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Alles Gute!

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09.04.2003
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Alles Gute!

Ich sitze gerade bei meinem Großvater, einem rüstigen 59-jährigen, um ihm beizustehen. Es ist ein bewölkter Nachmittag in einem New Yorker Vorort. Er wird um 00:01 60 Jahre alt werden. Geburtstag.

So wundervoll diese Tatsache eigentlich wäre, genauso niedergeschlagen sind wir alle. Meine Mutter, Onkel Joe, Großvater und ich sitzen um den alten, hölzernen Tisch im Wohnzimmer. Er ist ziemlich dunkel, fast schwarz. An diesem Tag, so blank poliert, dass ich von meiner eigenen Fratze angegrinst werde. In den drei Jahren Wehrdienst ist sie nicht hübscher geworden. Meine lange, mehrmals gebrochene Nase ragt wie ein Obelisk mit Schlagseite aus meinem Gesicht. Die Verbrennung auf der linken Seite hat eine hässliche rosa Färbung angenommen, die wohl auch nie wieder verschwinden wird. Ein paar Strähnen meines ehemals dichten schwarzen Haares zieren meine vernarbte Kopfhaut. Ein Exempel des Gruppenkommandanten nachdem ich mich ein paar anderen Wehrdienstleistenden angeschlossen hatte, die sich unerlaubt vom Lager entfernten, um in einer Bar ein paar Mädels aufzureißen. Dort habe ich Rachel kennen gelernt und einmal gevögelt. Nach dem kleinen Unfall tat ich das nicht mehr. Ich konnte sie damals verstehen, auch heute noch, aber ich hasste sie zugleich, so wie ich es auch heute noch tue. Diese oberflächliche Schlampe fand nicht einmal, dass es nötig wäre sich von mir zu verabschieden. Sei es wie’s sei. Ich hab sie, nachdem ich aus dem Krankenhaus kam, mit dem Auto überfahren. Nicht absichtlich, nein. Man will es kaum glauben, aber die verdammte Kuh wollte mich doch tatsächlich zuhause besuchen. Sogar mit Blumen und einer netten Karte, auf der „Gute Besserung!“ stand, die sie nach ihrem Tod verkrampft in ihren Händen hielt. Zwei Jahre Strafdienst in der Armee brachte mir diese Aktion ein. Auf unserer Welt herrschen nun mal komische Gesetze und das die Todesstrafe für Mörder abgeschafft worden war, verdankte ich nur dem Krieg der damals tobte. Ein Krieg an dem nur Freiwillige und Straffällige teilnahmen. Das brachte mir die anderen Narben ein. Auch ein paar ausgeschlagene Zähne, gebrochene Knochen, aber diese Mängel konnte ich zum Glück beheben lassen.

Mutter sieht verdammt mitgenommen aus. Genau wie wir alle bringt sie kein Wort heraus. Sie sitzt in einem alten Schaukelstuhl. Ein groteskes Bild, wo sie doch erst 42 ist. Ihr geht die ganze Sache unglaublich zu Herzen. Tränen sammeln sich in ihren Augenwinkeln, setzen sich langsam in Bewegung, dann immer schneller, getrennt an der Nase vorbei in die nächste Sorgenfalte, um dann völlig geräuschlos vom Kinn herunterzutropfen. Sie hat ein Taschentuch in der Hand, trotzdem hat sie sich noch keine einzige Träne abgewischt. Etwas Wimperntusche vermischt sich mit der Flüssigkeit. Der Weg der von den Tränen zurückgelegt wird, verwandelt sich in eine schwarze Rutschbahn. Ihr schwarzes Haar ist unordentlich, was für sie völlig untypisch ist. Ich kann’s ihr nicht verdenken. Das letzte Mal habe ich sie in so einem Zustand gesehen, als mein Vater verstorben war. Vater hatte das Pech, dass der Krieg schon lange vor seinem Verbrechen vorbei war. Die Gesetze hatten sich nicht unbedingt zu seinem Vorteil verändert. Ich bin mir sicher er hatte den Laden nicht ausgeraubt. Aber es war nun einmal Gesetz, dass Verdächtige in einem Verbrechen, ab der zweiten Stufe hingerichtet wurden, wenn innerhalb von drei Wochen kein Schuldiger gefunden wurde. Keiner weiß wie die fragliche Kanone in unser Haus gekommen ist, aber der Kassier war davon erschossen worden. In unserer Nachbarschaft waren schon viele Leute hingerichtet worden, in der ganzen Stadt, ja sogar auf der ganzen Welt. Zumindest konnte Vater sich seinen Tod aussuchen. Manche andere Sträflinge hatten nicht dieses Glück. Statt dem Strick, der Gaskammer oder dem elektrischen Stuhl, hatte er Gift gewählt. Wir hatten nicht soviel Erfahrung mit Hinrichtungen, sonst hätte ihm sicher jemand gesagt, dass es ein unglaublich langsam wirkendes Gift sein würde, welches noch dazu unglaubliche Schmerzen verursachte. Ohne ihn war meine Mutter nicht mehr dieselbe und nun würde ihren Vater genau dasselbe Schicksal ereilen.

Onkel Joe scheint wie immer gelassen zu sein. Er ist der ältere Bruder meines Vaters. Mit seinen 50 Jahren hat er aber noch einige Jährchen vor sich. Seine Haut zeigt nicht die geringste Falte. Wie er sich so fit und jung hält, weiß niemand. Das jugendliche Antlitz ist frei von Sorge, aber mit dem nötigen Ernst ausgestattet. Obwohl er immer gut zu mir war, hat sich trotzdem nie eine enge Bindung zwischen uns entwickelt. Er ist immer da wenn man ihn braucht, aber eigentlich suchten wir nie den Kontakt mit ihm und er war uns dafür dankbar. In Situationen wie dieser aber gebietet es einfach die Etikette, dass die Familie zusammenkommt. Und da nicht mehr viel von unserer Familie übrig ist, die meisten starben an Altersschwäche, manche wurden so wie mein Vater hingerichtet und viele fielen im Krieg, muss man doch umso mehr zusammenhalten.

Ein schwarzer Wagen fährt vor das Haus meines Großvaters. Ich sehe ihn durch das Fenster im Wohnzimmer, wobei mir auffällt, dass sich dieses Gefährt scheinbar völlig lautlos bewegt. Es handelt sich dabei um einen Kombi älterer Bauart, wobei der hintere Teil durch schwarze Vorhänge undurchsichtig gehalten wird. Ein großer Mann in Schwarz steigt aus. Er trägt einen gleichfarbigen Hut und an seinem Hals prangt der Priesterkragen. Nachdem er sich noch einmal kurz in seinen Wagen gebeugt hat und nun einen metallenen Koffer in seiner Linken hält, bewegt er sich Richtung Eingangstür. Ein Todesbote steht vor unserem Haus.
„Der Leichenwagen ist da!“ Ich blicke meinem Großvater direkt in die Augen.
Er reagiert mit einem Schulterzucken. „Die sind doch immer pünktlich!“
Wir wissen beide was der Mann vorhat. Zuerst will er läuten und hofft sich so friedlich Zugang zu verschaffen. Wenn es soweit ist, wird er Großvater fragen wie er sterben möchte. Normalerweise wird Gift gewählt. Für diejenigen, die aufgrund ihres Alters sterben müssen, ist es weit weniger schmerzhaft. Danach wird der Sterbende noch gebeten mit nach draußen zu kommen und sich hinten in den Leichenwagen zu setzen, um unnötige Schlepperei für den Todesboten zu vermeiden.

Alle 60-jährigen müssen sterben. So sieht es die Verfassung nun mal seit der großen Wirtschaftskrise vor, die auf den 3. Weltkrieg folgte. Unglaublich welche Dramen sich zu dieser Zeit abgespielt haben. Eigentlich wurde die amerikanische Bevölkerung aus dem Krieg so gut raus gehalten, wie es nur möglich war. Doch kurz vor seinem Ende, das war ungefähr 2015 schwappte die Welle der Gewalt auch auf den amerikanischen Kontinent über. In Asien und Europa waren biologische Waffen eingesetzt worden, welche große Teile der Landfläche unfruchtbar machten. Auch die atomare Verseuchung war weit verbreitet, aber nicht die größte Bedrohung. So kam es dazu, dass die Chinesen und Russen vor ihrer Niederlage jede Menge dieser Waffen direkt gegen den amerikanischen Kontinent einsetzten. Nachdem unsere Feinde ihre Niederlage eingestanden hatten, saßen wir auf einem unglaublichen Scherbenhaufen. Die Nahrungsmittel waren zu knapp, um alle Menschen, die sich auf der Erde zu dieser Zeit tummelten, auch zu ernähren. Durch die horrenden Preise für Nahrungsmittel wurde die Kaufkraft für andere Waren auf ein Minimum, das sich eher gegen null bewegte, reduziert. Infolge waren die Staatsoberhäupter der ganzen Welt dazu gezwungen einen Pakt mit dem Teufel einzugehen. Es wurde beschlossen, dass jeder Staat seine Bevölkerungszahl auf ein Zehntel des Standes von 2010 zu vermindern hatte. Und es sollten nur die „wertvollen“ Mitglieder der Gesellschaft übrig bleiben. Verbrecher und Behinderte wurden innerhalb eines Jahres hingerichtet und die Ein-Kind-Regel wie in China eingeführt. Als man merkte, dass es viel zu lange dauern würde, um sich der nötigen Anzahl an Staatsbürgern zu entledigen, ließ man auch alle über 60-jährigen hinrichten. Zum Wohl der Menschheit wurde damals behauptet. Seitdem wurden die Todesboten eingesetzt, um die ganze Sache schnell und sauber zu erledigen.

Es klopft an der Tür. Einmal, zweimal, dreimal. Man kann die Kraft, die dahinter steckt förmlich spüren. Ich sehe jedem in der Runde noch einmal in die Augen. Was ich sehe sind Angst, Betroffenheit und Trotz. Alles Gefühle die ich mit meinen Verwandten teile. Die Angst durchströmt mich wie Gift, das jede meiner Handlungen hemmt. Ich möchte meinen Großvater nicht verlieren. Nicht heute, sondern an dem Tag, an dem die Natur seinen Tod vorgesehen hat. Und obgleich es wie ein selbstmörderisches Unterfangen aussieht, so werde ich doch nicht einfach daneben stehen, wenn dieser Unheilsbringer einem meiner letzten Angehörigen nach dem Leben trachtet. Ich nehme die Pistole die vor mir auf dem Tisch liegt. Sie besitzt einen Schalldämpfer, schließlich will niemand unnötiges Aufsehen erregen. Onkel Joe hat auch eine Waffe, für den Fall, dass ich danebenschieße oder irgendein anderer Unfall passiert. Langsam stehe ich auf und bewege mich mit kleinen Schritten auf die Tür zu, die anderen folgen mir. Die Waffe verstecke ich hinter meinem Rücken, während ich die Türklinke nach unten drücke. Der schwarze Mann steht mit einem makaber anmutenden Grinsen vor der Tür. Beinahe erschieße ich ihn schon bevor er das Haus betritt, aber ich kann meine Wut gerade noch zügeln.
„Guten Tag! Kommen sie herein.“, sage ich übertrieben freundlich zu dem unerwünschten Eindringling, der die Aufforderung dankbar annimmt. Sein Blick findet sofort meinen Großvater und fixiert ihn.
„Es ist an der Zeit Sir.“ Seine Stimme ist ein tiefes Grollen, das über uns hinwegrollt.
Ja. Es ist an der Zeit für dich du Schwein.
So schnell ich kann, bringe ich die Kanone vor meinen Körper und ….
Ich höre das Geräusch, das eine schallgedämpfte Pistole macht, aber ich habe noch nicht gefeuert. Zwei weitere Male höre ich das einprägsame Geräusch. Als mir die Waffe aus der Hand fällt und ich ihr nachblicke, verliere ich das Gleichgewicht und kippe vornüber. Ich spüre wie mein Blut aus meinem Körper strömt. Ich sehe meine Mutter die direkt vor mir liegt und Großvater, der ein winziges Loch in seiner Brust aufweist, welches ihm den sinnlosen Tod bescheren wird, den ich verhindern wollte.

Ich sehe meine eigenen Tränen auf den Boden fallen. Verwirrung gepaart mit Verzweiflung durchströmt meinen Geist. Wie konnte es nur so enden? Ich erblinde. Ich falle. Ich bereue nichts.
Eine Welt ohne Vertrauen, Rücksicht oder Mitgefühl ist ohnehin der falsche Ort für Menschen.

 

Hallo Bheliaz,

deine Einleitung hat mich direkt neugierig gemacht - 60. Geburtstag und Trauer :hmm:
Tja, was soll ich zu deiner Geschichte sagen? Sie ist sehr sarkastisch, eine Art Persiflage auf die zukünftige amerikanische Gesellschaft. Einige Stellen waren mir zu extrem, wie z.B. die Beschreibungen des Wehrdiensts, das Überfahren der Frau, der Schluss. Gefallen hat mir, dass bestimmte historische Phänomene in deiner Geschichte auftauchen und in die Zukunft projiziert werden. Bestimmte Dinge kehren wahrscheinlich wirklich immer wieder. Nur irgendwie war mir das zu wenig. Ich hätte mir einige detailliertere Beschreibungen der gesellschaftlichen Situation gewünscht, da mir der Ansatz wirklich gut gefallen hat.

Ein Fehler ist mir ins Auge gesprungen:

„Guten Tag! Kommen sie herein.“,
Der Punkt ist zuviel

Liebe Grüße
Juschi

 

Hallo Juschi!

Erstmal danke für deine Kritik. Es ist ja nicht so, dass man sich kaum der Kritiken erwehren kann, die auf einen einströmen.

Ich bin mir sicher, dass dieses Thema noch viel mehr Ausarbeitung verdient hätte, aber die Geschichte ist nun mal so geworden, wie sie jetzt ist.
Und mein Grundsatz ist eben, nie etwas an einer fertigen Geschichte zu verändern. Außer Rechtschreibfehler natürlich.

Selbstverständlich beherzige ich die Ratschläge bei meinen nächsten Geschichten.

mfg Andy

 

Hallo Bheliaz,

ich weiß, wie schwierig es ist, Geschichten zu überarbeiten, das geht mir oft auch so. Oft habe ich festgestellt, dass es einfacher wird, wenn man die Geschichte eine Zeitlang ruhen lässt. Und meist ist dann hinterher eine Version rausgekommen, die mir noch besser gefallen hat als die Ursprungsfassung. Aber da geht wohl jeder anders an die Sache heran.
Und zu den wenigen Kritiken - ich glaube, je mehr du die Geschichten anderer kritisierst, umso mehr bekommst du auch selber, weil die anderen etwas mit deinem Namen verbinden.

Liebe Grüße
Juschi

 

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