Was ist neu

Thema des Monats Die Braut, die sie nicht war.

Mitglied
Beitritt
11.12.2015
Beiträge
26
Zuletzt bearbeitet:

Die Braut, die sie nicht war.

Tanja stand im Hotelzimmer, dunkle Balken zogen sich durch die weißen Wände, in der Nische ganz hinten, da stand das Bett. Das Bett, in dem sie mit ihm die heutige Nacht, ihre Hochzeitsnacht verbringen würde. Es schien ihr so fern, so unwirklich, so undenkbar. Ein Bett in der Hochzeitssuite, es war doch eigentlich Klischee und Kitsch und wunderbar zugleich und sollte es sich nicht richtig anfühlen? Gut? Sollte sie nicht singen und tanzen und sich freuen, doch sie stand vor dem Spiegel, betrachtete ihr Abbild, ihr Kleid, ihren Schmuck, die Haare auf toupiert, eingedreht, mit weißen Orchideen durchwoben sah sie sich und doch eine Fremde. Die Fremde war wunderschön, eine Braut wie aus dem Bilderbuch, geschmückt für den wichtigsten Tag ihres Lebens. Eine Frau, der sie zujubeln würde, die sie beglückwünschen würde. Doch diese Frau, das konnte nicht sie sein. Es konnte nicht sein und doch war sie es, ein Widerspruch, ein Paradoxon. Sie hätte weglaufen können vor einem Jahr, hätte nein sagen können, als Tim sie gefragt hatte. Doch sie war dagesessen und hatte ja gesagt. Ungelenk war er damals auf die Knie gegangen neben dem Tisch, darauf standen noch die Essensreste, Nudeln, Hähnchenknochen, Salat. Sie waren mit einem befreundeten Paar aus gewesen, bei dem Italiener, zu dem sie immer gingen. In der Ecke wartete der Kellner, Mario, er hatte den Sekt bereitgehalten. Hoffnungsvoll hatte Tim sie angesehen, fünf Jahre lagen hinter ihnen. Fünf Jahre, und nun glaubte sie nicht mehr zu wissen, wer sie war.
Sie waren jung gewesen als sie einander kennen gelernt hatten, sie sechzehn, er siebzehn. Klassisch, im Tanzkurs. In einem kleinen Raum war sie auf einem der hölzernen Stühle gesessen, ungelenk, schüchtern, zurückhaltend. Der Tanzlehrer, ein schlanker Mann, die blondgelockten Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst, schwebte auf Zehenspitzen über das Parkett. Er legte Musik auf, Rumba. Noch heute konnte sie den Duft des schweren Parfüms riechen, der damals in der Luft gehangen hatte, sie erinnerte sich an Wildrosen, Sandelholz, Patschuli. Dann sollten die Jungen die Mädchen auffordern, zielstrebig war er auf sie zugekommen. Er hatte eine kleine Verbeugung gemacht, ihr die Hand entgegengestreckt. Wie charmant, hatte sie damals gedacht. Noch nie hatte ihr einer den Hof gemacht. Nach dem Tanz verabschiedete er sie mit einem Kuss auf die Hand. Sie gab ihm ihre Nummer, sie waren miteinander ausgegangen, ins Kino, er lud sie zum Essen ein. Sie wurden ein Paar, mit ihm teilte sie ihren ersten Kuss. Sie verliebte sich in ihn, konnte nicht von ihm lassen. Sie telefonierten stundenlang. Damals, vor fünf Jahren. Seitdem hatten sie viel erlebt, der erste Sex, seine Ausbildung, ihre Schule. Sie hatte ihm Nachhilfe gegeben, in Englisch, Mathe. Er ihr kleine Geschenke gebastelt, Schatullen aus Holz für ihren Schmuck. Sie waren gemeinsam in Urlaub gefahren, es war wunderbar gewesen, damals. Sie hatten sich aufeinander eingelassen, so viel Zeit miteinander verbracht. Irgendwann hatte es nur noch sie beide gegeben, nicht mehr sie und ihn, nur noch als Paar. Es war ihr nie in den Sinn gekommen sich von ihm zu trennen. Und nun stand sie da und starrte die Fremde im Spiegel an. Vielleicht war der Wunsch in ihr gereift, ohne, dass sie es merkte? War sie unzufrieden? Und was sollte sie tun? Sollte sie alles wegwerfen, die letzten fünf Jahre, ihr gemeinsames Leben? Die Hochzeit? Hatte er sich verändert oder sie?
Das Klopfen an die Hotelzimmertür ließ sie aufschrecken. Ohne dass sie etwas sagen musste öffnete sich die Tür, dahinter ihre Trauzeugin, Maria. Ihre beste Freundin, oder doch seine? Sie hatten nur gemeinsame Freunde, irgendwann war alles verschwommen. Kein du und ich, es gab nur noch das große wir.
„Tanja. Bist du soweit?“, sagte sie. „Der Temin ist in einer halben Stunde, wir müssen los.“
Tanja nickte, sah noch einmal kurz zum Spiegel, die Fremde starrte zurück. Ja, sie müssten los. Das Standesamt. Sie bräuchten zwanzig Minuten dort hin, sonst kämen sie zu spät. Er hasste es zu spät zu kommen, immer machte er ihr Vorwürfe, kleine Sticheleien. Früher hatten sie zusammen darüber gelacht, heute konnte sie das nicht mehr.
„Kommst du?“
Wieder nickte Tanja, wandte sich Maria zu. „Ja.“ Auf dem Weg zur Tür nahm sie ihre Tasche vom Stuhl.

Als sie aus dem Hotel kam, saß Tim im Wagen. Er hatte ein weißes Cabrio gemietet, einen Oldtimer. Er lächelte sie an.
„Wo warst du denn?“, sagte er. Tanja öffnete die Beifahrertür. Sie mochte keine Cabrios, sie mochte das Gefühl nicht, wenn der Fahrwind über ihren Kopf strich. Er aber sprach von Freiheit, hatte sich gewünscht, den Wagen zur Hochzeit zu fahren.
„Ich habe mich noch fertig angezogen.“
„Die Leute warten doch auf uns.“
Wortlos stieg sie ein. Als er losfuhr spürte sie, wie der Wind an ihren Haaren zerrte.
„Du siehst wunderschön aus“, sagte er.
Sie aber nickte nur, sie hoffte, dass ihre Frisur halten würde, dass sie keine der Blumen verlieren würde. Die Häuser, die Passanten zogen an ihr vorbei. Es war ein warmer Tag im Frühling, doch sie nahm all das nicht wahr. Sie fragte sich, ob sie sich wohl nach der Hochzeit zu seiner Familie zugehörig fühlen würde, bislang waren seine Eltern ihr fremd geblieben.
„Kannst du mich vor dem Standesamt rauslassen? Ich würde ungern weit laufen.“
„Warum denn das?“
„Meine Schuhe…“
„Ach quatsch, so weit ist es nicht. Ich fahre ins Parkhaus. Dann können wir mit dem Lift hochfahren.“
„Ich würde aber wirklich gerne vorher aussteigen.“
Er blickte auf die Straße und schwieg einen Moment. Dann sah er zu ihr herüber. „Wenn ich dich vor dem Standesamt rauslasse, dann muss ich einen Umweg fahren. Wenn wir ins Parkhaus fahren ist es schneller. Und es ist wirklich nicht weiter. Und du musst keine Treppen steigen. Okay?“
Tanja nickte, wieder blickte sie nach rechts. Sie konnte das Standesamt schon sehen. Sie atmete aus, spürte wie die Luft langsam aus ihren Lungen entwich.

In kleinen Grüppchen war die Hochzeitsgesellschaft über den Flur verstreut. Ihre Eltern standen am Fenster, seine etwas weiter den Gang hinunter. Sie mussten warten, das Paar vor ihnen brauchte länger oder hatte zu spät angefangen, Tanja wusste es nicht. Schweigend saßen sie nebeneinander. Sie, in ihrem weißen Kleid und er, in seinem schwarzen Anzug. Im Anschluss mussten sie weiter zur Kirche. Sie hatten alles genau geplant, Standesamt, Kirche, Kuchen, Spiele, Abendessen, Tanzen, Hochzeitsnacht. Wie es wohl würde, fragte sie sich. Sie beide, verheiratet? Sie sah zu ihm hinüber, ungeduldig wippte er mit seinem Fuß.
„Hoffentlich geht es sich noch aus“, sagte er.
„Was?“
„Die Kirche. Wenn die nicht gleich fertig sind kommen wir zu spät in die Kirche.“
„Meinst du nicht, dass der Pfarrer noch etwas warten kann?“
Wortlos lehnte er sich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und starrte auf den grauen Teppichboden.
„Ich gehe noch schnell auf die Toilette“, sagte Tanja.
„Maria kann dir mit dem Kleid helfen.“ Er wandte sich von ihr ab, dann rief er den Namen ihrer Trauzeugin. „Maria!“
„Nein, nein. Ich schaffe es alleine.“ Sie stand auf, ging den Gang hinab, sie wollte alleine sein, der graue Teppichboden verschluckte ihre Schritte. Als sie die Tür zur Toilette hinter sich schloss starrte sie in den Spiegel. Wieder sah sie die Fremde an, die Braut, die sie nicht war.
Sie zuckte zusammen, als zwei Frauen herein kamen. Die eine trug ein knielanges Kleid aus zartrosa Chiffon, die andere ein dunkelblaues Kostüm, beide waren sie etwas älter als sie.
„Sie hat es wirklich schön gemacht“, sagte die eine.
„Ja, das stimmt“, sagte die andere.
„Nur schade, dass es so schnell vorbei war.“
Sie mussten von der Trauung vor ihnen sein.
„Ja, aber trotzdem sehr stimmungsvoll. Ich hatte schon gedacht, dass sie es mehr herunterspult. Die hat ja viele Trauungen am Tag.“
„Oh, wow.“ Die in dem blauen Kostüm betrachtete Tanja. „Sie sehen ja schick aus.“
„Danke“, sagte Tanja leise.
„Schon gehabt oder kommt noch?“
„Kommt noch.“
„Ach, jetzt gleich?“
Tanja nickte.
„Ach, ich möchte auch einmal so viel Glück haben, wir ihr. Einen Mann finden, den man wirklich liebt, mit dem man sein Leben verbringen möchte, der einen Wert schätzt. Mit dem man eine Familie gründen möchte.“
„Eine Familie?“
„Ja, eine Familie. Sarah hier ist schwanger.“ Die in dem blauen Kostüm sah ihre Freundin verschwörerisch an. „Aber er weiß es noch nicht.“ Dann lachte sie ein helles, freundliches Lachen.
Abwesend legte Tanja die rechte Hand auf ihren Bauch. Ein Kind?
„Ja“, sagte Sarah, sie war wohl die Braut. „Ich sage es ihm heute Abend. In meinen Koffer habe ich ein paar Kinderschühchen eingepackt.“
„Ah.“ Tanja blinzelte. Ein Kind? Ein Kind mit ihm? „Herzlichen Glückwunsch.“
„Danke“, sagte Sarah. „Ich bin ja schon gespannt auf sein Gesicht.“
„Ich ähm…“, sagte Tanja. „Ich muss los.“ Die anderen warteten bestimmt auf sie.
„Viel Spaß.“
Nachdem Tanja die Toilette verlassen hatte, stand sie auf dem Gang. Sie blickte in Richtung der Hochzeitsgesellschaft, beobachtete, wie sich die Gäste langsam in das Zimmer, in dem die Trauung stattfinden sollte, hineinbewegten. Sie sah ihre Mutter, ihren Vater, seine Mutter, seinen Vater. Sie aber stand steif da, bewegte sich nicht. Wollte sie eine Familie gründen mit ihm? Konnte sie es sich vorstellen, dass in ihr einmal ein Kind heranwachsen würde, ein Kind von ihm? Das seine Augen hätte? Seinen Mund, seine Haare? Sie drehte sich um, ging in Richtung der Fahrstühle. Sie musste raus, brauchte frische Luft. Das Kleid, es war mit einem Mal so eng, so furchtbar eng. Warum hatte sie nur so ein festliches, unbequemes Kleid ausgesucht? Mit einem hellen Bingen öffnete sich die Fahrstuhltür und sie stieg ein. Ein Kind? Es war alles so fern, ein Kind, jetzt würden sie keines bekommen, aber vielleicht in ein paar Jahren? Er wollte welche, das wusste sie, sie hatten darüber gesprochen. Auch sie wollte Mutter werden, irgendwann einmal, doch gerade in diesem Moment erkannte sie, nicht von ihm.
Als sie aus dem Standesamt ging, spürte sie die Sonne auf der Haut. Sie sog die Luft tief in die Lungen. Es roch nach frisch geschnittenem Gras.

 

Hallo zusammen,

das ist meine erste Kurzgeschichte. Ich bin ja schon gespannt, was ihr dazu sagt. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen.

Viele Grüße,

Marissa

 

Hallo Marissa,

Du bist ja einige Tage schon dabei, dennoch ein herzliches Willkommen. Denn dies ist Deine erste Geschichte. Ich war freudig erstaunt: Eine neue Autorin schreibt erst einmal Kritiken und erst dann ihre erste Geschichte.

Zu der Geschichte selber: Das Thema hat mich angesprochen und ich denke, ich habe auch alles verstanden, zum Teil allerdings erst beim zweiten Lesen. Das mag daran liegen, dass der Trialog für mich schwer nachzuvollziehen war. Dabei dürfte alles richtig sein - besonders die Zeilenschaltung, wenn eine andere Person spricht. Du schreibst aber recht oft ... sagte sie. Wahrscheinlich ist dann immer die Prota gemeint, aber ich bin dennoch ins Schwimmen geraten. Vielleicht liegt es auch daran, dass mir die Unterscheidung von Personen anhand der Kleiderfarbe ungewohnt ist.

Dann schreibst Du lange Sätze. Ein Beispiel:

Ja, sie müssten los, das Standesamt, sie bräuchten zwanzig Minuten dort hin, sonst kämen sie zu spät. ... Er würde sie ansehen, Augen und Mund zusammengekniffen, er würde nur das nötigste mit ihr sprechen, doch nicht an ihrem Hochzeitstag, dachte sie.
Zwei Sätze, kurz hintereinander. Beide Sätze haben vier Kommas, bestehen also mindstens aus fünf Teilen. Das ist schwer zu lesen, zumal Du dann auch wieder verkürzte Teile bringst. Etwa: Ja, sie müssten los zum Standesamt oder Ja. Sie müssten los. Das Standesamt (erwartet sie). Sie bräuchten ...
Ich würde die Geschichte noch einmal durchgehen und versuchen, lange Sätze zu teilen. Das liest sich flüssiger und ist weniger anstrengend.

Liebe Grüße

Jobär

 

Hallo Marissa,

und herzlich Willkommen hier bei den Wortkriegern.

Du schreibst flüssig, ohne Fehler, die Handlung ist strukturiert - da passt schon einiges, was man so von einer Kurzgeschichte erwarten kann. Außer der Form ist aber der Inhalt genauso wichtig. Und hier sehe ich bei deiner Geschichte ein Riesenmanko.

Ich frage mich die ganze Geschichte durch, wieso die Protagonistin überhaupt heiratet, geschweige denn so lange mit ihrem Freund zusammen war. Du bietest mir mit keinem Satz eine Erklärung, wieso diese Frau überhaupt EINEN Grund hat, den Typen zu heiraten. Er scheint ja von vorne bis hinten ein unmöglicher Mensch zu sein, jedenfalls ist er nicht liebenswert.

So kann ich nicht in die Geschichte kommen, um auf irgendeine Weise Verständnis für die Braut zu entwickeln. Unter diesem Aspekt solltest du deinen Einstand hier unbedingt noch einmal vornehmen und anders beleuchten. Du hast gute Voraussetzungen dafür, also ran an die Tasten :).

Liebe Grüße
bernadette

 

Hallo jobär und bernadette,

vielen Dank für euer Feedback. Ich habe den Text nochmal überarbeitet, ich hoffe jetzt wird die Motivation des Hauptcharkaters etwas klarer. Ich werd das ganz auch noch mal tiefergehend überdenken, falls mich noch was besseres einfällt mache ich noch eine Korrekturschleife.
jobär: das mit den langen Sätzen hat mir schon meine Grundschullehrerin gepredigt. Ich habe einige Sätze getrennt und hoffe es ist nun besser lebar. Zusätzlich habe ich der Protagonistin einen Namen verpasst, dann ist am Ende hoffentlich besser zwischen den einzelnen Frauen differenzierbar.

Also nochmal vielen Dank und euch einen schönen Abend.

Liebe Grüße,

Marissa

 

Hallo Marissa,

mir ist das immer noch zu wenig. Du hast von früheren schöneren Zeiten geschrieben. Das wars.

Du behälst den Bräutigam so auf Abstand, weil er auch keinen Namen hat. Er wird im aktuellen Geschehen (also am Tag der Hochzeit) nur negativ dargestellt, in allen Belangen. So unfreundlich kann man doch gar nicht seiner zukünftigen Braut gegenüber sein. Wenn das normal ist, kann ich nie und nimmer verstehen, wieso Tanja dieses Arsch heirateten wollte. Du solltest da ein paar Nuancen reinbringen, ein paar positive Aspekte.
Mensch, oft sind Frauen unsicher, auch wenn der Mann lieb ist - wieso sollte dann Tanja überhaupt bis zum Hochzeitstag gehen, wenn das so ein Depp ist?

Liebe Grüße
bernadette

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo Marissa, mit wachsendem Interesse habe ich deine Geschichte gelesen. Dein Schreibstil gefällt mir, auch hast du die Handlung gut aufgebaut. Ein offener Schluss ist immer spannend. Hier passt er wunderbar.
Es könnte alles so schön sein, wenn die Geschichte nicht so widersprüchlich wäre und ich die Ängste deiner Protagonistin nachvollziehen könnte. Es gibt zwei Teile, die nicht zusammen passen.

Da ist erst einmal der Beginn. Wir haben zwei Teenies, die tatsächlich fünf Jahre lang glücklich miteinander leben. Es gibt nicht den geringsten Zweifel, ob die Liebe stark genug ist, für ein ganzes Leben.

Dann der zweite Teil. Es wird Hochzeit gefeiert, die Braut steht bereits geschmückt vor dem Brautbett, als Zweifel und Ängste aufkommen. Eine Hochzeitsnacht, nach fünf Jahren des Zusammenlebens, kann nach meinem Verständnis, keine Überraschungen bereit halten. Trotzdem, jetzt erfahre ich auch, dass der einst geliebte Mann, plötzlich ein Scheusal ist. Wie kommt es zu dieser Verwandlung?
Seltsam.

Hätte er sie früher geschlagen, gedemütigt, betrogen und beleidigt, so könnte ich deine Protagonistin verstehen. Jetzt bräuchtest du allerdings einen Grund, warum sie Ja gesagt hat.

Liebe Marissa, deine Geschichte ist schön geschrieben, doch sie funktioniert leider nicht. Das tut mir sehr leid.

Eine besinnliche Vorweihnachtszeit wünsche ich dir!
Amelie

 
Zuletzt bearbeitet:

hallo bernadette,

danke nochmal für dein Feedback. Ich denke, ich weiß, was du meinst. Ich habe seine Szenen noch etwas angepasst, damit das Feeling etwas positiver wird. Meine Überlegung war jetzt, dass sich die beiden einfach auseinander gelebt haben mit der Zeit, immerhin haben sie sich schon sehr jung kennen gelernt.

Ich finde es übrigens total super, dass du dich so intensiv mit der Sache beschäftigst.
Amelie: danke für dein Feedback. Ich habe seinen Grundtenor noch etwas geändert, ich hoffe er kommt jetzt nicht mehr wie ein Scheusal rüber. Die beiden haben keine fünf Jahre zusammengelebt, sie kennen sich seit fünf Jahren. Sie ist also zum Zeitpunkt der Geschichte 21, er 22. Es wäre also eine recht frühe Hochzeit. Wie lange und ob sie überhaupt zusammengelebt haben, ist unklar.

Liebe Grüße,

Marissa

 

Hallo Marissa!

Als ich am Anfang deiner Geschichte von den Orchideen im Haar der Braut las, kam mir sofort der Gedanke: "Aha, Blumensymbolik!" Blumen, die gepflückt werden, sind ein uraltes archetypisches Symbol für Entjungferung. Und werden die Blumen gar brutal abgerissen, steht das oft für eine Entjungferung gegen den Willen des Mädchens, für eine Vergewaltigung. Das zeigt sich schon in unserem Fremdwort deflorieren, das von dem lateinischen de-flo-rare kommt, worin, flos, floris "Blume, Blüte" steckt; das gleiche gilt auch für das englische "to de-flower".

Das brutale Abreißen einer Rosenblüte als Symbol für eine Entjungferung gegen den Willen des Mädchens schildert zum Beispiel Goethes Heidenröslein.

In meiner Deutung fühlte ich mich bestätigt, als ich diese Stelle las:

Sie mochte keine Cabrios, sie mochte das Gefühl nicht, wenn der Fahrwind über ihren Kopf strich. Er aber sprach von Freiheit, hatte sich gewünscht, den Wagen zur Hochzeit zu fahren.
„Ich habe mich noch fertig angezogen.“
„Die Leute warten doch auf uns.“
Wortlos stieg sie ein. Als er losfuhr spürte sie, wie der Wind an ihren Haaren zerrte.
„Du siehst wunderschön aus“, sagte er.
Sie aber nickte nur, sie hoffte, dass ihre Frisur halten würde, dass sie keine der Blumen verlieren würde.

Gleicht nicht der Bräutigam dem ungestümen Frühlingswind, der über die Braut kommen und ihr die Blume rauben will? Im Cabrio ist Tanja dem Wind ungeschützt ausgesetzt - ist das nicht wie ein Vorgeschmack auf das, was Tim mit ihr im Ehebett vorhat?

Beim zweiten Lesen richtete sich mein Augenmerk jedoch auf diese Stelle:

Seitdem hatten sie viel erlebt, der erste Sex, ...

Sie ist also keine Jungfrau mehr. Meine Deutung der Blumensymbolik haut nicht hin :confused:

Oder vielleicht doch!

In älteren Zeiten, als dieser Archetyp aufkam, waren Verhütungsmethoden noch unsicher und unter einfachen Menschen auch viel weniger bekannt als heute. Entjungferung bedeutete damals fast immer Schwangerschaft. Das Mädchen wurde Frau und Mutter. Kindheit und Jugend mit ihrer Unbeschwertheit gingen zu Ende und der Ernst des Lebens begann. Und das ist - glaube ich - auch Tanjas Problem: Sie ist innerlich nicht darauf vorbreitet, dass Kindheit und Jugend zu Ende gehen und sie Ehefrau und Mutter werden soll - dieser Bräutigam ist gar kein Monster, kein Arsch, kein unmöglicher Typ - es liegt an Tanja.

Ich habe deine Geschichte zwei Mal gelesen. Sie ist es auch wert.
Grüße
gerthans

 

Hola Marissa,

aus dem flüchtigen Lesen Deiner Geschichte ist ein zweites, genaueres Lesen geworden, und das hat mich bewogen, Dir ein paar Zeilen zu schreiben.
Ich lass mal die Lupe beiseite. Der Titel spricht mich an, erzählt fast die ganze Geschichte. Ja, tatsächlich – so kann es gehen! Du hast ein gutes, immer aktuelles Thema gewählt, und das beschränkt sich nicht nur auf die Wahl des Ehepartners. Ich kenne diesen last point aus verschiedenen Lebenssituationen: Alles ist wohl überlegt, geplant, auskalkuliert – der Flur wird zitronengelb gestrichen, die Hochzeitstorte soll nach Maracuja und nicht nach Mango schmecken. Arbeitsplan, Materialaufstellung, Gäste- und Getränkeliste, Menü und Honorare etc. pp.
Aber der Bauch! Der eigene Bauch – der spielt einfach nicht mehr mit! Nutzt die aufkommende Unsicherheit und übernimmt das Kommando! Wunderbare Story. So ist das Leben.
Ein Grund, Dir zu schreiben, ist auch, Dir dadurch neues Kerosin einzuflößen für die nächste KG, denn wer so wie Du fehlerfrei und zügig schreibt + das richtige Thema wählt, muss zwangsläufig Erfolg haben.

Spricht das Orakel
José

 

Hallo José und Gerthans,

danke, dass ihr meine Geschichte gelesen hat. Freut mich sehr zu hören, dass sie euch gefallen hat :-D
gerthans: Ich finde deine Deutung super. Und ja, es liegt an Tanja, sie ist nicht bereit für den nächsten Schritt im Leben.
josé: Dann werde ich mir mal über die Feiertage ein neues Thema überlegen. Mal sehen, was mir einfällt.

Ich wünsche euch ein schönes und besinnliches Weihnachtsfest.

Liebe Grüße,

Marissa

 

Hallo Marissa

das ist schon die zweite Geschichte hier im Wettbewerb, in der es um einen Heiratsantrag geht. Deine Geschichte ist ganz gelungen, obwohl du eine personalisierte Erzählperspektive wählst. Tanja kommt dem Leser (zumindest mir) wirklich nah und es gelingt dir gut ihre Motive dazulegen. Natürlich ist das alles ein bisschen wie in dem Film "Die Braut, die sich nicht traut", aber doch hübsch und nachvollziehbar erzählt. Ziemlich mutig einfach abzuhauen, aber nicht abwegig, so wie du die Geschichte erzählst.

Noch ein paar Anmerkungen:

dunkle Balken zogen sich durch die weißen Wände,
klingt komisch: ist das ein Fachwerkhaus?

betrachtete ihr Abbild,
Abbild? vielleicht eher: das bild, das sie sah

Eine Frau, der sie zujubeln würde, die sie beglückwünschen würde. [/QUOTE]
würde ist nicht besonders elegant...

Sie hätte weglaufen können vor einem Jahr, hätte nein sagen können, als Tim sie gefragt hatte.
warum nur vor einem jahr?

Er hatte eine kleine Verbeugung gemacht, ihr die Hand entgegengestreckt. Wie charmant, hatte sie damals gedacht.
charmant aber doch auch uncool :)

Maria. Ihre beste Freundin, oder doch seine? Sie hatten nur gemeinsame Freunde, irgendwann war alles verschwommen. Kein du und ich, es gab nur noch das große wir.
das ist gut... so ist es ja oft...

„Wenn ich dich vor dem Standesamt rauslasse, dann muss ich einen Umweg fahren. Wenn wir ins Parkhaus fahren ist es schneller. Und es ist wirklich nicht weiter. Und du musst keine Treppen steigen. Okay?“
hier das zweite motiv... sie stellt sich seine pedanterie und seine form der machtausübung vor... du sagst es nur indirekt; sehr gut :)

„Hoffentlich geht es sich noch aus“, sagte er.
komische formulierung... wer redet so?

„Schon gehabt oder kommt noch?“
schon gehabt klingt nicht schön, schon fertig vielleicht ...

Wollte sie eine Familie gründen mit ihm? Konnte sie es sich vorstellen, dass in ihr einmal ein Kind heranwachsen würde, ein Kind von ihm? Das seine Augen hätte? Seinen Mund, seine Haare? Sie drehte sich um, ging in Richtung der Fahrstühle.
hier das dritte motiv, nur hier ist der innere monolog einfach zu lang, ein einzelner satz genügte: ein kind mit ihm? oder so was... der rest lässt sich streichen... weiter oben machst du es viel besser und blendest einfach aus... auch die nicht markierten sätze, die noch folgen brauchst du nicht unbedingt...

Es roch nach frisch geschnittenem Gras.
den schlußsatz könnte man auch weglassen... überhaupt: gibt es rasen vor dem standesamt?

viele Grüße
und ich hoffe du warst die Braut nicht selbst oder wenn doch; hast du alles richtig gemacht. Den Typen zu heiraten, oje... :)
Isegrims

 

Hallo Isegrim,

vielen Dank für deine Kommentare. Ich hoffe du (und natürlich alle anderen Wortkrieger auch) hattest eine schöne Weihnachtszeit und bist gut ins neue Jahr gerutscht.

Man muss nun auch dazu sagen, dass ich aus Bayern komme,

„Hoffentlich geht es sich noch aus“
sagt man da schon mal gerne. Ist wohl einfach eine Frage des Sprachraums.

Wegen dem Gras.... es gibt zum Beispiel in München verschiedene Standesämter, auch welche, die am Englischen Garten liegen, da kann es schon mal nach Gras oder Wald riechen.

Und naja, ich hatte kein richtiges Fachwerkhaus im Sinn, als ich den Anfang geschrieben habe, eher die Hochzeitssuite eines befreundeten Paares in einem Hotel, da war es so.

Das mit dem Thema... naja, bietet sich vielleicht an :-)

Viele Grüße,

Helen

 

Hallo Marissa,

ich muss gestehen, dass ich diese Romane und Filme, bei denen sich einer der Heiratskandidaten noch vor dem Standesbeamten oder dem Traualtar (da ist das melodramatischer) in die Freiheit verabschiedet, irgendwie lau finde. Das ist leider so vorhersehbar und schon so oft als Thema verarbeitet worden. Insoweit hat es deine Geschichte leider sehr schwer, von mir mit Begeisterung aufgenommen zu werden.

Allerdings nahm nach vielen Sätzen deine Geschichte an der Stelle Fahrt auf, als es zwischen den Protagonisten zu einem kleinen Disput wegen des Anhaltens des Wagens kam. Da hab ich sehr interessiert gelesen. An dieser Stelle hätte die gesamte Geschichte vielleicht sogar ihre Wendung in Richtung ungewöhnliche Weiterentwicklung nehmen können.
Als es dann normal im ursprünglichen Thema weiterging, habe ich höflich weiter gelesen, aber es hat mich nicht gepackt.

Der Gedanke der Protagonistin, dass sie irgendwann einmal Kinder bekommen wird, dürfte zudem nicht erst kurz vor der Heirat kommen. Ok, es gibt solche Chaoten auf beiden Seiten, aber dazu hättest du sie anders anlegen müssen. Ihre normale Gedankenwelt hätte da vielleicht einen gehörigen Sprung haben können.
So sieht das Argument mit den Kindern ein wenig an den Haaren herbeigezerrt aus.


Dein Schreibstil ist noch verbesserungswürdig. Ich glaube, dass man das bei einigen Anfängern gut erleben kann und ich bin mir sicher, ich habe auch früher genau diese Tendenz gehabt (und habe sie noch heute ;) ) und zwar meine ich das ewige Wiederholen der Aussagen.

Hier ein Beispiel:

Es schien ihr so fern, so unwirklich, so undenkbar.
Es würde einer der drei Aussagen reichen. Jede der Aussagen ist kräftig genug. Indem du aber alle drei verwendest, verwässerst du die Aussage. (siehste? ich habe auch extra dreimal erklärt.)

Sie war eine elegante, aparte, eloquente, vornehme Frau. (mein Beispiel zur Abschreckung.)

Wenn man derartig gehäuft fast dasselbe auftürmt, verliert sich der eigentliche Gedanke und ich hoffe, ich konnte es dir anhand dieses Beispiels deutlich machen.

Noch ein Beispiel von dir:

Sollte sie nicht singen und tanzen und sich freuen, doch sie stand vor dem Spiegel, betrachtete ihr Abbild, ihr Kleid, ihren Schmuck, die Haare auf toupiert, eingedreht, mit weißen Orchideen durchwoben sah sie sich und doch eine Fremde. Die Fremde war wunderschön, eine Braut wie aus dem Bilderbuch, geschmückt für den wichtigsten Tag ihres Lebens. Eine Frau, der sie zujubeln würde, die sie beglückwünschen würde.
1. Satz Aussage: Sie ist schön und doch eine Fremde. 2. Satz Aussage: Die Fremde ist wunderschön. 3. Satz Aussage: ein wenig abgeändert in der Aussage, aber nicht viel. Eine Frau, der man was würde, wäre da nicht...

Innerhalb dieser drei Sätze bewegt sich deine Handlung nicht voran und für den Leser wird es zur Geduldsprobe.

Noch ein kleines Beispiel:

Es konnte nicht sein und doch war sie es, ein Widerspruch, ein Paradoxon.
Dreimal dieselbe Aussage.

Die gesamte Geschichte ist durchsetzt von diesen Wiederholungen.

Meist möchte man als Anfänger ganz, ganz deutlich machen, wie man etwas meint. Weil man sich aber nicht sicher ist, wie das Geschriebene wirkt, fügt man noch ein- bis zweimal die Wiederholung hinzu, weil man hofft, dass irgendwas hängenbleibt beim Leser.

Diesen Mut, mit verdammt wenigen Worten wichtige Dinge auszusagen, erwirbt man sich meistens erst im Laufe der vielen Schreibübungen. Du wirst diese Sicherheit auch erwerben. Dazu ist jedoch der erste Schritt, den eigenen Text auf solche Wiederholungen durchzuarbeiten.

Mir hilft dabei sehr, wenn ich etwas fertig Geschriebenes einfach eine gehörig lange Zeit liegen lasse und nicht mehr anschaue, um dann nach dieser Zwangspause wie ein Leser die Geschichte zu betrachten. Je gnadenloser ich als Leser meine Autorenschaft verdrängen kann, desto mehr fliegt aus dem Text. :D
Und es hat selten geschadet.

Versuch es einfach mal.

Übrigens fand ich den Titel recht gut gewählt. Er ist ein wenig verspielt und das finde ich gut.

Lieben Gruß

lakita

 

Hallo Marissa,

endlich ist es mir gelungen, auch deine Geschichte ganz zu lesen. Angefangen hatte ich sie schon mal.

Es ist ja schon eine Menge von anderen Kommentatoren gesagt worden, und du hast auch an deiner Geschichte gearbeitet. Du schreibst recht gut, fehlerfrei, und mit der Interpunktion hast du auch keine größeren Probleme.

Du kommst aus dem süddeutschen Sprachraum, wo einige Wendungen gebräuchlich sind, die nicht der deutschen Rechtschreibung entsprechen: war gesessen > hat gesessen. Das nur als Beispiel. Ich weiß, dass Sprecher im Fernsehen oder Rundfunk auch diese regional gefärbte Ausdrucksweise verwenden. In literarischen Texten finde ich das nicht angebracht.

Deine Geschichte finde ich im Großen und Ganzen flüssig erzählt, auch wenn der Anfang sich ein bisschen dahin quält. Was ich als nicht passend finde ist, dass sie sich vor der Hochzeitsnacht ein bisschen fürchtet. Glaubt sie, der Sex ist dann anders, als sie ihn vorher mit ihm erlebt hat? Das sind meines Erachtens Gedanken einer Braut, die keusch bis zur Trauung gelebt hat. Aber das trifft auf deine Prot. nicht zu.

Was ich hingegen gut finde, sind die Zweifel, die sie in der Toilette überfallen, als die schwangere Braut mit ihrer Freundin hineingekommen sind, und ihre Flucht daraufhin.

Ich habe deine Geschichte gerne gelesen!

Schönen Gruß
khnebel

 
Zuletzt bearbeitet:

„Man merkt genau, wenn sie da ist. Wenn man nicht sicher ist, ist sie nicht da.“
Jörg Kachelmann in „Was ist Liebe?“*​

Doch sie war dagesessen und hatte ja gesagt. Ungelenk war er damals auf die Knie gegangen neben dem Tisch, darauf standen noch die Essensreste, Nudeln, Hähnchenknochen, Salat.

Warum, so wird sich mancher fragen und vielleicht auch Du, wählt der nach wochenlanger Abstinenz diesen, Deinen Erstling hierselbst,

liebe Marissa -

und damit erst einmal herzlich willkommen hierorts! -

für den ersten Kommentar in diesem Jahr auf und zitiert noch einen Wetterfrosch.

gerthans hat schon auf Symbole in der Geschichte hingewiesen, wobei genaugenommen jedes Wort (und wäre es noch so unbedeutend) nicht allein Zeichen, sondern eben auch ein Symbol ist, da es für etwas anderes steht, denn an sich ist ein Wort ein Wort wie die Rose eine Rose … und das erste, was ich beim Lesen der Geschichte aus dem süddeutschen Raum (Sprache verrät mehr, als einer glauben mag)

… sie war dagesessen … //
... war sie auf einem der hölzernen Stühle gesessen, ...

dachte, ist, recht hat sie, denn was hat der Staat (und die Ehe – für das heute weniger Religion und Glaube als das Standesamt steht - ein arg bedeutungsschweres Wort, das vom Ursprung her einem „lebenslänglichen“ Urteil gleichkommt und im Käfig, ob gülden – im Text deutet sich im Cabrio/Oldtimer dergleichen an - oder doch eher in der Mehrzahl rostend endet), was hat der Staat in einer Zweierbeziehung zu suchen, es sei denn, sie müsste vertra(e)glich geregelt werden – was dafür spräche, dass das Paar möglicherweise „un“verträglich werde bzw. schon sei, und damit eng, wie das Kleid. Das Adjektiv „eng“ klingt in seinem Superlativ nicht umsonst wie der Plural der Angst!
Sie musste raus, brauchte frische Luft. Das Kleid, es war mit einem Mal so eng, so furchtbar eng. Warum hatte sie nur so ein festliches, unbequemes Kleid ausgesucht?

Tatsächlich beginnt die Symbolik schon im ersten Satz
Tanja stand im Hotelzimmer, dunkle Balken zogen sich durch die weißen Wände, in der Nische ganz hinten, da stand das Bett.
„Dunkle Balken“ geben den Kontrast zu „weißen Wänden“, wobei „weiß“ in der Symbolik unserer Kultur die absolute (!) Reinheit und Wahrheit verkörpert, aber in östlichen Kulturen aber genau entgegengesetzt Tod und in dessen Folge Trauer, für die wir die dunklen Symbole haben, schwarz und violett (letzteres wird in wenigen Wochen mit der Passionszeit Kirchen schmücken).

Dass das potentielle Hochzeitsbett ein Nischendasein führt, seh ich schon als Ironie der Geschichte und die Wahl des Konjunktiv irrealis

Das Bett, in dem sie mit ihm die heutige Nacht, ihre Hochzeitsnacht verbringen würde,
drückt sich doch hier bereits der Zweifel an der „Hochzeit“ aus - ob auch am Recht der „ersten“ Nacht kann dabei vernachlässigt werden. Wer konsequent liest, weiß hier schon, was passieren wird. Sollte die Geschichte offen bleiben, wäre hier der Indikativ zu verwenden. Die stille Ironie findet in der Brautwerbung mit dem o. g. Zitat ihren Höhepunkt.

Der Konjunktiv zeigt an, dass T. voller Zweifel ist, die sich im Absatz der „Hochzeitssuite“ und der eigenen Entfremdung vorm Spiegel darstellt.

Es schien ihr so fern, so unwirklich, so undenkbar.
An solchen Stellen greif ich gern auf meine Realschulzeit in grauer Vorzeit zurück, wenn der Deutschlehrer behauptete, nur die Sonne scheine und selbst der Mond habe sein Licht nur geliehen. Denn das Verb scheinen ist auf dem Weg zum Hilfsverb und steht schon auf einer Stufe mit dem Verb brauchen, und da tut Volkes Mund tatsächlich Wahrheit kund, wenn er behauptet, „wer brauchen ohne zu gebraucht, braucht brauchen gar nicht zu gebrauchen. Beide Verben rufen nach dem Infinitiv, also in Deinem Fall „schien ihr so fern zu sein“. Wobei selbst der Grammatikduden das Problem umgeht, wenn er dem schlichten Verb scheinen die Vorsilbe „er...“ gönnt, die auch in Deinem Fall verwendet werden kann der Form „es erschien ihr so fern“.

Es gibt immer Alternativen, selbst wenn sich die Mutti im Kanzleramt dagegen sträubt.

Etwas ungelenk, wenn auch keineswegs falsch wirkt die nächste Formulierung im gedoppelten Hilfsverb „sein“

Sie waren mit einem befreundeten Paar aus gewesen, …
eleganter wäre „ausgegangen“, was natürlich ein gedoppeltes „gehen“ erzeugt, den Austausch des „bei“ durch ein „zu“ usw. Was sich aber umgehen ließe in der Verkürzung zu einem „sie waren mit einem befreundeten Paar zum Italiener ausgegangen – wie immer“, was z. B. Durch Mario, den Kellner, im Grunde bestätigt wird.

Und dann wird tatsächlich eine Frage aufgeworfen, mit der ich niemals gerechnet hätte, Tanja mit einundzwanzig eine alte Frau?

Sie waren jung gewesen[,] als sie einander kennen gelernt hatten, sie sechzehn, er siebzehn.
(Komma, weil die vergleichende Konjunktion „als“ einen vollständigen Satz einleitet. Wie auch weiter unten hier)
Als er losfuhr[,] spürte sie, wie der Wind an ihren Haaren zerrte.
(und nochmals)
Als sie die Tür zur Toilette hinter sich schloss[,] starrte sie in den Spiegel.

(Und es geht weiter mit der Zeichensetzung, nun beim Infinitivsatz)
Es war ihr nie in den Sinn gekommen[,] sich von ihm zu trennen.
(wie auch hier)
Er hasste es[,] zu spät zu kommen, …
(und ein letztes Komma)
Wenn die nicht gleich fertig sind[,] kommen wir zu spät in die Kirche.“
aber auch die erste (und einzige, diemir aufgefallen ist) Flüchtigkeit
„Der Te[r]min ist in einer halben Stunde, wir müssen los.“

(Hier nun behaupten die Auslassungspunkte, dass am vorhergehenden Wort wenigstens ein Buchstabe ausgelassen wurde)
„Meine Schuhe…“
(besser also mit Leertaste zwischen dem letzten Buchstaben und den Punkten, wie auch hier ...)
„Ich ähm[...]…“, sagte Tanja. „Ich muss los.“

Eine letzte Anmerkung, weil Du eher un-, denn gewollt wortschöpferisch tätig den „Bing“ zum Verb/Tätigkeitswort „bingen“ verwandelst
Mit einem hellen Bingen öffnete sich die Fahrstuhltür und sie stieg ein,
das es wohl als Ortsnamen (Bingen, verknüpft mit der rheinischen Sagenwelt) und als Suchmaschine (Bing), nicht aber als Verb gibt. Es kann auch nicht der Plural vom Bing sein, wenn genau von „einem“ die Rede ist. Sicherheitshalber empfehl ich Einzahl „mit einem hellen Bing“, wobei das Zahlwort ein mask. oder neutr. Substantiv in der Klangmalerei vorgaukelt …

Womit ich zum Schluss kommen will:

Den Goten war das entscheidende im Wort „Liebe“ (= frijaþwa; dieses þ ist nix anderes als heute noch das ti-aitsch der Anglosaxen) die Freiheit (= frijei; got.), also die Unabhängigkeit von irgendwelchen Besitzansprüchen, und „frijon“ war, was man gern tat – weil als freier Mensch, wie dann auch „friond/i“ den/die Freund/in meinte. Wobei schon zu Zeiten Ulfilas dieser Idealfall, dass Liebe nix mit Macht-, Eigentum- und/oder Besitzansprüchen zu tun habe, utopisch war. Da ist der code civil, das wir das Bürgerliche Gesetzbuch nennen, schon geradezu realistisch zu nennen, wenn es die Ehe und das Familienrecht erst nach dem Schuld- und Sachenrecht, der Regelung von Eigentumsrechten und Besitzansprüchen regelt, denen Tanja zu entkommen versucht, wie ich die Geschichte zu verstehen meine …

Gern gelesen vom

Friedel

*zunächst im Zeitmagazin Nr. 52/2013,
heute auch http://www.zeit.de/2013/52/was-ist-liebe/seite-3

 

Letzte Empfehlungen

Neue Texte

Zurück
Anfang Bottom