Was ist neu

sonstige

  1. Fritz

    Mein Weg zum Kindergarten war ein besonderer. Denn nur dort begegnete ich jenem Mann, der wie ein König auf einem Holzstuhl thronte, in einer schäbigen Baracke, mitten auf einem Schrottplatz, den ich für ein Wunderland hielt. »Guten Morgen, mein Kleiner«, begrüßte er mich meist, lächelte und...
  2. Dem Tod ist es egal

    Die Tür fiel ins Schloss und der Wind versuchte sie wieder aufzudrücken. Den Riegel hatte er schon wieder vergessen zu reparieren. Na, das mach ich morgen, dachte er und ging in die Küche. »Hallo, Vati«, begrüßte ihn der älteste der drei Jungs, die alle am Tisch saßen und Grießbrei aßen. »Hallo...
  3. Challenge: Wörterbörse - Abstimmung

    Der Februar flog nur so vorbei, dank seiner 28 Tage extraschnell. Fast ebenso viele Geschichten haben wir zusammengetragen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Spannend zu beobachten, in welcher Weise die Challenge-Vorgaben umgesetzt und die Wörter eingebaut wurden. Das Ganze ist ein...
  4. Unter Hunden

    Ich stehe auf Stelzen. Knochenstelzen. Die Haut dunkelblau, lila, das Fleisch runzlig und rot. Eiskristalle wachsen in die Wunden. Millimeter um Millimeter. Ich bin mir nicht sicher, den Ton halten zu können. “O Du Fröhliche, o Du Selige / Gnadenbringende Weihnachtszeit! / Welt ging verloren /...
  5. Vergoldeter Schmerz

    Mit der Espressotasse am Mund schaute er auf den Flat-Screen. Börsenkurse wechselten in rascher Abfolge, grüne und rote Zahlen, am unteren Rand lief ein Textband mit Kurznachrichten. In einem Kasten sah man einen Traktor über ein staubiges, abgeerntetes Feld fahren. Der Ton war abgestellt...
  6. Okay

    Als ich aus der Straßenbahn aussteige, bleibe ich im Spalt zwischen der Tür und dem Bahnsteig hängen. Ich sehe den nassen Boden schon auf mich zukommen, kann mich aber gerade noch so halten. Es hat seit Tagen ununterbrochen geregnet. Heute, wo ich das Haus verlassen muss, hat es einfach so...
  7. Seltsam - eine Kafkaeske

    „Seltsam“ war es. Seltsam, dachte er, als er seinen Haustürschlüssel in keine seiner beiden Jacketttaschen fand. Henrik Lumié stand an diesem Abend unter dem Vordach seines Eingangs und verfluchte sich dafür, dass die Glühbirne der Außenleuchte noch nicht gewechselt worden war, wie er es...
  8. Die Muse

    Die Backsteinfassade leuchtet. Eigens für diesen Abend installierte Strahler heben die ehemalige Fabrikhalle noch deutlicher von den benachbarten Glas- und Betonbauten ab. Es sind fünf Grad unter null. Der Schnee der letzten Tage türmt sich schwarz gesprenkelt neben dem gusseisernen Zaun...
  9. Zurück in die Stille

    »Da spring ich rein!«, ruft mein Vater und lenkt den Passat mit einem Ruck auf den Seitenstreifen. Wir kommen holpernd zum Stehen. Mutters Kopf schlägt an die Scheibe der Beifahrertür. »Rudolf?« Sie reibt sich den Schädel. »Wo springst du rein?« »Na, in den Kanal!« Er steigt aus und rennt...
  10. Einfach so

    „Woran denkst du gerade?“, fragte er interessiert, und hatte Mühe sich vorzustellen, dass ein Mensch so viel zu Denken haben könnte. Er beobachtete sie, wie sie dalag mit dem Rücken auf dem Bett, mit dem einen Arm das Kissen auf ihrem Bauch umarmend, während der andere einen Kippe über den...
  11. Blick zum Horizont

    Der Soldat mit den grünen Augen verlässt als einer der letzten das Landungsschiff. Schon bevor er und seine Kameraden den Strand erreichen, prasseln Geschosse auf sie ein. Immer mehr gehen zu Boden. Die brechenden Wellen ersticken die Schreie. Dem Mann vor ihm wird der Helm vom Kopf geschossen...
  12. Nudeln mit Tomatensauce

    Es war Feiertag und es war ein Montag also wurde das Wochenende etwas gestreckt. Und Nina war heute stiller als sonst, versunken in immergleichen Gedanken, die meiste Zeit den schweren Kopf in die Hand gelegt, mit einer Decke um die Nieren gegen die fehlende Wärme, die der Körper stattdessen für...
  13. Einschlag

    Koralev ist aus Glas, Koralev ist aus Blech und wieder Blech. Der nächste Schuss schlägt in eine Buche und hinterlässt ein Loch. Ich drücke weiter ab, leere das Magazin. Dann ist es still, kein Krähen, kein Flattern mehr. Nicht mal das Knarren der Bäume ist zu hören. Als hätten sie mich...
  14. Winterreise

    Es ist Montag, 16 Uhr. Ich sitze ganz hinten im Hörssaal, vor mir der heruntergeklappte Tisch. Das ausgedruckte Skript liegt vor mir, Thema Resilienz. Ich male Gesichter an den Rand, mein Rücken tut weh vom Sitz. „Gib dir das“, sagt der Kommilitone neben mir. Er trägt ein schwarzes Nike T-Shirt...
  15. Schließ die Augen

    Leonard blickte aus dem Fenster seines Wohnzimmers. Der Wind wurde stärker, trieb die grauen Wolken vom Meer aufs Festland. Ein Sturm zog auf. Er spürte es, genauso wie die bevorstehende Begegnung. Als wäre die Luft elektrisch geladen. Schon längst hätte er weiterziehen, erneut einen anderen...
  16. Die Schrittzählerin

    Olaf zieht die Tür leise hinter sich zu. In der Hand die hastig gepackte Tasche rennt er die Treppenstufen hinunter, nur fort von dieser erdrückenden Stille. Lena bleibt regungslos auf dem Sofa zurück, das Gesicht aschfahl, zusammengerollt wie ein Embryo, einziges Lebenszeichen das langsame...
  17. Serie Im Hinterland

    Eine Münze hatte er noch, also brauchte er Arbeit. »Komm morgen, wenn die Sonne aufgeht.« »Wie viel zahlst du?« »Du kriegst Rüben.« »Ich brauche aber Geld.« »Wozu brauchst du Geld? Du kriegst Rüben.« Also war es abgemacht. Aber wie der Bauer mit ihm gesprochen hatte, wollte Gustaf nicht...
  18. L'Isolée

    Mitten in der Nacht. Warum wecken sie mich? Ist es Nacht? Ich sehe das Licht durch die geschlossenen Augenlider. Ich öffne die Augen. Taghell ist es. Ich habe geträumt, dass Nacht ist, dabei ist es Tag. Ganz nah sehe ich ihr Gesicht, unscharf, wie durch einen Schleier. Vielleicht habe ich die...
  19. Pisco Sour

    Wir kennen uns nicht. Doch wir sehen uns. Flüchtig nur, weil wir Reisende sind. Dann kommt die nächste Bucht, wir verlieren uns aus den Augen. Durch weißbeschissene Inselchen manövrieren wir, gehen vor Anker und warten auf Fracht. Zeit, den Pelikanen zuzuschauen. Wie sie im Sturzflug fischen...
  20. Sein Leben

    Er hasst sein Leben. Nein, er liebte sein Leben. Aber es zeriss ihn. Immer und immer wieder. Und wenn er glaubte, dass er nun sicher wieder am Stück war, dann begann ein kleiner Riss wieder, sich seine Bahnen zu ziehen, bis er wieder auseinanderriss. Er hasste sein zerhacktes, zermürbtes, zähes...
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