die nach seinem Haupt oder seiner Brust schlugen, und er sank auf die Knie, ganz demütig, und tötete. Weil Brass keinen Schild hatte, war er schnell, und weil der Speer zu lang war, brach er ihn ab. Bald lösten sich die Reihen auf und Brass erkannte linkerhand den weit gereisten Mann, der eine schönere Rüstung hatte als Brass, dem die rechte Seite aber hinab hing wie Fleisch in der Räucherkammer. Ein bärtiger Riese mit einer zweiblättrigen Axt sprang auf den weit gereisten Mann zu, Brass wandte seinen Blick nach rechts, wo er das Banner des Fürsten flattern sah.

    Das erste, was ein Fürst im Feld lernen musste, so stand es später in den Büchern und so hallte es fortan jedem Adepten der Kriegskunst in den Ohren, war es, sich mit den besten Männern zu umgeben, die man nur finden konnte, damit man sicher war und stark und befähigt, dahin zu gehen, wo man hingehen musste. Das wusste der Fürst damals noch nicht. Er hatte die Leibgarde seines Vaters um sich geschart, satte, alte Männer, deren Zeit lang hinter ihnen lag. Manche hatten ein halbes Leben nicht mehr auf einem Pferd gesessen, und wo ihr Kampfesmut ungebrochen war, ihre Kampfeskraft lag in Trümmern. Viele hatten vom alten Fürsten einen Hof bekommen, sich Weiber gesucht, Söhne gezeugt, Branntwein gesoffen, zu Paraden waren sie noch mal an den Hof gereist und hatten zusammen getafelt und ihre Schwüre erneuert und ihre Kameradschaft besungen, aber jetzt – in der Schlacht auf den purpurnen Feldern wurden sie vom Antlitz der Erde gepickt wie Fische aus einem Teich, wenn die Reiher zurückkommen.

    In einer Schlacht ist das Banner des Fürsten wie ein Leuchtfeuer in der Dunkelheit. Und das Banner wankte und drohte zu fallen. Der Fürst auf dem Rappen mitsamt seiner schwindenden Schar Getreuer wurde von den Barbaren bedrängt, schon griffen die Hände nach einem weiteren der Panzerreiter, bekamen ihn am Schienbein zu fassen, der Ritter schlug mit dem Schwert auf das Fußvolk unter sich, da erwischte ihn ein geschleuderter Speer in der Brust und warf ihn vom Pferd. Dem Rittersmann neben ihm hauten sie das Pferd tot und schon bald war der König allein, und hatte nicht links und nicht rechts mehr einen Getreuen und keinen Freund mehr auf der Welt, schon hatten die Hände ihn gepackt und aus dem Sattel gezerrt, und die wunderschöne, schwarze Rüstung lag im Matsch der kahlen Felder. Ein Mann hatte den Fuß auf seine Brust gestellt und er führte einen Hammer mit sich, einen gemacht wie um Steine zu klopfen. Und den Hammer schwang er, hoch über seinem Kopf.
    Was dachte der Fürst wohl in dem Augenblick? Dachte er, dass das Land seines Vaters doch, bei näherer Betrachtung, von ausreichender Größe sei? Dachte er daran, dass ihm niemand gesagt hatte, wie schnell Träume enden konnten und wonach sie dabei stanken? Dachte er daran, dass Geschichtsbücher weitergeschrieben wurden, ob mit oder ohne ihn? Die Antwort auf jene Fragen werden wir in keinem Buch finden, nicht am Fuße eines Monuments und nicht an eine Häuserwand gekrakelt, wir werden sie nicht in Liedern hören, nicht im Getuschel am Feuer und nicht einmal der Wind vermag es, sie uns zu flüstern. Es gibt Momente, die kann ein Fürst aus dem Gedächtnis der Welt tilgen, wenn er genug Zeit hat, und wenn er jemanden hat, wie Brass, der mit der Schulter voran den Barbar mit dem Hammer zu Fall brachte, der ihm von hinten mit bloßer Faust den Schädel einschlug, der seinen Speer nahm und ihm dem nächsten in den Leib trieb und der sich vor den Fürsten stellte in den Matsch auf den purpurnen Feldern und der seinen Fürsten bewachte wie eine Wölfin ihr Junges. Und Brass hielt, so erzählte man es sich zumindest später, mit der Rechten den Speer und mit der Linken das Banner des Fürsten und streckte es so lange in die Höhe, bis es – so sang später einmal ein Troubadour – das Banner eines Königs wurde.
    Es blieb das Banner eines Fürsten und blieb es noch, als sich eine Truppe zu ihnen durchgeschlagen hatte. Das Banner eines Königs wurde es erst Jahre später, als eine größere Streitmacht eine kleinere Gegnerschar an einem Ort niedermetzelte, der keinen anderen Namen danach trug. Aber nachts flüsterten die jungen Männer von dem Moment auf den purpurnen Feldern und sahen zum Mann an der rechten Seite des Königs empor und sie träumten.


    Ein Fürst kann gewiss Momente aus dem Gedächtnis der Welt tilgen, wenn alle, die daran beteiligt waren, entweder erschlagen wurden oder so treue Seelen sind wie Brass.
    Aber mehr noch kann ein König einen Augenblick in das Gedächtnis der Welt brennen.
    Zu Beginn war es nur ein Troubadour, der des nachts im Lager die Geschichte von den purpurnen Feldern sang. Später, als man Städte mit Kultur erobert hatte, ließ man es von einigen Schaustellern aufführen. Dort der edle König, hier der wilde Kriegshetzer, der ihm an Leib und Leben will, schon nahte der unbedarfte Dorfjunge, der sich vor seinen König wirft, den tödlichen Streich abzuwehren. Eine Drei-Personen-Sache, so lang wie es dauert, zwei volle Krüge zu leeren.
    Doch mit dem Reich des Königs wuchs auch die Darbietung, und bald, als endlich Frieden herrschte oder, wie man flüstern könnte, als die Kunde von Krieg nicht mehr bis an den Hof drang, hieß man es Festspiele, verbot den Menschen an jenem Tag zu arbeiten, ließ Brot an die Armen und Versehrten verteilen und schließlich feierte man sie zum dreißigsten Mal und beschloss, es sollten besondere werden.
    Und der Fürst von einst war schon lang nicht mehr jung und seit zwanzig Sommern war er der Rüstung des Vaters entwachsen und zwei Söhne hatte er. Und man könnte sagen, es waren prächtige Burschen.

    Brass aber schlief gern bis zum frühen Mittag, dann ließ er sich kalten Braten kommen und setzte sich in den Hof, auf seinen Lieblingsplatz. Manchmal ging er in jene dunkle Ecke des Stalls, in der die alten Kriegsrösser des Königs ihr Gnadenbrot bekamen und er fasste ihnen an die Nasen und schnüffelte nach dem Geruch des Heus. Überall schnüffelte Brass herum. Die Mägde in der Küche wagten es nicht, ihn zu verscheuchen, auch die Knechte im Stall nicht, nicht die Pagen der Königin und nicht die Waffenknechte des Königs. Überall war geschäftiges Treiben, jeder schien mit etwas beschäftigt zu sein, auf dem Weg irgendwohin oder von irgendwoher. Nur Brass nicht.
    Brass schlich durch die Gänge, suchte nach einem Platz am Feuer, nach Branntwein und nach jemandem zum Würfeln. Manchmal sah er den König noch, aus weiter Ferne. Und sobald er wen traf, der ihn erkannte, klopfte der ihm auf die Schultern und fragte, ob sich die Schlacht auf den purpurnen Feldern so zugetragen hatte, wie man es sich erzählte. Aber Brass redete lieber über Pferdenasen und über das Würfelspiel.
    Manchmal konnte Brass nachts nicht schlafen, dann trank er.

    Als die dreißigsten Festspiele zum Jahrestag der Schlacht auf den purpurnen Feldern anstanden, schickte man nach ihm, kleidete ihn an, setzte ihn auf ein Pferd und ließ ihn mit den anderen ausreiten. Es war ein Spektakel, der Tross brauchte acht Tage, das Feld zu erreichen. Zeltstangen wurden aufgestellt und eine Tribüne aus Holz, Akrobaten tanzten und schlugen Räder, Trosshuren und Marketenderinnen waren zu sehen, zu hören und zu riechen und der König thronte auf einem Podest auf einer Empore.
    Natürlich war Brass viel zu alt, um Brass zu spielen, das übernahm ein einfacher Junge aus dem alten Weiler, der sich zu einem Marktflecken gemausert hatte. Und natürlich war auch der König viel zu alt, um den Fürsten zu spielen. Die Rolle fiel an seinen Erstgeborenen, einen strammen, blonden Mann. Und da der Mann, der beim ersten Mal den Feind gegeben hatte, schon vor dreißig Jahren gestorben war, fiel die Rolle nun an den Zweitgeborenen des Königs, der sich mit seinen feinen Händen schwer daran tat, den Hammer zu heben.

    „Diese Rüstung“, sagte der Erstgeborene, während sie auf den Pferden saßen und mit offenen Visieren auf ihren Einsatz warteten, „dieses klobige Ding, es ist kein Wunder, dass mein Vater damals fast verreckt ist. Und dieses Schwert? Es ist stumpf und schlampig tariert, wie soll man damit zuschlagen können?“ Der Erstgeborene hieb mit dem Schwert durch die Luft. „Wir werden leichtere Rüstungen brauchen und schärfere Schwerter.“
    „Euer Gnaden“, sagte Brass und der junge Mann drehte seinen Kopf zu Brass und nickte ihm zu.
    „Wartet hier“, sagte er, „Ihr seht nicht gut aus, wir wollen doch meine Feier nicht durch einen alten, toten Helden verderben.“
    „Schaff das schon, Euer Gnaden.“
    „Ist schon Recht. Es ist ja auch Euer Tag“, wieder lächelte der Erstgeborene. „Passt auf, dass sie Euch nicht die Knochen brechen, wenn sie Euch aus dem Sattel heben. Der Waffenmeister hat gesagt, da geht es manchmal etwas rau zu.“
    „War beim ersten Mal dabei. Ging auch rau zu.“
    Eine Fanfare ertönte, der Erstgeborene klappte sein Visier herunter, gab dem Pferd die Sporen und sie preschten dahin.
    Brass hatte man eine Sonderposition zugedacht: Er würde das Banner halten.

    Die Schar der Getreuen lichtete sich um den falschen Fürsten. Links und rechts neben Brass wurden die Männer aus den Satteln gestoßen unter Juchei und Juchee, die schwarz verkleideten Soldaten mit ihren angeklebten Bärten setzten sich auf die gefallenen Pagen und Waffenknechte in ihren Blechrüstungen. Schon konnte Brass das Rudel der gefährlich aussehenden Kerle ausmachen, dort war der Zweitgeborene mit dem großen Hammer und auch einige andere Leute, die er vor dreißig Jahren getötet hatte, fand er vor sich versammelt. Nun rannten sie auf ihn zu. Und dort, schließlich, sah er auch sich selbst. Dort sah Brass Brass, mit roter Farbe verschmiert, den abgebrochenen Speer hielt er nach oben, als wolle er ihn werfen, der Mann hatte die Statur eines Ringkämpfers und das gebräunte Gesicht eines Bauern.
    Fast zärtlich nahmen sie den echten Brass nun vom Gaul. Die Schergen hoben ihn aus dem Sattel, setzten ihn auf das Gras der purpurnen Felder und fielen dann unter den falschen Schlägen des Fürsten zusammen, bevor der selbst vom Pferd gezogen und von dem Barbar mit dem riesigen Hammer unter dem Gejohle des Publikums auf den Boden geworfen wurde.
    Der Erstgeborene lag zu Füßen des Zweitgeborenen, der hatte den Hammer erhoben und zum Schlag angesetzt und wurde von Brass zu Fall gebracht, der zum echten Brass ging, ihm das Banner aus der Hand entriss, sich nun vor den Fürsten stellte und mit getäuschten Schlägen Barbar um Barbar zu Fall brachte. So ein Spektakel war's, dass niemand sah, wie Brass im Gras der purpurnen Felder verschied.
    So ein Spektakel war's, dass niemand, nicht einmal der junge Brass, vernehmen konnte, was der alte Brass noch zu sagen hatte, als ihm das Banner aus der Hand gerissen wurde: „Nicht.“
    Geändert von Quinn (06.02.2013 um 02:13 Uhr)

  2. Hi Quinn,

    bin eigentlich nicht so der Mittelalter-Mann, aber wenn die Story stimmt („Das Geständnis des Mönchs“, „Tod und Teufel“) les ich das schon mal.
    Du zeigst uns eine Geschichte fernab des Klischees „Ritter und Rüstung“. Der Versuch, in einer archaischen Sprache (gemäß der damaligen Zeit) zu schreiben, ist Dir, meiner Einschätzung nach, gelungen.
    Bei Brass denke ich zuerst an Messing, aber das ist wohl einerseits berufsbedingt, liegt zum anderen an Ewan McGregor.
    Wortwiederholungen und ein wenig seltsam gesetzte Haupt- und Nebensätze sehe ich als beabsichtigt und – sie gefallen mir.
    „Mann und Weib gleichermaßen“ gefällt mir auch, ich kann mir das Gegröle schmutziger, kariöser Säufer gut vorstellen.
    „mit anderen Männer“ – Flüchtigkeitsfehler! Ebenso „Feleder“
    Tag.. – Doppelter Punkt.
    „… nicht an Weiber, nicht an Wein, nicht an Gesang...“ wird Luther zugeschrieben, da bin ich für einen Moment draußen, weil Brass diesen Gedanken als Nicht-Luther-Zeitgenosse so nicht haben kann. Der Absatz „Das Marschieren nach Trommeln …“ sehr schön, hab selbst mal so einen Gewaltmarsch mitgemacht und bin auch Marathonläufer, weiß, wie das mit dem „Abschalten“ ist.
    „…Trosshuren und Marketenderinnen waren zu sehen, zu hören und zu riechen…“ – wunderbar!

  3. #3
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    Aktuelles Buch: Zeruya Shalev - Liebesleben

    Es tut Not.

    Lieber Quinn,

    als ich das las, drehte sich schon etwas in mir und es dauerte, bis ich realisiert habe, dass du da nichts verdreht hast. Es ist eine Märchensprache mit einem Märchenerzähler und einem Märchenklang. Die Gebrüder Quinn haben wieder erzählt und es hat mir außerordentlich gut gefallen.

    Dass du deine Lupe zwischen die Schlachtformation hältst, diese absurde Situation zwischen den Männern einfängst, die darauf warten, abgeschlachtet zu werden, vielleicht vorher noch ein bisschen schlachte zu dürfen. Diese Sinnlosigkeit und diese Grausamkeit. Auch, die Rekrutierung, welcher Maßstab sie wohl Pitt ausmustern ließ? Und dein Held? Dumm und liebenswürdig, aber liebenswürdig und dumm, ohne es zu merken, ohne sich daran zu stören. Und du kritzelst da schon wieder ein bisschen Gesellschaftskritik mit rein. Der Fürst, das Böse, und ... naja, nirgends das Gute, aber das Dumme, verkörpert durch Brass, der sich viele Gedanken über unsinnige Dinge macht und sich dann von Hörnern und Trommeln führen lässt und von einem schwarzen Reiter. Er ändert sich auch nicht. Er wird zum Helden, aber bleibt Brass, schnuppert im Gestank, wandelt durch den Hof als etwas Heiliges, das einem - im Grunde - aber egal ist.

    Hab mir den Text angeschaut, auch versucht, die Begeisterung ein bisschen wegzuwischen, auf dass ich ein bisschen tiefer gucken kann, aber viel zu bemängeln, habe ich nicht gefunden. Vielleicht findet ja jemand anders noch etwas, da klinke ich mich dann mit ein. =)

    Ein paar Anmerkungen:

    Kam nie aus seinem Weiler heraus.
    Vorschlag: Kam nie aus seinem Weiler.

    Es wurde gelacht, getrunken und von Weibern wurd gesungen.
    Ich weiß nicht, ob das "wurde" absichtlich zum "wurd" wurde.

    Pitt und Brass jedoch würfelten am Feuer weiter und es kümmerte sie nur ihr Spiel und dass sie es warm hatten und dass es laut zuging und dass alles seine Richtigkeit hatte, das kümmerte sie auch.
    Einfach nur stimmig!

    weit gereister Mann
    Da dachte ich erst, was wiederholt er diese Wendung so oft, aber dann ist es ein Name, eine Person: der weit gereiste Mann. Ist schon richtig so.

    Ein paar Monate später, als der weit gereiste Mann mit anderen Männer zurückkam, und Waffen und Pferde dabei hatte und Brass davon in Kenntnis setzte, er müsse für seinen Fürsten kämpfen, zog man Pitt aus seiner Hütte, hängte ihn mit dem Kopf nach unten an einem Querbalken auf und trieb ihm einen Speer von hinten durch den Leib, dass das Blut, was aus seinem Mund kam, von einem solchen Rot war, dass Brass meinte, so müsse Blut aussehen, wenn es nachts vergossen werde.
    As usual: lange Sätze, die sich ohne Stolpern, ja im Galopp, lesen lassen. Das Bild mit dem Blut - Blut spielt ja eine wichtige Rolle hier im Text - finde ich sehr schön. Nur: Warum wird Pitt getötet? Ich habe viele Ideen, aber keine sehe ich in deiner Geschichte bestätigt. Hat auch etwas Gruseliges, wenn da einfach ein (oder besser: der) Würfelfreund ermordet wird und man sich selbst auf einmal in einer Rüstung stecken sieht. Und gruselig auch, wie sinnlos analysierend er das empfindet, Brass, krass.

    Aber Brass hatte viele unsinnige Gedanken.
    Das fällt ein bisschen aus dem Märchenerzähler. Da stelle ich mir den Erzähler so vor: er beugt sich über sein Buch, liest vor und als er das mit dem Blut vorgelesen hat, dem Nachtblut, da hat er zu seinen Zuhörern aufgeschaut und genau das gesagt.

    Das erste Mal sah Brass den Fürsten, als er für ihn auf den purpurnen Feldern kämpfte. Damals waren die Feleder braun und kahl. Purpur nannte man sie erst nach jenem Tag..
    Sehr schön.

    Der Fürst, aber das wusste Brass damals noch nicht, war ein junger Mann, dem die Rüstung seines Vaters noch zu weit war, des Vaters Schwert zu schwer, das Land des Vaters zu klein, zu kahl, nicht rot genug. Und vielleicht haben die alten Leute Recht, die sagen, dass das Schicksal mit rot geschrieben werde.
    Da schmiedest du ihm die Symbolik um den Leib und das passt wunderbar zu der Szene, als er später am Boden liegt, mit seinen Fragen, die er vielleicht hat und dem Hammer über dem Kopf, dem großen Fragezeichen.

    Vielleicht haben andere Recht, die sagen, dass Geschichte von vielen kleinen Männern geschrieben wird und nicht von wenigen großen.
    Brass jedenfalls stand in Reih und Glied.
    Dieses "jedenfalls" verstehe ich nicht ganz. Weil er weder den alten noch den anderen Recht gibt? Weil es ihm egal ist? Weil er in Reih und Glied steht?

    Jemand blies in ein Horn, jemand schlug eine Trommel und Brass marschierte.
    Und die Szene danach liebe ich. Das ist ein perfekter Absatz! Viele vergessen, dass das Trommeln einen nicht zu unterschätzenden Faktor in der Schlacht gespielt hat. Ich weiß das von Computerspielen damals. Ohne Trommler konntest du da keine Schlacht gewinnen. Und heute schießt man sich die Birne weg, man muss ein bisschen mit dem Finger zucken, nicht zu arthritisch, und wenn man Glück hat und leise ist und der Schalldämpfer aus eBay funktioniert, dann hört man nichts, dann ist man akustisches Nirvana. Das war damals anders. Damals waren die Trommler kriegsentscheidend. Und dieses Trommeln, ich weiß nicht, wie du das machst, die Szene zerlege ich heute noch, man ist da mittendrin. “Es ersetzt das Denken.” - “wenn du die Nase eines Pferdes anfasst, dachte nicht daran” Da habe ich mich gefragt, warum die Reihenfolge: Weiber, Wein, Gesang. Ist er eher der Sänger oder sind Weiber tatsächlich nur eine Art Fleshlight gewesen? Weiber, Wein, Gesang. Da ist auch klanglich der Wurm drin. In meinen Augen. In meinen Ohren. Okay, bevor ich im perfekten Absatz noch zwei Korrekturen hinschmeiße: der leere Platz, dort, wo Pitt stehen hätte können - das ist der traurigste Satz in deiner Geschichte, nicht mal das Ende. Der leere Platz. Leer, obwohl alles voll ist.

    Der Mann neben ihm war ein Fischer, ... Der Mann neben ihm war nur ein einziger Sohn, ...
    Nichts gegen die Beschreibungen, aber “Der Mann neben ihm” zweimal zu verwenden. Ich ahne da schon deine Intention, sie gleichzuschalten, gleich sein zu lassen, obwohl’s ganz unterschiedliche Leut sind. Hm, lässt sich drüber streiten. Mich hat es stolpern lassen.

    Was sollte nun werden? Wo die Aussteuer hernehmen?
    Pfui! Die eingeschobenen Fragen haben mir gar nicht geschmeckt.

    Brassens Herz klopfte und klopfte, hatte die Trommel bald ihrer Notwendigkeit enthoben, ...
    Brassens (!), das nenn ich mal einen Genitiv mit Sound! In einer anderen Geschichte würde ich die Formulierung über “Notwendigkeit” wohl ankreiden, hier schmeiß ich bloß ein bisschen weißen Staub und finde es richtig cool, dass die Trommel in seinem Herzen weiter schlägt. Wer weiß, ob die Trommler überhaupt noch trommeln.

    Ein bärtiger Riese mit einer zweiblättrigen Axt sprang auf den weit gereisten Mann zu, Brass wandte seinen Blick nach rechts, wo er das Banner eines Fürsten flattern sah.
    Eines Fürsten? Oder des Fürsten?

    und wo ihr Kampfesmut auch ungebrochen war, ihre Kampfeskraft lag in Trümmern.
    Sehr schön wieder, aber trotzdem einen Änderungsvorschlag: und wo ihr Kampfesmut ungebrochen war, lag ihre Kampfeskraft in Trümmern. Auch gut, dass du mal die hässliche Seite zeigst, dass da jemand in den Krieg reitet mit Veteranen, Laien und Krüppeln, die nicht kämpfen können, es noch nicht gelernt haben oder schon wieder vergessen.

    In einer Schlacht ist das Banner des Fürsten wie eine Fackel in der Dunkelheit, wie ein Leuchtfeuer am Land für ein Schiff auf See.
    Da fand ich den Doppelvergleich nicht so toll. Würde ich mich entscheiden.

    Dem Rittersmann neben ihm hauten sie das Pferd tot und schon bald war der König allein, und hatte nichts links und nicht rechts mehr einen Getreuen und keinen Freund mehr auf der Welt,
    Nach dem “links” ist irgendetwas falsch.

    Ein Mann hatte den Fuß auf seine Brust gestellt und er führte einen Hammer mit sich, einen gewaltigen, gemacht wie um Steine zu klopfen.
    Warum nicht einfach: gemacht um Steine zu klopfen? Weil es ja doch ein Kriegsgerät ist?

    Dachte er, dass das Land seines Vaters doch, bei näherer Betrachtung, von ausreichender Größe sei?*Dachte er daran, dass ihm niemand gesagt hatte, wie schnell Träume enden konnten und wonach sie dabei stanken?
    hehe

    Man weiß es nicht.
    Würde ich streichen. Das ist wieder der Erzähler, der die Zuhörer fragt. Da hätte er aber auch einfach weiter lesen können.

    Und Brass hielt, so erzählte man es sich zumindest später, mit der Rechten den Speer und mit der Linken das Banner des Fürsten und streckte es so lange in die Höhe, bis es – so sang später einmal ein Troubadour – das Banner eines Königs wurde.
    Das ist schon ziemlich heroisch, aber auch irgendwie cool, wie in einem guten Comic!

    als eine größere Streitmacht eine kleinere Gegnerschar an einem Ort niedermetzelte, der keinen anderen Namen danach trug.
    Du meinst, die metzeln die Leute da nieder und schlagen dem Ort den Namen vom Kopf. Dann würde ich schreiben: an einem Ort niedermetzelte, der danach keinen Namen mehr trug.

    aus dem Gedächtnis der Welt tilgen
    Befremdlich, aber irgendwie auch schön.

    nfangs war es nur ein Troubadour, der des nachts im Lager die Geschichte von den purpurnen Feldern sang.
    des Nachts?

    Eine Drei-Personen-Sache, so lang wie es dauert, zwei volle Krüge zu leeren.
    Auch eine schöne Maßeinheit.

    Und man könnte sagen, es waren prächtige Burschen.

    Brass aber schlief gern bis zum frühen Mittag,
    Warum “aber”?

    Brass schlich durch die Gänge, suchte nach einem Platz am Feuer, nach Brandtwein und nach jemandem zum würfeln.
    zum Würfeln.

    Und sobald er wen traf, der ihn erkannte, klopfte der ihm auf die Schultern und frage, ob die Schlacht auf den purpurnen Feldern so war, wie man es sich erzählte.
    Und da der Mann, der beim ersten Mal den Feind gegeben hatte, schon vor dreißig Jahren gestorben war, fiel die Rolle nun an den Zweitgeborenen des Königs, der sich mit seinen feinen Händen schwer daran tat, den Hammer zu heben.
    Hammer!

    *„Ihr seht nicht gut aus, wir wollen doch meine Feier nicht durch einen alten toten Helden verderben.“
    So etwas ist natürlich böse. Man veranstaltet eine Feier wegen einer Heldentat. Und dann ist gar nicht der Held so wichtig. Da geht es nur um die Heldentat. Schon traurig irgendwie. Aber die Wahrheit.

    Und so endet deine Geschichte ja auch: traurig. Weil der Held notwendig ist für die Heldentat, aber dann, nachdem er sie vollbracht hat, nicht mehr zu ihr gehört. Ich finde es wunderbar, wie du die steile Karriere des Würflers und langen Weilertyps beschreibst, von der Schänke in die Rüstung auf die purpurnen Felder. Übrigens: der Titel gefällt mir ausgesprochen gut. Brass, diesen sonderbaren Namen mit diesem sonderbaren Klang und die Felder, die mit ihm purpurn (?) wurden, weil das Blut, egal ob bei Nacht oder Tag, färbt und Geschichten schreibt.

    Besingen - das macht man ja gerne. Hier fokussierst du anders. Man sieht, wie es zu dem, was besungen wird, kommt. Sehr interessant und ziemlich tricky war auch, als du mitten in der Schlacht vom Gegenwärtigen in das schon Passierte wechselst, also nicht wegen der Zeitform. Erst lebt man mit Brass, man steckt in seiner Rüstung, hört das Trommeln, draußen und in seinem Herzen und dann hält er das Banner hoch, SAGT MAN! Das fand ich genial, wie die Tat schon beim Erzählen zur Legende wird.

    Und das Ende, wie sich alles noch einmal wiederholt, alles falsch, alles verdreht.

    Brass ist tot, hoch lebe Quinn!

    Beste Grüße
    markus.

    oder: Liebe Grüße, dein flametourist!
    Geändert von M. Glass (28.01.2013 um 18:26 Uhr)

  4. #4
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    Aktuelles Buch: Kling: Die Känguru-Chroniken

    Ach ja, Quinn,
    eine Sache muss ich dringend loswerden:
    Brass ist ein Vollpfosten.

    Die Geschichte eines kleinen Mannes, der zum Fürstenretter und damit Königsmacher wird und der als Person nur (störende) Staffage ist für das Spektakel seiner Königsmacherheldentat. Irgendwie für mich ein wenig brechtisch von der Thematik und der Herangehensweise her. Und gewaltig in dieser Sprache, das beherrschst du wirklich sehr gut.

    Es tut Not zu wissen, dass Brass ein einfacher Mann war.
    Das ist mir auch aufgefallen, dieses es tut Not. Ich kenne es eigentlich nur aus dem Norden, ich liebe diesen alten Ausdruck.

    Kam nie aus seinem Weiler heraus.
    Ich glaube, da hatte jemand anders den Vorschlag, das heraus zu streichen, würd ich nicht machen.

    Warum ich Brass für einen Vollpfosten halte?
    Er ist für mich, bei allem Liebenswerten, der geborene Untertan. So einen wie ihn wünscht sich doch ein jeder Regent. Fügt sich immer in seine Rolle, ganz egal, was man von ihm verlangt. Rettet seinem Fürsten/König den Kopf und verdient sich ein Leben am Hof, wo er verloren vor sich hintrottet, und das Banner hütet bis zum letzten Atemzug.

    Die Frage tauchte auf, warum Pitt getötet wurde.
    Na deswegen:
    „Wohl doch nicht gleichermaßen!“, brüllte Pitt dann, der mit am Feuer hockte und würfelte.
    „Doch! Gleichermaßen!“, sagte der weitgereiste Mann in das Gelächter der Männer des Weilers hinein.
    „Dann!“, schrie Pitt noch einmal auf. „Ist der Fürst wohl ein Mann, den man lieber neben als hinter sich weiß!“
    Der Fürst ist zwar zu dürr für seine Rüstung, aber wie man Angst und Schrecken verbreitet/verbreiten lässt, das weiß er auch schon so.
    Witze über Fürsten darf man noch nicht mal in Gedanken machen. Auch wenn das Spiel mit den Präpositionen neben und hinter eigentlich harmlos ist, zusammen mit dem Weiblein/Männlein gleichermaßen machts den Fürsten zu einem, der der Mannesliebe frönt, hat auch noch den zusätzlichen Beigeschmack, dass man ihm nicht recht trauen darf.
    Mir gefällt das sehr gut, wie du da diese alte Zeit auferstehen lässt mit deiner Sprache, den Bildern, aber auch diesen kleinen sprachlichen Spitzfindigkeiten. Schön.
    Und eigentlich, denkt sich der moderne Mensch, hätt ein Brass doch da ein wenig misstrauisch werden können/müssen, dass das Bewachen von Fürsten dem normalen Menschen nicht zuträglich ist.
    Nun ja, du zeigts ihn als einen lieben, aber auch etwas tumben Menschen, der seinem Ziel treu bleibt, wie ein altes Pferd.
    Von daher fand ich diese Idee, dass er gerade die Pferdenasen so liebt, wunderschön.

    Der Absatz mit dem Trommeln, der die Soldaten einlullt und zum Kriegshandwerk bereit macht, der ist einfach toll geschrieben. Auch dass es die Leute verschmelzen lässt, so dass man Anteil nimmt an ihren Geschicken. Kennst du Erich M. Remarque, "Im Westen nichts Neues"?
    Ich meine das Buch, da kommen sich die Soldaten auch so nah, dass sie wahnsinnig viel voneinander wissen. Daran musste ich hier denken.

    Pitt und Brass jedoch würfelten am Feuer weiter und es kümmerte sie nur ihr Spiel und dass sie es warm hatten und dass es laut zuging und dass alles seine Richtigkeit hatte, das kümmerte sie auch.
    Das ist toll formuliert, gerade das nachgesetzte. Das drückt so viel über die beiden aus.

    Der Fürst, aber das wusste Brass damals noch nicht, war ein junger Mann, dem die Rüstung seines Vaters noch zu weit war, des Vaters Schwert zu schwer, das Land des Vaters zu klein, zu kahl, nicht rot genug. Und vielleicht haben die alten Leute Recht, die sagen, dass das Schicksal mit rot geschrieben werde. Vielleicht haben andere Recht, die sagen, dass Geschichte von vielen kleinen Männern geschrieben wird und nicht von wenigen großen.Brass jedenfalls stand in Reih und Glied.
    Hier, da spielst du wirklich so ein bisschen mit Brecht. Erinnert mich an Fragen eines lesenden Arbeites, ganz entfernt natürlich nur, aber es ist da in dieser Idee, dass die Geschichte von kleinen Männern gemacht wird, und Brass jedenfalls als Vertreter der Kleinen schon bereit steht. Ich mag das sehr.

    aber jetzt – in der Schlacht auf den purpurnen Feldern wurden sie vom Antlitz der Erde gepickt wie Fische aus einem Teich, wenn die Reiher zurückkommen
    Puhh, was für ein Bild!

    Was dachte der Fürst wohl in dem Augenblick? Dachte er, dass das Land seines Vaters doch, bei näherer Betrachtung, von ausreichender Größe sei? Dachte er daran, dass ihm niemand gesagt hatte, wie schnell Träume enden konnten und wonach sie dabei stanken? Dachte er daran, dass Geschichtsbücher weitergeschrieben wurden, ob mit oder ohne ihn? Man weiß es nicht. Es gibt Momente, die kann ein Fürst aus dem Gedächtnis der Welt tilgen, wenn er genug Zeit hat, und wenn er jemanden hat, wie Brass,
    Und das auch.

    Ein Fürst kann gewiss Momente aus dem Gedächtnis der Welt tilgen, wenn alle, die daran beteiligt waren, entweder erschlagen wurden oder so treue Seelen sind wie Brass.
    Aber mehr noch kann ein König einen Augenblick in das Gedächtnis der Welt brennen.
    Und auc das wieder, das spielt so schön mit der Art, wie Regierende manipulieren. Auch in der Fortsetzung dann.

    Aber Brass redete lieber über Pferdenasen und über das Würfelspiel.
    Manchmal konnte Brass nachts nicht schlafen, dann trank er.
    Hier, in der Beschreibung, auch vorher, da merkt man es und wird traurig, weil, was der Brass von seiner Heldentat hatte, das war nichts.

    „Wartet hier“, sagte er, „Ihr seht nicht gut aus, wir wollen doch meine Feier nicht durch einen alten toten Helden verderben.“
    Tja, wenn die Tat wichtiger ist, als der Mann, dann kann der Mann schon mal einpacken.

    So ein Spektakel war's, dass niemand, nicht einmal der junge Brass, vernehmen konnte, was der alte Brass noch zu sagen hatte, als ihm das Banner aus der Hand gerissen wurde: „Nicht.“
    Bis zuletzt. Die Geschichte eines alten Mannes, der wegen seiner Tat am Hof gehalten wird wie die Pferde, die dort ihr Gnadenbrot erhalten.
    Man möcht ihn schütteln und das "Nicht" zum Banner zu einem "Nein" zu seinem Los machen.

    Nebenbei:
    Brass schlich durch die Gänge, suchte nach einem Platz am Feuer, nach Brandtwein und nach jemandem zum würfeln.
    hast würfeln vergessen, groß zu machen

    Hat mir ausgesprochen gut gefallen. Ein kleines Meisterwerk. Und "kleines" sag ich auch nur, damit du schön bescheiden bleibst.
    Bis denn
    Novak

  5. #5
    Hallo Quinn!


    Aber Brass hatte viele unsinnige Gedanken.
    Das würde ich weglassen

    wenn du dich einfach in eine warmen Ecke kauern kannst
    In eine warme Ecke kauern

    vielleicht wär Pitt da mit gelaufen
    Vielleicht kann mich jemand aufklären, ob Quinn hier richtig liegt. Ich würde schreiben:mitgelaufen, aber ich bin mir da unsicher.
    den Speer mit der rechten Hand fest hielt
    hier auch: festhielt oder fest hielt?

    Hand fest hielt und ihn dem Feind von unten in den Leib trieb. Fell hatte der um seine Schulter gewickelt, Fell, wie man es anfassen und berühren konnte, wie um etwas daraus zu machen, das einen warm hielt.
    Vielleicht das zweite hielt durch ein anderes Verb ersetzen?

    Manche hatten ein halbes Leben nicht mehr auf einem Pferd gesessen, und wo ihr Kampfesmut ungebrochen war, ihre Kampfeskraft lag in Trümmern.
    und wo ihr Kampfesmut ungebrochen war, lag ihre Kampfeskraft in Trümmern. Oder: Wo ihr Mut ungebrochen war, lag ihre Kraft in Trümmern


    in der Schlacht auf den purpurnen Feldern wurden sie vom Antlitz der Erde gepickt wie Fische aus einem Teich, wenn die Reiher zurückkommen
    Gefällt mir sehr gut.

    Was dachte der Fürst wohl in dem Augenblick? Dachte er, dass das Land seines Vaters doch, bei näherer Betrachtung, von ausreichender Größe sei? Dachte er daran, dass ihm niemand gesagt hatte, wie schnell Träume enden konnten und wonach sie dabei stanken? Dachte er daran, dass Geschichtsbücher weitergeschrieben wurden, ob mit oder ohne ihn? Man weiß es nicht
    Gefällt mir nicht so gut

    Das Banner eines Königs wurde es erst Jahre später, als eine größere Streitmacht eine kleinere Gegnerschar an einem Ort niedermetzelte, der keinen anderen Namen danach trug.
    Den Satz verstehe ich nicht... Der keinen anderen Namen danach trug, das klingt komisch und ich verstehe nicht, was du sagen willst.

    Ein Fürst kann gewiss Momente aus dem Gedächtnis der Welt tilgen, wenn alle, die daran beteiligt waren, entweder erschlagen wurden oder so treue Seelen sind wie Brass.*
    Also mich stört das voll, dass da so ein erklärender Ton mitschwingt und bei mir kommt auch die ganze Geschichte so sehr zeigefingermäßig an, da ist insgesamt ziemlich wenig Platz für den Leser, finde ich. Die wirkt so komponiert und strukturiert und ich weiß, du magst es gerne, wenn Geschichten gut konstruiert sind, aber die wirkt auf mich zu sehr konstruiert.

    Das auch:
    Aber mehr noch kann ein König einen Augenblick in das Gedächtnis der Welt brennen.
    Anfangs war es nur ein Troubadour, der des nachts im Lager die Geschichte von den purpurnen Feldern sang. Später, als man Städte mit Kultur erobert hatte, ließ man es von einigen Schaustellern inszenieren.
    Das kommt mir vor wie die Eckdaten einer großen Geschichte, die viel zu wenig Platz hat, sich zu entfalten. Das ist doch eher möglich auf Langstrecken solche Dinge erfahrbar zu machen. Dass man sich selbst dann irgendwann denkt, so nach 300 Seiten: uiuiui, da schreibt aber einer die Geschichte anders, als sie tatsächlich gewesen ist, ich war doch selbst dabei auf dem Schlachtfeld, weiste, was ich meine ...

    Brass aber schlief gern bis zum frühen Mittag, dann ließ er sich kalten Braten kommen und setzte sich in den Hof, auf seinen Lieblingsplatz.
    Ist doch dieses Thema des alten Helden, das Jimmy einige Male hatte, das du auch sehr magst, es ist dieses Thema in einem ganz anderen Umfeld, nicht an einer Bar, nicht im Fanblock, anders verpackt, in einer anderen Zeit, eine gute Idee, und ich könnte mir vorstellen, dass mir das sehr gut gefallen könnte, wenn es nicht diese Art von zusammenfassender Erzählung wäre, wenn es szenischer wäre und mir dieser Brass etwas ans Herz wachsen könnte.

    Als die dreißigsten Festspiele zum Jahrestag der Schlacht auf den purpurnen Feldern anstanden, schickte man nach ihm
    So, wie die Geschichte ab hier bis zum Schluss geschrieben ist, das gefällt mir, aber vorher hat sie mir nicht so gut gefallen.

    Ich habe das Gefühl, dass ich alles aufgedrückt bekomme, was ich zu denken hab, es gibt auch keine interessanten Figuren. Die Geschichte ist ausgezeichnet geschrieben, gut komponiert, aber mir fehlt die Seele, mich kann so was nicht berühren, dabei wäre es eine tolle Chance gewesen, endlich mal den Staub von den Rüstungen zu pusten. Die anderen, die bisher kommentiert haben, finden ja, dass dir das gelungen ist, aber ich bekomme keinen Bezug zu Brass und lese das eher alles als Gesellschaftskritik. Sorry, diesmal nicht mein Ding.


    Lollek

  6. #6
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    Hallo Quinn,

    ich wollte eigentlich noch warten, bis ich kaum mehr was sagen muss, sondern nur noch den anderen Kommentaren zustimmen oder widersprechen kann. Aber nun habe ich grad lolleks Kommentar gelesen und moechte ihm doch schon jetzt widersprechen Und den anderen danach.

    Fuer mich ist die Staerke der Geschichte tatsaechlich die Erzaehlstimme. Und die Perspektive. Also, so richtig personaler-Erzaehler-maessig auf Brass eingeschraenkt zu werden, wie es lollek vielleicht meint, das haette der Geschichte in meinen Augen ihren Witz genommen - mal abgesehen davon, dass man bei der Trommelszene ja schon ziemlich nah drankommt. Also der Witz der Geschichte ist ja einerseits dieser moderne Maerchenerzaehler, da schwingt die Ironie, das Spiel mit der Erzaehlkonvention ja in jeder Zeile mit. Andererseits ist es die umgekehrte Sichtweise, Weltgeschichte aus der Froschperspektive halt - ist, wie Novak schon angedeutet hat, nicht der neueste Dreh, find ich aber trotzdem noch spannend. [/Abschwuff] Das hatte ich glaube ich zum ersten Mal bei Braveheart, dass ich mir so ueberlegt hab, wie das da im Fussvolk ist, wenn man eindeutig nicht der Filmheld ist und es einfach mal ziemlich schnell und unzeremoniell vorbei sein kann. Wenn man da wie so ein blindes, taubes Vieh mitlaeuft. Diesen Gedanken, dass man, auch wenn man sich vielleicht durch Geburtsrecht so fuehlt nicht zwangslaeufig darauf verlassen kann, dass die Geschichte (im Sinne von history aber hier ja eigentlich auch von story) nur um einen herum existiert, hast Du ja auf den jungen Fuersten uebertragen, das fand ich eine der staerksten Stellen. [Abschwuff] Der wirklich eigentliche Witz ist aber, dass diese Froschperspektive gar nicht wirklich eingenommen wird, sondern dass hier der Geist der Geschichte, dem Fuerst und Brass eigentlich gleichermassen wurscht sind, von oben herab erzaehlt. Das gefaellt mir. Also er nimmt Brass nicht richtig ernst, das Hofvolk tut es eh nicht und Brass selbst auch nicht wirklich, der hat ja gar nichts, was man wirklich so als Selbst-bewusstsein bezeichnen koennte, nur dumpfe Pferdemaulgefuehle und Schnee am Schwanz. Deshalb braucht es da auch schon den auktorialen Erzaehler, um da so ein bisschen Wahrnehmungsschaerfe reinzukriegen. Doch, das finde ich als Anlage schon sehr spannend und auch traurig, dass da so eine Brassfroschperspektive nur so scheinbar priveligiert wird, um dann wieder entlarvt zu werden. Brass ist ja kein Akteur der Geschichte, kein Held - der laeuft einfach nur mit und steht dann einmal passend. Also wird damit irgendwie auch die Romantik solcher Froschperspektiven als alternative Geschichtsschreibung als naiv entlavt. Denn die Kleinen sind halt ebensowenig Helden und Macher wie die Grossen, das meiste ist Zufall und erst im Nachhinein macht der Geist der Geschichte nen Schuh draus.
    Dieser Handlungsverlauf dann, dass das Ganze zur politischen Inszenierung wird und Brass hinter der Brassfigur verschwindet. Hm ja, das haette man evtl. noch etwas zuspitzen koennen, so in Richtung Mythenbildung und aktiver Geschichtspolitik. Also die spielen das ja schon relativ 1:1 nach da, da koennte man doch sicher einiges dran biegen, dass man den Fuersten noch besser aussehen laesst und so. Aber gut, selbst wenn man dieses Thema "wie entsteht Geschichte" da noch ein bisschen mehr ausbauen koennte, das waer jetzt auch nicht so bahnbrechend. Bahnbrechend find ich wie gesagt eher das poetologische Thema, das dem aufgesetzt wird, also wie man einen Text erzaehlt, der vom Erzaehlen von Geschichte handelt. Und das ist in dieser Anlage ziemlich gut getroffen.
    Nun moechte ich aber auch den uebrigen Kritikern widersprechen, indem ich mich noch nicht voellig begeistert zeige. Also, da waere einmal die relativ unkreative Aneignung von Geschichte durch das Festspiel (da geht mehr!) und andererseits und obwohl ich die grundsaetzliche Perspektiv- und Erzaehlerstimmenwahl ziemlich gut finde, hakelt es mir noch an zu vielen Stellen. Ist halt keine Erzaehlstimme, die einem einfach so zufliegt. Ich hab da noch Detailanmerkungen zu, aber nicht mehr heute. Heute weise ich nur darauf hin:

    Ein paar Monate später, als der weit gereiste Mann mit anderen Männern zurückkam, und Waffen und Pferde dabei hatte und Brass davon in Kenntnis setzte, er müsse für seinen Fürsten kämpfen, zog man Pitt aus seiner Hütte, hängte ihn mit dem Kopf nach unten an einem Querbalken auf und trieb ihm einen Speer von hinten durch den Leib, dass das Blut, was aus seinem Mund kam, von einem solchen Rot war, dass Brass meinte, so müsse Blut aussehen, wenn es nachts vergossen werde.
    Schon klar, dass Du dem armen, gebeutelten Wurmsatz kein weiteres "das" reinwuergen wolltest, aber dann muss man den armen, gebeutelten Wurmsatz eben umbauen.

    Uebrigens, was sind das denn fuer Asteriske da im Text. Verweist mich das auf die geheimen Fussnoten der Geschichte? Noch geheimer als die Fussnote Brass?

    lg,
    fiz
    Geändert von feirefiz (28.01.2013 um 21:55 Uhr)

  7. #7
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    Aktuelles Buch: Der Circle

    Hallo Quinn,

    mir gefällts auch gut. Ich finde die Geschichte handelt (unter anderem) davon, dass auch Geschichte eine Geschichte ist.

    Und vielleicht haben die alten Leute Recht, die sagen, dass das Schicksal mit rot geschrieben werde. Vielleicht haben andere Recht, die sagen, dass Geschichte von vielen kleinen Männern geschrieben wird und nicht von wenigen großen.

    Dachte er daran, dass Geschichtsbücher weitergeschrieben wurden, ob mit oder ohne ihn? Man weiß es nicht. Es gibt Momente, die kann ein Fürst aus dem Gedächtnis der Welt tilgen, wenn er genug Zeit hat, und wenn er jemanden hat, wie Brass, der mit der Schulter voran den Barbar mit dem Hammer zu Fall brachte,
    Das Banner eines Königs wurde es erst Jahre später, als eine größere Streitmacht eine kleinere Gegnerschar an einem Ort niedermetzelte, der keinen anderen Namen danach trug.
    Und vielleicht, ein Schritt weiter, auch das Leben ist letztlich nur eine Geschichte . Oder was davon übrig bleibt ist eine Geschichte. Brass schaut bei seiner eigenen Lebensgeschichte zum Schluß zu, wie sie mit Sicherheit stilisiert und übertrieben und auf eine Tat reduziert wird, dabei ist er nur ein einfacher mann, das war er schon immer, und jetzt ist er ein alter Mann. Und wie muss das auf ihn wirken? Das ist schon schön. Du spielst hier voll mit der Realität, finde ich. Das war schon beim Focks so, da gibt es viele Parallelen, meine ich. Der Zugang zu diesem Text ist vielleicht noch ein bisschen schwerer als beim Focks, weil er in dieser Zeit spielt und alles … also wer hier Action und spannende Schlachten und Intrigen und so was erwartet wird vielleicht entäuscht sein. Davon lebt der Text ja nicht wirklich. Wobei dir schon auch eindringliche Bilder bei den Kampfszenen und so gelungen sind. Aber man hat halt diesen Erzähler. Und verglichen mit Focks ist Brass etwas blass, oder? So als Figur.

    Ja … und dann auch der Königssohn, der die Rüstung seines Vaters nicht ausfüllen kann… also da gibt es so viele Stellen. Da habe ich mir auch gedacht, dass sein Vater im Nachhinein, in den Erzählungen, größer geworden ist.

    Manchen kann man von Blut nicht genug erzählen. Es wurde viel gestorben und viel gemordet an jenem Tag.


    Mein Lieblingssatz ist trotzdem der hier:
    dachte nicht an den Geruch von Heu oder an das, woran du denkst, wenn du die Nase eines Pferdes anfasst
    An der Stelle musste ich voll grinsen. Das ist voll Quinn irgendwie. Woran man denkt, wenn man die Nase eines Pferdes anfasst. Alter.
    Ich hab halt noch nie daran gedacht, woran ich denke, wenn ich die Nase eines Pferdes anfasse … ist aber trotzdem voll endringlich, und ab jetzt denke ich bei Pferdenasen nur noch an diese Geschcihte vermutlich.

    Und die Sprache ist beeindruckend, allein schon das ganze Vokabular, das du hier aufweist, die ganzen Mittelaltersachen, hast du vielleicht auch von Lied von Eis und Feier so bisschen, ist aber trotzdem beeindruckend. Den Text kann man nicht einfach so schreiben, ohne sich nicht mal mit sowas beschäftigt zu haben. Oder ich könnte das jedenfalls nicht.

    Also Brass ist tatsächlich ein bisschen gesichtslos, aber das soll er sein, meine ich, er ist keine Charlotte, in die ganz viel projiziert wird, sondern er ist eine Tat letztlich, und er gibt sich auch auf, wenn er mitmarschiert, und was er gedacht und getan hat ist letztlich irgendwie egal, er ist ein Symbol, ein Held, das merkt man in der Szene, wenn der Erstgeborene oder wer das ist mit ihm redet, und meint, er solle bitte nicht sterben und sein Fest kaputt machen. Das ist was zählt halt.
    Das ist ja wie eine große Metapher für "die Geschichte". Man kann aber auch Parallellen zu heute sehen.

    Und dann "der Weitgereiste", ist fast ironisch, find ich. Ein Weit Gereister, der was erzählt am Feuer, dieses Bild in einer Geschichte über die Geschichten der Geschichte.

    Aber Brass redete lieber über Pferdenasen und über das Würfelspiel.*
    Manchmal konnte Brass nachts nicht schlafen, dann trank er.
    Der alte Mann, und wie er lieber über Pferdenasen und Spiele spricht, und dann trinkt. Gefällt mir gut.
    Ist auch logisch. Wer will so leben? Wer will noch darüber sprechen? Ist wie der High School Quarteback, der 88 alle Rekorde gebrochen hat und dann Knie kaputt, aber in seinem kleinen Dorf in Texas ist er immer noch eine Legende und wird von allen für diesen einen Pass im Finale auf die Schulter geklopft. Legende … das ist auch so ein Wort. Die Geschichte könnte auch "Legenden" heißen. Wobei es das bestimmt schon gibt, und der lange Titel auch an "der feine Herr focks flüchtet vor der Krise" erinnert, das ist auch schön.

    Es ist auch irgendwie wieder was Melanchlosches drin oder so was Ähnlcihes, meine ich, was habe ich letztes Mal gesagt, als ich nicht wüsste wie ich das beschreiben soll: das Leben ist Traum, der nicht in Erfüllung gegangen ist oder so? Wie das Leben so seinen Lauf nimmt, und dann im Alter, wenn man zurückblickt, und was dann wichtig war, und was nicht. Novak findet, dass Brass ein Vollpfosten ist, aber … er ist doch der einfache Mann, der hier ausgebeutet und für andere Zwecke benutzt wird, ein Soldat, wie es sie schon seit Jahrtausenden gab und immer noch gibt, ob man die alle verurteilen kann ... weiß nicht, je nachdem, wie man grad drauf ist, was soll der einfache Mann in einem Fürstentum auch machen? Und letztlich hatte er es doch besser als viele andere, oder? (Besser als Pitt zum Beispiel) Was erwartet man denn? Und inwiefern das eigene Leben oder die "Geschichte", inwiefern das sich steuern lässt … ja mei … was dann übrig bleibt, wie willkürlich das vielleicht alles ist … das ist ein weites Feld.


    Das letzte Wort: Nicht. Das ist so offen, ich weiß nicht genau, wie ich das deuten soll. Da wehrt sich Brass vielleicht zum Schluß, wehrt sich gegen alles, gegen sein Leben, gegen den Tod, gegen die Blässe, … aber natürlich ist das alles schon zu spät und das weiß er vermutlich auch … also auf dem Totenbett … da kann man noch was bringen vielleicht, nochmal Mut schöpfen, sich auflehnen, wogegen auch immer, ist egal. Irgendwie so. Naja.

    Vielleicht sag ich in den Tagen noch was dazu, habs sehr gern gelesen, muss jetzt los.

    MfG,

    JuJu
    Geändert von JuJu (29.01.2013 um 01:17 Uhr)

  8. #8
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    02.07.2007
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    671
    Hallo Quinn,

    mir gefiel der Rhythmus der Geschichte und auch die Idee, einen einfachen Mann zum Helden zu erhöhen, dann zum Symbol zu machen und ihm schließlich die 'reale' Existenz zu nehmen. Wenn du Brass sympathischer gemacht hättest, hätte der Schluss weher getan. :P So ist es, wie feirefiz sagt, schon eine Geschichte über die Entstehung von Geschichte und deshalb hauptsächlich meta. Dafür spricht auch der Absatz mit der "Inszenierung". Auch deshalb und weil der mittelalterliche Stil nicht immer konsequent gehalten wird, hat der Text auf mich ironisch gewirkt. Was gut ist! Eine Stelle gabs aber schon, bei der ich lachen musste, und das war so nicht beabsichtigt, glaube ich:

    Die Reihen lichteten sich, von hinten wurde geschoben, Brassens Herz klopfte und klopfte, hatte die Trommel bald ihrer Notwendigkeit enthoben, und da: Der Mann vor ihm fiel oder floh oder verschwand oder war einfach nicht mehr da, sein erster Feind: Ein Barbar.
    Was sonst? Oder wolltest du an der Stelle unterstreichen, dass nicht gegen Fremde gekämpft wurde? (Der doppelte Doppelpunkt ist auch nicht schick.)
    Freue mich, wieder etwas Neues von dir gelesen zu haben!
    Gruß
    Kasimir

    Edit: Mich nochmal schlau gemacht - und weil Fantasy-Genre geht das wohl mit dem Barbaren. Naja, meine Reaktion darauf kann ich trotzdem nicht rückgängig machen.
    Geändert von Kasimir (28.01.2013 um 23:09 Uhr)

  9. #9
    Mitglied seit
    01.01.2010
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    709
    Hallo Quinn

    Dort der edle König, hier der wilde Kriegshetzer, der ihm ans Leben will, es naht der unbedarfte Dorfjunge, der sich schützend vor seinen König wirft, um den tödlichen Streich abzuwehren.
    Das ist der Stoff, aus dem Heldengeschichten gemacht werden. Etwas, was das einfache Volk schon immer unterhalten hat, weil es sich damit identifizieren kann. Auf einmal steht nicht mehr der Fürst / zukünftige König im Mittelpunkt, sondern der einfache Mann, der früher nie aus seinem Weiler herauskam.

    Du entlarvst diese Heldengeschichte als Tragödie, zumindest lese ich es so.

    Brass schlich durch die Gänge, suchte nach einem Platz am Feuer, nach Brandtwein und nach jemandem zum Würfeln.
    Ist Brass glücklich? Ist er jetzt glücklicher als zu alten Zeiten, wo er mit Pitt beim Würfeln sass? Wohl eher nicht. Ihm hat seine Heldentat kein Glück gebracht, auch wenn ihn alle - scheinbar - feiern, er wurde in ein Leben gedrängt, das er nicht führen wollte und um das er nicht gebeten hat. Er ist eine tragische Figur, weil er nur augenscheinlich im Mittelpunkt steht - du zeigst hier schön den Unterschied zwischen einer Heldenverehrung und dem Menschen, der verehrt wird, und zeigst auch, dass diese Verehrung ein reiner Selbstzweck ist. Niemand kümmert diesen Brass, aber alle feiern seine lang zurückliegende Tat. Aber ja, so war es wohl schon immer. Dass diese ganze Glorifizierung ein grosses Scheinbild ist, sieht man schön in deiner Geschichte, wenn du neben der nachgespielten Schlacht den echten Brass zeigst - und wie er dabei stirbt.

    Novak sagt, Brass ist ein Vollpfosten. Stimmt wohl, aber eher so ein Forrest Gump Typ. Daran hat er mich erinnert, und ich frage mich, warum eigentlich? Seltsamerweise erfährt man wenig über diesen Brass, im Mittelteil zoomt der Erzähler dann auch mal komplett weg von ihm. Ich weiss nicht so recht, was Brass sich eigentlich bei all dem denkt. Marschiert er jetzt gern in den Krieg? Vermisst er seinen Freund? Wenn er marschiert, denkt er nur noch an Trommeln, aber gefällt ihm das? Es gibt so Andeutungen im Text, aber für mein Empfinden ist der Erzähler immer ein Stück zu weit weg von der Figur, dass ich sie wirklich fassen kann. Vielleicht sind es Stellen wie diese

    Aber Brass hatte viele unsinnige Gedanken.
    die mich an Forrest Gump denken lassen. Da der auktoriale Erzähler das spricht, wird es wohl stimmen. Brass kommt naiv rüber, aber tapfer. Einer, der das Herz am rechten Fleck hat, wenn es darauf ankommt. Einer, auf den man sich verlassen kann, kein Intrigant, Lügner oder Betrüger - eine ehrliche, einfache Haut. Darum lässt er sich vielleicht auch gut als Held stilisieren, auch wenn er am Ende kaum mehr als eine Requisite ist:

    Brass hatte man eine Sonderposition zugedacht. Er würde das Banner halten.
    "Sonder"position ... alles klar. Hat mir gefallen, wie du die Meinung zu Brass als Person hier entlarvst, während auf dem Feld alle dem schauspielenden Brass zujubeln.

    Ich hab die Geschichte auch gern gelesen. Sprachlich hab ich da nur ganz wenig auszusetzen (kommt unten noch). Klar hab ich auch ans Lied von Eis und Feuer denken müssen, aber ich glaube, Geschichten aus jener Zeit werden meist auch in dieser Sprache erzählt, also das ist ja jetzt nichts, was George Martin "erfunden" hätte oder so (Anrede in der 2. Person Plural etc.).

    Inhaltlich hätte ich es interessant gefunden, den Brass noch ein wenig besser kennenzulernen. Ich glaube lollek hat geschrieben, in der Geschichte fehlt eine interessante Figur. Ich denke, die interessante Figur ist schon da, aber ähnlich wie bei dem finalen Schauspiel nimmst du sie aus dem Scheinwerferlicht. Ich hätte gerne mehr über sie erfahren; du zeigst zwar, dass es einen Unterschied zwischen der Heldengeschichte und dem Mensch dahinter gibt - ok. Aber was die Geschichte thematisiert, fügst du deiner eigenen Figur ebenfalls an: Im Mittelpunkt steht ihre Tat, nicht sie selbst. Das ist ein interessanter erzählerischer Kniff, aber du bezahlst ihn mit einer blassen Figur.

    Gerät Brass hier in einen Konflikt? Man vermutet es, aber eher zum Ende hin. Sonst wirkt er auf mich wie einer, der sich treiben lässt. Er ist naiv, hat keine eigene Meinung, lässt mit sich machen was andere ihm befehlen - ja, so richtig spannend ist eine solche Figur nicht, und vielleicht tust du dann auch gut daran, ein wenig Abstand zu ihr zu gewinnen. Wenn du näher ran gehst, hast du vielleicht schnell eine Forrest Gump Kopie, und den kennt halt schon jeder und sagt dann, kenn ich schon. Aber zum Ende hin wird die Figur dann schon interessanter, da ist dann auch ein Konflikt zu sehen (bzw. zu spüren). Ich habe mir bspw. die Frage gestellt, warum Brass am Hof des Königs bleibt? Klar, jetzt ist er alt und schwach, aber was hat er die letzten 30 Jahre dort gemacht? Auch da wirkt er lethargisch, antriebslos. Selbst in seinen grossen Moment schlittert er mehr durch Zufall hinein. Der echte Konflikt offenbart sich dann zum Ende hin und zwischen den Zeilen, dieses einfache "Nicht" - ja, da ist einer unzufrieden, das ist schonmal interessant, besser wäre es gewesen, zu zeigen, dass er sich dagegen wehrt. Das vermisse ich in dem Text, aber das wolltest du vermutlich gar nicht zeigen - wie gesagt, dann ist es wieder schlau, dass der Erzähler die Distanz zu Brass wahrt, was will man über die Figur erzählen, wenn die einzigen zwei spannenden Momente seines Lebens (die Rettung des Königs und sein Tod) schon Bestandteil der Geschichte sind?

    Ich geh mal sonst noch über den Text:

    „Doch! Gleichermaßen!“, sagte der weitgereiste Mann in das Gelächter der Männer des Weilers hinein.*
    Ich hab die Bedetung der Sterne auch nicht kapiert.

    Ein paar Monate später, als der weit gereiste Mann mit anderen Männern zurückkam, und Waffen und Pferde dabei hatte und Brass davon in Kenntnis setzte, er müsse für seinen Fürsten kämpfen, zog man Pitt aus seiner Hütte, hängte ihn mit dem Kopf nach unten an einem Querbalken auf und trieb ihm einen Speer von hinten durch den Leib, dass das Blut, was aus seinem Mund kam, von einem solchen Rot war, dass Brass meinte, so müsse Blut aussehen, wenn es nachts vergossen werde.
    Bin kein Fan von dem Satz, ich frage mich, was verloren ginge, wenn man da einen Punkt rein macht. Auch ", dass das Blut" und dann nochmal so ein "dass" klingt nicht so toll.
    Aber du hast den Grund für Pitts Tod schönn subtil eingeflochten, das muss man dir lassen. Irgendwer hats schon erwähnt, ich hab das auch so gelesen dass Pitt im homosexuelle Neigungen unterstellt

    Und vielleicht haben die alten Leute Recht, die sagen, dass das Schicksal mit rot geschrieben werde. Vielleicht haben andere Recht, die sagen, dass Geschichte von vielen kleinen Männern geschrieben wird und nicht von wenigen großen.
    Der zweite Satz klingt natürlich schön, mit diesen Gegensätze viel <-> wenig und gross <-> klein, aber braucht es ihn oder steht er nur da weil er schön klingt? Für mich hat sich zumindest an der Stelle der Zusammenhang noch nicht erschlossen.

    Sonst wimmelt es in manchen Stellen (im zitieren Satz, aber auch schon davor und in der Einleitung) in diesem Text vor zu vielen das/dass (kommt noch der Brass hinzu - ein toller Name, btw! - aber dieses "ass" klingt halt auch dort).

    Brass jedenfalls stand in Reih und Glied.
    Kann einer allein in Reih und Glied stehen? Kann man vermutlich schoh so sagen, ich finde aber es klingt seltsam.

    wenn du dich einfach in eine warmen Ecke kauern kannst
    warme Ecke

    Dem Rittersmann neben ihm hauten sie das Pferd tot und schon bald war der König allein,
    Zu dem Zeitpunkt ist er doch noch Fürst, oder?

    Dachte er daran, dass Geschichtsbücher weitergeschrieben wurden, ob mit oder ohne ihn?
    Der Schluss klingt schräg. Besser fände ich: "ob mit ihm oder ohne ihn"; das ähnlich klingende "ihm/ihn" würde ich hier in Kauf nehmen zugunsten des grammatikalisch falschen "mit ... ihn".

    Manchmal sah er den König noch, aus weiter Ferne.
    Das Komma liess mich erst stutzen, aber es ist klug gesetzt, denn es betont, dass selbst der König sich nicht mehr für Brass interessiert.

    Alles in allem hab ichs gern gelesen, dank der Sprache, dank des Tempos, dank der Symbolik, vor allem am Ende. Aus Brass werd ich nicht ganz schlau, ich denke, du holst in diesem Text aus der Figur, was herauszuholen ist, gleichwohl hättest du sie in meinen Augen auch mit mehr Leben füllen dürfen und ihr einen grösseren eigenen Willen zugestehen dürfen. Aber vielleicht macht das dann auch die Symbolik der Geschichte wieder kaputt und du hast ganz bewusst drauf verzichtet.

    Grüsse,
    Schwups

  10. #10
    Hey Quinn,

    habe die Geschichte heute auf Arbeit gelesen, die Kommentare weniger. Und ich kippe hier gleich vor Müdigkeit um, deswegen nur ganz kurz und morgen arbeite ich nach. Aber meinen ersten Leseeindruck will ich Dir dennoch mitteilen.
    Für mich ist das Thema hier irgendwie der Medienrummel. Da erlebt wer eine Geschichte, die so richtig Kraft hat, das Volk zu unterhalten und dann wird sie ausgeschlachtet (im wahrsten Sinne des Wortes), aber es geht dann gar nicht um die Personen, die Individuen, es zählt nur ihre Geschichte und natürlich die dazugehörigen Einschaltquoten. Ich mag das Ende, wenn Brass sagt: "Nicht" und stirbt, auf der Feier die ja irgendwie ihm zu Ehren gehalten wird und keine Sau bemerkt es. Ich finde das furchtbar traurig. Und wenn Brass zu wenig Persönlichkeit hat, naja, es geht halt auch nicht um ihn. Ist es nie gegangen. Nicht während der Schlacht, nicht danach und auch nicht am Ende. Er steuert lediglich einen Namen bei.

    Morgen mehr ...

    und jetzt ist morgen

    Ich habe gerade die Kommentare gelesen und bin echt beeindruckt, was so alles gelesen wird, aus diesem Text. Respekt.

    Dort, Brass drückte sich dermeist am Feuer herum und würfelte, hörte er zum ersten Mal vom Fürsten. Der Fürst, so hörte er, sei ein stattlicher Mann, stark wie zwei Ochsen und größer als ein großer Mann mit einem mittelgroßen auf den Schultern. Und gewitzt sei er, gescheit wie ein Storch und ein Mann, dem man dienen müsse,
    Ich habe überlegt, ob mir die Wiederholung gefällt und bin zu dem Schluss gekommen, sie gefällt mir nicht.

    Mann und Weib gleichermaßen.
    „Wohl doch nicht gleichermaßen!“, brüllte Pitt dann, der mit am Feuer hockte und würfelte.
    „Doch! Gleichermaßen!“, sagte der weitgereiste Mann in das Gelächter der Männer des Weilers hinein.
    „Dann!“, schrie Pitt noch einmal auf. „Ist der Fürst wohl ein Mann, den man lieber neben als hinter sich weiß!“
    Damit kam ich weniger klar, beim ersten Lesen und ich fand die Homodeutung anfangs ja schräg, aber es macht Sinn, so im Nachgang.

    Aber Brass hatte viele unsinnige Gedanken.
    Das sind so Sätze, die mich auch auf den Forrest Gump Trip gebracht haben. So ein "Junge", den man in seiner Naivität einfach gern hat. Übrigens kenne ich Brass auch als Synonym für Wut, was sich aber mit der Figur hier gar nicht gut deckelt. Weiß nicht, ob ich den Namen wirklich mag, auch wenn er schön klingt.

    Jemand blies in ein Horn, jemand schlug eine Trommel und Brass marschierte.
    Das habe ich sofort geschluckt, dass Brass ein guter Soldat ist. Denkt nicht, fragt nicht, macht.

    Der Mann neben ihm war ein Fischer, schon vermählt, schon Vater, aber nur eine Tochter. Was sollte nur werden? Wo die Aussteuer hernehmen? Der Mann neben ihm war nur ein einziger Sohn, noch nichts gelernt, ...
    Da hab ich erst gedacht, ja was denn jetzt, Fischer oder nix gelernt? Also, dieses neben ihm, da denk ich an ein und die gleiche Person. Aber du meinst im zweiten Satz den Mann neben dem Fischer, oder?

    Die Männer waren noch nicht sehr geschickt im Schlachten, aber mit einigem Eifer dabei.
    Hehe. Sehr schön. Mit einigem Eifer - ich mag das einigen nicht.

    Ein bärtiger Riese mit einer zweiblättrigen Axt sprang auf den weit gereisten Mann zu, Brass wandte seinen Blick nach rechts, wo er das Banner des Fürsten flattern sah.
    Da hab ich gedacht, weil er ja den Tod seines Würfelfreundes so hingenommen hat, ah, doch nicht.

    ... aber jetzt – in der Schlacht auf den purpurnen Feldern wurden sie vom Antlitz der Erde gepickt wie Fische aus einem Teich, wenn die Reiher zurückkommenPUNKT
    Das mochte ich gern. Die Beschreibung des "Heeres" und warum der junge Fürst in die Situation kam, in die er kam. Und natürlich ist es auch die Legitimation für Brass. Der war jung, hatte nix zu verlieren, kräftig und ja, eben ein guter Soldat.

    Und Brass hielt, so erzählte man es sich zumindest später, mit der Rechten den Speer und mit der Linken das Banner des Fürsten und streckte es so lange in die Höhe, bis es – so sang später einmal ein Troubadour – das Banner eines Königs wurde.
    Es blieb das Banner eines Fürsten und blieb es noch, als sich eine Truppe zu ihnen durchgeschlagen hatte. Das Banner eines Königs wurde es erst Jahre später, als eine größere Streitmacht eine kleinere Gegnerschar an einem Ort niedermetzelte, der keinen anderen Namen danach trug. Aber nachts flüsterten die jungen Männer von dem Moment auf den purpurnen Feldern und sahen zum Mann an der rechten Seite des Königs empor und sie träumten.
    Das mochte ich gern. Das Banner des Königs, der gar kein König war. Sondern es erst viel später wurde. In einer Schlacht, die weniger spektakulär war.

    Doch mit dem Reich des Königs wuchs auch die Darbietung, und bald, als endlich Frieden herrschte oder, wie man flüstern könnte, als die Kunde von Krieg nicht mehr bis an den Hof drangen, sagte man Festspiele dazu, ...


    Brass aber schlief gern bis zum frühen Mittag, dann ließ er sich kalten Braten kommen und setzte sich in den Hof, auf seinen Lieblingsplatz. Manchmal ging er in jene dunkle Ecke des Stalls, in der die alten Kriegsrösser des Königs ihr Gnadenbrot bekamen und er fasste ihnen an die Nasen und schnüffelte nach dem Geruch des Heus. Überall schnüffelte Brass herum. Die Mägde in der Küche wagten es nicht, ihn zu verscheuchen, auch die Knechte im Stall nicht, nicht die Pagen der Königin und nicht die Waffenknechte des Königs. Überall war geschäftiges Treiben, jeder schien mit etwas beschäftigt zu sein, auf dem Weg irgendwohin oder von irgendwoher. Nur Brass nicht.
    Das ist so traurig. Da hat sich sein Leben gewandelt, und nun traut man sich nur nicht, ihn zu verscheuchen, weil er doch eigentlich lästig ist. Und Brass selbst, man könnte meinen es ginge ihm gut, aber die Einsamkeit treibt ihn doch um und am Ende hat er nur noch was mit den alten Gäulen im Stall etwas gemeinsam. Oh je.

    Aber Brass redete lieber über Pferdenasen und über das Würfelspiel.
    Manchmal konnte Brass nachts nicht schlafen, dann trank er.
    Den zweiten Satz finde ich ... überflüssig? Ich brauch den echt nicht und die Geschichte, so will ich mal sagen, auch nicht.

    schickte man nach ihm, kleidete ihn an, setzte ihn auf ein Pferd und ließ ihn mit den anderen ausreiten.
    Das ist auch toll. Man macht mit ihm. Brass ist wie ne Puppe.

    „Euer Gnaden“, sagte Brass und der junge Mann nickte ihm zu.
    „Wartet hier“, sagte er, „Ihr seht nicht gut aus, wir wollen doch meine Feier nicht durch einen alten toten Helden verderben.“
    meine Feier!, so sprach er, der Jüngling, in seiner Rolle. Man möchte ihm dafür doch glatt eine hinter die Ohren geben.

    „Ist schon Recht. Es ist ja auch Euer Tag“, wieder lächelte der Erstgeborene. „Passt auf, dass sie Euch nicht die Knochen brechen, wenn sie Euch aus dem Sattel heben. Der Waffenmeister hat gesagt, da geht es manchmal etwas rau zu.“
    Und dann so ein Großmut, mit diesem Lächeln da. Und dieses Herabgeschaue, pass gut auf alter Mann, tu dir nicht weh. Wo ist denn die Wertschätzung hin? Die Ehre? Brass ist so wurscht. Eigentlich stört er ja nur, wie vorher auf dem Hof auch schon.

    Der Erstgeborene lag zu Füßen des Zweitgeborenen, der hatte den Hammer erhoben und zum Schlag angesetzt und wurde von Brass zu Fall gebracht, der zum echten Brass ging, ihm das Banner aus der Hand entriss, sich nun vor den Fürsten stellte und mit angetäuschten Schlägen Barbar um Barbar zu Fall brachte. So ein Spektakel war's, dass niemand sah, wie Brass im Gras der purpurnen Felder verschied.
    So ein Spektakel war's, dass niemand, nicht einmal der junge Brass, vernehmen konnte, was der alte Brass noch zu sagen hatte, als ihm das Banner aus der Hand gerissen wurde: „Nicht.“
    Ja, das fand ich traurig, Und jetzt auch wieder. Irgendwie fühlt sich das alles falsch an, der Held zu sein.

    Habe ich gern gelesen. Bin gespannt, was noch alles draus gelesen werden kann. Gibt sicher noch andere Gedanken zur Geschichte.

    Beste Grüße Fliege
    Geändert von Fliege (30.01.2013 um 11:36 Uhr) Grund: Erweiterung

  11. #11
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    Aktuelles Buch: China Miéville: Perdido Street Station

    Hallo nastro,

    Du zeigst uns eine Geschichte fernab des Klischees „Ritter und Rüstung“. Der Versuch, in einer archaischen Sprache (gemäß der damaligen Zeit) zu schreiben, ist Dir, meiner Einschätzung nach, gelungen.
    Das freut mich, ich denke das ist immer ein Kompromiss, den man da versuchen muss. Es ist ja nicht eine durchgänge archaische Sprache, sondern eine, die so wahrgenommen wird. Ein Surrogat dafür. Wer mal das Hildebrands-Lied gelesen hat, oder womit man Germanisten so quält, der weiß dass „archaische“ Sprache lange nicht so ist, wie die Sprache hier daherkommt. Das will doch auch keiner lesen … ich jedenfalls nicht.

    Bei Brass denke ich zuerst an Messing, aber das ist wohl einerseits berufsbedingt, liegt zum anderen an Ewan McGregor.
    Hier sagt man „Brass“ zu einer Wut im Bauch.
    Aber ich fand den Namen einfach klanglich schön, wenn man auf die Idee kommt, es englisch auszusprechen, weil man Fantasy nur englisch ausgesprochen akzeptiert, ist das für die Geschichte auch okay. Wenn man es „deutsch“ lesen will, auch. Sowohl bei Pitt als auch bei Brass .

    Wortwiederholungen und ein wenig seltsam gesetzte Haupt- und Nebensätze sehe ich als beabsichtigt und – sie gefallen mir.
    Das freut mich, vielen Dank für deine Kritik!
    Quinn


    Hallo Glass,

    Auch, die Rekrutierung, welcher Maßstab sie wohl Pitt ausmustern ließ?*
    Jau, der Pitt hat ja nur zwei Sätze in der Geschichte. Und er verspottet den Fürsten damit, das bekommt ihm nicht gut.

    *Und du kritzelst da schon wieder ein bisschen Gesellschaftskritik mit rein. Der Fürst, das Böse, und ... naja, nirgends das Gute, aber das Dumme, verkörpert durch Brass, der sich viele Gedanken über unsinnige Dinge macht und sich dann von Hörnern und Trommeln führen lässt und von einem schwarzen Reiter.*
    Von Brass sieht man ja sehr wenig. Wenn der als „dumm“ wahrgenommen wird … er ist ja keine „neuzeitliche“ Figur. Ich würde ihn nicht „dumm“ nennen. Aber ich verstehe auch, dass man die Figur so lesen kann.

    Das fällt ein bisschen aus dem Märchenerzähler. Da stelle ich mir den Erzähler so vor: er beugt sich über sein Buch, liest vor und als er das mit dem Blut vorgelesen hat, dem Nachtblut, da hat er zu seinen Zuhörern aufgeschaut und genau das gesagt.*
    Ich finde das macht für mich auch Erzählen aus. Diese kleinen Brüche. Dass es eben nicht von A bis Z so weggeht, sondern dass sich wirklich der Erzähler dann auch mal nach vorne lehnt und was flüstert. Ich mag das gern.
    Ich hab zu Weihnachten wie jedes Jahr wieder den Grinch gesehen und meine Lieblingsstelle ist, wenn der Erzähler seine Reime vorträgt und der Grinch die Sätze vollendet oder genau das tut, was der Erzähler sagt, oder dem erzähler bedeutet, jetzt müsse er aber mal leise sein. Ich mag das gern.
    Und ich finde meine Geschichten, ich schreib sie jedenfalls so, sind auch Geschichten zum vorlesen. Wie da die Betonung ist, wie einzelne Sätze klingen, dann ist dem Leser überlassen.

    Ein Text von mir wurde mal vertont, es waren exakt meine Wörter mit anderer Betonung und ein paar Soundeffekten – der Text hatte durch das Vorlesen vielleicht noch zu 60% was mit dem gemein, den ich in meinem Kopf hatte.

    Da schmiedest du ihm die Symbolik um den Leib und das passt wunderbar zu der Szene, als er später am Boden liegt, mit seinen Fragen, die er vielleicht hat und dem Hammer über dem Kopf, dem großen Fragezeichen.*
    Der Hammer als Fragezeichen das gefällt mir sehr.

    Pfui! Die eingeschobenen Fragen haben mir gar nicht geschmeckt.*
    Ja, das ist wie mit Ausrufezeichen, denke ich.
    Es ist eine Frage, wie man das betont und auffasst. Ich kann verstehen, dass man die zwei Sätze so lesen kann, dass sie einen nerven. Ich werd die auch rausnehmen, denke ich.

    Das ist schon ziemlich heroisch, aber auch irgendwie cool, wie in einem guten Comic!*
    Ja, fiz hat ja schon viel dazu gesagt. Ich fand das hier auch spannend als Idee, dass man hier praktisch vom „echten“ noch die Beine sieht, und dann geht es den Arm hoch und der Mann ist zu einer Heldenfigur, zu einer Statue, erstarrt. Das hat schon was von einem Comic, ja.

    Du meinst, die metzeln die Leute da nieder und schlagen dem Ort den Namen vom Kopf.*
    Nee, aber offenbar wird es so gelesen. Gedacht war hier: Der Ort einer bedeutenden Schlacht kriegt nach der Schlacht einen neuen Namen, der Ort einer unbedeutenden Schlacht nicht.

    So etwas ist natürlich böse. Man veranstaltet eine Feier wegen einer Heldentat. Und dann ist gar nicht der Held so wichtig. Da geht es nur um die Heldentat. Schon traurig irgendwie. Aber die Wahrheit.*
    Als es diesen Amoklauf in Erfurt gab, gab es auch einen Lehrer, der zu einer Art Held wurde und die Ruhe behielt, Kinder gerettet hat. Der hat dann danach auch ein bisschen gestört. Also das ist natürlich eine extrem schwierige Situation gewesen und das ging durch die Medien und wurde diskutiert, ich will auch keinem wegnehmen, sich die Fakten da selbst zu erschließen, aber das ist schon ein spannendes Thema. Was macht man eigentlich mit einem Helden? Die US-Army schickt die Helden dann auf Promotion-Tour, um Rekruten und Sponsoren zu gewinnen.

    *Erst lebt man mit Brass, man steckt in seiner Rüstung, hört das Trommeln, draußen und in seinem Herzen und dann hält er das Banner hoch, SAGT MAN! Das fand ich genial, wie die Tat schon beim Erzählen zur Legende wird.*
    Das freut mich sehr.

    Brass ist tot, hoch lebe Quinn!*
    Immer wenn ich sowas les, hab ich Lust: Tod dem Tyrannen großer Bozo! zu schreien.

    Hat mir Spaß gemacht, deine Kritik zu lesenn, die ganzen Detailanmerkungen sind nicht verloren, ich hab schon viel dran gespachetelt, ich werd sicher noch mehr dran machen
    Quinn

    Hallo Novak!

    Er ist für mich, bei allem Liebenswerten, der geborene Untertan. So einen wie ihn wünscht sich doch ein jeder Regent. Fügt sich immer in seine Rolle, ganz egal, was man von ihm verlangt. Rettet seinem Fürsten/König den Kopf und verdient sich ein Leben am Hof, wo er verloren vor sich hintrottet, und das Banner hütet bis zum letzten Atemzug.*
    Wir sind da ja auch sehr von unserem Blickwinkel beeinflusst, wenn wir Figuren so sehen. So ist das mit jeder Art von Fantasy und „Historical“ oder wie man es nennen mag, ja.
    Da ist eine ungebildete Frau irgendwo im Nichts, aber sie benimmt sich wie eine emanzipierte, neuzeitlich denkende Frau, mit der man sich identifizieren kann: Die arme Frau – die Inquisition will sie verbrennen – versteh ich, mein Chef ist auch immer so fies zu mir, weil ich „anders“ bin.
    Also ich hab hier neulich irgendeine Ausschreibung gelesen … 3. Jahrhundert nach Christuns, römische Legion auf dem Weg ins germanische Niemandsland, aber die Heldin ist stark, modern und emanzipiert … ich stöhn da immer ein bisschen. Wenn's verfilmt werden würde, hätte sie sicher toupierte Haare, perfekte Zähne und eine sehr gut kaschierte Blinddarmnarbe … also.
    Sogar beim Lied von Eis und Feuer gibt es sehr, sehr neuzeitliche Figuren (Tywin, Tyrion, Littlefinger – das ist ein Personal, das in einer Welt des 11./12. Jahrhunderts operiert mit Mitteln, die sie befähigen, auch 1910 in Chicago zurecht zu kommen – Cersei ist eine post-feministische Figur, Bronn lebt den amerikanischen Traum usw. - ist egal ).

    Ich will nur sagen, wenn man Fantasy vorgesetzt bekommt oder History – da muss man vielleicht wieder mehr darauf achten, die Figuren auch als so fremd wahrzunehmen wie sie einem sein sollten. Aber der Autor will natürlich, wenn er erfolgreich sein will, grad das dann wieder nicht, sondern viel Identifikation. Ich hab das hier so versucht, dass der Brass wirklich wenig selbst macht und viel offen bleibt, und dann ist halt die Sache: Der ist blass oder der ist ein Vollpfosten.

    Und eigentlich, denkt sich der moderne Mensch, hätt ein Brass doch da ein wenig misstrauisch werden können/müssen, dass das Bewachen von Fürsten dem normalen Menschen nicht zuträglich ist.*
    Nun ja, du zeigts ihn als einen lieben, aber auch etwas tumben Menschen, der seinem Ziel treu bleibt, wie ein altes Pferd.*
    Also,, um Brass zu verteidigen, er hat einen Moment der Rebellion, wenn er den Unteroffizier, der ihn rekrutiert hat, verrecken lässt.
    Ansonsten war es für mich reizvoll, ihn eher als so eine Art „schwarzes Loch“ zu lassen, dass man die anderen Figuren vielleicht besser versteht als ihn. Den Fürsten eher als ihn, Pitt eher als ihn.
    So kann man über Brass spekulieren aus dem Text heraus. Das ist ja auch eine spannende Frage, finde ich. War der jetzt glücklich? Hätte er's nochmal gemacht?

    *Auch dass es die Leute verschmelzen lässt, so dass man Anteil nimmt an ihren Geschicken. Kennst du Erich M. Remarque, "Im Westen nichts Neues"?*
    Ich meine das Buch, da kommen sich die Soldaten auch so nah, dass sie wahnsinnig viel voneinander wissen.
    Ich hab das mal gelesen, aber hab es nicht mehr so präsent. Ich bin aber auch mal eine Weile marschiert und man hat da natürlich „Gedanken“.

    Hier, da spielst du wirklich so ein bisschen mit Brecht. Erinnert mich an Fragen eines lesenden Arbeites, ganz entfernt natürlich nur, aber es ist da in dieser Idee, dass die Geschichte von kleinen Männern gemacht wird, und Brass jedenfalls als Vertreter der Kleinen schon bereit steht. Ich mag das sehr.
    Ja, klar. Ich hab viel Sympathie für Brecht. Ich hab die Geschäfte des Herrn Julius Cäsar auch gelesen und die Fragen eines lesenden Arbeiters natürlich, die Keunergeschichten liebe ich, die Dramen zum Teil. Das ist sicher einer der Einflüsse hier. Fiz sagt da in ihrem Kommentar auch viel dazu.
    Die Geschichte wird von allen geschrieben, von großen und von kleinen Männern und von der Geschichtlichkeit selbst, weil letztlich Geschichten hängen bleiben und ins Gedächtnis der Menschheit eingehen, weil die Geschichte toll ist. Warum erinnert man sich denn, um bei Brecht zu bleiben, an Hannibal? Weil das eine geile Geschichte ist. Mit Elefanten über die Alpen! Und er gewinnt und gewinnt und erreicht doch nichts. Warum erinnert man sich an Pyrrhus, warum an Cäsar, warum an die Schlacht im Teutoburger Wald. Es gibt da viele Gründe für, auch historische Bedeutung usw., aber vor allem, weil es halt die besten Geschichten sind.
    Weil da irgendeine „Lehre“ verborgen ist, weil Leute das sehen und begreifen und was spüren.
    Also wenn man jetzt hier den Text nimmt: Fragen eines lesenden Arbeiters von Brecht; und das Gedicht von Kästner mit dem Schmitt, Kurt Schm. Genau.

    Hat mir ausgesprochen gut gefallen. Ein kleines Meisterwerk. Und "kleines" sag ich auch nur, damit du schön bescheiden bleibst.
    Das freut mich, du weißt ja, dass ich mich von dir sehr verstanden fühle!

    Gruß
    Quinn

    Hallo herrlollek,

    Also mich stört das voll, dass da so ein erklärender Ton mitschwingt und bei mir kommt auch die ganze Geschichte so sehr zeigefingermäßig an, da ist insgesamt ziemlich wenig Platz für den Leser, finde ich. Die wirkt so komponiert und strukturiert und ich weiß, du magst es gerne, wenn Geschichten gut konstruiert sind, aber die wirkt auf mich zu sehr konstruiert.*
    Jau, ich kann das nachvollziehen. Das war ja bei Focks auch schon, dass du dich gefragt hast, ob du das gut fändest als „einfacher“ Leser.
    Ich hab Lust auf sowas einfach. Ich würd das auch gerne selbst lesen. Ich hab Lust auf solche Erzählkonstruktionen. Ich finde für den Leser ist hier schon viel zu tun. Sicher kann ein Leser sich auch hier Gedanken machen, kann den Erzähler vielleicht wiederum hinterfragen.
    Ich hab den Text vorher in der 3. Person Singular gehabt, personal, dicht an Brass, so ein unechter personaler Erzähler – es hat nicht geklappt. Es hat mich einfach nicht gekickt, da lagen da so 3 Absätze ewig rum, und ich hab noch häufig über die Geschichte nachgedacht und hab rumgesponnen an ihr, mit dem personalen Erzähler hab ich diese Geschichte nicht hingekriegt. Ich fand sie doof.So 300 für Arme halt.

    Das kommt mir vor wie die Eckdaten einer großen Geschichte, die viel zu wenig Platz hat, sich zu entfalten. Das ist doch eher möglich auf Langstrecken solche Dinge erfahrbar zu machen. Dass man sich selbst dann irgendwann denkt, so nach 300 Seiten: uiuiui, da schreibt aber einer die Geschichte anders, als sie tatsächlich gewesen ist, ich war doch selbst dabei auf dem Schlachtfeld, weiste, was ich meine ...
    Ich versteh schon, aber ich finde die Geschichte so wie sie ist, funktioniert für mich auch. Und wenn man da ein 300 Seiten Epos draus machen würde oder Fantasy-Länge eben – da sind wir bei 800 Seiten, so könnte man die Geschichten auch erzählen.
    Ja, klar. Aber es wär halt eine ganz andere Geschichte. Da hättest du dann viel Füllermaterial drn, da wär Pitt halt über 10, 12, 15 Kapitel, bis er es übertreibt und umkommt, das wär dann das Ende des 1. Aktes. Dann im 2. Akt Brass bei der Armee, er freundet sich mit Leuten an, lernt viel, lernt den Fürsten kennen. 3. Akt die Heldentat, die ruhmreichen Jahre. 4. Der Niedergang, er wird ausrangiert. 5. Akt Das Finale. Klar könnte man das alles auch mit vielen Kapiteln erklären, aber … mich stört das oft. Diese ewig lange Füllsel-Literatur – bin da kein Freund von.
    Ich finde was in der Geschichte drin sein musste, war drin.
    Also ich bin nicht der Auffassung, dass eine Kurzgeschichte dann so beschränkt in den Mitteln ist, dass sie nur diesen ganz engen Fokus haben darf. Es ist natürlich schon ein Spiel mit Motiven hier, mit „Was passiert dazwischen“, es ist ein Leben in 4 Szenen erzählt, wenn man so will: Schänke, Schlachtfeld, Burg, Schlachtfeld. Natürlich findet dazwischen auch Leben statt, auch vorher, aber für den Zweck der Kurzgeschichte hier finde ich es nicht zwingend erforderlich, das mitzuerzählen, kann aber verstehen, wenn es wem fehlt.

    Ist doch dieses Thema des alten Helden, das Jimmy einige Male hatte, das du auch sehr magst, es ist dieses Thema in einem ganz anderen Umfeld, nicht an einer Bar, nicht im Fanblock, anders verpackt, in einer anderen Zeit, eine gute Idee, und ich könnte mir vorstellen, dass mir das sehr gut gefallen könnte, wenn es nicht diese Art von zusammenfassender Erzählung wäre, wenn es szenischer wäre und mir dieser Brass etwas ans Herz wachsen könnte.
    Jau, man hat da halt andere Prioritäten einfach. Also ich finde „Szene“ und „Identifikation“ auch wichtig. Ohne geht es für mich auch nicht, aber bei „Identifikation“ ist für mich auch „Interesse“ okay und wichtig. Und bei „Szenen“ finde ich auch „Szenische Zusammenfassung“ okay. Mir reicht dann auch mal sowas wie hier. Also das mein ich ganz Ernst, das ist eine Geschichte, auf die ich Lust hatte, und wenn die ein anderer geschrieben hätte, hätte ich auch Lust drauf gehabt.
    Und das ist ja letztlich das einzige, was zählt.

    Danke dir für deinen kritischen Kommentar, ich speicher das alles und nehm mir das zu Herzen
    Quinn

    So den Rest mach ich später, ist toll, dass so viele lange und intelligente Kommentare zu dem Text bereits kamen, ist wirklich beeindruckend ,wie sich das Forum im letzten Jahr entwickelt hat, freut mich sehr.

    Nur eins noch: Die „Sterne“ - ich hab einen neuen Rechner, Open Office drauf und das macht komische Dinge bei Copy'n Paste. Das ist alles. Keine tiefere Bedeutung.
    Geändert von Quinn (29.01.2013 um 11:45 Uhr)

  12. #12
    Hallo Quinn!

    Bei deiner reizvollen, lesenswerten Geschichte steige ich mal hier ein:

    Der Fürst, so hörte er, sei ein stattlicher Mann ... und ein Mann, dem man dienen müsse, Mann und Weib gleichermaßen.
    „Wohl doch nicht gleichermaßen!“, brüllte Pitt dann, der mit am Feuer hockte und würfelte.
    „Doch! Gleichermaßen!“, sagte der weitgereiste Mann in das Gelächter der Männer des Weilers hinein.
    „Dann!“, schrie Pitt noch einmal auf. „Ist der Fürst wohl ein Mann, den man lieber neben als hinter sich weiß!“
    Ich stimme Novak zu, dass hier auf die Homosexualität des Fürsten angespielt wird. Und da der Spötter deswegen hingerichtet wird, und zwar auf Befehl des Fürsten, wie der Leser vermuten darf, muss diese Anspielung den Fürsten getroffen haben, es dürfte also etwas dran sein. Als homosexueller Mann, der weichlich und feminin ist, passt der Fürst dann nicht so recht in die raue Männerwelt des Mittelalters und schon gar nicht in die Rolle des Monarchen, der damals immer zugleich Heerführer, Kriegsherr war, also ein richtiger Mann sein musste. Und da wären wir bei der Schlacht:

    Diese Schlacht wäre nun für den noch jungen Fürsten, dem auch noch Homosexualität nachgesagt wird, die beste Gelegenheit, seinen Mann zu stehen, sich als würdiger Nachfolger seines Vaters auf dem Thron und an der Heeresspitze zu erweisen, in die Rolle des Landesvaters und Heer-zogs hineinzuwachsen. Doch leider wird er vom Pferd geworfen und gerät in die Rolle eines hilflosen Kindes, das beschützt werden muss:

    Es gibt Momente, die kann ein Fürst aus dem Gedächtnis der Welt tilgen, wenn er genug Zeit hat, und wenn er jemanden hat, wie Brass, ... der sich vor den Fürsten stellte in den Matsch auf den purpurnen Feldern und der seinen Fürsten bewachte wie eine Wölfin ihr Junges.
    Der Fürst, dem Homosexualität nachgesagt wird, hat auf dem Felde der Ehre Schwäche gezeigt und muss von seinem Sohn noch nach 30 Jahren in Schutz genommen werden:

    „Diese Rüstung“, sagte der Erstgeborene, während sie auf ihren Pferden saßen und auf den Einsatz warteten, „dieses klobige Ding, es ist kein Wunder, dass mein Vater damals fast verreckt ist. Und dieses Schwert? Es ist stumpf und schlampig tariert, wie soll man damit zuschlagen können?“
    Das unrühmliche Versagen des Landesvaters wird auf Rüstung und Schwert geschoben.

    Und das "Gejohle" des Publikums, also der Untertanen

    bevor der (Fürst) selbst vom Pferd gezogen und von dem Barbar mit dem riesigen Hammer unter dem Gejohle des Publikums auf den Boden geworfen wurde.
    deute ich als spöttisch: die Landeskinder lachen ihren homosexuellen Monarchen aus.

    Der Tod des alten Brass am Schluss lässt sich deshalb als Racheakt deuten, in Auftrag gegeben vom König oder vom erstgeborenen Sohn.

    gerne gelesen
    Gruß gerthans

  13. #13
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    Aktuelles Buch: Andre Dubus - Tanz zu später Stunde

    Hallo Quinn,

    traurige Geschichte, die du da verfasst hast.

    Ich habe die anderen Kommentare nicht gelesen, deswegen ein ganz frischer Eindruck. Sprachlich toll, liest sich sehr "vintage", sehr oral erzählt, ist eine Kunst, dies so hinzubekommen. Ich mag die Stimme, die du hier verwendest, sie klingt eben ein wenig nostalgisch, aber nicht verstaubt, alles bleibt klar, bei vielen Märchen habe ich immer das Gefühl, da wird geschwurbelt und alles extra nebulös formuliert. Hier nicht.

    Für mich die stärksten Szenen: Schlachtfeld und die Festspiele. Die sind eindrücklich und sehr intensiv, und ich hätte dann am Ende auch gerne weitergelesen, man will automatisch mehr erfahren; das ist natürlich nicht logisch oder so, nicht rational, es ist eher ein Gefühl, mehr von diesem Stoff erfahren zu wollen.

    Das Thema ist ein großes, der vergessene Held, der nach seiner Heldentat nicht mehr so recht weiterweiß, bzw niemand weiß, wie es mit ihm weitergehen soll. Die Szene mit den Pferden, ein Gleichnis, die alten Kampfrösser und das Gnadenbrot, und er, der alte Held, ja auch, nur eben anders. Das ist wirklich gut gemacht an dieser Stelle, sehr eindrücklich, sehr nachvollziehbar. Auch, dass die Ur-Szene sich verändert, die Festspiele müssen her, alles wird immer aufgeblasener, dekadenter, größer, irrsinniger.
    Ein Schicksal.

    Sehr gerne gelesen, in sich stimmig, gerne mehr davon!

    Gruss, Jimmy

  14. #14
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    Aktuelles Buch: Schulze: Vom Reich der Franken zum Land der Deutschen

    Es tut Not zu wissen,
    was man da eigentlich schreibt,

    lieber Quinn,

    und ich frage mich, wem mit Wissen Leid angetan wird oder werden soll, nichts anderes besagt nämlich die Eingangsfügung.
    "Not tun?"
    Not = Zwang, Bedrängnis –
    seltsame Konstruktion, die altertümelnd tut, aber doch gerade hier erst erfunden wird (selbst wenn es diese Konstruktion oder ähnliche landschaftlich gibt, Du schreibst doch Hochsprache und nicht Platt) im ach so ereignisreichen zwoten Jahrzehnt des 3. Jahrtausends. Achthundert Jahre zuvor hieß es noch grammatikalisch korrekt z. B.
    „wunden nôt hân“, (Nibelungenlied 267.1)
    an Wunden Not haben, leiden,
    und für sich allein genommen bezeichnete nôt die Gefährdung im Kampf.

    Kurz: keineswegs tut oder tat man Not, man erleidet, man hat sie!

    Aber die Denkwürdigkeiten gehen weiter
    … dass Brass ein einfacher Mann war.
    Zum Stichwort Brass gibt der Duden tatsächlich Auskunft: Brass, Brassen, siehe Brachse (Duden Bd. 7, S. 109) rechte Spalte und in der linken wird eben die Brachse als Fisch bezeichnet. Die Brachse wäre also ein karpfenartiger Fisch. Nun ja, Fisch bin ich auch. Wäre ich Vogel, ich hätte keine Schuppen.

    Aber des Wortgeklüngels hats damit noch kein End, da kümmt uns
    dermeist
    übern Weg.

    Dermeist?

    Immerhin gibt’s in meinem bescheidenen Buchbestand eine Fundstelle dieser Kombination, freilich verkleidet und von andern Buchstaben umschlossen, bezeichnenderweise in Gottfried Kellers Kleidern machen Leute und zwar verborgen im "Schneidermeister" …

    Erkennt einer selbständig "dermeist" darinnen? Für alle Fälle sei's kenntlich gemacht: SchneiDERMEISTer.

    Sollte da jemand aus Seldwyla stammen?

    Ach nein, wir sind im Fantasialand.

    Gruß

    Friedel

  15. #15
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    Aktuelles Buch: Candide, Voltaire

    Hallo Quinn,

    am besten gefällt mir der Stil, der den einfachen Wortschatz und die einfache Denkweise dieses einfachen Mannes wiedergibt. Ist das inspiriert von Wolf Haas? Das wird haften bleiben und als Anregung mitgenommen.

    Die Geschichte ist gut erzählt und beschreibt die Inszenierung historischer Ereignisse. Weil das in unserer Realität auch passiert, wirkt sie relevant. Auch die beschriebene Art der Machtausübung ist realistisch: Pitts Tod soll den Leuten zeigen, was Sache ist.

    Wo es meiner Meinung nach Raum für Verbesserungen gibt: Die Schlachtszene! Da fehlen Angst, echte Schmerzen, Durst, Kälte, Blut und Schweiß. Mit Figuren, die sich nicht fürchten und die nicht leiden, wirkt das wie die Beschreibung des Gedränges in einem Kaufhaus.

    Bei der Schilderung von Brass‘ einfachen Freuden in den späten Jahren habe ich an einen gewissen Skandal gedacht, der momentan überall in der Zeitung steht.
    Dein breites Wissen über Filme und TV-Serien kommt dir beim Schaffen interessanter Situationen sichtlich zugute.

    Freundliche Grüße,

    Berg

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