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Am Aquädukt

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03.10.2020
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Am Aquädukt

In der Nacht als Sari starb, war das Wasser zurückgekommen.

Das erste Mal am Aquädukt waren wir mit der Schulklasse. Herr Lenning hatte uns mit einem Kleinbus hingefahren und gab uns die Aufgabe, das Bauwerk mit Bleistift auf das Papier unserer Klemmbretter zu zeichnen. Der Tag war mild und die Sonne schien durch die Aquäduktbögen, ließ die alten Steine in diesem Licht glimmen, das mich bis heute nicht mehr loslässt. Unsere Blätter raschelten, während wir mit der Klasse oben in der Böschung saßen und Herr Lenning darauf achtete, dass niemand zu nah heranging.
Unten zog der Fluss träge dahin. Die Spiegelung der Bögen lag so klar darauf, als hätten die Architekten eine exakte Kopie des Aquädukts in die Erde gebaut. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass an diesem Ort eine zweite Brücke existierte, die durch das Sonnenlicht dieses Frühlingsnachmittags geradewegs in meine Sinne führte, Wärme und den Geruch von blühendem Hasel und Flieder in mich hinein transportierte. Wobei das mit der exakten Kopie nicht ganz der Wahrheit entsprach. Auf meiner Spiegelzeichnung hatte das Aquädukt zwei Bögen mehr, als wenn ich sie direkt zählte.
Ich sprach Herrn Lenning darauf an und in der Klasse entbrannte ein Streit darüber, wer recht hatte. Auf keiner Zeichnung stimmte die Anzahl der Bögen überein. Schließlich sagte Herr Lenning, keiner von uns habe einen Fehler gemacht, es sei lediglich eine Frage der Perspektive, und da wir als Schüler alle Individuen seien, wären unsere unterschiedlichen Ansichten ganz natürlich.
Aber ich dachte sofort daran, dass es nur eine Ausrede war, denn ich erwischte Herrn Lenning dabei, wie er immer wieder mit den Augen die Bögen durchzählte. Ich hockte neben Benjamin, damals wohnte er noch in der Stadt, und schon da war uns beiden klar, ohne dass wir es aussprechen mussten, dass das Aquädukt die neue Muse für unsere Geschichten sein würde.

Benjamin und ich waren Außenseiter. Wir hörten weder Rap noch Metal, wir waren keine Skater und auch mit den Bauernkindern und ihrem Wissen über Landmaschinen und Tiere hatten wir nur wenig gemeinsam. Unsere Geschichten verbanden uns. Während die anderen Jungs sich über Mädchen und ihre ersten Zigaretten unterhielten, vielleicht geklautes Bier von ihren Vätern tranken, hockten wir bei mir im Keller und schrieben uns die Fantasie von der Seele. Das war auch der Grund, warum wir das Aquädukt anders betrachteten als die anderen.
In unserer Vorstellung führte es noch Wasser, auch wenn Teile seines Mauerwerks bereits abgebröckelt waren. Aber nicht nur das: Für uns war es ein Fluss, der in ein unbekanntes Land führte, das am Grund eines tiefen Stausees lag, wo die Erinnerungen des Aquädukts gespeichert waren. Von dort wurde die Vergangenheit unserer Stadt zu uns getragen, Geschichten von einer vergessenen Zivilisation vor Hunderten von Jahren, und wir erfanden die Charaktere, die sie bevölkerten. Diese Beschäftigung nahm den Großteil meiner frühen Jugend ein und entfernte mich weiter von meinen Klassenkameraden.
Ich war schon in der Sechsten, als Sari zu uns kam. Sie war mit ihren Eltern aus Sri Lanka geflüchtet. Beim Klang dieses Namens musste ich sofort an das Land am Grund des Stausees denken. Alter und Fremdheit schwangen darin, und ich verlor mich in Tagträumen, bis mich Herr Lenning tadelte und die anderen Jungs lachten, und untereinander flüsterten, ich sei ein Weirdo und ein Spasti. In Sari aber fand ich eine weitere Person, die bereit war, meinen Geschichten zu lauschen, und dank ihrer Hilfe gelang es mir, mich soweit zu erden, dass ich keine so große Angst vor der Zukunft mehr hatte, weil ich lieber den Moment lebte.
Ich erinnere mich noch genau an den ersten Tag, an dem ich mich sofort in ihre Andersartigkeit verliebte. Nicht weil ihre Haut dunkler war als meine oder ihr Haar schöner und glänzender als das der Mädchen in der Klasse. Sie strahlte eine Ruhe aus – in ihrem Blick, in ihren Bewegungen –, die zugleich erstaunlich und erschütternd wirkte, gemessen an dem, was sie mit ihrer Familie zweifelsohne erlebt haben musste. Wenn sie sprach, lag diese Ruhe ebenso in ihrer Stimme und ich konnte nie genug von ihren Worten bekommen, auch wenn sie nicht gut Deutsch sprach und es teilweise etwas schief klang. Am meisten faszinierte mich jedoch der sanfte Schwung ihrer schwarzen Brauen, der mich an die Bögen des Aquädukts erinnerte.

Meine Lehre zum Bäcker, die viel zu kurze Zeit mit Sari und der Wegzug von Benjamin in eine andere Stadt – alles floss über das Aquädukt in den Erinnerungsspeicher des Stausees. Auch die Wut meines Lehrmeisters über verbrannte Brote, mein ständiges Verschlafen und die Nähe zu Sari, weil er ein kleiner Rassist war, folgten meinem dahinrinnenden Leben dorthin.
Von Benjamin habe ich nie wieder gehört. Ich durchsuchte das Internet nach seinem Roman, den er hatte schreiben wollen. Am Aquädukt. So sollte der Titel lauten. Er gefiel mir von Anfang an. Aber er war zusammen mit Benjamin in den Schatten des Bauwerks verschwunden, aus meinem Leben verdrängt, von einer Kraft, die erst als leichtes Rinnsal, aber zunehmend als rauschender Strom über die Bögen floss.
Von da an verbrachte ich die meiste Freizeit mit Sari und sobald das Wetter nach dem Winter aufklarte, fuhren wir mit dem Bus aus der Stadt, um die Bögen des Aquädukts zu zählen. Oder um unter ihnen auf unserem Bett aus Schilf zu liegen und einfach nur nach oben zu sehen.
Eines Morgens fanden Wanderer Saris Körper am Fuße des Aquädukts. Weder äußerlich noch innerlich wies sie Verletzungen auf und die Ärzte schoben ihren Tod auf einen plötzlichen Herzstillstand. Doch ich wusste, dass das nicht stimmte, und warf mir vor, dass meine Geschichten sie dazu verleitet hatten, in dieser letzten Nacht das Ende des Aquädukts zu finden.
In den Jahren ohne sie tröstete es mich, weiterhin die Bögen zu zählen. Mit jedem Jahr, das ich unter dem Aquädukt verbrachte, wurden sie zahlreicher. Mein altes Leben als Bäcker hatte ich längst verloren. Manchmal grillte ich einen Hering, weil mich die Fischer dazu einluden, und wenn sie wegblieben, jagte ich mit einem zugespitzten Stock von Hand. Ich filterte Wasser durch meine Kleidung und legte mir einen Vorrat essbarer Wurzeln und Kräuter an, schlief in meiner Hütte aus Holz und Schilf, wenn die Winterkälte mir drohte, die Zehen zu erfrieren. Und so überlebte ich bis heute.

Schwarz überspannen die Bögen den Fluss. Ich sitze in der Böschung, am Aquädukt, wie damals die ganze Klasse mit Herrn Lenning, und verfolge die Schwünge nicht mit dem Bleistift, sondern mit einem Finger. Wie viele es sind, ist unmöglich zu zählen. Ich stelle mir vor, dass ich von weit oben Saris Gesicht erkennen könnte und wie ich sie am Ende des Aquädukts wiedersehen würde.
Dann stehe ich auf, gehe auf das Aquädukt hinaus, Steine knirschen unter meinen Schuhen und ich muss aufpassen, nicht zu straucheln, weil ich mich so leicht fühle. Je weiter ich gehe, desto länger erscheint mir der Weg, und das Rauschen des Wassers beruhigt meine Angst vor der Höhe. Bis ich an einen Punkt komme, von dem ich in beide Richtungen blicke, die Arme ausgebreitet, und die Quader des Bauwerks sich in der Dunkelheit verlieren.

 

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