Was ist neu

seltsam

  1. Indische Nacht

    Einzelkinder trugen eine besondere Verantwortung. Der Fortbestand ihrer Familie lastet auf ihren Schultern. Blieben sie kinderlos, würde ihr Tod eine ganze Verwandtschaftslinie auslöschen. In Balthasars Fall war es ein ganzes Adelsgeschlecht, das von seiner Zeugungskraft abhing. Papa ging...
  2. Unsichtbar

    Unsichtbar stolperte Gregor die Treppe runter. Wie jeden Morgen war er pünktlich um 06.00 Uhr vom Wecker geweckt worden, hatte geduscht, sich rasiert, angezogen, Rührei mit Toast gefrühstückt, Zähne geputzt und dann seine Wohnung um genau 07.05 Uhr verlassen und wollte das Treppenhaus runter zur...
  3. Fünf Minuten

    Freitag. Der Wind schmeißt ein paar Regentropfen gegen die Scheiben. Die untergehende Sonne hat mein Büro in ein halbdunkles Zwielicht getaucht. Ab und zu verrirt sich eine Meise auf das Fensterbrett neben meinem Schreibtisch. Sie schaut mir ein paar Augenblicke beim Tippen zu, verfolgt den...
  4. Лазурит (Lazurit)

    Agafja steht mit den ersten Sonnenstrahlen auf. Wie jeden Tag. Sie blinzelt und schaut zum Himmel, als sie aus der Hütte tritt. Gott ist überall und in der Natur ist man ihm am nächsten. Sie legt den blauen Stein vor sich auf den Schrein und nimmt die Bibel zur Hand, streicht über das Leder...
  5. Rabenvater

    Als Vater starb, trainierte ich mein Gleichgewicht. Fuß um Fuß auf der dünnen Schiene, war Profi. Schaute nicht auf Fuß und Schiene, sondern raus auf die Ebene. Als wollte ich den Horizont vor mir per ausgleichender Kraft erreichen. Mein Vater arbeitete bei der LAPAL, dem Lapislazuli-Bergwerk...
  6. Der Tankstellenpriester

    Wenn es Melly schlecht ging, legte sie sich gelegentlich auf die Couch. Sie wünschte sich dann jemanden, der ihr zuhören und mit ihr reden möge. Leider konnte die Couch weder das eine noch das andere, doch hatten die beiden – Melly und die Couch – schon einiges zusammen erlebt. Die Couch hatte...
  7. Bis ich schlafe

    Klick. Der Minutenzeiger springt weiter. 19:47. Wie gebannt starre ich die Uhr an. Wieder klick. Ich atme aus. Die Zeit dehnt sich auf zähe, unerträgliche Weise. Ich versuche, das Gewicht meines schlaffen Körpers auf dem Krankenhausbett zu verlagern und ihn aus der Position zu rücken, in der ich...
  8. Mein Mitbewohner ist ein Alien

    Der Anblick von Aliens ist mittlerweile für dich alltäglich geworden. Du siehst sie über die Straße laufen, Bus fahren, ja, einer sitzt sogar am Supermarkt an der Kasse, wo du regelmäßig einkaufst. Nun gut, es setzt sich im Bus niemand neben sie und die Kasse dort ist ständig frei, außerdem...
  9. Der Gang zum Tabakwarenhandel

    »Müssen Sie auch nach unten?«, fragte Grabowski die Dame, die sich wenige Momente zuvor aus der dritten Wohnungstür rechts geschält hatte, während sein Zeigefinger in leichter Bewegung abwartend um den Knopf des Aufzugs kreiste. Er befand sich im dreißigsten seines einunddreißig Stockwerke...
  10. Der Elefant mit der Blume

    In einer anderen Zeit und einer anderen Welt, lebte ein kleiner Elefant. Er war ein seltsames kleines Kerlchen. So sagten es zumindest die anderen in seinem Rudel. Das Rudel bestand aus 23 Elefanten. Neben ihm gab es noch sieben weitere kleine Elefanten. Er war nicht allein. Zumindest nicht...
  11. Grauzone

    Grau in grau zeigt sich die Stadt. Es ist ein kalter nebliger Herbsttag. Es regnet in strömen. Den Regenschirm tief über die Schulter gezogen, laufe ich eilend durch die Gassen. Ich hetze von Laden zu Laden. Nicht der Regen ist für meine Eile verantwortlich, meine Kinder. Das Zeitfenster ist...
  12. Seltsam - eine Kafkaeske

    „Seltsam“ war es. Seltsam, dachte er, als er seinen Haustürschlüssel in keine seiner beiden Jacketttaschen fand. Henrik Lumié stand an diesem Abend unter dem Vordach seines Eingangs und verfluchte sich dafür, dass die Glühbirne der Außenleuchte noch nicht gewechselt worden war, wie er es...
  13. Vorahnung

    Ich spüre, dass es bald soweit ist. Das Ende. Mein Ende. Und doch kann ich mir nicht sicher sein. Vielleicht habe ich einfach den Verstand verloren? Kann nicht mehr unterscheiden zwischen Wahn und Wirklichkeit? Eine leise Hoffnung bleibt ja immer. „Gaspar, weißt du den Wievielten wir heute...
  14. Bereit zu der Reise

    Bereit zu der Reise Mit geschlossenen Augen liegt er da, dahingestreckt, ausgespuckt von einer weiteren widerwärtigen Nacht. Langsam, sehr langsam lösen sich seine Gedanken von der Erbärmlichkeit der alles durchdringenden Schmerzen. Ihm fallen die fast vollständigen Papiere in seiner...
  15. Die abenteuerliche Reise von Netsy auf der Suche nach seinen fünfzig Erinnerungen.

    Eines Morgens erwachte Netsy aus dem Tiefschlaf. Netsy ist ein kleiner Junge. Gerade mal acht Jahre alt. Sein Kopfabdruck war noch deutlich im Kopfkissen zu sehen. Außerdem die morgendliche Sabberfütze. Diese nahm jeden Morgen ungefähr die Hälfte seines Kopfkissens ein. An seinem Kinn konnte man...
  16. Die Medialität von Frau Fischovski aus Würselen

    Madame Fischovski von Würselen war von Beruf ein Medium, wobei Berufung die bessere Bezeichnung wäre. Sie erhielt immer wieder Botschaften aus dem Jenseits und war gleichzeitig hellsichtig und weitsichtig! Natürlich gab es immer wieder Menschen, die ihr unterstellten, eine Scharlatanin zu sein...
  17. Einschlag

    Koralev ist aus Glas, Koralev ist aus Blech und wieder Blech. Der nächste Schuss schlägt in eine Buche und hinterlässt ein Loch. Ich drücke weiter ab, leere das Magazin. Dann ist es still, kein Krähen, kein Flattern mehr. Nicht mal das Knarren der Bäume ist zu hören. Als hätten sie mich...
  18. Rot ist nicht der Abend

    Thị Yên Nguyễn Der Captain massiert mit der rechten Hand seinen Nacken. Er trieft vor Schweiß. Glänzt wie ausgelassener Speck in der Pfanne. Seine kurz geschorenen Haare rascheln, als er sich gegen den Strich fährt. Schwer atmend schaltet er das Deckenlicht aus. Der Raum wird schwarz, nur die...
  19. Blobbel

    Der Tag, an dem ich meinen Blobbel verließ, war ein Tag wie jeder andere. Genau das machte mich so gefährlich. Ich weiß nicht, ob Esther Schüller mich an jenem Morgen ansah. Das Sonnenlicht überwand geschickt die Barrikaden des Innenhofs und kämpfte sich durch das winzige Bürofenster in den...
  20. Blau ist nicht der Himmel

    Tecumseh Longwater Keine dreißig Fuß vor mir schluckt der Dschungelboden Menschen, Kisten, Säcke. Der Regen fällt so dicht und prasselnd, dass ich Mühe habe, Details zu erkennen. Es sind Schatten, die in loser Abfolge aus dem Erdreich steigen oder in ihm verschwinden. Ich robbe rückwärts...
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